14.4.21

Was für ein Ausblick!

Stell dir mal vor, du bist in einer Partei, in der Olaf Scholz als einzige kanzleramtstaugliche Option gilt. Oder in einer, die die Wahl hat zwischen einem hemmungslosen Populisten und einem netten Tor, der von einem religiös/theologisch rechtsradikalen Katholiken gesteuert wird. Das ist kein Spaß, glaube ich.

Daran musste ich in den letzten Tagen oft denken, wenn ich deren Situation mit der in meiner Partei verglich. Ok, ich bin ein winziges bisschen voreingenommen – aber tatsächlich bin ich extrem dankbar, dass meine beiden Bundesvorsitzenden einen gemeinsamen Vorschlag machen werden, wer von ihnen Kanzlerkandidat:in werden soll. Und dass ich mich dazu nicht entscheiden muss. Denn ich freue mich auf einen Wahlkampf, egal wer von den beiden es wird. Ich kann mir beide super gut vorstellen. Wie toll ist bitte, dass wir Grünen zwei Spitzenleute haben, die gut für das Amt wären? Und damit mehr geeignete Leute als alle anderen Parteien zusammen?

Und sie sind ja sehr unterschiedlich.

Baerbock

Für Baerbock spricht ja gerade, dass sie noch nie regiert hat - und zugleich, wie sie sich innerhalb kürzester Zeit ganz nach vorne durchgesetzt hat. Gerade angesichts des Totalversagens von Regierenden in Ländern und Bund ist „keine Regierungserfahrung“ gerade jetzt fast schon eine Adelung. Und: Sie ist klar, schlau und durchsetzungsstark, hat kleine Kinder. Wäre also eine aufregend neue Kandidatin und Kanzlerin. Sie wäre der Kontrapunkt zu einer erschlafften Koalition, gerade auch zu Scholz, den hölzernen.

Habeck

Und Habeck finde ich schon seit vielen Jahren sehr aufregend. Seit Engholm hat mich kein Spitzenpolitiker mehr so sehr intellektuell und habituell angesprochen und angeregt. Gerade in der jetzigen Situation finde ich die Vorstellung eines Philosophen im Kanzleramt inspirierend. Zumal sein letztes Buch wirklich toll war, sehr viel besser, als ich es erwartet hätte. Das Wahlprogramm atmet, vor allen in den Randkapiteln, seine Sprache, was ich toll finde. Und sein Konzept der Bündnispartei, das ich schon länger propagiere als er selbst, überzeugt – gerade im Vergleich zum absurden Schauspiel, das die Union gerade abliefert, gerade auch im Gegensatz zum Mackertum eines Söders.

Ausblick

Dass ich mir aus vielen Gründen Baerbock als Kanzlerin und als Kandidatin wünsche, sage ich ja sehr oft in letzter Zeit. Genau so oft, wie ich in den letzten Jahren das gleiche über Habeck gesagt habe. Beide wären super, denke ich. Was für ein Luxus!

Beide haben die Bündnisfähigkeit und die Mehrheitsfähigkeit der Grünen in den letzten Jahren gemeinsam geprägt und hergestellt. Wie sehr die Ideen einer Partei, die für ein politisches Lebensgefühl steht, die Politik als Prozess versteht, die Bündnisse sucht und identitätspolitische Koalitionen – wie sehr alle diese Ideen, die viele von uns seit zehn Jahren in Analysen und Strategiepapieren aufgeschrieben haben (auch ich, auch hier im Blog seit 2010 in etwa), inzwischen die politische Realität der Grünen prägen, ist auch und gerade das Verdienst der beiden. Weil sie gerade in ihrer Gegensätzlichkeit und mit ihren unterschiedlichen, auch kommunikativ unterschiedlichen Ansätzen erst im Zusammenspiel diese Kraft entfalten konnten.

Der Luxus, den wir als Partei und auch als Land haben, ist, dass es in dieser Situation fast egal ist, wer von beiden die nächsten Jahre die Regierung anführt.  Und darum auch erstmal den Wahlkampf. Weil etwas in Bewegung geraten ist. 

Für jede von ihnen spricht einiges. Ich bin super gespannt, wie es gelingt, dieses auszutarieren. Und welche Wette auf die Zukunft wir machen. Sagte ich schon, dass ich mich (trotz, vielleicht auch wegen all der Scheiße, in der wir gerade stecken) auf den Wahlkampf freue?

2.3.21

Polykulturelle Minderheiten-Mehrheit

Im Windschatten des Versuchs, zunehmenden Widerspruch gegen vormals meinungsprägende Positionen als Cancel Culture zu diffamieren, entsteht gerade eine, wie ich finde, gute und zielführende Debatte über Gesellschaft, Gemeinschaft, kollektive Identitäten oder identitäre Kollektive. Wolfgang Thierse in der FAZ und Gesine Schwan in der SZ sind nur zwei Beispiele, aber sie zeigen, wie sehr das Thema inzwischen in der Mitte des Diskurses angekommen ist.

Mich inspiriert diese Diskussion auch deshalb, weil meine Agentur diese Entwicklung unter dem Thema polykulturelle Ära diskutiert und daraus Kommunikationsansätze entwickelt. Für Europa treibe ich dieses Thema bei uns gerade voran und lese und denke sehr viel daran herum. Im Kern und sehr stark vergröbert geht es dabei darum, dass wir in einer Zeit leben, in der sich Identität mehr über kulturellen Ausdruck konstituiert als über Herkunft oder formale Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Und dass jede dieser Gruppen, die sich gemeinsam kulturell ausdrücken, eine (kleine) Minderheit ist - sie aber zusammen inzwischen die Mehrheit bilden. Und das nicht mehr nur in der jüngeren Generation, in der wir dieses Phänomen schon länger beobachten.

Übertragen auf Europa und auch und speziell auf Deutschland, ist die Situation insofern etwas anders, als die nordamerikanischen Gesellschaften schon sehr viel länger, eigentlich seit rund 400 Jahren, sehr viel diverser sind. Aber das Verständnis einer polykulturellen Ära im Unterschied zu einer multikulturellen Ära davor ist auch für den alten Kontinent erhellend, denke ich. Denn multikulturell bezog sich immer eher auf die Herkunft und das kulturelle Erbe vor allem von eingewanderten Gruppen – und es war immer bezogen auf eine Leitkultur (mal von der hochproblematischen Konnotation des Begriffs selbst abgesehen) als der Kultur der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, meist die seit mehreren Generationen indigene Mehrheit eines Landes.

Auch in Deutschland hatten wir immer wieder mehr oder weniger hilfreiche Diskussionen rund um eine Leitkultur. Die neue Diskussion, wie sie von Schwan und Thierse beispielsweise geführt wird, erkennt nun endlich an, dass es dieses Konstrukt so nicht mehr geben kann. Und zwar, weil es keine klassische Mehrheitsgesellschaft mehr gibt (wenn es sie denn je gegeben hat, aber das ist eine andere Geschichte). Mir hilft die Idee einer polykulturellen Ära sehr, um diese Veränderung zu beschreiben und damit (produktiv) umzugehen. Und sie erklärt zugleich mein Unbehagen mit den Positionen von Thierse und Schwan.

Denn trotz allem schwingt noch das Erklärungsmuster einer Mehrheit mit (bei Thierse deutlich krasser, da er seine Privilegien unreflektiert ausbreitet). Daraus befreit der Gedanke der polykulturellen Minderheiten-Mehrheit – weil er es schafft, zu benennen, was die Realität ist: dass es keine gemeinsame kulturelle Ausdrucksweise gibt, die die Mehrheit der Gesellschaft abbildet. Keine gemeinsame oder auch nur mehrheitliche Identität. 

Wenn aber – durch jeweils selbstgewählte oder erworbene Zuordnung zu einer kollektiven Minderheiten-Identität –  eine Gesellschaft entstanden ist, in der diverse polykulturelle Minderheiten zusammen die Mehrheit bilden, dann ist das etwas anderes als die (wie ich finde postmoderne) Idee im Grunde fraktaler Persönlichkeiten, also die Idee, dass ich mich aus verschiedenen kulturellen Entwürfen bediene, um meine je eigene Identität zu formen (ich habe den Eindruck, dass das bei Schwan immer noch gemeint ist in ihrer Vision). 

Tatsächlich sehe ich, dass die postmoderne Individualität (wieder) abgelöst ist von Gruppenerfahrungen. Nur dass eben keine Mehrheitsgesellschaft dabei herauskommt, sondern eine Vielzahl von kollektiven Identitäten, die sich kulturell mehr oder weniger gemeinsam ausdrücken – was ich dann als polykulturell beschreibe. Diese polykulturelle Erfahrung, die vor allem die Generation meiner Kinder auch schon lange im Alltag macht, verändert nun sowohl die Gesellschaft als auch den gesellschaftlichen Diskurs. Bis hin zu dem Widerspruch gegen unreflektierte Privilegien und das selbstpostulierte Recht der ehemaligen Mehrheit, unwidersprochen ihre Ressentiments oder Exklusionen verbreiten zu können.

Wenn die Mehrheit in einer Gesellschaft die Erfahrung macht, dass sie zu einer Minderheit gehört, verändert dies das Gesamtgefüge der Gesellschaft. So kann ich zumindest erklären, wieso beispielsweise gendersensible Sprache oder identitätssensibles Handeln von dieser neuen polykulturellen Minderheiten-Mehrheit als Selbstverständlichkeit betrachtet und auch eingefordert werden: der eigene kulturelle Minderheitenstatus ermöglicht mir, Ausgrenzung und Marginalisierung anderer eher wahrzunehmen, als wenn ich mich zu einer Mehrheit dazugehörig fühle.

Insofern sind Menschen, die auf die Rechte oder auch nur Anerkennung einer Minderheit pochen, die für Teilhabe einer Minderheit streiten, keineswegs dafür mitverantwortlich, die "Mehrheit" mitzunehmen oder für den Zusammenhalt zu sorgen. Denn sie erfahren ja, dass eine Teilhabe von Minderheiten und eine (kulturelle) Sensibilität für Minderheiten de facto Teilhabe und Sensibilität für die Mehrheit bedeutet. 

Und insofern kann das Getöse über eine angebliche Cancel Culture oder über den angeblichen Zwang zur Sensibilität eigentlich nur auf zwei Weisen beschrieben werden: Entweder als "Rückzugsgefecht" einer Minderheit, die noch nicht anerkennen kann, dass sie inzwischen eben dieses ist, eine Minderheit, obwohl sie noch eine Generation vorher die Mehrheit war. Oder als reaktionäres (oder revolutionäres) Projekt, das einer Minderheit die Vorherrschaft über andere Minderheiten sichern (oder verschaffen) will.

Für die Gesellschaft aber ist die neue Zeit einer polykulturellen Minderheiten-Mehrheit ein Gewinn, denke ich. Denn sie wird nahezu zwangsläufig offener und auch sensibler (beides halte ich für einen Gewinn, aber darüber lässt sich wahrscheinlich politisch streiten). Und kollektive Identitäten spielen dabei in meiner Sicht (und anders als Schwan und wahrscheinlich auch Thierse es sehen) eine entscheidende und positive Rolle: Durch die Erfahrungen des Minderheitenstatus, die ich in meinem Kollektiv mache, in meiner Gemeinschaft, öffnet sich der gedankliche Möglichkeitenraum für Minderheitenrechte, für Sensibilität, für die Offenheit für andere kulturelle Ausdrucksformen. 

Der politische Liberalismus hat historisch immer Gesellschaft der Gemeinschaft vorgezogen, während konservative und revolutionäre Ansätze oft von der Gemeinschaft als sinnstiftender Einheit her kommen. Insofern mag es auch kein Zufall sein, dass der politische Kampf um die offene, liberale Gesellschaft an dieser Linie verläuft. Und die polykulturelle Minderheiten-Mehrheit es ist, die die liberale Demokratie gegen ihre Feind:innen verteidigt – während es die Minderheit, die sich mit ihrem (neuen) Minderheitenstatus nicht abfinden kann, mit Begriffen wie Leitkultur oder mit einem Festhalten an hergebrachten Regeln und Sprachen und Sprechweisen de facto auf die liberale Demokratie abgesehen hat.

Ich kann die Sorge, eine Gesellschaft falle auseinander, wenn sie sich in polykulturelle Minderheiten und kollektive Identitäten auffächert, nicht nachvollziehen. Mein Eindruck ist, dass Schwan und Thierse und andere genau diese Sorge haben. Sie wäre berechtigt, wenn es eine Mehrheit gäbe – was ja die gesellschaftliche Situation ist, aus der beide kommen, sie sind ja beide noch mal massiv älter als ich. Und tatsächlich drohte ja bis vor etwa zehn Jahren oder so ein Auseinanderdriften der Gesellschaft im Zuge der identiätspolitischen Ansätze. Aber heute, wo beispielsweise in den USA die identitätspolitische Koalition der Demokrat:innen eine strukturelle Mehrheit hat, und wo auch beispielsweise in Deutschland identitätspolitisch motivierte Koalitionen wie die Grünen und (mit Ausnahme einiger Traditionssozialdemokrat:innen) SPD Zulauf bekommen und selbst die CDU mindestens in Teilen eine identitätspolitische Koalition ist; heute also zeigt sich, dass eine Gesellschaft, in der es eine polykulturelle Minderheiten-Mehrheit gibt, eine Chance hat, als offene liberale Demokratie einen weiteren Schritt auf eine inklusive, sensible Gesellschaft hin zu machen. In dem kollektive Identitäten, die um ihren Minderheitenstatus wissen, gemeinsam Teilhabe und sensiblen Umgang miteinander schaffen.

[Edit 21.40 Uhr: Mir war, als ich diesen Text online stellte, noch nicht klar, welche Wellen bis hin zum leberwurstigen Austrittsangebot Thierses (es lohnt sich hier auch auf die Verlinkungen zu klicken, um das ganze Ausmaß zu sehen) diese Diskussion in der SPD schlägt. Gut.]

12.2.21

They

Über mein feministisches Aufwachsen und mein Reinwachsen in das, was wir damals in den 80ern und 90ern in meiner Kirche "geschlechtergerechte Sprache" nannten (ich war Teil der Synode und einer der Treiber darin, die dafür sorgte, dass die Verfassung und alle Gesetze in diese Sprache umgeschrieben wurden), habe ich schon oft geschrieben. Und Sprache als Mittel des Sichtbar-Machens habe ich seit dem Studium gekannt – auch weil ich mich damals, etwa seit 1990, intensiv mit Inklusion (damals sagten wir noch überwiegend Integration) beschäftigt habe. Um 1990 herum war das in der Schulpolitik mein Schwerpunkt, lustigerweise war Hamburg in dem Bereich damals weiter als die meisten anderen, weil die Schulsenatorin auch persönlich das Thema trieb. Wie wir Dinge und Menschen benennen, um sie sichtbar zu machen, war immer schon Thema bei uns, sowohl politisch und kirchenpolitisch als auch privat. Es war gerade der Übergang von "Menschen mit Behinderungen" zu "Menschen unter der Bedingung einer Behinderung", nur um mal die Granularität des wissenschaftlichen Diskurses zu zeigen. Und darauf hinzuweisen, dass das alles echt nicht neu ist und ebensowenig die absurden Abwehrkämpfe dagegen.

Seit den frühen 1990er Jahren hat sich bei mir – vor allem, weil ich mich eben in einer Szene bewegte, in der es normal war, so zu sprechen – der Automatismus herausgebildet, in der gesprochenen Sprache männliche und weibliche Formen zu nutzen. Tatsächlich ist das in den letzten mindestens 20 Jahren nichts Bewusstes mehr sondern "passiert", ist meine natürliche Sprache. Wie sehr, merke ich gerade, weil ich diese Sprache zu verändern versuche. 

Lernen

Denn in den letzten Monaten habe ich nicht nur mehr und mehr gesehen und gehört, wie sich bei vielen eine neue Selbstverständlichkeit inklusiver Sprache herausgebildet hat, sondern lerne ich auch durch meine Kinder und ihre Umfelder, dass es von Menschen, die sich nichtbinär identifizieren (also sich nicht dauerhaft oder klar oder überhaupt einem der traditionellen Geschlechter männlich oder weiblich zuordnen), den Wunsch gibt, sprachlich sichtbar zu werden. So wie in den 80ern der Wunsch von Frauen, sprachlich sichtbar zu sein, zu der Veränderung und dem Lernprozess in "meiner" Szene führte.

Darum habe ich vor einiger Zeit angefangen, zu versuchen, das "Gendergap" zu sprechen. Also den im Deutschen ja sehr üblichen Glottisschlag zu verwenden, wie wir ihn aus Spiegelei oder beeilen kennen. Und das generische Femininum, das ich seit rund zehn Jahren relativ konsequent in meinen Texten nutze, durch den : als Gendergap zu ersetzen.

Normalität 

Wie schwer mir das fällt, überrascht mich. Meine Kinder nutzen es sehr flüssig. Ich kenne und höre einige, die es schon länger sehr flüssig nutzen. Ich merke oft erst, wenn ich die weibliche Form fertig ausgesprochen und das "und" angesetzt habe, dass ich es wieder vergessen habe. 

Und das, obwohl ich es inzwischen oft im Deutschlandfunk höre, in einigen meiner Lieblingspodcasts, sogar in der Tagesschau oder jetzt gerade in einem Werbespot [disclosure: Kund:innenprojekt].

Auch, wenn es bestimmt Menschen gibt, die das nicht so sehen, weil es in ihren Umfeldern weniger Leute gibt, die es tun: das Gerndergap als Glottisschlag (im Sprechen) und : (im Schreiben) ist inzwischen für sehr viele Menschen Normalität. Finde ich toll.

They

Da ich beruflich eine internationale Rolle habe, also überwiegend in englischer Sprache arbeite, kreativ bin und schreibe, bin ich immer wieder begeistert, wie selbstverständlich und normal zumindest im akademischen und Medienkontext gendersensible Sprache da ist. Wie sehr sich das "they" etabliert hat, wo früher ein männliches oder weibliches Pronomen verwendet wurde. Wie, zumindest für unsere nicht-native Ohren, elegant das da klingt (obwohl es für viele sicher ebenso abstoßend ist wie bei uns der Glottisschlag). 

Oder auch, wie selbstverständlich es ist, in Profilen in Netzwerken oder in E-Mails die eigenen Pronomen mitzuteilen (was ich auch tue seit einiger Zeit). Wie viel weiter und wie viel selbstverständlicher in Arbeitszusammenhängen sensible Sprache in diesem Sprachraum ist. 

Üben

Als ich merkte, wie schwer es mir fällt, meine (gesprochene) Sprache umzustellen, und als ich andererseits sah, wie viele (meistens jüngere) Kolleg:innen anfingen, in internen Besprechungen mit Gendergap/Glottisschlag zu sprechen, hatte ich die Idee, dass wir es doch als Team einmal richtig ausprobieren könnten. Was wäre, wenn wir uns – vielleicht erstmal für eine begrenzte Zeit – vornehmen, es konsequent in beruflichen Zusammenhängen zu tun? Wenn wir unsere jeweilige Meinung dazu einmal zurückstellen und ausprobieren, ob es geht, ob es funktioniert, wie es sich anfühlt, was das mit uns macht. 

Ich bin super dankbar, dass das Leadershipteam von BCW in Deutschland das für eine gute Idee hielt – und nun gestern diese Initiative gestartet hat: dass bis zum Weltfrauentag einmal alle versuchen, es konsequent zu nutzen.

Wir werden dabei immer wieder scheitern. Für einige wird es sich doof anfühlen. Einige werden nicht mitmachen. Aber ich bin mir sicher, dass alle es bemerken werden – dadurch, dass wir darauf achten, uns gegenseitig ermutigen oder erinnern; dadurch, dass es sehr viel häufiger zu hören und zu lesen sein wird; dadurch, dass es Teil unseres Alltags wird.

Ich selbst hoffe, dass mir dieses gemeinsame Üben dabei hilft, dass es schneller geht, dass ich es in einen Automatismus überführe. Denn ich kann und will mich nicht darauf ausruhen, was ich vor 30 Jahren gelernt und geschafft habe. Ich will ein Ally sein. Und das nicht nur, weil meine Kinder es von mir verlangen.

21.1.21

Christianismus – eine massiv unterschätzte Gefahr für unsere Gesellschaft

 

Bild einer Kreuzzugspredigt
Christianismus, der – radikale politische Ideologie, die sich (aus Sicht der meisten Christ:innen: fälschlicherweise) auf das Christentum beruft und vorgibt, eine christliche Gesellschaft formen oder erhalten zu wollen. Die politisch radikale Form eines christlichen Fundamentalismus, oft auch als "religiöse Rechte" oder als "politisches Christentum" bezeichnet.

***

Während über den Islamismus, den "politischen Islam" viel geredet und geschrieben wird und weitgehende Einigkeit besteht, dass Muslim:innen sich vom Islamismus aktiv zu distanzieren haben (auch wenn der in dieser Forderung praktisch inhärente Rassismus noch mal gesondert zu besprechen wäre), ist der Christianismus weitgehend undiskutiert, wenn es nicht um die religiöse Rechte in den USA oder die rechtsradikalen Pflingstgemeinden in Brasilien geht. 

Dass aber der Christianismus auch in Europa und speziell in Deutschland ein massives und sehr gefährliches Problem ist, diskutieren wir selten. In Ansätzen erlebe ich die Kritik und die Diskussion langsam in theologisch konservativen evangelischen Kreisen, die sich bewusst und aktiv gegen eine Vereinnahmung durch faschistische Bewegungen und Parteien wehren, aber nicht in der Breite meiner Kirche. Und schon gar nicht in der Politik. Nicht hilfreich (aus religiöser Binnensicht) ist sicher auch, dass ansonsten diese Diskussion eher von einer Gruppe getrieben wird, die ich als "religiöse Atheist:innen" bezeichnen würde, also denen, die Religion – und insbesondere das Christentum – an sich und mit religiösem Eifer ablehnen oder hassen, und den Christianismus darum als "natürliche" Form und logische Konsequenz des Christentums sehen und beschreiben.

***

Und die Versuchung des Christianismus ist für Christ:innen ja auch real – denn wenn ich glaube, dann versuche ich, mein Leben danach auszurichten. Und wenn ich glaube, dass es eine Wahrheit gibt, dann wäre es auch schön, wenn das Leben allgemein auf diese Wahrheit ausgerichtet ist. Wer hier stehen bleibt und daraus ableitet, dass Gesellschaft und Politik so organisiert werden sollen, ja: müssen, überschreitet sehr leicht die Linie, die eine liberale Demokratie von einem autoritären Regime unterscheidet. Und darum sind Christianist:innen so gefährlich, selbst wenn sie (davon gibt es ja bis hin zu Abgeordneten im Bundestag einige) in demokratischen Parteien organisiert sind. Denn in ihrem Inneren können sie nicht akzeptieren, dass die Mehrheit eine andere Entscheidung fällt in Fragen, in denen Christ:innen eine Leitschnur haben. Wer darauf besteht, dass Politik sich an der Wahrheit, an die ich glaube, ausrichtet, kann nicht akzeptieren, wenn sie es nicht tut.

Darum, so denke ich, sind Christianist:innen so anfällig für autoritäre Politikangebote bis hin zu faschistischen Parteien und Bewegungen wie die AfD oder Trump. Weil der Christianismus am Ende nichts mit einer Demokratie anfangen kann. Wer nicht nur für sich selbst keine Grautöne kennt sondern sie auch bei anderen nicht akzeptieren kann, bedroht die Art, wie wir in diesem Land zusammenleben.

***

Den evangelischen Christianismus gibt es in seiner jetzigen Form seit etwa den 1980er Jahren – und er hat sich immer weiter radikalisiert, je mehr sich die Gesellschaft in eine inklusivere, offenere Richtung entwickelte. Am Anfang stand eine Bewegung, die sich gegen die Öffnung der evangelischen Kirchen in Deutschland für nicht-konservative Menschen wendete. Die den Eindruck hatte, dass die evangelischen Kirchen mit ihrer Unterstützung der Ostverträge und mit ihrem Eintreten für eine Friedensethik den Boden von dem verlassen hätten, was sie Bibel und Bekenntnis nannten. 

Als jemand, der in den 1980ern sowohl religiös als auch politisch aktiv wurde, erinnere ich mich noch gut, wie die frühen Christianist:innen (eine ihrer damals die Freund:innen meiner Eltern und teilweise auch meine Mutter selbst besonders stark bedrohenden Vertreterinnen bei uns im Norden sitzt heute für die CDU Bremen im Bundestag) in Nordelbien (Hamburg und Schleswig-Holstein) einen Kirchenkampf starteten, den sie mit Spitzeleien führten (beispielsweise indem sie von meinem Propsten jede Predigt mitschrieben und Dienstbeschwerden daraus ableiteten, bis er im Burnout landete). Ein etwas skurril zu lesender Text aus der "Zeit" damals dokumentiert Teile dieser Anfänge ganz gut.

Ich selbst hatte mit der zweiten Generation der Christianist:innen in meiner Kirche immer wieder zu tun, weil ich einige ihrer theologischen Ansätze teilte, vor allem ihre Betonung der lutherischen reformatorischen Tradition. Weshalb ich (als politisch damals Linker) nie bei ihnen mitmachen konnte, war, weil sie schon damals als einzige politische Konsequenz aus einem klaren und entschiedenen Christentum nur einen autoritären Konservatismus akzeptierten. Also schon in den 1990er Jahren aus ihrem radikalen Christ:in-Sein ein eindeutiges politisches Mandat ableiteten. "Left evangelicals", wie es sie in den USA und teilweise in England gibt, gab es damals bei uns nicht, höchstens am Rande in den methodistischen Kirchen.

Meine Beobachtung ist, dass die Christianist:innen sich in dem Maße, in dem sie immer mehr in eine immer kleiner werdende Minderheit gerieten (sowohl kirchlich als auch gesellschaftlich) immer weiter selbst radikalisierten. Im Grunde ähnlich wie die rasante Selbst-Radikalisierung im Zeitraffer, die wir, katalysiert durch Social Media, in den letzten wenigen Jahren auch in vielen anderen Bereichen erleben (bestes Beispiel scheint mir neben einigen Journalisten im Pensionsalter gerade dieser Wirtschaftsprofessor Homburg zu sein, dessen Abgleiten in Verschwörungserzählungen sich quasi live auf Twitter verfolgen lässt bis hin zur Einlassung, seine Kritiker:innen seien von Regierung und Pharmaindustrie bezahlt). 

Spätestens seit die sichtbare Galionsfigur des deutschen Christianismus und zugleich ihr (letztes?) Scharnier in den demokratischen Konservatismus, Ulrich Parzany, keine öffentliche Resonanz mehr findet, hat die Selbstviktimierung und damit die Radikalisierung noch einmal an Fahrt aufgenommen. Wie sehr, zeigen die Reaktionen aus dieser inzwischen antidemokratischen Bewegung auf den Rücktritt des sächsischen Bischofs 2019 aufgrund seiner faschistischen Texte um 1990 herum und seiner späteren Auftritte in rechtsextremen Think Tanks.

Ähnlich wie Islamist:innen geraten auch Christianist:innen fast zwangsläufig in eine Situation, in der sie eine offene Gesellschaft und eine liberale Demokratie ablehnen (müssen), weil diese sich nicht an ihrer jeweiligen Wahrheit zu orientieren bereit ist. Auch da, wo sie formal noch in demokratischen Organisationen aktiv sind (Christianist:innen gar nicht so selten in führenden und hauptamtlichen Positionen in der CDU und ihren Arbeitsgemeinschaften), geraten sie immer wieder in Konflikte aufgrund der Tatsache, dass sie eine Toleranz für andere Positionen oder einen anderen Glauben ablehnen. Bei beiden religiösen Deformationen schließt diese Ablehnung auch die jeweilige Mehrheit ihrer Religionen ein. 

Christianismus ist darum aus meiner Sicht weit gefährlicher als Islamismus, weil seine Vertreter:innen in der Mitte der Gesellschaft leben und arbeiten, in Medien, in Parteiorganisationen, in Kirchen. Die Beispiele USA, Polen und Brasilien zeigen, dass sie sehr leicht in eine Koalition mit offen faschistischen Führern eintreten, wenn diese ihnen eine Überwindung oder Bekämpfung der offenen Gesellschaft versprechen. Und das passiert vor allem darum, weil sie die Spielregeln der Demokratie für weniger wichtig halten als ihren Glauben, zu dem in seiner extremistischen Variante gehört, dass es falsch und geradezu verbrecherisch ist, ihn nicht zu teilen. Und wenn sie also vor die Wahl gestellt werden, die Demokratie zu verteidigen oder ihren (extremistischen) Glauben, werden sie sich notwendig immer für den Glauben entscheiden. 

Sie sind die ersten, die gegen die offene Gesellschaft auch aktiv zu Felde ziehen, wenn es den Hauch einer Chance gibt. Was das irritierende Verhalten auch in Deutschland von Menschen, die sich als christlich identifizieren und dennoch autoritäre und faschistische Parteien wählen, im Zuge der Selbstradikalisierung zumindest erklärt. Was fehlt, ist meines Erachtens eine klare Distanzierung der Kirchen und von (konservativen) Christ:innen von diesen Radikalen. 

***

Einmal ganz praktisch: Wo die Grenze zwischen (konservativen) Christ:innen und Christianist:innen verläuft, kann – nur beispielhaft – am Thema Abtreibung gezeigt werden. Gemeinsame Position ist, Abtreibung abzulehnen. Während eine christliche Position, die sich als Teil einer offenen, liberalen Gesellschaft versteht, dann (etwas holzschnittartig) ist, für das werdende Leben zu werben und die eigene Position (werbend) zu erläutern, verlangen Christianist:innen, dass ihre Position auch das staatliche Gesetz ist und können einen anderen Beschluss des Parlaments nicht akzeptieren und wenden psychische Gewalt gegen Menschen an, die ihre Position nicht teilen. Im Zuge ihrer Radikalisierung gehen sie dann manchmal noch weiter, wie wir in Polen und den USA sehen, und wenden auch physische Gewalt an. Hier überschreiten sie die allzu feine Linie vom Extremismus zum Terrorismus, auch das ähnlich wie bei Islamist:innen.

***

Und noch als Ergänzung, weil die eine oder andere gefragt hat: der Christianismus ist meines Erachtens noch mal sehr anders als der (mir ebenfalls unsympathische) Pietismus, vor allem der rheinischer Prägung, der nicht umsonst Pietkong hieß. Aber er war eben auch – so unangenehm er für andere Christ:innen immer war und ist aufgrund seiner Aufdringlichkeit – sehr persönlich und nach innen gerichtet und nicht auf die Welt. Ähnlich wie in den USA, bevor Reagan die rechten Christ:innen politisierte. Insofern halte ich den Christianismus für anders und vor allem extrem viel gefährlicher. 

18.1.21

Ich liebe Radio

Radio

Ich wollte nie zum Fernsehen. Weil ich immer Radio liebte. Nur mit der Stimme, sehr direkt, sehr intim – und trotzdem für alle zu hören, die zufällig oder bewusst einschalten. Die Zeit als Kirchenfunker im Privatradio war sehr cool, bis hin zu den Experimenten, on air zu beten.

Radio ist aber vor allem auch flüchtig. Weshalb ich noch die Generation Mix-Tapes bin, die Lieder aus dem Radio auf Kassette aufgenommen hat und am Doppelkassettendeck neu zusammenstellte.

Ich mag auch Podcasts und Hörbücher, sehr sogar. Die höre ich beispielsweise bei der Hofarbeit, beim Pferdescheißeschaufeln, beim Zäunebauen, beim Kochen.

Ephemeral Media

Und ich mochte schon immer Ephemeral Media. Damit habe ich mich damals, vor sechs Jahren, als es losging mit Ephemeral Media, intensiv beschäftigt und viel drüber geschrieben und Vorträge gehalten. Das Flüchtige als Antwort auf die unangenehme Erfahrung, dass "das Web nicht vergisst", hat mich die gesamte Zeit fasziniert. Ebenso übrigens, wie dann dieses Flüchtige für uns doch permanent sein sollte - wie die Highlights auf Insta, die eigentlich ephemere Storys haltbar machen.

Radio ist eigentlich auch Ephemeral Media, immer schon. Sogar noch radikaler, weil es eben nur im Moment funktioniert und nicht mal die sonst üblichen 24 Stunden.

Clubhouse

Und nun also Clubhouse. Dieses Wochenende ist es so richtig offiziell in Deutschland angekommen, es sieht so aus, als ob es tatsächlich für fast alle, die ein iPhone haben, geöffnet wird. Clubhouse machte seit rund einem Jahr ein bisschen Furore, vor allem in Nordamerika, weil es zunächst nur für kleine exklusive Zirkel zugänglich war, um auszuprobieren, was da geht und was nicht. 

In aller Kürze: Nur Audio, kein Video, kein Text, keine Bilder. Nur live, nur im Moment. Wer einen Raum öffnet, kann sprechen und entscheiden, wer mit sprechen darf, andere können zuhören und darum bitten, mitsprechen zu dürfen. Also im Grunde eine Mischung aus Talkradio und Open Mic.

Hype oder nachhaltig?

Im Grund ist es egal, ob es "nur" ein Hype ist oder ob da ein neues, nachhaltiges Netzwerk entsteht. Für Hype spricht, dass ich von Freund:innen, die es vor Monaten anfingen zu nutzen und anfangs hell begeistert waren, höre, dass das schnell wieder abflaute und sie noch ein, zwei Mal in der Woche oder sogar nur im Monat die App öffnen. Das scheinen auch andere zu hören. Und es ist auch allzu sehr männlich und weiß und teilweise offenbar auch echt kakke.

Aber: es ist, gerade für einen alten Radiomenschen wie mich, auch irgendwie super aufregend, wie dort eine Community versucht, im Grunde die Brecht'sche Vision vom Radio zum Leben zu erwecken. Und da steckt etwas drin. Ich denke, dass da auch die Nachhaltigkeit liegt.

Erste Überlegungen eines Kommunikationsmenschen 

1. Ask Me Anything
Gerade für Top-Executives kann es eine Umgebung sein (und ist es bisher, als es noch kuschelig war, auch gewesen), in der sie live und "intim", flüchtig, erzählen und Fragen beantworten können. Das haben wir von Leuten aus der Start-Up-Szene gesehen, von einigen wenigen Politiker:innen, das könnten wir auch für andere sehen.

2. Formatierung
Eines der wichtigsten Erfolgsrezepte von Radio ist die Formatierung. Dass ich also weiß, was mich wann erwartet: Von 18 Uhr bis 18.40 Uhr beispielsweise die abendliche Aktuell-Sendung, und dann von 18.40 Uhr bis 19.00 Uhr ein ausführlicher Hintergrund (im Beispiel Deutschlandfunk). Flüchtige Live-Medien werden Formate brauchen. Erste gibt es schon auf Clubhouse. Und hier sehe ich tatsächlich große Chancen. Sowohl für Profis als auch für Marken.

3. Talkradio
In Deutschland gibt es wenig bis kein echtes Talkradio. Anders als in vielen anderen Ländern. Clubhouse könnte diese Lücke schließen. Es könnte sich zu einem Talkradio entwickeln. Und damit wäre auch alles, was in Talkradios, vor allem live, denkbar ist, hier denkbar. Da lohnt es sich wahrscheinlich, kreativ zu werden. Muss ja nicht alles wie Domian sein.

Erste Erfahrungen
Was mir auffällt: anders als die meisten anderen Formen von Ephemeral Media muss zumindest ich mich auf die Gespräche in den Räumen von Clubhouse konzentrieren. Das geht nicht einfach so nebenbei oder aus dem Augenwinkel. Und während ich Twitter wunderbar neben Filmen, TV-Events oder Wahlberichterstattung nutzen kann und nutze, kann ich das mit diesem Talkradio nicht. Also ich zumindest kann das nicht. Ich muss mir also bewusst und echt Zeit nehmen, um eine Sendung auf Clubhouse zu hören oder an einer Diskussion teilzunehmen. Zumal es eben nicht asynchron ist, was ich beispielsweise an Twitter oder an Messengern sehr mag. Auch das spricht übrigens für Formate, denn dann kann ich mich darauf einstellen.

Kleiner Nebeneffekt – aber ich glaube, das ist super wichtig und kann einer der Treiber sein, dass Clubhouse (oder so was) bleibt – sind darüberhinaus die Zufallsbegegnungen. Menschen, die sich in Gespräche einklinken und die mich begeistern. Andere, die ich nicht kannte, lerne ich kennen, folge ihnen, sehe mehr von ihnen. 

Weil ich Radio so liebe, gebe ich Clubhouse eine Chance. Und habe ihm trotzdem nicht Zugriff auf mein Adressbuch gegeben. Es funktioniert dennoch, übrigens.

[Und auf LinkedIn habe ich noch einen englischen Artikel über Clubhouse geschrieben, etwas anderer Schwerpunkt, aber die Gedanken hier weiterführend.]

13.1.21

Brutalismus

Das Kloster Sainte-Marie de la Tourette, gebaut von Le Corbusier


Vielleicht bin ich in Bezug auf Brutalismus etwas sensibler, weil ich ihn zum einen in der Architektur mag (jaja, ich weiß, da bin ich einer der ganz wenigen, ich mag ja auch Beton wirklich gerne, neben Holz, aber das ist eine andere Geschichte) und zum anderen immer wieder eine heißkalte Faszination für die theologische, philosophischen und politische Bewegung hatte, die ich einem Brutalismus zuordnen würde: die Konservative Revolution (auch wenn mir bewusst ist, dass der Begriff nach 1945 von dem Faschisten Armin Mohler gebildet wurde, um bürgerliche Rechtsextreme nachträglich vom Nationalsozialismus zu trennen und anschlussfähig für die neue Zeit zu machen). 

Die Beschäftigung damit kommt vor allem aus dem etwas intensiveren Studium Friedrich Gogartens, der für mich vor allem so faszinierend war, weil er einerseits vielleicht der einzige seiner Generation war, der meines Erachtens Luther verstanden hatte (so wie sein Schüler, mein Lehrer Matthias Kroeger dann eine Generation später) und andererseits irre hart an der konservativen Revolution dran war. 

Kirche Johannes XXIII., Katholische Hochschulgemeinde Köln
Vielleicht machen mir darum Beobachtungen eines Extremismus der Mitte und eines libertären Brutalismus aber auch nur mehr Sorge. Zumal dazu kommt, dass ich über die Begegnung mit dem Christianismus auch die andere Quelle der Brutalismus-Bewegung gut kenne. Dass libertär und christianistisch so famos zusammen gehen, ist uns aus den USA bekannt, aber hier bei uns in Europa und in Deutschland wenig beschrieben. Über Christianismus werde ich noch mal gesondert schreiben. Der macht mir tatsächlich noch mehr Angst als alles andere, vielleicht, weil ich ihm lebensweltlich näher bin, ihn eben besser kenne.

Mir geht es nicht um eine Alarmstimmung. Ich beobachte, dass sich sowohl Christianismus als auch libertärer Brutalismus weiter radikalisieren und die Mitteextremist:innen beides zugleich immer stärker normalisieren. Aber andererseits – und das finde ich unglaublich ermutigend – ist es in den USA gerade (möglicherweise erstmals!) gelungen, den Faschismus in Wahlen zu besiegen. Knapp, weil er es geschafft hatte, neben dem harten Kern eine Koalition an sich zu binden, in der Libertäre, Christianist:innen und Mitteextremist:innen waren (darin übrigens ja nicht unähnlich den meisten faschistischen Regimen des 20. Jahrhunderts).
Was mir Sorge macht, ist, wie Libertäre, vor allem libertäre Brutalist:innen, und Mitteextremist:innen, die jeweils an sich mit dem, wie sie sich Gesellschaft vorstellen (jetzt einmal vereinfacht gesagt, denn für Libertäre ist das an sich ja schon so nicht ganz richtig), vom Faschismus eher weiter weg sind (anders als Christianist:innen), wie diese also durch Koalitionen, Normalisierungen oder Zentrismus Gesellschaften kontinuierlich und nachhaltig immer weiter nach Rechts verschieben. Libertärer Brutalismus und Mitteextremismus können eine freie Gesellschaft nicht gegen die faschistische Herausforderung verteidigen, weil sie die entweder nicht sehen oder nur für eine von mehreren halten.

Was ich tragisch finde, ist, dass beide Ideologien sich selbst aus möglichen Bündnissen gegen den Faschismus herausnehmen, wenn auch aus unterschiedlichen Motivationen und Überlegungen. Gemeinsam ist ihnen nach meiner Wahrnehmung nur, dass sie – wie historisch in bisher jeder Gesellschaft, in der Faschist:innen die Macht übernommen haben – dem Faschismus nie entgegentreten. Zumindest nie aktiv. Ich denke, dass das auch damit zusammenhängt, dass sie den Status Quo, gegen den der Faschismus sich erhebt, nicht intensiv genug verteidigungswürdig finden. Weil er angeblich linksgrün versifft sei. Oder weil er dazu führt, dass angeblich nicht mehr alles gesagt werden dürfe. Oder weil er die Privilegien ihrer Protagonist:innen nicht genug schützt. Oder oder oder.

Ich persönlich finde Mitteextremist:innen dabei graduell unangenehmer, weil ihr Beitrag zur Normalisierung des Faschismus subjektiv "gute" Motive hat – indem sie eine Spaltung der Gesellschaft diagnostizieren, die es zu überwinden und versöhnen gelte. Ihr Apriori ist dabei, dass es "auf beiden Seiten" Gute und Böse gebe und "beide Seiten" irgendwie (gleich) falsch seien. Ihr Extremismus ist dabei vor allem, dass sie ihre Privilegien nicht reflektieren, zu denen gehört, dass sie Faschist:innen umarmen und versöhnen können, weil sie von ihnen nicht unmittelbar angegriffen werden. Eine Versöhnung mit den Feind:innen muss ich mir erstmal leisten können. 
Darüber, die wichtig es ist, sich auf Unterstützung verlassen zu können, habe ich ja schon mal geschrieben. Wichtig vor allem für die, die von Faschist:innen angegriffen werden. Wichtig aber auch für die Gesellschaft, die sie gerade mürbe zu machen versuchen, indem sie sie als Diktatur diffamieren, Anstand ablehnen ("politisch korrekt") oder von der Gesellschaft einfordern, dass niemand ihnen widersprechen darf ("cancel culture"). Es sind nur Beispiele – aber hier wird bereits das Problem mit Libertären und Mitteextremist:innen deutlich: dass beide Gruppen es nicht schaffen, sich hier konsequent und durchgängig auf der Seite der freien, liberalen Gesellschaft zu positionieren. Dass sich eben nicht auf sie verlassen kann, wer für diese Gesellschaft aufsteht.

Wer nicht zwischen Gegner:innen und Feind:innen unterscheidet und sie sehr unterschiedlich behandelt, betreibt das Geschäft der Feind:innen. Wer Streit und Hass nicht unterscheidet, wer statt für Zusammenhalt auch unter Gegner:innen für Versöhnung mit den Feind:innen plädiert, kann die offene Gesellschaft nicht verteidigen. Sondern ist Extremist:in.

23.11.20

Pastorale

 

Noten, Pastorale
Schon im Studium war "pastoral" latent ein Schimpfwort. Sozusagen das, was wir unbedingt zu vermeiden suchen würden, wenn wir denn predigen. Was in gewisser Weise schräg war, denn der Beruf, den wir damals fast alle anstrebten, nannte sich "Pastorin". Heute heißt er auch in meiner Kirche "Pfarrerin". Pastorin kommt aus dem Lateinischen und meint Hirtin. Was ja wiederum etwas mit dem Beruf zu tun hat. Und in dem Sinne wäre pastoral eigentlich auch ganz ok, denn dann meinte es ja so was wie fürsorglich, aufpassend, achtsam und so. 

Aber wenn wir reden, dann ist pastoral nicht gut. Meistens meint meine Blase damit etwas, das ich als leicht gesungen, überakzentuiert, fast etwas affektiert in der selbstreferenziellen Emotionalität bezeichnen würde. Im Grunde wisst ihr wahrscheinlich, was ich meine.

Als ich in einige Reden auf dem digitalen Parteitag meiner Partei (der Grünen) reinhörte, fiel mir auf, dass ich – selbst wenn ich die Inhalte gut fand und den Rednerinnen normalerweise gerne zuhöre – viele Reden als pastoral empfand. Das hat mich gewundert. Ich weiß, dass viele, anders als ich, mit dem gefühligen, unscharfen Ton von Robert Habeck beispielsweise nicht viel anfangen können. Ich dagegen schon. Emotional und intellektuell spricht er mich auf eine Weise an, wie es bis dahin nur Björn Engholm damals vermochte, der interessanterweise einen ähnlichen Tonfall hatte. Aber auf dem Parteitag war es ja nicht nur er, der so sprach.

Merkwürdigerweise war selbst Annalena Baerbock, die sonst einen ganz anderen, zupackenden Ton hat, ähnlich. Zuerst hatte ich den Verdacht, dass sie die gleiche Sprechtrainerin hatten, die sie auf den Parteitag vorbereitete. Kann auch gut sein – erklärt es aber nicht. Und erklärt vor allem nicht, wieso sie beide so pastoral klingen.

Predigen ohne Publikum

Mein Verdacht ist, dass es eher daran liegt, dass sie quasi ohne Publikum sprechen. Denn das wäre das, was sie mit Predigten gemeinsam haben. Die Reden auf einem digitalen Parteitag sind so wie Predigten in der Kirche – wo Predigerinnen im Grunde in einen (quasi) leeren Raum reden. 

Vor allem aber: ohne irgendeine sichtbare Reaktion, kein Jubel, kein Klatschen, kein sichtbares Mitgehen. In den Kirchen, in denen ich zu Hause bin, wird Predigten gelauscht. Punkt. Und vielleicht beim Rausgehen noch ein lobendes Wort hinterlassen. Wenn es hoch kommt, gucken wir interessiert hoch auf die Kanzel. Oder lächeln mal ganz schwach. Aber eigentlich zeigen wir keine Reaktion. Wie bei einer Rede in einem Webinar oder einer virtuellen Konferenz.

Ich habe mich schon oft gefragt, wieso Predigten meistens so anders, so viel künstlicher in ihrer Emotionalität und Intensität sind als "normale" Reden. Es ist mir vorher nie in den Sinn gekommen, aber ich glaube inzwischen wirklich, es liegt am Publikum. Oder eben daran, dass es still ist oder fehlt.

Selbst merke ich es ja auch. Ich denke, dass ich als Redner ganz ok bin, zumindest oft, zumindest bekomme ich hin und wieder dieses Feedback. Und ich merke, dass mir das Reden ohne (sichtbares, reagierendes, körperlich spürbares) Publikum schwerer fällt. Dass es mich verunsichert und ich dazu neige, mehr abzulesen und – ja tatsächlich wie beim pastoralen Stil – dazu neige, überzuakzentuieren. Wenn das ein Wort ist, das als benutzbar gelten kann. Ihr wisst, was ich meine.

Menschen, die wie Annalena und Robert oft wirklich gute Rednerinnen sind, und bei denen ich merke, dass sie mit dem Publikum in eine Beziehung treten, werden etwas blutleer, wenn sie in den leeren Raum sprechen. Und sehen aus, als ob die den Teleprompter nutzen, also ihre Rede ablesen – wo sie sonst oft stundenlang frei reden (können). Sie werden pastoral.

Lustigerweise habe ich durch den digitalen Parteitag der Grünen mehr über das Predigen gelernt als über digitale Parteitage. Oder, wie ein geschätzter Kollege und Mit-Christ antwortete, als ich diesen Gedanken teilte: Ich glaube, ich werde in Gottesdiensten künftig mehr klatschen.

19.8.20

Home (ins) Office?

In den vergangenen Wochen habe ich mit vielen Menschen über die Erfahrungen der letzten Monate gesprochen und darüber, was wir daraus gelernt haben. Was gut ging, was nicht so gut ging. Was erfolgreich war – und woran wir jeweils gescheitert sind. Die Gespräche waren mit sehr unterschiedlichen Menschen: Coaches, Geschäftsführerinnen andere Agenturen, Geschäftsführerinnen von "Bürounternehmen" und solchen von Unternehmen mit Werkstätten, Redakteurinnen, Freelancerinnen, Lehrerinnen. Nur mal beispielsweise. Die meisten waren in Europa, einige in Nordamerika, wenige in Asien. Zugleich habe ich über meinen Ansatz für Führung ("Freiheitsdressur"/Führen und Folgen in Freiheit) nachgedacht und ob und wie er sich in der Pandemie verändert hat. Gerade auch, weil bei mir ja ein beruflicher Wechsel anstand von der geschäftsführenden Gesamtverantwortung in eine internationale Führungsrolle, die eher über Vorbild als über Macht funktioniert. Und dann las ich den Text des von mir sehr geschätzten Thomas Knüwer, der weissagt, dass der Run aufs Home Office als "Nächstes Normal" der nächste modische Managementfehler sei. Vorab: Ich stimme ihm überwiegend nicht zu. Jedenfalls nicht so.

Wie viele andere habe ich zusammen mit meinem Führungsteam im März entschieden, dass die gesamte Firma ins "Remote Working" geht, wir waren eher früh dran und haben auch keinen Probelauf gemacht. Und wie sehr viele andere haben wir festgestellt, dass das Arbeiten funktioniert. Es entstand eine Art Anfangseuphorie mit sehr vielen Experimenten, wie wir, wie die "Tischgemeinschaften" in der neuen, zerstreuten Situation ihr gewohntes Umfeld nachbauen können. Die ersten Wochen habe auch ich fast ununterbrochen in Videogesprächen verbracht. Irgendwann kam dann die neue Idee, Telefongespräche zu führen und mich dabei zu bewegen, dazu.

Mir geht es bei diesem Text allerdings nicht um die eigenen Erfahrungen – sondern um die Frage, die ich mit vielen gerade diskutiere und die auch Thomas anspricht: Ist das, was wir aus guten Gründen und mit viel Phantasie und Anstrengung für die Pandemie geschaffen haben, ein Zukunftsmodell? Wird Arbeiten, zumindest für uns Büro-/Computer-/Telefon-/Meetings-Arbeitende so auf Dauer sein? Was macht das mit uns, mit unserer Art, wie wir miteinander umgehen? Was macht das mit Führung?

Kasa Fue / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Denn ich beobachte mit einer gewissen Faszination, wie unterschiedlich in den letzten Wochen die langsame und kontrollierte Öffnung der Büros war. Also nicht die Konzepte, die waren fast überall sehr ähnlich. Sondern wie unterschiedlich und auf den ersten Blick zufällig die Reaktion der Mitarbeitenden darauf war. Einige Kolleginnen erzählen, dass quasi niemand zurück gekommen ist. Auf einer Fläche, wo vorher dreißig bis achtzig Leute arbeiteten, sind jetzt meistens zwei oder drei (obwohl inzwischen bis zu 50% da sein dürften). Andere berichten, dass sie Schichtdienste einführen mussten, weil fast alle das Bedürfnis hatten, zurück zu kommen. Und wieder andere, dass es in der gleichen Firma von Stadt zu Stadt, von Büro zu Büro unterschiedlich sei. Das einzige Muster, das zu erkennen ist, hängt mit der Wohn- und Lebenssituation zusammen. Und teilweise mit dem Alter, wobei das ja oft zusammenhängt. Mein Eindruck ist allerdings – anders als Thomas vermutet –, dass es nicht etwa die Millenials sind, die als erstes zurück wollten, sondern oft die Jüngeren und die etwas Älteren. Aber das ist eher anekdotisch als gemessen.

Es gibt ein paar Dinge, die ich erstaunlich finde und die ungewöhnlich unproblematisch sind aus meiner Sicht. Zum Einen sind auch lange und intensive Meetings – sei es für Managemententscheidungen oder für die Entwicklung von Ideen und Programmen – in verteiltem Arbeiten problemlos möglich. Gerade die, die sonst eher stiller sind und Meetings nicht so stark dominieren, kommen, so habe ich den Eindruck, besser zu Wort und haben einen größeren Anteil. Zum Anderen berichten mir viele (und ist es auch meine Erfahrung), dass die Integration von Neuen und das Einarbeiten und Ins-Team-Finden zwar anders aber nicht schlechter oder schwieriger ist. Und zum Dritten ist der Informationsfluss eher größer als kleiner, weil eben doch recht viel schriftlich passiert oder aufgezeichnet wird (bei großen Videokonferenzen), also sehr viel asynchronerer Austausch passiert, was logischerweise besser ist, wenn das Ziel ist, dass möglichst viele möglichst viel wissen.

Aber ich sehe auch vor allem zwei Dinge, die wir lösen müssen, wenn es in das "Nächste Normal" geht - und die sich nicht einfach durch "Nachbauen" dessen, was wir vorher kannten, erreichen lassen:

Anreize, zusammen zu kommen

Noch geht es darum, den "Sog" in die Büros zu verhindern. Also bis zum vorläufigen Ende der Pandemie (oder bis zu einer Situation, die wir zum nächsten Normal erklären) Wege zu finden, die es aus Sicht der Mitarbeitenden nicht "nötig" machen, regelmäßig im Büro zu sein. Das läuft ganz gut an.

Aber was machen wir, wenn die Mitarbeitenden nicht mehr kommen wollen? Wenn sie den Eindruck haben, es ginge auch gut so (und sie ja auch Recht haben damit)? Wenn wir aber hin und wieder Orte brauchen, an denen wir uns auch riechen und anfassen und in Bewegung sehen. Ich nehme an, dass wir dazu kommen werden, insbesondere interne Weiterbildung anders zu verstehen und mit Aktivitäten an einem Ort zu verbinden. Im "Büro" zusammen zu kommen (oder wo auch immer), wird, denke ich, anders sein müssen als einfach nur das zu arbeiten, was wir auch gut oder besser woanders machen können. Denn mal ehrlich: für das, was ich überwiegend allein mache, gibt es objektiv keinen Grund, ins Büro zu kommen.

Was ist die nächste Iteration der Luxusverpflegung der großen Tech-Firmen oder des Frühstücks der Agenturen, beides ja eingeführt, damit die Menschen (pünktlich) ins Büro kommen? Ich rechne nicht damit, dass uns zwei Mal im Jahr die große Alle-Hände-an-Deck-Firmen-Versammlung reicht oder die zwei Feste, so es die noch gibt in der angespannten wirtschaftlichen Situation vieler Firmen in der immer länger währenden Pandemie. Wie müssen Büros sein und was muss da passieren, damit Mitarbeitende da hin kommen?

Wo kommen wir zusammen, um uns von anderen Seiten zu erleben als von vorne im Video? Mir geht es nicht um Freundschaften oder Gemeinschaft – die sind für die eine oder andere auch wichtig, aber das zu schaffen oder dafür Räume zu haben, ist meines Erachtens nicht Aufgabe eines Unternehmens. Zu wissen, dass wir in die gleiche Richtung laufen, und uns zu vergewissern, dass die anderen, die da mitlaufen, auch ok sind und uns nichts Böses wollen – das ist allerdings Aufgabe eines Unternehmens. Ich denke, dass eine Grundhaltung hermeneutischen Wohlwollens heute notwendig ist für einen Unternehmenserfolg (oder zumindest für einen längerfristigen Erfolg). Und die ersten Anzeichen sind da, dass ein fast nur virtuell geführtes und arbeitendes Team eher anfälliger für politisches Handeln ist und für (negative) Eigendynamiken in neuen und kaum noch sichtbaren informellen Systemen.

Management by walking around

Das informelle System zu lesen und bespielen zu können, ist nach meiner Erfahrung und Überzeugung eine Schlüsselqualifikation heutiger Führung. Auch wenn sie nicht so radikal verstanden wird, wie ich es tue mit meiner Idee "Freiheitsdressur" (dazu später mal mehr), ist zeitgemäße Führung ohne "walking around" nicht denkbar. Ja, das wird oft belacht. Aber eine Führung, die sensibel für das ist, was an Dynamik im Team oder unter den Menschen, die da arbeiten, passiert, die also das informelle System erkennt, kann sehr viel besser mit Delegation und mit "weichen" Parametern arbeiten als eine, die im Einzelbüro sitzt und sehr beschäftigt ist. Mal etwas holzschnittartig formuliert.

Ich kann zumindest für mich sagen, dass ich bisher keinen Weg gefunden habe, das informelle System unter den Bedingungen des Remote Working in gleicher, sicherer Weise zu lesen. Die Kleinigkeiten wahrzunehmen und daraus ein Bild zu formen. Führung aber ist in den meisten Fällen darauf angewiesen, sich dieses Bild zu formen, weil sie ganz selbstverständlich nicht automatisch in Gespräche einbezogen wird. Platt gesagt: es erzählt einem nun mal niemand was. 

Darum denke ich, dass Thomas zwar irrt mit seiner Einschätzung, dass Remote Working, dass Home Office beispielsweise Karrieren in größeren Unternehmen erschwert (anders macht, klar, aber nicht erschwert). Und dass seine relativ pauschale Kritik an der aktuellen Sau, die durchs Dorf getrieben wird, auch am Kernproblem vorbei geht. Aber: ja, ich stimme da zu, wo er die Einschätzung hat (oder haben sollte), dass dieses Nächste Normal mit mehr Arbeit außerhalb von Büros nicht mit den Führungsmethoden der Zeit vorher zu bewältigen ist. Ich bin nur wahrscheinlich optimistischer, dass wir es schaffen können, vor allem auf die zwei Fragen oben Antworten zu finden. Wenn wir sehen, dass sie offene Fragen sind (und hier bin ich dann wieder bei ihm im latenten Pessimismus, denn dazu müssen wir ja so ehrlich zu uns selbst sein, zu sehen, wo die Fragen offen bleiben und auch was wir gerade nicht können oder wo wir gerade scheitern).

Lernen von Handwerk und Gewerbe

Und darum noch ein anderer Aspekt angerissen, der oft zu kurz kommt. Ja, wir reden hier (und die meisten mit denen ich rede) sehr von Büro-/Computer-/Telefon-/Meeting-Arbeit. Das ist nur ein Teil der Arbeit in diesem Land und überall. Von Lehrerinnen höre ich, wie schwer bei ihnen beispielsweise dieses Remote Working umzusetzen war. In Fabriken und Werkstätten werde ich weiterhin überwiegend zusammen kommen, wenn ich arbeite, im Einzelhandel, im Krankenhaus oder in ärztlichen Praxen.

Aber: es gibt auch schon heute und gab vor der Pandemie viele Bereiche, in denen Remote Working normal war. Und die wir Büro-Leute nicht gesehen haben. Handwerk beispielsweise. Wo die Mitarbeitenden allein oder zu zweit unterwegs sind, oft nicht einmal morgens in die Firma kommen sondern direkt mit dem Werkstattwagen von zu Hause starten und dort auch wieder enden. Mit den gleichen Herausforderungen, die wir auf einmal auch haben. Vertrieb, ebenso (und vielleicht auch ein Grund für die Skandale in Vertriebsorganisationen in den letzten Jahren, wenn sie die Antworten auf die Fragen oben übertrieben). So was aber anzusehen und davon zu lernen, wird sich lohnen. Vielleicht sind einige von diesen Berufen und Unternehmen ja viel weiter als wir dachten.

10.8.20

Da sein

Wenn ein Leben sich dem Ende zuneigt, geht es nicht darum, sich zu verabschieden. Das dachte ich irgendwie immer, aber das stimmt nicht. In der einen Woche, die meine Großmutter zum Sterben gebraucht hat, ging es viel mehr darum, da zu sein. Für sie da zu sein. Ihr Hand zu halten. Ihr in ihrer Angst und beim Loslassen Sicherheit und Ruhe zu geben.

Als meine Mutter vor zwölf Jahren starb, war es Nacht, sie ist nicht mehr aufgewacht und war vorher viele Jahre lang nicht mehr da. Zwei Jahr vor ihrem Tod schrieb ich was darüber. Als mein Großvater vor eineinhalb Jahr starb, habe ich ihn ins Krankenhaus begleitet und mit ihm gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass er die Operation wagt, die er nicht überstanden hat. So dass er im Grunde starb, wie er lebte – abrupt, im Wissen, dass er sterben will und wird, allein.

Und so war es für mich und auch für die Meinen das erste Mal, dass wir jemanden intensiv in den Tod begleitet haben. 


Das war eine harte Woche, vor allem emotional, aber eine, die für sie und für uns wichtig war. Und ich bin dankbar, dass wir es gemacht haben und uns nicht einfach nur verabschiedeten. Wir haben sie ja auch die letzten Jahre, die sie nicht mehr selbstständig leben konnte, begleitet. Vor Corona zwei- bis dreimal wöchentlich, oft auch so, dass wir sie zu uns geholt haben, dass sie ein bisschen am Leben teilhaben konnte. Glücklicherweise in den letzten Wochen wieder ein bisschen, einmal war sie sogar noch wieder bei uns zu Hause.

Da sein. Am Ende war es vor allem das. Mit ihr singen und beten und ihr versichern, dass hier alles abgeschlossen ist und wir sie gehen lassen. Ihr helfen, den Ausgang zu finden. Sie erinnern, dass sie auf ihre Tochter und ihren Mann nicht hier warten muss und kann – sondern dass sie auf sie warten, drüben.

Meine Großmutter. Die immer selbstbestimmt sterben wollte, die in den 70ern und 80ern klare Vorstellungen davon hatte, wie sie ihrem Leben zur Not selbst ein Ende setzen könnte. Und die am Ende nicht loslassen konnte. Die noch nicht sterben wollte, als klar war, dass ihr Körper und ihr Geist nicht mehr können. Aber doch Gott vertraute, dass er sie holen werde, wenn es sein soll.

Da sein war wichtig in dieser Zeit, das war deutlich zu spüren. Und das war Lohn genug, wenn es denn welchen braucht. Und dass sie sich Zeit gelassen hat, hat den anderen ermöglicht, sich von ihr zu verabschieden. 

Und als der letzte Urenkel, der die Woche über außerhalb arbeiten musste, schließlich da gewesen war, konnte sie gehen. Und hat es auch sofort gemacht. Sie hatte auf ihn gewartet, der eine Zeit lang bei den Urgroßeltern gewohnt und sich um sie gekümmert hatte, bevor sie ins betreute Wohnen gehen konnten und mochten. 

Eine intensive Woche. Mitzuerleben, wie sie wartete, wie das Leben weniger wurde, mühsam. Wie ihre herzensgute Fröhlichkeit immer weniger zu sehen war, auch wenn fast bis zum Schluss noch etwas durchschien. Danke, liebe Großi, dass du mehr als 50 Jahre für mich da warst. Danke, dass du alle Irrungen und Wirrungen unserer Leben immer mit Liebe und Bestätigung begleitet hast. Bis zum letzten Tag fragtest du, ob es allen gut geht, ob wir glücklich sind. Und ja, wir sind es. Wir sind traurig, dass du tot bist. Aber wir sind glücklich, dass wir dich auf diesem Weg begleiten durften. Und werden da sein, wenn du später in dieser Woche deine allerletzte Reise antrittst, die dich zurück an die Seite deines Mannes führt, mit dem du weit über 70 Jahre jeden Abend Hand in Hand eingeschlafen bist.

Und ich bin unendlich dankbar, dass ich eine so wundervolle Frau an meiner Seite habe, die diesen Weg mit mir gegangen ist. Und Kinder, die ihn mitgegangen sind. Wie bin ich gesegnet. Du hast das gewusst und es mir jedes Mal gesagt, wenn wir uns sahen.

10.6.20

Alerta

Ich lebe am Rande einer Kleinstadt. Diese Kleinstadt ist sehr lebenswert und interessanterweise sehr divers. Sie hat eine der letzten größeren Militär-Kasernen und eine Polizei-Kaserne. Sie hat mehrere Wohnanlagen für Alte. Etliche Schulen jeder Geschmacksrichtung für eine ganze Region. Etliche lokale Handwerksbetriebe und Geschäfte haben sich zu einer "Faire-Welt"-Initiative zusammen geschlossen. 14- und 15-jährige Mädchen organisieren eine der großen Fridays-for-Future-Gruppen in der Region. Ein Volksentscheid gegen ein Inklusionshotel in bester Lage ist sang- und klanglos gescheitert.

Das alles ist noch nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der Nazi-Aufkleber an Laternenpfählen überhand nahmen. In der sich Nazis im Straßenbild breit machten. In dieser Zeit lebte ich nicht hier, ich war nie in dieser Kleinstadt. Ich kenne diese Zeit nur aus Erzählungen. Und aus anderen Gegenden. Mitte der 80er war ich kurze Zeit Antifa-Koordinator im letzten Juso-Kreisvorstand, den es in meinem Hamburger Bezirk gab.

***

Als vor ein paar Jahren die Rechten eine Kampagne gegen Antifaschistinnen fuhren und sich die meisten so genannten "Bürgerlichen" nicht schnell genug von ihnen distanzieren konnten – was sie ja bis heute machen –, ist einer Freundin, die damals schon in jener Kleinstadt lebte, der Kragen geplatzt.

Damals, erzählt sie, gab es ein paar junge Leute in der Stadt mit Lederjacken und bunten Haaren und Springerstiefeln. Die nannten sich Antifa. Und wenn sie und ihre Freundinnen, alle aktiv in der evangelischen Kirchengemeinde der Kleinstadt, loszogen, um unter merkwürdigen Blicken der meisten Einwohnerinnen die Nazi-Aufkleber von den Laternenpfählen abzupulen, waren diese jungen Leute die einzigen, die sich ihnen anschlossen. Und wenn sich auf der anderen Straßenseite ein paar von den Nazis aufbauten, die offen zum Straßenbild der Kleinstadt gehörten, dann waren diese jungen Leute da. Mal einfach nur so. Mal in Bewegung.

Sie war die jüngste der Frauen damals. Und keine der grauhaarigen Freundinnen ließ oder lässt etwas auf die Antifa kommen. Ohne Antifa, sagen sie, wäre diese Kleinstadt heute noch ein gefährliches Pflaster für sie, für Christinnen. Ohne Antifa hätten sich in den Jahren danach nicht die ersten Ladenbesitzerinnen zusammengeschlossen, um eine Initiative für Schutzräume und dann später für Fairen Handel zu bilden. Es waren (meist ältere) Frauen der evangelischen Kirche und die jungen Leute der Antifa, die die einzigen waren, die der beginnenden Dominanz der Nazis im Stadtbild etwas entgegensetzten.


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Sich von "der Antifa" zu distanzieren, halte ich für dumm, unpolitisch und gefährlich. Und "man" muss es sich auch leisten können. Denn seit den 80ern gab und gibt es nicht viele andere, auf die sich verlassen kann, wer Nazis entgegentritt. Fast überall (im Westen) waren es damals Aktive aus Kirchengemeinden zusammen mit jungen Leuten, die keine Angst davor hatten, dass es vielleicht auch mal wichtig sein könnte, sich (körperlich) zu wehren. Und als 2015 in unserem Stadtteil am Rand von Hamburg die größte Unterkunft für Vertriebene eingerichtet wurde und die Nazis aus den Nachbarstadtteilen ankündigten, das nicht zuzulassen, waren es junge Leute mit Lederjacken und bunten Haaren, die die Nächte im Gewerbegebiet verbrachten. Und das evangelische Gemeindehaus bewachten, das das Basislager der Helferinnen war. Und sonst niemand.



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Im ersten Kreisvorstand der Jungen Sozialdemokraten, der unseren letzten Juso-Kreisvorstand ablöste, gab es selbstverständlich keinen Koordinator für Antifa-Arbeit mehr. Ich weiß sehr genau, auf wen ich mich verlassen kann, wenn ich von Nazis bedroht werde. Und das ist ganz sicher niemand, der oder die sich von "der Antifa" abgrenzen zu müssen meint.