Eine Grüne Partei, die nicht auch die Systemfrage stellt, ist keine grüne Partei. Es geht nicht ums Bäumestreicheln. Es geht nicht um Umweltschutz. Es geht um Naturschutz. Und auch um den Schutz der Natur der Menschen.
24.7.25
20.4.23
Solidarität
Ich gehöre ja noch zu einer Generation, in der Solidarität wichtig war. Politisch heißt das, auch solidarisch zu sein, wenn ich persönlich beispielsweise eine Protestform nicht richtig finde oder – weit häufiger – nicht selbst machen würde. So wird es von mir keine "Distanzierungen" von robusteren Gruppen in solchen widerständigen Demonstrationen geben, deren Anliegen ich teile. Oder aktuell von der Letzten Generation.
Wobei das sogar ein Grenzfall für diese Haltung ist, weil ich etliche der Protestformen dieser Gruppe für sinnvoll und zielführend halte, aber darum soll es jetzt gerade einmal nicht gehen von mir aus. Sondern darum, dass ich dadurch sehr schlecht beurteilen kann, ob sie in dem, wie sie erklären, was sie tun, gut sind oder nicht.
So ging es mir gestern früh mit dem Interview mit Clara Hinrichs im Deutschlandfunk (ich wollte das hier einbetten, aber entweder da geht nicht mehr beim DLF oder ich bin zu blöd, den Einbettcode zu finden, müsst ihr also dem Link folgen, falls ihr es hören wollt). Mich haben das, wie Hinrichs da argumentiert, und die Emotionalität bei den persönlichen Fragen beeindruckt. Das fand ich überzeugend, und da waren auch für mich gute Argumente für kommende Diskussionen über die Letzte Generation.
Aber was ich mich frage: Geht das auch Menschen so, dass die Aktionsformen der Letzten Generation deutlich kritischer sehen oder ablehnen? Ich erlebe ja durchaus, wie Menschen, die auch politisch für Klimapolitik einstehen, auch für "richtige" Klimapolitik, dennoch mehr als irritiert sind von der Letzten Generation. Also nicht die, die aggressiv werden oder mit Tritten und Schlägen und Knast drohen, sondern "unsere" Leute, die das ablehnen. Überzeugt euch das Interview? Oder findet ihr es zumindest bedenkenswert? Oder abstrus?
Politisch bin ich in dieser Frage ja eher bei Friedemann Karig und seiner Einschätzung, dass es kommunikativ hilfreich ist, wie und was die Letzte Generation macht. Und darum auch überproportional offen für ihre Argumente. Und ohnehin solidarisch. Wie geht euch das?
1.11.22
Protest
Ich bin bei den Klimaprotesten und vor allem den Aktionen der letzten Zeit, die Kunst so derangieren wie meine Generation das Klima und die Erde derangiert, unentschieden. Eigentlich. Aber die Reaktion der meisten, auch vieler, die ich sehr schätze, lässt mich inzwischen in die „leuchtet mir ein“ Ecke tendieren. Warum?
Es ist wie bei den London Riots damals: Tone policing und „könnt ihr nicht friedlich demonstrieren“ geht leider grundsätzlich fehlt. Hallo? Was machen die denn bitte seit Jahren? Wie war der Effekt? Was diese Aktionen zumindest deutlich machen, ist genau das, was nach dem, was ich darüber gelesen habe, auch das ist, was sie deutlich machen sollten aus Sicht der Aktivist*innen: dass „uns“ Kunst wichtiger ist als Zukunft.
Wenn „wir“ so hart reagieren würden auf Menschen und Unternehmen und Regierungen und Parlamente, die die Natur zerstören, wie auf die, die Kunst zerstören, wäre sehr viel gewonnen. So wie zum ersten Mal auf die jungen Leute gehört wurde, als sie Geschäfte plünderten - nachdem sie vorher wochenlang ungehört demonstriert hatten. Es ist eben gerade NICHT absurd, einen Aufstand als nächste Stufe nach Demonstrationen zu sehen.
Ich persönlich würde das nicht machen, bin aber auch mehrfach privilegiert und finde auch Gehör. Davon muss ich aber imho absehen, wenn ich darüber nachdenke, ob es politisch „sinnvoll“ ist, was hier passiert (was nichts über Legalität sagt). Immerhin, und das leuchtet mir in seiner Symbolik ein, „trifft“ es etwas, das Menschen wichtig ist (und ihre Reaktion zeigt ja, dass es ihnen wichtig ist), die etwas gegen den Klimawandel tun könnten. Durch ihre Wahl und durch ihr Verwaltungs- und Wirtschaftshandeln. Es trifft vor allem solche aus dem liberalen Bürger*innentum, die sehr oft sehr zustimmend nicken und reden zu den Forderungen rund um Klimaschutz – aber bei denen ganz überwiegend außer auf persönlicher Verhaltensebene nichts folgt. Politisch.
Was wir nicht wissen, weil es dazu m.W. bisher keine Daten gibt (erste sprechen aber offenbar eher dafür als dagegen), ist, ob es dem Anliegen nutzt. Ich kann es trotzdem Kakke finden, was die da machen. Ich persönlich finde es auch falsch. Aber das heißt nicht, dass es politisch falsch ist.
21.1.21
Christianismus – eine massiv unterschätzte Gefahr für unsere Gesellschaft
Christianismus, der – radikale politische Ideologie, die sich (aus Sicht der meisten Christ:innen: fälschlicherweise) auf das Christentum beruft und vorgibt, eine christliche Gesellschaft formen oder erhalten zu wollen. Die politisch radikale Form eines christlichen Fundamentalismus, oft auch als "religiöse Rechte" oder als "politisches Christentum" bezeichnet.
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Während über den Islamismus, den "politischen Islam" viel geredet und geschrieben wird und weitgehende Einigkeit besteht, dass Muslim:innen sich vom Islamismus aktiv zu distanzieren haben (auch wenn der in dieser Forderung praktisch inhärente Rassismus noch mal gesondert zu besprechen wäre), ist der Christianismus weitgehend undiskutiert, wenn es nicht um die religiöse Rechte in den USA oder die rechtsradikalen Pflingstgemeinden in Brasilien geht.
Dass aber der Christianismus auch in Europa und speziell in Deutschland ein massives und sehr gefährliches Problem ist, diskutieren wir selten. In Ansätzen erlebe ich die Kritik und die Diskussion langsam in theologisch konservativen evangelischen Kreisen, die sich bewusst und aktiv gegen eine Vereinnahmung durch faschistische Bewegungen und Parteien wehren, aber nicht in der Breite meiner Kirche. Und schon gar nicht in der Politik. Nicht hilfreich (aus religiöser Binnensicht) ist sicher auch, dass ansonsten diese Diskussion eher von einer Gruppe getrieben wird, die ich als "religiöse Atheist:innen" bezeichnen würde, also denen, die Religion – und insbesondere das Christentum – an sich und mit religiösem Eifer ablehnen oder hassen, und den Christianismus darum als "natürliche" Form und logische Konsequenz des Christentums sehen und beschreiben.
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Und die Versuchung des Christianismus ist für Christ:innen ja auch real – denn wenn ich glaube, dann versuche ich, mein Leben danach auszurichten. Und wenn ich glaube, dass es eine Wahrheit gibt, dann wäre es auch schön, wenn das Leben allgemein auf diese Wahrheit ausgerichtet ist. Wer hier stehen bleibt und daraus ableitet, dass Gesellschaft und Politik so organisiert werden sollen, ja: müssen, überschreitet sehr leicht die Linie, die eine liberale Demokratie von einem autoritären Regime unterscheidet. Und darum sind Christianist:innen so gefährlich, selbst wenn sie (davon gibt es ja bis hin zu Abgeordneten im Bundestag einige) in demokratischen Parteien organisiert sind. Denn in ihrem Inneren können sie nicht akzeptieren, dass die Mehrheit eine andere Entscheidung fällt in Fragen, in denen Christ:innen eine Leitschnur haben. Wer darauf besteht, dass Politik sich an der Wahrheit, an die ich glaube, ausrichtet, kann nicht akzeptieren, wenn sie es nicht tut.
Darum, so denke ich, sind Christianist:innen so anfällig für autoritäre Politikangebote bis hin zu faschistischen Parteien und Bewegungen wie die AfD oder Trump. Weil der Christianismus am Ende nichts mit einer Demokratie anfangen kann. Wer nicht nur für sich selbst keine Grautöne kennt sondern sie auch bei anderen nicht akzeptieren kann, bedroht die Art, wie wir in diesem Land zusammenleben.
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Den evangelischen Christianismus gibt es in seiner jetzigen Form seit etwa den 1980er Jahren – und er hat sich immer weiter radikalisiert, je mehr sich die Gesellschaft in eine inklusivere, offenere Richtung entwickelte. Am Anfang stand eine Bewegung, die sich gegen die Öffnung der evangelischen Kirchen in Deutschland für nicht-konservative Menschen wendete. Die den Eindruck hatte, dass die evangelischen Kirchen mit ihrer Unterstützung der Ostverträge und mit ihrem Eintreten für eine Friedensethik den Boden von dem verlassen hätten, was sie Bibel und Bekenntnis nannten.
Als jemand, der in den 1980ern sowohl religiös als auch politisch aktiv wurde, erinnere ich mich noch gut, wie die frühen Christianist:innen (eine ihrer damals die Freund:innen meiner Eltern und teilweise auch meine Mutter selbst besonders stark bedrohenden Vertreterinnen bei uns im Norden sitzt heute für die CDU Bremen im Bundestag) in Nordelbien (Hamburg und Schleswig-Holstein) einen Kirchenkampf starteten, den sie mit Spitzeleien führten (beispielsweise indem sie von meinem Propsten jede Predigt mitschrieben und Dienstbeschwerden daraus ableiteten, bis er im Burnout landete). Ein etwas skurril zu lesender Text aus der "Zeit" damals dokumentiert Teile dieser Anfänge ganz gut.
Ich selbst hatte mit der zweiten Generation der Christianist:innen in meiner Kirche immer wieder zu tun, weil ich einige ihrer theologischen Ansätze teilte, vor allem ihre Betonung der lutherischen reformatorischen Tradition. Weshalb ich (als politisch damals Linker) nie bei ihnen mitmachen konnte, war, weil sie schon damals als einzige politische Konsequenz aus einem klaren und entschiedenen Christentum nur einen autoritären Konservatismus akzeptierten. Also schon in den 1990er Jahren aus ihrem radikalen Christ:in-Sein ein eindeutiges politisches Mandat ableiteten. "Left evangelicals", wie es sie in den USA und teilweise in England gibt, gab es damals bei uns nicht, höchstens am Rande in den methodistischen Kirchen.
Meine Beobachtung ist, dass die Christianist:innen sich in dem Maße, in dem sie immer mehr in eine immer kleiner werdende Minderheit gerieten (sowohl kirchlich als auch gesellschaftlich) immer weiter selbst radikalisierten. Im Grunde ähnlich wie die rasante Selbst-Radikalisierung im Zeitraffer, die wir, katalysiert durch Social Media, in den letzten wenigen Jahren auch in vielen anderen Bereichen erleben (bestes Beispiel scheint mir neben einigen Journalisten im Pensionsalter gerade dieser Wirtschaftsprofessor Homburg zu sein, dessen Abgleiten in Verschwörungserzählungen sich quasi live auf Twitter verfolgen lässt bis hin zur Einlassung, seine Kritiker:innen seien von Regierung und Pharmaindustrie bezahlt).
Spätestens seit die sichtbare Galionsfigur des deutschen Christianismus und zugleich ihr (letztes?) Scharnier in den demokratischen Konservatismus, Ulrich Parzany, keine öffentliche Resonanz mehr findet, hat die Selbstviktimierung und damit die Radikalisierung noch einmal an Fahrt aufgenommen. Wie sehr, zeigen die Reaktionen aus dieser inzwischen antidemokratischen Bewegung auf den Rücktritt des sächsischen Bischofs 2019 aufgrund seiner faschistischen Texte um 1990 herum und seiner späteren Auftritte in rechtsextremen Think Tanks.
Ich finde die offene Sympathie für einen rechtsradikalen Theologen und faschistische Ideologie in Teilen der sächsischen Synode krass. Und eine andere lutherische Kirche hat ja gerade auch dieses Problem.
— Wolfgang Lünenbürger (he/him/his) ¯\_(ツ)_/¯ (@luebue) November 15, 2019
Ähnlich wie Islamist:innen geraten auch Christianist:innen fast zwangsläufig in eine Situation, in der sie eine offene Gesellschaft und eine liberale Demokratie ablehnen (müssen), weil diese sich nicht an ihrer jeweiligen Wahrheit zu orientieren bereit ist. Auch da, wo sie formal noch in demokratischen Organisationen aktiv sind (Christianist:innen gar nicht so selten in führenden und hauptamtlichen Positionen in der CDU und ihren Arbeitsgemeinschaften), geraten sie immer wieder in Konflikte aufgrund der Tatsache, dass sie eine Toleranz für andere Positionen oder einen anderen Glauben ablehnen. Bei beiden religiösen Deformationen schließt diese Ablehnung auch die jeweilige Mehrheit ihrer Religionen ein.
Christianismus ist darum aus meiner Sicht weit gefährlicher als Islamismus, weil seine Vertreter:innen in der Mitte der Gesellschaft leben und arbeiten, in Medien, in Parteiorganisationen, in Kirchen. Die Beispiele USA, Polen und Brasilien zeigen, dass sie sehr leicht in eine Koalition mit offen faschistischen Führern eintreten, wenn diese ihnen eine Überwindung oder Bekämpfung der offenen Gesellschaft versprechen. Und das passiert vor allem darum, weil sie die Spielregeln der Demokratie für weniger wichtig halten als ihren Glauben, zu dem in seiner extremistischen Variante gehört, dass es falsch und geradezu verbrecherisch ist, ihn nicht zu teilen. Und wenn sie also vor die Wahl gestellt werden, die Demokratie zu verteidigen oder ihren (extremistischen) Glauben, werden sie sich notwendig immer für den Glauben entscheiden.
Sie sind die ersten, die gegen die offene Gesellschaft auch aktiv zu Felde ziehen, wenn es den Hauch einer Chance gibt. Was das irritierende Verhalten auch in Deutschland von Menschen, die sich als christlich identifizieren und dennoch autoritäre und faschistische Parteien wählen, im Zuge der Selbstradikalisierung zumindest erklärt. Was fehlt, ist meines Erachtens eine klare Distanzierung der Kirchen und von (konservativen) Christ:innen von diesen Radikalen.
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Einmal ganz praktisch: Wo die Grenze zwischen (konservativen) Christ:innen und Christianist:innen verläuft, kann – nur beispielhaft – am Thema Abtreibung gezeigt werden. Gemeinsame Position ist, Abtreibung abzulehnen. Während eine christliche Position, die sich als Teil einer offenen, liberalen Gesellschaft versteht, dann (etwas holzschnittartig) ist, für das werdende Leben zu werben und die eigene Position (werbend) zu erläutern, verlangen Christianist:innen, dass ihre Position auch das staatliche Gesetz ist und können einen anderen Beschluss des Parlaments nicht akzeptieren und wenden psychische Gewalt gegen Menschen an, die ihre Position nicht teilen. Im Zuge ihrer Radikalisierung gehen sie dann manchmal noch weiter, wie wir in Polen und den USA sehen, und wenden auch physische Gewalt an. Hier überschreiten sie die allzu feine Linie vom Extremismus zum Terrorismus, auch das ähnlich wie bei Islamist:innen.
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Und noch als Ergänzung, weil die eine oder andere gefragt hat: der Christianismus ist meines Erachtens noch mal sehr anders als der (mir ebenfalls unsympathische) Pietismus, vor allem der rheinischer Prägung, der nicht umsonst Pietkong hieß. Aber er war eben auch – so unangenehm er für andere Christ:innen immer war und ist aufgrund seiner Aufdringlichkeit – sehr persönlich und nach innen gerichtet und nicht auf die Welt. Ähnlich wie in den USA, bevor Reagan die rechten Christ:innen politisierte. Insofern halte ich den Christianismus für anders und vor allem extrem viel gefährlicher.
13.1.21
Brutalismus
Was mir Sorge macht, ist, wie Libertäre, vor allem libertäre Brutalist:innen, und Mitteextremist:innen, die jeweils an sich mit dem, wie sie sich Gesellschaft vorstellen (jetzt einmal vereinfacht gesagt, denn für Libertäre ist das an sich ja schon so nicht ganz richtig), vom Faschismus eher weiter weg sind (anders als Christianist:innen), wie diese also durch Koalitionen, Normalisierungen oder Zentrismus Gesellschaften kontinuierlich und nachhaltig immer weiter nach Rechts verschieben. Libertärer Brutalismus und Mitteextremismus können eine freie Gesellschaft nicht gegen die faschistische Herausforderung verteidigen, weil sie die entweder nicht sehen oder nur für eine von mehreren halten.Genau diesen Sog, dass man am Ende (erst gefühlt, dann real unter Lebensgefahr) nicht mehr gegen Hitler sein konnte, den konnten Trump und seine konservativen Steigbügelhalter nicht aufbauen. Der Wahlsieg Bidens ist eine historische Niederlage für den Faschismus.
— Philipp Kurowski (@PhiKuro) January 12, 2021
Democracy doesn't really work very well if one party wants to kill the other party, it's a bit of a deal breaker
— Laura Jedeed, Space Professional (@LauraJedeed) January 13, 2021
Hitler was found guilty of treason and sentenced to five years in prison after the Beer Hall Putsch. He served nine months before he was pardoned in the name of "unity and healing." And after that, as we all know, everything was fine.
— Paul Cogan (@PaulCogan) January 12, 2021
1.4.19
Wut
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| C.Suthorn, Frida Eddy Prober 2019 / cc-by-sa-4.0 / commons.wikimedia.org |
Ich bin ganz fasziniert, dass die Kinder lachen, wenn ich die Bilder von Freitagsdemos sehe. Denn eigentlich hätten sie allen Grund sauwütend zu sein. Ich mein, ich bin ja froh, dass sie es nicht sind. Denn Wut und Angst sind anti-politisch. Und wahrscheinlich unterscheidet das die nächste Generation von den ekligen Krakeelbratzen meiner Generation, die vor einigen Jahren anfingen, montags ostdeutsche Städte mit ihrer Wut zu zerstören. Dass sie, also die Kinder, politisch sind. Und dann auch noch weit politischer als die meisten, die Politik als Beruf haben. Wie beispielsweise den Kasper:
Und @c_lindner so: Wenn der Klimawandel meine Definition von Freiheit (reisen, rasen, fressen) bedroht, soll der weggehen.— @luebue ¯\_(ツ)_/¯ (@luebue) March 30, 2019
Abgesehen davon, dass sie ja noch was unterscheidet von den Krakeelbratzen: dass sie nicht Ernst genommen werden. Dass ihre Proteste keine Konsequenzen haben. Vielleicht müssen sie erst wütend werden. Könnte ich auch verstehen. Ebenso wie ich verstehen könnte, wenn sie in den Widerstand gingen und die Zukunft selbst durchzusetzen versuchten.
***
Als ich an den letzten Märztagen dann ein bisschen reinguckte in den Kongress, auf dem die Grünen über ihr neues Programm nachdachten, ist mir noch etwas aufgefallen. Von dem ich mir nicht ganz sicher bin, was ich davon halten soll – das aber im Grunde tatsächlich meine Erfahrung der letzten Jahrzehnte widerspiegelt. Ausgangspunkt war die Erkenntnis: Die beiden Vorsitzenden der Grünen haben Kinder.
Denn @ABaerbock so: Um die Freiheit meiner Kinder zu erhalten, müssen wir den Klimawandel aufhalten.— @luebue ¯\_(ツ)_/¯ (@luebue) March 30, 2019
Für mich war das, was Annalena Baerbock von ihrer Zeit in Paris mit dem Säugling erzählte, sehr berührend. Und Augen öffnend. Und kann der Kontrast zu den Handelnden der Regierung und zum Kasper vielleicht wirklich sein, dass sie Kinder hat?
Seit gestern frage ich mich, ob es Zufall ist, dass @OlafScholz @AndreaNahlesSPD @peteraltmaier und Merkel die Nicht-Politik der Nachlässigkeit machen, die sie machen. Oder ob das genau daran liegt.— @luebue ¯\_(ツ)_/¯ (@luebue) March 30, 2019
Die ersten Jahre, die ich Kinder hatte, war mein Eindruck ja immer, dass Kinder pragmatisch machen. Dass auf einmal auch ganz praktische Überlebensfragen in den Mittelpunkt rücken und nicht nur die großen Widersprüche der Welt.
Nur: heute ist radikal das neue pragmatisch. Weil wir nur so Zukunftsoptionen erhalten.— @luebue ¯\_(ツ)_/¯ (@luebue) March 30, 2019
Ich denke, dass zwei Dinge vor allem Menschen mit Kindern am Esstisch unterscheiden von denen, die keinen Alltag mit Kindern und Jugendlichen haben: Zum einen, dass mir klar wurde, wie rasend schnell sich Dinge verändern und verändern lassen. Und zum anderen, wie wichtig die nächsten zehn, zwanzig Jahre sind. Und heute, wo die ersten beiden der vier Kinder ihren Weg gehen und in die Städte gegangen sind oder in der Stadt geblieben sind, wo sie ihr Leben beginnen, noch viel mehr.
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Toleranz endet mit z, sagt meine Liebste immer. Schon immer. Und damit hat sie schon immer Recht, denn sie ist recht weise. Zumal sie es von ihrem Vater hat, der recht weise ist.
Meine Toleranz jedenfalls endet. Ich bin nicht mehr bereit, die Nachlässigkeit oder den Kasperkram zu tolerieren. Im Grunde nicht einmal mehr, darüber mit denen zu diskutieren, die beispielsweise SPD, CDU oder FDP für wählbar halten. Mit ein oder zwei dieser Parteien werden die Grünen koalieren müssen auf absehbare Zeit, das ja. Aber das heißt nicht, dass ihre Politikverweigerung und ihre kinder- und empathielosen Ansätze toleriert werden müssen. Lustigerweise schrieb ich ja schon vor fast zehn Jahren darüber, dass meines Erachtens die beiden Hauptkonkurrentinnen um die Macht Grüne und CDU sein werden.
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Und dann fällt den Leuten vom Fernsehen (das ist dies, was wie kaputtes Netflix ist) nicht mal auf, was sie für ein hübsches Symbol für ihre Verachtung der Kinder geschaffen haben, als sie nach Thunberg die nächste junge Frau mit einem SUV beglücken.
Würde es irgendjemanden wundern, wenn die Kinder doch noch wütend werden?
22.3.18
Konservative Revolution
Bis in die 60er Jahre hinein stand der Mainstream, wenn es denn so etwas gibt unter Intellektuellen, in Deutschland eigentlich auch sehr konsequent und wirkmächtig rechts bis ganz rechts. Und eine besonders wirkmächtige Bewegung darin war die so genannte "Konservative Revolution", an die einige Autoritäre gerade wieder anknüpfen wollen (obwohl ich ehrlich gesagt eher davon ausgehen würde, dass Dobrindt und andere nicht wissen, woran sie anknüpfen, wenn sie diesen Begriff verwenden). Was mich an der rohen Sprache und dem unpräzisen Raunen einiger Intellektueller gerade in diesem Zusammenhang sehr beunruhigt, ist allerdings, dass die sehr expressionistisch geprägte (George!) Konservative Revolution der 20er und 30er auf Menschen, die für starke Gefühle im intellektuellen Diskurs ansprechbar sind, weit über Konservative hinaus eine hohe emotionale Sogwirkung haben kann.
Friedrich Gogarten
Mein wichtigster Lehrer im Studium hat mich beispielsweise mit Gogarten in Berührung gebracht. Der unter den brillanten Theologen des 20sten Jahrhunderts der war, den ich zur Konservativen Revolution zählen würde (und trotzdem wahrscheinlich der einzige seiner Generation, der Luther, speziell de servo arbitrio, verstanden hat, wie es in jeder Generation fast immer nur eine oder einen gibt). Und mich sehr in seinen Bann zog. Ich kann also (emotional) nachvollziehen, wie sich Menschen dieser Gewalt und gewaltigen Sprachmacht zuwenden, die immer Bestandteil der Konservativen Revolution ist und sein muss.(Weshalb ich auch nicht wirklich besorgt bin ob des sprachlich armseligen Furors, den aktuell die sich revolutionär empfindenden Konservativen der Erklärung 2018 abbilden.)
Thomas Mann, selbst unverdächtig links oder liberal zu sein, hat ein wunderbares Buch geschrieben, das zwar formal über Musik geht - aber im Grunde von der Konservativen Revolution handelt. Im Doktor Faustus beschreibt er das faustische, teuflische an dieser Lust an der Brutalität. Ich habe das genaue Zitat beim Durchblättern in den letzten Jahren nicht wieder gefunden (und es kann auch sein, dass es gar nicht aus dem Buch selbst ist sondern aus seinem Essay über das Buch), aber in meiner (wahrscheinlich falsch erinnerten) Formulierung ist es mir eine wichtige Leitschnur geworden:
Wo die Altertümlichkeit der Seele auf die Hochfahrenheit des Geistes trifft, da ist der Teufel.
Ethnopluralismus
Davon sind wir noch ein bisschen entfernt, aber eher, weil der Geist derer, die da hochfahren, eher nicht so riesig ist bisher. Weil die großen Intellektuellen, auf die dieser Satz zutrifft, bis auf Sloterdijk verstummt oder tot sind. Und bisher nur kleine nachgekommen sind. Aber das Potenzial ist da, gerade wenn es sich mit der intellektuell brillanten französischen Spielart der Konservativen Revolution verbindet, dem Ethnopluralismus, der so elegant daherkommt, wo die Deutschen so martialisch wirken.Meine Sorge ist, dass durch die Legende vom linksliberalen intellektuellen Mainstream die reale Größe und die emotional-intellektuelle Gefahr der rohen, revolutionären Konservativen übersehen werden könnte. Denn die Mehrheit der Intellektuellen war immer (sehr) konservativ.
Mein Zwischenfazit ist darum: Es lohnt sich sehr, sich mit den Intellektuellen der „konservativen Revolution“ der 20er/30er zu beschäftigen, die in ihrer (Thomas Mann würde sagen) Hochfahrenheit des Geistes so enthusiastisch waren. Ein großer Teil der Intellektuellen war auch die letzten 30 Jahre rechts - nur dass es nicht so eine Resonanz hatte. Aber Walser, Strauß, Sloterdijk, Bolz, alle die gab es schon. Und Doktor Faustus war faktisch über sie geschrieben.
Verrückt, wie aktuell mein liebstes Lieblingsbuch wieder ist.
28.10.16
Blockchain-Kommunikation
Der nächste Level im Content Marketing
Verglichen mit dem, wo Kommunikation über die letzten Jahre schon war, ist Content Marketing eigentlich ein Rückschritt gewesen. Was mindestens zum Teil auch erklärt, warum es solche Begeisterung unter Kommunikatorinnen und Kommunikatoren ausgelöst hat: versprach Content Marketing doch eine Rückkehr zum Wasserfallprinzip in der Kommunikation; zur vermeintlichen (wenn auch nur scheinbaren) Kontrollierbarkeit von Kommunikation.
Im Grunde war Content Marketing für einige Zeit eine gute Antwort auf die Frage, wie klassische „Reklame“ unter den Bedingungen aussehen kann, die der massive Medienwandel geschaffen hat, der vor etwa zehn Jahren stattfand.Allerdings hat sich seit diesem Wandel die Welt ja weitergedreht, hat der (weitere) technologische Wandel auch vor der Medien- und Kommunikationslandschaft nicht halt gemacht. Stichworte sind unter anderem die Inflation der Daten – schon rein mengenmäßig –, die beginnende künstliche Intelligenz oder auch die Verknüpfung von immer mehr Datenpunkten und Geräten, die wir unter dem gleichzeitig über- und unterschätzten Thema Internet of Things diskutieren. Und als aktuelles „heißer-Scheiß“-Thema eben die Blockchain.
Und während Medien unter dem Stichwort „Homeless Media“ eine Antwort auf diese Veränderungen suchen (sehr gut, radikal und bisher auch ziemlich überzeugend setzt dies in Deutschland vor allem „Funk“, der neue Jugend“kanal“ von ARD und ZDF um), müssen sich Kommunikatorinnen, vor allem aber Agenturen, meines Erachtens endlich mit den Möglichkeiten beschäftigen, die sich konzeptionell aus eben dieser Blockchain ergeben – auch wenn das zurzeit noch vor allem Entwicklerinnen aus Start-up- und Fintech-Umfeldern umtreibt, die aber nicht weniger als die nächste große Revolution im Internet bedeutet.
Was ist eine Blockchain?
Einmal nur als Kommunikator auf die Blockchain geguckt und nicht unter technischen Gesichtspunkten, geht es bei einer Blockchain darum, dass Einzelteile („Blocks“) fest und untrennbar (und am Ende quasi nicht oder kaum manipulierbar) zu einer Kette („Chain“) verbunden sind. Im Fintech-Bereich ist die Blockchain darum so spannend, weil sie Transaktionen nachvollziehbar macht und auch Kleinstbeträge sinnvoll abbilden kann, weil Vertrauen in die Richtigkeit eines Blocks aus der Kette entsteht und nicht daraus, dass eine Institution für die Richtigkeit garantiert. Es ist die recht radikale Anwendung der Ideen von Open Source – offener, nachvollziehbarer, transparenter Quellen – auf alle anderen Bereiche, in denen außer bei Software ebenfalls Vertrauen in die Richtigkeit, Vollständigkeit und Nicht-Korrumpierbarkeit wichtig ist.Was bedeutet das Konzept Blockchain für die Kommunikation?
Die Frage, wie eigentlich Themen gesetzt und Geschichten erzählt werden können, ohne dass sie von Anfang an durchgeplant sind und nach einem Drehbuch abgearbeitet werden können, ist eine, die moderne Kommunikation seit langer Zeit umtreibt. Wir nennen das PR. Oder neudeutsch Influencer Relations (oder, wenn wir nicht so direkt aus der PR kommen: Influencer Marketing).Der Gedanke einer Blockchain bringt nun noch einen weiteren Aspekt in diese Fragestellung: Wie können wir eine Geschichte erzählen, ein Thema setzen, ein Gespräch oder eine Bewegung abbilden, wenn die einzelnen Teile eine wirkliche, vielleicht sogar nicht-lineare Kette bilden? Wie kann aus dieser Verbindung Vertrauen entstehen, ohne dass wir jedes Einzelteil kennen oder jede handelnde Person mögen oder ihr vertrauen? Wie kann die Blockchain selbst eine tragende Rolle spielen, sozusagen systemisch?
Ohne eine Blockchain zu eng als Technologie zu verstehen, können wir an vielen Orten und in vielen Systemen bereits den Grundgedanken sehen: dass Vertrauen und Verlässlichkeit durch das System an sich entsteht, selbst, wenn wir einzelne in diesem System doof finden oder dumm oder unzuverlässig. Aber durch die feste Verknüpfung bekommen die Einzelteile einen Ort, werden vertrauenswürdig und verlässlich, verständlich und sinnvoll. Parteien sind solche Systeme, die Rotary-Gesellschaften auch. Nur dass beide erst einmal nur ein Art Blockchain nach Innen bilden, für die Mitglieder.
Blockchain-Kommunikation ist die PR-Variante von Content Marketing
Wenn wir die wesentlichen Punkte einer Blockchain ansehen – die untrennbare Kette der Einzelteile, die ohne zentralen Ort nur über das Internet so fest verbunden werden; das nicht-lineare Wachstum, mit dem an jedem Einzelteil neue Teile angekettet werden können; den Open Source-Aufbau, der keinem von irgendwem erdachten Bauplan und keinem Wasserfall folgt –, dann wird schnell klar, dass eine Übertragung dieser Prinzipien auf Kommunikation etwas ist, für das wir in der PR gerüstet scheinen. Wenn wir denn wollen.Wie kann aber Content Marketing aussehen, das diesen Prinzipien folgt? Beispielsweise, indem wir mit verschiedenen Multiplikatorinnen ein Thema jeweils individuell entwickeln, zugleich diese Themen in eine größere Erzählung einbetten und aus den Einzelgeschichten eine Bewegung formen. Indem wir in der engen Arbeit mit ihnen die Verknüpfungen herstellen, die Querverweise optimieren, Autorinnen und Influencer miteinander bekannt machen. Oder indem wir Content nicht zentral entwickeln und verteilen, vermarkten – sondern dezentral und je nach Bedarf variieren.
Eine Blockchain-Kampagne wird also nicht „orchestriert“ oder „ausgespielt“, sondern in das Internet über viele Medien hinweg eingewebt.Ihre Kraft wird eine solche Kampagne entfalten, wenn wir sie loslassen und den einzelnen Teilen, „blocks“, erlauben, sich neue Anknüpfungspunkte zu suchen, ihre Themen und Motive weiterzuentwickeln.
Unsere ersten eigenen Umsetzungen einer Blockchain-Kommunikation haben wir dieses Jahr beispielsweise für die Kampagne „nur wenn ich es will“ für ellaOne, die führende Pille Danach, gezeigt. Dabei haben wir mit unterschiedlichen Bloggerinnen und YouTuberinnen zusammengearbeitet, die einerseits ihre eigenen Geschichten erzählt haben – und andererseits sich zum einen aufeinander bezogen haben, beispielsweise durch Verlinkungen, und zum anderen bei einander in Diskussionen und Kommentaren eingegriffen haben, weil es ja durchaus um kontroverse Themen wie Verhütungspannen und eben die Pille danach ging. Vor allem aber war es eine Kampagne, die gerade nicht fertig geplant war sondern sich fast komplett aus dem Verlauf der Kampagne ergab. Auch die Bloggerinnen und YouTuberinnen sind erst im Verlauf der Kampagne dazugekommen, nachdem die ersten in eine Zusammenarbeit eingestiegen waren.
Das ist also etwas Anderes als die alten „user generated content“ Kampagnen, bei denen viele Inhalte ohne inneren Zusammenhang (außer beispielsweise einem call to action oder einem Thema) erzeugt wurden. Eher schon könnten wir einige wenige gute Hashtag-Kampagnen als erste Versuche einer Blockchain ansehen. Woran wir aber weiter arbeiten müssen, damit wir das Vertrauenspotenzial heben können, das eine Blockchain bietet, ist die Festigkeit der Verbindungen, die „chain“.
Ich schätze, dass dies unsere hauptsächliche Aufgabe im Management von Blockchain-Kommunikation sein könnte: weniger der Content als eher die Beziehungen der einzelnen Blöcke untereinander, zueinander, zur großen Erzählung.
11.8.16
Zwischen Hoffnung und Angst
Und heute, mit all dem, was in den letzten fünf Jahren passiert ist, diesen Text zu lesen und vor allem den Text, der ihn inspiriert hat, jenen fulminanten Essay von Seibt über die mutwillige Zerstörung der Politik durch die Konservativen und Rechten seit den 80ern, macht mir Angst und Mut zugleich.
24.6.16
Die Ernte der Disruptionspredigten
Vielleicht ist es aber diesem Interesse, das aus dem Studium in den frühen 90ern herrührt, geschuldet, dass ich immer gegen die Profetinnen* des Untergangs, der Wandels, der Disruption immun war. Dass ich meine gesamte berufliche Beschäftigung mit Social Media über beispielsweise eher die Dinge betont habe, die gleich bleiben in der PR, bei denen es nur um eine neue Arena aber nicht um ein neues Paradigma ging.
Das aber nur vorab, um ein bisschen Kontext zu schaffen für das, was mich in den letzten Monaten so oder so umtreibt. Und wo ich Ursachen, nicht Anlässe für die krassen Bruchkanten in unseren (europäischen) Gesellschaften sehe.
Das macht mich unruhig. Und mit diesem Text schließe ich an meine Überlegungen zu den Autoritären (wer dazu was wissen will, kurz dem Link folgen) an, versuche ich, die Gedanken dazu zu ordnen, wieso die ängstlichen Autoritären so stark geworden sind.Diese Bruchkanten - nicht nur bei #Brexit - zwischen Alten und Nichtalten und zwischen ängstlichen Autoritären und Optimistinnen sind krass.— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) June 24, 2016
Disruptionsrhetorik
Denn ich bin mir recht sicher, dass die Disruptionsrhetorik, die auch viele Menschen in meiner Ecke des Internets, die ich sehr schätze, in der Feder führen, einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat. Dieser profetische Impetus, den ich im Grunde sogar verstehen kann, wenn es einfach nicht voran geht, wenn es mal wieder alles langsam zu langsam ist, wenn mal wieder die Falschen das Falsche beschließen. Die Idee, dass alles ganz anders sein oder werden muss und das auch bittesehr ganz ganz schnell, weil wir sonst alle sterben werden. Oder zumindest unsere Wirtschaft. Oder das Internetz.
Die durchweg positive Sichtweise auf Disruption, die sich im Zuge der neoliberalen Revolution bis hinein in ehemals linke oder emanzipatorische Kreise durchgesetzt hat, ist ja ironischerweise im Kern ein totalitäres Konzept, das philosophisch auf Nietzsche und ökonomisch auf Schumpeter zurück geht, der ein recht radikaler Verteidiger des Kapitalismus war.
Im Rahmen einer Wirtschaftsweise, die alle anderen gesellschaftlichen Ziele der Kapitalmaximierung unterordnet (also im Rahmen eines nicht durch gesellschaftliche Regeln, beispielsweise die Soziale Marktwirtschaft, begrenzten freien Kapitalismus), ist die Idee, dass Disruption durchweg gut ist, auch vernünftig. Absurd wird sie nur, wenn sie sich verselbstständigt, wenn sie gesellschaftlichen Fortschritt postuliert – oder wenn sie ein Ziel um ihrer selbst willen wird.
Denn die Disruptionsrhetorik, die vor allem bei digitalen Pionieren oder Netzaktivistinnen gerne genutzt wird, hat in letzter Konsequenz vor allem das eine Ziel, das Disruption selbst ja auch hat: Die Akzeptanz für technokratische, eindimensionale, angeblich alternativlose und quasi vulgär-naturwissenschaftliche Behauptungen über die Zukunft zu schaffen.
Alternativlosigkeit
Ähnlich scheint es sich meiner Meinung nach mit der Rhetorik der Alternativlosigkeit zu verhalten. Hier noch etwas offensichtlicher in den Folgen, denn der Aufstand der ängstlichen Autoritären gegen die unpolitische Behauptung der Alternativlosigkeit führt als Partei ja gerade das Wort "Alternative" im Namen.
Das Problem ist nur: sowohl die Disruptionsrhetorik als auch das Reden von der Alternativlosigkeit widersprechen der täglichen Erfahrung nahezu aller Menschen. Fast immer habe ich im Alltag Alternativen. Und fast nie ist meine Wirklichkeit total von Disruption geprägt. Von Unsicherheiten und auch von Anpassungsschmerzen, ja – aber eben nicht von der Radikalität beider Behauptungen.
Nun ernten wir die Früchte dieses Alarmismus
Was allerdings beide an sich von der Alltagserfahrung nicht gedeckten rhetorischen Herrschaftsinstrumente geschafft haben, ist eine massiv zunehmende Verunsicherung. Das jahrelange Sperrfeuer, dass auch das Leben meiner Großeltern sich radikal ändern müsse, weil es alternativlos sei, dass sie sich mit der Disruption beschäftigen, führt dazu, dass sie die zornigen Disruptionsprofeten ebenso zornig spiegeln.
Das Auseinanderfallen der Gesellschaft in Alte und Nichtalte (wie beim Brexit), in Männer und Nichtmänner (wie in Österreich), in Autoritäre und Nichtautoritäre (wie überall in Europa und Nordamerika) – dieses Auseinanderfallen ist selbstverständlich nicht die "Schuld" des Silicon-Valley-Kults oder der Technokratie als faktische Regierungsform allein. Aber die Früchte von beiden haben zur Vergiftung massiv beigetragen. Zum Rausch, der zum letzten Aufbäumen der verzagten und ängstlichen Autoritären führt.
Die Opfer sind meine Kinder
Selten ist so klar und eindeutig zu sehen, wie sehr dieses auch ein Krieg der Generationen ist, wie beim Brexit. Was immer an Veränderungen kommt, was immer an Zerstörung, ob kreativ oder nicht, passiert, ist für die Generation meiner Eltern und Großeltern egal. Denn trotz aller Rhetorik ist es ein langsamer Prozess. Für meine Generation ist es undramatisch, denn wir sind jung genug, um uns noch anzupassen, und alt genug, um schon eine Zugehörigkeit zu entweder der Gesellschaft oder einer Klasse zu haben. Aber die Generation meiner Kinder ist es, der ihr das Leben sauer macht, die ihr Angst habt oder Angst verbreitet, die ihr Autoritäre seid oder selbsterklärte Revolutionäre, die ihr eure eigene Agenda betreibt, weil ihr euch nicht ändern wollt oder weil ihr euren Markt vergrößern wollt. Dafür verachte ich euch. Und darum werde ich euch bekämpfen. Beide.
Kontinuitäten
Womit ich wieder am Anfang angekommen bin, bei den Lebenslinien, die über Umbrüche und Veränderungen hinaus zeigen. Für die meisten von uns geht das Leben weiter. Dafür brauche ich keine albernen und falschen Autosuggestionen, dass der Brexit eine Chance sei für Reformen, dass Zerstörung kreativ sei, oder wie auch immer. Dafür brauche ich eher die Zuversicht und den Lebensmut, die Demut und die Hoffnung, die Erfahrung und das Vertrauen, also das, was mir das Leben bisher beschert hat.
Kontinuität in Zeiten des Umbruchs ist etwas Gutes, finde ich. Und Zerstörung, die Erfahrung habe ich zumindest gemacht in den letzten 46 Jahren, ist nicht gut. Und schon gar nicht kreativ. Disruption ist ein zutiefst konservatives, oft sogar reaktionäres Konzept. Denn die Trümmer werfen uns zurück in die Vergangenheit, in die Zeit vor der Zeit, in der das, was wir zerstört haben, notwendig schien. Wer Disruption fordert oder propagiert, ist im eigentlichen Wortsinne asozial, denn sie hat nur ihre eigenen Interessen im Blick, denen das, was zerstört werden soll, im Wege steht.
Kreativität und Fortschritt dagegen, das zeigt ein Blick beispielsweise in die Musikgeschichte, entsteht oft aus dem Überschreiten von Grenzen, nicht aus der Zerstörung der Ordnung. Jeder Akt, eine Grenze zu überschreiten, ist ein Akt der Kreativität und der Befreiung. Was etwas anderes ist als Zerstörung.
* Dass ich Profetinnen mit f schreibe, ist eine lebenslängliche Hommage an den großen Alttestamentler Klaus Koch, der der Meinung ist, dass ein einzelner Buchstabe im griechischen und hebräischen nicht mit zwei Buchstaben im deutschen transkribiert werden sollte. Als er emeritiert wurde, titelte unsere Fachschaftszeitung: "Er wird eine schwer zu phüllende Lücke hinterlassen"... (schrieb ich schon häufiger in dies Blog rein, muss aber immer wieder sein)
4.2.16
Arabischer Frühling, deutscher Winter
Ein kurzer Einschub zu Literatur, die meinem Denken und meiner Analyse zugrunde liegt. Auf drei Bücher sei verwiesen, die mich heute prägen in diesem Zusammenhang. Drei Bücher übrigens, die ich jenseits der wenigen Worte dieses Textes sehr allen denen empfehle, die sich mit Kommunikation und Gesellschaft beschäftigen. Also mindestens allen Menschen, die mit Marketing und PR zu tun haben (wollen):
Soziale Medien vs lineare Medien
- Zum einen Marcuses wirkmächtiges Buch Der eindimensionale Mensch, das vielleicht das wichtigste philosophische Buch des 20. Jahrhunderts war und ohne das meines Erachtens fast nichts zu verstehen ist, was wir heute vorfinden. Brillante Analyse.
- Zum anderen, auch schon älter, das wichtiges Basiswerk zu Open Source, Raymonds Die Kathedrale und der Basar, das mich seit fast zwanzig Jahren inspiriert.
- Und zum dritten, das jüngste in dieser Runde, Writing on the Wall von Tom Standage. Dies letzte ist schnell gelesen, macht das unbedingt, sehr erhellend, um Linien zu sehen, wo ihr noch keine seht.
Nach meiner Beobachtung sehen wir in der Zusammenrottung von Menschen, die eine Pogromstimmung erzeugen, ein Phänomen, das - zunächst einmal wertneutral betrachtet - typisch ist für Umbruchsituationen und für neue Medienformen. Wenn es soziale Medien sind, also Medien, die entlang von sozialen Signalen verbreitet werden (wie Briefe, Flugschriften, Facebook/Twitter), dann ist das meines Erachtens übrigens tatsächlich das Gegenteil von Propaganda, für das die Macht lineare Medien braucht (wie Plakate, TV, Radio). Soziale Medien haben in politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen exakt den gegenteiligen Effekt von Propaganda - nämlich das Sichtbarmachen von Haltungen und Meinungen, die vom vermeintlichen Mainstream abweichen. Was übrigens ja weder gut noch schlecht ist, was diese Meinungen vor allem nicht besser macht als andere. Denn es kann zu Umstürzen in Diktaturen führen (1989, 2011) oder eben zu Pogromen (2016). Was aber passiert durch soziale Medien - und was wir auch in Deutschland gerade erleben - ist das, was ich "Synchronisation von Meinungen" nenne.
Deutscher Winter
Was wir das gesamte letzte Jahr erlebt haben und gerade aktuell auch für die meisten sichtbar wird, die kaum Menschen in ihren Netzwerken hatten, die sich an der Pogromstimmung beteiligen, ist aus meiner Sicht genau diese "Synchronisierung von Meinungen". Das ist nicht die "Schuld" von sozialen Medien (darum auch meine These, dass es eben nicht "Facebook-Pogrome" oder "Facebook-Faschismus" seien), denn die Meinungen sind ja unabhängig von sozialen Medien da. Aber soziale Medien - und heute eben vor allem Facebook - spielen eine entscheidende Rolle. Und die Stimmung, die wir erleben, die ich bis in Bekanntenkreise und Nachbarschaft hinein erlebe, wäre ohne Facebook so weder entstanden noch möglich.
Der Deutsche Winter, den wir gerade erleben, bringt Haltungen und Meinungen an die Oberfläche, die schon seit Jahren da sind. Diejenigen, die sich mit dem verfestigten rechtsextremen Weltbild schon länger beschäftigen, das ein erschreckend großer Teil der Menschen (überwiegend Männer) in Deutschland hat, sind davon nicht überrascht sondern höchstens ein bisschen betrübt, weil sie die letzten zwanzig Jahre nicht Ernst genommen wurden. Ein Blick auf die journalistische Arbeit von Toralf Staud beispielsweise kann da Augen öffnen.
Facebooks Rolle ist nach meiner Einschätzung nicht die einer Propaganda-Maschine - sondern die eines affirmativen Resonanzraums. Das ist es ja auch, was Facebook für Marken und Politik im Prinzip so attraktiv macht. Die gesamte Grundstruktur moderner sozialer Medien ist eben affirmativ - ich werde vor allem mit Zustimmung konfrontiert und merke sehr schnell, dass ich mit einer Haltung und Meinung nicht allein bin, dass es viele andere gibt, die diese Meinung und Haltung teilen. So wird mir bestätigt, was ich ahne aber noch nicht wusste - dass meine Meinung eigentlich "normal" ist, dass es an der "Gleichschaltung" der linearen Medien liegt, dass ich einen anderen Eindruck hatte bisher, weil diese Meinungen unterdrücken - denn ich sehe ja in meinem affirmativen Resonanzraum, dass eigentlich fast alle so denken wie ich.
Revolution und Aktion
Und so ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Aktion. Wenn Luthers Schriften in meiner Stadt ausverkauft sind, wann immer ich danach frage, müssen es viele sein, die seiner Lehre anhängen, bin ich nicht allein. Wenn ich auf Twitter und Facebook sehe, dass viele zum Tahrir gehen, gehe ich auch, denn ich bin nicht allein. Wenn ich sehe, dass eigentlich alle Leute, die ich zu kennen glaube, mit mir der Meinung sind, dass die "Merkeldiktatur" weg muss, dann bastele ich einen Galgen und kaufe mir eine Waffe.
Was den Deutschen Winter vom Deutschen Herbst unterscheidet, scheint mir vor allem seine Wurzel im affirmativen Resonanzraum sozialer Medien zu sein. Lichtenhagen führte nicht zu einem echten (bewaffneten) Aufstand, weil die große Menge Menschen, die eine mehr oder weniger klammheimliche Freude daran hatte, sich nicht gegenseitig sah. Die vor allem in Norddeutschland messbare grundsätzliche Zustimmung einer relativ großen Menge von Menschen zum von ihr so empfundenen "Widerstand" der RAF konnte nicht in Aktionen führen, weil kaum welchen klar war, dass es so viele sind, die dieses so empfanden.
Die Logik sozialer Medien
Darum greifen auch die Forderungen, Facebook möge entschiedener gegen Hetze vorgehen, ebenso zu kurz wie die hilflosen Versuche der Plattformen, eine Haltung zu entwickeln und sich an Demokratieinitiativen zu beteiligen. Darum haben meines Erachtens diejenigen Recht, die sagen, dass "wir" einen Kampf um die Plattformen führen müssen.
Die Logik sozialer Medien (und wie Tom Standage überzeugend zeigt, gab es vor der Zeit der linearen Massenmedien immer wieder schon soziale Medien, ist es also kein wirklich neues Phänomen, das ich hier beschreibe) ist die Synchronisation von Meinungen. Das ist ihre eigentliche Kraft. Nicht der Diskurs, die Offenheit, die Demokratisierung von Medien. Das haben viele von uns, die sich seit zehn Jahren mit den heutigen sozialen Medien beschäftigen, zunächst gedacht - denn das war es, wofür wir sie genutzt haben. Aber auch schon in diesen ersten Jahren waren sie, damals halt für uns, im Grunde ein affirmativer Resonanzraum, der unsere Meinungen synchronisiert hat.
Gefahr oder Chance?
Ich bin ja eher Zukunft- und technikoptimistisch. Und das, obwohl ich seit vielen Jahren über die Gefahr des massenhaft verbreiteten rechtsextremen Weltbildes rede. Ich bin auch mit der Analyse von sozialen Medien als affirmativem Resonanzraum nicht pessimistisch sondern weiterhin optimistisch.
Nur dass ich nicht daran glaube, dass die Pogromstimmung, der aktuelle Terrorismus oder die aktuelle Bewaffnung mit bisherigen Mitteln der politischen Auseinandersetzung, der Überwachung oder der Kraft der linearen Medien bekämpft werden können. Darum ist es mir so wichtig, dass wir Resonanzräume für die anderen schaffen innerhalb diese Medien. Darum gehe ich immer wieder in die Konfrontation mit den Vertreterinnen des Deutschen Winters, so wie neulich, als Roland Tichy seinen Mob auf mich gehetzt hat. Darum glaube ich an die harte Auseinandersetzung und die klare, zuspitzende Positionierung.
Ich bin nicht optimistisch, dass wir die Situation in Deutschland und in Europa ohne Gewalt und harte Auseinandersetzungen werden auflösen können. Dafür haben diejenigen, die für Demokratie und Zivilisation stehen, zu spät erkannt, dass sich in den sozialen Medien die Menschen gefunden haben, die vorher über zwanzig Jahre ihre Meinung und Haltung als von der Mehrheit abweichend erlebt und gebildet haben. Dass sie diese Meinungen jetzt synchronisieren, sich in ihrem Resonanzraum bestätigt finden.
tl;dr
Im affirmativen Resonanzraum sozialer Medien synchronisieren sich radikale Meinungen, bis es zur Aktion kommt. Nicht Facebook ist böse. Die bösen Menschen sind es. Das sollten wir nie vergessen.
26.3.15
Die Medienrevolution und die Kirche
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Wir befinden uns ja zurzeit an der Kreuzung zweier Wege.
Zum einen mitten in der erst dritten richtigen Medienrevolution der Menschheit. Und zum anderen am Ende des kurzzeitigen Irrwegs der Massenmedien. Und wir Internetpeople haben die undankbare und großartige Aufgabe, unsere Leute über diese Kreuzung zu führen, damit sie sich in dieser unübersichtlichen Zeit nicht verlaufen oder gar, wie es manchmal ja noch aussieht, aus Versehen oder Ignoranz einfach zurück gehen oder stehen bleiben und weinen.
Die eine Straße, auf der wir an der Kreuzung stehen, ist die der Medienrevolutionen.
Die umfassende Digitalisierung aller medialen Äußerungen der Menschen setzt eine Entwicklung fort, die die gesamte Geschichte durchzieht und die sich an den beiden anderen Medienrevolutionen exemplarisch zeigen lässt - die Entgrenzung von Gedanken, Erlebnissen, Worten, Bildern, Tönen. Die Überwindung von Zeit und Raum, der die gesamte Medienentwicklung der Menschheit gewidmet ist.
- Mit der Erfindung (und vor allem: Verbreitung) der Schrift überdauerten Gedanken und Erfahrungen erstmals halbwegs zuverlässig die Menschen, die ihre Urheberinnen waren.
- Mit der Erfindung der beweglichen Lettern für den Druck erreichte das Kopieren und die Verbreitung von Geschriebenem eine neue Dimension, gigantische Skalierungseffekte waren die Folge.
- Mit der Digitalisierung überwinden wir nun den Mangel an Zeit, Raum und Transportmitteln.
Unendlicher Platz, unendliche parallele Sendezeit, weltweite (und theoretisch auch darüber hinaus) gleichzeitige Verfügbarkeit – was mit der Schrift begann, findet seinen aktuellen Höhepunkt. Der Menschheitstraum wird wahr. Raum und Zeit sind keine Begrenzungen mehr für unsere medialen Äußerungen.
Die andere Straße, die die dritte Medienrevolution gerade kreuzt, ist die auf der das Ende der Massenmedien passiert.
Zurzeit geht eine nur rund 170 Jahre lange Sonderphase in der Geschichte der Medien zu Ende. Wir sollten nicht vergessen, dass die Medienwelt, die für die älteren von uns die Normalität darstellte, eigentlich nur ein Unfall und Zufall der Geschichte war.
Erst 1843 mit der Gründung der New York Sun hat es das erste auf Massenverbreitung setzende Medium gegeben. Rundfunk – erst Radio, dann Fernsehen – ist ein Kind dieser Epoche. Alle Medien vorher waren faktisch soziale Medien, die entlang von sozialen Beziehungen von Menschen verteilt und weitergeleitet wurden. Und alle Medien danach werden es wieder sein.
Jetzt, wo die Frage, was wie veröffentlicht und verteilt wird, nicht mehr von Mangel geprägt ist – sei es der Mangel an Papier, an Verkaufsstellen, an Anzeigen oder an Sendezeit nach der künstlichen Verknappung der Frequenzen durch die Regierungen, denen der freie Rundfunk suspekt war, jetzt wo dieser Mangel endet, enden auch die Medienmodelle, die auf diesem Mangel beruhten. Wir finden gerade wieder zurück in die mediale Normalität nach dieser Ausnahmesituation, in die Normalität, die 2000 Jahre herrschte, bevor gerade einmal 170 Jahre lang die Mangelmedien die Szenerie bestimmten. Doof für die von uns, die ihr Unternehmen auf diese Sondersituation gebaut haben, aber nicht zu ändern.
Diese beiden Wege treffen sich heute an der Kreuzung, die Zurück in die Zukunft führt.
Eine spannende Gegenwart, in der wir leben und arbeiten, finde ich. Mitten in der dritten Medienrevolution, die mitzugestalten wir die Chance haben, wenn wir sie annehmen. Und am Anfang der Rückkehr zur medialen Normalität der Menschheit.
Für mich ist dabei übrigens Ansporn und Anspruch, wie meine Kirche und ihre Vorläuferinnen mit solchen Situationen umgegangen sind. Denn sie haben jede Medienrevolution genutzt und umarmt. Immerhin ist die hebräische Bibel die Grundlage einer der ersten Schriftreligionen überhaupt. Immerhin wäre die Reformation ohne den neuen Druck weder denkbar noch möglich gewesen.
Und immer wurden die neuesten Methoden zur Medienverbreitung genutzt, sobald sie in Mode kamen. Immerhin haben Paulus und die anderen Anführer der jungen Gemeinden das damals gerade neue und aktuelle Briefsystem der römischen Elite raffiniert und mit großem Erfolg verwendet. Und unsere Kirchen haben sich immer dafür eingesetzt, die neuen und neuesten Medien dann auch aktiv und für alle zu nutzen:
- Die ersten Gemeinden haben Menschen ermutigt, lesen und schreiben zu lernen.
- Die Bibel für alle (durch die Übersetzung und den Buchdruck) führte zu einer beispiellosen Alphabetisierungskampagne in der Neuzeit.
- Die Missionskirchen nutzten die internationale Post und Telegrafie, um ein Netzwerk, ein soziales Netzwerk übrigens, zu bauen.
- Bis heute sind die Kirchen fast (oder sogar ganz?) die einzigen, die das Drittsenderecht im Privatfunk nutzen.
Es gibt keine Tradition der Zurückhaltung gegenüber Medien in meiner Kirche. Und die Bedenkenträgerinnen hat sie immer schnell zum Verstummen gebracht. Die aktuelle Bildungsoffensive ist eine, die positiv mit der Digitalisierung umgeht. Oder, wie die Synode der EKD neulich sagte:
Ein besseres Verständnis von Digitalisierung, Daten und Netzwerken liefert Grundlagen für Freiheit und Teilhabe. Die evangelische Kirche hat die Aufgabe, digitale Bildungsprozesse aus christlicher Perspektive neu zu denken. Evangelische Kirche tritt grundsätzlich dafür ein, dass Teilhabe für alle möglich wird, unabhängig von Alter, Herkunft, Wohnort und Einkommen.Für diesen Weg und diesen Optimismus haben wir mit unseren Altvorderen tolle Vorbilder:
Anders als Plato, der zwar eifrig schrieb, aber doch sehr große Sorgen hatte, dass Schreiben zum Verlust des Gedächtnisses führe (und dass auch weniger schlaue Leute als er ihre unwichtigen Gedanken aufschreiben könnten), haben die Vorläufer unserer Kirchen das Schreiben geliebt.
Anders als Erasmus, der die Drucktechnik eifrig nutzte, aber doch sehr große Sorgen hatte, dass dümmere Menschen als er dumme Dinge schreiben könnten, die dann gedruckt würden, dass es gar Romane oder ähnliches geben könnte, die Menschen dumm machen, haben unsere Kirchen dem Druck ihre Existenz zu verdanken und Luther nicht nur Dinge drucken lassen, die heute die theologische Kammer passieren würden.
Anders als die Mediziner, die in der Eisenbahn eine Gefahr für das Gehirn sahen, sind unsere Missionare mit ihr bis ans Ende der Welt gefahren, um die frohe Botschaft weiterzutragen, selbst, wenn sie noch nicht sicher wussten, ob die Mediziner nicht Recht haben könnten.
Anders als Manfred Spitzer oder Jaron Lanier, die das Internet eifrig nutzen, aber doch sehr große Sorgen haben, dass auch Menschen es nutzen, die anders leben und andere Erfahrungen haben als sie und sogar in der Lage sind, ihre falschen Fakten zu dekonstruieren, sammeln unsere Kirchen Menschen und sehen die Chancen dieser spannenden Zeit.
Hans Lufft hat damals nicht gefragt, was die Obrigkeit zum Druck sagt, was die Landesdatenschützerinnen oder die Stilpolizei anzumerken haben. Er hat eine neue Infrastruktur, eine neue Medientechnik, hat Skalierungseffekte zu nutzen gewusst, um die frohe Botschaft unter die Leute zu bringen. Er war der Diener der Reformation. Und als Kollateralnutzen wurde er auch noch reich, aber das ist eine andere Geschichte.
22.1.15
Staatsterrorismus
Wenn nun - und die Bundesregierung stimmt dem ausdrücklich zu - Überlegungen aus der EU kommen, faktisch die Verschlüsselung von Kommunikation zu verbieten (denn aus meiner Sicht ist es genau das, wenn für den Staat Hintertüren eingebaut werden müssen in jede Verschlüsselung), dann kann es dieses Fanal sein.
Einmal zum Mitschreiben: Der Bundesinnenminster, der von einer Koalition aus CDU, CSU und SPD getragen wird, fordert die Abschaffung von Grundrechten.
Meiner Meinung nach wäre ein Verschlüsselungsverbot Staatsterrorismus. Denn eine Regierung, die verhindert, dass ihre Bürgerinnen sich unbelauscht unterhalten, ist ein Terrorregime. Und ein Staat, in dem Verschlüsselung verboten oder das Briefgeheimnis abgeschafft ist, ist ein Unrechtsstaat.
Gegen die Abschaffung von Grundrechten fordert unsere Verfassung ja ausdrücklich den Widerstand.
Über viele Punkte rund um Sicherheit und Freiheit können wir diskutieren. Selbst über die Vorratsdatenspeicherung, das Lieblingskind der konservativen Placebopolitik, können wir reden. Da sind diejenigen, dich sich für Bürgerinnenrecht stark machen, zwar einig (in der Ablehnung), aber das ist eine politische Frage.
Die Frage, ob ich (selbst wenn ich persönlich es zurzeit nicht tue) meine Kommunikation verschlüsseln und damit privat halten kann, ist aber keine politische. Wenn die Regierung dieses verhindert, überschreitet sie eine Linie. Und dies ist die Linie, die aktiven und realen Widerstand rechtfertigt. Dann sind Worte und Bilder am Ende. Sie helfen nicht mehr.
Noch ist es nicht so weit. Aber vor allem Sozialdemokratinnen sollten sich bewusst sein, dass es wirklich ein Treppenwitz der Geschichte wäre, wenn wieder eine von ihnen ungeliebte große Koalition den Funken in das Pulverfass wirft.
7.5.14
Kontinuität und Widerstand
Kontinuität
Ähnlich ging mir das mit dem für mich inspirierendsten Buch der letzten Monate: Writing on the Wall von Tom Standage. Kernthese des Buchs, der ich zustimme übrigens: Social Media ist uralt und die "Normalform" von Mediennutzung über die letzten zwei Jahrtausende gewesen - von der zeitlich fast zu vernachlässigenden kleinen Unterbrechung der letzten 150 Jahre seit der Gründung der ersten Massenzeitung 1843 einmal abgesehen, in der das "Broadcast-Modell" kurz einmal vorherrschte.
Was ich so unglaublich erleichternd und erhellend an Standages Buch finde, ist eben dieser Blick in größeren Zusammenhängen und Linien auf ein Phänomen, das Teilen meiner Generation immer noch Angst macht. Und auf die Komik, mit der sich bei jeder (medientechnischen) Weiterentwicklung die selben Argumente wiederholen. So wie Plato schon gegen Schriften wetterte, weil sie das Denken und Argumentieren schädigten. So wie Erasmus gegen die Druckerpresse wetterte, weil es die Leute dazu verleite, zeitgenössische Schriften und nicht die Klassiker zu lesen. So wie im 17. Jahrhundert gegen die Kaffeehäuser gewettert wurde (aus denen die meisten Erfindungen, Erkenntnisse inklusive Newtons Durchbruch, und bis heute wichtigen Firmen wie die Londoner Börse oder Lloyd's of London stammen), weil die die Studenten und Kaufleute zu Müßigang und mangelnde Produktivität verführten und so weiter. Kennt ihr ja alle, die Argumente.
Und so, wie die historischen Linien in der größeren Sicht spannender werden und Menschen, die sich auch nur rudimentär mit Geschichte und Geistergeschichte beschäftigt haben, angesichts vieler "Diskussionen" heute nur resigniert mit den Achseln zucken lassen, so ist auch der Blick auf Analysen und Begründungen von Widerstand interessant, die es vorher einmal gab.
Widerstand
Darum ist - für mich tatsächlich überraschend, auch wenn ich ihm inhaltlich ja fast immer zustimme, schließlich sind wir eigentlich geklonte Geschwister (sagt man das so?) - Sascha Lobos diesjährige re:publica-Rede der zweite Inspirationspunkt dieses Monats. Zumal er sich an einer entscheidenden, wenn nicht der entscheidenden, Stelle auf den aus meiner Sicht größten Gesellschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts bezieht: Herbert Marcuse. Ich bin mir, auch nachdem ich mit ihm kurz darüber sprach, nicht zu 100% sicher, ob er sich wirklich der disruptiven Kraft bewusst ist, die sein Verweis auf Marcuse in der Diskussion bedeuten kann.
Marcuse war schon in der Generation meiner Eltern einer der wichtigsten Denker und Argumentierer des Widerstandes. Und ein brillanter Analytiker von Gewalt (die nach seiner Definition immer nur aus einer Machtposition heraus ausgeübt werden kann, weil das, was andere Gewalt nennen oder Terror, wenn er nicht aus der Führungsmacht der Elite heraus kommt, eben keine Gewalt sei sondern Widerstand) und der Macht in den Strukturen und Technologien. Was ja auch der Punkt ist, den Sascha anspricht und von ihm aufgreift.
Manchmal wünsche ich mir, dass die Diskussion über die Sicherheitsesoteriker und Kontrollfanatiker mit mehr historischen Kenntnissen geführt würde. Eine Lektüre von Standages Buch (kommt wohl dieses Jahr noch auf deutsch raus) und das Ansehen von Lobos Rede kann dazu der erste Schritt sein. Und wer richtige Lektüre ertragen und verstehen kann, sollte dringend Marcuse lesen.
Und dann reden wir weiter, ok?
Update 8.5.:
In dem Sinne: Weitermachen
(Hinweis auf das Bild fand ich bei André Vatter, der es anders sieht als ich)
27.3.14
Wandel

Über die historische Perspektive, in der ich die Digitalisierung sehe (und nicht etwa das Internet, das halte ich tatsächlich für nur eine, vielleicht sogar nicht einmal die wichtigste Folge der Digitalisierung), habe ich ja immer wieder gesprochen und geschrieben. Ich bin je länger desto mehr davon überzeugt, dass eine genaue Betrachtung des Wandels, den der Druck mit beweglichen Lettern nach sich zog, helfen kann, zu verstehen, was gerade passiert. In aller Ambivalenz.
Denn die Frage, ob die Digitalisierung ein größerer Bruch sei als die beweglichen Letter, finde ich müßig. Das werden wir ohnehin erst in ein- bis zweihundert Jahren wissen. Können wir uns einigen, dass es ein vergleichbar großer (Kultur) Bruch ist?
Am letzten Wochenende war ich zur ersten Sitzung des Vorbereitungsausschusses der EKD-Synode eingeladen, in dem ich mitwirken darf. Und war fasziniert, einmal ernsthaft und
Leben kam in die Bude, als ich meiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass durch den digitalen Wandel recht eigentlich keine neuen ethischen Fragestellungen entstanden seien. Dass zwar vieles heute schneller und weiter gehe, aber gegenüber dem Buch- und Flugblattdruck eigentlich keine real neuen Fragen entstanden seien. Aber dazu werde ich im Laufe des Jahres noch einmal ausführlicher schreiben und arbeiten.
Ohnehin ist der eigentliche Wandel, der unsere (digitale) Gesellschaft bestimmt, ja doch ein anderer. Und ein sehr kohlenstofflicher. Und hier mache ich mir sehr viel mehr Sorgen um unser Land als bei der Behauptung, es würde den digitalen Wandel verschlafen (was ja ohnehin nicht stimmt, aber das ist noch einmal eine andere Geschichte).
2011 wurden erstmals mehr Rollatoren verkauft, als Kinderfahrräder. #Wirklichkeit #Wandel
— Michael (@domsalla) March 27, 2014
25.2.14
Aus den Fugen
Und heute bezeichnen sich die Nachfolger derer, die für den Tod Rudi Dutschkes verantwortlich sind, als APO und machen eine Establishment-Kampagne draus. Faseln die Privilegierten und Reichen, die alten weißen Männer und so, davon, dass sie einem Gesinnungsterror ausgesetzt seien und man das ja wohl noch mal werde sagen dürfen.
Da demonstrieren Anhängerinnen der alten Eliten in Thailand und versuchen zu verhindern, dass eine gewählte Regierung wieder gewählt werden kann. Und werden in der Berichterstattung nicht allzu selten in einem Atemzug mit Leuten genannt, die sich von Diktaturen befreien.
Es ist schwer geworden, zu unterscheiden. Ob eine engagierte Bevölkerung sich gegen eine Gewaltherrschaft weht und einen arabischen Frühling erlebt. Oder ob Angehörige der Mittel- und Oberschichten gegen eine demokratisch gewählte Regierung vorgehen, die die krasse Ungerechtigkeit im Land verändert (hat), so dass die Oberschichten nicht mehr ganz so oben sind im Vergleich. Vielleicht ist es also auch richtig, dass die versuchte Revolte von Rechts in Venezuela in den Medien hier kaum Widerhall findet.
Es gibt kein klares Gut und Böse mehr, das allein an den Taten und am Oben und Unten abzulesen wäre. Wodurch die eine resigniert und der andere in Zynismus abgleitet. Und eine engelgesichtige korrupte Mitt-50erin eine Heldin abgibt. Und reiche Jungs und Mädchen, die um ihre Privilegien fürchten, als Befreiungsaktivistinnen gelten.
Manchmal macht mich das müde. Und bringt mich dicht an Resignation oder Zynismus. Aber andererseits will ich meinen Kindern keine Welt hinterlassen, die so aus den Fugen ist. Und in der die Menschen und Medien um mich herum ihren Kompass verloren haben.
30.12.13
Was fehlt: Das Fanal
Was fehlte, was das Fanal. Und das geschah am 2. Juni 1967. Mit der Ermordung von Benno Ohnesorg.
An diesem Datum, an diesem Fanal, spaltete sich die Opposition, im Grunde mit ihrer eigentlichen Gründung schon. Ich finde es faszinierend zu sehen, wie die Menschen in der Generation meiner Eltern unterschiedliche Erinnerungen an diese Zeit haben - so unterschiedlich wie ihre Wege, die sie damals gingen. Von denen, die den Demokratieaufbruch Willy Brandts mitgingen (und 1972 begeisterte Juso-Wahlkämpferinnen wurden), über die, die sich der DKP oder den K-Gruppen anschlossen, um ihre bürgerliche Existenz ertragen zu können, bis hin zu denen, die eine zeitweise sogar offene Sympathie für diejenigen hegten, die den Weg in den Untergrund gingen. Persönlich kenne ich in meinem Umfeld keine, die den Weg in den Untergrund selbst gingen, nur vom Hörensagen und aus der Entfernung.
In einer Situation, die sie als totalitär empfinden - und die damals, wenn wir es recht bedenken, auch tatsächlich totalitär war -, einen anderen Weg zu gehen als den durch die Institutionen, ist folgerichtig. Und ist historisch auch wohl der richtigere Weg gewesen, denn der demokratische Aufbruch nach 1969 war überwiegend doch nur Kosmetik.
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Angesichts der Unfähigkeit und Unwilligkeit der jetzt begonnenen großen Koalition, elementarste Rechte der Bürgerinnen auch nur zu beachten oder gar zu verteidigen, angesichts der postdemokratisch-technokratischen Haltung der Kanzlerin und ihrer Verbündeten ("alternativlos", "die Märkte" etc), und angesichts einer Bevölkerung, die in ihrer breiten, ganz überwiegenden Mehrheit diese Postdemokratie und ihre Vertreterinnen richtig und gut findet und das Problem nicht einmal sieht, das wir damit haben - angesichts dieser Entwicklung kann ich auf einmal nicht nur die Sympathie meiner Eltern für den Untergrund verstehen. Sondern fühle mich auch sonst an 1967 erinnert. Mit allem Mehltau, mit einer zwar nicht revolutionären Situation aber einer, die eigentlich einer Revolution bedürfte.
Ich bin mir sicher, dass ich nicht 30 Jahre warten will, bis diejenigen, die diesen Mehltau so spüren und kaum ertragen mögen, selbst in die Regierung kommen - wie es die Generation meiner Eltern tat, die später erst die Bewegungen gründeten und dann die "bunten Listen" und so weiter, die in den Grünen aufgingen.
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Die Frage ist, was wir aus 1967 lernen können. Wie wir nicht die gleichen Fehler machen, wenn wir uns engagieren und das System ändern wollen. Wie wir vermeiden, so isoliert zu werden, wie es der militante Teil des Widerstandes war. Wie wir widerständig und damit in einem postdemokratischen System wie dem unseren notwendig auch immer wieder legitim illegal sein werden, ohne die Anschlussfähigkeit zu denen zu verlieren, die ein Unbehagen gegenüber dem Totalitarismus der Technokraten empfinden, ohne schon widerständig sein zu wollen oder zu können. Vielleicht sollten wir noch einmal gründlich Gramsci lesen.
Das einzige, mit dem ich mir sicher bin in dieser vorrevolutionären Situation, ist, dass es nur eines Funkens, eine Fanals bedarf, um den Widerstand manifest werden zu lassen. So wie 1967 den Mord an Ohnesorg. Ein Fanal, mit dem Regime, Regierung und Gesellschaft nicht umgehen können. Und das den Widerstand formiert. Was immer das sein mag und sein wird.
Auffällig ist nur: Die Eliten des Regimes, die Technokraten und Postdemokratinnen leben gefährlich nah am Pulverfass, ohne die Zündschnur zu sehen.
31.10.13
Von beweglichen Lettern und der Reformation
Damit begann eine Revolution. Denn einher ging mit dieser Chance die Notwendigkeit, Menschen das Lesen beizubringen. Was hätten sie sonst mit den Büchern anfangen sollen.
Was wir lernen können, wenn wir solche Punkte wie die Reformation (und die Aufklärung, die aus den gleichen Gründen zur gleichen Zeit zusammen mit der Reformation die Neuzeit einleitete) ansehen: Dass ein Mehr an Informationen, dass die Überprüfbarkeit der Aussagen der Obrigkeit, dass die leichtere Kopierbarkeit von Inhalten zu einem Mehr an Freiheit führen kann. Auch wenn die papistische Reaktion und vierhundert Jahre später die Terrorregime in Europa die Funktionen der Medien(technik)revolution auch zur Versklavung nutzen konnten.
Aber wer in der Tradition der Reformation steht oder der Aufklärung, wird nicht anders können, als die zurzeit stattfindende Revolution zu umarmen.
Bis aus einer Revolution der Medien(technik) allerdings eine Veränderung der Gesellschaft, eine Revolution wird, dauert es. Damals mehr als zweihundert Jahre. Heute sicher auch nicht viel kürzer. Aber die Vorboten sind schon zu sehen. Mich fasziniert die Definition von Revolution, die Clay Shirky verwendet (hat) -

Gerade Am Anfang, wenn eine Medien(technik)revolution in eine gesellschaftliche Revolution übergeht, tritt ihre Janusköpfigkeit besonders hervor. Ähnlich wie bei den beweglichen Lettern ist auch die Digitalisierung von Information und Kommunikation (und damit ihre einfachere Verfügbarkeit und Kopierbarkeit) zwar etwas, das in sich strukturell zu mehr Freiheit führt. Aber so wie das gedruckte Pamphlet einfacher gegen Luther verwendet werden konnte als nur das Hörensagen, bietet die Digitalisierung der Kommunikation einen einfacheren Zugang zu ihrer Überwachung.
Das Pamphlet kam trotzdem nicht wieder aus der Welt. Und die Freiheit der Rede kann nicht einmal China vollständig unterdrücken. Noch viel weniger werden es ein vordemokratisches Regime wie Großbritannien (wo es nicht mal echte Verfassungsrechte gibt), ein Geheimdienstregime wie in den USA oder eine Regierung, deren Innenminister ein bekennender Verfassungsfeind ist, wie in Deutschland schaffen. Das macht mich optimistisch.
Der Reformationstag ist ein guter Tag, daran zu erinnern, wie Medien und Technik Freiheit bringen können und eine Revolution auslösen. Und es ist ein guter Tag, um vor Zorn über die Feinde der Freiheit aufzuschreien. Damals die Papisten. Heute die Vertreterinnen und Vertreter eines "Supergrundrechts Sicherheit". Und drittens ein guter Tag, um schrill und hysterisch zu lachen, in aller Verzweiflung, wenn diejenigen, die noch vor einem Jahr beklagten, das Internet sei ein rechtsfreier Raum, es heute zu ebendiesem zu machen versuchen. Und meine elementaren Bürgerrechte und Menschenrechte nicht einmal verteidigen wollen, unabhängig von der Frage, ob sie es können.
Die Feinde der Freiheit haben unruhige, revolutionäre Zeiten immer schon genutzt, um ihr Unterdrückungswerk unter dem Deckmantel von Ruhe und Sicherheit zu befördern. Hundert Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg führte das in einen großen europäischen Krieg. Vor fünfzig Jahren verwandelte sich zornige Ohnmacht in gewaltsame Proteste und einen Untergrund.
Jan Hus konnten sie noch verbrennen, Luthers Bibelübersetzung nicht mehr. Rudi Dutschke konnten sie noch ermorden, die Menschen auf den Plätzen der nordafrikanischen Städte nicht mehr. Chelsea (Bradley) Manning konnten sie noch internieren. Uns alle aber nicht mehr.
Wir befinden wir uns an einem Scheideweg. Und die Reformation kann dabei Ermutigung sein. Auch und gerade heute.





