15.11.22

Das Ende der Mehrheit

Vor einigen Wochen habe ich in Österreich einen Vortrag halten dürfen – zum Jubiläum einer lutherischen Kirche, die in ihrer Gegend, wie überall in Österreich, in einer sehr kleinen Minderheit ist. Es war für mich ein Anlass, weiter über mein schon lange in immer neuen Varianten ventiliertes Thema der Minderheiten-Mehrheit, also der Veränderung der Gesellschaft, wenn es keine Mehrheit mehr gibt, nachzudenken. 

Die Rede, die fast eine halbe Stunde dauerte und die ich im Parlament der Bundeslandes Niederösterreich halten durfte, dokumentiere ich hier leicht adaptiert, also etwas von den sehr spezifischen Passagen bereinigt, die sich auf die konkrete Kirche und ihre Situation bezogen. Am Tag nach der Rede habe ich mit rund vierzig Menschen noch einen Workshop zu dem Thema gestaltet, was weiteres sehr wertvolles Feedback bedeutete, das in das Nachdenken und Weiterschreiben einfloss und einfließt.

Viele viele bunte Schokolinsen

1.11.22

Protest

Ich bin bei den Klimaprotesten und vor allem den Aktionen der letzten Zeit, die Kunst so derangieren wie meine Generation das Klima und die Erde derangiert, unentschieden. Eigentlich. Aber die Reaktion der meisten, auch vieler, die ich sehr schätze, lässt mich inzwischen in die „leuchtet mir ein“ Ecke tendieren. Warum? 

Es ist wie bei den London Riots damals: Tone policing und „könnt ihr nicht friedlich demonstrieren“ geht leider grundsätzlich fehlt. Hallo? Was machen die denn bitte seit Jahren? Wie war der Effekt? Was diese Aktionen zumindest deutlich machen, ist genau das, was nach dem, was ich darüber gelesen habe, auch das ist, was sie deutlich machen sollten aus Sicht der Aktivist*innen: dass „uns“ Kunst wichtiger ist als Zukunft. 

Wenn „wir“ so hart reagieren würden auf Menschen und Unternehmen und Regierungen und Parlamente, die die Natur zerstören, wie auf die, die Kunst zerstören, wäre sehr viel gewonnen. So wie zum ersten Mal auf die jungen Leute gehört wurde, als sie Geschäfte plünderten - nachdem sie vorher wochenlang ungehört demonstriert hatten. Es ist eben gerade NICHT absurd, einen Aufstand als nächste Stufe nach Demonstrationen zu sehen. 

Ich persönlich würde das nicht machen, bin aber auch mehrfach privilegiert und finde auch Gehör. Davon muss ich aber imho absehen, wenn ich darüber nachdenke, ob es politisch „sinnvoll“ ist, was hier passiert (was nichts über Legalität sagt). Immerhin, und das leuchtet mir in seiner Symbolik ein, „trifft“ es etwas, das Menschen wichtig ist (und ihre Reaktion zeigt ja, dass es ihnen wichtig ist), die etwas gegen den Klimawandel tun könnten. Durch ihre Wahl und durch ihr Verwaltungs- und Wirtschaftshandeln. Es trifft vor allem solche aus dem liberalen Bürger*innentum, die sehr oft sehr zustimmend nicken und reden zu den Forderungen rund um Klimaschutz – aber bei denen ganz überwiegend außer auf persönlicher Verhaltensebene nichts folgt. Politisch. 

Was wir nicht wissen, weil es dazu m.W. bisher keine Daten gibt (erste sprechen aber offenbar eher dafür als dagegen), ist, ob es dem Anliegen nutzt. Ich kann es trotzdem Kakke finden, was die da machen. Ich persönlich finde es auch falsch. Aber das heißt nicht, dass es politisch falsch ist.

20.9.22

Lasst uns Landmenschen da raus

Ich bin es so satt. Immer, wenn es um Veränderungen im Öffentlichen Verkehr (Bus, Bahn etc.) geht oder um ein preiswertes Ticket wie aktuell, werden wir Menschen auf dem Land in Geiselhaft genommen von denen, die möglichst nichts daran ändern wollen, dass unsere gesamte Infrastruktur für eine Kostenloskultur und Gratismentalität rund ums private Auto ausgelegt ist. 

Das war schon beim Einstieg in die E-Mobilität so, und da ging es ja sogar noch um private Autos. Dass die Fossilfetischist*innen Elektroautos als Stadtautos positioniert haben, war ein genialer PR-Coup für die verschlafene deutsche Autoindustrie (was ich als PR-Kreativer durchaus anerkennen kann), aber eben nicht mehr als das. Denn hier auf dem Land, wo wir alle ein Grundstück um unser Haus haben und eine Steckdose neben der Stelle, wo wir unser Auto abstellen, ist eine öffentliche Ladeinfrastruktur nicht mal wirklich nötig, um ein Elektroauto zu fahren. Das braucht ihr in den Städten vielleicht oder dann, wenn ihr aufs Land zu uns fahrt. Wir aber nicht. Aber das nur am Rande. Geht ja eigentlich um eure Geiselnahme in der aktuellen 9-Euro-Ticket-Nachfolge-Diskussion.

Also noch mal von vorn.

Ja, bei uns im Dorf fährt kein Bus. Jedenfalls nicht sinnvoll. Ein bisschen für die Schulkinder, wenn er denn fährt und es mal genug Busfahrer*innen gibt, was nicht so oft der Fall ist, wie es sein sollte. Und ja, selbstverständlich haben wir im Dorf quasi alle ein Auto (viele, immer mehr, auch von den vermeintlich Konservativen, ein Elektroauto, siehe oben). Das wird auch so bleiben. Das ist auch nicht schlimm. 

Im letzten Sommer standen viele dieser Autos tagsüber auf einmal auf den großen Parkplätzen an den Bahnhöfen. Viele zum ersten Mal. Denn was einige bei uns im Dorf festgestellt haben: wenn sie nach Lübeck wollen, beispielsweise, lohnt es sich total, zum Bahnhof zu fahren (kostenfreie Gratismentalitäts-Parkplätze gibt es da ja) und dann mit dem Zug, der alle halbe Stunde fährt, in die Stadt. Diese Fahrt dauert ungefähr so lange, wie ich sonst mit dem Auto vom Ortsschild Lübeck bis zum Parkhaus in der Stadt brauche, also eine halbe Stunde. Von der Zeit her spare ich also etwa 20 Minuten.

Im letzten Sommer haben das viele Leute aus unseren Dörfern zum ersten Mal gemacht. Vorher haben sie mir das nicht geglaubt, dass das so ist. Aber schon einmal hin und zurück war billiger als Sprit und Parkgebühr in der Stadt (denn da ist Gratismentalität nur bei der Straße, nicht beim Parken, immerhin). Also haben sie dann auch noch mal ausprobiert, wie es denn mit Kiel wäre, kostete ja nix mehr extra. 

Bushaltestelle in Hammer, ziemlich runtergekommen
Von Leschek Jeschke - Eigene, CC BY-SA 3.0, Link

Ob ein Bus in unserem Dorf fährt, ist für ein preiswertes Nahverkehrsticket egal. Wer behauptet, wir auf dem Land hätten ja nix davon und müssten für die fiesen grünen Städter mitbezahlen, lügt. Ganz einfach. Hier im Dorf hatten fast alle das 9-Euro-Ticket. Weil es für uns auf dem Land total sinnvoll war – denn jeder Zug, der bei uns in der Kleinstadt in der Nähe unseres Dorfes hält und nach Lübeck oder Kiel fährt, ist ein Nahverkehrszug. De facto konnten wir jeden Zug nutzen, der bei uns fuhr. Viel besser als in der Stadt.

Vielleicht wäre es toll, wenn es hier auch einen Bus gäbe. Aber ganz ehrlich? Den würden wir erstmal ganz ganz viele Jahre lang nicht nutzen. Und viele hier bei uns fragen sich auch, wieso hier Busse fahren, die leer sind. Ganz selten sitzt mal eine*r drin, außer der Fahrer*in jetzt. Da wäre ein Dörpsmobil oder eine Mitfahrbank fast besser, gibt es auch in einigen Dörfern.

Um es mal ganz ganz deutlich zu sagen: Ob ein preiswertes ÖPNV-Ticket für uns auf dem Land sinnvoll ist oder nicht, hängt eben nicht davon ab, ob hier ein Bus fährt. Sondern wie weit es zum nächsten Bahnhof ist und wie oft dort der Zug fährt. Ich beispielsweise bin in 12 Minuten mit dem Rad am Bahnhof, wo alle halbe Stunde jeweils ein Zug nach Lübeck und nach Kiel fährt. Andere aus anderen Dörfern fahren knapp 10 Minuten mit dem Auto dahin. Das ist voll ok. Selbst wenn hier ein Bus führe, würden wir den nicht nutzen, weil er länger braucht und ich dann noch 10 Minuten zur Bushaltestelle laufe.

Glaubt niemandem, dass es erst mehr Busse braucht, bevor ein Ticket für uns sinnvoll ist. Das ist gelogen. Jedenfalls in Bundesländern, die nicht von der CSU regiert werden.

10.5.22

Schreiben wie Sprechen

Als ich ab Mitte der 90er Jahre Radio gelernt und dann gemacht habe, hat sich meine Sprache verändert. Ich kam aus dem Studium ins Studio. Und von einer leicht vernerdeten, ziemlich arrogant-überkandidelten Sprache zu einer, die einfach, klar und verständlich ist. Witzigerweise hat es mich nachhaltig für die Langform verdorben, dass ich Geschichten in maximal 90 Sekunden erzählen musste. So lang war damals ein BmE, Beitrag mit Einspieler.

Das eigentlich Besondere aber an der Sprache, die ich im und für das Studio lernte, war, dass sie direkt und persönlich wurde. Mit relativ viel Druck, mit Rhythmus, mit Klarheit. Gesprochene Sprache schreiben, heißt diese Disziplin. Und in meinem speziellen Fall kam noch etwas dazu: als einer, der im Privatradio, also im auf Unterhaltung optimierten Sprachprogramm von Musiksendern, für die A-Themen zuständig war (Arme, Ausländer*innen, Arbeitslose, Afrika und so weiter), eine (An-) Sprache zu finden, die einerseits sensibel genug war, um unsere Themen zu tragen – und andererseits in den Gesamtduktus der Sender passte, in denen wir unsere Sendungen via Drittsenderecht hatten. Ich machte ja Kirchenfunk, bezahlt und verantwortet von der evangelischen Kirche, aber im Konsens mit Sendern wie RSH und Radio Hamburg.

Es ist eine erzählende Sprache, die so entsteht. Eine, die jeweils eine einzelne Hörerin in den Blick nimmt. Darum ist Radio auch so anders als andere Medien. Und darum bereitet Radio so gut vor auf Sprechen und Schreiben in Social Media und in dieser Zeit gerade, die von direkter und persönlicher Ansprache lebt.

Mirkofon in einem Radiostudio

Inspiriert von dieser Radio-Sprache ist eine Sprache für Vorträge und für Texte entstanden, die nicht schreit, aber dennoch Druck entwickelt; die nicht predigt, aber dennoch verändern will; die nicht die Vielen anspricht sondern jede einzelne*n – so eine Sprache kann berühren und kann Menschen bewegen. Und: so eine Sprache verändert auch die Inhalte und die Haltung, mit der ich spreche. Weil der Druck und das Direkte eben auch verhindern, dass ich mit Worten und Sprache verschleiere, was ich sagen müsste. Wenn ich geradeaus spreche, habe ich eine sehr viel größere Klarheit. Wenn ich nicht doziere sondern mich unterhalte, habe ich fast automagisch einen Hang zu differenzieren.

Schon als Robert Habeck das erste Mal Landesminister wurde, war ich ob seiner Sprache und seinem Sprechen sehr aufgeregt. Fand ihn nicht nur intellektuell unglaublich anregend (so sehr wie seit Engholm niemanden mehr in der Politik), sondern auch neu. Und in den letzten Monaten erleben wir das auf der großen Bühne. Ich denke, dass Habeck so anders wirkt, so viel Zustimmung für seine Art der Kommunikation bekommt, hängt mit genau dieser Sprache zusammen. Und das, obwohl ich am Beginn der Corona-Pandemie mit ihren virtuellen Parteitagen und so weiter sehr den Eindruck hatte, dass ihm "Radio" schwer fällt, also das Sprechen mit einer Einzelnen, ohne Reaktion aus dem Publikum. Das hat er inzwischen unglaublich gut gelernt.

Habecks schnörkellose Sprache, verbunden mit dem rhythmisch-poetischen Sprechen, seine direkt zu erlebende Suche nach der richtigen Formulierung, sein lautes Nachdenken – all das prägt einen neuen Stil. Und ich bin davon überzeugt, dass es auch einen neuen Stil für andere prägen wird, die professionell schreiben und sprechen. Ich nenne das "Schreiben wie Sprechen". Gesprochene Schriftsprache. Oder geschriebene gesprochene Sprache. Es ist eine Kunstform, die mir vielleicht so auffällt, weil ich mich daran – anders als Habeck, logisch – ebenfalls seit vielen Jahren versuche.

Ich höre von Menschen, für die ich Texte schreibe und Geschichten erzähle, dass sie genau dieses gerade suchen und wollen: eine Sprache und ein Sprechen und Schreiben, das davon inspiriert ist, wie Habeck Dinge erklärt und Menschen mitnimmt. Und ich höre von vielen anderen, die für ihre Kund*innen schreiben, dass das überall gefragt wird. Das finde ich toll. Denn es ändert so viel in der Kommunikation, wenn sich immer mehr Menschen darum bemühen, Jargon und stereotype Sprachbilder zu vermeiden. Geradeaus zu schreiben und zu sprechen. Schreiben und Sprechen dichter zusammenzurücken. Eben zu schreiben wie sie sprechen. Und auch so zu sprechen.

Wenn Robert Habeck die schreibende Kommunikationszunft zu besserer Sprache inspiriert: ist das nicht wunderbar?


 

29.4.22

Geschichten

EIn Stapel alter Bücher (lizenzfreies Bild)

Als ich darüber nachdachte, wieso mich ausführlich erzählte Miniserien gerade so faszinieren (nicht alle, aber doch erstaunlich viele), bin ich in Gedanken sehr viele Bücher, Hörbücher, Podcasts, Serien, Filme durchgegangen, die mich im Laufe meines Lebens gefesselt und begeistert haben. 

Beispielsweise kann ich mich kaum noch an Anna Karenina erinnern, weiß aber noch, dass ich es mit 12, als ich es aus dem Keller der Bücherhalle holte, verschlungen habe, ohne mir während der Lektüre auch nur einen der russischen Namen zu merken. Ich habe versucht, die Figuren über das Schriftbild der Namen auseinanderzuhalten.

Etwas anders war es mit dem Kampf um Rom, ein ähnliches Alter bei mir, ich hatte immer mal wieder überlegt, es noch mal zu lesen (aber spätestens, als ich versuchte, meinen Kindern was von Karl May vorzulesen, bin ich davor zurück geschreckt, weil mich schon bei den Büchern fast überrascht hat, dass aus mir ein woker Mensch werden konnte bei solcher Lektüre).

Es gab eine Zeit, in der ich die Romane da unten im Keller jener Bücherhalle nach der Dicke der Bücher auswählte, damit ich länger etwas von der Geschichte habe. Obwohl ich nie ein schneller Leser war, fand ich es immer schon schade, wenn ich aus der Geschichte wieder auftauchen musste.

Bis heute lese ich nicht gerne Sachbücher. Hören ist ok, habe ich gemerkt, da stört es mich nicht, dass sie keine Geschichte erzählen. Aber eigentlich mag ich vor allem Geschichte. Womit wir wieder am Anfang wären.

Ein gut durcherzählter Roman lässt mich in die Geschichte eintauchen. Und gut durcherzählt meint nicht, dass es nur klassische erzählt sein muss. Nur eine Geschichte habe ich gern. Aber auch Episoden, moderne Erzählformen oder so was wie im Film 8 Blickwinkel kann mich begeistern. Wenn mich die Geschichte in sich hineinzieht.

Eine Geschichte ist es, die mich zum Nachdenken bringt, die mir Inspiration bringt, die mich selbst kreativ werden lässt. Mit einer Geschichte kann ich mich entdecken, kann ich Emotionen durchleben, mich in ihren Protagonist*innen sehen. Geschichten treiben mich. 

In den letzten Jahren geht mir das nicht nur mit Büchern so (mehr Hörbüchern, nur ungekürzte) sondern zunehmend mit Podcast-Miniserien und Film-Miniserien. Beides ist für mich das Pendant zu Romanen in anderen Medien und Erzählformen. Sechs, acht, zehn Folgen, die sich Zeit nehmen, einem Thema in einer Geschichte oder Personen in einer Geschichte wirklich einmal ausführlich nachzuspüren. Nicht zu hetzen (darum auch nur ungekürzte Bücher). Aber eben auch nicht, wie bei klassischen Serien, in die Unendlichkeit und damit auch leider oft irgendwie Beliebigkeit abzudriften. Und, ein Nebenaspekt, ich bewundere, wenn es Autor*innen gelingt, Geschichten-Serien abzuschließen (auch wenn ich trotzdem irgendwie immer traurig bin, wenn es vorbei ist). Seit Sjöwall/Wahlöö liebe ich darum Krimireihen, in denen sich die Hauptfiguren weiterentwickeln.

Und vielleicht liebe ich das Geschichtenerzählen, auch in der kleinen Form, so sehr, weil ich Geschichten so sehr liebe. Es gab nur sehr wenig Zeit in meinem Leben, in der ich nicht parallel zum Leben auch eine Geschichte "durchlebt" habe, ist mir bewusst geworden. Heute mehr in der Form von Filmen (als Miniserien), aber immer eine Geschichte. Ich brauche Geschichten, um zu leben.

17.2.22

Die Flut

Wer in Hamburg geboren oder aufgewachsen ist, hat mindestens geliehene Erinnerungen an DIE FLUT. Diese Nacht 1962. Vielleicht ist es deshalb so gruselig-faszinierend, die quasi-live Nacherzählung auf Twitter mitzuverfolgen, während um mich herum der heftige Wind geht, ich Sorge habe, dass diese Esche da, bei der das Eschentriebsterben schon etwas weiter ist, auf unser Haus stürzen könnte, und es auf unser Blechdach trommelt. 

Die Verehrung für Helmut Schmidt, die meine vier Großeltern empfanden unabhängig von ihrem Wahlverhalten, kommt aus dieser Nacht. Das war sehr tiefe und echte Dankbarkeit. Und seit ich zur Freiwilligen Feuerwehr gehöre, verstehe ich es noch mehr, weil ich Krisenstäbe und Entscheidungen „von unten“ erlebe. 

Aufgewachsen bin ich in einem Stadtteil, in dem es eine Siedlung gab, die für Menschen in aller Schnelle hochgezogen worden war, die in DER FLUT alles verloren hatten. Das Altenpflegeheim in der Mitte dieser Siedlung war von der Flutopferhinterbliebenensiftung. Was und warum das so heißt, war mir lange nicht klar. 

Hamburg Sturmflut 1962, überflutete Siedlung in Wilhelmsburg
Gerhard Pietsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Jedes Kind kannte diese tatsächlich recht eleganten 1962-Unterstrich-Dingens aus dunklem Metall, die überall an den Häusern und Wegen unten an der Elbe angebracht waren, wo wir am Sonntag spazieren gingen und meine Schwester und ich auf dem Mäuerchen balancierten und in diesen einen Baum kletterten, der vom „Strand“ über die Mauer ragte. 

Dann kam 1976 ein zweites Pegelstanderinnerungszeichen dazu. An 76 kann ich mich erinnern, weil wir unten waren, bevor da alles aufgeräumt war. Mein Vater war beim Aufräumen dabei, weil er seinen Ersatzdienst bei so einer ulkigen Einheit machte, die irgendwie zur Feuerwehr gehörte, aber eigentlich nur den Atombunker in Langenhorn bewachte oder so. Darum jedenfalls war er „in der Heide“, damals als die brannte. Und eben beim Aufräumen. Ich war froh, als Kind, dass er erst dann hin musste. Denn als er in der Nacht alarmiert wurde und sozusagen Reserve war, hatte ich Angst. Denn ich kannte die Geschichten von 62. Meine Kahlbohm-Großeltern und meine Mutter wohnten ja oben auf dem Geestrücken in Horn, wo sie runter gehen konnten zum Hafen und nach Billbrook. 

Ich wusste im Grunde nichts über DIE FLUT. Und kann mich nicht mal daran erinnern, ob wir es in der Schule hatten. Wahrscheinlich ja, spätestens, bevor wir nach Neuwerk fuhren auf Klassenreise. Vielleicht auch schon, als wir in Moorwerder auf Klassenreise waren? Das war ja 1977. 

Aber die Erinnerung war trotzdem als geliehene da. Tief unter der Oberfläche. Osmotisch. 

1.12.21

Kahlbohm

Kahlbohm ist der Mädchenname meiner Mutter, die 2008 nach langer Alzheimer-Erkrankung gestorben ist. Und der Name meiner Großeltern, die inzwischen auch beide gestorben sind, beide Mitte Neunzig, beide nach einem langen Leben voller Veränderungen, obwohl sie beide Veränderungen nicht so sehr mochten. Sie konnten sich immer gut darauf einstellen, aber mögen taten sie sie nicht.

Kahlbohm steht aber für mich nicht nur für meine Wurzeln und für Menschen, die ich sehr liebte und nicht mehr um mich habe. Sondern die Familie hat auch eine Geschichte, die mit Transformation zu tun hat. Und mit einem dicken Kopf. Und mit einer Tradition, die einer meiner Söhne fortsetzt, indem er ein Metallhandwerk lernte.

Auf beiden Seiten meiner Kahlbohm-Wurzeln waren die Männer nämlich Schlosser gewesen. Einer auf dem Land, an der Westküste, einer in der Stadt, in Hamburg-Barmbek. Einer war dann auch Fuhrmann. Da war Schlosser sehr praktisch, weil er die Wagen reparieren konnte und die Pferde beschlagen. Metaller zu sein, war quasi die Voraussetzung, halbwegs als Fuhrmann über die Runden zu kommen. Der andere hat alles gemacht, was ein Schlosser in der Scheune so machen kann. Wagen repariert. Beschläge gebaut. Pferde beschlagen. Maschinen. 

Beide haben den Sprung in die neue Zeit geschafft. Denn beide haben angefangen, Automobile zu reparieren, noch bevor es die ersten Autos in ihrem Dorf und in ihrem Stadtteil gab. Und der Fuhrmann hat sogar eines angeschafft. Sehr früh. Und sehr zur Erleichterung seiner zahlreichen Söhne, die froh waren, als die Pferde nach und nach weg konnten und nicht mehr ausgemistet werden mussten.

Autowerkstatt ca. 1920

Damit haben sie zu ihrer Zeit etwas gemacht, das ich meine gesamte Berufstätigkeit ebenfalls versucht habe: Wach hinzusehen und aus der Antizipation dessen, was der Markt, die Kundinnen, brauchen werden, abzuleiten, was wir heute anbieten müssen. Was wir schon können, was wir noch brauchen dafür, wie es aussehen muss. Das ist das, was ich Transformation nenne. 

Für mich sind meine Wurzeln immer Inspiration gewesen und sind es bis heute. Auch da, wo ich mich kritisch und in Abgrenzung mit ihnen auseinandergesetzt habe. Aber Wurzeln zu haben, hat mir immer geholfen, mit den Spitzen der Äste nach dem Himmel zu tasten. 

Mit Kahlbohm & Sons, Transformation wächst aus diesen Wurzeln jetzt noch einmal etwas Neues. Und darauf freue ich mich sehr. Die Knospen sind, wie es sich gehört, jetzt im Winter angesetzt. Im Frühjahr wird es dann richtig wild.

28.11.21

Advent



GoTT, DU,
Erbarm dich. 
Erbarm dich deiner Menschen.
Erbarm dich in der Ohnmacht.
 
GoTT, DU,
Wieso hast du mich verlassen?
Wieso hast du so viele verlassen?
Wieso lässt du die Kinder im Stich?

DU,
Ich weiß, ich sollte sie nicht hassen. 
Aber ich kann es nicht mehr anders.
Ich fühle mich fern von dir. 
Aber ich kann es nicht mehr anders. 

DU,
Wir warten auf deine Ankunft 
Wie jedes Jahr um diese Zeit. 
Aber wie sollst du hier ankommen?
Wie soll ich dich empfangen, 
Wenn ich so verachte und hasse. 

GoTT, DU, 
Erbarm dich meiner. 
Zeig mir einen Weg hinaus. 
Aus der Verachtung, die ich empfinde,
Für die, die es nicht schaffen, 
eine Impfung zu nehmen. 
Aus dem Hass, den ich empfinde,
Auf die, die sich bewusst entscheiden, 
keine Impfung zu nehmen. 

DU,
Ich schreie zu dir
Weil ich will, dass du die strafst, die ich hasse. 
Ich schreie zu dir
Blind vor Zorn auf die, die deinen Namen 
im Dienst des Bösen führen. 

GoTT, DU,
Ich schreie zu dir. 
Wie kann ich wieder Lust und Mut fassen. 
Wie kann ich denen, die ich so hasse und verachte, anders begegnen. 

DU,
Ich schreie. 
Erwecke sie. 
Lass sie umkehren. 
Lass Licht in das Dunkel meines Hasses scheinen. 

GoTT, DU,
Ich schreie. 
Weil ich nicht verstehe, 
Wie du das zulassen kannst. 
Weil ich nicht ertrage,
Wie mein Hass wächst. 

DU,
Ich schreie. 
Zerschmettere sie und strafe sie. 
Errette die Kinder. 
Errette die Gerechten. 
Fahre dazwischen. 
Wir haben nicht mehr die Kraft dazu. 

GoTT, DU,
Erbarm dich. 
Erbarm dich deiner Menschen. 
Erbarm dich meiner und meines Hasses,
Dass ich ihn hinter mir lassen kann. 

GoTT, DU,
Komm. 

21.10.21

Unsortierte Gedanken zum #Fackelgate

Cross Lighting 2005 

Ich mag keine Fackelzüge. Mochte ich noch nie. Auch nicht den zu Weihnachten aus den Rändern des dörflichen Stadtteils zur Kirche. Mich erinnert ein Fackelzug immer an die Prozession am Ende von Inquisitionsprozessen, mit den Fackeln wurde dann der Scheiterhaufen angesteckt. Oder das Holzkreuz, dann im Mittelalter des 19. und 20. Jahrhunderts. Oder die Bücherstapel. Welchen Sinn soll ein Fackelzug haben, an dessen Ende nicht etwas angezündet wird? 

Eine Fackel als Beleuchtung ist was anderes, aber da gehen wir ja nicht in Formation. Wenn unsere Freiwillige Feuerwehr mit Fackeln einen Laternenumzug sichert, gehen wir durcheinander (und die meisten haben gar keine Fackeln sondern beleuchtete Dings in der Hand).

Fackeln zusammen mit Uniformen sind für mich ein Zeichen von Bedrohung. Egal, ob es die Kutten von Mönchen sind, die Kaputzen des KKK, die Hemden der SA oder die Erste Geige der Feuerwehr. Fackeln erzeugen, gerade zusammen mit Uniform und Formation, eine besondere Stimmung. Das ist ja auch gewollt. Und es ist eine Stimmung, die ich grauenvoll finde – weil sie das Gegenteil der Selbstverantwortung und der Aufklärung ist.

Bei Fackelzügen, egal welchen, muss ich immer an ein grauenhaftes Erlebnis aus meiner Jugend denken. Über meine damalige Freundin (und vor allem ihre Familie) war ich in Berührung mit der Geistlichen Gemeindeerneuerung geraten, noch bevor Kopfermann die Kirche verließ. Ein Besuch des großen, hochemotionalen, mit Zungenreden und anderen Pfingstritualen gefeierten Gottesdienstes in der großen Hauptkirche in Hamburg, an dem rund 1.000 Menschen teilnahmen, war verstörend für mich. Er machte mir körperlich Angst – weil ich immer dachte, dass diesen Menschen nur jemand sagen müsste, die Fackeln zu nehmen und die Stadt niederzubrennen, und sie würden es tun. So aufgeheizt war die Stimmung. Und dabei war ich durchaus empfänglich für diese Form der Frömmigkeit und für Gemeinschaftsgefühle.

Bis heute sind es das Ekstatische, das Rauschhafte, das mit dem flackernden Licht in der Dunkelheit einhergeht, und das überaus starke Gemeinschaftsgefühl, das aus dem gemeinsamen Erleben und dem uniformen Auftreten entsteht, was ich nicht ertragen will. Beides ist das Gegenteil von Demokratie. Demokratie und ihr Zwilling Individualität sind nicht kompatibel mit rauschhaften, starken Gefühlen. Gemeinschaft war schon für den antidemokratischen, aggressiven Konservatismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts das Gegen- und Kampfwort, mit dem er sich gegen die Idee von Gesellschaft stellte.

Ich denke bei Fackelzügen in Uniform nicht als erstes an die Fackelzüge der Nationalsozialist*innen. Denn auch diese Fackelzüge stehen ja schon in einer unguten Tradition. Ich denke eher an die (deutsche) Mittelaltersehnsucht, denn was anderes als ein Rückgriff auf die Zeit vor der Moderne soll es sein, wenn die Funktion "Licht", die Fackeln mal hatten, ja überflüssig geworden ist?

***

Mich hat die beleidigende Aggressivität, mit der viele Menschen aus der digitalen Militär-Blase auf das Unwohlsein, auf die Gefühle, auf die Kritik reagiert haben, erst überrascht und dann sehr verstört. Tatsächlich verstört. Denn wie können sie Menschen vorschreiben wollen, was sie empfinden, wenn sie uniforme Fackelzüge sehen? Menschen, die andere Erfahrungen mit Fackelzügen haben, vorzuwerfen, sie seien krank ("falsch verdrahtet" etc), ist pervers, sorry. Und es erinnert mich an die beleidigende Aggressivität von Landwirt*innen, wenn sie von Politik und Gesellschaft kritisiert werden. Das ist erst einmal vielleicht ein schräger Gedanke, aber strukturell ist es die gleiche demokratieverachtende Reaktion.

Ich höre und lese viel über "Parlamentsarmee", über das Selbstverständnis, eine Funktion für die und in der Demokratie zu übernehmen. Und das finde ich gut. Ja, mir ist Militär fremd, ich lehne auch das eine oder andere daran ab, aber ich finde es super, dass der allergrößte Teil derer, die zum Militär in diesem Land gehören, sich genau so verstehen. Die Soldat*innen, die ich kenne, mit denen ich ehrenamtlich zusammen aktiv bin, die zur Familie gehören, sind alle so. Vieles ist mir fremd, aber ihnen ist auch vieles fremd, was ich mache, denke, will. Das macht nichts.

Nur wenn dieses Selbstverständnis tatsächlich zu Ende gedacht wird, dann heißt es auch, dass die Gesellschaft, das Parlament, auch beispielsweise über die Rituale des Militärs mitreden und ihnen Grenzen und Leitplanken geben muss. Denn es ist eben, anders als vor der zweiten Demokratie in diesem Land, kein "Staat im Staat". Und hier ist die Parallele zur Landwirtschaft: wo das Parlament als Repräsentanz der Gesellschaft Auftrag oder Finanzierung herstellt, da hat es auch "das Sagen". So wie Landwirt*innen nicht einen großen Teil ihres Einkommens durch die Gesellschaft bekommen können und gleichzeitig erwarten dürfen, dass die aber keine Leitplanken gibt oder Bedingungen stellt, so kann auch ein Militär sich nicht für eine Parlamentsarmee halten, aber erwarten, dass das Parlament keine Bedingungen und Leitplanken für ihr Agieren und ihre Rituale stellt.

Die Gesellschaft muss, im Gegenteil, darüber diskutieren, ob sie militärische Fackelzüge will. Sie muss darüber diskutieren, wie sie Unterstützung, Solidarität und Sanktionen mit und gegenüber dem Militär und mit und gegenüber den Opfern und Täter*innen von militärischer Praxis zeigt und umsetzt. Wer mit oder ohne Verweis auf Traditionen diese Diskussionen und ihre Ergebnisse und Entscheidungen verhindern will oder unangebracht findet, ist Feind*in der Demokratie.

Ich traue mir zu, zu lernen, die Angst und das Unwohlsein bei uniformen und uniformierten Fackelzügen zu überwinden. Wenn in meinem Parlament und in meiner Gesellschaft eine (ergebnis-) offene Diskussion stattgefunden hat, ob und wie "wir" das wollen. Wie so oft werde ich nicht die gleiche Position wie die Mehrheit haben. Aber ich darf und ich werde meine Position in diese Diskussion einbringen.

27.9.21

Das kann ja niemand wollen

Ganz ehrlich, es ist furchtbar. Ja, fast 15% für Grüne ist einerseits toll. Aber dass es nur die Möglichkeit gibt, entweder die bestehende Koalition fortzusetzen oder zusammen mit der FDP eine Regierung zu bilden, ist irgendwie keine besonders erfreulich Aussicht.

Die ersten Reaktionen fast aller Menschen in meiner direkten Umgebung waren Entsetzen – und der apodiktische Wunsch, auf keinen Fall irgendwas zu machen, was die CDU an der Regierung hält. Und mein erster Impuls war das auch. Zumal die Vorstellung, Armin Laschet könnte Kanzlerin werden, wirklich absolut absurd ist. Ja. 

Eggink01 

Meine Schwierigkeit ist nur, dass ich Olaf Scholz aus meiner Zeit in Hamburg ganz gut kenne und auch schon direkt mit ihm arbeiten musste. Weshalb die Vorstellung, er könnte Kanzlerin werden, auch ziemlich absurd ist.

Nachdem die CDU nun langsam in der Wirklichkeit ankommt und davon ausgeht, dass sie nicht regieren wird, ist die Lage für Grüne und für die, die Politik ändern wollen, eher schwieriger geworden. Denn alle Erfahrungen aus Koalitionsverhandlungen zeigen, dass sich grüne Kernanliegen im Bereich Ökologie vor allem mit der CDU einfacher aushandeln lassen als mit der SPD, die fälschlicherweise immer davon ausgeht, dass sich Grüne und SPD im Prinzip einig seien. Das ist ja nur leider nicht so.

Was FDP und CDU erfolgreich gemacht haben gestern und heute, ist, das Verhandlungsfeld für Grüne zu verkleinern. Denn in einer SPD-Ampel positioniert sich die FDP so, dass sie besonders viel rausholen müsste – während in einer CDU-Ampel die Grünen besonders viel rausholen müssten –, um jeweils bei Wähler:innen und Basis zu bestehen. Das ist besonders dramatisch, weil die Kernanliegen ja von CDU und SPD ohnehin schon eingepreist sind (früherer Kohleausstieg wird nicht mal verhandelt werden müssen beispielsweise).

Zugleich öffnet die CDU ironischerweise heute mit ihrer Vorstandssitzung die Tür wieder für eine Regierungsbeteiligung/-führung – indem sie Laschet de facto absägt und ihm lediglich noch ein paar Tage lässt, um seine verheerende Niederlage emotional zu begreifen (auch darin grotesk ähnlich mit Trump übrigens). Laschet wird mit grüner Beteiligung nicht Kanzlerin werden. Das scheint mir heute klar. Aber auf Scholz wird ebenfalls niemand Lust haben, die Hamburger Grünen werden da genug zu erzählen haben.

Eine Regierung, die Grüne mit einschließt, wird nicht zustande kommen, ohne dass sie das Kohlenstoff-Budget so behandelt wie das Geld-Budget. Welche der 25%-Parteien dazu bereit ist, wird die Kanzlerin stellen können. Welche also ein Klimaschutzministerium baut, das mit den gleichen Vollmachten ausgestattet ist wie das Finanzministerium. Darauf werden sich Grüne auch mit der FDP einigen können, denke ich.

Und da Laschet nun weg ist (jaja, das dauert noch ein paar Tage aus Pietätsgründen), ist aber der Weg frei für mehrere Optionen. Ein Angebot der CDU wird und muss auch ein Personalangebot an die Grünen einschließen. Röttgen, Günther, Hans – da geht bestimmt was. Mit Laschet wird Merz untergehen, die Ostfürsten haben ohnehin nichts mehr zu melden nach deren Ergebnis. Eine erneuerte CDU kann eine Chance sein. Und hätte wahrscheinlich mehr Charme als die konservative SPD. Aber vielleicht springt ja auch die über ihren Schatten und überrascht uns alle. Ich wünsche es mir. Sehr. Denn dann könnten wir nicht nur gute Politik machen sondern damit auch emotional zurecht kommen...