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14.11.25

Mein Rassismus, meine Blindheit, meine Härte

Bild von drei Menschen, die peinlich die Hände vor das Gesicht schlagen, im Hintergrund eine Pressekonferenz. Das Bild ist mit Gemini, also KI, erzeugt.
Bild erzeugt mit Gemini
Ich bringe das hermeneutische Wohlwollen auf, um zu verstehen, was Friedrich Merz sagen will, wenn er so merkwürdig vor sich hin redet, dass sich die Menschen, die seine Reden schreiben, die muss es ja geben, auch wenn es meistens nicht so wirkt; dass sich diese Menschen also wahrscheinlich vor Peinlichkeit winden. Jedenfalls hoffe ich das für sie, wieder hermeneutisches Wohlwollen. 

Wer mich etwas kennt, weiß, wie wichtig mir diese grundsätzliche Haltung ist. Und das unabhängig davon, dass ich es richtig finde, die grotesk krude Ausdrucks(un)fähigkeit des Kanzlers politisch zu nutzen. Und dass ich kopfschüttelnd vor den Erklärungsverrenkungen seiner Parteileute stehe, die so tun, als würden sie nicht verstehen, wieso es so krude und so grotesk ist. Zumal es ja nicht nur so merkwürdig aus der Zeit gefallen ist – sondern auch eine Haltung und ein Denken zeigt, das sich zu eigen macht, wer ihn erklärend verteidigt oder es damit abtut, dass doch klar sei, was er gemeint habe.

24.10.23

Worte und Wörter

Normalerweise schreibe ich ja nicht so viel über meine Arbeit, weil andere den Ruhm dafür einheimsen sollen, das ist mein Konzept. Über einen Aspekt habe ich aber in der letzten Zeit mit vielen Menschen gesprochen – und gemerkt, dass sie interessiert nachfragten. Darum erläutere ich es einmal etwas. Dabei geht es um das Erfinden von Worten, manchmal auch (nur) Wörtern.

26.5.23

Gewaltlosigkeit ist Gewalt

Bei all den überaus absurden rhetorischen Verrenkungen der letzten Wochen, in denen die Gesetzesbrecher*innen innerhalb der Regierung und von der parlamentarischen Opposition, all diese Radikalen, die wider jedes Wissen sagen, dass wir mit dem Umbau, der Wärmewende, der Dekarbonisierung noch Zeit haben, in denen diese also behaupten, gewaltfreier Widerstand sei Gewalt und Opposition sei organisiertes Verbrechen, musste ich öfter an die radikalen Äußerungen der CSU-, CDU-, vieler SPD- und FDP-Leute während der Auseinandersetzungen in den 80ern um Pershings, Startbahn West, Brokdorf, Kalkar und Wackersdorf denken.

Die Irren unserer Zeit stehen dabei ja wirklich in der Tradition von Friedrich Zimmermann, der mir auch das Vorbild von Olaf Scholz zu sein schien, als der Innensenator in Hamburg war. Zu Zimmermann hat Heinz Rudolf Kunze damals ja ein tolles Lied geschrieben. Aus Mastodon fischte ich dann gestern den Hinweis auf einen anderen intensiven Text von ihm. Damals war er einfach ein wirklich guter Texter. 1984 schrieb und performte er seine Variationen über einen Satz des Bundesinnenministers aus dem Monat Juli des Jahres 1983. Und dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.

Mutloses Abwinken
ist Mut
Tatenloses Zusehen
ist Tat
Rechtloser Zustand
ist Recht
Hoffnungslose Anpassung
ist Hoffnung
Rettungslose Verzweiflung
ist Rettung
Skrupelloser Zynismus
ist Skrupel
Schonungslose Ausrottung
ist Schonung
Erbarmungsloses Dreinschlagen
ist Erbarmen
Gnadenlose Zukunftsvernichtung
ist Gnade
So hätten sie's gern
gewaltloser Widerstand
ist Gewalt
widerstandslose Gewalt aber
Ist nur Widerstand
gegen die Gewalt der Gewaltlosen

Und ein ärmelloses Hemd
ist ein Norwegerpullover
Und George Orwell
ist Walt Disney


10.5.23

Nicht woke

Ach ja. Ich weiß es wirklich nicht. Hatte ja gerade ein, ja, leicht geschwätziges, aber sehr gutes und amüsantes Buch zu dem Thema gelesen gehört, fühle mich also nicht so direkt angesprochen, wenn die Frage aufkommt, wieso erst ein mittelalter Mann ein Buch über #metoo schreiben muss, damit das alle lesen wollen. Mich interessierte es auch und vor allem, weil ich in dem Laden da ja Leute kenne, weil ich nah genug am Medienzirkus bin, weil ich die Berichterstattung über den Chefredakteur relativ intensiv verfolgt habe, weil ich „den Freund“ von früher kenne, aus seiner Hamburger Zeit.

4.4.23

Kaffeehaus

Ich bin ja Kaffeetrinker. Erwähnte ich das schon? Und ich mag Kaffeehäuser. Darum freue ich mich immer, wenn ich rund um Meetings, Workshops, Tage bei Kund*innen Verabredungen in Kaffeehäusern schaffe. In Berlin beispielsweise, wo es so viele so verschiedene Orte dieser Art gibt. 

Meistens ist es ein Milchkaffee, den ich nehme und an dem ich mich über ein gutes Gespräch festhalte. Mit beiden Händen an der Tasse. Und es ist toll, wie unterschiedlich diese Milchkaffees sind. Vom französischen über den Wiener bis hin zum selbst ausgedachten. 

Kaum etwas animiert mich mehr zu einem guten, kreativen, dichten, persönlichen Gespräch als ein Milchkaffee in einem anachronistischen Kaffeehaus. 

31.3.23

Achtung geben!

Heute früh stand ich hinter einem Amazon-Lieferwagen. Und schwankte zwischen Ärger und großen Amüsement. Denn einerseits ist es eine riesengroße Frechheit, was sie da hinten draufschreiben. Und andererseits ist es so wunderbar schlecht maschinell aus dem Englischen übersetzt, ohne dass jemand mit rudimentären deutschen Sprachkenntnissen noch einmal drüber geguckt hat, dass es faszinierend ist. Zumal ein kurzes Befragen der Suchmaschine ergibt, dass es offenbar seit einigen Jahren schon hinten auf den Autos draufsteht.

Beschriftung auf der hinteren Tür des Lieferwagens: Achtung Toter Winkel und "Fahrradfahrer Achtung geben beim Vorbeifahren dieses Fahrzeugs"

Der Ärger ist ja offensichtlich und ich bin, wie wie gesagt die Suche ergab, nicht die erste Person, der die Helmschnur hochgeht. Einmal so getan, als wäre klar, was diese Warnung an die Radfahrer*innen sagen will, sagt es ja sehr viel aus darüber, was Amazon seinen Fahrer*innen zutraut oder nicht zutraut. 

Ja, selbstverständlich bin ich im Straßenverkehr vorsichtig, schon aus Selbstschutz. Darum trag ich auch Helm, auch wenn ich das bei den Kindern nie nachhaltig durchsetzen konnte, aber das ist ein anderes Thema. Aber wie anders ist diese Beschriftung, die ich als Drohung empfinde, als beispielsweise die von den Johannitern mit ihrem "Fahrstil ok? Telefonnummer". Beides irgendwie albern, aber die Haltung dahinter und was so eine Beschriftung bei denen, die das Fahrzeug fahren, auslöst, ist schon bezeichnend.

Aber in einer Welt, die zu 100% auf automobilen Verkehr optimiert ist, verpuffte dieser Ärger dann am Ende relativ schnell. Während mir die Frage, was diese Beschriftung eigentlich sagen will, blieb.

Fahrradfahrer Achtung geben beim Vorbeifahren dieses Fahrzeugs

Das ist irgendwie ganz großartig und lohnt die sprachliche Analyse. Vor allem mit ein bisschen Praxiswissen amerikanischer Warnungen auf Geräten, Maschinen oder Fahrzeugen. Einen ersten Hinweis bietet da dann ja schon das wunderbare Sitzen machen Achtung geben. Die "Übersetzung" muss wohl aus der Zeit vor halbwegs modernen KI-Sprachmodellen stammen. Irgendwer muss aber diese Folien ja bestellt haben und andere haben sie aufgeklebt. Ok, wer guckt sich schon Dinge an, die montiert werden, aber mich würde schon interessieren, wie viele Menschen regelmäßig Achtung geben. 

Hübscher noch aber ist die Genitivkonstruktion "dieses Fahrzeugs". Während ich mich immer sehr freue, einen Genitiv in freier Wildbahn zu sehen, fragte ich mich spontan, worauf Fahrradfahrer hier Achtung geben sollen. Eine spontane Umfrage ergab, bestürzenderweise, dass niemand außer mir in Frage stellte, dass Amazon möchte, dass Radfahrende beim Vorbeifahren an diesem Fahrzeug Achtung geben mögen. Andererseits ist es ja auch beglückend und nicht bestürzend, dass auch groteske Sprachverrenkungen nicht verhindern können, dass im Prinzip ankommt, was Amazon hier wahrscheinlich sagen will. Das wird die meisten, die versuchen, anderen Menschen guten Ausdruck beizubringen, zum Weinen bringen, beruhigt aber wie so fast jedes Experiment mit Sprache auch sehr. Wir verstehen uns.

Bleibt also nur der Klugscheißer in mir übrig, der alle unbedingt und dann am Ende auch noch in seinem Blog darauf hinweisen zu müssen glaubt, dass Amazon recht eigentlich Radfahrende auffordert, vorsichtig zu sein, wenn dieses Fahrzeug sie überholt. Merkwürdigerweise allerdings so, dass diese Radfahrenden diese Aufforderung erst sehen, wenn das Fahrzeug sie schon überholt hat. 

Wunder der Kommunikation.

23.3.23

Alphabet

In der Funker*innen-Ausbildung der Freiwilligen Feuerwehr, die ich zurzeit mache, war das Buchstabieren ein Thema. Und bei der "Prüfung" am Ende der Ausbildung (oder zumindest in der praktischen Übung, die am letzten Tag stattfindet) werden wir es auch machen müssen. In der Praxis ist es dann im Grunde relativ egal, wie jemand buchstabiert, so lange es an der Gegenstelle – meistens der Leitstelle – eindeutig verstanden wird. In Deutschland buchstabieren wir traditionell ganz überwiegend mit Namen.

Allerdings hatte ich im Hinterkopf, Teil dieses politisch-kulturellen Wissens, das irgendwie da ist, dass die aktuell genutzte Buchstabiertafel problematisch ist, beispielsweise (aber nicht nur), weil sie von den Nazis geändert wurde. Dass sie misogyn ist, wenn wir uns die Geschlechterverteilung und beispielsweise den Namen, mit dem lange Zeit das  X buchstabiert wurde, ansieht, kommt dazu. Ebenso, dass meine Kinder viele der Namen überhaupt nicht mehr kennen oder sich "einfach" merken könnten.

Was mir nicht bekannt war, ist, dass das Problem mit der Buchstabiertafel erkannt ist. Und gelöst! Die Idee war, Städtenamen zu nutzen. Das finde ich smart. Schon seit letztem Jahr gibt es eine neue, offizielle, mit der DIN 5009 versehene Tafel.

Bucgstabiertafel nach DIN 5009 mit Städtenamen

Meine Ausbilder wussten nicht, dass sie schon eingeführt ist, immerhin wussten sie, dass sie in der Mache ist. Und selbstverständlich ist sie noch nicht Bestandteil der Dienstvorschriften der Feuerwehr. Mir gefällt sie. Ich kannte alle Städtenamen. Und ich werde sie nutzen. Denn wenn ich, zur großen Irritation der Ausbilder, schon die zurzeit genutzte Tafel kritisiere und auf ihre Nazi-Geschichte hinweise, sollte ich die richtige, neue können.

10.5.22

Schreiben wie Sprechen

Als ich ab Mitte der 90er Jahre Radio gelernt und dann gemacht habe, hat sich meine Sprache verändert. Ich kam aus dem Studium ins Studio. Und von einer leicht vernerdeten, ziemlich arrogant-überkandidelten Sprache zu einer, die einfach, klar und verständlich ist. Witzigerweise hat es mich nachhaltig für die Langform verdorben, dass ich Geschichten in maximal 90 Sekunden erzählen musste. So lang war damals ein BmE, Beitrag mit Einspieler.

Das eigentlich Besondere aber an der Sprache, die ich im und für das Studio lernte, war, dass sie direkt und persönlich wurde. Mit relativ viel Druck, mit Rhythmus, mit Klarheit. Gesprochene Sprache schreiben, heißt diese Disziplin. Und in meinem speziellen Fall kam noch etwas dazu: als einer, der im Privatradio, also im auf Unterhaltung optimierten Sprachprogramm von Musiksendern, für die A-Themen zuständig war (Arme, Ausländer*innen, Arbeitslose, Afrika und so weiter), eine (An-) Sprache zu finden, die einerseits sensibel genug war, um unsere Themen zu tragen – und andererseits in den Gesamtduktus der Sender passte, in denen wir unsere Sendungen via Drittsenderecht hatten. Ich machte ja Kirchenfunk, bezahlt und verantwortet von der evangelischen Kirche, aber im Konsens mit Sendern wie RSH und Radio Hamburg.

Es ist eine erzählende Sprache, die so entsteht. Eine, die jeweils eine einzelne Hörerin in den Blick nimmt. Darum ist Radio auch so anders als andere Medien. Und darum bereitet Radio so gut vor auf Sprechen und Schreiben in Social Media und in dieser Zeit gerade, die von direkter und persönlicher Ansprache lebt.

Mirkofon in einem Radiostudio

Inspiriert von dieser Radio-Sprache ist eine Sprache für Vorträge und für Texte entstanden, die nicht schreit, aber dennoch Druck entwickelt; die nicht predigt, aber dennoch verändern will; die nicht die Vielen anspricht sondern jede einzelne*n – so eine Sprache kann berühren und kann Menschen bewegen. Und: so eine Sprache verändert auch die Inhalte und die Haltung, mit der ich spreche. Weil der Druck und das Direkte eben auch verhindern, dass ich mit Worten und Sprache verschleiere, was ich sagen müsste. Wenn ich geradeaus spreche, habe ich eine sehr viel größere Klarheit. Wenn ich nicht doziere sondern mich unterhalte, habe ich fast automagisch einen Hang zu differenzieren.

Schon als Robert Habeck das erste Mal Landesminister wurde, war ich ob seiner Sprache und seinem Sprechen sehr aufgeregt. Fand ihn nicht nur intellektuell unglaublich anregend (so sehr wie seit Engholm niemanden mehr in der Politik), sondern auch neu. Und in den letzten Monaten erleben wir das auf der großen Bühne. Ich denke, dass Habeck so anders wirkt, so viel Zustimmung für seine Art der Kommunikation bekommt, hängt mit genau dieser Sprache zusammen. Und das, obwohl ich am Beginn der Corona-Pandemie mit ihren virtuellen Parteitagen und so weiter sehr den Eindruck hatte, dass ihm "Radio" schwer fällt, also das Sprechen mit einer Einzelnen, ohne Reaktion aus dem Publikum. Das hat er inzwischen unglaublich gut gelernt.

Habecks schnörkellose Sprache, verbunden mit dem rhythmisch-poetischen Sprechen, seine direkt zu erlebende Suche nach der richtigen Formulierung, sein lautes Nachdenken – all das prägt einen neuen Stil. Und ich bin davon überzeugt, dass es auch einen neuen Stil für andere prägen wird, die professionell schreiben und sprechen. Ich nenne das "Schreiben wie Sprechen". Gesprochene Schriftsprache. Oder geschriebene gesprochene Sprache. Es ist eine Kunstform, die mir vielleicht so auffällt, weil ich mich daran – anders als Habeck, logisch – ebenfalls seit vielen Jahren versuche.

Ich höre von Menschen, für die ich Texte schreibe und Geschichten erzähle, dass sie genau dieses gerade suchen und wollen: eine Sprache und ein Sprechen und Schreiben, das davon inspiriert ist, wie Habeck Dinge erklärt und Menschen mitnimmt. Und ich höre von vielen anderen, die für ihre Kund*innen schreiben, dass das überall gefragt wird. Das finde ich toll. Denn es ändert so viel in der Kommunikation, wenn sich immer mehr Menschen darum bemühen, Jargon und stereotype Sprachbilder zu vermeiden. Geradeaus zu schreiben und zu sprechen. Schreiben und Sprechen dichter zusammenzurücken. Eben zu schreiben wie sie sprechen. Und auch so zu sprechen.

Wenn Robert Habeck die schreibende Kommunikationszunft zu besserer Sprache inspiriert: ist das nicht wunderbar?


 

12.2.21

They

Über mein feministisches Aufwachsen und mein Reinwachsen in das, was wir damals in den 80ern und 90ern in meiner Kirche "geschlechtergerechte Sprache" nannten (ich war Teil der Synode und einer der Treiber darin, die dafür sorgte, dass die Verfassung und alle Gesetze in diese Sprache umgeschrieben wurden), habe ich schon oft geschrieben. Und Sprache als Mittel des Sichtbar-Machens habe ich seit dem Studium gekannt – auch weil ich mich damals, etwa seit 1990, intensiv mit Inklusion (damals sagten wir noch überwiegend Integration) beschäftigt habe. Um 1990 herum war das in der Schulpolitik mein Schwerpunkt, lustigerweise war Hamburg in dem Bereich damals weiter als die meisten anderen, weil die Schulsenatorin auch persönlich das Thema trieb. Wie wir Dinge und Menschen benennen, um sie sichtbar zu machen, war immer schon Thema bei uns, sowohl politisch und kirchenpolitisch als auch privat. Es war gerade der Übergang von "Menschen mit Behinderungen" zu "Menschen unter der Bedingung einer Behinderung", nur um mal die Granularität des wissenschaftlichen Diskurses zu zeigen. Und darauf hinzuweisen, dass das alles echt nicht neu ist und ebensowenig die absurden Abwehrkämpfe dagegen.

Seit den frühen 1990er Jahren hat sich bei mir – vor allem, weil ich mich eben in einer Szene bewegte, in der es normal war, so zu sprechen – der Automatismus herausgebildet, in der gesprochenen Sprache männliche und weibliche Formen zu nutzen. Tatsächlich ist das in den letzten mindestens 20 Jahren nichts Bewusstes mehr sondern "passiert", ist meine natürliche Sprache. Wie sehr, merke ich gerade, weil ich diese Sprache zu verändern versuche. 

Lernen

Denn in den letzten Monaten habe ich nicht nur mehr und mehr gesehen und gehört, wie sich bei vielen eine neue Selbstverständlichkeit inklusiver Sprache herausgebildet hat, sondern lerne ich auch durch meine Kinder und ihre Umfelder, dass es von Menschen, die sich nichtbinär identifizieren (also sich nicht dauerhaft oder klar oder überhaupt einem der traditionellen Geschlechter männlich oder weiblich zuordnen), den Wunsch gibt, sprachlich sichtbar zu werden. So wie in den 80ern der Wunsch von Frauen, sprachlich sichtbar zu sein, zu der Veränderung und dem Lernprozess in "meiner" Szene führte.

Darum habe ich vor einiger Zeit angefangen, zu versuchen, das "Gendergap" zu sprechen. Also den im Deutschen ja sehr üblichen Glottisschlag zu verwenden, wie wir ihn aus Spiegelei oder beeilen kennen. Und das generische Femininum, das ich seit rund zehn Jahren relativ konsequent in meinen Texten nutze, durch den : als Gendergap zu ersetzen.

Normalität 

Wie schwer mir das fällt, überrascht mich. Meine Kinder nutzen es sehr flüssig. Ich kenne und höre einige, die es schon länger sehr flüssig nutzen. Ich merke oft erst, wenn ich die weibliche Form fertig ausgesprochen und das "und" angesetzt habe, dass ich es wieder vergessen habe. 

Und das, obwohl ich es inzwischen oft im Deutschlandfunk höre, in einigen meiner Lieblingspodcasts, sogar in der Tagesschau oder jetzt gerade in einem Werbespot [disclosure: Kund:innenprojekt].

Auch, wenn es bestimmt Menschen gibt, die das nicht so sehen, weil es in ihren Umfeldern weniger Leute gibt, die es tun: das Gerndergap als Glottisschlag (im Sprechen) und : (im Schreiben) ist inzwischen für sehr viele Menschen Normalität. Finde ich toll.

They

Da ich beruflich eine internationale Rolle habe, also überwiegend in englischer Sprache arbeite, kreativ bin und schreibe, bin ich immer wieder begeistert, wie selbstverständlich und normal zumindest im akademischen und Medienkontext gendersensible Sprache da ist. Wie sehr sich das "they" etabliert hat, wo früher ein männliches oder weibliches Pronomen verwendet wurde. Wie, zumindest für unsere nicht-native Ohren, elegant das da klingt (obwohl es für viele sicher ebenso abstoßend ist wie bei uns der Glottisschlag). 

Oder auch, wie selbstverständlich es ist, in Profilen in Netzwerken oder in E-Mails die eigenen Pronomen mitzuteilen (was ich auch tue seit einiger Zeit). Wie viel weiter und wie viel selbstverständlicher in Arbeitszusammenhängen sensible Sprache in diesem Sprachraum ist. 

Üben

Als ich merkte, wie schwer es mir fällt, meine (gesprochene) Sprache umzustellen, und als ich andererseits sah, wie viele (meistens jüngere) Kolleg:innen anfingen, in internen Besprechungen mit Gendergap/Glottisschlag zu sprechen, hatte ich die Idee, dass wir es doch als Team einmal richtig ausprobieren könnten. Was wäre, wenn wir uns – vielleicht erstmal für eine begrenzte Zeit – vornehmen, es konsequent in beruflichen Zusammenhängen zu tun? Wenn wir unsere jeweilige Meinung dazu einmal zurückstellen und ausprobieren, ob es geht, ob es funktioniert, wie es sich anfühlt, was das mit uns macht. 

Ich bin super dankbar, dass das Leadershipteam von BCW in Deutschland das für eine gute Idee hielt – und nun gestern diese Initiative gestartet hat: dass bis zum Weltfrauentag einmal alle versuchen, es konsequent zu nutzen.

Wir werden dabei immer wieder scheitern. Für einige wird es sich doof anfühlen. Einige werden nicht mitmachen. Aber ich bin mir sicher, dass alle es bemerken werden – dadurch, dass wir darauf achten, uns gegenseitig ermutigen oder erinnern; dadurch, dass es sehr viel häufiger zu hören und zu lesen sein wird; dadurch, dass es Teil unseres Alltags wird.

Ich selbst hoffe, dass mir dieses gemeinsame Üben dabei hilft, dass es schneller geht, dass ich es in einen Automatismus überführe. Denn ich kann und will mich nicht darauf ausruhen, was ich vor 30 Jahren gelernt und geschafft habe. Ich will ein Ally sein. Und das nicht nur, weil meine Kinder es von mir verlangen.

23.11.20

Pastorale

 

Noten, Pastorale
Schon im Studium war "pastoral" latent ein Schimpfwort. Sozusagen das, was wir unbedingt zu vermeiden suchen würden, wenn wir denn predigen. Was in gewisser Weise schräg war, denn der Beruf, den wir damals fast alle anstrebten, nannte sich "Pastorin". Heute heißt er auch in meiner Kirche "Pfarrerin". Pastorin kommt aus dem Lateinischen und meint Hirtin. Was ja wiederum etwas mit dem Beruf zu tun hat. Und in dem Sinne wäre pastoral eigentlich auch ganz ok, denn dann meinte es ja so was wie fürsorglich, aufpassend, achtsam und so. 

Aber wenn wir reden, dann ist pastoral nicht gut. Meistens meint meine Blase damit etwas, das ich als leicht gesungen, überakzentuiert, fast etwas affektiert in der selbstreferenziellen Emotionalität bezeichnen würde. Im Grunde wisst ihr wahrscheinlich, was ich meine.

Als ich in einige Reden auf dem digitalen Parteitag meiner Partei (der Grünen) reinhörte, fiel mir auf, dass ich – selbst wenn ich die Inhalte gut fand und den Rednerinnen normalerweise gerne zuhöre – viele Reden als pastoral empfand. Das hat mich gewundert. Ich weiß, dass viele, anders als ich, mit dem gefühligen, unscharfen Ton von Robert Habeck beispielsweise nicht viel anfangen können. Ich dagegen schon. Emotional und intellektuell spricht er mich auf eine Weise an, wie es bis dahin nur Björn Engholm damals vermochte, der interessanterweise einen ähnlichen Tonfall hatte. Aber auf dem Parteitag war es ja nicht nur er, der so sprach.

Merkwürdigerweise war selbst Annalena Baerbock, die sonst einen ganz anderen, zupackenden Ton hat, ähnlich. Zuerst hatte ich den Verdacht, dass sie die gleiche Sprechtrainerin hatten, die sie auf den Parteitag vorbereitete. Kann auch gut sein – erklärt es aber nicht. Und erklärt vor allem nicht, wieso sie beide so pastoral klingen.

Predigen ohne Publikum

Mein Verdacht ist, dass es eher daran liegt, dass sie quasi ohne Publikum sprechen. Denn das wäre das, was sie mit Predigten gemeinsam haben. Die Reden auf einem digitalen Parteitag sind so wie Predigten in der Kirche – wo Predigerinnen im Grunde in einen (quasi) leeren Raum reden. 

Vor allem aber: ohne irgendeine sichtbare Reaktion, kein Jubel, kein Klatschen, kein sichtbares Mitgehen. In den Kirchen, in denen ich zu Hause bin, wird Predigten gelauscht. Punkt. Und vielleicht beim Rausgehen noch ein lobendes Wort hinterlassen. Wenn es hoch kommt, gucken wir interessiert hoch auf die Kanzel. Oder lächeln mal ganz schwach. Aber eigentlich zeigen wir keine Reaktion. Wie bei einer Rede in einem Webinar oder einer virtuellen Konferenz.

Ich habe mich schon oft gefragt, wieso Predigten meistens so anders, so viel künstlicher in ihrer Emotionalität und Intensität sind als "normale" Reden. Es ist mir vorher nie in den Sinn gekommen, aber ich glaube inzwischen wirklich, es liegt am Publikum. Oder eben daran, dass es still ist oder fehlt.

Selbst merke ich es ja auch. Ich denke, dass ich als Redner ganz ok bin, zumindest oft, zumindest bekomme ich hin und wieder dieses Feedback. Und ich merke, dass mir das Reden ohne (sichtbares, reagierendes, körperlich spürbares) Publikum schwerer fällt. Dass es mich verunsichert und ich dazu neige, mehr abzulesen und – ja tatsächlich wie beim pastoralen Stil – dazu neige, überzuakzentuieren. Wenn das ein Wort ist, das als benutzbar gelten kann. Ihr wisst, was ich meine.

Menschen, die wie Annalena und Robert oft wirklich gute Rednerinnen sind, und bei denen ich merke, dass sie mit dem Publikum in eine Beziehung treten, werden etwas blutleer, wenn sie in den leeren Raum sprechen. Und sehen aus, als ob die den Teleprompter nutzen, also ihre Rede ablesen – wo sie sonst oft stundenlang frei reden (können). Sie werden pastoral.

Lustigerweise habe ich durch den digitalen Parteitag der Grünen mehr über das Predigen gelernt als über digitale Parteitage. Oder, wie ein geschätzter Kollege und Mit-Christ antwortete, als ich diesen Gedanken teilte: Ich glaube, ich werde in Gottesdiensten künftig mehr klatschen.

8.2.19

Mitgemeint

Ich führe seit einigen Jahren ein Experiment durch: Ich benutze in Texten ein generisches Femininum, nachdem ich schon lange, im Grunde seit Ende der 80er Jahres des letzten Jahrhunderts, in mündlicher Sprache fast immer und automatisch männliche und weibliche Formen benutze.

Und nach der Zeit, die inzwischen vergangen ist, würde ich sagen, dass die meisten Indizien dafür sprechen, dass das Experiment erfolgreich ist. Der Sprechfluss leidet nicht, wenn ich geschlechtergerechte Sprache verwende. Und die Verständlichkeit leidet nicht, wenn ich auf das generische Maskulinum verzichte. Zumal ich quasi keine Kunstneutrumworte verwende. Doch seit etwa einem halben Jahr erlebe ich eine Art Backlash.

Vor einiger Zeit habe ich ein Interview gegeben, Reporterinnen waren zwei junge Frauen. Wir sprachen rund eine Stunde - und weil ich es immer und automatisch mache (siehe oben), habe ich auch hier immer von "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" oder "Kundinnen und Kunden" und so weiter geredet. Das war auch nicht zu überhören; das interview wurde mitgeschnitten. Als ich die Ausarbeitung des Interviews bekam, war in meinen Antworten ganz konsequent nur von "Mitarbeiter" und "Kunden" die Rede. Das passierte mir ganz am Anfang meines Experiments häufiger. Manchmal wurde auch das große Binnen-I geschrieben. Was aber tatsächlich vorher noch nie passiert ist: Dass die Redaktion mit relativ großem Unverständnis reagiert hat. Ich schlug dann vor, dass entweder nur die weibliche Form verwendet wird (also ein generisches Femininum, wenn ihnen das andere zu umständlich oder zu lang sei) oder beide Formen, wie auch gesprochen. Und ich musste sehr lachen, als der Text dann zurück kam mit recht vielen relativ unbeholfenen Neutrumformulierungen. Mitarbeitende. Sie haben es nicht über sich gebracht.

Und in den letzten Monaten begegnet mir häufiger, dass insbesondere recht junge Männer irritiert sind, wenn ich generisches Femininum benutze. Dass sie sich mehr oder weniger aktiv fragen, ob sie mitgemeint seien. Dass sie sich in ihrer männlichen Ehre gekränkt fühlen (echt!), weil sie offensichtlich ja mitgemeint sein müssen, obwohl ich formal nur Frauen anzusprechen scheine.

Das wiederum finde ich total interessant. Denn zum einen ist es ja im Grunde eine Bestätigung meines Experiments – und der implizite Beweis, dass ein generisches Genus nicht eigentlich existiert. Und zum anderen ist für mich sehr erschreckend, dass sich diese Männer zwar angefasst fühlen – aber den Transfer nicht hinbekommen, dass es möglicherweise einigen Frauen ebenso gehen könnte, wenn sie ganz "natürlich" normalerweise ein generisches Maskulinum verwenden. Auch wiederum interessant. Und ein Zeichen, dass sie offenbar nicht erwachsen sind, sondern noch in der egozentrischen Phase eines jungen Jugendlichen stecken geblieben.

Bei noch wiederum anderen löst mein Schreiben Achselzucken aus. Und sie nehmen es als eine Schrulle hin. Das finde ich zwar etwas schade, aber gebe die Hoffnung nicht auf, dass es zumindest hinter meinem Rücken zu Gesprächen führt. Über Geschlechtergerechtigkeit; über richtige und falsche Wege, damit umzugehen; über Sprache als Konstruktionselement von Wirklichkeit. Und andererseits, um es mal ganz und gar smartassmäßig zu sagen: Ist das nicht das Tolle daran, Chef zu sein? Dass mir niemand eine Vorschrift machen kann, wie ich Sprache benutze, um Wirklichkeit zu verändern?

27.4.16

Zickig

Als Vater von Jungen bin ich oft schnell dabei gewesen, zu sagen "sei doch kein Mädchen". Und das, obwohl ich, wie ihr ja wisst, in einer feministischen Umgebung aufgewachsen bin. Inzwischen weiß ich, wie sehr solche Worte das Rollenverständnis nicht nur prägen sondern auch spiegeln.

Ähnlich ist es mit Worten wie "zickig" oder "Zicke".
Ja, es werden auch (ganz selten) Männer oder Jungen mit diesem Wort beschimpft. Aber meistens, so ist meine Erfahrung, um neben der eigentlichen Beschimpfung auch noch die Beleidigung "du Mädchen" mitzugeben.

Jetzt, wo meine Tochter größer wird und die üblichen Dinge tut, die meine Söhne auch taten, als sie größer wurden, fällt es mir noch mehr auf. Am Ende der Grundschulzeit wurde deutlich: Was bei Jungs als "wild" akzeptiert wurde, galt bei ihr als "aggressiv". Wo Jungs "dominant" genannt wurden, hieß es über sie, sie sei "zickig". Heute wird, durchaus in einer im Prinzip ideologisch deutlich offener und feministischer geprägten Schulumgebung, misogyne Kakkscheiße immer noch als "Streit" verniedlicht – wenn sich die Tochter auch körperlich wehrt, wenn sie von einem Jungen als "fett" oder "hässlich" beschimpft wird.

Da bin ich empfindlich. 
Und immer noch peinlich berührt, wenn dies von Lehrerinnen oder anderen Eltern nicht als Problem gesehen wird. Das aktuelle Problem ließ sich entschärfen, indem Secundus, ihr feministischer Bruder mit Punk-Attitüde, Quarta mal auf dem Schulhof der Kleinen besuchte. Aber irgendwie auch nicht so geil.

Ich finde es eine gute Idee, das Wort "zickig" umzudeuten, es in einen anderen Kontext zu stellen. Aber so weit sind wir noch nicht. Und darum verwende ich es nicht mehr. "Herrisch" ist aktuell meine Lieblingsalternative, auch aus dem Grund, dass es so wunderbar pseudomännlich klingt.

Sprache verändert Verhalten und Haltung.
Das ist meine Erfahrung. Sprache ist – zumindest in kulturellen Zusammenhängen, die stark sprachlich geprägt sind – eben nie unwichtig, zweitrangig, weg vom "eigentlichen". Unachtsamkeit bei Sprache ist auch nur selten wirklich boshaft – aber das ist auch nicht entscheidend. Wenn nur schlecht wäre, was jemand mit böser Absicht macht, wäre die Welt ein sehr viel besserer Ort. Schlecht kann auch etwas sein, das mir nicht selbst als schlecht auffällt. Denn dass es mir auffällt, hat auch viel mit Prägung zu tun, mit Erfahrung, damit, dass mich andere darauf aufmerksam machen. Mit meinem blinden Fleck. Und damit, dass ich mich selbst mit meinen eigenen Befindlichkeiten nicht so wichtig nehmen.

Ja, die eine oder andere wird nicht sofort bei Traumtänzer an einen Mann und bei Lieblingszicke an eine Frau denken. Aber am Ende ist das nicht wichtig. Denn es geht nicht um dich.

***

Morgen ist der traditionelle Girls' Day, der heute oft auch Boys' und Girls' Day heißt. Da geht es um eine Arbeitswelterkundung, die vor allem dazu dienen soll, stereotype Rollenbilder in der Berufswahl aufzubrechen. Das klappt ungefähr so gut wie in der Werbung.

25.6.13

Terrorsprache

Seit ich das erste Mal in Victor Klemperers großartiges Büchlein LTI (Lingua Tertii Imperii) hineingelesen habe, ist mir die Ideologiekritik durch Sprache wichtig. Ich kann nicht mehr sprechen oder schreiben, ohne mir über die Konnotationen von Wörtern Gedanken zu machen. Vor etwa zwei Jahren hatte ich dazu schon mal geschrieben, damals anhand des Beispiels der neurechten Kampfbegriffe Gutmensch und Wutbürger.

Etwas, das mich immer sehr ärgert, weil es meiner Meinung nach intellektuell unredlich ist, sind Behauptungen wie "das habe ich nicht so gemeint" oder "also das ist nicht die Ecke in die ich damit gestellt werden will", wenn jemand Worte oder auch nur Wörter verwendet, die als Argumentationsersatz dienen. Weil in ihnen ein Wertesystem mitschwingt, das eine Autorin nicht "abstellen" kann, wenn sie diese Wörter verwendet. Dieses zu bestreiten, halte ich entweder für naiv. Oder für ideologisch. Perfiderweise, so meine Erfahrung, findet dieses Bestreiten (oder das Verwenden von ideologischen Argumentationsersatzwörtern) dann oft in Kontexten statt, die von sich selbst behaupten, Ideologie überwinden zu wollen.

Perfiderweise - aber nicht überraschenderweise. Denn so wie es zur klassischen deutschen Festrede rhetorisch dazu gehört, zu betonen, keine klassische deutsche Festrede zu halten, so schrillen bei mir alle Alarmglocken, wenn jemand die Behauptung aufstellt, sie wolle jetzt einmal versuchen, eine ideologische Debatte zu versachlichen o.ä. Denn das Problem an diesem - auch wieder - Argumentationsersatz ist, dass zunächst einmal bei anderen eine Ideologie behauptet wird, sie aber nicht benannt oder mit den Methoden der Ideologiekritik entlarvt wird. Was oft daran liegt, dass bei den Gegnerinnen zwar eine Ideologie behauptet wird, es aber zweifelhaft ist, ob es die wirklich gibt.

Mein Eindruck ist eher, dass  - ähnlich wie bei Kristina Schröder oder bei radikalen Christinnen - anstelle einer intellektuell anspruchsvollen Auseinandersetzung eine Gegnerin zu einem Popanz aufgebaut werden muss, um sich davon abheben zu können. Allerschönstes "Bild"-Niveau: "Klartext", "man wird ja wohl noch mal sagen dürfen" etc.

Wichtigste Kennzeichen einer solchen ideologisierten Scheinargumentation sind nach meiner Erfahrung vor allem Formulierungen wie eben dieses "man wird ja wohl noch mal sagen dürfen" oder "wer dagegen spricht, wird sofort mundtot gemacht" oder die Erwähnung von "politischer Korrektheit". Ich kann nachvollziehen, wenn jemand so in einer (mündlichen) politischen Auseinandersetzung spricht - denn es funktioniert und appelliert erfolgreich an die niederen Instinkte einer Menge rechts von der Mitte. Aber damit endet auch schon der Sinn solcher Formulierungen: mit der Selbstvergewisserung und Selbstverortung im "rechten Mainstream".
"Rechts" hier in Ermangelung eines besseren Wortes verwendet als veralteter Gattungsbegriff neoliberaler, konservativer, reaktionärer und neurechter Ansätze, die sich untereinander selbstverständlich sehr unterscheiden. Durch das Wort "Mainstream" versuche ich die Abgrenzung dieser Gattung vom Rechtsextremismus.

Wofür sie nicht taugen, ist der Diskurs. Gerade weil mir Ideologiekritik so wichtig ist, habe ich keine Lust mehr, mich mit ideologischem Argumentationsersatz zu beschäftigen. Das mag arrogant sein und dazu führen, dass ich mich aus einem Teil der Diskursversuche unserer Zeit verabschieden muss. Aber ich bin es einfach müde, seit rund 30 Jahren immer und immer wieder die gleichen Diskussionen zu führen (na, kommt das irgendwem bekannt vor? Ja, das ist das gleiche Argument, mit dem ich mich aus der Auseinandersetzung um Feminismus und Sexismus verabschiedet habe).

Vielleicht muss jede Generation erneut ihre Kämpfe führen. Aber ich bin dafür zurzeit zu müde. Und ich kenne und schätze genügend Menschen, mit denen ich leben und sprechen und (politisch) arbeiten kann, mit denen ich das nicht jedes Mal neu auskämpfen muss. Es ist für einen Christen vielleicht allzu resignativ. Aber so ist es nun mal. Ich habe genug damit zu tun, meine Kinder und die Menschen, die mir wichtig sind, zu begleiten und mit ihnen gemeinsam ein lebenswerte Welt zu gestalten.

Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass ich seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts so viele glückliche Menschen kennen lernen durfte, die irgendwann aus den ideologischen Kämpfen ausgestiegen sind und praktisch gezeigt haben, dass sie eine lebenswerte Welt gestalten können. Dass sie die Welt verändern durch Handeln und Reden. Oft sogar mehr, als es den Anschein hat. Von denen werde ich mehr erzählen. Von denen werde ich mich mehr inspirieren lassen.

Und aus jedes Diskussion mit Argumentationsersatz aussteigen. Und die Lektüre von Texten abbrechen, wenn sie in sprachlichen Anschluss an die Ideologie des rechten Mainstream suchen. Dadurch wird mir etwas entgehen, mit Sicherheit. Und ich gebe vielleicht ein bisschen auf, zumindest gebe ich einige Menschen auf. Das schmerzt mich. Aber ich kann nicht die ganze Welt bauen.

4.3.13

Manchmal sind es Kleinigkeiten

Wer wie ich in einem eher homogenen Umfeld lebt und arbeitet (einzig die wilden Partys wohlhabender Polen bei uns in der Straße fallen da raus, wenn wir hin und wieder sehr dünne Frauen aus der Hecke pflücken, die über ihre Stilettos gestolpert sind, wobei diese Formulierung bereits wieder latent den Alltagsrassismus und die mangelnde Achtsamkeit zutage fördert, um die es in diesem Post gehen soll), macht sich nicht jeden Tag Gedanken um sprachliche Manifestationen mangelnder Sensibilität oder gar deren handelnde Schwestern. Und ein Leben mit jugendlichem Nachwuchs fördert schon aus reiner Herzinfarktprofilaxe die Abstumpfung (auch wenn ich mich freue, dass Endstation Rechts inzwischen zur regelmäßigen Lektüre eines meiner Kinder gehört).

Um so mehr bin ich überrascht, wenn kleine automatische Formulierungen Menschen Freude machen. Also gar nicht in einer besonders reflektierten Situation - sondern so rausgerutscht. Das ging mir schon damals so, wenn ich von "Deutschen jüdischen Glaubens" sprach und nicht von "Deutschen und Juden" (was ja auch gar kein sinnvolles Begriffspaar ist, weil Deutsche Juden sein können und Juden Deutsche, also kompletter Unsinn gelabert wird, wenn jemand dieses irgendwie miteinander vergleichend in einem Satz benutzt). Ich machte mir darum gar keine Gedanken, wahrscheinlich, weil ich als Theologe irgendwie in einen bestimmten Sprachduktus hinein gewachsen war. Erst als mich jemand (positiv) drauf ansprach, wurde mir bewusst, dass es eine andere Formulierung ist als die meisten wählen würden.

Ähnlich war es neulich auf einer Veranstaltung, als ich eine Gesprächspartnerin fragte, ob sie in Frankreich geboren sei, weil sie ein französisches Deutsch spreche. Sie flippte fast aus vor Freude über diese Formulierung, was mich erst etwas ratlos zurück ließ. Denn so würde ich das immer nennen. So spricht meine Tante beispielsweise auch.

Irgendwann dachte ich drüber nach. Und es scheint mir, dass es wieder so eine Kleinigkeit ist. Die vielleicht unbewusst ist, vielleicht aber auch ein ganzes Wertesystem mitschwingen lässt. Und es gibt bei mir mit Sicherheit genug blinde Flecken, in denen ich gedankenlos andere Kleinigkeiten nutze, die andere als verletzend empfinden.

Vor allem aber fand ich es schön, zu hören, dass sie dieses positiv wahrnahm. Denn mehr noch als ein Aussprechen von Zorn und Verletzung im anderen Fall hilft mir als jemandem, der in fast jeder Situation in jeder Hinsicht zur privilegierten Mehrheitsgruppe (heterosexueller, männlicher, mittelalter Weißer) gehört, diese Reaktion, mein Verhalten und meine Sprache zu überprüfen. Und im konkreten Fall war es auch für die anderen, die bei unserer Unterhaltung dabei standen, sicher spannend zu sehen. Allein die Heftigkeit der (positiven) Reaktion lässt erahnen, wie sehr sogar in einem aufgeschlossenen intellektuell geprägten Umfeld der Alltagsrassismus eben dieses ist: ein Alltagsphänomen. Und welche Verletzungen wir durch mangelnde Achtsamkeit zufügen. Und sei es, indem wir betonen, wie perfekt jemand unsere Muttersprache spreche.

Auf anderer Ebene mache ich eine ähnliche Erfahrung mit meinem Namen. Ich schätze, dass ich in mehr als der Hälfte aller (neuen) Begegnungen darauf angesprochen werde. Und fast immer kommt es zu sehr interessanten Reaktionen, wenn ich anbiete, mich nur mit meinem "Mädchennamen" anzureden.

Vielleicht hängt das alles auch damit zusammen, dass mir Sprache einfach Spaß macht.

9.1.13

Das 'pffft' – warum ich es so oft benutze, wie ich es meine und warum ich Diskussionen damit immer gewinne

Nicht so viele meiner Kolleginnen lesen ja mein Blog regelmäßig. Glaube ich. Auch wenn ich das nicht verstehe. Aber ein Kollege, den ich sehr schätze, was ich jetzt schreiben muss, weil zu seinem allmorgendlichen Fortbildungsprogramm gehört, dass er mich bei Twitter stalkt und mein Blog auswendig lernt, wünschte sich heute in einem drei Kilometer langen internen Mailwechsel, in dem es um so spannende Dinge wie Finanzmarktregulierungen oder so was ging und um generisches Maskulinum und um mobile Markenführung, halt so Kram, mit dem wir hier so zu tun haben jeden Tag, dass ich mal einen Blogpost schreiben möge zu "Das 'pffft' – warum ich es so oft benutze, wie ich es meine und warum ich Diskussionen damit immer gewinne". Warum, weiß ich auch nicht.

Aber dem komme ich gerne nach, ich leite schließlich eine Dienstleistungseinheit bei einem Dienstleister. Lieber Kollege,
  • weil ich es kann
  • genau so
  • weil ich einfach gut bin
tl;dr
pffffffffft

20.12.12

Zeit für ein Zwischenfazit zum generischen Femininum und sprachlicher Geschlechtergerechtigkeit

Dieses Jahr habe ich mich konsequenter als vorher um meine Sprache gekümmert. Konkreter Anlass war ein Blogpost von Anatol Stefanowitsch im Dezember 2011, der witzigerweise heute früh von zwei geschätzten Leuten in meiner Umgebung unabhängig von einander wieder erwähnt wurde. Und so quasi als Selbstverpflichtung schrieb ich Anfang Januar:
Solange es in meiner Umgebung Leute gibt, die das Märchen vom generischen Maskulinum aufrecht erhalten und weiter erzählen, werde ich wie in den letzten Jahren schon auch weiterhin im Blog und in Aufsätzen und Artikeln ein generisches Femininum verwenden. Punkt.
Zeit für ein Zwischenfazit. Denn immerhin ist es - ich bin ja angestellt in einer alles andere als feministisch geprägten Arbeitsumgebung - ein Experiment.

Vorweg: Die beiden wichtigsten Punkte am Experiment empfinde ich als gelungen. Ich denke bei Tweets beispielsweise fast immer nach, wie ich Oberbegriffe formuliere. Und ich ertappe mich dabei, dass es mehr und mehr in meinen "natürlichen" (also unbewussten) Sprachduktus übergeht, entweder beide grammatischen Geschlechter zu verwenden oder nur das Femininum, mündlich aber wirklich eher beide.

In längeren Texten, beispielsweise in Blogposts, habe ich weniger Schwierigkeiten gesehen, meine Linie  durchzuhalten. Entweder ich verwende Worte, die ohnehin unverfänglich sind, oder das Femininum. Ich setze sogar das grammatische Maskulinum bewusst ein, beispielsweise habe ich immer von "Piraten" geredet und nie von Piratinnen - sozusagen als Insiderinnenwitz. Und ich bin beim Label "idioten" geblieben, aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Erfahrung jedenfalls finde ich faszinierend. Ich bin nicht ein einziger Mal von irgendwem auf meinen Umgang mit dem Thema und meine Sprache hierbei angesprochen worden. Weder positiv noch negativ oder zynisch oder irritiert. Ich hatte den Eindruck, dass es entweder von mir erwartet wurde (und hey, die Menschen, mit denen ich zu tun habe, lesen nun wirklich nicht alle mein Blog) - oder es für Menschen in meinem (beruflichen und privaten) Umfeld inzwischen doch schon normal genug ist, eine inklusive Sprache zu hören. Es kann auch sein, dass der Effekt dadurch unterstützt wird, dass ich tendenziell in anderen sensiblen Bereichen nicht so sehr auf diskriminierungsfreie Sprache achte, also insgesamt mich sprachlich nicht so extrem weit vom Alltagsdeutsch meines Umfeldes entfernt habe. Eine "Szene" in der ich mich bewege, ist übrigens auffällig weiter als alle anderen, die ich kenne - und erschreckenderweise um Lichtjahre dem Umgang mit Sprache in meiner Partei (den Grünen) voraus: die evangelische Kirchenszene. Ernsthaft.

Insgesamt habe ich dieses Jahr damit gespielt, wie weit welche Akzeptanz geht. Und mich durchaus auch gestritten und darauf hingewiesen, wenn mir ein angebliches generisches Maskulinum nicht gepasst  hat. Seltener als ich vorher gedacht hätte, wurden mir inklusive Formulierungen aus Texten herausredigiert. Selbst in Präsentationen haben Kolleginnen sie überwiegend stehen lassen.

Lustig fand ich eine Erfahrung, die auch andere machten (beispielsweise der Berliner Abgeordnete Christopher Lauer Oliver Höftinghoff, der in einer Diskussion über Anatol Stefanowitschs Sprach-Vortrag auf einem Piraten-Camp [edit: danke an tant@ sospirati für den Link in den Kommentaren] davon erzählte [edit: bei 1h09m etwa in dem eben verlinkten Video], das Video habe ich gerade nicht wieder gefunden, war aber sehr spannend). Mir wurde mehr als einmal ein generisches Femininum in einem Aufsatz in ein Binnen-I umgewandelt, obwohl ich dieses ganz bewusst und entschieden nicht nutze. Ich habe es schon damals nicht gemocht als es in den 80ern aufkam und in "meinen Szenen" als normal galt. Dass ein generisch gebrauchtes grammatisches Femininum noch immer so verstört, dass es von Redakteurinnen in das (grammatisch eindeutig falsche) Binnen-Majuskel umgewandelt wird, finde ich faszinierend.  Und es zeigt mir, wie weit der Weg ist - denn die gleiche Redakteurin hätte ein generisch gebrauchtes grammatisches Maskulinum ja nicht in eine inklusive Form mit Binnen-Majuskel umgewandelt.

Der einzige Bereich, für den ich noch keine mich befriedigende Lösung gefunden habe, sind Auftragstexte für Kundinnen. Als Dienstleister habe ich meine eigenen Sprachbedürfnisse dort zurück zu stellen - so verstehe ich Dienstleistung zumindest. Hier agiere ich inkonsequent und inkonsistent, vielleicht geht es auch nicht anders.

15.8.12

Noch mal zur Kackscheiße*

Immer wieder schleicht sich (auch) bei mir eine merkwürdige Form von Resignation ein, die dazu führt, dass ich weder mit den Augen rolle, wenn beispielsweise eine Lehrerin von sich als Lehrer spricht, noch selbst konsequent, beispielsweise in beruflichen E-Mails, weibliche und männliche Formen nutze, wenn Frauen und Männer gemeint sind. Obwohl ich weiß, dass das nötig wäre.

Wenn dann junge Frauen wie BMin Schröder aus mangelnder (historischer) Bildung oder warum auch immer ihre "danke, das betrifft mich nicht"-Sätze faseln, werde ich zwar noch mal wütend. Aber oft stehe ich etwas fassungs- und ratlos davor. Und nicht nur angesichts sexistischer Kackscheiße*. Sondern beispielsweise auch angesichts von Alltagsrassismus aus der "male white middleclass" Perspektive, in die auch ich immer wieder rutsche.

Da kam ein Artikel im Sprachlog von Anatol Stefanowitsch gerade Recht, der mit dem Hinweis auf wirkmächtige so genannte "Alltagstheorien" darauf hinweist, warum es so schwierig bis unmöglich ist, mit Menschen zu diskutieren, die "das betrifft mich nicht" sagen oder es "nicht böse" meinen oder etwas "einfach nur witzig" finden. Vier unbewusste und tief verwurzelte Punkte beschreibt er: dass ein Schaden immer "direkt und unmittelbar" sein müsse, schädliches Verhalten psychologische Ursachen habe, immer und nur durch "absichtsvolles Handeln" entstehe und immer einzelnen Individuen zugeordnet werden könne. Und er zeigt, dass diese Theorien nicht nur doof sind sondern auch falsch.
Bei unseren Diskussionen von Alltagsdiskriminierung sollten wir deshalb darauf achten, diese Alltagstheorien explizit einzubeziehen und deutlich zu machen, dass eine rosa Barbie-Elfe in pornographischer Posen allein [...] kein Mädchen in die Magersucht treiben und keine Frau dazu bringen wird, sich selbst nur an ihrem Potenzial als Sexobjekt zu messen oder auf eine anspruchsvolle Karriere zu verzichten. [...]
Dass diese Dinge aber im Zusammenspiel mit hunderten ähnlicher Erfahrungen daran mitwirken, dass sexistische, rassistische und andere diskriminierende Strukturen aufgebaut und fixiert werden. Und zwar unabhängig davon, ob das beabsichtigt oder auch nur fahrlässig in Kauf genommen wird, und unabhängig davon, ob der Schaden, den diese Strukturen anrichten, in jedem Fall sofort erkennbar ist.
Ringen um Verständnis | Sprachlog
Und dann rüttelt mich etwas wieder auf. So wie diese Woche der großartige, kleine, resignierte, ermutigende Artikel von Antje Schrupp, der so endet, wie ich hier auch ende. Bevor ich mir fest vornehme, wieder mehr auf Sprache zu achten. Und die mit ihrer Kackscheiße* nicht zu ignorieren sondern durch anders Reden (und hoffentlich Denken und Handeln) zu überwinden.
NEIN, ES GEHT NICHT UM MICH. Mir persönlich, danke schön, geht es gut. Ich habe persönlich überhaupt kein Problem mit männlicher Sprache und nicht mal mit sexistischer Kackscheiße wie rosa Lego oder Mädchen-Überraschungseiern. Das geht mir vollkommen hinten vorbei.
In meiner Welt gibt es genug interessante Dinge, interessante Menschen, mit denen ich sehr gut beschäftigt bin. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, Leute, die bis heute nicht die minimalsten Grundkenntnisse davon haben, was feministische Reflektion in den vergangenen vierzig Jahren an Erkenntnisfortschritten gebracht hat, einfach zu ignorieren. Ich halte sie schlicht für ein bisschen dumm und gehe ihnen aus dem Weg.
Aber es geht eben nicht um mich. Es geht darum, in welcher Welt wir leben wollen.
Kein Bock mehr | Aus Liebe zur Freiheit


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* "Kackscheiße", "sexistische Kackscheiße" oder auch "rassistische Kackscheiße" sind als Kampfworte sehr umstritten und ich bin mir auch nicht so sicher, ob ich sie wirklich mag. Aber sie sind so herrlich unkorrekt und machen das eigentliche Problem, das ja auch Anatol mit den Alltagstheorien anspricht, wunderbar deutlich: Wer hier reflexhaft aufjault, wer hier zumacht (außer aus sprachästhetischen Gründen, das ist sicher noch mal was anderes), ist im Zweifelsfall auch nicht Adressat dieses Artikels - weil ich keinen Bock mehr habe, zu argumentieren. Seit mehr als 15 Jahren sind alle Argumente ausgetauscht. Hin und wieder kommen noch mal kleine gute Aspekte aus der nächsten Generation dazu, wie aktuell "Fleischmarkt" von Laurie Penny, das ich zurzeit lese. 
Aber: Ich bin einfach müde. Und bin da ganz bei Antje. Ich halte Leute, die heute noch mit Unverständnis auf den Alltagssexismus und Alltagsrassismus reagieren, "schlicht für ein bisschen dumm und gehe ihnen aus dem Weg" - zwar nicht real, denn das geht nicht als Mensch mit Kindern und einem Beruf, aber doch in Diskussionen. Sozusagen *plonk*.

23.3.12

Der Ekel vor dem s

Jede hat ihren blinden Fleck. Etwas, das, gegen alle vermeintliche Vernunft, den Kragen platzen lässt und wo, wie meine Frau es formulieren würde, Toleranz eben mit z endet. Bei mir sind es drei Kleinigkeiten, über die ich schwer bis nicht hinwegsehen kann: falsche Kommata, der falsche Gebrauch von Fremdwörtern - und das Lispeln.

Es ist nicht so, dass ich froh darüber bin, denn es ist schmerzhaft, weil es dir überall begegnet. Aber mich ekelt Lispeln, es löst bei mir tatsächlich körperliche Schmerzen aus. Vielleicht, weil ich mein Leben lang gesungen habe und eine Sprechausbildung genießen durfte, vielleicht, weil ich mit Dagmar Ponto eine wirklich sehr, sehr gute Sprechtrainerin hatte (deren größter beruflicher Erfolg wohl diese eine bauernschlaue lispelnde Ikone der 90er ist, die sie bildschirmtauglich gemacht hat). Vielleicht, weil meine Frau Sprachheilpädagogin ist und ich schon früh wusste, dass kaum ein Sprechfehler so einfach und erfolgreich therapierbar ist wie eben das Lispeln. Ich kann schon Ulrich Wickert nicht zuhören, bei dem viele andere noch nicht mal hören, dass er lispelt.

Meine These ist, dass es eine Zumutung ist, jemanden mit diesem mit etwas persönlicher Anstrengung so gut behebbaren Sprechfehler ins Fernsehen zu lassen. Dass selbst eine mögliche thematische oder gar intellektuelle Brillanz nicht rechtfertigt, jemanden Lispelndes auf ein Podium zu holen oder einen Vortrag halten zu lassen. Sollen die schreiben oder eben eine Sprechtherapie oder Sprechausbildung machen, wenn sie unbedingt öffentlich reden wollen.

Ein weiteres Problem ist entstanden mit Tonabspielgeräten mittlerer Qualität, bei denen s-Laute, die noch nicht gelispelt sind aber unsauber und mit mehr Zischen als üblich versehen, zu einem Lispeln werden in den Ohren der Zuhörerin. Das werde ich wohl ertragen müssen, auch wenn es mich quält.

Heute morgen begann ich voller Vorfreude das Audiomagazin der aktuellen Ausgabe der "Zeit" - unter anderem, weil die "Zeit", ganz anders als die "brand eins" in der Audioversion, die grausame Pausen in den Sprechfluss geschnitten hat, normalerweise wirklich gut gesprochen und gut produziert ist. Und dann wird schon das Inhaltsverzeichnis von einer neuen, recht jungen Stimme gesprochen, die unerträglich lispelt. Der Schock war körperlich. Und das hektische Wechseln der Kopfhörer und der Einstellungen des im iPhone eingebauten Equalizers (jaja, ich weiß) halfen nichts.

Und selbst bei Kindern ist lispeln nicht niedlich. Übrigens.

5.1.12

Generisches Maskulinum ist auch Kinderkakke (wie Postgender)

Zu Postgender hab ich neulich ja schon mal geschrieben, wieso das Kinderkakke ist. Das immer wieder (und beileibe nicht nur von Männern) behauptete so genannte "generische Maskulinum", also die irrige Vorstellung, Frauen seien "mitgemeint", wenn ein Plural im grammatikalischen Maskulinum gebildet wird, ist ebenso Kinderkakke. Und dazu kommt noch, dass es das nicht mal gibt.

Heute erst bin ich auf einen dazu sehr spannenden und verständlichen Artikel in Anatol Stefanowitschs Sprachlog gestoßen (via Facebook via Katja Husen), der noch einmal einige Studien zusammenfasst, die zeigen, wie sehr im Deutschen die Verwendung eines Genus Einfluss auf das hat, was wir in Wirklichkeit denken und mitdenken (und eben nicht mitmeinen). Vor allem räumt er sehr erhellend mit dem Vorurteil auf, geschlechtergerechte Sprache würde die Verständlichkeit von Texten negativ beeinflussen. Dies tut sie nur gefühlt, nicht aber objektiv - und auch nur bei Männern. Anatol schreibt:
Mit anderen Worten: Geschlechtergerechte Sprache hat keinen negativen Einfluss auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten. Wohl aber hat sie einen Einfluss auf die Einbildung männlicher Leser.
Frauen natürlich ausgenommen | Sprachlog
Und solange es in meiner Umgebung Leute gibt, die das Märchen vom generischen Maskulinum aufrecht erhalten und weiter erzählen, werde ich wie in den letzten Jahren schon auch weiterhin im Blog und in Aufsätzen und Artikeln ein generisches Femininum verwenden. Punkt.

21.11.11

Wie soll es weitergehen mit unserem Podcast brouhaha?

Ich bin da wirklich nicht ganz sicher. Einerseits finde ich ja, dass Alex Wunschel und ich mit Brouhaha einen irgendwie netten Podcast zusammen haben, auf den ich auch oft angesprochen werde (vor allem, wenn - wie dieses Mal wieder einmal - die neue Folge monatelang auf sich warten lässt). Andererseits hat sich die Idee, #megafails (oder wie immer man die Fehler von Kommunikatoren und Unternehmen in Social Media nennen will) zu analysieren und wunderbar arrogant zu sagen, was sie hätten besser machen können, ein bisschen tot gelaufen, finde ich - vielleicht auch, weil es kaum noch so richtige Brüller gibt? Oder weil sie mich nicht mehr so interessieren? Oder weil der eigentliche Hammer eher ist, wenn Weltmarken mit ihren Netzwerkagenturen oder Medienfachmagazine Dinge auf Facebook machen, die an drei bis sieben Stellen gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen (vom guten Ton und so mal ganz zu schweigen)?

Was denkt ihr, wie wir weiter machen sollten (denn eigentlich sind wir so sehr waldorfstatlermäßig gut drauf, dass wir auf jeden Fall weiter machen wollen)?

So lange, bis ihr diese Frage beantwortet habt, erstmal noch die aktuelle Folge über Schlecker und die lingua franca.





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