6.4.19

Wer das glaubt

Als damals „Jana glaubt“ online ging, war ich neugierig. Aus zwei Gründen: Zum einen, weil meine Agenur ja selbst Programme macht, für die Kanäle und Protagonistinnen aufgebaut werden. Und zum anderen, weil ich meiner Kirche sehr verbunden bin (ohne zu den Hochverbundenen zu gehören, aber dazu gleich mehr). Gerade ist der Kanal wieder in der Diskussion, aus Sicht der Auftraggeberinnen heute zusammengefasst von Hanno.

Neben den furchtbaren Inhalten finde ich bemerkenswert (und deutlich dramatischer), dass nicht erkennbar ist, was tatsächlich mit diesem Kanal und dem Programm erreicht werden soll. Denn irgendein Ziel muss es ja geben, wenn (meine Schätzung, nicht bestätigt) zwischen 200 und 250 Tausend Euro ausgegeben werden durch Kirchens. Alles, was wir zum Ziel erfahren, ist: jüngere Menschen als sonst mit kirchlichen Medien. Naja.

Mit so einem Briefing ist das Ergebnis nicht überraschend. Da geht die Agentur dann halt den einfachen Weg: sichere, homogene Community, die klickt. Auch, wenn die Kirche sie nicht „braucht“. Klar, dass eine freikirchliche Protagonistin „ihre“ Leute treu bei der Stange hält. Und diese Art von Gemeinden wächst ja auch relativ (von sehr niedrigem Niveau, das sind weiterhin wenige – auch wenn es uns oft anders vorkommt). Nur: beide volkskirchlichen Gruppen, die ich mir als Zielgruppe für die EKD vorstellen könnte, erreicht mit dieser Form von Frömmigkeit niemand. Weder der engste Kreis der Gemeinde, die so genannten Hochverbundenen, noch die Distanzierten, die nicht aktiv mitmachen aber auch nie austreten würden. In beiden Gruppen gibt es Fromme und Evangelikale. Aber eben quasi keine pfingstlerisch Orientierten. Selbst die von der geistlichen Gemeindeerneuerung sind nicht (mehr) so.

Was also will die EKD, will ihre Publizistik, mit diesen und bei diesen Menschen erreichen? Preaching to the choir? Absurd, sorry.

Dabei kann ich mir schon vorstellen, was wichtig wäre. Beispielsweise: Dieses Jahr wird das vierte meiner Kinder konfirmiert. In den letzten knapp zehn Jahren habe ich vier Kinder konfirmieren lassen. Und keines von denen interessiert sich über die selbstverständliche Familientradition hinaus für Kirche. Für keines hatte „die Kirche“ ein publizistisches Angebot, das die geistliche Armut unserer Gemeinde ausgleichen konnte. Das wäre mal spannend gewesen.

Und übrigens (nur als Beispiel, mir fallen auch noch einige weitere ein) wäre das auch eine Zielgruppendefinition und ein Ziel, die ich aus Agentursicht hinreichend und spannend fände. 14- bis 20-jährige nach der Konfirmation. Und die für Kirche und Glauben interessiert halten. Dass da so was wie „Jana glaubt“ nicht funktioniert, ist klar.

Vielleicht ist aber auch noch was anderes das eigentliche Problem, wenn ich Hannos Text richtig verstehe: Dass die Auftraggeberinnen unbedingt Video/YouTube machen wollten. Denn vielleicht ist der Kanal einfach doof. Vielleicht auch nicht. Aber den Kanal vor dem Ziel vorzugeben, ist jedenfalls ein bisschen unglücklich.

Übrigens bin ich gespannt, wie sich Theresa auf YouTube entwickelt.

1.4.19

Wut

C.Suthorn, Frida Eddy Prober 2019 / cc-by-sa-4.0 / commons.wikimedia.org

Ich bin ganz fasziniert, dass die Kinder lachen, wenn ich die Bilder von Freitagsdemos sehe. Denn eigentlich hätten sie allen Grund sauwütend zu sein. Ich mein, ich bin ja froh, dass sie es nicht sind. Denn Wut und Angst sind anti-politisch. Und wahrscheinlich unterscheidet das die nächste Generation von den ekligen Krakeelbratzen meiner Generation, die vor einigen Jahren anfingen, montags ostdeutsche Städte mit ihrer Wut zu zerstören. Dass sie, also die Kinder, politisch sind. Und dann auch noch weit politischer als die meisten, die Politik als Beruf haben. Wie beispielsweise den Kasper:

Abgesehen davon, dass sie ja noch was unterscheidet von den Krakeelbratzen: dass sie nicht Ernst genommen werden. Dass ihre Proteste keine Konsequenzen haben. Vielleicht müssen sie erst wütend werden. Könnte ich auch verstehen. Ebenso wie ich verstehen könnte, wenn sie in den Widerstand gingen und die Zukunft selbst durchzusetzen versuchten.

***

Als ich an den letzten Märztagen dann ein bisschen reinguckte in den Kongress, auf dem die Grünen über ihr neues Programm nachdachten, ist mir noch etwas aufgefallen. Von dem ich mir nicht ganz sicher bin, was ich davon halten soll – das aber im Grunde tatsächlich meine Erfahrung der letzten Jahrzehnte widerspiegelt. Ausgangspunkt war die Erkenntnis: Die beiden Vorsitzenden der Grünen haben Kinder.

Für mich war das, was Annalena Baerbock von ihrer Zeit in Paris mit dem Säugling erzählte, sehr berührend. Und Augen öffnend. Und kann der Kontrast zu den Handelnden der Regierung und zum Kasper vielleicht wirklich sein, dass sie Kinder hat?

Die ersten Jahre, die ich Kinder hatte, war mein Eindruck ja immer, dass Kinder pragmatisch machen. Dass auf einmal auch ganz praktische Überlebensfragen in den Mittelpunkt rücken und nicht nur die großen Widersprüche der Welt.

Ich denke, dass zwei Dinge vor allem Menschen mit Kindern am Esstisch unterscheiden von denen, die keinen Alltag mit Kindern und Jugendlichen haben: Zum einen, dass mir klar wurde, wie rasend schnell sich Dinge verändern und verändern lassen. Und zum anderen, wie wichtig die nächsten zehn, zwanzig Jahre sind. Und heute, wo die ersten beiden der vier Kinder ihren Weg gehen und in die Städte gegangen sind oder in der Stadt geblieben sind, wo sie ihr Leben beginnen, noch viel mehr.

***

Toleranz endet mit z, sagt meine Liebste immer. Schon immer. Und damit hat sie schon immer Recht, denn sie ist recht weise. Zumal sie es von ihrem Vater hat, der recht weise ist.

Meine Toleranz jedenfalls endet. Ich bin nicht mehr bereit, die Nachlässigkeit oder den Kasperkram zu tolerieren. Im Grunde nicht einmal mehr, darüber mit denen zu diskutieren, die beispielsweise SPD, CDU oder FDP für wählbar halten. Mit ein oder zwei dieser Parteien werden die Grünen koalieren müssen auf absehbare Zeit, das ja. Aber das heißt nicht, dass ihre Politikverweigerung und ihre kinder- und empathielosen Ansätze toleriert werden müssen. Lustigerweise schrieb ich ja schon vor fast zehn Jahren darüber, dass meines Erachtens die beiden Hauptkonkurrentinnen um die Macht Grüne und CDU sein werden.

***

Und dann fällt den Leuten vom Fernsehen (das ist dies, was wie kaputtes Netflix ist) nicht mal auf, was sie für ein hübsches Symbol für ihre Verachtung der Kinder geschaffen haben, als sie nach Thunberg die nächste junge Frau mit einem SUV beglücken.

 Würde es irgendjemanden wundern, wenn die Kinder doch noch wütend werden?





4.3.19

Aber doch nicht so!!1!11

Feminismus wäre voll super. Wenn die Feministinnen nicht so aggressiv wären. 

Euren Erfahrungen von Ausgrenzung könnte ich bestimmt zuhören. Wenn ihr nicht immer sagen würdet, dass das was mit Rassismus zu tun hätte. 

Dass ihr euch gegen den Klimawandel engagiert, ist voll cool. Aber nur, wenn ihr das Sonnabends tut. 

Voice Policing ist eine besondere Art des Derailing. Und eine besonders blöde. Denn es lenkt nicht nur ab, sondern verweigert auch noch jede Auseinandersetzung. Zu verlangen, jemand solle gefälligst ruhig und besonnen sein, ist außerdem eine glasklare Täterinperspektive. Denn ruhig und gelassen und freundlich auf ein Problem hinzuweisen, muss sich jemand auch erstmal leisten können.

Tatsächlich ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass die Art, wie meine Generation, die gerade überall in Unternehmen, Medien und Politik "am Ruder" ist, mit dem Klimawandel umgeht, für die Generation meiner Kinder beängstigend ist. Und dass es sinnfrei erscheint, sich voll auf eine Zukunft vorzubereiten, die massiv in Frage steht.

Ok, auch für Menschen in meinem Alter gab es eine Zukunft, auch wenn wir eine Zeit lang in den 80ern nicht dachten, dass das so sein wird. Und ja, zumindest für die privilegierten unter den Kindern wird es wahrscheinlich auch eine Zukunft geben, weil erst andere Gegenden und Menschen dran glauben werden müssen. Aber das Argument, dass die Kinder – anders als die Generation ihrer Eltern – ihre Hausaufgaben gemacht haben, ist einfach wahr.

Wow, was für eine Generation

Mich beeindruckt, wie, in welcher Geschwindigkeit und mit welcher Qualität die Kinder sich organisieren und ihre Argumente zusammen bekommen. Wie souverän sie in Radioberichten klingen, wie klar ihre Botschaften und wie einheitlich ihre Argumente sind. Kein Wunder, dass es für die Kanzlerin, bis sie jetzt zurück ruderte, zunächst fast wie von einer geheimnisvollen Macht gesteuert aussah. Kein Wunder, dass sich so rasant in Dark Social organisierende Gruppen für viele in meiner Generation wie eine Bot-Armee wirken.

Was ich erlebe – am Esstisch, in Gesprächen mit anderen Eltern, in Erzählungen von Kindern –, ist, wie die Kinder untereinander diskutieren, wie sie die kritisieren, die tatsächlich nur auf einen Tag schulfrei setzen, wie sie über Klassenstufen und Schulen hinweg die besten Tage für Aktionen in ihren (Klein-) Städten herausfinden. In hunderten von mehr oder weniger kleinen Gruppen in Messengern und anderem Dark Social. Selbstständig, ohne uns.

Sorgen ernst nehmen

Was würde ich mir wünschen, wenn auf die Kinder von der Politik und im Management von Unternehmen so positiv reagiert würde, wie es die letzten Jahre war, wenn andere Menschen, die sagten, sie seien besorgt, Laut gaben und pöbelnd durch die Straßen des Ostens zogen. Wenn meine Generation wenigstens versuchen würde, zu sagen, wieso ihnen der Klimawandel nicht so wichtig ist wie anderes.

Stattdessen: Voice Policing. Ablenken, ausweichen, nichts sagen.

Ich freue mich total darauf, dass diese Generation bei der nächsten Bundestagswahl ganz überwiegend wahlberechtigt wird. Denn ähnlich wie die sogenannten "Besorgten Bürger" werden sie (als ebenso wie jene bisher nicht Wählende) eine Stimme haben und eine Stimme suchen.

Konsequenzen 

Vor allem ärgert mich das Voice Policing so sehr, weil es billige Selbstverständlichkeiten postuliert. Selbstverständlich bekommen die Kinder dafür unentschuldigte Fehlstunden. Selbstverständlich werden im Wiederholungsfall die Eltern informiert. Selbstverständlich kann das auch Verweise oder andere Konsequenzen haben.

Na und? Hat uns das damals davon abgehalten, gegen die Schulentwicklungsplanung (SEPL) zu streiken oder gegen Blut für Öl auf die Straße zu gehen? Es ist ja nicht so, als wären die Kinder dumm und würden es nicht wissen. Ganz ehrlich, ihr Besorgten Bürger, ihr Journalistinnen und konservative Politikerinnen – das müsst ihr ihnen nicht sagen. Oder wenigstens danach mit ihnen auch inhaltlich sprechen. Oder besser noch: mal euren Hintern hochbekommen und entweder offen zugeben, dass euch der Klimawandel nicht wichtig genug ist und ihr nicht glaubt, dass sie Kinder Recht haben. Oder eben tatsächlich was tun und die richtigen Entscheidungen treffen.

Politisch und persönlich

Denn es ist beides. Ich kann, auch wenn es in den letzten Jahrzehnten sehr populär war, das zu tun, nicht einfach das Klimaproblem in den persönlichen Bereich delegieren. Ja, auch da kann und muss ich, muss meine Generation was tun. Und viele von uns tun da auch was. Sei es, dass wir vor längerer Zeit unseren Stromanbieter gewechselt haben. Sei es, dass wir als Unternehmerinnen Reisen vermeiden. Sei es, dass wir als Entscheiderinnen die Dienstwagenflotte unserer Unternehmen auf Elektroautos umstellen. Sei es, dass wir Plastik vermeiden.

Aber wo meine Generation versagt, ist, die Rahmensetzung so radikal zu ändern, dass die Generation meiner Kinder eine reale Chance auf eine Zukunft hat. Und das ist politisch.

Wie toll, dass die Generation meiner Kinder nun politisch wird und nicht nur persönlich bleibt.

8.2.19

Mitgemeint

Ich führe seit einigen Jahren ein Experiment durch: Ich benutze in Texten ein generisches Femininum, nachdem ich schon lange, im Grunde seit Ende der 80er Jahres des letzten Jahrhunderts, in mündlicher Sprache fast immer und automatisch männliche und weibliche Formen benutze.

Und nach der Zeit, die inzwischen vergangen ist, würde ich sagen, dass die meisten Indizien dafür sprechen, dass das Experiment erfolgreich ist. Der Sprechfluss leidet nicht, wenn ich geschlechtergerechte Sprache verwende. Und die Verständlichkeit leidet nicht, wenn ich auf das generische Maskulinum verzichte. Zumal ich quasi keine Kunstneutrumworte verwende. Doch seit etwa einem halben Jahr erlebe ich eine Art Backlash.

Vor einiger Zeit habe ich ein Interview gegeben, Reporterinnen waren zwei junge Frauen. Wir sprachen rund eine Stunde - und weil ich es immer und automatisch mache (siehe oben), habe ich auch hier immer von "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" oder "Kundinnen und Kunden" und so weiter geredet. Das war auch nicht zu überhören; das interview wurde mitgeschnitten. Als ich die Ausarbeitung des Interviews bekam, war in meinen Antworten ganz konsequent nur von "Mitarbeiter" und "Kunden" die Rede. Das passierte mir ganz am Anfang meines Experiments häufiger. Manchmal wurde auch das große Binnen-I geschrieben. Was aber tatsächlich vorher noch nie passiert ist: Dass die Redaktion mit relativ großem Unverständnis reagiert hat. Ich schlug dann vor, dass entweder nur die weibliche Form verwendet wird (also ein generisches Femininum, wenn ihnen das andere zu umständlich oder zu lang sei) oder beide Formen, wie auch gesprochen. Und ich musste sehr lachen, als der Text dann zurück kam mit recht vielen relativ unbeholfenen Neutrumformulierungen. Mitarbeitende. Sie haben es nicht über sich gebracht.

Und in den letzten Monaten begegnet mir häufiger, dass insbesondere recht junge Männer irritiert sind, wenn ich generisches Femininum benutze. Dass sie sich mehr oder weniger aktiv fragen, ob sie mitgemeint seien. Dass sie sich in ihrer männlichen Ehre gekränkt fühlen (echt!), weil sie offensichtlich ja mitgemeint sein müssen, obwohl ich formal nur Frauen anzusprechen scheine.

Das wiederum finde ich total interessant. Denn zum einen ist es ja im Grunde eine Bestätigung meines Experiments – und der implizite Beweis, dass ein generisches Genus nicht eigentlich existiert. Und zum anderen ist für mich sehr erschreckend, dass sich diese Männer zwar angefasst fühlen – aber den Transfer nicht hinbekommen, dass es möglicherweise einigen Frauen ebenso gehen könnte, wenn sie ganz "natürlich" normalerweise ein generisches Maskulinum verwenden. Auch wiederum interessant. Und ein Zeichen, dass sie offenbar nicht erwachsen sind, sondern noch in der egozentrischen Phase eines jungen Jugendlichen stecken geblieben.

Bei noch wiederum anderen löst mein Schreiben Achselzucken aus. Und sie nehmen es als eine Schrulle hin. Das finde ich zwar etwas schade, aber gebe die Hoffnung nicht auf, dass es zumindest hinter meinem Rücken zu Gesprächen führt. Über Geschlechtergerechtigkeit; über richtige und falsche Wege, damit umzugehen; über Sprache als Konstruktionselement von Wirklichkeit. Und andererseits, um es mal ganz und gar smartassmäßig zu sagen: Ist das nicht das Tolle daran, Chef zu sein? Dass mir niemand eine Vorschrift machen kann, wie ich Sprache benutze, um Wirklichkeit zu verändern?

31.12.18

Wie rauchen

Als ich ein Kind war, gab es "Brot statt Böller". Das wurde ganz in der Nähe von unserem Zuhause erfunden, in Bargteheide, 1981. Fand ich gut, denn schon als ich vier war, habe ich, als meine Eltern mich weckten, damit ich das Feuerwerk sehen konnte, nur gemurmelt, "will kein Feuer sehen".

Ich mag Feuerwerk. Sehr sogar. Wenn jemand eines choreographiert, das elegant ist und eine Geschichte erzählt. Was ich noch nie mochte, war mir sinnlos erscheinendes Werfen von lauten Dingen, die explodieren. Ebenfalls als ich Kind war, haben wir Silvester immer mit einer Familie gefeiert, die in der Stadt wohnte. Auf dem Weg wurden wir schon damals von Jugendlichen mit Donnerschlägen beworfen, die am Auto explodierten oder vor unsere Füße kullerten.  Nicht so direkt witzig.

Neulich, als wir uns fragten, ob wir zu intolerant sind inzwischen, weil wir tatsächlich gar kein Verständnis mehr haben für Menschen, die Böller oder Raketen kaufen und ballern, fiel mir die Analogie zum Rauchen ein – die mir passender vorkommt, je näher Silvester rückt. Denn im Grund ist Böllern ja wie Rauchen. Und meine Haltung zu Leuten, die böllern, ähnlich verständnislos wie zu Leuten, die rauchen.

Absurd wird es, wenn Menschen, die Tiere halten oder mit Tieren leben, böllern. Denn die könnten, wenn sie auch nur mit geringen Mengen Empathie ausgestattet wären, sehen, was es bei denen anrichtet. Wer einmal eine Pferdeherde in Panik im Kreis hat laufen sehen, weil um sie herum kriegsähnliche Zustände herrschen, ist wahrscheinlich für alle Zeit kuriert. Wer einmal demente alte Menschen erlebt, die sich in die Bombennächte in Hamburg zurück versetzt fühlen und vor Angst schreien, weil alles wieder hochkommt, verliert jedes Verständnis vor denen, die daran Spaß haben.

Dieses Jahr habe ich mal drauf geachtet, wer da an den Grabbeltischen stand und Böller in den Einkaufswagen lud. Und selbst das eine oder andere Vorurteil ein bisschen weglassend, war der Vergleich mit Rauchen wieder passend. Es ist geradezu beruhigend, dass Böllern wie Rauchen mehr und mehr etwas ist, das nur noch in bildungsfernen und unterbürgerlichen Schichten unreflektiert verbreitet ist. Zumindest bei uns.

Und dass dieses Jahr der Terror der Idioten erst heute, am Silvestertag, begann und nicht wie in den letzten Jahren am 28.12., macht mich optimistisch. Dass es irgendwann, zu einem Zeitpunkt, den ich noch erlebe, nur noch zentrale, wunderschöne Feuerwerke geben wird. Und sich dumm vorkommt, wer der Zeit hinterhertrauert, in der sie Feuerwerk im Supermarkt kaufen konnte.

16.12.18

#schnippschnapp

Ich war ein bisschen überrascht, dass ich so viel Resonanz bekam, als ich neulich auf Twitter fragte, wieso eigentlich so wenige Männer eine Vasektomie machen lassen – und wieso noch wenige darüber sprechen. Mir war gar nicht klar, wie viele merkwürdige "Argumente" es teilweise gibt, die aus Sicht von Jungs dagegen sprechen könnten. Denn in meinem Umfeld ist eine Vasektomie normal. Und etwas, worüber wir auch sprechen. Und, um das gleich vorweg zu sagen, bei niemandem, den ich kenne, mit Einschränkungen oder Problemen verbunden.

Schere. Autor: Richard Huber, Lizenz: cc-by 3.0
Ganz ehrlich – ich kann noch nicht einmal nachvollziehen, wieso es rund um eine Vasektomie überhaupt zu Diskussionen kommen kann. Für mich war es klar, als Quarta geboren wurde, dass dieses unser letztes Kind sein soll (und aus gesundheitlichen Gründen auch sein musste). Und es gibt de facto nur eine wirklich sichere Verhütungsmethode, die mit keinen Nebenwirkungen und einem minimalen Eingriff verbunden ist: das Durchtrennen der Samenleiter beim Mann. 

Weil es dazu so viele Mythen gibt, hier mal das, was da wirklich passiert: Ein Vorgespräch, eine Beratung (in unserem Fall aus gemeinsam als Paar). Und dann ein Termin zur ambulanten Operation in der Praxis des Urologen meines Vertrauens. Konnte ich zu Fuß hingehen. Und konnte ich zu Fuß wieder nach Hause nach einer Stunde. Zweimal zur Wundkontrolle, einmal Ejakulat abgeben zur Erfolgskontrolle. Und Ende Gelände. Schnippschnapp. Fertig. Weitere Folgen: keine. Wirklich nicht. Und auch bei niemandem sonst in Familie und Freundeskreis.

Warum schreibe ich darüber?

Weil ich es absurd finde, dass so wenige Männer eine Vasektomie machen lassen. Und weil mich die "Argumente", die ich höre, wenn welche sagen, warum sie es nicht machen, erschrecken. Sicher, ich bin in der besonderen Situation, dass meine Beziehung schon aus religiösen Gründen auf dieses ganze Leben angelegt ist und sich mir die Frage, ob ich vielleicht im Zuge meiner Midlifecrisis noch mal eine neue Familie zu brauchen glaube, nicht stellt. 

Aber was für ein Menschen- und Männerbild spricht denn aus der Angst, ich könnte im Alter nicht mehr Kinder zeugen? Aus der Vorstellung, dass nur das aktive Verstreuen meines Samens mich zum richtigen Mann macht? Das ist mir zu dicht an der Vorstellung, Männer seien Tiere, seien "nun mal so", was ja auch als Entschuldigung bei anderem absurden und übergriffen Verhalten angeführt wird. Wobei ja lustigerweise Tiere sehr oft an der Fortpflanzung gehindert werden.

Wer zu einem Zeitpunkt, zu dem die Familienplanung abgeschlossen ist (und nur darum geht es hier ja), die Verhütung der Partnerin aufbürdet, obwohl es eine einfache, preiswerte und sichere Methode gibt, die ich selbst anwenden kann, zeigt am Ende doch nur, dass das Gerede von der Gleichberechtigung und Partnerschaftlichkeit doch eben nur leer war. Die Frage, ob über eine Vasektomie in dieser Situation auch nur nachgedacht werden muss, ist doch am Ende der "ground truth check" in der Gleichberechtigungsdebatte, wie es ein Freund neulich formulierte. Und dem stimme ich zu.

Toll fand ich andererseits die Geschichte von dem großen Handwerksbetrieb, in dem als Schwächling gilt und als unmännlich, wer die Sterilisation seiner Frau zumutet anstatt selbst unters Messer zu gehen. Weil diese Geschichte zeigt, wie durch Vorbilder und durch Framing Verhalten geändert werden kann.

Ich denke, je mehr wir, die wir es gemacht haben, darüber reden – und auch darüber, wie unproblematisch das war und ist und dass es keine Einfluss auf unsere Sexualität hat –, desto eher wird es auch für andere so normal. 

22.11.18

Ungefragt

Neulich bereitete ich mich auf ein Interview mit zwei Studentinnen vor, die über Berufseinstiege in Agenturen sprechen wollten. Zu den Fragen, die sie stellten, gehörten auch welche, die meinen eigenen Berufsweg betrafen. Fand ich spannend, denn so fiel mir auf, dass ich keine einzige Aufgabe in meinem bisherigen Leben über eine klassische Bewerbung übernommen habe. Wirklich nicht eine. Und eine Verabredung mit einer künftigen Arbeitgeberin habe ich sogar auf einer Serviette beim gemeinsamen Mittagessen getroffen, mit allen Konditionen und dem ganzen Drum und Dran.

Und weil sie das anregten, habe ich drei Tipps (und einen Bonus Tipp) für den Anfang der Berufstätigkeit gegeben. Die ich hier ungefragt noch einmal aufschreibe.

1.  Durchhalten

Die ersten Jahre sind nicht einfach. Ihr werdet denken, dass ihr nichts könnt. Das macht nichts. Das geht allen so. Und auch mir bis heute immer wieder. 

2. Fragen, fragen, fragen

Nur wer fragt, bekommt Antworten. Kommunikation in Firmen ist de facto eine Holschuld. Wer nicht fragt, wird als Arbeitsbiene eingesetzt. Wer neugierig ist, kann schnell wachsen. Wer Verantwortung übernimmt, macht Karriere. Fragen zu stellen, ist der erste Schritt, um Verantwortung zu übernehmen. Und Verantwortung zu übernehmen, ist der Schlüssel.

3. Dies ist kein Job, dies ist Leidenschaft

Lest, geht ins Museum, schaut Serien (mein Tipp für alle, die Kommunikation machen: Mr. Robot, die beste Fortbildung sozusagen, und eher The Bold Type als Mad Men), redet mit Menschen, engagiert euch in Vereinen, Parteien. Kreativität und Beratung sind eher eine Frage der Haltung als der Ausbildung. Denn die spannenden Unternehmen und Agenturen stellen mehr und mehr nach Haltung ein und nicht nach "Skills".

Bonus Tipp:

Wenn ihr irgendwann mal Führungsverantwortung übernehmen wollt, lernt reiten. Alles, was ich über Führung weiß, habe ich von meinem Pferd gelernt. Und ich bin mir sehr, sehr sicher: wer es schafft, mit Pferden umzugehen und zu reiten, kann auch führen.


15.10.18

Was für ein Spaß

Da dachte ich doch immer, Briefromane wären langweilig oder sonst wie nichts für mich. Und dann las ich nun endlich Lady Susan von Jane Austen. Merkwürdig genug, dass die Liebste mich erst kürzlich darauf aufmerksam machte, dass es dieses Büchlein gibt. Das ich daraufhin sofort kaufte.

Denn es ist ein wunderbarer, fantastischer Spaß. Was wohl mehr an Austen liegt als am Format. Aber das Format in Briefen trägt ein Übriges bei. Es sind die Zwischenräume, die mich lachen lassen. Das, was nicht erzählt wird. Was passiert sein muss, um den Brief auszulösen. Köstlich.

Eigentlich ist die Susan eine Farce. Und erst das lapidare Nachwort, in Prosa an die Briefe rangeklatscht, löst die Geschichte in typischer Austen-Manier auf. Ironisch changierend zwischen Happy End und irre-kicherndem Spott.

Wie konnte ich bisher übersehen, wie witzig und inspirierend Briefromane sein können. Gibt es eigentlich moderne?


[Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr beim Pendeln mehr zu lesen. Bücher und so. Wenn es in dem Tempo weitergehen sollte, werden das viele, aber wer weiß. Und das hier ein Lesetagebuch. Vielleicht.]

17.9.18

Same procedure as every year

Die GPRA-Präsidentin Christiane Schulz hat eine neue Runde über Sinn und Bezahlung des PR-Agentur-Nachwuchses eröffnet. Und wie erwartbar, hat (immerhin der von mir sehr geschätzte) Thomas Pleil als Vertreter der akademischen PR-Ausbildung ihren Text auseinandergenommen (zusammen mit seinem Kollegen Lars Rademacher).
Wagniserziehung im Kindergarten, 1955, Bundesarchiv, Bild 183-31215-0003 / CC-BY-SA 3.0





Ich finde beide Texte eher wenig hilfreich

Denn tatsächlich hat Thomas aus meiner Sicht Recht, wenn er kritisiert, dass die Verknüpfung von Honoraren, die unter Druck sind, und Ausbildungsgehältern ein schwaches Argument sei. Und ich möchte durchaus noch ergänzen, dass nicht nur Erfahrung der einzige Unterschied zwischen langjährigen Beraterinnen und Berufseinsteigerinnen ist. Nur dass – und Thomas weiß, dass ich das anders sehe, denn darüber diskutieren wir seit vielen Jahren – die "akademische Seite" aus meiner Sicht ihre Ausbildung massiv überschätzt.

Aus meiner Sicht krankt die Diskussion an zwei Stellen:
  • Zum einen an der Vorstellung der PR-Studiengänge davon, was heute moderne Agenturen seien, die sich früher mal "PR-Agentur" nannten – und damit an einer (falschen) Vorstellung, wie gut Absolventinnen von PR-Studiengängen auf die Arbeit in Agenturen vorbereitet seien.
  • Und zum anderen an der offenbar von uns und den Akademikerinnen unterschiedlich beantworteten Frage, ob wir Agenturen unsere jungen Leute ausbilden müssen.

Wen wir suchen, weil wir uns verändert haben

Tatsächlich hat sich aus meiner Sicht das Anforderungsprofil an Menschen in den letzten Jahren radikal verändert, die in Agenturen arbeiten (wollen), die aus der PR kommen. Was dazu führt, dass wir oft mit Leuten besser fahren, die in anderen Fächern als Kommunikation ihre Abschlüsse gemacht haben und die in einem Bereich, der sie wirklich und brennend interessierte, tatsächlich einmal ein bisschen wissenschaftlich gearbeitet haben. Das gilt weder für alle noch stellen wir keine Absolventinnen von einschlägigen Studiengängen ein. Einige unserer besten High Potentials und Anführerinnen haben Kommunikation studiert.
Maximale Flexibilität im Denken und dazu radikale Leistungsbereitschaft
Aber die Vorstellung, jemand mit Kommunikationsstudiengang hätte einen Startvorteil im Job, kann ich aus der Praxis nicht teilen. In einer Zeit, in der das, was in PR-Studiengängen landläufig gelehrt wird, vielleicht noch 10% unserer Arbeit ausmacht, kann ich nicht anders, als meine jungen Leute selbst auszubilden. Einen Startvorteil in einer Agentur hat aus meiner Sicht, wer sich im Studium selbstständig in ein komplexes Thema eingearbeitet hat und es wissenschaftlich aufbereitete – denn dies ist methodisch weit näher an unserer Beratungstätigkeit als etliches vermeintliches Fachwissen, das dann doch nur halb zu unserer jeweiligen Methodik passt. Maximale Flexibilität im Denken anstatt Methodenautismus und dazu radikale Leistungsbereitschaft: Darauf achten wir deutlich mehr als auf einschlägige Fachexpertise.

Was mich darüber hinaus (vielleicht unfairerweise) skeptisch macht: Als Agenturgeschäftsführer bekomme ich etwa 50 Anfragen im Jahr von Studierenden der Kommunikationsfächer für Umfragen und Interviews im Rahmen von Abschlussarbeiten. Und in den letzten Jahren war nur eine einzige davon Werbung für den Studiengang oder die Studentin. Beim Rest musste ich sehr an mich halten, um geduldig und freundlich zu bleiben (was ich zunehmend wieder schaffe, weil es mir wichtig ist, dass Studierende wissenschaftlich arbeiten). Daher: Ich weiß nicht, ob es wirklich nur die ansprechendere "Verpackung" der Themen ist, die dazu führt, dass ich die bei internationalen Preisen ausgezeichneten Abschlussarbeiten und ihre Autorinnen irgendwie fast immer inspirierender fand bisher als die bei deutschen Preisen präsentierten.

Tatsächlich profitieren wir sehr vom aktuellen Wissen und von der wissenschaftlichen Neugier der jungen Leute in unseren Teams. Soziologinnen, Medienwissenschaftlerinnen, Gesundheitswirtinnen, Historikerinnen, Wirtschaftspsychologinnen, Kommunikationswirtinnen und vielen mehr. Impulse aus neuen Erkenntnissen in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften sind unschätzbar. Und helfen außerdem den Trainees und Volontärinnen, sich auf das schnelle und sich schnell verändernde Geschäft in Agenturen einzustellen.

Warum wir unseren Nachwuchs gerne ausbilden

Diejenigen von uns, die schon lange oder länger in Agenturen sind, haben sich oft bewusst für eine Agentur entschieden. Und es ist kein Zufall, dass eher diejenigen, die hochspezialisiert in ihrem Feld sind, im Laufe der Berufstätigkeit "quer" in Agenturen einsteigen – und nicht in gleicher Menge die Beraterinnen und Generalistinnen, von denen wir in den Agenturen, die aus der PR kommen, immer noch und (so meine Prognose) auch morgen noch viele haben. Agentur ist etwas, das ich mögen muss. Denn Agentur ist anstrengend, wenn ich nicht weit überdurchschnittlich neugierig bin (ok, sonst auch oft, aber das ist noch mal ein anderes Thema).

In guten und modernen Agenturen haben wir Methoden für Beratung und Kreativität entwickelt, die uns auszeichnen und unterscheidbar machen. Wir haben Positionen zu Trends und Themen, wir wetten auf die Zukunft von professioneller Kommunikation. Wir müssen, wenn wir unser Geld Wert sein wollen, unsere Kundinnen inspirieren und überraschen, etwas anders machen, als sie es erwarten würden, zwei Schritte weiter denken, als sie es heute schon umzusetzen überlegt haben.

Und dafür brauchen wir gemischte Teams. Aus Menschen mit langjähriger Erfahrung, aus total fachfremden Leuten, aus Kreativen und Plannern. Wir haben unsere jeweilige Art entwickelt, wie wir zu Kommunikationsstrategien und großen Ideen kommen. Und wir haben unsere unterschiedlichen Herangehensweisen an Kampagnen und Kanäle. In einigen Agenturen werden integrierte Kampagnen von verschiedenen Spezialistinnen umgesetzt - in anderen werden sie von Generalistinnen über alle Kanäle gespielt. Während bei uns beispielsweise jede Beraterin auch den Facebook Business Manager bedienen kann, wird das in anderen Agenturen in speziellen Social-Media- oder Paid-Media-Teams gemacht.
Agentur ist anstrengend, wenn ich nicht weit überdurchschnittlich neugierig bin
Niemand, die aus einem Studium kommt, kann das alles so können, wie es in der Agentur gebraucht wird. Ein wissenschaftliches Studium würde ich – Stand heute – als Voraussetzung für eine Ausbildung in einer Agentur bezeichnen. Ein kommunikationswissenschaftliches Studium kann da eine Möglichkeit sein. Wenn jemand für Kommunikation brennt und sich brennend für kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen interessiert. Sonst ist es eher keine Möglichkeit, um den Einstieg in eine Agentur zu schaffen, siehe oben, das Brennen und die Neugier.

Ein Traineeship/Volontariat ist dann ähnlich wie in anderen Berufen ein Teil der Ausbildung. Und im Übrigen auch, denn das war ja mal wieder der Ausgangspunkt, ähnlich bezahlt wie ein Referendariat.

28.8.18

Rechte und linke Demonstranten

Symbolbild: Linksradikale (laut Medien)
Ein Nazimob rennt durch eine sächsische Kleinstadt. Menschen, die keine Nazis sind, demonstrieren dagegen, dass ein Nazimob durch die sächsische Kleinstadt rennt. Und die deutschen Medien heute so (und zwar bis in die von mir geschätzte liberale Zeit Online hinein): "Proteste rechter und linker Demonstranten". Das ist ein Problem. Oder vielmehr: Das ist der Sieg (zumindest der kulturelle und der Diskurssieg) der Rechtsextremen in diesem Land.

Denn wo Menschen, die keine Nazis sind, als "links" bezeichnet werden, erscheint Nazisein als fast schon normal, nämlich als nicht-links. Und das ist für die meisten Menschen in diesem Land gut und normal. Also nicht-links zu sein. Unter anderem deshalb, weil die Worte rechts und links im öffentlichen Diskurs heute nicht mehr eine grobe und unproblematische Verortung in einem politischen Koordinatensystem meinen, sondern das, was "wir" früher als rechts- oder linksradikal bezeichnet haben. Wie vor einigen Jahren ein damals noch jugendlicher Verwandter formulierte: "Rechts ist, wenn ich Ausländer verhaue, nicht, wenn ich was gegen Ausländer habe". Das hat mich damals unglaublich aufgeregt. Und heute ist es Teil dessen, was die meisten Menschen, die ich erlebe, ungefähr so sagen.

Wenn es in diesem Sinne "links" sein soll, gegen Nazis zu sein, dann ist es wohl noch schlimmer, als ich dachte. Dann richten sich Journalistinnen und Politikerinnen in einer bequemen Äquidistanz ein - Nazis und Nicht-Nazis, irgendwie beide gleich weit weg von mir. Merkt ihr, oder?

Es ist nicht links, gegen Nazis zu sein und aufzustehen, wenn sie marschieren oder rennen. Es ist normal. Und viele Konservative, die ich kenne (und die sich, wenn sie in meinem Alter oder etwas älter sind, selbst eigentlich als "rechts" im alten Sinne bezeichnen würden), finden es überhaupt nicht witzig, dass sie auf einmal als Linke bezeichnet werden, nur weil sie gegen Nazis sind.

Ich glaube, auch nur in diesem Sinne ist verständlich, wieso rechtsextreme ehemalige Konservative einen "Linksruck" der CDU beklagen. Da, wo sich die CDU (also fast nur in Westdeutschland und auch da leider längst nicht überall) klar gegen Nazis positioniert, ist sie in diesem Sinne nämlich "links". Aha. So, auch und gerade mit der gedankenlosen Formulierung "rechte und linke Demonstranten", werden Menschen, die sich nicht selbst als "links" bezeichnen, gegenüber Nazis desensibilisiert.

Das macht mir viel mehr Angst als ein Nazimob, der durch Chemnitz rennt. Und dass die Polizei nichtmal diese Äquidistanz hat. Eigentlich traurig, dass ich schon froh wäre, wenn die Polizei als Institution Nazis ähnlich behandelte wie linken Protest.