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4.2.16

Arabischer Frühling, deutscher Winter

Nein, vor fünf Jahren, das war keine "Facebook-Revolution". Und nein, gerade finden keine "Facebook-Pogrome" statt. Aber es fällt doch auf, wie sehr Social Media mit Veränderungen in der Gesellschaft zu tun haben. So sehr, dass der hellsichtige und intelligente Christian Buggisch sogar von Facebook als Propaganda-Maschine spricht. Und so sehr ich ihm beim Unbehagen zustimme, denke ich, er irrt mit dieser Einschätzung. Oder zumindest mit diesem Wort. Und das hängt mit der Überschrift dieses Textes zusammen, damit, dass ich Gemeinsamkeiten erkenne, auch weit über diese beiden Themen hinaus.
Ein kurzer Einschub zu Literatur, die meinem Denken und meiner Analyse zugrunde liegt. Auf drei Bücher sei verwiesen, die mich heute prägen in diesem Zusammenhang. Drei Bücher übrigens, die ich jenseits der wenigen Worte dieses Textes sehr allen denen empfehle, die sich mit Kommunikation und Gesellschaft beschäftigen. Also mindestens allen Menschen, die mit Marketing und PR zu tun haben (wollen): 
  • Zum einen Marcuses wirkmächtiges Buch Der eindimensionale Mensch, das vielleicht das wichtigste philosophische Buch des 20. Jahrhunderts war und ohne das meines Erachtens fast nichts zu verstehen ist, was wir heute vorfinden. Brillante Analyse. 
  • Zum anderen, auch schon älter, das wichtiges Basiswerk zu Open Source, Raymonds Die Kathedrale und der Basar, das mich seit fast zwanzig Jahren inspiriert. 
  • Und zum dritten, das jüngste in dieser Runde, Writing on the Wall von Tom Standage. Dies letzte ist schnell gelesen, macht das unbedingt, sehr erhellend, um Linien zu sehen, wo ihr noch keine seht.
Soziale Medien vs lineare Medien
Nach meiner Beobachtung sehen wir in der Zusammenrottung von Menschen, die eine Pogromstimmung erzeugen, ein Phänomen, das - zunächst einmal wertneutral betrachtet - typisch ist für Umbruchsituationen und für neue Medienformen. Wenn es soziale Medien sind, also Medien, die entlang von sozialen Signalen verbreitet werden (wie Briefe, Flugschriften, Facebook/Twitter), dann ist das meines Erachtens übrigens tatsächlich das Gegenteil von Propaganda, für das die Macht lineare Medien braucht (wie Plakate, TV, Radio). Soziale Medien haben in politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen exakt den gegenteiligen Effekt von Propaganda - nämlich das Sichtbarmachen von Haltungen und Meinungen, die vom vermeintlichen Mainstream abweichen. Was übrigens ja weder gut noch schlecht ist, was diese Meinungen vor allem nicht besser macht als andere. Denn es kann zu Umstürzen in Diktaturen führen (1989, 2011) oder eben zu Pogromen (2016). Was aber passiert durch soziale Medien - und was wir auch in Deutschland gerade erleben - ist das, was ich "Synchronisation von Meinungen" nenne.

Deutscher Winter
Was wir das gesamte letzte Jahr erlebt haben und gerade aktuell auch für die meisten sichtbar wird, die kaum Menschen in ihren Netzwerken hatten, die sich an der Pogromstimmung beteiligen, ist aus meiner Sicht genau diese "Synchronisierung von Meinungen". Das ist nicht die "Schuld" von sozialen Medien (darum auch meine These, dass es eben nicht "Facebook-Pogrome" oder "Facebook-Faschismus" seien), denn die Meinungen sind ja unabhängig von sozialen Medien da. Aber soziale Medien - und heute eben vor allem Facebook - spielen eine entscheidende Rolle. Und die Stimmung, die wir erleben, die ich bis in Bekanntenkreise und Nachbarschaft hinein erlebe, wäre ohne Facebook so weder entstanden noch möglich.

Der Deutsche Winter, den wir gerade erleben, bringt Haltungen und Meinungen an die Oberfläche, die schon seit Jahren da sind. Diejenigen, die sich mit dem verfestigten rechtsextremen Weltbild schon länger beschäftigen, das ein erschreckend großer Teil der Menschen (überwiegend Männer) in Deutschland hat, sind davon nicht überrascht sondern höchstens ein bisschen betrübt, weil sie die letzten zwanzig Jahre nicht Ernst genommen wurden. Ein Blick auf die journalistische Arbeit von Toralf Staud beispielsweise kann da Augen öffnen.

Facebooks Rolle ist nach meiner Einschätzung nicht die einer Propaganda-Maschine - sondern die eines affirmativen Resonanzraums. Das ist es ja auch, was Facebook für Marken und Politik im Prinzip so attraktiv macht. Die gesamte Grundstruktur moderner sozialer Medien ist eben affirmativ - ich werde vor allem mit Zustimmung konfrontiert und merke sehr schnell, dass ich mit einer Haltung und Meinung nicht allein bin, dass es viele andere gibt, die diese Meinung und Haltung teilen. So wird mir bestätigt, was ich ahne aber noch nicht wusste - dass meine Meinung eigentlich "normal" ist, dass es an der "Gleichschaltung" der linearen Medien liegt, dass ich einen anderen Eindruck hatte bisher, weil diese Meinungen unterdrücken - denn ich sehe ja in meinem affirmativen Resonanzraum, dass eigentlich fast alle so denken wie ich.

Revolution und Aktion
Und so ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Aktion. Wenn Luthers Schriften in meiner Stadt ausverkauft sind, wann immer ich danach frage, müssen es viele sein, die seiner Lehre anhängen, bin ich nicht allein. Wenn ich auf Twitter und Facebook sehe, dass viele zum Tahrir gehen, gehe ich auch, denn ich bin nicht allein. Wenn ich sehe, dass eigentlich alle Leute, die ich zu kennen glaube, mit mir der Meinung sind, dass die "Merkeldiktatur" weg muss, dann bastele ich einen Galgen und kaufe mir eine Waffe.

Was den Deutschen Winter vom Deutschen Herbst unterscheidet, scheint mir vor allem seine Wurzel im affirmativen Resonanzraum sozialer Medien zu sein. Lichtenhagen führte nicht zu einem echten (bewaffneten) Aufstand, weil die große Menge Menschen, die eine mehr oder weniger klammheimliche Freude daran hatte, sich nicht gegenseitig sah. Die vor allem in Norddeutschland messbare grundsätzliche Zustimmung einer relativ großen Menge von Menschen zum von ihr so empfundenen "Widerstand" der RAF konnte nicht in Aktionen führen, weil kaum welchen klar war, dass es so viele sind, die dieses so empfanden.

Die Logik sozialer Medien
Darum greifen auch die Forderungen, Facebook möge entschiedener gegen Hetze vorgehen, ebenso zu kurz wie die hilflosen Versuche der Plattformen, eine Haltung zu entwickeln und sich an Demokratieinitiativen zu beteiligen. Darum haben meines Erachtens diejenigen Recht, die sagen, dass "wir" einen Kampf um die Plattformen führen müssen.

Die Logik sozialer Medien (und wie Tom Standage überzeugend zeigt, gab es vor der Zeit der linearen Massenmedien immer wieder schon soziale Medien, ist es also kein wirklich neues Phänomen, das ich hier beschreibe) ist die Synchronisation von Meinungen. Das ist ihre eigentliche Kraft. Nicht der Diskurs, die Offenheit, die Demokratisierung von Medien. Das haben viele von uns, die sich seit zehn Jahren mit den heutigen sozialen Medien beschäftigen, zunächst gedacht - denn das war es, wofür wir sie genutzt haben. Aber auch schon in diesen ersten Jahren waren sie, damals halt für uns, im Grunde ein affirmativer Resonanzraum, der unsere Meinungen synchronisiert hat.

Gefahr oder Chance?
Ich bin ja eher Zukunft- und technikoptimistisch. Und das, obwohl ich seit vielen Jahren über die Gefahr des massenhaft verbreiteten rechtsextremen Weltbildes rede. Ich bin auch mit der Analyse von sozialen Medien als affirmativem Resonanzraum nicht pessimistisch sondern weiterhin optimistisch.

Nur dass ich nicht daran glaube, dass die Pogromstimmung, der aktuelle Terrorismus oder die aktuelle Bewaffnung mit bisherigen Mitteln der politischen Auseinandersetzung, der Überwachung oder der Kraft der linearen Medien bekämpft werden können. Darum ist es mir so wichtig, dass wir Resonanzräume für die anderen schaffen innerhalb diese Medien. Darum gehe ich immer wieder in die Konfrontation mit den Vertreterinnen des Deutschen Winters, so wie neulich, als Roland Tichy seinen Mob auf mich gehetzt hat. Darum glaube ich an die harte Auseinandersetzung und die klare, zuspitzende Positionierung.

Ich bin nicht optimistisch, dass wir die Situation in Deutschland und in Europa ohne Gewalt und harte Auseinandersetzungen werden auflösen können. Dafür haben diejenigen, die für Demokratie und Zivilisation stehen, zu spät erkannt, dass sich in den sozialen Medien die Menschen gefunden haben, die vorher über zwanzig Jahre ihre Meinung und Haltung als von der Mehrheit abweichend erlebt und gebildet haben. Dass sie diese Meinungen jetzt synchronisieren, sich in ihrem Resonanzraum bestätigt finden.

tl;dr
Im affirmativen Resonanzraum sozialer Medien synchronisieren sich radikale Meinungen, bis es zur Aktion kommt. Nicht Facebook ist böse. Die bösen Menschen sind es. Das sollten wir nie vergessen.

2.3.15

Grenzkosten

Ich gehöre nicht zu denen, die quaken, wenn irgendwer die Nutzungsbedingungen ändert. Und ich verstehe wahrscheinlich mehr als die durchschnittliche Nutzerin von Modellen, wie ein Internetservice monetarisiert werden kann und muss. Und auch von Onlinemarketing, Targeting, Data Mining.

Genug jedenfalls, um zu wissen, dass ich dann Teil des Produktes bin, das jemand anbietet, wenn ich deren Service kostenfrei nutze. Ich zahle anders. Das, was ich für mich und für andere, die ich mit meiner Nutzung mit reinziehe, regelmäßig neu überprüfen muss, ist, ob die Kosten in einem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen stehen.


Der Deal ist eigentlich ganz einfach 
Facebook stellt mir (formal kostenfrei) seine Services zur Verfügung. Dafür erstellt es Profile über mich, teilweise summarisch, teilweise persönlich, teilweise nach Art eines Microzensus. Diese Daten vermarktet Facebook, so verdient es Geld. Ok, jetzt etwas holzschnittartig, aber im Prinzip ist es so.

Das Problem ist, dass Facebook in den letzten Monaten sowohl an der Kostenschraube als auch an der Nutzenschraube gedreht hat - leider in entgegengesetzte Richtungen. Ich habe kein prinzipielles Problem damit, dass sie immer mehr wollen von mir und meinen Daten. Ok, die Grenze dessen, was ich unter demokratischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten für maximal erträglich halte, ist inzwischen so gut wie erreicht. Wenn allerdings ein Wert, ein Nutzen dagegen steht, halte ich es noch so eben gerade für legitim, was sie tun.

Nur, dass der Nutzen nicht mehr stimmt. Das muss nicht für alle so sein, ich rede hier erst einmal nur von mir. Aber die Veränderungen, die sich durch Facebooks Pushen von Video für mich als Nutzer ergeben, führen dazu, dass die Kosten, die gleichzeitig stiegen, zu hoch werden. Dass die Kosten höher werden als der Nutzen, war schon einmal fast so, als das, was mir von denen, mit denen ich auf Facebook Kontakt hatte, angezeigt wird, nicht mehr dem entsprach, was ich erwartete oder wollte.


Der Deal ist aufgekündigt
Dass mir in der App seit Beginn dieses Jahres quasi nur noch Videocontent gezeigt wird (kombiniert mit der Tatsache, dass die wenigsten, die mich interessieren, Videocontent veröffentlichen), hat zusammen mit der relativ radikalen Ausweitung der Nutzungs- und Kombinationsrechte, die ich Facebook an meinen Daten einräume (ohne explizit den Nutzungsbedingungen zuzustimmen, was ja aber gerade politisch und juristisch geklärt wird, was aber auf jeden Fall ein besonders krasses Beispiel dafür ist, dass Facebook inzwischen tatsächlich totalitär ist aus meiner Sicht), die Kosten höher steigen lassen als den Nutzen. Facebook hat unseren Deal aufgekündigt.

Andererseits geht Facebook, die Firma, einen interessanten Weg, indem sie Services zwar von der Datenhaltung zusammen führt, von der Nutzung aber trennt. Beispielsweise nutze ich sehr gerne Instagram und den Messenger (den allerdings eher wenig), auch Whatsapp relativ gerne. Und einige Gruppen auf Facebook, dem Netzwerk. Für alle diese Dinge habe ich eigene Apps auf dem mobilen Internetzugangsgerät meiner Wahl. Die eigentliche Facebook-App nicht mehr.

Das ist nicht konsequent, ich weiß. Aber ich bin auch nicht so ein besonders konsequenter Mensch. Meinen Account gibt es noch. Die Browserdaten zu Facebook habe ich gelöscht.

______
Wer etwas tiefer einsteigen will in die Kosten-Nutzen-Überlegungen, sei auf Salim Viranis Blogpost verwiesen. Er bereitet das ganz gut auf, dokumentiert es auch gut. Und hat den einen oder die andere aus meinem direkten Umfeld dazu gebracht, komplett die Reißleine zu ziehen.

18.1.14

Eine Bischöfin muss auf Facebook sein

Dies ist ein Beitrag, den ich für die Evangelische Zeitung geschrieben habe, die dieses Wochenende erschienen ist. Er ist Teil eines Pro und Contra zu diesem Thema. Das Contra hat Lars Harden geschrieben.
Ob die Bischöfin zum Empfang der Landesregierung geht oder der Regionalzeitung ein Interview gibt, kann sie nicht anhand von Sympathie oder Lust entscheiden. Es gehört zu ihrem Job. Denn egal, ob wir es (theologisch) gut finden oder nicht: die Bischöfin ist eben nicht nur Pfarrerin – sondern in und mit ihrem Amt ein Symbol für Kirche, sozusagen der Kirchturm, den ich auf dem Markt der Meinungen und Deutungsangebote von überall her sehen kann.

Darum haben Bischöfinnen Briefe geschrieben, die von den Kanzeln verlesen wurden. Darum geben sie Interviews in Radio und TV. Darum ist ihre Weihnachtspredigt nicht nur eine von vielen Predigten. Und darum muss eine Bischöfin auf Facebook sein.

Denn Facebook ist heute ein Raum, in dem die Mehrheit der Erwachsenen in diesem Land sich mindestens hin und wieder aufhält (und übrigens nicht, wie oft gedacht, die Jugendlichen, die sind schon weitergezogen). Und egal, ob wir oder die Kirche oder unsere Datenschützer das gut finden oder nicht – Facebook ist ein Raum, in dem viele erwachsene Menschen in ihrer Freizeit gerne sind. In dem sie sich mit Menschen unterhalten, die sie kennen. In dem diejenigen, die keine gedruckte Zeitung (mehr) lesen, einen großen Teil ihrer Nachrichten beziehen, weil sie da jemand verlinkt, also weitersagt. In dem sie Personen, Marken, Stars, Institutionen erlauben, ihnen zu sagen, was gerade passiert – und bei ihnen „gefällt mir“ klicken.

Facebook ist darum heute für die Kirche ein idealer Raum für Mission. Menschen sind aufnahmebereit, können emotional angesprochen werden. Wer Mission als die Mischung aus Rausgehen mit der Botschaft auf den Markt einerseits und einer offenen Tür mit niedriger Türschwelle andererseits begreift, wird und kann einen der größten Marktplätze und eine der weitesten Türen nicht ignorieren, die uns kommunikativ heute zur Verfügung stehen.

Eine Bischöfin ist eine Person der öffentlichen Lebens und der öffentlichen Verkündigung. Neben den anderen und schon länger etablierten Kanälen ist Facebook eine gute Möglichkeit, ihren Auftrag zu erfüllen: Nähe zu zeigen, die persönlich aber nicht privat ist, Botschaft und Positionen zu formulieren und ansprechbar zu sein, ohne sich vereinnahmen zu lassen.

18.12.13

Netzwerk-Reset

Vielleicht liegt es ja doch am Jahresende. Oder daran, dass ich dabei bin, die Ausblicke auf 2014 zu schreiben. Oder den Jahresbrief der Familie. Dass ich also gerade gucke, was mir gefallen hat, was mich nervte, was sich änderte. Und gestern schrieb Nico etwas, das mir zwar anders geht, aber vom Prinzip her ähnlich. Wo Nicos Twitterblase kaputt ist, ist es meine bei Facebook, merke ich immer wieder und immer mehr. Dauernd schreiben Vollspacken irgendwelchen merkbefreiten Kram, auf den  dann andere Schwachköpfe antworten. Sorry for being so rude. Ist doch aber so.

Zeit, sich das einmal genauer anzusehen und erste Konsequenzen zu ziehen. Zumal ich es auch zukunftsfähig halten will und die massiven Veränderungen in Nutzung und bei den Nutzerinnen der letzten Monate in allen Netzwerken mich ohnehin zu Veränderungen zwingen. Privat und beruflich. Zu letzterem mehr, wenn die Ausblicke oder Trends für 2014 kommen, die ich sehe.

Das, was private und berufliche (professionell-kommunikative) Nutzung speziell von Facebook aber gemeinsam haben, hängt damit zusammen, dass das Netzwerk zunehmend dysfuktional geworden ist - wenn wir es als Ort für Gespräche betrachten wollen.

Naja.

Meine These, dass das Silo Facebook von einer Vielzahl von sinnvollen Netzwerken und Plattformen abgelöst wird, ist ja auch nicht nur so daher gesagt. Wo immer ich mit anderen Menschen spreche, erzählen sie es auch: dass sich die Nutzung verändert (hat).

Für mich ist im ablaufenden Jahr beispielsweise Instagram immer wichtiger geworden und ein Ort, an dem ich Kontakte und Inspiration finde. Und Twitter hat wieder an Bedeutung zugenommen. Facebook war nett, um Geburtstagsgrüße zu bekommen. Und treibt einigen Traffic hier ins Blog. Aber das war es auch schon.

Mein "Netzwerk-Setup" ändert sich darum:

  • Wichtigster Ort für Gespräche, Blödeleien, Links und Inspiration bleibt Twitter. Es ist und bleibt mein wichtigster digitaler Raum, in dem ich mich wohlfühle, in dem ich die für mich richtigen Leute kenne, die mir helfen, das Wichtige und Relevante zu finden.
  • Instagram ist mein wichtigster privater Raum. Privat im Sinne von "Wolfgang die Privatperson", nicht im Sinne von "nicht öffentlich". Immer häufiger ist der erste Griff morgens der zur Instagram-App.
  • Für berufliche Kontakte werde ich ab sofort nur noch LinkedIn nutzen. Ich merke, dass ich einfach keine Lust habe auf die völlig unbrauchbare und dazu auch noch völlig an der Struktur meiner Kontakte vorbei ausgerichteten "Weiterentwicklung" von Xing. Erster Schritt war die Kündigung meiner Premiummitgliedschaft, im Laufe der nächsten Monate werde ich meinen Account dort löschen.
  • Ich werde Facebook anders nutzen als bisher. Abmelden kann und will ich mich nicht, weil ich dort einige interessante Gruppen habe und es beruflich brauche. Aber ich werde bei den Kontakten aufräumen (sprich: massiv reduzieren), ich habe die Inhalte unsichtbarer gemacht, ich werde dort nur noch posten, um Traffic zu holen und meine Ideen unters Volk zu bringen. Facebook ist aus meiner Sicht kein Raum für Gespräche und kein Social Media.
  • Weiterhin werde ich hin und wieder auf Medium schreiben. Nur auf Englisch. Und nur sporadisch, wenn es um Nachdenken geht. Aber ich liebe dieses Netzwerk sehr und finde es extrem gut und spannend. Einer der Entwürfe, wie ich mir das Internet vorstelle.
Anderes wird sich ändern, wird weiter gehen, wird aufhören. Auf meiner Homepage werde ich weiterhin das zusammenführen, was ich teilenswert finde. Aber grob gesagt scheint mir dies ein sinnvolles Reset meiner Netzwerknutzung zu sein. Ich bin gespannt, ob damit der Nervfaktor zurückgeht und die Inspiration bleibt. Mitsamt den Gesprächen.

25.7.13

Freundschaft anders erleben – wie unsere Kinder sich die Onlinewelt erobern

Für die kleine Zeitschrift "Blickpunkt Pflegekinder" habe ich einen kleinen Beitrag geschrieben über Kinder, Eltern und das Internetzdingens. Und weil er, wie ich finde, ganz gut zu meinen Themen hier passt, kommt er hier ins Blog auch rein. Das Heft handelt insgesamt vom Thema Freundschaft. Und es wird herausgegeben von PFIFF, die sich um Pflegeeltern und ihre Pflegekinder kümmern. Eine Arbeit, die ich toll finde, zumal es in meiner Familie Tradition ist, Pflegekinder aufzunehmen. Am Ende des Beitrags habe ich auch den Originalaufsatz eingebunden, er kann auch bei Scribt runtergeladen werden.

***

Ob wir es wollen oder nicht – unsere Kinder sind online, spätestens wenn sie in die Schule kommen. In vielen Fällen nutzen sie auch zu Hause Computer, die im Internet sind. Wir sollten nicht vergessen: Für unsere Kinder sind Computer, die nicht online sind, „kaputt“, sie kennen gar keine Zeit mehr, in der es eine Offline-Nutzung von Programmen und Anwendungen auf PCs gab.

Spätestens wenn sie ihr erstes Smartphone haben (was rein statistisch auf mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ab 13 Jahren zutrifft), koppelt sich ihre Onlinenutzung von der unseren ab, nutzen sie „das Internet“ anders als Erwachsene. Auch ohne Datenflatrate wird das Smartphone für immer mehr Kinder zum Tor zur Welt. Zuhause, in der Schule, bei Freundinnen und Freunden: wo immer sie Zugang zu einem WLAN haben, gehen sie mit ihren Geräten online. Und sei es zur Not mit der Spielekonsole.

Dadurch ändert sich die Mediennutzung dramatisch. Sie definiert sich für viele unserer Kinder neu und wird als Qualitätszeit empfunden. Parallel zum Fernsehen mit Freundinnen und Freunden zu chatten, ist die Norm. Gespräche, die auf dem Schulhof beginnen, werden per SMS (bei denen, die noch nicht immer online sind und also keine preiswertere Variante wie WhatsApp nutzen können) fortgesetzt und dann zu Hause als Chat in Facebook und Co intensiviert. Grob gesagt ist der Onlinezugang für Kinder und Jugendliche heute das, was für die meisten Erwachsenen der Elterngeneration das Telefon war: Der Zugang zu den anderen. Und so, wie es in den 70ern und 80ern Eltern gab, die das Telefon für ihre Kinder stark reglementiert haben, versuchen es heute auch viele Eltern mit dem Internet.

Grundsätzlich stimme ich dabei zu, dass es zu unserer Erziehungsaufgabe gehört, unsere Kinder in diesen Kommunikationsraum Internet zu begleiten und Grenzen und Leitplanken zu setzen. Ich erlebe nur leider sehr oft, dass genau dieses nicht geschieht – interessanterweise vor allem bei denen, die „dieses Internet“ eher ablehnen und mit ihm wenig bis nichts anfangen können. Das mündet oft in Verbote, die von den Kindern umgangen werden. Oder in eine fappierende Gleichgültigkeit, die ein Zeichen von Resignation ist. Ironischerweise ist der Internetzugang und die Nutzung des Internets als Raum, um mit Freundinnen und Freunden in Kontakt zu sein, in den Familien sehr viel stärker kontrolliert und reglementiert, die Facebook und YouTube offen gegenüber stehen. Wahrscheinlich, weil sie wissen, was zu tun ist – und die Kinder tatsächlich begleiten können.

Wer Kinder hat und sich nicht mit Facebook (bei den etwas älteren Kindern) und YouTube (bei allen Kindern) beschäftigt, nicht mit Minecraft oder Onlinespielen, kann sie nicht begleiten und erziehen und – um es mal sehr hart zu formulieren – versagt als Eltern in der heutigen Zeit. Wer seine Kinder damit vor der Onlinewelt beschützen will, dass sie ihnen verboten und versperrt bleibt, macht seine Kinder (bewusst oder unbewusst) zu Außenseitern. Ähnlich wie in meiner Grundschulzeit in den späten 70ern die Kinder nachmittags außen vor blieben, die noch kein Telefon hatten.

Ein Raum voller Chancen und voller Gefahren
In den Gesprächen unter Eltern dreht es sich beim Internet meistens um die Gefahren. Und diese stehen auch in den klassischen Medien im Mittelpunkt. Dass wir unsere Kinder auf diese Gefahren vorbereiten und sie zu schützen suchen, ist auch richtig und wichtig – schließlich bringen wir ihnen auch bei, nicht einfach auf die Straße zu rennen oder bei irgendwem ins Auto zu steigen. Zugleich aber erklären wir ihnen da auch die Chancen: Dass es gut ist, zur Schule zu laufen oder zu fahren, dass es richtig ist, sich den Straßenraum der Umgebung zu erobern und mit den Freundinnen und Freunden umherzustreifen – das ist unter den meisten Eltern unumstritten. Diesen Konsens auf die Onlinewelt zu übertragen, ist überfällig.

Wir wissen und haben gelernt, dass Kinder und Jugendliche, die sich sicher auf der Straße bewegen, besser vor den Gefahren des Straßenverkehrs geschützt sind. Die gleiche Erfahrung machen Eltern, die ihre Kinder die Onlinewelt erobern lassen, auch dort: Dass ihre Kinder mit den Gefahren je besser umgehen können, desto mehr sie die Chancen kennen und erleben.

Für Jugendliche ist heute Facebook (noch) einer der wichtigsten Orte, um mit ihren Freundinnen und Freunden zu sprechen, um sich selbst darzustellen, um auf Ideen zu kommen. Für Kinder und Jugendliche ist YouTube heute der wichtigste TV-Kanal mit seinen unzähligen Möglichkeiten, mir mein Programm selbst zu gestalten. Wo wir Erwachsenen zu Telefon oder zur E-Mail greifen, nutzen unsere Kinder WhatsApp und Facebook, manche auch die Chatprogramme, die zu ihrem Onlinespiel gehören. Das ist zunächst einfach einmal Fakt und weder gut noch schlecht. Schlecht wird es erst durch unsere Zuschreibung – aber wer sagt denn, dass wir auf alle Zeit Recht haben damit, dass Qualitätszeit bedeuten muss, ein Buch zu lesen? Dass es nicht auch Qualitätszeit sein kann, gemeinsam mit Freundinnen und Freunden zu blödeln (via Facebook und WhatsApp) oder komplizierte Gebäude zu errichten (in Minecraft oder League of Legend).

Nur wenn wir als Eltern die Kommunikations- und Entertainmentbedürfnisse der Kinder ernstnehmen, werden sie uns mit unseren Regeln und Grenzen ernstnehmen. Denn die müssen wir ihnen setzen.

Erlaubnisse und Grenzen
Beispielsweise erlauben wir unseren Kindern YouTube und Facebook. Aber wir setzen die Grenze bei Chatrooms wie Knuddels und Co. Wir erlauben Räume mit hoher sozialer Kontrolle – und setzen Grenzen bei Räumen, die sich der Kontrolle vollständig entziehen. Wir haben eine klare Regel für Gespräche: sie dürfen niemals den Ort verlassen, an dem sie begonnen wurden (also nicht beispielsweise auf Skype oder WhatsApp ausweichen), wenn sie die Menschen, mit denen die Kinder reden, nicht aus der Schule oder aus einem anderen Bezug kennen. Unsere Kinder wissen und lernen jeden Tag mehr darüber, dass die Profile, die sie in sozialen Netzen oder auf Skype und Co sehen, nicht echt sein müssen, dass niemand weiß, wer dahinter steckt, wenn ich die Person nicht selbst kenne.

Hier gibt es also Grenzen, ebenso wie es zeitliche Grenzen gibt. Aber diese Grenzen funktionieren nur, weil sie in ein großes Erlaubnis eingebettet sind – und weil uns interessiert, was unsere Kinder nutzen und wie sie das tun. Weil wir ihnen nicht etwas nur deshalb verbieten, weil wir es doof finden oder nicht kennen. Weil sie erlebt haben, dass wir uns stundenlang über unsere Lieblingsfilme auf YouTube unterhalten können. Wir zeigen ihnen unsere (teilweise aus unserer Kindheit), sie zeigen uns ihre. Ohne dass wir laut sagen, wie schlimm wir das finden, was sie lieben.

Nur so werden wir mitbekommen, wo sie sich ihre Räume für sich und ihre Freundinnen und Freunde suchen. Sei es (aktuell angesagt) SnapChat, sei es neuerdings Twitter, sei es, was immer jetzt kommen mag, wenn sie anfangen, Facebook langweilig zu finden. Nur eine Sache ändert sich nicht seit Generationen: Freundschaft hat mit Menschen zu tun und mit Nähe. Und wo die Onlinenutzung nicht pathologisch wird, hat Freundschaft auch immer damit zu tun, sich in der Kohlenstoffwelt (also dem, was nicht online ist) zu treffen. Alle Erfahrungen der letzten Jahre sprechen dafür, dass Kommunikation in sozialen Netzwerken nichts daran ändert, wie Freundschaft funktioniert. Ja, unsere Kinder nutzen das Wort anders als wir (offener, mehr wie in USA), aber das Phänomen, das wir Freundschaft nennen, kennen sie auch. Nur das Telefon nicht mehr. Und den Brief.

18.6.13

Das nächste große Ding

Das, was nach Facebook kommt, wisst ihr, das kenne ich auch nicht. Aber das macht nichts. Denn ich bin überzeugt, dass es gar nicht "das nächste große Ding" geben wird. Jedenfalls nicht so bald. Sondern dass sich Menschen in ihrer Nutzung der Onlinedingsens ausdifferenzieren werden.

Was ich aber weiß, ist, wie sich das Onlineleben bei Jugendlichen zurzeit verändert. Daraus lassen sich schon einige Rückschlüsse ziehen. Einige erste Gedanken hatte ich letzten Monat schon einmal auf englisch aufgeschrieben und zur Diskussion gestellt. Und letzte Woche spontan daraus einen Vortrag auf der Fachtagung Social Media der depak gehalten. Lustigerweise als Ersatz für einen Facebook-Vortrag. Aber abgesehen davon waren dieses hier die Folien, die ich dafür zusammengestöpselt habe:


Mit Jugendlichen beschäftige ich mich ja sowohl beruflich als auch privat intensiv. Habe selbst drei sehr unterschiedliche zu Hause (plus ein Kind). Und bin in einigen Projekten involviert, bei denen wir Jugendliche kommunikativ erreichen und in einen Dialog, in eine Aktivierung bringen wollen.

Auch wenn ich weiß, dass aus dem Verhalten von Jugendlichen heute nicht auf ihre Verhalten in fünf oder zehn Jahren geschlossen werden kann, sind doch die Dinge, denen sie sich entziehen, die sie nicht machen ,spannend. Ebenso wie die Dinge, die sie für sich anders nutzen oder entdecken.

Twitter beispielsweise. Seit Beginn dieses Jahres mit enormen Zuwachsraten unter Jugendlichen, aber mit einer von meiner Nutzung sehr deutlich abweichenden Verwendung. Die nahbaren Stars dieser Generation, beispielsweise von YouTube, haben Followerzahlen, die "uns" Erwachsene mit den Ohren schlackern lassen. 50.000 junge Leute unter 16 Jahren sind da keine seltene Followschaft.

Oder dass sie vor den Vollhonks und vor dem Mobbing aus Facebook fliehen. Also Facebook anders nutzen als wir. Und sich in Räume zurück ziehen, in denen die Codes gleich sind unter denen, die da sind. In denen sie sich verstehen, ohne jedes Mal erklären zu müssen, was gemeint ist und wie es gemeint ist.

Oder dass sie mit verschiedenen ihrer Gruppen unterschiedliche Chat-Apps nutzen. Oder ganz WhatsApp lassen, weil sie auch gemerkt haben, dass ihre Eltern das schon kennen und sehen, wann sie zuletzt online waren. Beispielsweise Dienstag um 2.34 Uhr, direkt vor dieser wichtigen Matheklausur.

Das nächste große Ding ist aus meiner Sicht dieses Ende des Silos. Und das Zerfallen der Kommunikationsräume. Mehr Text bei Medium. Das ich ohnehin für eines der spannendsten Dings zurzeit halte. Mehr Bilder bei Instagram. Das weiterhin sehr wächst unter Jugendlichen und unter Erwachsenen. Starkes Ausdifferenzieren von Verhaltenweisen auf Twitter. Das damit mehr und mehr wirklich zur Infrastruktur wird und sich wegentwickelt von allem, was daran mal communityartig gewesen wäre.

Meine Drohung: Ich bleibe an diesem Thema dran. Denn ich merke, wie sehr es für viele andere noch neu ist. So wie für den Teilnehmer an der Tagung letzte Woche, der verzweifelt auf mich zu kam, weil einige Tage vorher gerade seine große Jugendkampagne gestartet war. Auf Facebook. Und mit SMS.

Ceterum censeo: Wer glaubt, mit Facebook Jugendliche zu erreichen, schreibt denen wohl auch noch SMS

17.4.13

SchülerVZ in den Mediaplan!

Heute früh stolperte ich über eine in meiner Regionalzeitung abgedruckte dpa-Meldung, nach der der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest herausgefunden habe, dass Facebook vor YouTube die beliebsteste Webseite bei Kindern in Deutschland sei. Mir fiel die Zeitung aus der Hand. Absurd, dachte ich. Jede Nutzungsstatistik von Facebook und YouTube und jede Privatempirie spricht dagegen.

Startseite SchülerVZ, Screenshot vom 17.4.
Also guckte ich mir das mal genauer an. Und es wird noch absurder. Es geht um die (direkter Link auf das pdf) KIM-Studie 2012. Und in der Pressemitteilung spricht der mpfs davon, dass an dritter Stelle der Beliebtheit das überaus erfolgreiche (meine Polemik) Netzwerk SchülerVZ stehe. Das immerhin scheint die dpa nicht in die Meldung übernommen zu haben, die ansonsten komplett aus dem ersten Absatz der Pressemitteilung besteht. In einer Pressemitteilung vom 16.4. (!) ist dabei kein Wort darüber zu lesen, dass eben dieses SchülerVZ zum 30.4. (!) schließt.

Ich sehe schon die Mediapläne für dieses Jahr vor mir, in denen mit Verweis auf die aktuellste verfügbare Kinder-Internet-Nutzungsstudie SchülerVZ dringend empfohlen wird.

Schon bevor ich das SchülerVZ-Thema sah, das zugegebenermaßen ein bisschen billig von mir ist, war ich allerdings massiv irritiert über die Aussage, dass Facebook bei unter 13-jährigen Kindern größer und beliebter sein soll als YouTube. Alles, was ich in den letzten Monaten an Zahlen las und jede Form von Privatempirie (und ich habe mit vier Kindern zwischen 7 und 17 ja nun schon ein kleines bisschen Zugang zu einer größeren Zahl Menschen in der Zielgruppe) widersprechen dieser Kernaussage der Studie.

Ich war dann sehr beruhigt, als ich die Methodik las. Die Zahlen für eine Studie, die in dieser Woche veröffentlicht wird, wurden vor etwa einem Jahr erhoben. Im pdf der Studie (oben verlinkt) heißt es auf Seite 4:
Für die KIM-Studie 2012 wurden im Zeitraum von 29. Mai bis 13. Juli 2012 insgesamt 1.220 deutschsprechende Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren in einem persönlichmündlichen Interview (CAPI) befragt.
Nur for the record: Der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest verschickt allen Ernstes eine Pressemitteilung, in der suggeriert wird, es sei aktuell so, dass Facebook das beliebteste und SchülerVZ das drittbeliebteste Webangebot deutscher Kinder zwischen sechs und 13 Jahren sei. Und stützt diese Behauptung auf Zahlen, die ein Jahr alt sind, was sie ganz hinten in der Pressemitteilung auch kurz antippen allerdings.

In einem Bereich, der schon bei Erwachsenen so volatil ist, dass jede, die sich ernsthaft mit Onlinenutzung beschäftigt, nie auf die Idee käme, Zahlen heranzuziehen, die älter als maximal drei Monate sind, wird vom mpfs für Kinder, deren Verhalten noch schneller Veränderungen unterworfen ist, auf 11 Monate alte Zahlen referenziert?

Geht's noch?

Für Langzeittrends mag eine Studie wie die KIM irgendwelchen Nutzen haben. Für Forschung vielleicht auch. Aber weder für Menschen, die sich mit Jugendmarketing beschäftigen, noch für solche, als als Lehrerinnen oder Eltern mit Kindern heute zu tun haben und etwas über die Gegenwart wissen wollen.

Ich bin sehr, sehr ärgerlich über die Kommunikation der Studie und finde sie (also die Kommunikation, nicht die Studie) massiv unseriös.

Ceterum Censeo: Wer glaubt, mit Facebook Jugendliche zu erreichen, schreibt denen wohl auch noch SMS.

16.4.13

Alte-Leute-Medium

In Abwandlung eines Ausspruches von Don Tapscott lässt sich schon heute sagen:
Facebook is a former mainstream network good for sending birthday greetings to your friends' parents.
Schon im August 2011 schrieb ich ja etwas zu reißerisch, dass ich auf Dauer Facebook keine Chance einräume. Die Gründe mögen fragwürdig sein und gelten heute teilweise nicht mehr so richtig - meine Einschätzung, was die Verschmelzung der Betriebssysteme angeht, stimmt so nicht. Aber dass sich Facebook zu einem Alte-Leute-Medium entwickelt, ist unübersehbar. Und das ist schlecht (für Facebook und die Kommunikatorinnen, die sich langsam endlich daran gewöhnt haben, Facebook ernst zu nehmen, teilweise noch als Jugendplattform lustigerweise, aber das ist beinahe schon eine andere Geschichte).

Die Zeichen mehren sich in fast allen Märkten, dass die nächste Generation sich nicht mehr zu 110% bei Facebook anmelden wird. Und dass schon jetzt ein signifikanter Teil der Jugendlichen, auch der älteren Jugendlichen, Facebook anders nutzt als wir uns das mal so vorgestellt haben.
Die Zahlen von zurückgehendem Wachstum in der sehr jungen Zielgruppe gepaart mit meiner Privatempirie legen mir nahe, dass es jetzt an der Zeit ist, die Augen offen zu halten.

Facebook hat aus meiner Sicht zwei offene Flanken, die sie nicht schließen können. Und nicht schließen werden. Dass sie strategisch auch in eine andere Richtung laufen als diese Flanken zu schließen, zeigt Facebook Home. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

1. Facebook ist elternverseucht
Wenn inzwischen mehr als die Hälfte der Eltern von Jugendlichen, die auf Facebook sind, dort auch rumturnen, ist das eher übel für dessen Reputation. Ja, noch nutzen sie massiv vor den Augen ihrer Eltern verborgene Funktionen wie Gruppen und Chat. Aber das wird zurück gehen, wenn das Posing für sie nicht mehr attraktiv ist auf diesem Netzwerk. Und das ist es schon jetzt immer weniger. Die starken Wachstumsraten von Twitter (auch in Deutschland jetzt erstmals, fast nur unter Jugendlichen) und Instagram (was mich weniger überrascht hat) sprechen dafür, dass sie ausweichen auf Netzwerke, in denen bisher nur wenige Erwachsene sind. Oder gleich ganz andere Dinge ausprobieren - ich bin beispielsweise sehr gespannt auf Wachstumsraten von SnapChat, vor allem, wo sie jetzt auch für das bei Jugendlichen sehr beliebte Android verfügbar sind (und ich halte SnapChat für tatsächlich sehr interessant, vor allem das Privatsphärekonzept, das daraus spricht). 
Warum sollten Jugendliche auf Dauer ein Netzwerk nutzen, auf dem die Eltern sind? Wenn, dann werden sie es so "sauber" nutzen wie wir Xing oder LinkedIn.
2. Sollbruchstelle Ausweisstelle
Die Funktion von Facebook, die de-facto-Ausweisstelle des Internet zu sein, trägt viel zu seinem aktuellen Erfolg und Sog, vor allem unter Erwachsenen, bei. Aber sie ist zugleich der Punkt, an dem sich die nächste Generation abwenden wird. Zunächst nur einige Subgruppen, die besonders stark auf Abgrenzung setzen, so wie es in linken Szenen lange schon große Facebook-Aversionen gibt. Und nach und nach weitere. Je mehr Facebook faktisch zu einem Silo wird, egal wie sehr sie den AOL-Fehler zu vermeiden suchen, desto schneller werden sich nachwachsende Gruppen abwenden.
Ich glaube nicht, dass sich Tertius, der jetzt 11 Jahre alt ist und sich sehr für Onlinenetze interessiert und für den selbstverständlich YouTube der First Screen ist, noch bei Facebook anmelden wird. Und wenn, dann nur, um es so zu nutzen, wie meine großen Kinder E-Mail: Als Notfallequipment, um mit Erwachsenen kommunizieren zu können.

Zeit, umzudenken.

Ceterum Censeo: Wer glaubt, mit Facebook Jugendliche zu erreichen, schreibt denen wohl auch noch SMS.

Edit 17.4.
Sozusagen als Fortsetzung ist hier der Beitrag über die am gleichen Tag veröffentlichte scheinbar dem hier widersprechende Studie des mpfs mit uralten Zahlen von vor einem Jahr.

12.1.13

Erläuterungen zu den Facebook-Reichweitenverlusten

Am Freitag habe ich auf der Seite von achtung!, wo ich ja den Bereich Digitale Kommunikations leite, einen Artikel veröffentlicht, der eine große Resonanz hatte - zu den Beobachtungen, die mein Team bei sehr vielen Facebook-Seiten gemacht hat, die wir für unsere Kundinnen führen oder zu denen wir über Partnerinnen Zugang haben, weil wir daran mitarbeiten.

Grob zusammengefasst ging es in diesem Artikel darum, dass seit dem 19. Dezember 2012 die so genannte "organische Reichweite" von Beiträgen der Facebook-Seiten sehr zurück gegangen ist, teilweise auch sehr massiv, teilweise auf nur noch 20% der Reichweite im Oktober und November (der Dezember fällt hier als Vergleich raus, dazu gleich). Unsere Erklärung dafür ist, dass wir annehmen, Facebook habe zu diesem Zeitpunkt endlich geschafft, die angekündigten Änderungen am Edgerank einzuführen. Explizit sind wir (also mein Team und ich) der Meinung, dass dies gut ist. Das sage ich auch mehrfach im Artikel.

Die Reaktionen waren gemischt. Von einer großen Zahl Community Manager, vor allem solcher mittelgroßer Seiten (mittelgroß nenne ich Seiten zwischen 100.000 und 1 Mio Fans), haben wir bestätigt bekommen, dass sie die gleichen Beobachtungen machen und es sich ähnlich erklären. Von einer Reihe von so genannten Facebook-Experten haben wir Gegenwind bekommen, exemplarisch sei der Blogpost von Johannes Lenz genannt, der einige von ihnen zitiert. Interessant ist dabei, dass - mit der Ausnahme Thomas Hutter, der unsere Beobachtungen und Erklärungsversuche auf allen Kanälen "Bockmist" nannte - selten und bei Johannes im Blog sogar gar nicht auf die Punkte eingegangen wurde, die uns dabei wichtig sind.

Die seien hier noch einmal etwas erläutert.

(1) Unsere Beobachtungen
Zuerst sind uns die Veränderungen an der Reichweite der einzelnen Posts bei den mittelgroßen Seiten aufgefallen, die wir betreuen. Dies sind Seiten zwischen 100.000 und 1 Mio Fans. Das Interessante ist, dass der Zusammenhang zuerst unseren Data Analysts auffiel, nicht den Kolleginnen im Community Management. Hier zahlte sich also aus, dass Community Management, Datenanalyse und Facebook Media bei uns so eng zusammen arbeiten.

Erst als wir hier bei diesen Seiten eine Spur hatten und wussten, wonach wir suchen müssen, konnten wir den gleichen Effekt auch bei den kleinen Facbeookseiten (also denen mit weniger als 100.000 Fans) nachweisen. Nach Rücksprache mit Data Analysts in UK und Frankreich, die unsere Beobachtungen bestätigten, haben wir nach Erklärungen gesucht.

Die zweite wichtige Beobachtung war, dass die Kommentare und das andere Engagement nicht zurück gingen. Das wird auch der Grund sein, denke ich, warum einige Experten so reflexhaft von Bockmist reden. Auch Johannes Lenz geht in seinem kritischen Blogpost gerade nicht auf unsere Beobachtungen ein - sondern behauptet, uns zu widersprechen, wenn er sagt:
Ich konnte bisher ein nennenswertes Abfallen von Engagement und Interaktion bei Facebook-Seiten nicht bemerken, sei es nun extern oder auch bei Kunden von AKOM360. (Johannes im AKOM360-Blog)
Nur: das sagen wir auch nicht. Im Gegenteil - das Phänomen ist ja gerade, dass nur die organische Reichweite zurück geht, nicht aber die Interaktion. Dass also die Interaktion im Grunde sogar extrem steigt, da ein höherer Prozentanteil derjenigen, die einen Post gesehen haben, mit ihm interagiert. Darum sagen wir auch, dass Facebook alles richtig macht in diesem Fall: es ist ihnen endlich gelungen, das konsequent umzusetzen, was sie schon lange versuchen und angekündigt haben.

Ich glaube denen, die kleine Seiten betreuen, sogar, dass sie keinen Rückgang der Reichweite bemerken. Wenn man nicht sehr genaue Datenanalyse macht und die Daten, die Facebook spitz liefert, auch selbst noch einmal speichert und auswertet, dürfte das oft kaum auffallen - und bei kleine Seiten lohnt sich eine wissenschaftliche Datenanalyse offenbar nicht immer (zumindest erleben wir, dass es viele noch nicht machen, obwohl sich das bald wird ändern müssen, wenn sie nicht vom Markt verschwinden wollen, aber das ist noch mal ein aderes Thema).

Beispielhaft sei hier eine Grafik aus einer Analyse einer deutschen mittelgroßen Seite gezeigt, ganz leicht anonymisiert und nicht bemaßt, bei Klick auf das Bild wird sie auch lesbar...

Entwicklung von organischer Reichweite, Kommentaren und Interaktion vom 8.10.12 bis zum 4.1.13

Was man gut erkennen kann, ist, dass die organische Reichweite der einzelnen Beiträge zunächst relativ stabil ist und die Interaktion an den Beiträgen nur geringe Auswirkung auf die organische Reichweite hat. Bei viraler Reichweite sieht es etwas anders aus, logisch, die ist hier nicht abgebildet, ebensowenig die bezahlte Reichweite. Ende November läuft die von Facebook ausgewiesene Reichweite dann aus dem Ruder - wir gehen hier, wie leider so oft, von fehlerhaften Zahlen von Facebook aus, das ist übrigens in der Vergangenheit meistens so gewesen, unmittelbar bevor eine größere (unsichtbare) Veränderung von Facebook produktiv gesetzt wurde.

Ab dem 19. Dezember sieht die Kurve der Reichweite anders aus als vorher. Sie variiert stärker und ist offenbar vor allem von einem Wert zusätzlich abhängig: von den Kommentaren. Mehr Kommentare führen zu mehr Reichweite führen zu mehr Likes etc. Wenn wir die Daten noch detaillierter auswerten, sehen wir dieses auch im Zeitverlauf.

(2) Unsere Interpretation
Dass diese Beobachtung sich in mehreren Ländern und für sehr viele Seiten so zeigen lässt, lässt für uns nur den Schluss zu, dass es eine Änderung bei Facebook gegeben hat. Anders ist es kaum zu erklären. Da die Situation jetzt sehr viel besser für die Menschen ist, die Facebook nutzen, und bei oberflächlicher Betrachtung sich gleichzeitig für die Seiten nicht viel zu ändern scheint, gehen wir davon aus, dass es genau so gewollt ist. Es passt auch zu den Ankündigungen rund um den Edgerank, die Facebook das gesamte Jahr 2012 immer wieder gemacht hat, die aber bis zum 19. Dezember keine konsistenten Änderungen nach sich zogen - vielleicht sind sich darum manche wie Thomas Hutter auch so sicher, dass es faktisch keine gibt. Ein Fehlschluss, wie die Analyse zeigt.

(3) Reichweite, ist die wirklich wichtig?
In den ersten Reaktionen auf unsere Entdeckung wurden wir von der einen oder anderen gefragt, warum uns Reichweite so wichtig sei - es sei für sie kein Wert, an dem sie gemessen werden. Das hat uns überrascht. Denn für Dialoge auf Augenhöhe, das alte Mantra der Social-Media-Gurus, ist Facebook ja eher nicht der Ort der ersten Wahl. Überhaupt ist Facebook für wenig substantielle Kommunikation der ideale Ort - aber hat eine potenziell große Reichweite im Massenmarkt. Zugespitzt würde ich so weit gehen zu sagen, dass Reichweite eigentlich der einzige valide Grund für die meisten Marken und Unternehmen ist, sich mit Facebook näher zu beschäftigen. Denn alles andere kann ich an anderen Orten besser.

(4) Und was ist mit diesem Nebensatz über Apps?
Es ist mein Fehler, dass ich von der eigentlichen Aussage in meinem Artikel - dass wertvoller, kommentierbarer und von den Menschen erwünschter Content wichtiger wird - ablenke mit dem Verweis auf den bevorstehenden Relaunch und meine Prognose, dass das neue Layout der Seiten sich wie in bisher jedem Relaunch an dem neuen Layout der Profile, das wir schon kennen und gesehen haben, orientieren wird. Und dass in dem die Apps und Co sehr viel unauffälliger platziert sein werden.

Dieses Thema spielt aber für die Aussage meines Artikels keine Rolle - weshalb ich auch tatsächlich nicht nachvollziehen kann, wie Johannes Lenz und AKOM360 sich in ihren Anmerkungen vor allem darauf stürzen. Schade, denn über die eigentlichen Aussagen würde ich gerne diskutieren - habe aber außer Hutters unbelegtem Anwurf, unsere Beobachtungen und Interpretationen seien Bockmist, bisher leider keine inhaltliche Kritik gesehen.

Dass Apps weniger wichtig werden, ist schon seit einem Dreivierteljahr etwas, das viele Agenturen beobachten und sehen - und ist auch logisch, denn Kosten und Ertrag stehen dabei meistens in einem nicht sehr günstigen Verhältnis, vor allem verglichen mit Content in Kombination mit Media.

(5) Ende des Kindergartencontents?
Ist das nicht eher Wunschdenken? Vielleicht teilweise. Aber wir beobachten in den letzten Wochen verstärkt, dass die Reichweite gerade bei Kindergartencontent und lustigen Bildern am stärksten zurück geht. Und dass im Gegenteil zu dem, was noch im November Hutter und der Chef von AKOM in ihrer Keynote auf der Konferenz von allfacebook postulierten, Posts mit Bildern sogar anfangen, von der Interaktion hinter vergleichbare Posts ohne Bilder zurückzufallen. Unsere ersten Erklärungsversuche hängen mit der zunehmenden mobilen Nutzung zusammen, aber das müssen wir weiter beobachten.

Seit dem 19. Dezember ist jedenfalls auffällig, dass Infocontent, der beispielsweise über Öffnungszeiten, konkrete Änderungen etc informiert, ungewöhnlich gute Reichweiten erzielt. Das freut uns, das können wir bisher nur beobachten und noch nicht abschließend erklären - aber das zeigt wiederum, dass es hier Änderungen gab, die für alle Seiten sinnvoll sind.

***

Ich danke jedenfalls meinem Team und den Kundinnen, mit denen wir gemeinsam diese Dinge entdeckt haben. Und ich bin froh, dass wir nun schon einige Zeit diesen neuen Weg gehen, die drei wichtigen Fachdisziplinen Community Management, Facebook Media und Data Analysis so eng zu verzahnen, dass wir relativ schnell mit einer sehr hohen Sicherheit solche Änderungen bei Facebook (und anderswo) erkennen können. Ihr seid die besten, ich bin stolz, dass wir zusammen arbeiten dürfen.

12.10.12

Kinderschutz im Internet

Nicht nur ich bekomme heute Alarm von anderen Eltern, denke ich. Nach der - übrigens, wie ich finde, sehr, sehr guten und gerade nicht alarmistischen - Doku im ZDF über die Verbrechen an Kindern, die von Perversen über Chatportale angebahnt werden.
Bevor ihr auf den Link klickt: Eine Warnung davor, dass das wirklich harter Stoff ist. Ich finde es richtig so, aber wer Kinder hat, wird mehr als nur einmal schlucken und Angst und Ekel empfinden. Ausdrücklich also keine Anschauempfehlung!
Im Kern geht es darum, dass gerade in so genannten "Chatrooms" und gerade in denen, die explizit für Kinder angeboten werden, tatsächlich in eher hoher Zahl Erwachsene gezielt sexuelle Kontakte zu Kindern und Jugendlichen suchen und Verbrechen begehen. Meine Kinder davor zu schützen, ist mir wichtiger als nahezu alle anderen Dinge rund um Medienerziehung und Internet.

Das erste Problem, das ich sehe, wenn ich mir anhöre, wie (andere) Eltern auf solche Dokus und auf die eine oder andere alarmistische Aufklärung reagieren, ist jedoch, dass viele in eine Art Angststarre fallen. Oder - wie auch in einem Beispiel in der Doku, das dramatisch ist - aus Verzweiflung und Unwissenheit das Kind mit dem Bad ausschütten. Und das zweite Problem ist aus meiner Sicht, dass viele Eltern - und in der Doku ein Polizist in einer Schülerinnenfortbildung - Dinge zusammen mengen, die nicht zusammen gehören.

Welche Empfehlung kann ich anderen Eltern geben - basierend unter anderem auf dem, womit ich auch selbst gute Erfahrungen gemacht habe?

1. Unterscheidet zwischen Chatprogrammen und Chatportalen
In der Panik und Diskussion wird immer wieder leichtfertig von "Chat" geredet. Oder von Sozialen Netzwerken. Aber das ist so falsch. Programme wie Windows Live (in der Doku als MSN bezeichnet) oder Skype kann ich so einstellen, dass mich dort niemand finden kann. Ich habe mit meinen Kindern die Verabredung, dass sie dort die Menschen zufügen, die sie aus der Kohlenstoffwelt kennen. Aus einem Spiel o.ä. dürfen sie nicht in diese Programme wechseln, wenn sie die Gesprächspartner nicht aus der Kohlenstoffwelt kennen. Das haben sie auch verstanden, nachdem einem meiner Jungs mal von einem Betrüger, den er auf Skype zugelassen hatte, sein Account bei einem Online-Rollenspiel leergeräumt worden war. Glücklicherweise nur ein Eigentumsdelikt und nicht mehr - so haben sie es auf die nur halb harte Tour gelernt.

Die Gefahr ist immer dann am größten, wenn von einem Kanal auf den anderen gewechselt wird - also wie in der Doku beschrieben beispielsweise von knuddels.de in Skype oder Windows Live. Nur, wenn wir Eltern uns mit all dem beschäftigen, können wir unseren Kindern helfen, dies zu verstehen und zu vermeiden. Nur, wenn wir ihnen erlaubte Wege aufzeigen, mit ihren Freundinnen aus der Kohlenstoffwelt auch online zu sprechen, werden wir hier die Spielregeln und Grenzen mitgestalten können.

Chatportale verbiete ich meinen Kindern. Punkt. Es gibt für Kinder und Jugendliche unter 14 keinen Grund, warum sie dort sein müssten. Mit den Kindern in ihren Klassen können sie andere Kanäle nutzen, in Hamburg auch ein schulinternes System. Zugleich erlaube ich ihnen, auch dem Zehnjährigen, Skype, WhatsApp und Windows Live. An ICQ haben sie kein Interesse, das ist bei uns in der Gegend out.

2. Unterscheidet zwischen (anonymen) Chatportalen und (pseudonymen) Netzwerken
Ich sehe sehr vieles sehr kritisch, wenn es um Facebook geht - aber es wie in der Doku, und das ist meine einzige kleine Kritik an ihr, in einem Atemzug mit Chatcommunitys zu nennen, ist unfair und sachlich falsch und gefährlich. Das Besondere an Facebook und vergleichbaren Netzwerken, wenn es irgendwann mal wieder welche geben sollte, ist, dass die Chatkommunikation eingebettet ist in Profile und öffentliche oder halböffentliche Kommunikation.

Ja, auch dort gibt es Perverse, auch dort gibt es Fake-Profile. Aber die soziale Kontrolle ist größer. Alle Freundinnen meiner Kinder können sehen, mit wem sie noch so befreundet sind, chatten kann mit ihnen nur, mit wem sie befreundet sind, ich kann sehen, mit wem sie befreundet sind - und ich kontrolliere das auch. Alle Handlungen auf Facebook sind mit einem Profil verknüpft. Was immer ich - auch, wenn ich pseudonym unterwegs bin - dort mache, bekommen meine Kontakte mit oder können sie mitbekommen. In Facebook gibt es, anders als die angststarren Menschen, die es nicht kennen, behaupten, keine Anonymität. Zu unterscheiden zwischen Anonymität und Pseudonymität, ist wichtig. Und wird in der Diskussion und beim Schutz unserer Kinder immer noch massiv unterschätzt.

Wichtig ist es, die Kinder bei der Anmeldung bei Facebook zu begleiten - und mit ihnen durchzugehen, wie die Einstellungen der Privatsphäre aussehen, wer einen über die Suche finden darf, wer einem Nachrichten schicken darf, wer chatten darf und so weiter. Eltern, die dieses nicht mit ihren Kindern machen, verletzen ihre Aufsichtspflicht. Punkt. Wer also sein Kind nicht aktiv bei der ersten Nutzung von Facebook unterstützt, macht sich mitschuldig an den Verbrechen und Übergriffen.

3. Seid da und ansprechbar
Nicht alle Eltern haben die Chance, so viel online zu sein wie ich. Aber wer seine Kinder schützen will und auf eine Erziehung in diesem Bereich Wert legt, kann nicht sagen, er oder sie habe keine Lust dazu. Bedingung dafür, dass meine Kinder mit 13 auf Facebook "dürfen", ist, dass sie mich als Kontakt haben. Meine Zusage ist, dass ich sie dort öffentlich in Ruhe lasse, also nicht kommentiere oder like oder so. Sie nicht "peinlich mache".

Aber so bin ich immer einen Klick von ihnen entfernt. So können sie mich jederzeit anchatten, wenn ihnen etwas komisch vorkommt - also schon bevor es so weit gegangen ist, dass sie sich in irgendwas verstrickt haben. Sowohl auf Windows Live als auch auf Facebook haben sie dieses Angebot auch schon mehrfach angenommen. Und das, obwohl unsere Beziehung oft auch sehr angespannt ist, wie es zwischen pubertierenden Jungs und ihren Vätern so ist. Ich habe auf dem Smartphone den "Facebook Messenger" installiert, bin also auch für sie da, wenn ich nicht stationär online bin. Und da ich weiß, dass sie mich nur anchatten, wenn es wirklich brennt, haben sie auch Priorität.

Nur, wenn wir Eltern uns öffnen für die Kommunikationsbedürfnisse und Unterhaltungsbedürfnisse unserer Kinder und Jugendlichen, werden wir sie unterstützen können, wenn sie in schwierige oder bedrohliche Situationen kommen. Das ist so wie in der Kohlenstoffwelt. Und Thomas Pfeiffer, der ich ohnehin sehr schätze, hat in der Doku vollkommen Recht, wenn er zu einem vernünftigen Umgang mit dem Thema aufruft. Das Beispiel Bahnfahren trifft es: So, wie ich meinen Zehnjährigen nicht alleine zu seinen Verwandten an den Niederrhein mit der Bahn fahren lasse, so lasse ich ihn auch nicht alleine ins Internet. So wie meine Großen in der Lage sind, alleine an den Niederrhein zu fahren und anzurufen, wenn sie da ankommen, mich aber bitten, ihnen bei der Reiseplanung zu helfen, so begleite ich sie in Netzwerke und Programme hinein und gebe ihnen Hilfestellung, wenn sie es wollen und brauchen - aber lasse sie allein "fahren".

Allerdings habe ich - das muss als Einschränkung dazu gesagt werden - bisher nur mit Jungs Erfahrungen gesammelt, dass dies so funktioniert. Quarta ist noch zu jung. Sie ist gar nicht online ohne physische Aufsicht. Ob es mit Mädchen, die ungleich häufiger Opfer von Attacken Perverser sind als Jungs, genau so funktioniert, kann ich nur annehmen - aber nicht aus eigener Erfahrung bestätigen.

Wie macht ihr das? Oder an die, die unsicher sind: Überzeugt euch das? Hilft es euch?

Update 19.10.
Habe ich dann auch noch mal eine Vortragspräsentation zu gebastelt. Halte ich auch mal, wenn ihr wollt.

31.8.12

Bevor Facebook stirbt....

können wir ja doch noch ein bisschen was damit tun. Denn nicht erst die Diskussionen der letzten Wochen machen ja deutlich, dass der anfängliche euphorische Charme von Facebook langsam versiegt. Schon vor einem Jahr und einem Tag schrieb ich ja überaus weitsichtig, wie es kommen wird dermaleinst mit dem Tode Facebooks. Zwischendurch bauen wir noch ein paar Apps, ok?

Was mich an Facebook von Anfang an fasziniert hat, ist die Abbildung von Beziehungen. Vor allem die Cluster aus Gruppen von Menschen, die ich auf Facebook kenne - und die sich untereinander auf Facebook kennen. Neuestes Spielzeug für so etwas ist ganz aktuell Wolfram Alpha, eine Informationsmaschine, die Analyseergebnisse und Suchergebnisse bündelt und visuell aufbereitet und computerable macht. Die Bilder in diesem Post stammen von Wolfram Alpha - ich habe die Seite mit meinem Facebook-Account gefüttert:

die Cluster meiner Bekannten auf Facebook


Witzig, wie sehr sich Menschen, die ich kenne, einander zuordnen lassen. Der große Fleck da ist meine Frau beispielsweise, die anderen rechts davon sind Menschen aus meiner Familie. Ein Kirchencluster, recht unverbunden miteinander in rot, das politische passend in grün.

Und wie ich so bin zeigen dann ja auch tatsächlich die Menschen, die ich kenne. Beispielsweise, welchen Beziehungsstatus sie mir angeben (denn nur das kann Wolfram Alpha auswerten):

Beziehungsstatus meiner Bekannten

Oder auch, wie ich selbst Facebook nutze. Über welche externen Instrumente beispielsweise (oder auch Anwendungen, womit wir wieder bei den Apps wären, aber das ist - sicher nicht untypisch, aber dazu ein anderes Mal mehr - von der Menge her verschwindend gering) ich da was reinschreibe - und wann:

Tools, mit denen ich Facebook füttere

Scary? Ja. Aber eben der Preis für die tollen Möglichkeiten der Kommunikation, die mir so ein Netzwerk bietet.

Mehr noch als jede interne Statistik, die mir Facebook anbietet und die ich beruflich für Seiten, an denen ich beteiligt bin, nutze, helfen solche Visualisierungen und Statistiken, Facebook zu verstehen - und ebenso die Art, wie wir miteinander reden und schreiben. Wen wir kennen und wie das kommen mag. Wenn ich mir meine Statistiken ansehe, merke ich wieder: Ja, Facebook (und wie ich es nutze, was beileibe nicht extrem intensiv ist, denn mein Hauptinstrument ist und bleibt Twitter) bildet mein Leben in der Kohlenstoffwelt recht gut ab. So sind die Menschen, die ich dort kenne, auch. So bilden sie auch da Gruppen und Cluster, so ist der Rhythmus meines Tages.

Und das ist dann nicht mehr so scary. Sondern nur noch faszinierend.

2.3.12

Erste Gedanken zur Chronik für Marken auf Facebook

Da habe ich nun mal etwas abgewartet und mir erstmal die Seiten von Kundinnen und anderen mit der neuen Chronik angeguckt, bevor ich was dazu sage. Und auch nach ein paar Tagen intensivem Test bin ich bei einigen Dingen noch hin- und hergerissen. Darum nur erste kleine Gedanken:

(1) Facebook wird Brandbook?
Nein. Nicht wirklich. Zwar werden die Einträge der Nutzerinnen aus der Pinnwand raussortiert. Aber: in den meisten anderen Sprachmärkten ist es so, wie auch auf immer mehr deutschen Seiten, dass ohnehin die Beiträge der Besucherinnen erst nach einem Klick auf "alle Beiträge" sichtbar werden. Insofern werden die durch die Chronik faktisch sogar besser auffindbar.

(2) Apps sind am Ende?
Im Gegenteil. Auch wenn Facebook zunächst so klingt, als würde es das so sehen, werden drei (!) Apps pro Seite prominenter als bisher sein und durch ein großes Teaserbild auch attraktiver. Was allerdings nichts daran ändert, dass 90% der Interaktion im Newsstream der Nutzerinnen stattfinden. Also jetzt bereits.

(3) Stärkerer Fokus auf der Kontakten der Fans
Eine Verbesserung sowohl für die Marken als auch für die Privatpersonen ist aus meiner Sicht der starke Fokus auf "meine Freunde" auf Seiten von Marken, die ich aufrufe. Sofort und "überm Bruch", also vor dem Scrollen, sehe ich, wie viele meiner (!) Kontakte die Seite gut finden. Und ein (offenbar wechselnder) Beitrag eines Kontaktes wird mir angezeigt. So wird die mögliche soziale Relevanz der Seite auf einen Blick deutlich.

(4) Facebook wird mich zuspammen mit Werbung?
Noch wissen wir nicht, was die Reichweitensteigerung von 16% auf 75% meint. Denn wir können es noch nicht ausprobieren in Europa. Wenn wir Kommunikatorinnen damit aber unsere Nutzerinnen nerven, ent-folgen sie uns schneller, als wir gucken können. Die Echtzeitstatistiken, die Facebook uns versprochen hat, werden uns helfen, das schnell festzustellen. Im Idealfall werden wir als Seiten also besser und relevanter, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen.

Noch wissen wir über zu viel zu wenig. Vor allem zu wenig aus der Praxis. Aber es spricht alles dafür, dass die Chronik dann gut für beide Seiten sein wird, wenn wir Seitenbetreiberinnen es behutsam, mutig und sinnvoll zu nutzen verstehen, was Facebook uns hier an die Hand gibt. Die ersten Schritte, die mein Team und unsere Kundinnen gegangen sind, finde ich bisher eher ermutigend.

26.9.11

It's not just German Angst. Privacy is a real issue

For some time, especially in Germany, discussing privacy issues around Facebook or in principle was referred to as a strange typical German thingy and behavior. Silly Germans, overreacting and so on. And maybe it's quite normal that we have here in Germany the Spackeria movement and all these post-privacy clowns as the overreaction to a overreaction.

As someone who was at the same time a privacy-aware citizen and a heavy user of social media platforms that undermine my privacy (and taking the latter as the costs I have to pay to get the convenience and fun and use of - let's say - Facebook) I am really happy that privacy related topics are reaching international mainstream (or at least the blogs of some bright thinkers in the online space).

Maybe it's just like Nik Cubrilovic says-
Privacy today feels like what security did 10-15 years ago - there is an awareness of the issues steadily building and blog posts from prominent technologists is helping to steamroll public consciousness. The risks around privacy today are just as serious as security leaks were then - except that there is an order of magnitude more users online and a lot more private data being shared on the web. (Nik Cubrilovic Blog - Logging out of Facebook is not enough)
or what Dave Winer just pointed out -
People joke that privacy is over, but I don't think they imagined that the disclosures would be so proactive. They are seeking out information to report about you. That's different from showing people a picture that you posted yourself. If this were the government we'd be talking about the Fourth Amendment. (Scripting News: Facebook is scaring me)
I am not a fan of panic. And I always argue that especially young people will find their way to deal with the changing concepts of private and public. But what I really don't like is when one of the players (here: Facebook) just ignores a solid and important discussion and topic that is important for the way we will live together in the future. I hope that the stunt of German journalist Richard Gutjahr will help to rise their awareness. And I am pleased to see that my post-privacy friends will not be able anymore to tell it's a phenomenon of German Angst and silly, anti-technology minded, far behind Germans.

Post-privacy can't be the answer to rising privacy issues with well-used internet platforms. I personally prefer the "default public" concept above the "default private" - but we definitly need privat room for privat discussions. With Dave's and Nik's posts we come near the core of the topic I guess.

30.8.11

Facebook wird sterben

Noch nicht heute, auch nicht morgen oder übermorgen. Aber es wird sterben. Und bevor das eine Binsenweisheit wird, etwas konkreter: Während Twitter und Google+ überleben werden, wird Facebook das nicht.

I.
Die drei größeren Stream-Services nicht nicht vergleichbar. Sie haben völlig verschiedene Konzepte des Nachrichtenstroms und der Öffentlichkeit. Aber sie bilden eine wichtige neue Infrastrukturidee ab - neben dem lokalen Betriebssystem, dem mobilen und dem Browser. Und bereits heute kann man drei große Blöcke sehen, die mehr und mehr integriert werden (also nicht miteinander sondern jeweils ihre Elemente).

Da ist Microsoft, das noch den Markt der lokalen Betriebssysteme dominiert, das dabei ist, mit Nokia einen Hersteller für sein mobiles Betriebssystem zu kaufen, und das eine strategische Partnerschaft mit Facebook hat.

Da ist Apple, das selbst mobile und stationär bedient, beides immer mehr zusammenwachsen lässt - und Twitter immer tiefer integrieren wird, ich denke, auch irgendwann kauft.

Und da ist Google, das gerade mindestens ein großes Patentportfolio rund um mobiles Internet gekauft hat, das ein anderes Betriebssystemkonzept verfolgt und mit Google+ nun einen Stream-Service rausgebracht hat, der tief in sein Ökosystem integriert ist.

II.
Wir werden also in den nächsten Jahren einen Dreikampf im Konsumentenmarkt erleben. Microsoft mit Facebook gegen Apple mit Twitter gegen Google. Noch - und sicher noch für längere Zeit - werden die Stream-Services Brücken zwischen diesen Welten bilden. Aber nicht für immer. Und bereits jetzt zeichnet sich eine sehr interessante Parallelität der Entwicklungen der Stream-Services und ihrer Häfen ab.

Twitter war immer (und wird immer sein) ein Service, der vor allem von einer digitalen Elite genutzt wird und von denen, die sich im Medienzirkus tummeln. Interessanterweise zu einem großen Teil die Gruppen, die Apple (jenseits des Massenmarktes Musik, den Google aber nun auch angreift) gezielt anspricht. Itunes und Twitter sind offen für andere Systeme, aber im Grund zielt all dies auf ein geschlossenes System von Multiplikatoren. Apple ist kein Massenmarkt, trotz iPhone und Co.

Facebook ist Mainstream. Und nahezu unbedienbar. Beides hat es (man denke nur an die Screenshots vom neuen Dateiexplorer von Windows 8) mit Microsoft gemeinsam. Und beiden gemeinsam ist, dass sie den de-facto Standard definieren. Noch. Denn Facebook wird - obwohl zurzeit noch mit einer etwas höheren Anpassungsfähigkeit ausgestattet - gemeinsam mit Microsoft untergehen.

Google kam als Parasit, nistete sich erst auf dem Wirt Microsoft ein und breitete sich von dort aus, bis es allein lebensfähig wurde. Nicht umsonst wird es von Microsoft heute als der wichtigste Konkurrent gesehen. Anders als Apple zielt Google immer auf den Massenmarkt. Und dort - wenn man sich beispielsweise mobile Betriebssysteme ansieht - auch auf den unteren Rand. Es ist ja durchaus ein spannendes Phänomen, dass es Google zurzeit gelingt, einen Teil der digitalen Elite (vor allem den mit technischem Verständnis) anzusprechen und den Massenmarkt. Ich denke, dass das nicht ewig so sein wird, aber im Massenmarkt wird es Microsoft massiv und immer massiver gefährlich. Auch Google+ zielt meines Erachtens (ich habe es neulich geschrieben) auf den Massenmarkt, auch wenn zurzeit noch die digitalen Vorreiter es bevölkern.

III.
Während Google+ tief in das Gesamtsystem Google integriert ist und Twitter mehr und mehr in Apples System verankert wird, geht es Microsoft wie immer: Sie haben Schwierigkeiten, ihre Teile sinnvoll zu verzahnen. Das ist schon mit der Xbox so gewesen, das wird mit Facebook so sein, auch mit Nokia und Windows Mobile. Dazu kommt, dass Facebook und Microsoft die größten Bruchkanten rund um Sicherheit und Privacy haben, wo sie zurzeit noch sehr unterschiedlich agieren. Es ist, wie schon bei der Allianz mit Nokia, also ein Zusammenschluss von trudelnden, schlecht integrierten Teilen.

Und darum bin ich überzeugt, dass Facebook ebenso wenig wie Microsoft überleben wird in diesem Dreikampf. Es ist noch für einige Zeit Platz für alle drei. Aber nicht ewig.

Facebook wird mit Microsoft untergehen, wenn der de-facto Standard Windows zu Ende geht. Google wird den Massenmarkt bedienen und einsammeln, das bereiten sie über Google+ und damit über massenhaft zunehmende Google-Konten vor. Die dann am Ende komplett ins Ökosystem zu ziehen, wird die leichtere der Übungen, die anstehen. Und Apple wird das dominierende Ökosystem einer jenseits von Smalltalk intensiv kommunizierenden Elite sein, die sich dann nicht nur gesellschaftlich sondern auch im Web weitgehend von der Masse abkapselt - und sie majorisiert über die Meinungsmacht und Publizistik und Unterhaltungsindustrie.

IV.
All das kann auch ganz anders kommen, klar. Aber es scheint mir als Szenario plausibel zu sein. Es passt zu den letzten Schritten, die die drei großen gegangen sind. Einer fehlt hier, das ist klar: Amazon. Der de-facto Standard für E-Commerce im Konsumentenmarkt.

V.
Und noch ein kleiner Nebenaspekt. Denn irgendwo wird ja die nächste Disruption herkommen. Ich denke, dass derjenige sowohl der Niedergang von Facebook und Microsoft beschleunigen als auch die nächste Infrastrukturidee über die bestehenden drei Systeme legen wird, der es als erstes oder als bestes, massentauglichstes schafft, einen Meta-Reputationslayer über die Streams zu legen. Also die relevanten Beziehungsmuster zu erkennen und für mich handhabbar zu machen. Dem traue ich eine ähnliche wirtschaftliche Disruptionskraft zu wie dem Auslagern der Rubrikenanzeigen auf spezielle Services Mitte der 90er.

Denn auffällig ist, dass die beiden überlebenden Stream-Services ja keine "Freundschaften", also gegenseitigen Beziehungen kennen, sondern sich darin ähneln, dass der individuelle Stream eher durch einseitiges "abonnieren" denn durch gemeinsames Einverständnis entsteht. Was im Übrigen ein weiterer, diesmal inhaltlicher Grund ist, warum Facebook sterben wird.

19.8.11

Kurz zur Datenschutzdiskussion rund um Facebook

Heute hat das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schläfrigeswig-Holstein den ersten richtigen Pflock gegen Facebook eingehauen und die lange schon bekannten Datenschutzbedenken mit einer Handlungsanweisung relevant gemacht. Unternehmen aus Schleswig-Holstein (so verstehe ich es) dürfen keine Facebook-Funktionen mehr auf ihren Websites einbinden und keine so genannten "Fanpages", also Profile, auf Facebook mehr betreiben.

Was ich an der Social-Media-Szene übrigens in diesem Zusammenhang schräg finde, ist, dass unendlich viele Leute die Meldung auf Twitter, Facebook, Googleplus weiter gereicht haben - aber kaum eine Meinung oder Einschätzung dazu. Eine der wenigen und auch gleich interessanten kam eben von Till Westermayer, die ich aber nur teilweise teile, siehe unten.

Ich kann einen Teil des Geschreis nicht verstehen, das sich nun gegen das Landeszentrum erhebt. Sicher, die Idee, es gäbe aktuell Alternativen zu Facebook, ist denkbar naiv und wirklichkeitsfern. Aber richtig ist der Hinweis, dass Nutzern von Facebook bewusst sein sollte, dass sie ihr informationelles Selbstbestimmungsrecht zu einem guten Teil (für das Internet) abgeben, wenn sie Facebook nutzen. Die Stelle, an der Weichert und seine Behörde meiner Meinung nach irren, ist die Annahme, den Nutzern sei das egal oder nicht bekannt - ist es nicht eher so, dass viele mit dieser Aufgabe ihrer Rechte den Komfort bezahlen, den ihnen Facebook bietet? Dass eben die Nutzung zwar kostenfrei aber eben nicht ohne Kosten ist?

Aber zum eigentlichen Punkt: Wer jetzt überrascht ist oder schreit, muss die letzten zwei Jahre unter einem Stein gelebt haben. Wer ein Facebook-Plugin auf seiner Seite eingebaut hat (wie ich auch hier), weiß (oder sollte wissen oder könnte wissen, wenn er jemanden gefragt oder beauftragt hätte, der was davon versteht), dass das gegen jede gute Sitte im Datenschutz verstößt und in Deutschland unter Datenschutzgesichtspunkten illegal ist. Warum wohl machen das beispielsweise die Markenartikler wohl nicht, die unter besonderer Beobachtung der Datenschützer stehen? An diesem Punkt zieht das Landeszentrum nur die notwendige Konsequenz, mit der ich schon lange gerechnet habe. Seriöse Berater haben schon von Anfang an ihre Kunden auf dieses Problem hingewiesen und darauf bestanden, dass der Kunde - wenn er es macht - sich bewusst für diesen Rechtsbruch entscheidet und nicht aus Unwissenheit aus Versehen.

Anders empfinde ich als Nicht-Jurist das Thema bei Facebook-Seiten. Hier laden ja Unternehmen und Marken zunächst lediglich diejenigen ihrer Kunden oder Fans ein, die ohnehin schon ihre Rechte aufgegeben haben. Warum sollen sie das nicht dürfen? Da verstehe ich tatsächlich nicht die Argumentation.

Update 16:18 Uhr
Siehe auch die (verständliche) juristische Einschätzung von Carsten Ulbricht.
/Update

Ein Wort noch zu Facebook: Ich nutze es, auch mit großer Freude, meine Kinder nutzen es, ich rate meinen Kunden, es zu nutzen. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht an sich und im Prinzip ablehne. Ich weiß durchaus, was da schief läuft. Und ich entscheide mich bewusst dafür, es trotzdem zu nutzen. Kann aber jede verstehen, die es nicht tut.

10.1.11

Das Monster der Falschheit

Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich mich am allermeisten aufregen kann, wenn jemand in einer Position, die an sich normalerweise Bildung voraussetzen sollte, ungebildet ist - also vor allem ohne profunde Kenntnisse in Geschichte, Kulturgeschichte, Kunst, Literatur und Religion daherplappert. Da kann ich sehr zum Snob werden.

Und darum wird der Titelbildredaktion des Spiegel wahrscheinlich die beißende Ironie gar nicht bewusst gewesen sein, als sie ihre Geschichte sehr wahr mit einer Adaption der legendären Karikatur von A.Paul Weber illustrierten, um zu verdeutlichen, dass sie sich an der faktenfreien, schlagenzüngigen, großmäuligen, krakenhaften Gerüchteküche über "das Internet" beteiligen.



(Bild merkwürdigerweise ohne Rechtehinweise zum Download abgelegt beim Webermuseum in Ratzeburg, das übrigens einen Besuch wert ist. Ob die es wirklich zur Verfügung stellen? Ich habe es hier vorsichtshalber mal nur verlinkt)

(Zum Thema selbst ist alles und überhaupt gesagt)

14.9.07

Disruptives Marketing

Ich mag so was nicht - aus dem Off und ohne Absender mit Marketing beballert zu werden an einer Stelle, an der ich es nicht erwarte. Siehe heute morgen Facebook:


Ich weiß, dass es diese "Sponsored Stories" in den Newsfeeds gibt. Das stört mich nicht an sich. Aber hier habe ich keine Möglichkeit, herauszufinden, wer da was warum wissen will. Nur dass es eine "sponsored" Umfrage ist. Und dann?

Finde ich mehr als irritierend und wirklich störend.

11.8.07

Zerfasern

Was mir vorher gar nicht so bewusst gewesen ist: Dadurch, dass ich meine Blogeinträge nach Facebook importiere (und auch bei jaiku darstelle beispielsweise, zerfasern tendenziell die Reaktionen. Da hier nicht so viel kommentiert wird, ist das kein Problem, aber im Prinzip ist es ja schon irgendwie ungünstig.

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