Es gibt keine Unschuldsvermutung jenseits von Gerichtsprozessen. Wenn jemand in einem Medienbericht oder in Social Media davon faselt, entsteht bei mir sofort eine Dummheitsvermutung. Das ist jedenfalls die positivste Reaktion. In vielen Fällen wäre eine Bosheitsvermutung wahrscheinlich angebrachter.
22.3.26
14.11.25
Mein Rassismus, meine Blindheit, meine Härte
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| Bild erzeugt mit Gemini |
Wer mich etwas kennt, weiß, wie wichtig mir diese grundsätzliche Haltung ist. Und das unabhängig davon, dass ich es richtig finde, die grotesk krude Ausdrucks(un)fähigkeit des Kanzlers politisch zu nutzen. Und dass ich kopfschüttelnd vor den Erklärungsverrenkungen seiner Parteileute stehe, die so tun, als würden sie nicht verstehen, wieso es so krude und so grotesk ist. Zumal es ja nicht nur so merkwürdig aus der Zeit gefallen ist – sondern auch eine Haltung und ein Denken zeigt, das sich zu eigen macht, wer ihn erklärend verteidigt oder es damit abtut, dass doch klar sei, was er gemeint habe.
12.9.23
Niederlage
Einer der grauenvollsten Tage war der, den ich in Lidice verbrachte. Ich habe sehr geweint. Noch nie vorher war mir das Grauen des faschistischen Vernichtungskrieges so nah.
5.9.23
Kreuzberg
Eine der schönsten Wanderungen, die ich mit der Liebsten gemacht hab, als wir noch wandern waren, ging auf den Kreuzberg. Wir sind in einem Vorort von Gersfeld gestartet, in dem wir in einer Pension waren, und, wenn ich mich recht erinnere, erst über den Himmeldungberg und die Hohe Hölle nach Bischofsheim oder zumindest dran vorbei gelaufen und dann hoch auf den Kreuzberg. Da gab es gutes Bier und gutes Kraut und einen steilen Kreuzweg zum Gipfelkreuz, kurz vor dem Kloster mit seiner Schänke. Und dann wieder zurück, mit etwas schwereren Füßen. Insgesamt mehr als 25km, das weiß ich zumindest noch.
Seit dieser Zeit mag ich die Rhön, vor allem diesen Teil da, Lange Rhön, im Dreiländereck. So schade, dass unser großes Familientreffen dieses Jahr woanders stattfinden muss. Jedenfalls ist es mega schön da am Kreuzberg. Und auch, wenn die Einheimischen weit von sich weisen würden, dass es in Bayern liegt, gehört der Ort zumindest zum Bundesland Bayern.
28.8.23
Dummerjunge
Was mich besonders ankotzt, excuse my French, sind die Leute, die heute oder damals radikal böses Verhalten von jungen Männern mit Dummerjungenstreich oder Sosindjungsnunmal entschuldklären. Da bin ich schon auf Elternabenden aus der Rolle gefallen, wenn das Teilen von übergriffigen Bildern in der Klassenwhatsappgruppe mehr oder weniger mit Achselzucken beantwortet wurde, sowohl von der Lehrerin als auch von den Eltern der Jungs, anstatt es zur Anzeige zu bringen, um einmal sehr klar zu machen, dass es eben kein Streich ist. Streiche sind nämlich wunderbar.
Und als jemand, der ebenfalls in den späten 80ern in der Oberstufe war, wird es mir so gehen wie allen, die in den späten 80ern in der Oberstufe waren und die politisch nicht völlig verblödet sind. In jeder Klasse oder zumindest in jeder Stufe gab es diese ein oder zwei, die nicht nur wie viele andere hin und wieder miese "Witze" machten und das Kriterium Dummerjunge erfüllten, sondern eben Nazis waren. Die meisten von uns wussten, wer das ist, denke ich. Denn in den 80ern in Westdeutschland, auch in Bayern, ich war da über die politische Antifa-Arbeit halbwegs vernetzt hin, gehörte ein Bodensatz in dieser Größenordnung in die Normalverteilung damals. In der Schule haben sie sich auch nicht immer versteckt. Und sie hatten eine Meinung.28.6.23
Der Feind
Wenn CDU-Chef Franz von Merz* die Grünen als Hauptgegner ausmacht, kann er das haben. Denn dann wissen Grüne immerhin, auf wen sie nicht werden zählen können, wenn in Sachsen oder Mecklenburg ihre Wahlkämpfer*innen zusammengeschlagen oder von Dorffesten ausgesperrt oder im Supermarkt an der Fleischtheke ignoriert werden. Wie es überall da passiert, wo die Nazis sehr präsent sind und die Menschen, die Nazis wählen, völlig indifferent zu Gewalt und Terror stehen. Wo Jungs mit langen Haaren in der Grundschule auf dem Boden getreten und von Lehrer*innen für ihre Frisur kritisiert werden, weshalb ihre Eltern sie auf evangelische Privatschulen schicken. Wo Menschen mit bunten Haaren und zerrissenen Lederjacken sich nicht unbewaffnet hintrauen.
6.6.23
Kotzen
Tatsächlich bin ich sehr traurig und sehr wütend. Meine Reaktion auf die Ohnmacht, die dieses Video auslöst, zumindest bei mir.
Und bitte: Seht dieses Video nur, wenn ihr sicher seid, es ertragen zu können. Weil von Vergewaltigung die Rede ist und davon, wie Menschen unter Drogen gesetzt werden, manipuliert (Social Engineering) werden, misshandelt werden.
13.5.23
Erstaunlich
… finde ich, wenn eigentlich vernunftbegabte Menschen, die ein gerüttelt Maß an Haltung haben, all dies über Bord werfen, wenn ihnen ein billig-effektvoller Text über den Weg läuft, der ihr Gruppenunbehagen halbwegs elegant formuliert.
Zumindest vermute ich, dass es darum geht, wenn sie einen Link auf dieser facebookigen Plattform drüben teilen, in dem es offenbar um diese Plattform geht. Große Selbstbefriedigungsvermutung.
Aber was weiß ich. Ich klicke nicht. Nicht mal, wenn ihr alle sagt, das sei ein toller Text. Wenn ihn jemand auf einer demokratiezersetzenden Plattform eines ehemaligen Verlages publiziert, dann ist mir das egal. Denn dafür hat sie sich ja entschieden. Sie ist ja bewusst Ressortleiterin einer Hetz- und Desinformationsseite. Dann können wir dies eine sprichwörtliche Korn auch aussortieren, das sie vielleicht gefunden haben könnte. Wenn wir einen Kompass zur Hand haben, werden wir das sicher tun, oder?
6.5.23
Irre oder dumm?
Tatsächlich frage ich mich in der letzten Zeit immer häufiger, ob unser Finanzminister irre, politisch panisch oder dumm ist. Jüngstes Beispiel ist diese Äußerung (zwar als "Team Lindner" gelabelt, aber in Varianten immer wieder gesagt, ich vermute, dass es auch hier eine Art Mitschrift einer Rede von ihm ist):
Vorsichtshalber als Screenshot eingebaut, hier ist der Tweet zurzeit online. Was mich so irritiert an dieser Äußerung, ist, dass sie in sich komplett irre ist.
Denn zum einen konstruiert sie einen Widerspruch, der keiner ist. Sie behauptet eine zeitliche Abfolge ("bevor"), die es nicht gibt – weil, einmal etwas verkürzt ausgedrückt, gerade so soziale und ökologische Ziele einer Gesellschaft ein dauerhaft stabiles wirtschaftliches (und politisches) Fundament schaffen. Mindestens aber hängen beide Dinge (wenn ich sie als getrennte Dinge betrachten will) doch direkt zusammen.
22.4.23
Ich verstehe es wirklich nicht
Auf einmal, zum ersten Mal, versucht Politik zur CO2-Reduktion etwas, das ganz direkt mit Menschen und ihrem Leben zu tun hat. Insofern kann ich taktisch nachvollziehen, wieso die Opposition innerhalb der Regierung hier eine Kampagne begonnen hat. Und nenne es naiv, dass andere davon überrascht wurden. So weit, so klar.
Was ich nicht verstehe – und ich bin mit allgemeiner Medienschelte eher nicht so schnell –, ist, wieso es fast allen Medien so schwer fällt, von dieser Kampagne wieder zurück zur faktenbasierten Kommentierung zu kommen. Verstehe ich wirklich nicht.
Morgens bei der Hofarbeit höre ich ja meistens Deutschlandfunk. Und finde die Presseschau total hilfreich. Erschreckt hat mich, als diese Woche immer wieder (und ja, es kann natürlich sein, dass es an den Redakteur*innen des DLF lag, die nur so was rausgesucht hatten) die gleichen Fakesorgen wiederholt wurden, die in der Zwischenzeit von Handwerksinnungen, -kammern und so weiter widerlegt worden waren.
Sehr lustige Interviews dazu gab es auch, wo die Moderatorin davon ausging, dass ihr Gesprächspartner aus Handwerk oder Industrie ihr sagen wird, dass das alles gar nicht geht mit den Wärmepumpen – und das nicht passierte. Ähnlich wie, ebenfalls diese Woche, als der Betriebsratschef der größten Stahlherstellerin partout nicht sagen wollte, dass das Ende der Atomkraft ein Problem sei.
Wie kommt diese unglaubliche Lust am vorauseilenden Scheitern? Oder diese falschen Behauptungen auch jenseits der Hetzmedien, worum es beim Gebäudeenergiegesetz geht? Was ist so schwer daran zu verstehen, dass nach asbesthaltigen Heizungen jetzt eben rein fossile Heizungen nicht mehr angeschafft werden dürfen?
Wie kommt diese unglaubliche Lust am faktenaversen Horror? Wie die wahrheitswidrige Behauptung, Heizungsanlagen müssten komplett umgebaut werden? Es könnten die alten Anlagen mit hoher Vorlauftemperatur nicht mit Wärmepumpen genutzt werden? Das stimmt einfach nicht, guckt mal nach Schweden oder Norwegen.
Vielleicht mal ein Beispiel aus unserer Planung: wir bewohnen ja ein Bauernhaus von vor 1900. Seit wir einen Teil umbauten, haben wir für den Teil eine Isolierung, die Standard für Um- und Neubau ist, aber das Haus wurde nie energetisch saniert. Es hat eine klassische Heizungsanlage mit einer so genannten Feststoffheizung und Pufferspeichern aus Ende der 90er. Wir verbrennen also Holz. Nicht geil.
Die Planung sieht nun genau das vor, was auch vor GEG angestrebt wird: eine Mischung. Also für die meisten Tage eine Wärmepumpe (für maximal 60 Grad Vorlauf, eher etwas weniger). Und für die wenigen Tage, die richtig kalt sind, eine Unterstützung durch die bestehende Holzscheitheizung. Alternativ hätten wir auch mit zwei Wärmepumpen arbeiten können. Aber das könnten wir nicht wirklich bezahlen. Vor allem aber können wir – wie quasi alle – die alten Leitungen und Heizkörper weiter nutzen. Dämmung wäre irgendwann sinnvoll, ist aber keine Voraussetzung für irgendwas. Die CO2-Reduktion ist deutlich größer, wenn wir erst die Heizung umstellen und später dämmen als andersrum. War uns auch nicht klar.
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es nicht halb so kompliziert ist, wie die meisten denken. Und ob wir eine Wärmepumpe wollen oder eine andere Leistung unseres Handwerksbetriebs, macht keinen Unterschied. Zeit haben die so oder so nicht sofort.
13.4.23
Ratten
Also eigentlich ist der Titel dieses Textes brutal falsch und mies und ich distanziere mich ausdrücklich von ihm. Darum habe ich ihn gewählt. Denn es war ein wichtiger Teil dessen, wie die Nazis in den späten 20ern und den frühen 30ern die Zustimmung der konservativen Mehrheit der Deutschen organisierten. Indem sie von Ratten und Läusen und Asozialen und Arbeitsscheuen fabulierten. Also unter anderem.
Diese Woche war ich in unserem Dorf in einem Vortrag in unserem Kulturverein, in dem der Leiter der Gedenkstätte Ahrensbök über die frühen Jahre der "Zustimmungsdiktatur" hier im Landkreis erzählte. Denn was ich nicht wusste: Hier, im Landesteil Lübeck des Fürstentums Oldenburg (was unsere Gegend bis zum Großhamburggesetz 1937 war), hatte die NSDAP die absolute Mehrheit in Wahlen gewonnen, lange bevor die Konservativen sie in die Reichsregierung brachten. Hier wurde mit dem ersten Nazi-Regierungspräsidenten, der aus meinem Dorf stammte, schon mal die kommende Diktatur eingeübt, schon 1932 die SA zu Hilfspolizisten gemacht, ausgetestet, wie weit sie gehen konnten, ohne die Zustimmung der Menschen zu verlieren. Ergebnis: sehr weit.
Was, wie wir heute recht genau wissen, zu der großen Zustimmung geführt hat und dazu, dass die ersten frühen Konzentrationslager mitten in den Kleinstädten unter den Augen der Menschen eingerichtet werden konnten, von denen alle wussten, war, dass die Nazis eben an die Mehrheitsmeinung ("das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen") mit ihren Ängsten und Hoffnungen anknüpfen konnten. Und weil es quasi keine organisierte Arbeiter*innen-Bewegung gab hier im bäuerlich und handwerklich geprägten Land, gab es auch keine Widerstände. Der örtliche Frauenarzt war der Chef der NSDAP, die Kirche hart antisemitisch und chauvinistisch, die Intellektuellen für die harte Hand gegen – eben – die Ratten, Läuse, Arbeitsscheuen, Asozialen. Hier bei uns brauchten die Nazis die Konservativen nicht als Koalitionspartner*innen. Hier wählten die Konservativen die Nazis direkt. Und stimmte die überwiegende Mehrheit der Menschen dem Kurs von "Latten-Böhmcker" zu und war von ihm begeistert.
Daran musste ich heute denken, als ich über die in der "Zeit" dokumentierten politischen Positionen von Springer-Chef und -Mitbesitzer Matthias Döpfner las (Text hinter der Paywall. Auszüge hat der Spiegel abgeschrieben und ebenfalls hinter seine Paywall gestellt, was schon ein ziemlich rattiges Verhalten ist, weshalb ich es nicht verlinke). Nichts davon überrascht jemanden, die sich mit der Zustimmung der konservativen Mehrheit zu den Nazis beschäftigt haben. Weshalb die Forschung ja von den 30ern als Zustimmungsdiktatur in Deutschland spricht.
Wer einmal mit Menschen aus der Schicht von Döpfner in einer Form zusammen war, in der sie dachten, unter sich zu sein, wird nie wieder überrascht sein, nur entsetzt und verängstigt, wenn mal wieder so was wie die wirkliche Überzeugung dokumentiert wird. So ging es mir mehrfach seit 2015. Seid nicht so naiv, zu glauben, dass ein signifikanter Teil der akademisch gebildeten ökonomischen Führungselite dieses Landes bereit wäre, die liberale Demokratie zu verteidigen, wenn ein autoritäres System ihren Interessen dient. Denn darum findet Döpfner ja den Klimawandel prima. Er nutzt ihm.
31.3.23
Achtung geben!
Heute früh stand ich hinter einem Amazon-Lieferwagen. Und schwankte zwischen Ärger und großen Amüsement. Denn einerseits ist es eine riesengroße Frechheit, was sie da hinten draufschreiben. Und andererseits ist es so wunderbar schlecht maschinell aus dem Englischen übersetzt, ohne dass jemand mit rudimentären deutschen Sprachkenntnissen noch einmal drüber geguckt hat, dass es faszinierend ist. Zumal ein kurzes Befragen der Suchmaschine ergibt, dass es offenbar seit einigen Jahren schon hinten auf den Autos draufsteht.
Der Ärger ist ja offensichtlich und ich bin, wie wie gesagt die Suche ergab, nicht die erste Person, der die Helmschnur hochgeht. Einmal so getan, als wäre klar, was diese Warnung an die Radfahrer*innen sagen will, sagt es ja sehr viel aus darüber, was Amazon seinen Fahrer*innen zutraut oder nicht zutraut.
Ja, selbstverständlich bin ich im Straßenverkehr vorsichtig, schon aus Selbstschutz. Darum trag ich auch Helm, auch wenn ich das bei den Kindern nie nachhaltig durchsetzen konnte, aber das ist ein anderes Thema. Aber wie anders ist diese Beschriftung, die ich als Drohung empfinde, als beispielsweise die von den Johannitern mit ihrem "Fahrstil ok? Telefonnummer". Beides irgendwie albern, aber die Haltung dahinter und was so eine Beschriftung bei denen, die das Fahrzeug fahren, auslöst, ist schon bezeichnend.
Aber in einer Welt, die zu 100% auf automobilen Verkehr optimiert ist, verpuffte dieser Ärger dann am Ende relativ schnell. Während mir die Frage, was diese Beschriftung eigentlich sagen will, blieb.
Fahrradfahrer Achtung geben beim Vorbeifahren dieses Fahrzeugs
Das ist irgendwie ganz großartig und lohnt die sprachliche Analyse. Vor allem mit ein bisschen Praxiswissen amerikanischer Warnungen auf Geräten, Maschinen oder Fahrzeugen. Einen ersten Hinweis bietet da dann ja schon das wunderbare Sitzen machen Achtung geben. Die "Übersetzung" muss wohl aus der Zeit vor halbwegs modernen KI-Sprachmodellen stammen. Irgendwer muss aber diese Folien ja bestellt haben und andere haben sie aufgeklebt. Ok, wer guckt sich schon Dinge an, die montiert werden, aber mich würde schon interessieren, wie viele Menschen regelmäßig Achtung geben.
Hübscher noch aber ist die Genitivkonstruktion "dieses Fahrzeugs". Während ich mich immer sehr freue, einen Genitiv in freier Wildbahn zu sehen, fragte ich mich spontan, worauf Fahrradfahrer hier Achtung geben sollen. Eine spontane Umfrage ergab, bestürzenderweise, dass niemand außer mir in Frage stellte, dass Amazon möchte, dass Radfahrende beim Vorbeifahren an diesem Fahrzeug Achtung geben mögen. Andererseits ist es ja auch beglückend und nicht bestürzend, dass auch groteske Sprachverrenkungen nicht verhindern können, dass im Prinzip ankommt, was Amazon hier wahrscheinlich sagen will. Das wird die meisten, die versuchen, anderen Menschen guten Ausdruck beizubringen, zum Weinen bringen, beruhigt aber wie so fast jedes Experiment mit Sprache auch sehr. Wir verstehen uns.
Bleibt also nur der Klugscheißer in mir übrig, der alle unbedingt und dann am Ende auch noch in seinem Blog darauf hinweisen zu müssen glaubt, dass Amazon recht eigentlich Radfahrende auffordert, vorsichtig zu sein, wenn dieses Fahrzeug sie überholt. Merkwürdigerweise allerdings so, dass diese Radfahrenden diese Aufforderung erst sehen, wenn das Fahrzeug sie schon überholt hat.
Wunder der Kommunikation.
10.6.20
Alerta
Das alles ist noch nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der Nazi-Aufkleber an Laternenpfählen überhand nahmen. In der sich Nazis im Straßenbild breit machten. In dieser Zeit lebte ich nicht hier, ich war nie in dieser Kleinstadt. Ich kenne diese Zeit nur aus Erzählungen. Und aus anderen Gegenden. Mitte der 80er war ich kurze Zeit Antifa-Koordinator im letzten Juso-Kreisvorstand, den es in meinem Hamburger Bezirk gab.
Als vor ein paar Jahren die Rechten eine Kampagne gegen Antifaschistinnen fuhren und sich die meisten so genannten "Bürgerlichen" nicht schnell genug von ihnen distanzieren konnten – was sie ja bis heute machen –, ist einer Freundin, die damals schon in jener Kleinstadt lebte, der Kragen geplatzt.
Damals, erzählt sie, gab es ein paar junge Leute in der Stadt mit Lederjacken und bunten Haaren und Springerstiefeln. Die nannten sich Antifa. Und wenn sie und ihre Freundinnen, alle aktiv in der evangelischen Kirchengemeinde der Kleinstadt, loszogen, um unter merkwürdigen Blicken der meisten Einwohnerinnen die Nazi-Aufkleber von den Laternenpfählen abzupulen, waren diese jungen Leute die einzigen, die sich ihnen anschlossen. Und wenn sich auf der anderen Straßenseite ein paar von den Nazis aufbauten, die offen zum Straßenbild der Kleinstadt gehörten, dann waren diese jungen Leute da. Mal einfach nur so. Mal in Bewegung.
Sie war die jüngste der Frauen damals. Und keine der grauhaarigen Freundinnen ließ oder lässt etwas auf die Antifa kommen. Ohne Antifa, sagen sie, wäre diese Kleinstadt heute noch ein gefährliches Pflaster für sie, für Christinnen. Ohne Antifa hätten sich in den Jahren danach nicht die ersten Ladenbesitzerinnen zusammengeschlossen, um eine Initiative für Schutzräume und dann später für Fairen Handel zu bilden. Es waren (meist ältere) Frauen der evangelischen Kirche und die jungen Leute der Antifa, die die einzigen waren, die der beginnenden Dominanz der Nazis im Stadtbild etwas entgegensetzten.
Sich von "der Antifa" zu distanzieren, halte ich für dumm, unpolitisch und gefährlich. Und "man" muss es sich auch leisten können. Denn seit den 80ern gab und gibt es nicht viele andere, auf die sich verlassen kann, wer Nazis entgegentritt. Fast überall (im Westen) waren es damals Aktive aus Kirchengemeinden zusammen mit jungen Leuten, die keine Angst davor hatten, dass es vielleicht auch mal wichtig sein könnte, sich (körperlich) zu wehren. Und als 2015 in unserem Stadtteil am Rand von Hamburg die größte Unterkunft für Vertriebene eingerichtet wurde und die Nazis aus den Nachbarstadtteilen ankündigten, das nicht zuzulassen, waren es junge Leute mit Lederjacken und bunten Haaren, die die Nächte im Gewerbegebiet verbrachten. Und das evangelische Gemeindehaus bewachten, das das Basislager der Helferinnen war. Und sonst niemand.
50 und Antifa. Selbstverständlich.— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) June 1, 2020
Im ersten Kreisvorstand der Jungen Sozialdemokraten, der unseren letzten Juso-Kreisvorstand ablöste, gab es selbstverständlich keinen Koordinator für Antifa-Arbeit mehr. Ich weiß sehr genau, auf wen ich mich verlassen kann, wenn ich von Nazis bedroht werde. Und das ist ganz sicher niemand, der oder die sich von "der Antifa" abgrenzen zu müssen meint.
21.5.20
Why Bildung matters und Diversity rulez
Ich werde den Film nicht teilen und weiter verbreiten. Aber es schon krass, dass mir beim ersten Ansehen sofort vier zutiefst rassistische Details ins Auge sprangen. Ich war sozusagen in der Situation, in der ich auch beruflich oft bin: Aufmerksames Ansehen, sonst zur Abnahme, hier zur Beurteilung. Also etwas mehr als eine Konsumentin, etwas weniger als eine Kundin.
Es ist schlichtweg nicht möglich, diese rassistischen Symbole nicht zu sehen, wenn ich - das mag allerdings die Voraussetzung sein - eine gewisse Bildung habe und schon einmal vom Thema Stereotype und Rassismus gehört habe. Und genau das ist aus meiner Sicht das Problem.
Das ist nicht zufällig „passiert“
Ich halte es nicht für möglich, dass in einer Agentur und in einer Marketingabteilung so ein Film durch Zufall entstehen kann. Ok, dass die weiße Hand, die einen schwarzen Menschen in ein Haus mit dem Namen Petit Colon schubst, genau in dem Moment das Erkennungssymbol der amerikanischen White Supremacy Bewegung formt, in dem das N-Wort aufblitzt, das mag Zufall sein. Aber alles andere „passiert“ nicht einfach.Ich frage mich gerade, was ich schlimmer fände: Dass bei VW und den Agenturen niemand genug Bildung hat, um das vorher zu erkennen. Oder dass jemand bewusst mit rassistischer Symbolik hantiert.— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) May 20, 2020
Wie es um Bildung, Herzensbildung und Diversity in dem Team bestellt ist, das für Volkswagens Instagram zuständig ist, zeigt auch die Antwort auf die Kritik in diesem Kanal (anders als auf Twitter, wo Volkswagen zwar spät aber halbwegs angemessen reagiert, und beim zuständigen Vorstand, der sich klar und deutlich äußert – auch, wenn es selbstverständlich nicht nur semantisch sondern auch von der Haltung völliger Unsinn ist, sich selbst zu entschuldigen, denn man kann nur um Entschuldigung bitten, Anfängerfehler und auch eine Bildungsfrage, sorry). Auf Instagram brutale und absurde Schuldumkehr plus null Einsicht, dass der Spot objektiv rassistisch ist.
Eigentlich sind nur zwei Szenarien denkbar und beide sind grauenvoll. Und lassen Schlüsse zu, wie meines Erachtens Agenturen sich organisieren sollten, damit das nicht passiert.
Was kann da passiert sein?
Entweder jemand hat mit rassistischem „Humor“ und rassistischen Popkultur-Symbolen gespielt und niemand von denen, die Verantwortung tragen, Abnahmen machen, Milestones freigeben, hat es gemerkt. Oder die Entscheiderinnen haben diesen Rassismus bewusst eingesetzt, weil sie eine Zielgruppe anpeilen, die dafür offen ist - und unterschätzt, dass es andere empört. Das, was ich über die (neuen) Zielgruppen für den neuen Golf weiß, schließt das zweite Szenario glücklicherweise aus.Bleibt die Kombination aus bewusstem Rassismus und dem Unvermögen aller Seniorinnen, das zu stoppen. Dafür spricht auch, wie die Instagram-Antwort von Volkswagen aussieht. Denn jede Agentur, die seriös ist, wird einen Rassismus-Vorwurf sofort sehr hoch eskalieren. Das heißt, diese Antwort von VW ist, denn ich gehe davon aus, dass Instagram von einer seriösen Agentur betreut wird, mindestens auf Managing Director/Geschäftsführer-Ebene „abgesegnet“ worden, wahrscheinlich auch von einer Leitungsfunktion beim Kunden. Dass keinerlei Problembewusstsein zu erkennen ist (also für das echte Problem, den Rassismus, nicht für das Problem der Kritik), ist ja tatsächlich erschütternd und nur mit einer Kombination aus mangelnder Bildung der Führung und keiner Diversität im Team erklärbar, wenn ich keine Bosheit unterstellen will.
Agenturen, die so was fabrizieren, haben ein echtes Problem
Ich bin überzeugt, dass so etwas in einer Agentur, die organisatorisch und personell achtsam aufgestellt ist, verhindert werden kann. Prozesse, Rassismen, die unterschwellig in Konzepte und Kreation „sickern“, zu entdecken, sind meines Erachtens in jeder Agentur nötig. Denn gerade in nicht divers geformten Teams (und damit haben wir Agenturen in Europa und Nordamerika immer noch ein Problem) ist es wichtig, „unconscious bias“ zu kontern.Während einige der rassistischen Elemente des Volkswagen-Films auch ohne so einen Prozess aufgefallen wären, wenn gebildete Vorgesetzte involviert gewesen wären, kann ich mir schon vorstellen, dass die weiße Hand und der schwarze Mann „durchrutschen“ können. Um das zu verhindern, muss ich mich anstrengen. Denn auch ich, der sich seit mehr als 30 Jahren mit Eine-Welt-Fragen, Kolonialismus und Rassismus beschäftigt, habe da immer noch blinde Flecke, in denen mir Dinge nicht auffallen. Und in denen ich Worte und Bilder benutze, die in der rassistischen Tradition stehen, die Europa seit der Aufklärung entwickelt hat.
Unstereotype
Darum bin ich so ein großer Anhänger der Unstereotype Allianz und setze das Framework und die Checklisten in meiner Arbeit ein. Und eine Konsequenz aus dem rassistischen Desaster dieses Films ist, dass ich sie verpflichtend in den Agenturen mache, in denen ich Geschäftsführer bin. Der Konzern, zu dem meine Agenturen gehören, ist Mitglied in dieser Allianz, die eine Initiative der Vereinten Nationen ist. Darüber bin ich sehr glücklich – und die Ergebnisse, die das Framework, das im letzten Jahr in Cannes vorgestellt wurde, in der konkreten Arbeit bringt, sind ziemlich gut. Ich finde es absurd, dass in deutschen Kreativ- (und PR-) Preisen anders als in vielen internationalen die Kriterien der Unstereotype Allianz noch immer nicht als Schwelle eingezogen sind, über die Einreichungen müssen. Und dass mir keine deutsche Agentur bekannt ist, die regelmäßig (also als Standardprozess) diese Kriterien anwendet [falls es welche gibt, freue ich mich über Hinweise; und auch wir werden es ja erst jetzt verpflichtend machen].Darum ist es so zwingend notwendig, dass wir in der Weiterentwicklung unserer Agenturen darauf achten, dass gemischte Teams entstehen: nach Herkunft, Geschlecht, Alter und Diskriminierungserfahrungen. Da haben die allermeisten von uns massiven Nachholbedarf. Erster Schritt ist, das anzuerkennen – und Prozesse in Gang zu setzen, einerseits, dieses zu ändern, und andererseits, in der Übergangszeit andere Perspektiven zu simulieren oder von extern reinzuholen. Auch dazu kann die Methodik der Unstereotype Allianz helfen übrigens.
Bildung
Da ich mit dem Thema Bildung gestartet bin und das mein Lieblingsthema ist: auch das ist wichtig. Teilweise lässt es sich über altersgemischte Teams zumindest in Ansätzen angehen, weil Erfahrung und jahrelange Beschäftigung mit politischen und Gerechtigkeits-Themen formale Bildung sicher ersetzen und ergänzen können. Ich halte es für möglich (oder wahrscheinlich), dass Teile des Teams, das diesen rassistischen Film entwickelt hat, die Symbole und den Rassismus nicht gesehen haben. Das ist auch individuell nicht unbedingt das größte Problem in dieser Situation (wenn auch bitter für die Betroffenen), wenn die eigene Expertise keine Bildung oder Herzensbildung verlangt. Aber irgendwo in so einem Team müsste mindestens eine Person sein, die entweder genug Bildung oder genug Erfahrung hat, um dies zu erkennen. Es ist ein anderes Thema, aber eben einer der Gründe, wieso Social eben nichts allein für die #diesejungenleute ist.Edit 17.15 Uhr: Inzwischen hat DDB sich zu dem rassistischen Film geäußert und Maßnahmen zur Veränderung angekündigt. Ich wünsche den Kolleginnen dabei Erfolg. Finde ich gut.
disclosure: Ich führe als Geschäftsführer eine Agentur, die zu einem der Teams gehörte, die sich um den Etat für den neuen Golf beworben hatten. Ich habe noch nie für Volkswagen gearbeitet, wir arbeiten aber für andere Automobilhersteller aus Deutschland, Italien, England, Indien, USA, Korea (und vielleicht noch für andere). Ich wüsste nicht, dass ich jemanden persönlich kenne, der oder die an diesem Film oder der Kampagne gearbeitet hat, i
24.2.20
Warum es ein gutes Zeichen ist, dass die Prognose bei der AfD so daneben lag
Dennoch finde ich es bemerkenswert, wie stark die Prognose daneben lag – ganz anders als bei den anderen Parteien. Zur ersten Prognose waren sich die Forscherinnen recht sicher, dass es nicht reichen wird. Um zu verstehen, wieso das ein gutes Zeichen ist, genügt ein Blick auf das Instrument Prognose:
Die 18-Uhr-Prognosen entsteht ja aus so genannten Nachwahlbefragungen. Da werden also noch keine ersten Stimmzettel angeguckt – sondern es werden Wählerinnen in einigen Wahllokalen nach ihrer Wahl befragt, wen sie gewählt haben. Als ich noch in Hamburg wohnte, war das beispielsweise in einem Wahlbezirk in unserem Wahllokal am Stadtrand der Fall. Mit den Ergebnissen dieser Befragung schätzen die Forscherinnen dann das Ergebnis. Und diese Schätzung ist traditionell recht gut. Bei den letzten Wahlen (im Osten vor allem) auch bei den Faschisten.
Wer sich mit Befragungen beschäftigt, weiß, dass es Dinge gibt, die Menschen auch in einer relativ geschützten Umgebung nicht gerne zugeben. Es gibt dann immer welche, die auf so genanntes sozial erwünschtes Verhalten zurückgreifen. Sprich: einfach die Unwahrheit sagen. Die Wahl von Faschisten gehört zu den Dingen, die viele nicht zugeben mögen. Darum werden die Zahlen bei der Prognose eben nicht eins zu eins übernommen – sondern mit Erfahrungswerten modelliert.
Offenbar haben in Hamburg so wenige Leute zugegeben, die Faschisten gewählt zu haben, dass selbst die Korrektur noch nahelegte, dass sie unter 5% bleiben. Heißt also: anders als im Osten und anders als bei den letzten Wahlen in Hamburg haben sie sich deutlich mehr geschämt und wussten deutlich besser, wen und was sie da wählen.Es waren also zu einem großen Teil eben keine Protestwählenden mehr, sondern echte Rechtsradikale, die wissen, dass rechtsradikal sein nicht als normal und akzeptabel gilt.
Ausgrenzung wirkt!
Denn nicht zugeben zu mögen, dass ich Faschisten toll finde, ist der erste Schritt. Rechtsradikale Meinungen sind so lange kein "Problem", so lange sie nicht zur Wahl von Faschisten führen (also klar sind sie ein Problem, aber wir können mehr oder weniger damit leben, haben wir ja auch in den 80ern und 90ern, als diese Leute überwiegend nicht wählten oder eben eine der beiden großen Parteien, wofür ich immer dankbar war).Offenbar ist in Hamburg gelungen, was die AfD ja auch am Abend in jedes Mikrofon klagte: sie auszugrenzen. Und während schon länger klar war, dass "mit Nazis reden" oder "die Sorgen Ernst nehmen" als Konzept gescheitert war, hat Hamburg gezeigt, dass Ausgrenzen funktioniert. Weniger als jemals seit ihrem Aufstieg wurden die Faschisten gewählt. Erstmal haben sie keinen Zuwachs erzielt sondern verloren. Und erstmals haben sich die Menschen geschämt, die sie gewählt haben. Sie sind wahrscheinlich unverbesserlich. Aber alle die, die dazu gehören wollen, denen wichtig ist, dass ihre Nachbarinnen und Familien sie für "noch ok" halten, die sich als Mitte der Gesellschaft erleben - alle diese wählten diesmal keine Faschisten (mehr). Und das ist ein wirklich, wirklich gutes Zeichen.
7.2.20
#unverzeihlich
Unverzeihlich. Das ist ein hartes Wort, das so gar nicht zu pragmatischer Politik zu passen scheint. Unverzeihlich heißt, dass selbst dann, wenn jemand um Entschuldigung bittet und einräumt, dass es ein Fehler gewesen sei – dass selbst dann keine Vergebung erfolgen kann. Weil es nicht verziehen werden darf. Weil es unverzeihlich ist.
Was Merkel hier macht, ist größer noch als die schnellen, klaren und unmissverständlichen Worte von Söder und Ziemiak unmittelbar nach der Tat. Worte, für die ich dankbar war und die mir großen Respekt eingeflößt haben. Und zu deren Klarheit sich bis heute beispielsweise Lindner nicht durchringen konnte. Merkel geht einen Schritt weiter. Und das wird kein Zufall sein.
Machen wir es konkret am Beispiel eines Regierungsmitglieds, das viele (auch viele nicht-konservative) Menschen in meinem beruflichen und privaten Umfeld gut finden: Dorothee Bär, mit der ihr euch so gerne fotografiert und die ihr ob ihrer Digital- und Social-Media-Kompetenz bewundert. Sie gratulierte (spontan) freudig zum Dammbruch. Legte auf Nachfrage (nicht mehr so spontan) explizit nach. Löschte das später. Und nannte es einen Fehler. Fehler passieren. Meine Leute wissen, dass ich ihnen bei Fehlern nicht den Kopf abreiße, wenn sie aktiv mit ihren Fehlern umgehen. Es ist gut, um Entschuldigung zu bitten.
Es gibt aber Fehler, die sind unverzeihlich. Und Angela Merkel hat meines Erachtens Recht, wenn sie den Dammbruch so qualifiziert. Denn es ist unverzeihlich, dieses nicht sofort zu sehen. Es ist eben nicht nur unüberlegt – sondern niemand, die einen funktionierenden Kompass hat, die einen antifaschistischen Autopilot hat, würde selbst unter Fieber oder Drogen feiern, wenn sich jemand von Nazis in ein Amt wählen lässt. Das kann nur passieren, wenn es keine innere Brandmauer gegen Faschisten gibt. Oder wenn jemand Faschisten nicht für Faschisten hält (wie die Funktionärinnen meines Berufsverbandes, die nicht verstehen wollten, wieso ich die Einladung eines Faschisten als Festredner nicht so super finde).
Unverzeihlich heißt, dass einer Bitte um Entschuldigung nicht entsprochen wird. Punkt. Oder, wie es in einem meiner Lieblingsfilme heißt: Im Urlaub kauft man Lederjacken zu weit überhöhten Preisen. Aber man verliebt sich nicht in faschistische Diktatoren.
4.3.19
Aber doch nicht so!!1!11
Feminismus wäre voll super. Wenn die Feministinnen nicht so aggressiv wären.
Euren Erfahrungen von Ausgrenzung könnte ich bestimmt zuhören. Wenn ihr nicht immer sagen würdet, dass das was mit Rassismus zu tun hätte.
Dass ihr euch gegen den Klimawandel engagiert, ist voll cool. Aber nur, wenn ihr das Sonnabends tut.
Tatsächlich ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass die Art, wie meine Generation, die gerade überall in Unternehmen, Medien und Politik "am Ruder" ist, mit dem Klimawandel umgeht, für die Generation meiner Kinder beängstigend ist. Und dass es sinnfrei erscheint, sich voll auf eine Zukunft vorzubereiten, die massiv in Frage steht.
Ok, auch für Menschen in meinem Alter gab es eine Zukunft, auch wenn wir eine Zeit lang in den 80ern nicht dachten, dass das so sein wird. Und ja, zumindest für die privilegierten unter den Kindern wird es wahrscheinlich auch eine Zukunft geben, weil erst andere Gegenden und Menschen dran glauben werden müssen. Aber das Argument, dass die Kinder – anders als die Generation ihrer Eltern – ihre Hausaufgaben gemacht haben, ist einfach wahr.
Wow, was für eine Generation
Mich beeindruckt, wie, in welcher Geschwindigkeit und mit welcher Qualität die Kinder sich organisieren und ihre Argumente zusammen bekommen. Wie souverän sie in Radioberichten klingen, wie klar ihre Botschaften und wie einheitlich ihre Argumente sind. Kein Wunder, dass es für die Kanzlerin, bis sie jetzt zurück ruderte, zunächst fast wie von einer geheimnisvollen Macht gesteuert aussah. Kein Wunder, dass sich so rasant in Dark Social organisierende Gruppen für viele in meiner Generation wie eine Bot-Armee wirken.Was ich erlebe – am Esstisch, in Gesprächen mit anderen Eltern, in Erzählungen von Kindern –, ist, wie die Kinder untereinander diskutieren, wie sie die kritisieren, die tatsächlich nur auf einen Tag schulfrei setzen, wie sie über Klassenstufen und Schulen hinweg die besten Tage für Aktionen in ihren (Klein-) Städten herausfinden. In hunderten von mehr oder weniger kleinen Gruppen in Messengern und anderem Dark Social. Selbstständig, ohne uns.
Sorgen ernst nehmen
Was würde ich mir wünschen, wenn auf die Kinder von der Politik und im Management von Unternehmen so positiv reagiert würde, wie es die letzten Jahre war, wenn andere Menschen, die sagten, sie seien besorgt, Laut gaben und pöbelnd durch die Straßen des Ostens zogen. Wenn meine Generation wenigstens versuchen würde, zu sagen, wieso ihnen der Klimawandel nicht so wichtig ist wie anderes.Stattdessen: Voice Policing. Ablenken, ausweichen, nichts sagen.
Ich freue mich total darauf, dass diese Generation bei der nächsten Bundestagswahl ganz überwiegend wahlberechtigt wird. Denn ähnlich wie die sogenannten "Besorgten Bürger" werden sie (als ebenso wie jene bisher nicht Wählende) eine Stimme haben und eine Stimme suchen.
Konsequenzen
Vor allem ärgert mich das Voice Policing so sehr, weil es billige Selbstverständlichkeiten postuliert. Selbstverständlich bekommen die Kinder dafür unentschuldigte Fehlstunden. Selbstverständlich werden im Wiederholungsfall die Eltern informiert. Selbstverständlich kann das auch Verweise oder andere Konsequenzen haben.Na und? Hat uns das damals davon abgehalten, gegen die Schulentwicklungsplanung (SEPL) zu streiken oder gegen Blut für Öl auf die Straße zu gehen? Es ist ja nicht so, als wären die Kinder dumm und würden es nicht wissen. Ganz ehrlich, ihr Besorgten Bürger, ihr Journalistinnen und konservative Politikerinnen – das müsst ihr ihnen nicht sagen. Oder wenigstens danach mit ihnen auch inhaltlich sprechen. Oder besser noch: mal euren Hintern hochbekommen und entweder offen zugeben, dass euch der Klimawandel nicht wichtig genug ist und ihr nicht glaubt, dass sie Kinder Recht haben. Oder eben tatsächlich was tun und die richtigen Entscheidungen treffen.
Politisch und persönlich
Denn es ist beides. Ich kann, auch wenn es in den letzten Jahrzehnten sehr populär war, das zu tun, nicht einfach das Klimaproblem in den persönlichen Bereich delegieren. Ja, auch da kann und muss ich, muss meine Generation was tun. Und viele von uns tun da auch was. Sei es, dass wir vor längerer Zeit unseren Stromanbieter gewechselt haben. Sei es, dass wir als Unternehmerinnen Reisen vermeiden. Sei es, dass wir als Entscheiderinnen die Dienstwagenflotte unserer Unternehmen auf Elektroautos umstellen. Sei es, dass wir Plastik vermeiden.Aber wo meine Generation versagt, ist, die Rahmensetzung so radikal zu ändern, dass die Generation meiner Kinder eine reale Chance auf eine Zukunft hat. Und das ist politisch.
Wie toll, dass die Generation meiner Kinder nun politisch wird und nicht nur persönlich bleibt.
31.12.18
Wie rauchen
Als ich ein Kind war, gab es "Brot statt Böller". Das wurde ganz in der Nähe von unserem Zuhause erfunden, in Bargteheide, 1981. Fand ich gut, denn schon als ich vier war, habe ich, als meine Eltern mich weckten, damit ich das Feuerwerk sehen konnte, nur gemurmelt, "will kein Feuer sehen".Ich mag Feuerwerk. Sehr sogar. Wenn jemand eines choreographiert, das elegant ist und eine Geschichte erzählt. Was ich noch nie mochte, war mir sinnlos erscheinendes Werfen von lauten Dingen, die explodieren. Ebenfalls als ich Kind war, haben wir Silvester immer mit einer Familie gefeiert, die in der Stadt wohnte. Auf dem Weg wurden wir schon damals von Jugendlichen mit Donnerschlägen beworfen, die am Auto explodierten oder vor unsere Füße kullerten. Nicht so direkt witzig.
Neulich, als wir uns fragten, ob wir zu intolerant sind inzwischen, weil wir tatsächlich gar kein Verständnis mehr haben für Menschen, die Böller oder Raketen kaufen und ballern, fiel mir die Analogie zum Rauchen ein – die mir passender vorkommt, je näher Silvester rückt. Denn im Grund ist Böllern ja wie Rauchen. Und meine Haltung zu Leuten, die böllern, ähnlich verständnislos wie zu Leuten, die rauchen.
Leute, die böllern, obwohl sie Tiere haben, sind wie die, die rauchen, obwohl sie Kinder haben.— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) December 31, 2018
Absurd wird es, wenn Menschen, die Tiere halten oder mit Tieren leben, böllern. Denn die könnten, wenn sie auch nur mit geringen Mengen Empathie ausgestattet wären, sehen, was es bei denen anrichtet. Wer einmal eine Pferdeherde in Panik im Kreis hat laufen sehen, weil um sie herum kriegsähnliche Zustände herrschen, ist wahrscheinlich für alle Zeit kuriert. Wer einmal demente alte Menschen erlebt, die sich in die Bombennächte in Hamburg zurück versetzt fühlen und vor Angst schreien, weil alles wieder hochkommt, verliert jedes Verständnis vor denen, die daran Spaß haben.
Dieses Jahr habe ich mal drauf geachtet, wer da an den Grabbeltischen stand und Böller in den Einkaufswagen lud. Und selbst das eine oder andere Vorurteil ein bisschen weglassend, war der Vergleich mit Rauchen wieder passend. Es ist geradezu beruhigend, dass Böllern wie Rauchen mehr und mehr etwas ist, das nur noch in bildungsfernen und unterbürgerlichen Schichten unreflektiert verbreitet ist. Zumindest bei uns.
Und dass dieses Jahr der Terror der Idioten erst heute, am Silvestertag, begann und nicht wie in den letzten Jahren am 28.12., macht mich optimistisch. Dass es irgendwann, zu einem Zeitpunkt, den ich noch erlebe, nur noch zentrale, wunderschöne Feuerwerke geben wird. Und sich dumm vorkommt, wer der Zeit hinterhertrauert, in der sie Feuerwerk im Supermarkt kaufen konnte.
6.12.17
The Silence Breakers
In den letzten zwei Monaten habe ich mir oft die Augen gerieben und mich gefragt, wieso
Ich habe zu #MeToo geschwiegen. Vor allem, weil ich finde, dass Männer, vor allem Männer in Machtpositionen, erst einmal zuzuhören haben. Und darum habe ich die letzten zwei Monate zugehört. Über mein eigenes Verhalten nachgedacht. Noch einmal Abbitte dafür geleistet, dass ich in einer privilegierten Situation allzu lange geschwiegen habe und am Ende auch nur durch Weggehen auf das sexistische und übergriffige Ausnutzen von Macht reagiert habe (und nicht durch den Versuch, es zu beenden oder öffentlich zu machen).
Dass die Menschen, vor allem Frauen, die am Ende den Mut fanden, auszusprechen, was Männer ihnen gegenüber für Verbrechen verübt haben; die am Ende die Hoffnung hatten, dass andere es ebenfalls aussprechen; die am Ende darauf vertrauten, dass es andere gibt, die ihnen glauben und den furchtbaren Leuten, die es beispielsweise in den deutschen Feuilletons kleinredeten, nicht auf den Leim gehen – dass diese Menschen die berühmte "Person of the Year" des TIME Magazine werden: das macht mich glücklich.
Und es macht mir Hoffnung. Genau so Hoffnung wie die Menschen, die nach dem Aufbäumen des Faschismus in Parteien eintreten. Wie die vielen, vielen Frauen, die sich auf einmal in den USA um Ämter bewerben, die zurzeit noch von solchen sexistischen Verbrechern besetzt sind. Es lässt mich hoffen, dass ich doch nicht vergeblich darauf setze (auch wenn mich dafür die früher konservativen und heute offen reaktionären unter meinen Bekannten auslachen), dass das, was wir gerade erleben, nur das letzte Aufbäumen der Verlierer des gesellschaftlichen Fortschritts ist. Dass wir nicht nur das Patriarchat sondern auch das fast ebenso grauenvolle, wenn auch ganz andere Fratriarchat überwinden werden. Dass der Rückschritt nur eine Delle im Fortschritt ist.
Aber wie auch immer. Heute bin ich dankbar und freue mich. Und sage zum ersten Mal etwas zu #MeToo.
8.9.17
Zur Wahl
in die Kasernen der Vergangenheit.
Glaubt nicht, daß wir uns wundern, wenn ihr schreit.
Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreien.
| Finsterwalde. Wie passend. |
Ihr kommt daher und laßt die Seele kochen.
Die Seele kocht, und die Vernunft erfriert.
Ihr liebt das Leben erst, wenn ihr marschiert,
weil dann gesungen wird und nicht gesprochen.
Ihr liebt die Leute, die beim Töten sterben.
Und Helden nennt ihr sie nach altem Brauch;
denn ihr seid dumm und böse seid ihr auch.
Wer dumm und böse ist, rennt ins Verderben.
Ihr liebt den Haß und wollt die Welt dran messen.
Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin,
damit es wächst, das Tier tief in euch drin!
Das Tier im Menschen soll den Menschen fressen.
Ihr möchtet auf den Trümmern Rüben bauen
Und Kirchen und Kasernen wie noch nie.
Ihr sehnt euch heim zur alten Dynastie
und möchtet Fideikommißbrot kauen.
Ihr wollt die Uhrenzeiger rückwärtsdrehen
Und glaubt, das ändere der Zeiten Lauf.
Dreht an der Uhr! Die Zeit hält niemand auf!
Nur eure Uhr wird nicht mehr richtiggehen.
Wie ihr’s euch träumt, wird Deutschland nicht erwachen.
Denn ihr seid dumm, und seid nicht auserwählt.
Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt:
Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!
Erich Kästner, 1932



