10.5.22

Schreiben wie Sprechen

Als ich ab Mitte der 90er Jahre Radio gelernt und dann gemacht habe, hat sich meine Sprache verändert. Ich kam aus dem Studium ins Studio. Und von einer leicht vernerdeten, ziemlich arrogant-überkandidelten Sprache zu einer, die einfach, klar und verständlich ist. Witzigerweise hat es mich nachhaltig für die Langform verdorben, dass ich Geschichten in maximal 90 Sekunden erzählen musste. So lang war damals ein BmE, Beitrag mit Einspieler.

Das eigentlich Besondere aber an der Sprache, die ich im und für das Studio lernte, war, dass sie direkt und persönlich wurde. Mit relativ viel Druck, mit Rhythmus, mit Klarheit. Gesprochene Sprache schreiben, heißt diese Disziplin. Und in meinem speziellen Fall kam noch etwas dazu: als einer, der im Privatradio, also im auf Unterhaltung optimierten Sprachprogramm von Musiksendern, für die A-Themen zuständig war (Arme, Ausländer*innen, Arbeitslose, Afrika und so weiter), eine (An-) Sprache zu finden, die einerseits sensibel genug war, um unsere Themen zu tragen – und andererseits in den Gesamtduktus der Sender passte, in denen wir unsere Sendungen via Drittsenderecht hatten. Ich machte ja Kirchenfunk, bezahlt und verantwortet von der evangelischen Kirche, aber im Konsens mit Sendern wie RSH und Radio Hamburg.

Es ist eine erzählende Sprache, die so entsteht. Eine, die jeweils eine einzelne Hörerin in den Blick nimmt. Darum ist Radio auch so anders als andere Medien. Und darum bereitet Radio so gut vor auf Sprechen und Schreiben in Social Media und in dieser Zeit gerade, die von direkter und persönlicher Ansprache lebt.

Mirkofon in einem Radiostudio

Inspiriert von dieser Radio-Sprache ist eine Sprache für Vorträge und für Texte entstanden, die nicht schreit, aber dennoch Druck entwickelt; die nicht predigt, aber dennoch verändern will; die nicht die Vielen anspricht sondern jede einzelne*n – so eine Sprache kann berühren und kann Menschen bewegen. Und: so eine Sprache verändert auch die Inhalte und die Haltung, mit der ich spreche. Weil der Druck und das Direkte eben auch verhindern, dass ich mit Worten und Sprache verschleiere, was ich sagen müsste. Wenn ich geradeaus spreche, habe ich eine sehr viel größere Klarheit. Wenn ich nicht doziere sondern mich unterhalte, habe ich fast automagisch einen Hang zu differenzieren.

Schon als Robert Habeck das erste Mal Landesminister wurde, war ich ob seiner Sprache und seinem Sprechen sehr aufgeregt. Fand ihn nicht nur intellektuell unglaublich anregend (so sehr wie seit Engholm niemanden mehr in der Politik), sondern auch neu. Und in den letzten Monaten erleben wir das auf der großen Bühne. Ich denke, dass Habeck so anders wirkt, so viel Zustimmung für seine Art der Kommunikation bekommt, hängt mit genau dieser Sprache zusammen. Und das, obwohl ich am Beginn der Corona-Pandemie mit ihren virtuellen Parteitagen und so weiter sehr den Eindruck hatte, dass ihm "Radio" schwer fällt, also das Sprechen mit einer Einzelnen, ohne Reaktion aus dem Publikum. Das hat er inzwischen unglaublich gut gelernt.

Habecks schnörkellose Sprache, verbunden mit dem rhythmisch-poetischen Sprechen, seine direkt zu erlebende Suche nach der richtigen Formulierung, sein lautes Nachdenken – all das prägt einen neuen Stil. Und ich bin davon überzeugt, dass es auch einen neuen Stil für andere prägen wird, die professionell schreiben und sprechen. Ich nenne das "Schreiben wie Sprechen". Gesprochene Schriftsprache. Oder geschriebene gesprochene Sprache. Es ist eine Kunstform, die mir vielleicht so auffällt, weil ich mich daran – anders als Habeck, logisch – ebenfalls seit vielen Jahren versuche.

Ich höre von Menschen, für die ich Texte schreibe und Geschichten erzähle, dass sie genau dieses gerade suchen und wollen: eine Sprache und ein Sprechen und Schreiben, das davon inspiriert ist, wie Habeck Dinge erklärt und Menschen mitnimmt. Und ich höre von vielen anderen, die für ihre Kund*innen schreiben, dass das überall gefragt wird. Das finde ich toll. Denn es ändert so viel in der Kommunikation, wenn sich immer mehr Menschen darum bemühen, Jargon und stereotype Sprachbilder zu vermeiden. Geradeaus zu schreiben und zu sprechen. Schreiben und Sprechen dichter zusammenzurücken. Eben zu schreiben wie sie sprechen. Und auch so zu sprechen.

Wenn Robert Habeck die schreibende Kommunikationszunft zu besserer Sprache inspiriert: ist das nicht wunderbar?


 

29.4.22

Geschichten

EIn Stapel alter Bücher (lizenzfreies Bild)

Als ich darüber nachdachte, wieso mich ausführlich erzählte Miniserien gerade so faszinieren (nicht alle, aber doch erstaunlich viele), bin ich in Gedanken sehr viele Bücher, Hörbücher, Podcasts, Serien, Filme durchgegangen, die mich im Laufe meines Lebens gefesselt und begeistert haben. 

Beispielsweise kann ich mich kaum noch an Anna Karenina erinnern, weiß aber noch, dass ich es mit 12, als ich es aus dem Keller der Bücherhalle holte, verschlungen habe, ohne mir während der Lektüre auch nur einen der russischen Namen zu merken. Ich habe versucht, die Figuren über das Schriftbild der Namen auseinanderzuhalten.

Etwas anders war es mit dem Kampf um Rom, ein ähnliches Alter bei mir, ich hatte immer mal wieder überlegt, es noch mal zu lesen (aber spätestens, als ich versuchte, meinen Kindern was von Karl May vorzulesen, bin ich davor zurück geschreckt, weil mich schon bei den Büchern fast überrascht hat, dass aus mir ein woker Mensch werden konnte bei solcher Lektüre).

Es gab eine Zeit, in der ich die Romane da unten im Keller jener Bücherhalle nach der Dicke der Bücher auswählte, damit ich länger etwas von der Geschichte habe. Obwohl ich nie ein schneller Leser war, fand ich es immer schon schade, wenn ich aus der Geschichte wieder auftauchen musste.

Bis heute lese ich nicht gerne Sachbücher. Hören ist ok, habe ich gemerkt, da stört es mich nicht, dass sie keine Geschichte erzählen. Aber eigentlich mag ich vor allem Geschichte. Womit wir wieder am Anfang wären.

Ein gut durcherzählter Roman lässt mich in die Geschichte eintauchen. Und gut durcherzählt meint nicht, dass es nur klassische erzählt sein muss. Nur eine Geschichte habe ich gern. Aber auch Episoden, moderne Erzählformen oder so was wie im Film 8 Blickwinkel kann mich begeistern. Wenn mich die Geschichte in sich hineinzieht.

Eine Geschichte ist es, die mich zum Nachdenken bringt, die mir Inspiration bringt, die mich selbst kreativ werden lässt. Mit einer Geschichte kann ich mich entdecken, kann ich Emotionen durchleben, mich in ihren Protagonist*innen sehen. Geschichten treiben mich. 

In den letzten Jahren geht mir das nicht nur mit Büchern so (mehr Hörbüchern, nur ungekürzte) sondern zunehmend mit Podcast-Miniserien und Film-Miniserien. Beides ist für mich das Pendant zu Romanen in anderen Medien und Erzählformen. Sechs, acht, zehn Folgen, die sich Zeit nehmen, einem Thema in einer Geschichte oder Personen in einer Geschichte wirklich einmal ausführlich nachzuspüren. Nicht zu hetzen (darum auch nur ungekürzte Bücher). Aber eben auch nicht, wie bei klassischen Serien, in die Unendlichkeit und damit auch leider oft irgendwie Beliebigkeit abzudriften. Und, ein Nebenaspekt, ich bewundere, wenn es Autor*innen gelingt, Geschichten-Serien abzuschließen (auch wenn ich trotzdem irgendwie immer traurig bin, wenn es vorbei ist). Seit Sjöwall/Wahlöö liebe ich darum Krimireihen, in denen sich die Hauptfiguren weiterentwickeln.

Und vielleicht liebe ich das Geschichtenerzählen, auch in der kleinen Form, so sehr, weil ich Geschichten so sehr liebe. Es gab nur sehr wenig Zeit in meinem Leben, in der ich nicht parallel zum Leben auch eine Geschichte "durchlebt" habe, ist mir bewusst geworden. Heute mehr in der Form von Filmen (als Miniserien), aber immer eine Geschichte. Ich brauche Geschichten, um zu leben.

17.2.22

Die Flut

Wer in Hamburg geboren oder aufgewachsen ist, hat mindestens geliehene Erinnerungen an DIE FLUT. Diese Nacht 1962. Vielleicht ist es deshalb so gruselig-faszinierend, die quasi-live Nacherzählung auf Twitter mitzuverfolgen, während um mich herum der heftige Wind geht, ich Sorge habe, dass diese Esche da, bei der das Eschentriebsterben schon etwas weiter ist, auf unser Haus stürzen könnte, und es auf unser Blechdach trommelt. 

Die Verehrung für Helmut Schmidt, die meine vier Großeltern empfanden unabhängig von ihrem Wahlverhalten, kommt aus dieser Nacht. Das war sehr tiefe und echte Dankbarkeit. Und seit ich zur Freiwilligen Feuerwehr gehöre, verstehe ich es noch mehr, weil ich Krisenstäbe und Entscheidungen „von unten“ erlebe. 

Aufgewachsen bin ich in einem Stadtteil, in dem es eine Siedlung gab, die für Menschen in aller Schnelle hochgezogen worden war, die in DER FLUT alles verloren hatten. Das Altenpflegeheim in der Mitte dieser Siedlung war von der Flutopferhinterbliebenensiftung. Was und warum das so heißt, war mir lange nicht klar. 

Hamburg Sturmflut 1962, überflutete Siedlung in Wilhelmsburg
Gerhard Pietsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Jedes Kind kannte diese tatsächlich recht eleganten 1962-Unterstrich-Dingens aus dunklem Metall, die überall an den Häusern und Wegen unten an der Elbe angebracht waren, wo wir am Sonntag spazieren gingen und meine Schwester und ich auf dem Mäuerchen balancierten und in diesen einen Baum kletterten, der vom „Strand“ über die Mauer ragte. 

Dann kam 1976 ein zweites Pegelstanderinnerungszeichen dazu. An 76 kann ich mich erinnern, weil wir unten waren, bevor da alles aufgeräumt war. Mein Vater war beim Aufräumen dabei, weil er seinen Ersatzdienst bei so einer ulkigen Einheit machte, die irgendwie zur Feuerwehr gehörte, aber eigentlich nur den Atombunker in Langenhorn bewachte oder so. Darum jedenfalls war er „in der Heide“, damals als die brannte. Und eben beim Aufräumen. Ich war froh, als Kind, dass er erst dann hin musste. Denn als er in der Nacht alarmiert wurde und sozusagen Reserve war, hatte ich Angst. Denn ich kannte die Geschichten von 62. Meine Kahlbohm-Großeltern und meine Mutter wohnten ja oben auf dem Geestrücken in Horn, wo sie runter gehen konnten zum Hafen und nach Billbrook. 

Ich wusste im Grunde nichts über DIE FLUT. Und kann mich nicht mal daran erinnern, ob wir es in der Schule hatten. Wahrscheinlich ja, spätestens, bevor wir nach Neuwerk fuhren auf Klassenreise. Vielleicht auch schon, als wir in Moorwerder auf Klassenreise waren? Das war ja 1977. 

Aber die Erinnerung war trotzdem als geliehene da. Tief unter der Oberfläche. Osmotisch. 

1.12.21

Kahlbohm

Kahlbohm ist der Mädchenname meiner Mutter, die 2008 nach langer Alzheimer-Erkrankung gestorben ist. Und der Name meiner Großeltern, die inzwischen auch beide gestorben sind, beide Mitte Neunzig, beide nach einem langen Leben voller Veränderungen, obwohl sie beide Veränderungen nicht so sehr mochten. Sie konnten sich immer gut darauf einstellen, aber mögen taten sie sie nicht.

Kahlbohm steht aber für mich nicht nur für meine Wurzeln und für Menschen, die ich sehr liebte und nicht mehr um mich habe. Sondern die Familie hat auch eine Geschichte, die mit Transformation zu tun hat. Und mit einem dicken Kopf. Und mit einer Tradition, die einer meiner Söhne fortsetzt, indem er ein Metallhandwerk lernte.

Auf beiden Seiten meiner Kahlbohm-Wurzeln waren die Männer nämlich Schlosser gewesen. Einer auf dem Land, an der Westküste, einer in der Stadt, in Hamburg-Barmbek. Einer war dann auch Fuhrmann. Da war Schlosser sehr praktisch, weil er die Wagen reparieren konnte und die Pferde beschlagen. Metaller zu sein, war quasi die Voraussetzung, halbwegs als Fuhrmann über die Runden zu kommen. Der andere hat alles gemacht, was ein Schlosser in der Scheune so machen kann. Wagen repariert. Beschläge gebaut. Pferde beschlagen. Maschinen. 

Beide haben den Sprung in die neue Zeit geschafft. Denn beide haben angefangen, Automobile zu reparieren, noch bevor es die ersten Autos in ihrem Dorf und in ihrem Stadtteil gab. Und der Fuhrmann hat sogar eines angeschafft. Sehr früh. Und sehr zur Erleichterung seiner zahlreichen Söhne, die froh waren, als die Pferde nach und nach weg konnten und nicht mehr ausgemistet werden mussten.

Autowerkstatt ca. 1920

Damit haben sie zu ihrer Zeit etwas gemacht, das ich meine gesamte Berufstätigkeit ebenfalls versucht habe: Wach hinzusehen und aus der Antizipation dessen, was der Markt, die Kundinnen, brauchen werden, abzuleiten, was wir heute anbieten müssen. Was wir schon können, was wir noch brauchen dafür, wie es aussehen muss. Das ist das, was ich Transformation nenne. 

Für mich sind meine Wurzeln immer Inspiration gewesen und sind es bis heute. Auch da, wo ich mich kritisch und in Abgrenzung mit ihnen auseinandergesetzt habe. Aber Wurzeln zu haben, hat mir immer geholfen, mit den Spitzen der Äste nach dem Himmel zu tasten. 

Mit Kahlbohm & Sons, Transformation wächst aus diesen Wurzeln jetzt noch einmal etwas Neues. Und darauf freue ich mich sehr. Die Knospen sind, wie es sich gehört, jetzt im Winter angesetzt. Im Frühjahr wird es dann richtig wild.

28.11.21

Advent



GoTT, DU,
Erbarm dich. 
Erbarm dich deiner Menschen.
Erbarm dich in der Ohnmacht.
 
GoTT, DU,
Wieso hast du mich verlassen?
Wieso hast du so viele verlassen?
Wieso lässt du die Kinder im Stich?

DU,
Ich weiß, ich sollte sie nicht hassen. 
Aber ich kann es nicht mehr anders.
Ich fühle mich fern von dir. 
Aber ich kann es nicht mehr anders. 

DU,
Wir warten auf deine Ankunft 
Wie jedes Jahr um diese Zeit. 
Aber wie sollst du hier ankommen?
Wie soll ich dich empfangen, 
Wenn ich so verachte und hasse. 

GoTT, DU, 
Erbarm dich meiner. 
Zeig mir einen Weg hinaus. 
Aus der Verachtung, die ich empfinde,
Für die, die es nicht schaffen, 
eine Impfung zu nehmen. 
Aus dem Hass, den ich empfinde,
Auf die, die sich bewusst entscheiden, 
keine Impfung zu nehmen. 

DU,
Ich schreie zu dir
Weil ich will, dass du die strafst, die ich hasse. 
Ich schreie zu dir
Blind vor Zorn auf die, die deinen Namen 
im Dienst des Bösen führen. 

GoTT, DU,
Ich schreie zu dir. 
Wie kann ich wieder Lust und Mut fassen. 
Wie kann ich denen, die ich so hasse und verachte, anders begegnen. 

DU,
Ich schreie. 
Erwecke sie. 
Lass sie umkehren. 
Lass Licht in das Dunkel meines Hasses scheinen. 

GoTT, DU,
Ich schreie. 
Weil ich nicht verstehe, 
Wie du das zulassen kannst. 
Weil ich nicht ertrage,
Wie mein Hass wächst. 

DU,
Ich schreie. 
Zerschmettere sie und strafe sie. 
Errette die Kinder. 
Errette die Gerechten. 
Fahre dazwischen. 
Wir haben nicht mehr die Kraft dazu. 

GoTT, DU,
Erbarm dich. 
Erbarm dich deiner Menschen. 
Erbarm dich meiner und meines Hasses,
Dass ich ihn hinter mir lassen kann. 

GoTT, DU,
Komm. 

21.10.21

Unsortierte Gedanken zum #Fackelgate

Cross Lighting 2005 

Ich mag keine Fackelzüge. Mochte ich noch nie. Auch nicht den zu Weihnachten aus den Rändern des dörflichen Stadtteils zur Kirche. Mich erinnert ein Fackelzug immer an die Prozession am Ende von Inquisitionsprozessen, mit den Fackeln wurde dann der Scheiterhaufen angesteckt. Oder das Holzkreuz, dann im Mittelalter des 19. und 20. Jahrhunderts. Oder die Bücherstapel. Welchen Sinn soll ein Fackelzug haben, an dessen Ende nicht etwas angezündet wird? 

Eine Fackel als Beleuchtung ist was anderes, aber da gehen wir ja nicht in Formation. Wenn unsere Freiwillige Feuerwehr mit Fackeln einen Laternenumzug sichert, gehen wir durcheinander (und die meisten haben gar keine Fackeln sondern beleuchtete Dings in der Hand).

Fackeln zusammen mit Uniformen sind für mich ein Zeichen von Bedrohung. Egal, ob es die Kutten von Mönchen sind, die Kaputzen des KKK, die Hemden der SA oder die Erste Geige der Feuerwehr. Fackeln erzeugen, gerade zusammen mit Uniform und Formation, eine besondere Stimmung. Das ist ja auch gewollt. Und es ist eine Stimmung, die ich grauenvoll finde – weil sie das Gegenteil der Selbstverantwortung und der Aufklärung ist.

Bei Fackelzügen, egal welchen, muss ich immer an ein grauenhaftes Erlebnis aus meiner Jugend denken. Über meine damalige Freundin (und vor allem ihre Familie) war ich in Berührung mit der Geistlichen Gemeindeerneuerung geraten, noch bevor Kopfermann die Kirche verließ. Ein Besuch des großen, hochemotionalen, mit Zungenreden und anderen Pfingstritualen gefeierten Gottesdienstes in der großen Hauptkirche in Hamburg, an dem rund 1.000 Menschen teilnahmen, war verstörend für mich. Er machte mir körperlich Angst – weil ich immer dachte, dass diesen Menschen nur jemand sagen müsste, die Fackeln zu nehmen und die Stadt niederzubrennen, und sie würden es tun. So aufgeheizt war die Stimmung. Und dabei war ich durchaus empfänglich für diese Form der Frömmigkeit und für Gemeinschaftsgefühle.

Bis heute sind es das Ekstatische, das Rauschhafte, das mit dem flackernden Licht in der Dunkelheit einhergeht, und das überaus starke Gemeinschaftsgefühl, das aus dem gemeinsamen Erleben und dem uniformen Auftreten entsteht, was ich nicht ertragen will. Beides ist das Gegenteil von Demokratie. Demokratie und ihr Zwilling Individualität sind nicht kompatibel mit rauschhaften, starken Gefühlen. Gemeinschaft war schon für den antidemokratischen, aggressiven Konservatismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts das Gegen- und Kampfwort, mit dem er sich gegen die Idee von Gesellschaft stellte.

Ich denke bei Fackelzügen in Uniform nicht als erstes an die Fackelzüge der Nationalsozialist*innen. Denn auch diese Fackelzüge stehen ja schon in einer unguten Tradition. Ich denke eher an die (deutsche) Mittelaltersehnsucht, denn was anderes als ein Rückgriff auf die Zeit vor der Moderne soll es sein, wenn die Funktion "Licht", die Fackeln mal hatten, ja überflüssig geworden ist?

***

Mich hat die beleidigende Aggressivität, mit der viele Menschen aus der digitalen Militär-Blase auf das Unwohlsein, auf die Gefühle, auf die Kritik reagiert haben, erst überrascht und dann sehr verstört. Tatsächlich verstört. Denn wie können sie Menschen vorschreiben wollen, was sie empfinden, wenn sie uniforme Fackelzüge sehen? Menschen, die andere Erfahrungen mit Fackelzügen haben, vorzuwerfen, sie seien krank ("falsch verdrahtet" etc), ist pervers, sorry. Und es erinnert mich an die beleidigende Aggressivität von Landwirt*innen, wenn sie von Politik und Gesellschaft kritisiert werden. Das ist erst einmal vielleicht ein schräger Gedanke, aber strukturell ist es die gleiche demokratieverachtende Reaktion.

Ich höre und lese viel über "Parlamentsarmee", über das Selbstverständnis, eine Funktion für die und in der Demokratie zu übernehmen. Und das finde ich gut. Ja, mir ist Militär fremd, ich lehne auch das eine oder andere daran ab, aber ich finde es super, dass der allergrößte Teil derer, die zum Militär in diesem Land gehören, sich genau so verstehen. Die Soldat*innen, die ich kenne, mit denen ich ehrenamtlich zusammen aktiv bin, die zur Familie gehören, sind alle so. Vieles ist mir fremd, aber ihnen ist auch vieles fremd, was ich mache, denke, will. Das macht nichts.

Nur wenn dieses Selbstverständnis tatsächlich zu Ende gedacht wird, dann heißt es auch, dass die Gesellschaft, das Parlament, auch beispielsweise über die Rituale des Militärs mitreden und ihnen Grenzen und Leitplanken geben muss. Denn es ist eben, anders als vor der zweiten Demokratie in diesem Land, kein "Staat im Staat". Und hier ist die Parallele zur Landwirtschaft: wo das Parlament als Repräsentanz der Gesellschaft Auftrag oder Finanzierung herstellt, da hat es auch "das Sagen". So wie Landwirt*innen nicht einen großen Teil ihres Einkommens durch die Gesellschaft bekommen können und gleichzeitig erwarten dürfen, dass die aber keine Leitplanken gibt oder Bedingungen stellt, so kann auch ein Militär sich nicht für eine Parlamentsarmee halten, aber erwarten, dass das Parlament keine Bedingungen und Leitplanken für ihr Agieren und ihre Rituale stellt.

Die Gesellschaft muss, im Gegenteil, darüber diskutieren, ob sie militärische Fackelzüge will. Sie muss darüber diskutieren, wie sie Unterstützung, Solidarität und Sanktionen mit und gegenüber dem Militär und mit und gegenüber den Opfern und Täter*innen von militärischer Praxis zeigt und umsetzt. Wer mit oder ohne Verweis auf Traditionen diese Diskussionen und ihre Ergebnisse und Entscheidungen verhindern will oder unangebracht findet, ist Feind*in der Demokratie.

Ich traue mir zu, zu lernen, die Angst und das Unwohlsein bei uniformen und uniformierten Fackelzügen zu überwinden. Wenn in meinem Parlament und in meiner Gesellschaft eine (ergebnis-) offene Diskussion stattgefunden hat, ob und wie "wir" das wollen. Wie so oft werde ich nicht die gleiche Position wie die Mehrheit haben. Aber ich darf und ich werde meine Position in diese Diskussion einbringen.

27.9.21

Das kann ja niemand wollen

Ganz ehrlich, es ist furchtbar. Ja, fast 15% für Grüne ist einerseits toll. Aber dass es nur die Möglichkeit gibt, entweder die bestehende Koalition fortzusetzen oder zusammen mit der FDP eine Regierung zu bilden, ist irgendwie keine besonders erfreulich Aussicht.

Die ersten Reaktionen fast aller Menschen in meiner direkten Umgebung waren Entsetzen – und der apodiktische Wunsch, auf keinen Fall irgendwas zu machen, was die CDU an der Regierung hält. Und mein erster Impuls war das auch. Zumal die Vorstellung, Armin Laschet könnte Kanzlerin werden, wirklich absolut absurd ist. Ja. 

Eggink01 

Meine Schwierigkeit ist nur, dass ich Olaf Scholz aus meiner Zeit in Hamburg ganz gut kenne und auch schon direkt mit ihm arbeiten musste. Weshalb die Vorstellung, er könnte Kanzlerin werden, auch ziemlich absurd ist.

Nachdem die CDU nun langsam in der Wirklichkeit ankommt und davon ausgeht, dass sie nicht regieren wird, ist die Lage für Grüne und für die, die Politik ändern wollen, eher schwieriger geworden. Denn alle Erfahrungen aus Koalitionsverhandlungen zeigen, dass sich grüne Kernanliegen im Bereich Ökologie vor allem mit der CDU einfacher aushandeln lassen als mit der SPD, die fälschlicherweise immer davon ausgeht, dass sich Grüne und SPD im Prinzip einig seien. Das ist ja nur leider nicht so.

Was FDP und CDU erfolgreich gemacht haben gestern und heute, ist, das Verhandlungsfeld für Grüne zu verkleinern. Denn in einer SPD-Ampel positioniert sich die FDP so, dass sie besonders viel rausholen müsste – während in einer CDU-Ampel die Grünen besonders viel rausholen müssten –, um jeweils bei Wähler:innen und Basis zu bestehen. Das ist besonders dramatisch, weil die Kernanliegen ja von CDU und SPD ohnehin schon eingepreist sind (früherer Kohleausstieg wird nicht mal verhandelt werden müssen beispielsweise).

Zugleich öffnet die CDU ironischerweise heute mit ihrer Vorstandssitzung die Tür wieder für eine Regierungsbeteiligung/-führung – indem sie Laschet de facto absägt und ihm lediglich noch ein paar Tage lässt, um seine verheerende Niederlage emotional zu begreifen (auch darin grotesk ähnlich mit Trump übrigens). Laschet wird mit grüner Beteiligung nicht Kanzlerin werden. Das scheint mir heute klar. Aber auf Scholz wird ebenfalls niemand Lust haben, die Hamburger Grünen werden da genug zu erzählen haben.

Eine Regierung, die Grüne mit einschließt, wird nicht zustande kommen, ohne dass sie das Kohlenstoff-Budget so behandelt wie das Geld-Budget. Welche der 25%-Parteien dazu bereit ist, wird die Kanzlerin stellen können. Welche also ein Klimaschutzministerium baut, das mit den gleichen Vollmachten ausgestattet ist wie das Finanzministerium. Darauf werden sich Grüne auch mit der FDP einigen können, denke ich.

Und da Laschet nun weg ist (jaja, das dauert noch ein paar Tage aus Pietätsgründen), ist aber der Weg frei für mehrere Optionen. Ein Angebot der CDU wird und muss auch ein Personalangebot an die Grünen einschließen. Röttgen, Günther, Hans – da geht bestimmt was. Mit Laschet wird Merz untergehen, die Ostfürsten haben ohnehin nichts mehr zu melden nach deren Ergebnis. Eine erneuerte CDU kann eine Chance sein. Und hätte wahrscheinlich mehr Charme als die konservative SPD. Aber vielleicht springt ja auch die über ihren Schatten und überrascht uns alle. Ich wünsche es mir. Sehr. Denn dann könnten wir nicht nur gute Politik machen sondern damit auch emotional zurecht kommen...

17.6.21

Antiintellektualismus

Mosaik mit Schrift: Arbeiter-Bildungsverein
Loggediteur (Diskussion), CC BY-SA 3.0 DE

Linke Revolution

Etwas, das ich an linken Bewegungen immer bewundert habe und immer bewundere, ist ihr unbedingter Fokus auf Bildung. Schon lange, bevor die akademische Forschung herausgefunden hat, dass sozialer Aufstieg im Grunde fast nur über Bildung funktioniert, haben linke Bewegungen das schon gewusst. 

Es fasziniert mich, darüber zu lesen und zu hören, wie Menschen, die in ihrem Leben keine Chance hatten, zur Schule zu gehen, lernen. Wie sie neugierig sind. Wie sie das Leben der Menschen in ihrer Umgebung verändern wollen über Bildung. 

Bei aller Kritik an den herrschenden Eliten – und diese Kritik ist ja eines der Kernelemente linker Politik – haben linke Bewegungen und linke Aktivist*innen doch eines immer versucht: in der Bildung zu diesen Eliten aufzuschließen. Nur sehr selten gab und gibt es in linken Bewegungen einen Furor gegen Intellektuelle oder Bildung, mir fallen im Grunde nur Grenzfälle ein, beispielsweise autoritäre Regime, die einmal aus einer linken Bewegung hervorgegangen sind.

Rechte Revolution

Interessanterweise ist das bei rechten Bewegungen komplett anders – zu deren Erzählung von Eliten, die es zu bekämpfen und überwinden gelte, gehören immer auch Intellektuelle. Etwas holzschnittartig lässt sich, denke ich, sagen: Während für linke Bewegungen die Eliten, die bekämpft werden, meistens über ihre wirtschaftliche Macht definiert werden, interessiert diese rechte Bewegungen nur rhetorisch, ansonsten definieren sie Eliten meistens über deren (mindestens empfundene) kulturelle Hegemonie.

Insofern ist es auch klar, dass sich der Zorn und die Kritik von rechts besonders gegen Intellektuelle richtet – denn in liberalen Gesellschaften, in denen Öffentlichkeit vor allem medial hergestellt wird, spielen Intellektuelle eine relativ größere Rolle. Gerade, weil sie oft in der Lage sind, die Klaviatur der jeweils aktuellen Medien und Medientechnologien zu nutzen. Buchdruck, Radio, Blogs, wie auch immer.

Antiintellektualismus als politischer Kitt

Die gemeinsame Feindschaft gegen Intellektuelle schweißt rechte Bewegungen und ihre Vorfeldorganisationen zusammen. Auf die Kritik an Eliten, die sich von "normalen Menschen" abgekoppelt haben, können sie sich einigen. Und es ist nicht nur der Kitt rechter Bewegungen – sondern auch ein wichtiges Erkennungsmerkmal. Wo sich eine Kritik Bahn bricht an akademischen Diskursen, an sprachlicher Präzision, an auf Bildung basierender argumentativer Überlegenheit, da ist mit sehr hoher Sicherheit ein rechtes bis rechtsextremes Welt- und Politikbild am Werk.

Ob sie es das "gesunde Volksempfinden" nennen oder für sich in Anspruch nehmen, "die normalen Menschen" gegen die Zumutungen von Intellektuellen zu verteidigen – immer geht es darum, das Gefühl über das Argument zu stellen. Die Instinkte über Rationalität. Natürlichkeit über Kulturerrungenschaften.

Das, was rechte Bewegungen zusammenhält, ist ihre Orientierung am "kleinen Mann", an den "normalen Menschen", an der "schwäbischen Hausfrau". Das, was linke Bewegungen antreibt, ist der Ausbruch durch Bildung, das Verstehenwollen, das Ziel, intellektuell zu werden. Und dann ist da noch recht viel dazwischen, logisch.

Die Verachtung aber für Intellektuelle ("Elfenbeinturm") ist ein Kennzeichen des Rechtsextremismus. Und wer sich einmal auf diese Bahn begibt, verabschiedet sich aus dem liberalen und fortschrittlichen Diskursraum. 

Eine Frage der Haltung

Um aktuelle Diskussionen einzuordnen, finde ich es ja meistens ziemlich hilfreich, auf das zurück zu blicken, was andere schon erlebt und gemacht haben. Weil es in vielen Dingen eben doch große Linien gibt und nicht alles immer völlig neu ist. 

Mich begeistern immer wieder die Lesevereine, die aus der Arbeiter*innenbewegung entstanden sind. Die Geduld und die Begeisterung, mit der Menschen versucht haben, Texte zu lesen und zu verstehen – und auch mit ihren Autor*innen zu diskutieren. Zu lernen. Sich unendliche Mühe zu geben.

Und wie anders war der Umgang der Nazis mit dem Thema: sie vertrieben den größten Teil der intellektuellen Elite und ersetzten sie da, wo sie deren Stellen freigemacht hatten, mit einfachen, nicht-akademisch ausgebildeten Leuten. Der bis heute in diesem Land sprichwörtliche "kleine Mann", an dessen Wohlergehen sich aus rechter Sicht alles zu orientieren habe, ist in diesem Zuge übrigens erst eingeführt worden. Als Gegenkonzept zu den intellektuell interessierten Arbeiter*innen. Kein Wunder übrigens, am Rande wenigstens erwähnt, dass bei diesem Traditionsbruch Deutschland (und teilweise Österreich) sich bis heute schwerer damit tut als die meisten anderen europäischen Länder, die "Akademisierung" von Bildung und Ausbildung mitzugehen (und schon das negativ genutzte Wort Akademisierung ist ja Teil der antiintellektuellen Tradition).

Was ich aber am meisten verachte, sind Intellektuelle, die mit diesem rechten Furor spielen. Oder, wie Thomas Mann es so wundervoll formulierte:

Wo der Hochmut des Intellektes sich mit seelischer Altertümlichkeit und Gebundenheit gattet, da ist der Teufel.

14.4.21

Was für ein Ausblick!

Stell dir mal vor, du bist in einer Partei, in der Olaf Scholz als einzige kanzleramtstaugliche Option gilt. Oder in einer, die die Wahl hat zwischen einem hemmungslosen Populisten und einem netten Tor, der von einem religiös/theologisch rechtsradikalen Katholiken gesteuert wird. Das ist kein Spaß, glaube ich.

Daran musste ich in den letzten Tagen oft denken, wenn ich deren Situation mit der in meiner Partei verglich. Ok, ich bin ein winziges bisschen voreingenommen – aber tatsächlich bin ich extrem dankbar, dass meine beiden Bundesvorsitzenden einen gemeinsamen Vorschlag machen werden, wer von ihnen Kanzlerkandidat:in werden soll. Und dass ich mich dazu nicht entscheiden muss. Denn ich freue mich auf einen Wahlkampf, egal wer von den beiden es wird. Ich kann mir beide super gut vorstellen. Wie toll ist bitte, dass wir Grünen zwei Spitzenleute haben, die gut für das Amt wären? Und damit mehr geeignete Leute als alle anderen Parteien zusammen?

Und sie sind ja sehr unterschiedlich.

Baerbock

Für Baerbock spricht ja gerade, dass sie noch nie regiert hat - und zugleich, wie sie sich innerhalb kürzester Zeit ganz nach vorne durchgesetzt hat. Gerade angesichts des Totalversagens von Regierenden in Ländern und Bund ist „keine Regierungserfahrung“ gerade jetzt fast schon eine Adelung. Und: Sie ist klar, schlau und durchsetzungsstark, hat kleine Kinder. Wäre also eine aufregend neue Kandidatin und Kanzlerin. Sie wäre der Kontrapunkt zu einer erschlafften Koalition, gerade auch zu Scholz, den hölzernen.

Habeck

Und Habeck finde ich schon seit vielen Jahren sehr aufregend. Seit Engholm hat mich kein Spitzenpolitiker mehr so sehr intellektuell und habituell angesprochen und angeregt. Gerade in der jetzigen Situation finde ich die Vorstellung eines Philosophen im Kanzleramt inspirierend. Zumal sein letztes Buch wirklich toll war, sehr viel besser, als ich es erwartet hätte. Das Wahlprogramm atmet, vor allen in den Randkapiteln, seine Sprache, was ich toll finde. Und sein Konzept der Bündnispartei, das ich schon länger propagiere als er selbst, überzeugt – gerade im Vergleich zum absurden Schauspiel, das die Union gerade abliefert, gerade auch im Gegensatz zum Mackertum eines Söders.

Ausblick

Dass ich mir aus vielen Gründen Baerbock als Kanzlerin und als Kandidatin wünsche, sage ich ja sehr oft in letzter Zeit. Genau so oft, wie ich in den letzten Jahren das gleiche über Habeck gesagt habe. Beide wären super, denke ich. Was für ein Luxus!

Beide haben die Bündnisfähigkeit und die Mehrheitsfähigkeit der Grünen in den letzten Jahren gemeinsam geprägt und hergestellt. Wie sehr die Ideen einer Partei, die für ein politisches Lebensgefühl steht, die Politik als Prozess versteht, die Bündnisse sucht und identitätspolitische Koalitionen – wie sehr alle diese Ideen, die viele von uns seit zehn Jahren in Analysen und Strategiepapieren aufgeschrieben haben (auch ich, auch hier im Blog seit 2010 in etwa), inzwischen die politische Realität der Grünen prägen, ist auch und gerade das Verdienst der beiden. Weil sie gerade in ihrer Gegensätzlichkeit und mit ihren unterschiedlichen, auch kommunikativ unterschiedlichen Ansätzen erst im Zusammenspiel diese Kraft entfalten konnten.

Der Luxus, den wir als Partei und auch als Land haben, ist, dass es in dieser Situation fast egal ist, wer von beiden die nächsten Jahre die Regierung anführt.  Und darum auch erstmal den Wahlkampf. Weil etwas in Bewegung geraten ist. 

Für jede von ihnen spricht einiges. Ich bin super gespannt, wie es gelingt, dieses auszutarieren. Und welche Wette auf die Zukunft wir machen. Sagte ich schon, dass ich mich (trotz, vielleicht auch wegen all der Scheiße, in der wir gerade stecken) auf den Wahlkampf freue?

2.3.21

Polykulturelle Minderheiten-Mehrheit

Im Windschatten des Versuchs, zunehmenden Widerspruch gegen vormals meinungsprägende Positionen als Cancel Culture zu diffamieren, entsteht gerade eine, wie ich finde, gute und zielführende Debatte über Gesellschaft, Gemeinschaft, kollektive Identitäten oder identitäre Kollektive. Wolfgang Thierse in der FAZ und Gesine Schwan in der SZ sind nur zwei Beispiele, aber sie zeigen, wie sehr das Thema inzwischen in der Mitte des Diskurses angekommen ist.

Mich inspiriert diese Diskussion auch deshalb, weil meine Agentur diese Entwicklung unter dem Thema polykulturelle Ära diskutiert und daraus Kommunikationsansätze entwickelt. Für Europa treibe ich dieses Thema bei uns gerade voran und lese und denke sehr viel daran herum. Im Kern und sehr stark vergröbert geht es dabei darum, dass wir in einer Zeit leben, in der sich Identität mehr über kulturellen Ausdruck konstituiert als über Herkunft oder formale Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Und dass jede dieser Gruppen, die sich gemeinsam kulturell ausdrücken, eine (kleine) Minderheit ist - sie aber zusammen inzwischen die Mehrheit bilden. Und das nicht mehr nur in der jüngeren Generation, in der wir dieses Phänomen schon länger beobachten.

Übertragen auf Europa und auch und speziell auf Deutschland, ist die Situation insofern etwas anders, als die nordamerikanischen Gesellschaften schon sehr viel länger, eigentlich seit rund 400 Jahren, sehr viel diverser sind. Aber das Verständnis einer polykulturellen Ära im Unterschied zu einer multikulturellen Ära davor ist auch für den alten Kontinent erhellend, denke ich. Denn multikulturell bezog sich immer eher auf die Herkunft und das kulturelle Erbe vor allem von eingewanderten Gruppen – und es war immer bezogen auf eine Leitkultur (mal von der hochproblematischen Konnotation des Begriffs selbst abgesehen) als der Kultur der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, meist die seit mehreren Generationen indigene Mehrheit eines Landes.

Auch in Deutschland hatten wir immer wieder mehr oder weniger hilfreiche Diskussionen rund um eine Leitkultur. Die neue Diskussion, wie sie von Schwan und Thierse beispielsweise geführt wird, erkennt nun endlich an, dass es dieses Konstrukt so nicht mehr geben kann. Und zwar, weil es keine klassische Mehrheitsgesellschaft mehr gibt (wenn es sie denn je gegeben hat, aber das ist eine andere Geschichte). Mir hilft die Idee einer polykulturellen Ära sehr, um diese Veränderung zu beschreiben und damit (produktiv) umzugehen. Und sie erklärt zugleich mein Unbehagen mit den Positionen von Thierse und Schwan.

Denn trotz allem schwingt noch das Erklärungsmuster einer Mehrheit mit (bei Thierse deutlich krasser, da er seine Privilegien unreflektiert ausbreitet). Daraus befreit der Gedanke der polykulturellen Minderheiten-Mehrheit – weil er es schafft, zu benennen, was die Realität ist: dass es keine gemeinsame kulturelle Ausdrucksweise gibt, die die Mehrheit der Gesellschaft abbildet. Keine gemeinsame oder auch nur mehrheitliche Identität. 

Wenn aber – durch jeweils selbstgewählte oder erworbene Zuordnung zu einer kollektiven Minderheiten-Identität –  eine Gesellschaft entstanden ist, in der diverse polykulturelle Minderheiten zusammen die Mehrheit bilden, dann ist das etwas anderes als die (wie ich finde postmoderne) Idee im Grunde fraktaler Persönlichkeiten, also die Idee, dass ich mich aus verschiedenen kulturellen Entwürfen bediene, um meine je eigene Identität zu formen (ich habe den Eindruck, dass das bei Schwan immer noch gemeint ist in ihrer Vision). 

Tatsächlich sehe ich, dass die postmoderne Individualität (wieder) abgelöst ist von Gruppenerfahrungen. Nur dass eben keine Mehrheitsgesellschaft dabei herauskommt, sondern eine Vielzahl von kollektiven Identitäten, die sich kulturell mehr oder weniger gemeinsam ausdrücken – was ich dann als polykulturell beschreibe. Diese polykulturelle Erfahrung, die vor allem die Generation meiner Kinder auch schon lange im Alltag macht, verändert nun sowohl die Gesellschaft als auch den gesellschaftlichen Diskurs. Bis hin zu dem Widerspruch gegen unreflektierte Privilegien und das selbstpostulierte Recht der ehemaligen Mehrheit, unwidersprochen ihre Ressentiments oder Exklusionen verbreiten zu können.

Wenn die Mehrheit in einer Gesellschaft die Erfahrung macht, dass sie zu einer Minderheit gehört, verändert dies das Gesamtgefüge der Gesellschaft. So kann ich zumindest erklären, wieso beispielsweise gendersensible Sprache oder identitätssensibles Handeln von dieser neuen polykulturellen Minderheiten-Mehrheit als Selbstverständlichkeit betrachtet und auch eingefordert werden: der eigene kulturelle Minderheitenstatus ermöglicht mir, Ausgrenzung und Marginalisierung anderer eher wahrzunehmen, als wenn ich mich zu einer Mehrheit dazugehörig fühle.

Insofern sind Menschen, die auf die Rechte oder auch nur Anerkennung einer Minderheit pochen, die für Teilhabe einer Minderheit streiten, keineswegs dafür mitverantwortlich, die "Mehrheit" mitzunehmen oder für den Zusammenhalt zu sorgen. Denn sie erfahren ja, dass eine Teilhabe von Minderheiten und eine (kulturelle) Sensibilität für Minderheiten de facto Teilhabe und Sensibilität für die Mehrheit bedeutet. 

Und insofern kann das Getöse über eine angebliche Cancel Culture oder über den angeblichen Zwang zur Sensibilität eigentlich nur auf zwei Weisen beschrieben werden: Entweder als "Rückzugsgefecht" einer Minderheit, die noch nicht anerkennen kann, dass sie inzwischen eben dieses ist, eine Minderheit, obwohl sie noch eine Generation vorher die Mehrheit war. Oder als reaktionäres (oder revolutionäres) Projekt, das einer Minderheit die Vorherrschaft über andere Minderheiten sichern (oder verschaffen) will.

Für die Gesellschaft aber ist die neue Zeit einer polykulturellen Minderheiten-Mehrheit ein Gewinn, denke ich. Denn sie wird nahezu zwangsläufig offener und auch sensibler (beides halte ich für einen Gewinn, aber darüber lässt sich wahrscheinlich politisch streiten). Und kollektive Identitäten spielen dabei in meiner Sicht (und anders als Schwan und wahrscheinlich auch Thierse es sehen) eine entscheidende und positive Rolle: Durch die Erfahrungen des Minderheitenstatus, die ich in meinem Kollektiv mache, in meiner Gemeinschaft, öffnet sich der gedankliche Möglichkeitenraum für Minderheitenrechte, für Sensibilität, für die Offenheit für andere kulturelle Ausdrucksformen. 

Der politische Liberalismus hat historisch immer Gesellschaft der Gemeinschaft vorgezogen, während konservative und revolutionäre Ansätze oft von der Gemeinschaft als sinnstiftender Einheit her kommen. Insofern mag es auch kein Zufall sein, dass der politische Kampf um die offene, liberale Gesellschaft an dieser Linie verläuft. Und die polykulturelle Minderheiten-Mehrheit es ist, die die liberale Demokratie gegen ihre Feind:innen verteidigt – während es die Minderheit, die sich mit ihrem (neuen) Minderheitenstatus nicht abfinden kann, mit Begriffen wie Leitkultur oder mit einem Festhalten an hergebrachten Regeln und Sprachen und Sprechweisen de facto auf die liberale Demokratie abgesehen hat.

Ich kann die Sorge, eine Gesellschaft falle auseinander, wenn sie sich in polykulturelle Minderheiten und kollektive Identitäten auffächert, nicht nachvollziehen. Mein Eindruck ist, dass Schwan und Thierse und andere genau diese Sorge haben. Sie wäre berechtigt, wenn es eine Mehrheit gäbe – was ja die gesellschaftliche Situation ist, aus der beide kommen, sie sind ja beide noch mal massiv älter als ich. Und tatsächlich drohte ja bis vor etwa zehn Jahren oder so ein Auseinanderdriften der Gesellschaft im Zuge der identiätspolitischen Ansätze. Aber heute, wo beispielsweise in den USA die identitätspolitische Koalition der Demokrat:innen eine strukturelle Mehrheit hat, und wo auch beispielsweise in Deutschland identitätspolitisch motivierte Koalitionen wie die Grünen und (mit Ausnahme einiger Traditionssozialdemokrat:innen) SPD Zulauf bekommen und selbst die CDU mindestens in Teilen eine identitätspolitische Koalition ist; heute also zeigt sich, dass eine Gesellschaft, in der es eine polykulturelle Minderheiten-Mehrheit gibt, eine Chance hat, als offene liberale Demokratie einen weiteren Schritt auf eine inklusive, sensible Gesellschaft hin zu machen. In dem kollektive Identitäten, die um ihren Minderheitenstatus wissen, gemeinsam Teilhabe und sensiblen Umgang miteinander schaffen.

[Edit 21.40 Uhr: Mir war, als ich diesen Text online stellte, noch nicht klar, welche Wellen bis hin zum leberwurstigen Austrittsangebot Thierses (es lohnt sich hier auch auf die Verlinkungen zu klicken, um das ganze Ausmaß zu sehen) diese Diskussion in der SPD schlägt. Gut.]