22.3.18

Konservative Revolution

Es gehört zu den merkwürdigen Legenden, die sowohl von linksliberalen Intellektuellen als auch von autoritären Rebellinnen immer wieder kolportiert werden, dass Intellektuelle in Deutschland eher links seien. Das war nie so, das ist nicht so, das ist nicht an sich schlimm, finde ich. Denn wie Robert Habeck in (wie er sagen würde) einem Blog wunderschön beschrieb, sind auch für Menschen, die sich eher links oder liberal verorten, konservative Intellektuelle oder Künstlerinnen inspirierend.

Bis in die 60er Jahre hinein stand der Mainstream, wenn es denn so etwas gibt unter Intellektuellen, in Deutschland eigentlich auch sehr konsequent und wirkmächtig rechts bis ganz rechts. Und eine besonders wirkmächtige Bewegung darin war die so genannte "Konservative Revolution", an die einige Autoritäre gerade wieder anknüpfen wollen (obwohl ich ehrlich gesagt eher davon ausgehen würde, dass Dobrindt und andere nicht wissen, woran sie anknüpfen, wenn sie diesen Begriff verwenden). Was mich an der rohen Sprache und dem unpräzisen Raunen einiger Intellektueller gerade in diesem Zusammenhang sehr beunruhigt, ist allerdings, dass die sehr expressionistisch geprägte (George!) Konservative Revolution der 20er und 30er auf Menschen, die für starke Gefühle im intellektuellen Diskurs ansprechbar sind, weit über Konservative hinaus eine hohe emotionale Sogwirkung haben kann.

Friedrich Gogarten

Mein wichtigster Lehrer im Studium hat mich beispielsweise mit Gogarten in Berührung gebracht. Der unter den brillanten Theologen des 20sten Jahrhunderts der war, den ich zur Konservativen Revolution zählen würde (und trotzdem wahrscheinlich der einzige seiner Generation, der Luther, speziell de servo arbitrio, verstanden hat, wie es in jeder Generation fast immer nur eine oder einen gibt). Und mich sehr in seinen Bann zog. Ich kann also (emotional) nachvollziehen, wie sich Menschen dieser Gewalt und gewaltigen Sprachmacht zuwenden, die immer Bestandteil der Konservativen Revolution ist und sein muss.
(Weshalb ich auch nicht wirklich besorgt bin ob des sprachlich armseligen Furors, den aktuell die sich revolutionär empfindenden Konservativen der Erklärung 2018 abbilden.)

Thomas Mann, selbst unverdächtig links oder liberal zu sein, hat ein wunderbares Buch geschrieben, das zwar formal über Musik geht - aber im Grunde von der Konservativen Revolution handelt. Im Doktor Faustus beschreibt er das faustische, teuflische an dieser Lust an der Brutalität. Ich habe das genaue Zitat beim Durchblättern in den letzten Jahren nicht wieder gefunden (und es kann auch sein, dass es gar nicht aus dem Buch selbst ist sondern aus seinem Essay über das Buch), aber in meiner (wahrscheinlich falsch erinnerten) Formulierung ist es mir eine wichtige Leitschnur geworden:
Wo die Altertümlichkeit der Seele auf die Hochfahrenheit des Geistes trifft, da ist der Teufel.

Ethnopluralismus

Davon sind wir noch ein bisschen entfernt, aber eher, weil der Geist derer, die da hochfahren, eher nicht so riesig ist bisher. Weil die großen Intellektuellen, auf die dieser Satz zutrifft, bis auf Sloterdijk verstummt oder tot sind. Und bisher nur kleine nachgekommen sind. Aber das Potenzial ist da, gerade wenn es sich mit der intellektuell brillanten französischen Spielart der Konservativen Revolution verbindet, dem Ethnopluralismus, der so elegant daherkommt, wo die Deutschen so martialisch wirken.

Meine Sorge ist, dass durch die Legende vom linksliberalen intellektuellen Mainstream die reale Größe und die emotional-intellektuelle Gefahr der rohen, revolutionären Konservativen übersehen werden könnte. Denn die Mehrheit der Intellektuellen war immer (sehr) konservativ.

Mein Zwischenfazit ist darum: Es lohnt sich sehr, sich mit den Intellektuellen der „konservativen Revolution“ der 20er/30er zu beschäftigen, die in ihrer (Thomas Mann würde sagen) Hochfahrenheit des Geistes so enthusiastisch waren. Ein großer Teil der Intellektuellen war auch die letzten 30 Jahre rechts - nur dass es nicht so eine Resonanz hatte. Aber Walser, Strauß, Sloterdijk, Bolz, alle die gab es schon. Und Doktor Faustus war faktisch über sie geschrieben.

Verrückt, wie aktuell mein liebstes Lieblingsbuch wieder ist.

Kommentare:

  1. Ist es nicht eher so, dass der Zeitgeist heute keine Intellektuellen mehr hervorbringt, die noch an die Kragenweite der hier Genannten heran reichen können? Es scheint doch so zu sein, dass der neoliberale Intellektuelle von heute eher ein Hampelmann sein muss, wenn er wahrgenommen werden möchte (Zizek), oder er sitzt ahnungsvoll und regierunsfern in seiner Bibliothek. Und: Welche Intellektuellen waren denn letzlich wirkungsmächtig gewesen? Die konservativen Revoluzzer in der Weimarer Republik? Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik fand bekanntlich in Frankfurt statt, und Paneuropäer wie Klaus Mann haben in the long run doch recht behalten - oder werden sie gerade widerlegt?

    Darüberhinaus war Thomas Manns These, dass der Nationalsozialismus aus der deutschen Romantik entspringe, eigentlich eine These von Lukács, der wiederum recht unverdächtig ist, ein Konservativer Revolutionär gewesen zu sein.

    Das Zitat oben ist nicht aus dem Doktor Faustus sondern gemeint ist vermutlich folgender Satz aus der Rede "Deutschland und die Deutschen": "Wo der Hochmut des Intellektes sich mit seelischer Altertümlichkeit und Gebundenheit gattet, da ist der Teufel."

    Vielen Dank für die Gedanken und einen schönen Tag noch!

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    1. Oh, danke, dann erklärt es, wieso ich ih nicht wieder fand. Hm. Habe ich wohl die Rede damals zur gleichen Zeit gelesen und es unter Doktor Faustus abgespeichert...

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