Posts mit dem Label deutsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label deutsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

12.9.23

Niederlage

Einer der grauenvollsten Tage war der, den ich in Lidice verbrachte. Ich habe sehr geweint. Noch nie vorher war mir das Grauen des faschistischen Vernichtungskrieges so nah. 

Peter Stehlik 2009.05.12 Lidice 002aa

5.9.23

Kreuzberg

Eine der schönsten Wanderungen, die ich mit der Liebsten gemacht hab, als wir noch wandern waren, ging auf den Kreuzberg. Wir sind in einem Vorort von Gersfeld gestartet, in dem wir in einer Pension waren, und, wenn ich mich recht erinnere, erst über den Himmeldungberg und die Hohe Hölle nach Bischofsheim oder zumindest dran vorbei gelaufen und dann hoch auf den Kreuzberg. Da gab es gutes Bier und gutes Kraut und einen steilen Kreuzweg zum Gipfelkreuz, kurz vor dem Kloster mit seiner Schänke. Und dann wieder zurück, mit etwas schwereren Füßen. Insgesamt mehr als 25km, das weiß ich zumindest noch.

Seit dieser Zeit mag ich die Rhön, vor allem diesen Teil da, Lange Rhön, im Dreiländereck. So schade, dass unser großes Familientreffen dieses Jahr woanders stattfinden muss. Jedenfalls ist es mega schön da am Kreuzberg. Und auch, wenn die Einheimischen weit von sich weisen würden, dass es in Bayern liegt, gehört der Ort zumindest zum Bundesland Bayern.

3.5.23

Korruption

Es gibt ja zwei Gelegenheiten, zu denen ich alles über Korruption, Vermeidung von Korruption und Vermeidung des Anscheins von Korruption gelernt habe. Ob es noch andere gibt, weiß ich nicht. Aber beides sind Dinge, die (denke ich, zumindest für die, die nicht an sich Böse sind) künftige Korruption und vor allem die Grauzonen wie so genannte Vetternwirtschaft (gibt es dafür eigentlich ein modernes, für jüngere Menschen verständliches Wort?) relativ zuverlässig verhindern. Und wenn ich beide Gelegenheiten nicht hatte, ist das vor allem in den Naivität geschuldeten Fällen wahrscheinlich ein echtes Problem.

Das eine ist die Arbeit in einem internationalen Unternehmen, das seine Ethik-Standards aus den USA bezieht. Denn während viele Menschen, die sich gerne unwidersprochen widerlich benehmen wollen, oft sagen, Deutschland sei ja so schlimm und korrekt und so was, ist das nichts – in Worten: nichts – im Vergleich zu Kulturen, die von Achtsamkeit oder von hohen Strafen für widerliches Verhalten geprägt sind. In jedem US-Unternehmen, in dem ich war, sind ausführliche, jährliche Ethiktrainings und Antikorruptionstrainings Pflicht für alle Mitarbeiter*innen. Und vor allem in den Antikorruptionstrainings lernen Deutsche dann, dass vieles, was wir als völlig normales Verhalten empfinden, eigentlich schon mindestens auf halbem Weg in die Korruption ist. So wie auch nur befreundet zu sein oder mal zusammen Handball gespielt zu haben, angezeigt werden muss, wenn ich mit jemandem als Lieferant*in oder so was zusammenarbeiten will. Sonst ist das Korruption. Lernten wir alle in den Trainings dieser Unternehmen.

Das andere ist Kommunalpolitik. Weil direkt und unmittelbar vor Ort jede jeden kennt irgendwie, achten alle gemeinsam sehr darauf, dass niemand über irgendwas bestimmt, das dann zu eng an ihnen dran ist. Verwandt (was ja auch sehr oft der Fall ist auf dem Land) geht gar nicht. Bei sehr vielen Entscheidungen in kommunalpolitischen Gremien, Ausschüssen etc. ist immer irgendjemand befangen und geht raus und diskutiert nicht mit. Auch kommunalpolitisches Engagement ist also eine gute Schule dafür, nicht einfach durch Nicht-Nachdenken und Freundlichkeit auf abschüssige Pfade zu kommen.

Wenn ich beide Gelegenheiten nicht hatte, muss ich wahrscheinlich irgendwie anders an so Trainings kommen. Denn der "normale" (jaja, geht gar nicht das Wort) "gesunde" (auch das geht gar nicht, ich weiß) Menschenverstand reicht in unserer traditionell von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten geprägten Kultur eben gerade nicht aus, um hier die richtigen Leitplanken für das eigene Verhalten zu finden. Finde ich interessant.

Aber zum Schluss noch was Schönes. Islandpferdeparadies sozusagen.

unser Hund vor der Stutenherde auf der hügeligen Weide in der Morgensonne


28.8.15

We'll walk hand in hand



Wenn der täglich neue Ekel angesichts des krassen Versagens unserer Eliten (mit den wenigen Ausnahmen, die ihr kennt und die zumindest für mich alle drei überraschend sind) mir die Kehle zuzuschnüren droht, ist es gut, sich auf die Wurzeln der Hoffnung zu besinnen.

Und noch einmal zuzuhören, was einer in Merkels Position sagte, als es in seinem Land zu einem defining moment kam. Denn so etwas werden wir auf absehbare Zeit in diesem Land aus Gründen nicht zu hören bekommen, auch wenn es Not täte.



We shall overcome ist eines der Lieder, mit denen ich in der Friedensbewegung aufgewachsen bin, zu dem wir in unserer achteckigen Kirche Friedensnetze geknüpft haben. Das zur Generation meiner Eltern gehört, von der ich gelernt habe, was es heißt, zusammen zu stehen und sich zu entscheiden, wenn es drauf ankommt. 
Stoltenbergs Rede, vor allem mit dem klaren Bekenntnis zu mehr Demokratie angesichts von Terror, direkt nach den Tränen für die Opfer, ist das Benchmark für Führung in so einem Moment. Höchstens noch vergleichbar war vielleicht Obamas Amazing grace, das ich im letzten Artikel eingebettet hatte... 

25.8.15

No Comment [Update am Ende, wichtig]

Idioten sind Idioten. Punkt.
Nazis sind Nazis. Punkt.
Brandstifter sind Brandstifter. Auch geistige sind Brandstifter. Punkt.
Pöbel ist Pöbel. Punkt.
Volk ist Volk. Punkt.

Ich bin jetzt 45. Habe einen schönen aber zeitintensiven Job. Verbringe Zeit mit Frau und Kindern. Und mit Hund und Pferden.
Und mit Dingen, die ich nicht breittrete hier.

Ich verbringe keine Zeit mit Idioten, Nazis, Brandstiftern, Pöbel oder dem Volk.
Die können mich nämlich mal.
Und kotzen mich an.
Selbst wenn sie in der SPD oder der CDU sind. Oder dann noch mehr vielleicht sogar.

Ich verbringe auch keine Zeit mehr mit Leuten, die Zeit mit Idioten, Nazis, Brandstiftern, Pöbel oder dem Volk verbringen.
Denn sie bestärken die Idioten, Nazis, Brandstifter, den Pöbel und das Volk.
Und das kotzt mich an.

Die Liebste sagt ja immer, Toleranz ende mir z.
Und da hat sie Recht.
Wer Idioten, Nazis, Brandstifter, Pöbel oder das Volk auch nur toleriert oder mit Idioten, Nazis, Brandstiftern, dem Pöbel oder dem Volk diskutiert, macht Idioten, Nazis, Brandstifter, den Pöbel oder das Volk stärker, allein weil sie sich damit stärker fühlen.

Das Leben, auch das Leben der Menschen, die von Idioten, Nazis, Brandstiftern, dem Pöbel und dem Volk angegriffen werden, wäre besser, wenn wir Idioten Idioten nennen, Nazis Nazis, Brandstifter Brandstifter, Pöbel Pöbel und Volk Volk.
Und sie isolieren.
Denn sie wollen ja dazu gehören, halten sich für die schweigende Mehrheit.
Nur durch Unterdrückung aber werden wir sie klein halten.

Idioten, Nazis, Brandstifter, Pöbel und das Volk kann ich nicht überzeugen.
Und will ich auch nicht.
Idioten, Nazis, Brandstifter, Pöbel und das Volk kann ich nur bekämpfen.
Und unterdrücken.

Und mit euch anderen Menschen ein menschenwertes Leben leben und exemplarisch überall Teile einer menschenwerten Gesellschaft bauen.
Jeden Tag. Jeden Tag. Jeden Tag.

Null Toleranz. No comment.

Idioten lasse ich stehen.
Nazis lasse ich stehen.
Brandstifter lasse ich stehen, auch geistige.
Pöbel lasse ich stehen.
Volk lasse ich stehen.


Und habe eine Apfelbaum gepflanzt.





[Update 26.8.17.40]
Besser als diese Lyrik ist - wieder einmal - die Kolumne von Sascha Lobo.
Denn er hat Recht.

Und großartiger und zugleich differenziert, klar und zornig (da bin ich fast neidisch drauf, wie es ihm wieder gelingt) ist Johnny Haeusler.

Wo ich beiden zustimme - und was ich mit der dürren Lyrik oben, die mein hilfloser Weg ist, für mich dieses auszurücken, ebenfalls sagen will -, ist dies: Dies ist eine tatsächlich entscheidende Situation. Ein, wie Sascha es nennt, defining moment. Und ich glaube nicht mehr daran, dass es ohne echten Kampf geht. Sondern in der doppelten Bewegung von Ausgrenzung und klarem Widerstand einerseits und vom Bauen von Beispielen andererseits.

Und das wird auf einmal wichtig in meiner direkten Umgebung. Beides.
Seit heute wird in meinem Stadtteil die wahrscheinlich bisher größte Anlage Hamburgs hergerichtet, in der Flüchtlinge erstmal schlafen können. Es ist beeindruckend, in welcher Geschwindigkeit und Menge sich Menschen, die in diesem Stadtteil für die Zivilgesellschaft stehen, vernetzen und Verantwortung übernehmen. Allen voran  - und das explizit, weil ich oben die CDU explizit kritisiere - unsere CDU-Kommunalpolitikerin von der Stadtteilkonferenz.

Und linke Jugendliche in unserem Stadtteil verständigen sich innerhalb von Minuten via WhatsApp und Co, ein Auge darauf zu haben und ihren Beitrag aktiv zu leisten, dass diese Anlage nicht zerstört wird.

Und ein kleines Wort noch zu denen aus meiner religiösen Ecke,
die mir WWJD zuriefen: Ja, Jesus aß mit den Sünderinnen. Ja, Jesus redete mit all diesen. Aber mit denen, die mit einem Mindestmaß an Demut kamen. Nicht mit den Pharisäern. Die Idioten, Nazis, Brandstifter, Pöbel, Volk aber sind die selbstgerechten Pharisäerinnen. Und ansonsten:

30.7.15

Um den Schlaf gebracht

Seit Jahren gab es die Terrorwarnungen. Und dann plötzlich brach der Terror im ganzen Land los. Seit Anfang des Jahres gibt es jeden einzelnen Tag einen islamistisch motivierten Terroranschlag. Vor allem auf Wohnhäuser von Deutschen. Teilweise auch auf fast fertig gestellte neue Wohnblocks, die in den letzten Jahren wieder verstärkt gebaut und gefördert wurden. In Hamburg beispielsweise mit dem ehrgeizigen Wohnungsbauprogramm, das die SPD bei Regierungsübernahme vor mehr als vier Jahren angeschoben hat.

Die Sympathie und Unterstützung dafür, dass immer mehr Moslems sich trauen, der Scharia und ihrer Überzeugung zu folgen und nicht den ohnehin aus ihrer Sicht versagenden Gesetzen dieses Landes, wächst seit Monaten massiv. Zunächst unter Muslimen, die eingewandert sind, jetzt aber vor allem unter den hier geborenen, die sich zunehmend als Verlierer der großen Veränderungen fühlen, die dieses Land seit einigen Jahren erfassen. Ihre eher diffuse Wut darauf, nicht gehört zu werden und von den Medien und der Politik links liegen gelassen worden zu sein, entlud sich an einigen Orten in Massenkundgebungen und der Bildung von Bürgerwehren.

Bürgerwehr
Obwohl die Politik seit einigen Jahren den Aus- und Umbau von Polizei und Sicherheitsgesetzen vor allem mit der Terrorgefahr begründet hat, traf es sie unvorbereitet, als der islamistische Terror dann tatsächlich losging. Wahrscheinlich, weil es schleichend begann - hier mal ein Brandanschlag, dort mal eine Demonstration - und sich eine gewisse Gewöhnung einstellte. Vor allem CDU und SPD waren schnell dabei, Verständnis für die Ängste der Moslems zu bekunden. Mit einer recht eleganten Rollenverteilung: Während die Kanzlerin weiterregierte, als ob es den Terror nicht gäbe, versuchte sich der Vorsitzende der SPD und Vizekanzler in einer Umarmungsstrategie. Er begann einen Dialog mit den islamistischen Kämpfern und erklärte die Ideen ihrer Unterstützer rund um die Einführung der Scharia für diskussionswürdig. Medien begannen, die Terrorbewegung als "Aufklärungskritiker" zu bezeichnen.

Gated Community
Der Trend, dass sich Angehörige der deutschen Mittelschicht in so genannte "Gated Community" zurück ziehen, hatte schon deutlich vor dem Aufflammen des Terrors begonnen. Inzwischen bekommen diese Siedlungen deutliche Unterstützung von Landesregierungen gleich welcher Farbe - ob CSU, Grüne oder SPD.

Auffällig ist, dass die Hardliner unter den Innenpolitikern seltsam verstummt sind. Haben sie in den letzten Jahren für die volle Härte des Gesetzes plädiert, äußern sie sich fast gar nicht zum islamistischen Terror. Auch der Bundespräsident schweigt, ebenso der Großteil der Künstler und Medien.


___________

Wenn gar nichts anderes hilft, kannst du immer noch die Boxen aufdrehen. Denn das laute Schweigen der sonst so lauten Künstlerinnen ist bedrückend und irritierend. Wieso ist Farin einer von nur dreien oder so, die sprechen? Und wo ist eigentlich der Bundeshorst, wenn man ihn mal braucht?

29.12.14

Systemparteien, Lügenpresse

Auf Facebook und Twitter habe ich den einen oder anderen Versuch unternommen, über Pediga* und mit Pegida-Versteherinnen zu diskutieren, auf viele Artikel verlinkt, oft den virtuellen Kopf geschüttelt. Und - man höre und staune - ein bisschen nachgedacht. Das dann auch an anderen Orten. Und die letzten Tage auch an der einen oder anderen Stelle in der Kohlenstoffwelt darüber gesprochen. Übrigens erstaunlich wenig, weil eigentlich alle, denen ich begegnete, ungefähr einer Meinung waren und diesen Pegida-Mob auch tatsächlich uninteressant und irrelevant fanden.

Ratlos stehe ich tatsächlich vor dem Phänomen, dass hier Menschen sich ungehört und nicht wahrgenommen fühlen, obwohl sie fast schon unangemessen viel Raum in der Berichterstattung und unangemessen viel Beachtung (jetzt auch hier) bekommen. Ähnlich wie die reaktionären Publizisten, die etwas "ja wohl mal sagen dürfen müssen", was irgendwie unangemessen oft überall gesagt wird, von dem sie aber glauben, dass es niemand sagen darf in diesem Land und seinen Medien.

Drei Gedanken machten sich in mir die letzten Tage immer breiter, so dass sie raus müssen. Neben der Frage, ob diese Menschen, die den Mob der Straße bilden gerade, ob die vielleicht von ihren Müttern oder Vätern nicht geliebt wurden. Ob ihnen die Nähe und das Kuscheln fehlte. Ich weiß es nicht, meine ich auch nicht zynisch. Aber ich kann mir die große, epische Grundverunsicherung kaum anders erklären als damit, dass das Grundvertrauen fehlt. Und ich werde das nicht Weiterpsychologisieren. Auch nicht, ob es Zufall ist, dass es sich in Dresden Bahn bricht.

1. Sorgen Ernst nehmen?
Immer mehr kritische, nachdenkliche Stimmen kritisieren das Medien- und Politik-Sprech vom "Ernst nehmen der Sorgen" dieses Mobs. Tatsächlich halte ich das auch schon von Tonfall und Wortwahl für falsch und gefährlich.

Ja, ich muss versuchen, die Ängste und Ressentiments dieser Menschen zu verstehen (im Sinne von: nachzuvollziehen). Aber "Sorgen", die aus einer Mischung aus Verschwörungsdenken und Ressentiments entstehen, kann niemand Ernst nehmen, der dieses Land und seine Menschen am Herzen liegen.

Dass es eine große Minderheit gibt, immer schon gegeben hat, die Verschwörungstheorien glaubt und weiter verbreitet, ist ja nicht neu. Das gehörte auch schon zum 20. Jahrhundert dazu. Von der Weltverschwörung des Judentums oder der Freimaurer über die Dolchstoßlegende bis hin zum Verrat der katholischen Kirche, die unter dem Kölner Dom ihren Goldschatz versteckt habe, den sie im großen Krieg 14/18 nicht rausgerückt habe, weshalb (und so weiter). Die meisten werden solche Menschen in ihrem Bekanntenkreis haben, die meisten davon sind harmlose Teilspinnerinnen. Und (siehe Punkt 2) meistens eingehaust. Und (siehe Punkt 3) nicht mit Argumenten zu überzeugen.

Das Tolle an Verschwörungstheorien (und ja, ich fand auch mal die eine oder andere davon toll, sei es Gesells Freiwirtschaftsidee, deren Logik auf einer Verschwörungstheorie basiert, oder rund um 9/11) ist ja, dass sie per definitionem nicht widerlegbar sind. Weshalb sich da auch aktuell der Kreis zur "Lügenpresse" schließt: Teil der Verschwörungstheorie ist ja, dass es eine Verschwörung gibt, zu der sich alle die verschworen haben, die gegen die Theorie sprechen.

Wer "Sorgen" von Menschen Ernst nimmt, die auf Verschwörungen besieren, die ihre Ressentiments bestätigen, kann nur verlieren - und infantilisiert die Diskussion. Das heißt nicht, dass alle diese Menschen Idioten sind oder Nazis. Sondern nur, dass sie nicht ansprechbar sind. Und nicht Ernst genommen werden können.


2. Die Leistung der Parteien bis vor Pediga
Bei den Pegida-Versteherinnen auf der konservativen Seite kommt immer wieder ein Argument, das so bestechend wie absurd ist: Es gebe ja unter Anhängerinnen aller Parteien (auch von SPD und Grünen, bei den Linken sowieso) einen großen Prozentsatz, der den "Anliegen" (welchen eigentlich?) von Pegida zustimme.

Ja, sag nur! Echt?

Was dieses "Argument" verkennt, ist doch aber gerade, dass es - bis vor Pegida und, so schätze ich, auch bald wieder nach Pegida - den klassischen Parteien gelingt, diese Teilspinnerinnen zu binden und "einzuhausen". Wer sich mit Weltbildern und Ressentiments in Deutschland beschäftigt, wird schnell entsetzt sein, wie groß der Anteil derer ist, die ein verfestigtes rechtsextremes Weltbild haben - ohne jemals rechtsextrem zu wählen oder auf die Straße zu gehen. Je nach Studie und Methode sind das bis zu 40% der Erwachsenen, bei jungen und alten mehr als in mittleren Altersgruppen.

Die besondere Leistung unseres politischen Systems - und hier besonders eine Leistung von CDU, Linken und SPD - ist es, diesen Menschen einen Ankerpunkt zu geben, der ihre dunkle Seite nicht durchdringen lässt. Ich habe nie so viele echte Rechtsradikale erlebt wie in Hamburger Ortsvereinen, als ich noch in der SPD war. Das sage ich ganz ohne Zynismus (heute, damals hat mich das erschreckt). Darum ist die AfD ja auch so gefährlich - weil sie die Chance sieht und hat, diese Menschen aus den bisherigen Parteien herauszubrechen.

Darum kann ich die Panik und Unsicherheit der Parteien verstehen. Da haben es beispielsweise die beiden großen Kirchen einfacher, weshalb sie sich auch klarer geäußert haben (auch wenn der liberale Bischof Bedford-Strohm aus München etwas brauchte, bis er zur Klarheit fand).


3. Isolieren statt umarmen
Was gerade stattfindet, ist keineswegs neu oder singulär. Wir hatten das zuletzt in den 90ern. Rostock, Solingen, Mölln, erinnert ihr euch? Der Mob in Rostock, der applaudierend und sich einpischernd neben den Mördern stand, ist so unähnlich nicht dem, was wir zurzeit auf den Straßen laufen sehen. Auch die Parolen sind nicht so unähnlich. Und auch die Umarmungsversuche vor allem der Konservativen sind so unähnlich nicht.

Der Spuk verschwand in den 90ern von den Straßen, nachdem die SPD unter Engholm umkippte und das Asylrecht zusammen mit der Regierung abschaffte - und nachdem es die großen Lichterketten gab, in denen Menschen aufstanden und dem Mob zeigten, dass er nicht die Macht auf der Straße ist.

Was ich aus den 90ern lerne, ist, dass die vielen "Latenznazis", wie etwas polemisch Sascha Lobo den Mob aus "normalen" Menschen nennt, die da rumlaufen, nicht durch Umarmung wieder in die Zivilisation zurück zu bekommen sind. Sondern nur dadurch, dass wir sie aktiv und konsequent ausgrenzen.

Ich erlebe, wie meine jugendlichen Kinder intuitiv genau das Richtige tun gerade. In ihren Kreisen gibt es jeweils einzelne, die Pegida-Dinge nachplappern oder auf Facebook weitersagen. Da gibt es dann eine (einzige!) klare Ansage mit dem Hinweis, was sie da tun (einigen war das gar nicht bewusst und sie kamen kleinlaut und voller Reue zurück) - und dann werden sie, falls sie nicht sofort umkehren, aktiv und nachhaltig ausgegrenzt.

Das können nur Menschen, die direkte Beziehungen zu welchen haben, die im Mob mitlaufen oder ihn gut finden. Aber das scheint mir erfolgversprechend (wenn wir nicht den Weg der Symbolpolitik gehen wollen, auf Kosten eines vom Mob auserwählten Sündenbocks die Lage zu beruhigen wie damals in den 90ern). Ein klarer Warnschuss aus dem nahen Umfeld. Und dann eine konsequente Isolation.

Denn die latenten, die nicht überzeugte rechtsextreme Aktivistinnen sind, wollen dazu gehören. Wollen nicht ausgegrenzt sein, halten sich für "das Volk". Das ist ihr wunder Punkt. Siehe oben die Vermutung mit den Müttern und Vätern.

Wer einmal versucht hat, mit AfD-Leuten oder anderen Verwirrten zu diskutieren (Pegida haben wir in meinem Speckgürtel nicht), weiß, dass das nicht geht. Siehe oben, die Sache mit der Verschwörungstheorie. Mein einer Sohn hatte nach drei erfolglosen Versuchen überlegt, ob er (jetzt ist ja gerade beginnender Wahlkampf in Hamburg) AfD und NPD auf die Wahlkampftische kackt. Er hat sich überzeugen lassen, dass das eine nicht so elegante Idee ist. Stattdessen hat er sich vorgenommen, auf sie zuzugehen, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Und sie zu fragen, ob ihre Mutter sie nicht geliebt hat.

_____
* Für die Zeit, in der dieses Wort wieder verschwunden ist: So nannte sich Ende 2014 eine ressentimentgetriebene "Bewegung", die vor allem aber nicht nur in Dresden teilweise mehr als zehntausend Menschen auf die Straßen trieb, die nicht mit der "Lügenpresse", wie sie die Medien in schöner Nachfolge von Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" nannten, reden wollten, sondern Angst vor der Islamisierung des Abendlandes hatten.

18.5.14

Typisch für Doitschland. Oder auch: mimimimi

Dies ist ein Rant oder soll einer werden. Das vielleicht vorne weg, damit es niemand übersieht, weil es nur in den Stichworten steht. Und ich werde keinen der vielen Artikel und Posts verlinken, über und gegen die ich hier rante, denn ich bin zu faul und zu deutsch, um sie jetzt wieder rauszusuchen. So Leute wie Christian Jakubetz oder Henning Groß oder Martin Weigert werden es auch so merken oder auch nicht, ist mir eigentlich auch egal. Denn bei einem Rant geht es, wie ihr wisst, um mich. Und nicht um euch. Ha. Und für die, die lieber was nettes und positives lesen wollen, setze ich unten noch mal ein paar Links auf positive Posts. :)
Stolz und Vorurteil, 31. Kapitel
Manchmal denke ich ja, dass es kein Zufall ist, dass Stolz und Vorurteil aus England stammt und Effi Briest aus Deutschland. Dass der Unterschied zwischen Austen und Fontane über mehr etwas aussagt als nur über literarische Qualität. Naja.

Jedenfalls musste ich das gesamte Wochenende, wenn ich nicht gerade auf der Rennbahn, genauer: an der Ovalbahn stand und meinen Kindern beim Sport zuguckte und mich um ihre Pferde kümmerte, an jene wunderbare Passage im 31. Kapitel von Stolz und Vorurteil denken, kurz bevor der Scheitelpunkt der Geschichte naht. Und überhaupt, dachte ich mal wieder, rede ich nicht gerne mit Leuten, die noch nie was von Austen gelesen haben. Wenigstens dieses größtartigste Buch von ihr. Naja.

Und dann fragte ich mich mal wieder, wieso eigentlich so viele Leute aus meiner Ecke des Internets so enorm in ihrer nationalen Filterblase gefangen sind (plus, das muss ich zugeben, dem winzigen Teil der internationalen Szene, die da, in dieser Blase, reflektiert wird). So dass in mir der Beschluss reifte, einfach mal gegen Gassner's Law (googelt das, hab ich keine Lust, zu erklären. Wer es nicht versteht, ach auch egal) zu verstoßen und wild hinauszurufen, was mich so ankotzt an diesem Mimimi der Leute rund um Leute, die was gründen oder einen Gruenderus interruptus vorbereiten. Naja.

Gestern dachte ich noch daran, dass ich seit Jahren keinen Vortrag eines Amerikaners oder einer Amerikanerin mehr gehört habe, in dem nicht bei den Beispielen oder Kronzeuginnen mindestens die Hälfte Frauen waren. Aktuell am Donnerstag wieder der von Rei Inamoto auf dem ADC-Kongress. Ganz selbstverständlich übrigens und ohne dass es einer Rede wert wäre. Dass ich es hier aufschreibe, ist eigentlich schon wieder so ein Ding mit Doitschland. Naja.

Ich finde es so sauschade, dass es sich Gründerinnen und Gründer in Doitschland so schwer machen, dass sie es so schwer haben. Und ganz un-rant-ig sehe ich dafür auch Gründe. Drei. Mit denen sich unsere Szene wirklich unterscheidet von allem, was ich in zivilisierten Ländern, also ohne Frankreich, erlebt habe. Zum einen, dass sie so erstaunlich wenig marktorientiert ist. Zum anderen, dass sie so dumpf national vor sich hin dümpelt und abgekoppelt ist von den weltweiten oder anderswo stattfindenden Diskursen. Und zum dritten, dass sie geschlagen ist mit einem so trist-traurigen Fanboytum, dass es einen schüttelt. 

Aber erstmal weiter ranten. Ich mein, wenn ein Don Alphonso in seiner besten Zeit, die nun auch schon mehr als acht Jahre zurück liegt, selbst damals also nur ein trist-trauriger Abklatsch eines Loren Feldman war. Wenn es hier allen Ernstes Leute gibt, die Kritik, wie sie hier geübt wird, nicht etwa darum für im internationalen Vergleich doof finden, weil sie so zahm und konstruktiv ist, sondern die offenbar nicht mal wissen, wie krass beispielsweise in den USA solche Diskussionen laufen. Wenn ich die Leute mit der Lupe suchen muss, die sich an das so genannte Kathy Sierra Incident erinnern und wissen, wie radikal das damals die Szene der Webpublizisten und der Techblogs verändert hat. Naja. 

Das macht echt keinen Spaß. Denn ich bin mir sicher, dass die struntzdumme Fanboycrowd der wichtigste Grund ist, warum sich die Achtsamkeitskultur in der Web- und Gründungsszene in Doitschland so weit vom internationalen Standard abgekoppelt hat, dass es schmerzt. Und in den letzten fünf, sechs Jahren hat es sich bewährt, eine kurze Frage nach dem Kathy Sierra Incident als Lakmustest für die Satisfaktionsfähigkeit eines Diskursgegenübers zu nehmen. 

Ich kenne selbst auch nur Skandinavien und die USA genauer. Aber dass da mit viel Pomp ein Projekt aus der Taufe gehoben würde, das fast ausschließlich aus Leuten besteht, die sich bereits kennen. Und dass das dann von deren Freundinnen per Akklamation der Diskussion entzogen würde. Das ist schlicht undenkbar und ein super trauriger doitscher Sonderweg. Der, da bin ich sicher, sehr viel mit dem großartigen, stilbildenden, weltweiten Erfolg deutscher  Startups zu tun hat. Naja.

Sich mit Menschen zu umgeben, die einem widersprechen, ist nicht so typisch in Doitschland. Und das ist - um es einmal sehr zurückhaltend zu formulieren - echt kakke. Und führt eben zu dem gleichen Phänomen, dessentwillen auch Petzen und Denunziantentum so typisch doitsch ist. Denn in allen zivilisierten Ländern sind die, die hier so beschimpft werden, Heldinnen. Die Angst vor Kritik, die geradezu religiöse Verehrung der Vorturnerinnen Vorturner der eigenen Filterdings, die Beschimpfung derer, die Fragen stellen - all das ist ein doitscher Irrweg. Und der wird nur noch getoppt von der Weigerung seiner Protagonistinnen, die normalen und gesunden Diskurskulturen in gründungsfreundlichen Ländern zu sehen und anzuerkennen. Die viel mit Kritik, mit sehr früher Kritik vor allem zu tun haben - und über die Jahre dazu führten, dass eben nicht nur gleiche vom gleichen sich zusammen tun, nicht nur Sebastians oder Stefans Freunde, sondern Fremde. Spannende Menschen, die einander über zwei Ecken kennen. Und sich als allererstes einmal sehr genau das Marktpotenzial angucken. Und wen sie gewinnen wollen. Und darum ansprechen. Auch übers Team, auch über den Namen, auch über die Kultur.

Und hier alle nur so Mimimi.






Update 20.5.
Und weil mich erschreckt, wie Claudia Klinger das Netz wahrnimmt, hier noch fünf Links auf Posts, in denen ich positiv auf das Leben und das Netz und so zugehe:

Richtiges Leben
Hausgeburten und Krankenhäuser
Kontinuität und Widerstand
Geht alles doch
Demut

11.8.11

Einfache Lösungen für komplexe Probleme sind immer falsch. Per definitionem

Seit ein paar Tagen ist ein längerer Artikel aus dem Tagesanzeiger Diskussionsstoff im politischen Teil meines Umfeldes. Und er lohnt sich tatsächlich, nicht nur in historischer Perspektive, sondern auch, um ihn zu einem Ausgangspunkt eigener Überlegungen zu machen. Unter der Überschrift Der rechte Abschied von der Politik zeichnet Constantin Seibt eine Entwicklung nach, die uns in Deutschland etwas fremd ist, weil wir - anders als die USA mit der Tea Party und Großbritannien mit den Torys - keine (in seinen Worten) "revolutionäre Rechte" haben, die bisher massive Wirkung entfalten konnte. Sondern bei uns ist dieser revolutionäre Politikansatz in seiner radikalen Form in der um die 5% pendelnden FDP eingehegt ist, in CDU (und mit Abstrichen Grünen und SPD) sind es nur kleine radikale Minderheiten, die von diesem Virus infiziert wurden.

Es lohnt sich, die Analyse von Seibt zu lesen, weil er seine Schlussfolgerungen ausführlich herleitet, die da sind:
Die neue Rechte wird aus der Krise gestärkt hervorgehen: Sie werden gewählt und befeuert von der Angst und dem Hass der Verlierer, die ihre Politik schafft. Es bleibt kein Weg, die neurechte Wir-oder-Ihr-Position zu vermeiden. Es wird ein langer, harter, zäher, frucht- und freudloser Kampf.
Das was sich tun lässt, ist den Kopf dabei nicht zu verlieren. Genau hinzusehen und das allgemeine Gerede nicht einfach zu kopieren. Wie nie zuvor regiert die Ökonomie die Welt und ihre Entscheidungen. Und trotzdem besteht sie fast nur aus Jargon. Wenn verhandelt wird, dann fast nur in Schlagworten, die als Universalrezepte verstanden werden. Meist fällt, irgendwie verlängert, der Jahrhundertsatz, den einst Margaret Thatcher erfand: «There is no alternative!»
Das ist Lüge: Ökonomie ist keine Wissenschaft, sie ist eine Kunst. Wer hinsieht, weiss: Es gibt keine Situation ohne Alternativen. Und damit beginnt jede Politik. Es ist Zeit, die selbstverschuldete ökonomische Unmündigkeit hinter sich zu lassen.
... Es lohnt sich, gegen die neue Rechte anzutreten: Sie sind keine konservative Partei, sondern eine revolutionäre. Sie sind eine Gefahr für die Wirtschaft. Sie sind Totengräber der Mittelklasse. Und Verbündete einer neuen Oligarchie des Geldes. Sie sind die Feinde der Zivilisation.
Nur was ist zu tun?

Wenn es in Spanien, Frankreich, England sehr unterschiedliche aber doch Aufstände gibt? Wenn zunehmende Gruppen in zerfallenden Gesellschaften, die in den letzten 20 Jahren von der revolutionären Rechten umgebaut wurden, einen anderen Weg als den der Resignation gehen? Wenn diejenigen, die erleben, dass genau die Wege, zu denen die Staatsmacht, die Eliten und Medien sie auffordern (friedliche Proteste), eben nicht dazu führen, dass ihnen zugehört wird, den neurechten Jargon von der Alternativlosigkeit aufgreifen und nutzen. Wer keine Perspektive sieht, für den ist die "Härte des Gesetzes" keine Abschreckung.

Das heißt nicht, dass ich Sympathie oder Verständnis für die Aufstände habe. Das heißt aber, dass ich nicht sehe, wie mit dem bisherigen Politikmodell, das überwiegend im neurechten Jargon gefangen ist (denn auch bei denen, die nicht rechts sind, ist angeblich alternativlose Simplizität en vogue), Aufstände verhindert werden sollen.

Ich denke, dass der Kampf um die Zukunft aktuell zwischen denen geführt wird, die von der Simplifizierung profitieren und sie strategisch im nahezu gramschischen Sinne einsetzen - und denen, die sich genau dieser Simplifizierung widersetzen. Es ist das Wesen revolutionärer (und meiner Meinung nach auch nur revolutionärer) Politikkonzepte, auf komplexe Fragen einfache Antworten zu haben. Das macht den Charme revolutionärer Ideen ja auch gerade aus.

Falls sich die bürgerlichen Teile der Gesellschaft im ersten Schritt darauf einigen könnten, dass einfache Lösungen für komplexe Probleme immer falsch sind, wäre schon viel gewonnen. Da bin ich übrigens nicht ohne Hoffnung. Dass die FDP in den letzten Monaten hier bei uns in Deutschland so abgeschmiert ist, hängt meines Erachtens genau damit zusammen - dass Menschen ihr das Simplifizierungskonzept nicht mehr abnehmen (und genau wie die FDP, nur um mal die Einwände gleich mit aufzunehmen, ist auch die revolutionäre Rechte in den USA ja nicht traditionell rechts im europäischen Sinne, sondern hat durchaus libertäre Bestandteile, die wir in Europa traditionell liberal nennen). Auch dass Gerhard Schröder damals mit seinem Simplifizierungskonzept so krachend gescheitert ist, war ein gutes Signal. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es in Deutschland eben noch keine Aufstände gibt bisher.

Vielleicht läuft die Linie, an der sich Zerfall oder Integration der Gesellschaft entscheiden wird, tatsächlich entlang der Simplifizierungsfrage. Denn die Simplifizierung der Politik (das zeigt der historische Abriss in Seibts Artikel schön) führt(e) in die Probleme, schuf sie also, auf die vor allem die Opfer dieser Politik mit dem Wunsch nach simplen Antworten reagieren. Ein Wiederlesen von Marcuses eindimensionalem Mensch sei denen empfohlen, die dieser Analyse nicht trauen. Und die Alternative wird dann wohl sein, keine (simplen) Antworten zu geben, sondern sich der Mühe des Prozesses und der "agilen" Antwortfindung zu unterziehen.

Ich will nicht ausschließen, dass ich selbst Opfer des rote-Auto-Syndorms bin. Aber mir scheint, dass es ein weiteres Argument für meine Idee der Volkspartei neuen Typs ist, die ein agiles Politikkonzept hat und Veränderungen moderiert und managet - anstatt auf einfache Antworten zu setzen und damit die Simplifizierung der Politik fortzuschreiben.

Vielleicht ist es schon zu spät und auch wir werden - beispielsweise wenn die Simplifizierer der FDP und die simplifizierenden, also radikalen Teile der CDU auch in 12 Monaten noch (mit)regieren sollten - auch hier mit Aufständen werden leben lernen. Vielleicht aber haben wir eine Alternative. Und ist es nicht faszinierend, dass die Partei, in der dieser neue Politikansatz zumindest gerade diskutiert und an einzelnen Punkten ausprobiert wird, immer mit dem Adjektiv alternativ beschrieben wurde - und genau in dem Moment, da sie wirklich eine Alternative formuliert, dem medialen Vorwurf ausgesetzt ist, eben gerade keine Alternative mehr zu sein?

15.4.11

Die hinkende Trennung

Karfreitag. Tanzen. Jedes Jahr die selbe Diskussion. Und jedes Jahr der selbe bigotte Eifer der gleichen Leute, die zwar eigentlich nie Tanzen gehen, es aber genau einmal im Jahr machen wollen.

Witzigerweise war es ja ein Liberaler, Friedrich Naumann, der die so genannte "hinkende Trennung" von Kirche und Staat 1919 erdacht hat. Und damit sind die meisten gut gefahren. Denn das Schutzgebot für Feiertage - um mal das aktuelle Beispiel zu nehmen - hätte auch nur so gefasst werden können, wie es heute für alle religiösen Feiertage gilt, die keine gesetzlichen Feiertage sind: Dass die Ausübung der Religion ermöglicht werden muss. Aber ohne Arbeitsfreiheit für alle. Die Diskussion hatten wir ja neulich in den 90ern noch mal bei der Einführung der Pflegeversicherung. Auch damals war die Diskussion ähnlich bigott. Denn der durchaus ernst gemeinte Vorschlag, den Pfingstmontag statt des Novembermittwochs zu nehmen oder besser noch die beiden (religiös überflüssigen) Weihnachtsfeiertage, erntete nur Entsetzen.

Ich persönlich bin ja dafür, alle kirchlichen und religiösen Feiertage aus den gesetzlichen zu streichen. DANN bin ich auch bereit, über die Anwendung dieser religiösen Feiertage im Alltag zu streiten. Also beispielsweise darüber, ob am höchsten christlichen Feiertag - dem Karfreitag - Alltag sein soll.

Nicht bereit, auch nur drüber zu reden bin ich aber, solange die gleichen, die Karfreitag laute Musik hören und feiern wollen, aber die vier freien Tage im wunderbaren Frühling nutzen und wollen und mögen.

Ihr könnt nicht das eine ohne das andere haben: wenn ihr eure Vorteile aus der Tatsache ziehen wollt, dass unsere Religion mal die Kultur dieses Landes prägte und darum immer noch Feiertagsprivilegien hat, dann müsst ihr auch in Kauf nehmen, dass ein, zwei dieser Tage mit Regeln verbunden sind, die ihr doof findet.

Ich hindere euch schließlich nicht daran, sonntags zu Shoppen oder eure Wäsche aufzuhängen. Selbst wenn ich das doof finde und es mich stört.



3.10.07

dritter Oktober

Was für ein zufälliger Zufall, dass ich gerade gestern meiner impertinenten Gleichgültigkeit der deutschen Einheit gegenüber einen Beitrag gewidmet hatte. Denn es ist ja wirklich so, dass mir dieser Feiertag gerade jetzt, wo wir alle angeschlagen sind, sehr zu Pass kam, aber ich mit ihm nichts verbinde.

Dabei weiß ich noch genau, wie ich ihn damals vor 17 Jahren erlebt habe:

Ich war auf einer Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes in Molveno im Trentino. Und nahezu allen von uns, so unterschiedlich wir waren (wir hatten im Grunde kaum mehr gemeinsam als dass man uns allen immer wieder erzählte, dass wir die kommende Elite dieses Landes seien), ging die Feier und das Feuerwerk daheim am Allerwertesten vorbei. Wir saßen am Ufer des Sees und hatten ein paar Flaschen Hauswein und etwas Grappa dabei, vielleicht waren wir an dem Abend auch oben auf der Hotelterrasse geblieben. Einige von uns Jungs haben Barbershop geprobt. Es waren zwei tolle Wochen.

Was ich witzig finde, ist, dass auch die wenigen Teilnehmer aus der DDR (als wir losfuhren, gab es die ja noch) da nicht euphorischer waren. Im Gegenteil, kam es mir sogar vor.

Heute haben wir nun ganz standesgemäß auf dem Fahrrad in einem Naherholungsgebiet verbracht, dass wir der deutschen Einheit verdanken - denn der Truppenübungsplatz Höltigbaum war ja nun nicht mehr nötig.



Die Pause hat Quarta verschlafen. Und Tertius war gar nicht erst dabei, sondern mit einem Freund unterwegs. Und abends dann Vacherin aus dem Ofen mit selbst gebackenem Baguette und ein paar Pfifferlingen. Nun aber Sauna...

28.5.07

Fahrradmülleimer



Das Emsland ist ohnehin eine klasse Fahrradgegend: Flach, super ausgeschildert, kurze Strecken, die wir sogar mit den Kindern (ok, die Lütte und ihr jüngster Vetter im Anhänger, aber die anderen schon alle auf eigenem Rad) absolvieren konnten.

Sehr angetan aber hatte mir der Müll-Fangkorb. Wenn auch die Treffsicherheit vieler Radfahrer augenscheinlich nur so mittelgut war.

20.2.07

Erklär mal Bolzen

Unser Au-Pair spricht fantastisch deutsch. Nahezu perfekt. So sehr, dass es unseren kleineren Kindern richtig Spaß macht, wenn sie ihnen vorliest. Gerade hat sie mit den Kindern aus Bullerbü angefangen und ist über ein Wort gestolpert, das sie zunächst nichtmal analysieren und aussprechen konnte: Lasse will nämlich Drehrumdiebolzen-Ingenieur werden. Genau so im Buch geschrieben, hab ich extra noch mal nachgeschlagen heute früh, witzig.

Doch das eigentliche Problem entstand danach: Klar weiß ich, was ein Bolzen ist. Aber erklär das mal...

Technorati Tags: , , ,

27.11.06

Gassner's Law

Das ist ja wieder typisch*. Da wird ein europaweites Blog im Intranet neu gestartet, da ruft der Europachef dazu auf, das in den RSS-Reader zu packen (und verknüpft das mit einem Gewinnspiel und einer Aufforderung zu kommentieren) - und wer kommt als erstes vollständig an? Die deutschen Blogger der Belegschaft.

Ha!


* Wobei: Es sei darauf hingewiesen, dass das mit dem typisch natürlich quatsch ist, da ja selbstverständlich auch hier Gassner's Law gilt...