Als wir uns auf die Beerdigung und den Trauergottesdienst meines Schwiegervaters vorbereiteten, war das, was schön war, auch wenn eigentlich nichts schön war, die Erinnerung an Geschichten und das gemeinsame Erleben. Gerade als jemand, der erst als junger Erwachsener in die Familie kam und aufgenommen wurde, ist mir da noch einmal viel bewusst geworden. Vor allem das hermeneutische Wohlwollen, das die beiden auszeichnete und meine Schwiegermutter immer noch auszeichnet.
Wenn ein Leben sich dem Ende zuneigt, geht es nicht darum, sich zu verabschieden. Das dachte ich irgendwie immer, aber das stimmt nicht. In der einen Woche, die meine Großmutter zum Sterben gebraucht hat, ging es viel mehr darum, da zu sein. Für sie da zu sein. Ihr Hand zu halten. Ihr in ihrer Angst und beim Loslassen Sicherheit und Ruhe zu geben.
Als meine Mutter vor zwölf Jahren starb, war es Nacht, sie ist nicht mehr aufgewacht und war vorher viele Jahre lang nicht mehr da. Zwei Jahr vor ihrem Tod schrieb ich was darüber. Als mein Großvater vor eineinhalb Jahr starb, habe ich ihn ins Krankenhaus begleitet und mit ihm gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass er die Operation wagt, die er nicht überstanden hat. So dass er im Grunde starb, wie er lebte – abrupt, im Wissen, dass er sterben will und wird, allein.
Und so war es für mich und auch für die Meinen das erste Mal, dass wir jemanden intensiv in den Tod begleitet haben.
Das war eine harte Woche, vor allem emotional, aber eine, die für sie und für uns wichtig war. Und ich bin dankbar, dass wir es gemacht haben und uns nicht einfach nur verabschiedeten. Wir haben sie ja auch die letzten Jahre, die sie nicht mehr selbstständig leben konnte, begleitet. Vor Corona zwei- bis dreimal wöchentlich, oft auch so, dass wir sie zu uns geholt haben, dass sie ein bisschen am Leben teilhaben konnte. Glücklicherweise in den letzten Wochen wieder ein bisschen, einmal war sie sogar noch wieder bei uns zu Hause.
Da sein. Am Ende war es vor allem das. Mit ihr singen und beten und ihr versichern, dass hier alles abgeschlossen ist und wir sie gehen lassen. Ihr helfen, den Ausgang zu finden. Sie erinnern, dass sie auf ihre Tochter und ihren Mann nicht hier warten muss und kann – sondern dass sie auf sie warten, drüben.
Meine Großmutter. Die immer selbstbestimmt sterben wollte, die in den 70ern und 80ern klare Vorstellungen davon hatte, wie sie ihrem Leben zur Not selbst ein Ende setzen könnte. Und die am Ende nicht loslassen konnte. Die noch nicht sterben wollte, als klar war, dass ihr Körper und ihr Geist nicht mehr können. Aber doch Gott vertraute, dass er sie holen werde, wenn es sein soll.
Da sein war wichtig in dieser Zeit, das war deutlich zu spüren. Und das war Lohn genug, wenn es denn welchen braucht. Und dass sie sich Zeit gelassen hat, hat den anderen ermöglicht, sich von ihr zu verabschieden.
Und als der letzte Urenkel, der die Woche über außerhalb arbeiten musste, schließlich da gewesen war, konnte sie gehen. Und hat es auch sofort gemacht. Sie hatte auf ihn gewartet, der eine Zeit lang bei den Urgroßeltern gewohnt und sich um sie gekümmert hatte, bevor sie ins betreute Wohnen gehen konnten und mochten.
Eine intensive Woche. Mitzuerleben, wie sie wartete, wie das Leben weniger wurde, mühsam. Wie ihre herzensgute Fröhlichkeit immer weniger zu sehen war, auch wenn fast bis zum Schluss noch etwas durchschien. Danke, liebe Großi, dass du mehr als 50 Jahre für mich da warst. Danke, dass du alle Irrungen und Wirrungen unserer Leben immer mit Liebe und Bestätigung begleitet hast. Bis zum letzten Tag fragtest du, ob es allen gut geht, ob wir glücklich sind. Und ja, wir sind es. Wir sind traurig, dass du tot bist. Aber wir sind glücklich, dass wir dich auf diesem Weg begleiten durften. Und werden da sein, wenn du später in dieser Woche deine allerletzte Reise antrittst, die dich zurück an die Seite deines Mannes führt, mit dem du weit über 70 Jahre jeden Abend Hand in Hand eingeschlafen bist.
Und ich bin unendlich dankbar, dass ich eine so wundervolle Frau an meiner Seite habe, die diesen Weg mit mir gegangen ist. Und Kinder, die ihn mitgegangen sind. Wie bin ich gesegnet. Du hast das gewusst und es mir jedes Mal gesagt, wenn wir uns sahen.
Ich habe lange, wirklich lange überlegt, ob ich doch noch etwas schreibe oder nicht über Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede vom 2. März. Interessanterweise habe auch ich erst von dieser Rede erfahren, als ich über die Kritik an ihr etwas hörte. Vielleicht hatte ich dabei Glück, denn es war in "Kultur heute" im Deutschlandfunk - und offenbar eine der wenigen Erwähnungen der Diskussion, die nicht durch massive Zitatverkürzungen einen Skandal herbeiredete. Sondern im Gegenteil angesichts der Diskussion und des offenen Briefs der Dredner Dramaturgen Koall längere Ausschnitte aus der Rede dokumentierte. Das war am 6. März. Und ich twitterte daraufhin:
Nachdem ich die entscheidenden Passagen der Dresdner Rede von Sabine Lewitscharoff gehört habe: was soll die Aufregung? Hat doch Recht! #fb
— Wolfgang Lünenbürger (@luebue) March 6, 2014
Was mir viel Kritik einbrachte, mich um die 50 Follower kostete, und dazu führe, dass ich einige wenige weitere Leute blockte. Und es brachte mich in eine recht fruchtbare, weil zwar kontrovers und hart aber kultiviert geführte Twitter-Diskussion mit dem SpOn-Redakteur Konrad Lischka.
Danach habe ich die Rede noch einige Male im Audiostream gehört, den das Staatsschauspiel auf seiner Seite anbietet. Und je häufiger ich die Rede hörte, desto mehr ärgerte ich mich über die Reaktionen darauf. Ja, ich teile auch nicht alle Punkte. Ja, ich finde es gräßlich, dass Lewitscharoff zustimmend den Rechtsdenker Peter Sloterdijk erwähnt, zumal sie nicht mal Recht damit hat, dass er "der einzige" sei, der dieses Thema bearbeitet habe. Ja, ich finde den rechtspopulistischen Duktus des Man-wird-ja-wohl-noch-mal-sagen-Dürfen in ihrer Selbstverteidigung gegenüber der FAZ eklig, um in ihren Worten zu bleiben. Wer Sloterdijk gut findet und solchen Fuß-Aufstampf-Kram sagt, verortet sich selbst so weit rechts außen im politischen Spektrum, dass sie eigentlich beschwiegen werden müsste.
Eigentlich, wäre da nicht die Dresdner Rede. Die zu 2/3 aus der Ich-Perspektive und äußerst subjektiv - aber nicht minder spannend und dicht und nachdenklich-machend - über Leiden und die Grenzen des Lebens redet. Und zu knapp 1/3 dann auf den Beginn des Lebens zu sprechen kommt. Lewitscharoff spricht Themen an, mit denen ich mich theologisch, praktisch und ethisch seit fast fünfundzwanzig (in Worten: 25) Jahren beschäftige. Denen der Medizinethik und der ethischen und theologischen, anthropologischen Fragen der Pränatalmedizin. Inhaltlich stimme ich ihr zu etwa 90% oder etwas mehr zu. Was es vielleicht auch leichter macht, nicht bewusst zu versuchen, sie misszuverstehen. Und was, das merkte ich in den Diskussionen auf Twitter und in der Kohlenstoffwelt, eine Position ist, die zurzeit unpopulär ist.
Extrem interessant finde ich, dass ich bei denen, die Lewitscharoff (inhaltlich) kritisierten und denen, die in Ansätzen mit mir diskutierten, den Eindruck habe, dass sie die Rede nicht gehört oder gelesen haben. Denn beispielsweise wendet sie sich (und wende ich mich) nicht gegen die, die als Paar einen (insbesondere und auch mit medizinischer Indikation) unerfüllten Kinderwunsch haben und zu Methoden der künstlichen Befruchtung greifen. Finde ich für mich keine Option (brauchte ich aber auch nicht), finde ich aber ethisch und anthropologisch vertretbar. Ebenso argumentiert, mit etwas anderen Worten, auch Lewitscharoff. Aber genau diese Menschen und ihr Leid wurden als Kronzeugen gegen sie angeführt - was nicht nur falsch ist sondern auch mehr als nur unfair. Es ist üble Nachrede.
Die Fragen des Beginns und des Endes des Lebens, über die diese Rede spricht, sind alles andere als einfach und eindeutig. Ich denke, dass es absolut angemessen ist (obwohl ihr auch das ja vorgeworfen wurde), hier zunächst sehr personal zu argumentieren, sehr auf Empfindungen und Gefühle zu hören und sie zu beschreiben, Dankbarkeit und Ekel zu benennen. So lange ich nicht den Fehler mache, aus dieser personalen Sicht Regeln für alle zu machen. Was - anders als die Kritik an ihr suggeriert - Lewitscharoff mit nicht einem Wort tut.
Und so oder so - dieser ganz kurze theologische Exkurs sei mir gestattet - ist die reformatorische Unterscheidung von "Sünde" und "Sünder" hier ja sehr relevant. Aus christlich-lutherischer Sicht ist es nie angemessen, Menschen zu verurteilen, die etwas tun, was ich für falsch halte. So wenig übrigens, wie es angemessen wäre, ihr Verhalten in diesem Fall kritiklos zu akzeptieren. Dies macht es aus christlicher Sicht auch etwas einfacher, die Diskussion über den Beginn und das Ende des Lebens zu führen. Denn auch diejenigen, die hier anderer Meinung sind als man selbst oder als das, worauf sich "die Kirche" geeinigt hat (mal etwas verkürzt ausgedrückt), werde ich nicht verurteilen oder ihnen den guten Willen absprechen, selbst wenn ich ihre Position oder Handlung scharf kritisiere.
Halbwesen
Die eigentliche Aufregung aber hat sich ja aus der - ja - etwas kruden Wortwahl ergeben, die Lewitscharoff gewählt hat. Und bei der ihr die eine oder andere auch gleich unterstellte, es ginge ihr nur um ihr Buch und die Promotion. Als ob da nicht der Büchnerpreis schon ganz gut geholfen hätte. Naja.
Das eine oder andere, was sie sagt, finde ich auch nicht richtig. Aber auch die fiesesten Worte hat sie schon bevor sie fielen, eingebettet. Sie spricht direkt vorher davon, dass sie jetzt übertreibt, weil sie so besonders wütend ist und sich so besonders ekelt. Und sie nimmt das Wort "Halbwesen" schon im nächsten Halbsatz wieder zurück, indem sie darauf hinweist, wie unfair und falsch es sei. Wer noch einmal nur diese Passage hören will - ab Minute 42 beginnt sie, ich habe die Rede hier unten eingebettet (direkt von der Staatsschauspiel-Seite her).
Die Dresdner rede von Sibylle Lewitscharoff ist sperrig und eigenwillig und in der Art, wie sie "ich" sagt, auch nicht allgemeingültig oder im klassischen Sinne philosophisch. Wohl aber im Buber'schen Sinne dialogisch, scheint mir. Aber das ist eine andere Geschichte. Es lohnt sich, über diese Themen zu streiten. Und wenn ich der Rednerin etwas vorwerfen will, dann dies: Dass sie es den Denkfaulen und denen, die explizit und begründet anderer Meinung sind als sie (und ich), allzu leicht macht, indem sie ihnen einen Brocken hinwirft, auf den sie sich reflexhaft stürzen. Und so die Diskussion vermeiden über Leid und Wohl am Lebensanfang und am Lebensende. Über die ethischen und anthropologischen Grenzen und Chancen der "frankenstein'schen Medizin".
So oder so lohnt es sich, die Rede noch einmal am Stück zu hören. Darum hier direkt das Audio.
Für die meisten von euch wird es Eulen nach Athen sein. Für die anderen wird es Zeit, es jetzt zu tun. Manchmal fehlt ja nur der Anstoß. Oder es ist nicht klar, wie wichtig das ist. Wir erleben das gerade mit dem 5-jährigen Sohn von Freunden.
Er wird jetzt auf eine Transplantation von Knochenmark vorbereitet. Nächste Woche wird die dann beginnen. Das mit der Isolation, dem Zelt, der Grausamkeit für ein kleines Kind und das zu Weihnachten - das erspare ich euch. Mir geht es um einen anderen Punkt:
Es war unmöglich, aus den Millionen von Spenderinnen in Europa und Nordamerika eine wirklich gute und wirklich passende Spende herauszufinden. Wochenlang wurde gesucht, dann ein Spender gefunden, der so halbwegs passt, sozusagen am unteren Rand dessen, was man wagen mag für die Transplantation. Denn hier kommt man mit Verwandtschaft und so weiter nicht weiter. Es sind unglaublich viele Merkmale, die Knochenmark aufweist - und je mehr davon mit dem Jungen übereinstimmen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er das Mark annimmt und also überlebt.
Obwohl ich selbst typisiert, also als Spender eingetragen bin, war mir das so nicht bewusst. Dass es so schwierig ist, eine Spenderin zu finden. Dass es für ihn keine gibt. Und sie es jetzt trotzdem versuchen werden. Denn er soll leben.
Jede einzelne, die sich typisieren lässt, erhöht die Chance für einen Menschen zu leben. Jede einzelne, die es nicht macht, tut genau das nicht. Es ist nur wenig. Und kann so viel sein. Denn seine Geschwister mitzunehmen oder den Weihnachtsbesuch ins Gästezimmer zu lassen, das können nur wir, die wir sein Umfeld bilden. Das andere könnt ihr auch. Hier.
Die guten meiner Kindheit und Jugend gehen alle. So ist das, wenn man selbst auch älter wird. Jetzt also der Degenhardt. War das eine Eilmeldung der Tagesschau wert? Ja, das war es. Ist es traurig? Weiß nicht, denn erstmal bin ich dankbar, dass es ihn gab.
Ich kannte ihn nicht persönlich, er war auch nicht einer von denen, die ich regelmäßig hörte. Aber er gehörte dazu. Für mich wie Erich Fried, wie Dorothee Sölle, wie Alfred Schulz. Die ich alle gut kannte und die auch alle tot sind. Irgendwie gehörte er in diese Reihe. Wahrscheinlich bin ich einer der Jüngsten, die noch wissen, wer er war und was er war und warum er für uns wichtig war. Der Zornige, Wilde, Einfache unter den Mutmachern.
Und Dem Scholz bin ich dankbar für dieses Lied und dieses Video. Nach so etwas habe ich den ganzen Tag unbewusst und im Hinterkopf gesucht. Denn ich wollte nicht den Gassenhauer bringen.
Es war das vielleicht einschneidendste Erlebnis meiner beruflichen Laufbahn, als am 16. Oktober 2006 bei uns in der Agentur bekannt wurde, dass Anna Hellwege gestorben ist. Dass sie ermordet wurde, wussten wir noch nicht sofort.
Ich war erst seit zweieinhalb Monaten bei Edelman, wir hatten gerade eine wilde, nicht nur angenehme Zeit hinter uns (mit einem Wal-Mart-Skandal und einer skurrilen Zusammenarbeit mit Technorati, die älteren von euch werden sich erinnern). Es war Unruhe in der Agentur an diesem Montagmorgen, weil es nicht üblich war, dass Anna fehlte, ohne dass sie Bescheid sagte. Sie wohnte direkt um die Ecke. Und im Laufe des Vormittag ging ein Schrei und ein Zusammenbruch durch die Büros. Auch für mich.
Es hat Jahre gedauert, bis wir dieses Erlebnis und diesen Verlust auch nur halbwegs verarbeitet hatten, es hat für sehr lange Zeit sehr viel geändert. Nun bin ich seit zwei Jahren nicht mehr dort, kann es also nicht mehr so wirklich beurteilen, wie es heute nachwirkt, wie es den Kolleginnen von damals an einem Tag wie gestern und heute wirklich geht.
Meine erste Begegnung mit Anna war direkt, als ich in den Hamburger Büros vorgestellt wurde. Sie kam gleich auf mich zu und hat mich herzlich begrüßt und sozusagen an die Hand genommen. Wie wenig selbstverständlich das war, habe ich erst später erfahren, als ich merkte, dass es durchaus Vorbehalte gab, nicht zuletzt, weil ich ein Mann bin (und ich war damals immerhin der einzige fest angestellte Mann im Team).
Leider habe ich nicht direkt mit ihr zusammen gearbeitet. Ich habe sie vor allem bei den Festen und den Agenturmeetings erlebt. Besonders beim immer legendären Agenturausflug kurz vor ihrem Tod, bei dem sie mir einen nur hinter vorgehaltener Hand dann die Runde machenden Spitznamen verpasst hat, bei dem ich immer immer lächelnd an sie denken muss. Und der gerade deshalb nicht in die Öffentlichkeit gehört. Der aber bis zu meinem Ausscheiden bei Edelman immer zu den Erinnerungsstücken, auch den gemeinsamen Erinnerungsstücken, an Anna gehörte.
Meine Erinnerungen und auch meine Trauer wohl sind nichts im Vergleich zu dem, was ihre Freundinnen und langjährigen Kolleginnen haben. und hatten. Und selbst mir fiel es schwer, in den Alltag zurück zu finden, wie viel schwerer wird es anderen gefallen sein. Dem einen oder der anderen werde ich ein kleines bisschen dabei geholfen haben, was mich glücklich gemacht hat. Und dass der beste Prediger und evangelische Priester im Wortsinne, den ich in meinem Leben kennenlernen durfte, der ehemalige Propst Helmer Lehmann, ihre Trauerfeier gestaltete, war gut und wichtig und nicht nur für mich ein wichtiger Schritt auf dem Weg ins Leben zurück.
Noch heute ist Anna Hellwege präsent mit ihrem Lachen und ihrem Lebensmut. Und dafür bin ich ihr bis heute dankbar.
Der HERR ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Das Lamm ist im Ofen. Und Ostern war in meiner Kindheit immer das Fest, das am schönsten war. Familiengottesdienst im Gemeindesaal an langen Tischen mit gemeinsamem Frühstück, wir Kinder des Kinderchores immer dabei. Später, mit der eigenen Familie, dann gemeinsam mit Freunden und unseren Kindern in die Kirche und hinterher ausführlich frühstücken. Aber trotzdem ist mir schon sehr lange der Karfreitag wichtiger gewesen. Und schöner.
Theologisch ist es immer umstritten gewesen, welches dieser beiden "Feste" wichtiger sei. Für mich war es der Karfreitag, für andere Ostern. Mich hat nachhaltig beeindruckt und auch geprägt wahrscheinlich, wie die frommen Liberalen des 19. Jahrhundert (ja, das gab es, zumindest bei uns im Norden und ein bisschen in Baden und Württemberg) darauf bestanden, dass das Erlösungswerk unseres Herrn auch ohne Ostern komplett ist - gerade weil er bis in den Tod gegangen ist, damit wir leben können. Es war die Verteidigung gegen die Wissenschaftsjünger, damals, als man Wissenschaft noch ideologisch verstanden hat, wie es heute ja nur noch die Pseudowissenschaft tut, also gegen das Argument gerichtet, dass die Auferstehung nicht möglich sei.
Karfreitag ist meiner Überzeugung nach der eigentliche Wendepunkt im Leben. Und das eigentlich unerhörteste an meiner Religion. Denn dass der Heiland aufersteht, geboren wird, heilt und so weiter - das ist religiös sozusagen "normal". Dass er aber bewusst und dennoch klagend in den Tod geht, ist etwas besonderes. Alle Religionen kennen so etwas wie ein Opfer - aber dass sich Gott selbst opfert, und sei es in Menschengestalt, dass Gott das tiefste menschliche Leiden, das möglich ist - Folter, die zum Tode führt - kennt und erlebt hat, ist unglaublich und irrwitzig und unfassbar. Für mich tatsächlich viel unerhörter und unfassbarer als der Sieg von Ostern.
Oder, wie es im Lied von 1659 von Ernst Christoph Homburg heißt:
Nun, ich danke dir von Herzen, Herr, für alle deine Not: für die Wunden, für die Schmerzen, für den herben, bittern Tod; für dein Zittern, für dein Zagen, für dein tausendfaches Plagen, für dein Angst und tiefe Pein will ich ewig dankbar sein. (EG 86,8)
Der wunderbarste, tiefste, "religiöseste", ja auch schönste Gottesdienst des Jahres ist darum für mich seit Jahrzehnten schon der zur Sterbestunde Jesu. Mit dem Läuten der einen Glocke (Totenläuten) um 15 Uhr beginnt er, die Orgel schweigt zu diesem Zeitpunkt bereits. Der Gottesdienst ist geprägt von tiefer Stille. Im Zentrum steht das Evangelium. Und es endet mit den Worten, dass Jesus stirbt. Der Altar wird abgeräumt, ein Moment der Stille, Musik, die nur von den Stimmen der Menschen kommt, die im Gottesdienst sind.
Und weil in diesen Gottesdienst mitten am Tag nur die Menschen kommen, denen diese Stunde etwas bedeutet und wichtig ist, herrscht eine besondere Stimmung und Andacht. Wer zur Sterbestunde in die Kirche kommt, weiß, was ihn oder sie erwartet. Gerade an Osterwochenenden wie diesem, mit 25° und strahlendem Himmel.
Die schönsten Gottesdienste zur Sterbestunde habe ich damals erlebt, als ich in der Kantorei Bramfeld war. Ein Jahr nur mit den Männerstimmen, das eine oder andere Jahr mit einer kompletten Passion von Heinrich Schütz, a capella selbstverständlich, so "inszeniert", dass die Sterbeszene der Passion genau um 15 Uhr endet, dann Stille herrschte, die Totenglocke klingt - und der Gottesdienst mit dem Schlusschoral schließt.
Aber auch ganz einfache Gemeindegottesdienste wie in diesem Jahr bei uns im Dorf. Wenn die überraschend große Gemeinde ohne Instrumente die alten Passionschoräle singt. Und wir schweigend den Wendepunkt des Lebens erleben.
Die Feiern des Lebens, die Ostern, auch Pfingsten, und - mit Abstrichen - sogar Weihnachten sind, bleiben mir wichtig. Die Tiefe des Erlösungswerkes meines Gottes und die Befreiung, die auch politische Ermächtigung, die sein Wirken auf der Erde und für die Menschen bedeutet, ist für mich nie tiefer zu spüren und zu erleben als zur Sterbestunde am Karfreitag.
Es gibt keine Worte, die angemessen sind. Und vielleicht sollten Medien irgendwann auch einmal schweigen. Und die üblichen Verdächtigen nicht immer hyperventilierend durch die überflüssigen TV-Sondersendungen tingeln. Und nicht über die Geschmacklosigkeiten auf Twitter diskutieren, solange ich keine Zeitung aufschlagen kann ohne mich zu ekeln über die Berichterstattung. (Zum Twitterthema finde ich übrigens Michael Domsalla lesenswert, auch als fast einzigen, vielleicht von einem der vielen Beiträge des Herrn Niggemeier einmal abgesehen)
Eine einzige Ausnahme. Jochen Kalka, Chefredakteur des Branchenblattes w&v. Gestern schon das einzige, was ich persönlich als lesenswert empfunden habe. Und heute wieder. Er stellt sich aus der Nähe, der schrecklichen Nähe, die gleichen Fragen, die wir uns zu Hause auch stellen.
Weiterhin berichten die Medien nur über den Täter. Schuld seien die Lehrer, sagt etwa am Abend im ARD-Brennpunkt die Frau aus Mainz, die sich Psychologin nennt und forsch auf kompetent macht. Schuld seien die Computerspiele, thematisiert auch noch am heutigen Freitag bald jede Zeitung, zumal der Täter genau die Spiele zu Hause hat, mit denen fast jeder Schüler spielt.
Auch das mangelnde Waffengesetz wird thematisiert, nicht aber, warum der Vater eines geistig kranken Jungen, der in der Psychiatrie in Behandlung ist, zu Hause seine Waffen offen herumliegen lässt.
Und es wird auch nicht thematisiert, dass es hier jetzt 15 Familien gibt, bei der jeweils seit Mittwoch ein Mensch weniger am Tisch sitzt. Zum Beispiel bei dem frisch verheirateten Polizisten, der einer der ersten am Tatort war und seine eigene Frau, eine junge Lehrerin, dort tot vorfand.
Sie hatte sich vor die Kinder geworfen, um sie zu schützen.
Das sind wirkliche Fragen. Meine Frau ist Lehrerin und fragt sich, wie sie sich verhalten hätte. Ein Kunde lebt in der Nähe und hat Angst um die Kinder von Freunden. Meine kleineren Kinder fragen mich, was das da auf dem Titelbild der Zeitung ist. Die größeren lesen selbst, ein bisschen, und fragen sich und uns das gleiche.
Aber es gibt keine Worte, die das Leiden beschreiben. Trotzdem ist dieses Leiden das einzige, was ich eigentlich lesen möchte. Darum gehen mir Kalkas Reportagen so nah.
Ist dies ein Plädoyer für die Emotionalisierung des Journalismus? Vielleicht. Obwohl das, was ich in dicken Buchstaben und lautem Gekeife am Rande mitbekomme, noch emotionaler ist, denke ich. Und wenn - wie gestern in der Tagesschau (die ich nicht gesehen habe, da bin ich auf Erzählungen angewiesen) - abends ein abstruser Fehler der Polizei (dies Ding mit der Ankündigung im Internet, die nicht stattfand) wiedergekäut wird, der zu diesem Zeitpunkt schon mindestens sechs Stunden widerlegt war, hab ich überhaupt keine Lust mehr.