12.2.21

They

Über mein feministisches Aufwachsen und mein Reinwachsen in das, was wir damals in den 80ern und 90ern in meiner Kirche "geschlechtergerechte Sprache" nannten (ich war Teil der Synode und einer der Treiber darin, die dafür sorgte, dass die Verfassung und alle Gesetze in diese Sprache umgeschrieben wurden), habe ich schon oft geschrieben. Und Sprache als Mittel des Sichtbar-Machens habe ich seit dem Studium gekannt – auch weil ich mich damals, etwa seit 1990, intensiv mit Inklusion (damals sagten wir noch überwiegend Integration) beschäftigt habe. Um 1990 herum war das in der Schulpolitik mein Schwerpunkt, lustigerweise war Hamburg in dem Bereich damals weiter als die meisten anderen, weil die Schulsenatorin auch persönlich das Thema trieb. Wie wir Dinge und Menschen benennen, um sie sichtbar zu machen, war immer schon Thema bei uns, sowohl politisch und kirchenpolitisch als auch privat. Es war gerade der Übergang von "Menschen mit Behinderungen" zu "Menschen unter der Bedingung einer Behinderung", nur um mal die Granularität des wissenschaftlichen Diskurses zu zeigen. Und darauf hinzuweisen, dass das alles echt nicht neu ist und ebensowenig die absurden Abwehrkämpfe dagegen.

Seit den frühen 1990er Jahren hat sich bei mir – vor allem, weil ich mich eben in einer Szene bewegte, in der es normal war, so zu sprechen – der Automatismus herausgebildet, in der gesprochenen Sprache männliche und weibliche Formen zu nutzen. Tatsächlich ist das in den letzten mindestens 20 Jahren nichts Bewusstes mehr sondern "passiert", ist meine natürliche Sprache. Wie sehr, merke ich gerade, weil ich diese Sprache zu verändern versuche. 

Lernen

Denn in den letzten Monaten habe ich nicht nur mehr und mehr gesehen und gehört, wie sich bei vielen eine neue Selbstverständlichkeit inklusiver Sprache herausgebildet hat, sondern lerne ich auch durch meine Kinder und ihre Umfelder, dass es von Menschen, die sich nichtbinär identifizieren (also sich nicht dauerhaft oder klar oder überhaupt einem der traditionellen Geschlechter männlich oder weiblich zuordnen), den Wunsch gibt, sprachlich sichtbar zu werden. So wie in den 80ern der Wunsch von Frauen, sprachlich sichtbar zu sein, zu der Veränderung und dem Lernprozess in "meiner" Szene führte.

Darum habe ich vor einiger Zeit angefangen, zu versuchen, das "Gendergap" zu sprechen. Also den im Deutschen ja sehr üblichen Glottisschlag zu verwenden, wie wir ihn aus Spiegelei oder beeilen kennen. Und das generische Femininum, das ich seit rund zehn Jahren relativ konsequent in meinen Texten nutze, durch den : als Gendergap zu ersetzen.

Normalität 

Wie schwer mir das fällt, überrascht mich. Meine Kinder nutzen es sehr flüssig. Ich kenne und höre einige, die es schon länger sehr flüssig nutzen. Ich merke oft erst, wenn ich die weibliche Form fertig ausgesprochen und das "und" angesetzt habe, dass ich es wieder vergessen habe. 

Und das, obwohl ich es inzwischen oft im Deutschlandfunk höre, in einigen meiner Lieblingspodcasts, sogar in der Tagesschau oder jetzt gerade in einem Werbespot [disclosure: Kund:innenprojekt].

Auch, wenn es bestimmt Menschen gibt, die das nicht so sehen, weil es in ihren Umfeldern weniger Leute gibt, die es tun: das Gerndergap als Glottisschlag (im Sprechen) und : (im Schreiben) ist inzwischen für sehr viele Menschen Normalität. Finde ich toll.

They

Da ich beruflich eine international Rolle habe, also überwiegend in englischer Sprache arbeite, kreativ bin und schreibe, bin ich immer wieder begeistert, wie selbstverständlich und normal zumindest im akademischen und Medienkontext gendersensible Sprache da ist. Wie sehr sich das "they" etabliert hat, wo früher ein männliches oder weibliches Pronomen verwendet wurde. Wie, zumindest für unsere nicht-native Ohren, elegant das da klingt (obwohl es für viele sicher ebenso abstoßend ist wie bei uns der Glottisschlag). 

Oder auch, wie selbstverständlich es ist, in Profilen in Netzwerken oder in E-Mails die eigenen Pronomen mitzuteilen (was ich auch tue seit einiger Zeit). Wie viel weiter und wie viel selbstverständlicher in Arbeitszusammenhängen sensible Sprache in diesem Sprachraum ist. 

Üben

Als ich merkte, wie schwer es mir fällt, meine (gesprochene) Sprache umzustellen, und als ich andererseits sah, wie viele (meistens jüngere) Kolleg:innen anfingen, in internen Besprechungen mit Gendergap/Glottisschlag zu sprechen, hatte ich die Idee, dass wir es doch als Team einmal richtig ausprobieren könnten. Was wäre, wenn wir uns – vielleicht erstmal für eine begrenzte Zeit – vornehmen, es konsequent in beruflichen Zusammenhängen zu tun? Wenn wir unsere jeweilige Meinung dazu einmal zurückstellen und ausprobieren, ob es geht, ob es funktioniert, wie es sich anfühlt, was das mit uns macht. 

Ich bin super dankbar, dass das Leadershipteam von BCW in Deutschland das für eine gute Idee hielt – und nun gestern diese Initiative gestartet hat: dass bis zum Weltfrauentag einmal alle versuchen, es konsequent zu nutzen.

Wir werden dabei immer wieder scheitern. Für einige wird es sich doof anfühlen. Einige werden nicht mitmachen. Aber ich bin mir sicher, dass alle es bemerken werden – dadurch, dass wir darauf achten, uns gegenseitig ermutigen oder erinnern; dadurch, dass es sehr viel häufiger zu hören und zu lesen sein wird; dadurch, dass es Teil unseres Alltags wird.

Ich selbst hoffe, dass mir dieses gemeinsame Üben dabei hilft, dass es schneller geht, dass ich es in einen Automatismus überführe. Denn ich kann und will mich nicht darauf ausruhen, was ich vor 30 Jahren gelernt und geschafft habe. Ich will ein Ally sein. Und das nicht nur, weil meine Kinder es von mir verlangen.