10.8.20

Da sein

Wenn ein Leben sich dem Ende zuneigt, geht es nicht darum, sich zu verabschieden. Das dachte ich irgendwie immer, aber das stimmt nicht. In der einen Woche, die meine Großmutter zum Sterben gebraucht hat, ging es viel mehr darum, da zu sein. Für sie da zu sein. Ihr Hand zu halten. Ihr in ihrer Angst und beim Loslassen Sicherheit und Ruhe zu geben.

Als meine Mutter vor zwölf Jahren starb, war es Nacht, sie ist nicht mehr aufgewacht und war vorher viele Jahre lang nicht mehr da. Zwei Jahr vor ihrem Tod schrieb ich was darüber. Als mein Großvater vor eineinhalb Jahr starb, habe ich ihn ins Krankenhaus begleitet und mit ihm gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass er die Operation wagt, die er nicht überstanden hat. So dass er im Grunde starb, wie er lebte – abrupt, im Wissen, dass er sterben will und wird, allein.

Und so war es für mich und auch für die Meinen das erste Mal, dass wir jemanden intensiv in den Tod begleitet haben. 


Das war eine harte Woche, vor allem emotional, aber eine, die für sie und für uns wichtig war. Und ich bin dankbar, dass wir es gemacht haben und uns nicht einfach nur verabschiedeten. Wir haben sie ja auch die letzten Jahre, die sie nicht mehr selbstständig leben konnte, begleitet. Vor Corona zwei- bis dreimal wöchentlich, oft auch so, dass wir sie zu uns geholt haben, dass sie ein bisschen am Leben teilhaben konnte. Glücklicherweise in den letzten Wochen wieder ein bisschen, einmal war sie sogar noch wieder bei uns zu Hause.

Da sein. Am Ende war es vor allem das. Mit ihr singen und beten und ihr versichern, dass hier alles abgeschlossen ist und wir sie gehen lassen. Ihr helfen, den Ausgang zu finden. Sie erinnern, dass sie auf ihre Tochter und ihren Mann nicht hier warten muss und kann – sondern dass sie auf sie warten, drüben.

Meine Großmutter. Die immer selbstbestimmt sterben wollte, die in den 70ern und 80ern klare Vorstellungen davon hatte, wie sie ihrem Leben zur Not selbst ein Ende setzen könnte. Und die am Ende nicht loslassen konnte. Die noch nicht sterben wollte, als klar war, dass ihr Körper und ihr Geist nicht mehr können. Aber doch Gott vertraute, dass er sie holen werde, wenn es sein soll.

Da sein war wichtig in dieser Zeit, das war deutlich zu spüren. Und das war Lohn genug, wenn es denn welchen braucht. Und dass sie sich Zeit gelassen hat, hat den anderen ermöglicht, sich von ihr zu verabschieden. 

Und als der letzte Urenkel, der die Woche über außerhalb arbeiten musste, schließlich da gewesen war, konnte sie gehen. Und hat es auch sofort gemacht. Sie hatte auf ihn gewartet, der eine Zeit lang bei den Urgroßeltern gewohnt und sich um sie gekümmert hatte, bevor sie ins betreute Wohnen gehen konnten und mochten. 

Eine intensive Woche. Mitzuerleben, wie sie wartete, wie das Leben weniger wurde, mühsam. Wie ihre herzensgute Fröhlichkeit immer weniger zu sehen war, auch wenn fast bis zum Schluss noch etwas durchschien. Danke, liebe Großi, dass du mehr als 50 Jahre für mich da warst. Danke, dass du alle Irrungen und Wirrungen unserer Leben immer mit Liebe und Bestätigung begleitet hast. Bis zum letzten Tag fragtest du, ob es allen gut geht, ob wir glücklich sind. Und ja, wir sind es. Wir sind traurig, dass du tot bist. Aber wir sind glücklich, dass wir dich auf diesem Weg begleiten durften. Und werden da sein, wenn du später in dieser Woche deine allerletzte Reise antrittst, die dich zurück an die Seite deines Mannes führt, mit dem du weit über 70 Jahre jeden Abend Hand in Hand eingeschlafen bist.

Und ich bin unendlich dankbar, dass ich eine so wundervolle Frau an meiner Seite habe, die diesen Weg mit mir gegangen ist. Und Kinder, die ihn mitgegangen sind. Wie bin ich gesegnet. Du hast das gewusst und es mir jedes Mal gesagt, wenn wir uns sahen.

10.6.20

Alerta

Ich lebe am Rande einer Kleinstadt. Diese Kleinstadt ist sehr lebenswert und interessanterweise sehr divers. Sie hat eine der letzten größeren Militär-Kasernen und eine Polizei-Kaserne. Sie hat mehrere Wohnanlagen für Alte. Etliche Schulen jeder Geschmacksrichtung für eine ganze Region. Etliche lokale Handwerksbetriebe und Geschäfte haben sich zu einer "Faire-Welt"-Initiative zusammen geschlossen. 14- und 15-jährige Mädchen organisieren eine der großen Fridays-for-Future-Gruppen in der Region. Ein Volksentscheid gegen ein Inklusionshotel in bester Lage ist sang- und klanglos gescheitert.

Das alles ist noch nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der Nazi-Aufkleber an Laternenpfählen überhand nahmen. In der sich Nazis im Straßenbild breit machten. In dieser Zeit lebte ich nicht hier, ich war nie in dieser Kleinstadt. Ich kenne diese Zeit nur aus Erzählungen. Und aus anderen Gegenden. Mitte der 80er war ich kurze Zeit Antifa-Koordinator im letzten Juso-Kreisvorstand, den es in meinem Hamburger Bezirk gab.

***

Als vor ein paar Jahren die Rechten eine Kampagne gegen Antifaschistinnen fuhren und sich die meisten so genannten "Bürgerlichen" nicht schnell genug von ihnen distanzieren konnten – was sie ja bis heute machen –, ist einer Freundin, die damals schon in jener Kleinstadt lebte, der Kragen geplatzt.

Damals, erzählt sie, gab es ein paar junge Leute in der Stadt mit Lederjacken und bunten Haaren und Springerstiefeln. Die nannten sich Antifa. Und wenn sie und ihre Freundinnen, alle aktiv in der evangelischen Kirchengemeinde der Kleinstadt, loszogen, um unter merkwürdigen Blicken der meisten Einwohnerinnen die Nazi-Aufkleber von den Laternenpfählen abzupulen, waren diese jungen Leute die einzigen, die sich ihnen anschlossen. Und wenn sich auf der anderen Straßenseite ein paar von den Nazis aufbauten, die offen zum Straßenbild der Kleinstadt gehörten, dann waren diese jungen Leute da. Mal einfach nur so. Mal in Bewegung.

Sie war die jüngste der Frauen damals. Und keine der grauhaarigen Freundinnen ließ oder lässt etwas auf die Antifa kommen. Ohne Antifa, sagen sie, wäre diese Kleinstadt heute noch ein gefährliches Pflaster für sie, für Christinnen. Ohne Antifa hätten sich in den Jahren danach nicht die ersten Ladenbesitzerinnen zusammengeschlossen, um eine Initiative für Schutzräume und dann später für Fairen Handel zu bilden. Es waren (meist ältere) Frauen der evangelischen Kirche und die jungen Leute der Antifa, die die einzigen waren, die der beginnenden Dominanz der Nazis im Stadtbild etwas entgegensetzten.


***

Sich von "der Antifa" zu distanzieren, halte ich für dumm, unpolitisch und gefährlich. Und "man" muss es sich auch leisten können. Denn seit den 80ern gab und gibt es nicht viele andere, auf die sich verlassen kann, wer Nazis entgegentritt. Fast überall (im Westen) waren es damals Aktive aus Kirchengemeinden zusammen mit jungen Leuten, die keine Angst davor hatten, dass es vielleicht auch mal wichtig sein könnte, sich (körperlich) zu wehren. Und als 2015 in unserem Stadtteil am Rand von Hamburg die größte Unterkunft für Vertriebene eingerichtet wurde und die Nazis aus den Nachbarstadtteilen ankündigten, das nicht zuzulassen, waren es junge Leute mit Lederjacken und bunten Haaren, die die Nächte im Gewerbegebiet verbrachten. Und das evangelische Gemeindehaus bewachten, das das Basislager der Helferinnen war. Und sonst niemand.



***

Im ersten Kreisvorstand der Jungen Sozialdemokraten, der unseren letzten Juso-Kreisvorstand ablöste, gab es selbstverständlich keinen Koordinator für Antifa-Arbeit mehr. Ich weiß sehr genau, auf wen ich mich verlassen kann, wenn ich von Nazis bedroht werde. Und das ist ganz sicher niemand, der oder die sich von "der Antifa" abgrenzen zu müssen meint.




21.5.20

Why Bildung matters und Diversity rulez

Als jemand, der als Geschäftsführer eine kreative Agentur führt (disclosure zu diesem Text am Ende), gucke ich wahrscheinlich noch mal anders auf den offen und zutiefst rassistischen Werbeclip, den Volkswagen diese Woche auf Instagram ausgespielt hat. Nicht nur als politischer Mensch und Eine-Welt-Aktivist sondern auch als jemand, der Kreativität und Kampagnen entwickelt, beurteilt, an Kundinnen verkauft und verteidigt. Und mein Entsetzen ist in professioneller Hinsicht noch größer als in politischer und ethischer.

Ich werde den Film nicht teilen und weiter verbreiten. Aber es schon krass, dass mir beim ersten Ansehen sofort vier zutiefst rassistische Details ins Auge sprangen. Ich war sozusagen in der Situation, in der ich auch beruflich oft bin: Aufmerksames Ansehen, sonst zur Abnahme, hier zur Beurteilung. Also etwas mehr als eine Konsumentin, etwas weniger als eine Kundin.

Es ist schlichtweg nicht möglich, diese rassistischen Symbole nicht zu sehen, wenn ich - das mag allerdings die Voraussetzung sein - eine gewisse Bildung habe und schon einmal vom Thema Stereotype und Rassismus gehört habe. Und genau das ist aus meiner Sicht das Problem.

Das ist nicht zufällig „passiert“

Ich halte es nicht für möglich, dass in einer Agentur und in einer Marketingabteilung so ein Film durch Zufall entstehen kann. Ok, dass die weiße Hand, die einen schwarzen Menschen in ein Haus mit dem Namen Petit Colon schubst, genau in dem Moment das Erkennungssymbol der amerikanischen White Supremacy Bewegung formt, in dem das N-Wort aufblitzt, das mag Zufall sein. Aber alles andere „passiert“ nicht einfach.


Wie es um Bildung, Herzensbildung und Diversity in dem Team bestellt ist, das für Volkswagens Instagram zuständig ist, zeigt auch die Antwort auf die Kritik in diesem Kanal (anders als auf Twitter, wo Volkswagen zwar spät aber halbwegs angemessen reagiert, und beim zuständigen Vorstand, der sich klar und deutlich äußert – auch, wenn es selbstverständlich nicht nur semantisch sondern auch von der Haltung völliger Unsinn ist, sich selbst zu entschuldigen, denn man kann nur um Entschuldigung bitten, Anfängerfehler und auch eine Bildungsfrage, sorry). Auf Instagram brutale und absurde Schuldumkehr plus null Einsicht, dass der Spot objektiv rassistisch ist.


Eigentlich sind nur zwei Szenarien denkbar und beide sind grauenvoll. Und lassen Schlüsse zu, wie meines Erachtens Agenturen sich organisieren sollten, damit das nicht passiert.

Was kann da passiert sein?

Entweder jemand hat mit rassistischem „Humor“ und rassistischen Popkultur-Symbolen gespielt und niemand von denen, die Verantwortung tragen, Abnahmen machen, Milestones freigeben, hat es gemerkt. Oder die Entscheiderinnen haben diesen Rassismus bewusst eingesetzt, weil sie eine Zielgruppe anpeilen, die dafür offen ist - und unterschätzt, dass es andere empört. Das, was ich über die (neuen) Zielgruppen für den neuen Golf weiß, schließt das zweite Szenario glücklicherweise aus.

Bleibt die Kombination aus bewusstem Rassismus und dem Unvermögen aller Seniorinnen, das zu stoppen. Dafür spricht auch, wie die Instagram-Antwort von Volkswagen aussieht. Denn jede Agentur, die seriös ist, wird einen Rassismus-Vorwurf sofort sehr hoch eskalieren. Das heißt, diese Antwort von VW ist, denn ich gehe davon aus, dass Instagram von einer seriösen Agentur betreut wird, mindestens auf Managing Director/Geschäftsführer-Ebene „abgesegnet“ worden, wahrscheinlich auch von einer Leitungsfunktion beim Kunden. Dass keinerlei Problembewusstsein zu erkennen ist (also für das echte Problem, den Rassismus, nicht für das Problem der Kritik), ist ja tatsächlich erschütternd und nur mit einer Kombination aus mangelnder Bildung der Führung und keiner Diversität im Team erklärbar, wenn ich keine Bosheit unterstellen will.

Agenturen, die so was fabrizieren, haben ein echtes Problem

Ich bin überzeugt, dass so etwas in einer Agentur, die organisatorisch und personell achtsam aufgestellt ist, verhindert werden kann. Prozesse, Rassismen, die unterschwellig in Konzepte und Kreation „sickern“, zu entdecken, sind meines Erachtens in jeder Agentur nötig. Denn gerade in nicht divers geformten Teams (und damit haben wir Agenturen in Europa und Nordamerika immer noch ein Problem) ist es wichtig, „unconscious bias“ zu kontern.

Während einige der rassistischen Elemente des Volkswagen-Films auch ohne so einen Prozess aufgefallen wären, wenn gebildete Vorgesetzte involviert gewesen wären, kann ich mir schon vorstellen, dass die weiße Hand und der schwarze Mann „durchrutschen“ können. Um das zu verhindern, muss ich mich anstrengen. Denn auch ich, der sich seit mehr als 30 Jahren mit Eine-Welt-Fragen, Kolonialismus und Rassismus beschäftigt, habe da immer noch blinde Flecke, in denen mir Dinge nicht auffallen. Und in denen ich Worte und Bilder benutze, die in der rassistischen Tradition stehen, die Europa seit der Aufklärung entwickelt hat.

Unstereotype

Darum bin ich so ein großer Anhänger der Unstereotype Allianz und setze das Framework und die Checklisten in meiner Arbeit ein. Und eine Konsequenz aus dem rassistischen Desaster dieses Films ist, dass ich sie verpflichtend in den Agenturen mache, in denen ich Geschäftsführer bin. Der Konzern, zu dem meine Agenturen gehören, ist Mitglied in dieser Allianz, die eine Initiative der Vereinten Nationen ist. Darüber bin ich sehr glücklich – und die Ergebnisse, die das Framework, das im letzten Jahr in Cannes vorgestellt wurde, in der konkreten Arbeit bringt, sind ziemlich gut. Ich finde es absurd, dass in deutschen Kreativ- (und PR-) Preisen anders als in vielen internationalen die Kriterien der Unstereotype Allianz noch immer nicht als Schwelle eingezogen sind, über die Einreichungen müssen. Und dass mir keine deutsche Agentur bekannt ist, die regelmäßig (also als Standardprozess) diese Kriterien anwendet [falls es welche gibt, freue ich mich über Hinweise; und auch wir werden es ja erst jetzt verpflichtend machen].

Darum ist es so zwingend notwendig, dass wir in der Weiterentwicklung unserer Agenturen darauf achten, dass gemischte Teams entstehen: nach Herkunft, Geschlecht, Alter und Diskriminierungserfahrungen. Da haben die allermeisten von uns massiven Nachholbedarf. Erster Schritt ist, das anzuerkennen – und Prozesse in Gang zu setzen, einerseits, dieses zu ändern, und andererseits, in der Übergangszeit andere Perspektiven zu simulieren oder von extern reinzuholen. Auch dazu kann die Methodik der Unstereotype Allianz helfen übrigens.

Bildung

Da ich mit dem Thema Bildung gestartet bin und das mein Lieblingsthema ist: auch das ist wichtig. Teilweise lässt es sich über altersgemischte Teams zumindest in Ansätzen angehen, weil Erfahrung und jahrelange Beschäftigung mit politischen und Gerechtigkeits-Themen formale Bildung sicher ersetzen und ergänzen können. Ich halte es für möglich (oder wahrscheinlich), dass Teile des Teams, das diesen rassistischen Film entwickelt hat, die Symbole und den Rassismus nicht gesehen haben. Das ist auch individuell nicht unbedingt das größte Problem in dieser Situation (wenn auch bitter für die Betroffenen), wenn die eigene Expertise keine Bildung oder Herzensbildung verlangt. Aber irgendwo in so einem Team müsste mindestens eine Person sein, die entweder genug Bildung oder genug Erfahrung hat, um dies zu erkennen. Es ist ein anderes Thema, aber eben einer der Gründe, wieso Social eben nichts allein für die #diesejungenleute ist.

Edit 17.15 Uhr: Inzwischen hat DDB sich zu dem rassistischen Film geäußert und Maßnahmen zur Veränderung angekündigt. Ich wünsche den Kolleginnen dabei Erfolg. Finde ich gut.


disclosure: Ich führe als Geschäftsführer eine Agentur, die zu einem der Teams gehörte, die sich um den Etat für den neuen Golf beworben hatten. Ich habe noch nie für Volkswagen gearbeitet, wir arbeiten aber für andere Automobilhersteller aus Deutschland, Italien, England, Indien, USA, Korea (und vielleicht noch für andere). Ich wüsste nicht, dass ich jemanden persönlich kenne, der oder die an diesem Film oder der Kampagne gearbeitet hat, ich weiß nicht, welche Agentur Instagram für Volkswagen betreut[Edit 17.15 Uhr].

25.2.20

Die Mitte

Wenn die Mitte der Gesellschaft woanders ist,
als die Partei glaubt, die sich "die Mitte" nennt.
In Hamburg ist die CDU ja mit dem denkbar liberalsten Spitzenkandidaten angetreten, der auffindbar war. Und trotzdem hat sie ganz erheblich an die Grünen und recht stark an die SPD verloren. Quasi nichts mehr aber an die Faschisten. Das ist gerade angesichts des Kandidatenschaulaufens für die Parteivorsitz, das heute so richtig losging, einsichtsvoll.

Ja, Hamburg ist ein bisschen besonders, weil es eben auch "nur" eine Stadt ist. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Hamburg auch das erste Bundesland war, in dem Rechtsextreme 20% geholt haben - und dann sogar mit FDP und CDU zusammen regieren durften. Zugleich zeigt sich aber hier in einem echten Wahlergebnis, was sich in Umfragen und Trends auch in NRW oder Schleswig-Holstein zeigt: Das "Sortieren" am rechten Rand es politischen Spektrums ist fertig. Die AfD hat den autoritär-radikalen Teil der ehemaligen Wählerinnen der CDU (und auch der SPD übrigens) abgeholt, selbst eine weitere Radikalisierung ändert daran nichts, im Gegenteil.

Sicher war Hamburg auch deshalb eine besondere Situation, als zum ersten Mal der Verdacht, den die Mitte und das linke Spektrum hatte, nämlich, dass die CDU vielleicht nicht ganz fest und sicher als Schutz gegen die Faschisten stünde, als also dieser Verdacht sich bestätigt hat in Thüringen und durch die Werteunion.

In unserem Land ist die Erfahrung der meisten Menschen in der Politik, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Das Problem für Parteien ist dabei allerdings immer gewesen, rauszufinden, wo denn genau diese Mitte liege. Denn die ist ja nicht statisch oder dadurch "definiert", wo Parteien, die sich "die Mitte" nennen, behaupten, dass die Mitte sei.

Hamburg gibt nun einen ganz guten Hinweis darauf, dass die CDU – und hier vor allem der Teil in der CDU, der sich "konservativ" nennt (was noch mal ein ganz anderes Problem ist, aber dazu gleich) – offenbar nicht mehr wirklich die Mitte abbildet. Denn weiterhin werden Wahlen in der Mitte gewonnen. Dort, wo die Menschen, die wählen, die Mitte sehen. Also dort, wo die Wählerinnen hingewandert sind von der CDU.

Wenn man sich politische Überzeugungen und Programme anschaut, ist es ja gerade nicht so, dass die CDU, wie ihr rechter Flügel behauptet, nach links gerutscht sei - sondern dass SPD und CDU gemeinsam seit der Schöderregierung nach rechts gerutscht sind, während die Mitte der Gesellschaft sich in den letzten Jahren (offenbar unbemerkt von SPD und CDU) etwas nach links verschoben hat. Und so kommt es dann offenbar, dass sich Menschen, die sich als Mitte empfinden und Mitte sind, von der CDU zu den Grünen wenden.

Dass die CDU sich gleichzeitig eben nicht nach links sondern auch rechts entwickelt hat, sieht man meines Erachtens auch sehr gut daran, dass Menschen in der CDU sich konservativ nennen, die man früher als reaktionär bezeichnet hätte (die Gruppe um Dregger galt in der Kohl-Zeit nicht als konservativ sondern als reaktionär, auch innerhalb der Partei). Und die, die früher konservativ geheißen hätten, auf einmal innerhalb der Partei als liberal gelten.

Wenn also jetzt die reaktionären Kräfte gemeinsam mit libertären versuchen, die Partei weiter nach rechts zu verschieben – und die desaströse Kandidatur-Pressekonferenz von Merz heute spricht ja dafür, dass seine Leute das wollen –, dann bewegt sie sich immer weiter weg aus der Mitte. Die Mitte der Gesellschaft aber wird sich immer eine Partei suchen, die ihre Überzeugungen abbildet. Das hatte Schröder erkannt. Das hat Merkel umgesetzt. Das wird Baerbock zu nutzen wissen.

24.2.20

Warum es ein gutes Zeichen ist, dass die Prognose bei der AfD so daneben lag

Nun sind die Faschisten doch drin geblieben in Hamburg bei der Bürgerschaftswahl. Und das, obwohl beide 18-Uhr-Prognosen sich ziemlich sicher waren, dass Hamburg sie rausgewählt hat. Das ist doof, denn das Signal, dass der Spuk zu Ende gehen könnte, wäre schon schön gewesen. Aber es ist auch nicht dramatisch, denn sie haben verloren. Und über 70% der Hamburgerinnen haben Parteien gewählt, die stabil und ohne zu zucken gegen Faschisten stehen und standen.

Dennoch finde ich es bemerkenswert, wie stark die Prognose daneben lag – ganz anders als bei den anderen Parteien. Zur ersten Prognose waren sich die Forscherinnen recht sicher, dass es nicht reichen wird. Um zu verstehen, wieso das ein gutes Zeichen ist, genügt ein Blick auf das Instrument Prognose:

Die 18-Uhr-Prognosen entsteht ja aus so genannten Nachwahlbefragungen. Da werden also noch keine ersten Stimmzettel angeguckt – sondern es werden Wählerinnen in einigen Wahllokalen nach ihrer Wahl befragt, wen sie gewählt haben. Als ich noch in Hamburg wohnte, war das beispielsweise in einem Wahlbezirk in unserem Wahllokal am Stadtrand der Fall. Mit den Ergebnissen dieser Befragung schätzen die Forscherinnen dann das Ergebnis. Und diese Schätzung ist traditionell recht gut. Bei den letzten Wahlen (im Osten vor allem) auch bei den Faschisten.

Wer sich mit Befragungen beschäftigt, weiß, dass es Dinge gibt, die Menschen auch in einer relativ geschützten Umgebung nicht gerne zugeben. Es gibt dann immer welche, die auf so genanntes sozial erwünschtes Verhalten zurückgreifen. Sprich: einfach die Unwahrheit sagen. Die Wahl von Faschisten gehört zu den Dingen, die viele nicht zugeben mögen. Darum werden die Zahlen bei der Prognose eben nicht eins zu eins übernommen – sondern mit Erfahrungswerten modelliert.

Offenbar haben in Hamburg so wenige Leute zugegeben, die Faschisten gewählt zu haben, dass selbst die Korrektur noch nahelegte, dass sie unter 5% bleiben. Heißt also: anders als im Osten und anders als bei den letzten Wahlen in Hamburg haben sie sich deutlich mehr geschämt und wussten deutlich besser, wen und was sie da wählen.

Es waren also zu einem großen Teil eben keine Protestwählenden mehr, sondern echte Rechtsradikale, die wissen, dass rechtsradikal sein nicht als normal und akzeptabel gilt.

Ausgrenzung wirkt! 

Denn nicht zugeben zu mögen, dass ich Faschisten toll finde, ist der erste Schritt. Rechtsradikale Meinungen sind so lange kein "Problem", so lange sie nicht zur Wahl von Faschisten führen (also klar sind sie ein Problem, aber wir können mehr oder weniger damit leben, haben wir ja auch in den 80ern und 90ern, als diese Leute überwiegend nicht wählten oder eben eine der beiden großen Parteien, wofür ich immer dankbar war).

Offenbar ist in Hamburg gelungen, was die AfD ja auch am Abend in jedes Mikrofon klagte: sie auszugrenzen. Und während schon länger klar war, dass "mit Nazis reden" oder "die Sorgen Ernst nehmen" als Konzept gescheitert war, hat Hamburg gezeigt, dass Ausgrenzen funktioniert. Weniger als jemals seit ihrem Aufstieg wurden die Faschisten gewählt. Erstmal haben sie keinen Zuwachs erzielt sondern verloren. Und erstmals haben sich die Menschen geschämt, die sie gewählt haben. Sie sind wahrscheinlich unverbesserlich. Aber alle die, die dazu gehören wollen, denen wichtig ist, dass ihre Nachbarinnen und Familien sie für "noch ok" halten, die sich als Mitte der Gesellschaft erleben - alle diese wählten diesmal keine Faschisten (mehr). Und das ist ein wirklich, wirklich gutes Zeichen.

7.2.20

#unverzeihlich

Bei Angela Merkel sind es oft die kleinen, beiläufigen Dinge, die wirken. Das war bei ihrem vielleicht berühmtesten Nebensatz vom Wir und vom Schaffen so. Und das war so, als sie die eigentliche Dimension des Dammbruchs benannte, den CDU und FDP in Thüringen ausgelöst haben: dass es unverzeihlich ist.

Unverzeihlich. Das ist ein hartes Wort, das so gar nicht zu pragmatischer Politik zu passen scheint. Unverzeihlich heißt, dass selbst dann, wenn jemand um Entschuldigung bittet und einräumt, dass es ein Fehler gewesen sei – dass selbst dann keine Vergebung erfolgen kann. Weil es nicht verziehen werden darf. Weil es unverzeihlich ist.

Was Merkel hier macht, ist größer noch als die schnellen, klaren und unmissverständlichen Worte von Söder und Ziemiak unmittelbar nach der Tat. Worte, für die ich dankbar war und die mir großen Respekt eingeflößt haben. Und zu deren Klarheit sich bis heute beispielsweise Lindner nicht durchringen konnte. Merkel geht einen Schritt weiter. Und das wird kein Zufall sein.

Machen wir es konkret am Beispiel eines Regierungsmitglieds, das viele (auch viele nicht-konservative) Menschen in meinem beruflichen und privaten Umfeld gut finden: Dorothee Bär, mit der ihr euch so gerne fotografiert und die ihr ob ihrer Digital- und Social-Media-Kompetenz bewundert. Sie gratulierte (spontan) freudig zum Dammbruch. Legte auf Nachfrage (nicht mehr so spontan) explizit nach. Löschte das später. Und nannte es einen Fehler. Fehler passieren. Meine Leute wissen, dass ich ihnen bei Fehlern nicht den Kopf abreiße, wenn sie aktiv mit ihren Fehlern umgehen. Es ist gut, um Entschuldigung zu bitten.

Es gibt aber Fehler, die sind unverzeihlich. Und Angela Merkel hat meines Erachtens Recht, wenn sie  den Dammbruch so qualifiziert. Denn es ist unverzeihlich, dieses nicht sofort zu sehen. Es ist eben nicht nur unüberlegt – sondern niemand, die einen funktionierenden Kompass hat, die einen antifaschistischen Autopilot hat, würde selbst unter Fieber oder Drogen feiern, wenn sich jemand von Nazis in ein Amt wählen lässt. Das kann nur passieren, wenn es keine innere Brandmauer gegen Faschisten gibt. Oder wenn jemand Faschisten nicht für Faschisten hält (wie die Funktionärinnen meines Berufsverbandes, die nicht verstehen wollten, wieso ich die Einladung eines Faschisten als Festredner nicht so super finde).

Unverzeihlich heißt, dass einer Bitte um Entschuldigung nicht entsprochen wird. Punkt. Oder, wie es in einem meiner Lieblingsfilme heißt: Im Urlaub kauft man Lederjacken zu weit überhöhten Preisen. Aber man verliebt sich nicht in faschistische Diktatoren.

30.12.19

Voll elektrisch

Eine der besten Entscheidungen des zu Ende gehenden Jahres (neben der, mich beruflich und privat mit Menschen zu umgeben, denen ich vertraue) war die, ein Elektroauto zu kaufen (oder, ehrlich gesagt, zu leasen, weil wer weiß schon, wo die Technik in vier Jahren steht). Ich gehörte ja nie zu den first movern, mein erster CD-Player war zwar noch ein Marantz, aber da hatten die echten Freaks schon länger einen. Ebenso damals der Computer. Und auch mit der Datenübertragung zwischen zu Hause und der Redaktion habe ich erst zu Beginn 1998 angefangen. Darum habe ich viel zu lange gezögert, vollelektrisch zu fahren.

Nun, dreieinhalb Monate und rund 9.000km später, bin ich super froh, dass wir es getan haben. Ich selbst fahre ja nicht so viel, denn ich pendele mit der Bahn. Aber die Liebste kann nur mit dem Auto die Schule erreichen (tatsächlich) und Langstrecken machen wir mal so mal so. Voll elektrisch fahren ist nicht nur echt cool, sondern auch vollkommen problemlos. Aber dazu gleich. Vorher noch kurz, wieso ich ein Tesla Model 3 fahre(n muss).

Denn in das Projekt Vollelektrisch sind wir erstmal markenoffen reingegangen. Sogar Marken, die ich gar nicht mag, kamen in Frage. Und weil wir als Arbeits- und Geländewagen für 3,5to Anhängerziehen einen Land Rover fahren, wollte ich sogar deren (Jaguar) Vollelektrischen ausprobieren. Ebenso wie einen BMW. Jaguar konnte mir keine Probefahrt ermöglichen. Nun. Und BMW und Tesla habe ich zur selben Zeit per Mail angeschrieben (vorsichtshalber von der Arbeitsmail, so dass sie direkt sahen, dass ich CEO bin, also was entscheiden kann). Tesla rief mich 50 min später an - und weitere zwei Stunden später saß ich in der Mittagspause in einem Model 3. Von BMW kam: nichts. Habe ich mich also mit dem Model 3 beschäftigt. Und am Wochenende (anders geht es ja nicht) beim örtlichen BMW-Händler reingeschaut. Da war der eine Mitarbeiter dabei, zwei Geländewagen zu verkaufen und der Azubi wusste von nix. Und hatte keinen Schlüssel zur Werkstatt, in der der i3 stand, den ich gerne mal ansehen wollte. Und wollte den Chef nicht fragen, weil der ja gerade zwei Geländewagen einem Paar verkaufte, das zur Generation der Großeltern meiner Kinder gehört.

Exakt die Ausstattung des Model 3, die wir gerne wollten (große Batterie, aber nur ein Motor - also maximale Reichweite, weil wir voll Angst hatten, dass die nicht so weit reichen könnte), war im Bestand. Zwar in blau, aber irgendwas ist ja immer. Bestellt. Und die Möglichkeit bekommen, ihn eine Woche später in München abzuholen, wenn wir es schaffen sollten, bis dahin das Leasing fest zu haben und den Wagen zuzulassen. Hat geklappt. Drei Mal am Wochenende mit Tesla telefoniert dazu, aber: hat geklappt. Vier Wochen von erster Mail bis Auto zu Hause.

Eine Woche, nachdem ich den Wagen hatte, schickte mir der Filialleiter von BMW bei mir in der Gegend eine Mail, dass er meine Anfrage "über Umwege" nun bekommen habe. Wie er mir helfen könnte. Habe ihm erklärt, dass ich die Alternative zu seinem Auto seit einer Woche fahre. Dazu hat er sich nicht noch mal gemeldet. Hätte ich wahrscheinlich auch nicht.

Aber eigentlich geht es ja um die beste Entscheidung.

Schon die Fahrt von München nach Hause, nördlich von Hamburg, war ein Traum. Zweimal "tanken", jeweils für eine halbe Stunde. Die totale Ruhe, vor allem im Stau. Das Fahren bei Dunkelheit, wenn kein Licht im Cockpit stört. Ein Abend und eine Nacht im Model 3 und die letzten Zweifel waren verflogen. Denn ehrlich gesagt, habe ich vor allem darum erst gezögert und den i3 für meinen Favoriten gehalten, weil ich in einem Alter bin, in dem ein Sportwagen (und so sieht er nun mal aus und fährt er sich) echt das falsche Signal aussendet.

Jetzt nach, wie gesagt, 9.000 km würde ich sagen: wer auf dem Land oder (im eigenen Haus) am Stadtrand lebt, hat keinen Grund gegen vollelektrisch. Denn mit einer realen Reichweite von deutlich über 400km (nicht die 550km, die versprochen sind, logo) kann ich mir kein Alltagsszenario vorstellen, in dem es nicht funktioniert, wenn ich den Wagen abends an die Steckdose hänge. Und wir hängen ihn "nur" an die normale Hausstromsteckdose. Wir fahren ihn zwischen 100 und 150km am Tag, also geht er alle zwei Nächte an den Strom. Vor langen Reisen wird er etwas voller geladen (so dass er tatsächlich gut 500km hält).

Wer nicht nur Mittelstreckenalltag hat, kommt wahrscheinlich zurzeit nicht um Tesla rum, wenn es elektrisch sein soll. Und das liegt an den extrem faszinierenden Superchargern. Zu Hause lädst du das Auto mit etwa 3KW auf, das bringt bei uns so 17-19km Reichweite pro Stunde. An den öffentlichen Säulen in der Stadt mit 11KW oder (meistens) 22KW, also über 90km pro Stunde. Und an den Superchargern mit 150KW. Da kannste zugucken. Als wir in die Rhön fuhren, hatten wir den Latte Macchiato im McCafé noch nicht geordert, als der quasi leere Wagen wieder bei 80% war. Das ist schon irre.

Ich weiß, dass viele vor diesem "Tanken" unterwegs Sorge haben. Und ja, selbst am Supercharger klingt 20 oder 30 Minuten erstmal lang. Nur dass es ja anders ist als traditionelles Tanken - du bleibst nicht daneben stehen sondern kannst weg gehen. Oder Netflix gucken, was ich auch schon mal gemacht hab, abends, als ich alleine unterwegs war. Netflix ist inzwischen integriert, geiler Sound.

Wir dachten, die Umstellung sei größer, es sei deutlich unkomfortabler. Wir waren bereit, Einschränkungen zu machen dafür, dass wir zum einen sehr viel billiger unterwegs sind - und zum anderen eben nicht mehr mit dem Verbrenner (den wir nur noch fürs Händerziehen haben oder wenn wir zu sechst unterwegs sind). Nur: es ist viel besser als wir dachten.

Und ja, es ist ein Auto der oberen Mittelklasse, so preislich. Aber das Model 3 ist auch da erstaunlicherweise mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis ausgestattet, finde ich. Für den gleichen Komfort/die gleiche Ausstattung zahle ich bei anderen Marken etwa das gleiche. Einziger Unterschied: die Updates bei Tesla sind direkt über das Internet. Seit wir ihn haben fünf oder sechs, glaube ich. Darunter auch echte Verbesserungen: der Regensensor war echt Grütze. Und ist jetzt echt gut. Nur mal so als Beispiel.

Sagte ich schon, dass ich die Entscheidung für Vollelektrisch für eine der besten halte, die wir dieses Jahr getroffen haben?

29.12.19

Unter Bauern

Seit drei Jahren lebe ich nun unter Bäuerinnen. Und lerne alte kennen, welche in meinem Alter – und auch junge, akademisch ausgebildete, die gerade nach und nach die Höfe ihrer Familien bei uns übernehmen. Ich habe gelernt, mit dem Wetter und dem Klima zu leben. Dieses Jahr haben wir einen Trecker gekauft und Land dazu gepachtet, damit wir etwas mehr züchten können. Pferde, also Hobby, nicht Nahrung.

In meinem Bekannten- und Freundinnenkreis sind ganz klassische Bäuerinnen, welche, die auf großen Gütern angestellt sind, welche, die gerade auf Bio umstellen (aus rein wirtschaftlichen Überlegungen), sehr kleine und wirklich sehr arme, und welche, die bei der Kammer oder dem Verband arbeiten oder als Lehrerinnen an der Landwirtschaftsschule. Und wie in allen Berufen ist da eine sehr große Bandbreite.

Das, was wir in den Medien und auf der Straße erleben, sind nur einige sehr wenige von diesen. Nur die radikalisierten. Die allermeisten (auch da wie bei allen Menschen und Berufsgruppen) versuchen einfach nur, über die Runden zu kommen oder ein Unternehmen zu führen.

Darum bin ich auch ein bisschen traurig, dass sich dieses Jahr immer mehr eine Frontstellung entwickelt hat – und dass sich auch hier eine so große Sprachlosigkeit ausbreitet. Zum ersten Mal sehr deutlich geworden ist mir das, als ich bei der Europawahl abends zum Stimmenauszählen mit in unser Wahllokal kam. Zum ersten Mal waren in unseren drei winzigen Dörfern die Grünen stärker als die CDU (wenn auch nur eine Stimme). Das hat die Bauern, die da waren (und die alle mehr oder weniger aktiv in der CDU sind), schockiert und entsetzt. Mehr als das doch überraschend gute Abschneiden der AfD (die zwar immer noch deutlich unter 10% waren, aber leicht über den Schnitt für unser Bundesland). Und viel mehr als der Untergang der SPD bei uns auf den Dörfern.

Und dann erlebe ich bei den Bäuerinnen um die 30 ein wachsendes Selbstbewusstsein und eine wachsende Neigung, das auch kontrovers zu formulieren. "No Farmer, no Food" haben sie auf ihren Autos stehen. "Die in der Stadt" und die Umweltschützerinnen wurden über das Jahr mehr und mehr als Verrückte und latent als feindlich wahrgenommen. Das wiederum irritiert mich auch darum, weil ich zwar Fragen stelle und nicht alles kritiklos toll finde, was sie machen – aber sie doch als Partnerinnen sehe, mit denen gemeinsam die Landwirtschaftswende gestaltet werden könnte. Und unglaublich viel von ihnen lerne.

Im letzten halben Jahr habe ich dann etwas erlebt, das ähnlich schon vor ein paar Jahren mit der Milchwirtschaft passiert war: die Verbände und Funktionärinnen hetzen die Bäuerinnen auf, um von ihrem politischen Versagen abzulenken. Denn es waren die Verbände und Kammern, die damals Bäuerinnen dahin beraten haben, massiv auf Milch zu setzen - und heute haben die die wenigsten Probleme, die sich dem verweigert haben. Es waren die Verbände und Kammern zusammen mit der großen Koalition, die jahrelang aktiv dagegen gekämpft haben, europäisches Recht nach und nach umzusetzen – und damit jetzt zu verantworten haben, dass die Umstellung dessen, was mit Gülle passieren darf, plötzlich und schmerzhaft ist. Und nicht langsam und schlau (wie es gewesen wäre, wenn die Verbände sich rechtzeitig dafür stark gemacht hätten). Kleine, dezentrale Biogasanlagen für die Gülle könnten heute schon Realität sein, stattdessen gibt es große Anlagen, für die extra Biomasse angebaut wird.

Ich weiß, wie hart, auch wirtschaftlich hart, der Beruf ist. Wenn 150 EUR weniger Jahresertrag auf einem Hektar den Unterschied macht, ob eine Bäuerin in Hartz IV rutscht, dann ist damit nicht zu spaßen. Und darum ist es meines Erachtens auch richtig, dass die Bäuerinnen einen großen Teil ihres Einkommens von der Gesellschaft bekommen, in Form von Prämien und Subventionen. Da bin ich für. Ganz klar.

Nur dass die Funktionärinnen und auch die (jungen) Bäuerinnen, die darauf bestehen, dass die Gesellschaft ihnen nicht oder weniger reinreden soll, wie sie ihr Land bestellen und Lebensmittel oder Energie produzieren, es mir schwer machen, zu dieser Position zu stehen. Denn wer wesentlich von der Gesellschaft bezahlt wird, muss auch damit leben, dass diese Gesellschaft mitredet. Ich kann nicht gleichzeitig wesentlich von Subventionen leben und nach der Freiheit des Marktes rufen. Wenn und solange wir als Gesellschaft Bäuerinnen unterstützen (und das sollten wir, davon bin ich überzeugt, denn die Alternative wäre eine Agrarindustrie, die nur noch aus Großbetrieben und aus Gütern besteht), setzen wir als Gesellschaft auch die Rahmenbedingungen.

Im Kern wollen also Bäuerinnen, die keine oder weniger Einmischung "der Städter" oder "der Umweltschützer" fordern, dass wir als Gesellschaft die Prämien und Subventionen streichen oder zurückfahren. Denn sie können nicht beides haben: von der Gesellschaft unterstützt werden und die Wünsche dieser Gesellschaft ignorieren.

Manchmal wünsche ich mir, dass ich mich traue, bei Festen und Versammlungen deutlicher zu widersprechen. Und manchmal wünsche ich mir, dass mehr Bäuerinnen mich nicht als ihren Feind empfinden, wenn ich es tue. Wie so oft geht das im persönlichen, privaten Gespräch fast immer. Und quasi nie, wenn mehr als zwei oder drei zusammen sind.

Vielleicht wird es erst möglich sein, wenn die Verbände und Funktionärinnen entmachtet sind, die es gerade zulassen, dass sie von Rechtsradikalen unterwandert werden, die mehr und mehr die "freien" Proteste der letzten Monate organisiert haben. Und vielleicht muss auch dieser Konflikt wie der Generationenkonflikt erst hart und brutal ausgetragen werden, bevor es besser wird. 2020 wird hart.

28.12.19

2020 wird ein Jahr des Konfliktes

Gegen 2020, da bin ich mir sicher, wird 1968 in der Tat wie ein Kindergeburtstag aussehen. Denn wir laufen, wie wir in den letzten Tagen rund um die empörten Reaktionen der Generation meiner Eltern (oder wie ich sie nenne, der #GenerationLaschet) auf richtige, wenn auch wenig nette, recht eigentlich nicht als wirklich satirisch gemeinte Beiträge zeigen, auf einen Generationenkonflikt zu, der sehr hart und sehr radikal sein wird. Denn es ist ja in der Tat die Generation meiner Eltern* (und nicht etwa, wie die Medien und Armin Laschet versuchen, es umzudeuten, die Generation meiner Großeltern), die gerade den Konflikt mit der Generation meiner Kinder sucht**.

Es ist für alle, die lesen können, seit den späten 70ern klar gewesen, dass diese Erde auf eine menschengemachte Klimakatastrophe zuläuft. Wer aus der #GenerationLaschet etwas anders sagt, lügt schlicht. Es war ab Mitte der 70er nicht möglich, Zeitung oder Magazine zu lesen, ohne immer wieder und prominent darauf zu stoßen. Und ein Teil der Generation hat darauf auch reagiert - die Umweltbewegung war nie wirklich stark, aber es gab sie. Die Bioladenbewegung, die Eine-Welt-Laden-Bewegung. Kenne ich so ein bisschen, weil ich in den 70ern und 80ern als Kind und Jugendlicher in einer Szene aufwuchs, in der sich die Menschen in diesen Bewegungen bewegten. Die Generation meiner Eltern konnte es wissen. Wusste es. Wer nicht aktiv wurde, hat sich aktiv dafür entschieden, nichts zu tun.

Ist es falsch, sie dafür als "Umweltsau" zu bezeichnen? Nein. Denn genau das sind die allermeisten dieser Generation.

Der eigentliche Konflikt aber entsteht gerade woanders, denke ich: Da, wo die Generation meiner Kinder zunächst ein Jahr lang, 2019, versucht hat, die Generation meiner Eltern mit Argumenten zu überzeugen. Wählt nur noch Parteien, die die Wissenschaft ernst nehmen in Bezug auf die Klimakrise. Setzt euch für Rahmensetzungen ein, die unserer Generation ein Überleben ermöglichen.

Zunächst haben meine Kinder nicht mal verlangt, zu den eigenen Sünden zu stehen und das eigene Leben zu ändern. Sondern echt nur das Minimale zu tun: andere Parteien zu wählen. Und der Klimakrise Priorität über alle anderen Themen zu geben. Und genau da hat sich die Generation meiner Eltern, die #GenerationLaschet, verweigert. Weder bei Wahlen noch beim Ernstnehmen der Klimakrise hat sie (in der Mehrheit) positiv auf die Hinweise ihrer Enkel reagiert.

Im Gegenteil - die #GenerationLaschet, die Generation meiner Eltern, die Omas und Opas der Friday For Future Generation, hat ihnen den Mittelfinger gezeigt. Sie hat aktiv den Konflikt, den Generationenkonflikt gesucht. Und wirft jetzt den Jungen vor, ihn zu schüren. Was für verlogene – excuse my language – Arschlöcher.

Ich denke, es gab einen "defining moment" für den Generationenkonflikt, der uns 2020 radikal und echt nicht schön und sanft bevorsteht - den Tag, als das "Klimapaket" der Bundesregierung verkündet wurde. Das war der Mittelfinger am ausgestreckten rechten Arm ins Gesicht der Generation meiner Kinder. Das war die klare Aussage der #GenerationLaschet, der Generation meiner Eltern (und leider auch meiner Generation), dass ihr die Generation meiner Kinder und ihre Wünsche und Bitten am Allerwertesten vorbei geht.

Wer ernsthaft denkt, dass dieser Konflikt 2020 nicht härter wird als 1968, ist meines Erachtens naiv. Und Verlauf und Ausgang werden bestimmt ähnlich sein, nur radikaler.

***

Inspiration, dies endlich aufzuschreiben, kam von Dirk von Gehlen. Und dort auch der Artikel von Bernd Ulrich in der Zeit verlinkt, der den Vergleich mit 1968 aufmacht.

* Die Generation meiner Eltern ist die Großelterngeneration der Fridays For Future, die erste echte Nachkriegsgeneration, geboren ca. 1940 und etwas später.

** Meine Kinder (zwischen 14 und 25) repräsentieren altersmäßig ja sehr gut die Generation, die uns gerade zur Vernunft ruft.

1.9.19

Meine Heimat

In den letzten Wochen sah ich aus dem Augenwinkel immer wieder und mehr als sonst so ein Nölen über „die unsozialen Medien“ allgemein. Und über Twitter im Besonderen. Eigentlich ignoriere ich das ja. Zumal es mir auch nicht leicht fällt, vor allem Twitter zu verteidigen (Facebook ist da egal für mich, da bin ich seit einiger Zeit gar nicht mehr. So mit ganz echt und ganz und gar gelöschtem Account und so). Denn etliches, was auf Twitter seinen Ausgang nimmt, ist grauenvoll.

Aber.

„Mein“ Twitter ist nicht grauenvoll. Sondern ganz im Gegenteil, ganz wundervoll. So wundervoll, dass ich diesen Sommer gar nicht gebloggt habe, weil Gedanken und Inspiration auf und um Twitter passierten. Seit ich vor etwa dreieinhalb Jahren angefangen habe, Dinge und Leute, die mir nicht gut tun, konsequent zu blocken, ist Twitter für mich nach einer kurzen seelisch ungesunden Phase wieder der Heimatraum, der es schon immer war. Da mich viele Dinge interessieren – beispielsweise Kommunikation, Religion, Politik, Islandpferde, Kunst –, ist „mein“ Twitter sehr divers und das Gegenteil einer sich selbst immer wieder bestätigenden homogenen Gruppe. Ich ziehe sehr viele Hinweise auf andere und überraschende und (für mich) ärgerliche Texte und Gedanken aus Twitter. Und sehr viel Inspiration tatsächlich.

Das, was „mein“ Twitter auszeichnet, ist, bei aller Verschiedenheit der Menschen, denen ich folge, eine gemeinsame überwiegende Haltung hermeneutischen Wohlwollens. Und dem, was im englischen Sprachraum „decency“ genannt wird. Eine Art intellektuelle Redlichkeit. Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass ich gut fahre, wenn das mein Filter ist (von ein paar unterhaltsamen Ausnahmen abgesehen).

Ich entfolge konsequent die, die mich nerven. Oder runterziehen. Und ich folge neu Menschen, die mir über den Weg gespült werden. Ich habe das seit Jahren so gemacht und halte ebenso seit Jahren die Zahl stabil zwischen 500 und 600. Ich lese nicht nachträglich, sondern nur aktuell. Verpasse viel. Und bekomme irre viel mit.

Wer mich gut kennt, weiß, wie sie mich per Direktnachricht erreichen kann. Wer mir folgt, wird immer wieder enttäuscht, weil ich kein inhaltliches Konzept habe. Aber ich beantworte Fragen, wenn ich welchen begegne. Und ich frage, wenn ich etwas wissen will. Und das irre tolle ist, dass ich fast immer Antworten bekomme. Von Menschen, die ich kenne, und von anderen. Wie gerade dieses Wochenende rund um Schnelladestationen für Elektroautos. Echt.

In meinem Heimatraum mache ich „Living Out Loud“, die persönliche Variante von Working Out Loud. Und das ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Weshalb ich diesen Heimat- und Lebensraum aktiv schütze.

Sagte ich schon, dass ich Twitter liebe?