13.1.21

Brutalismus

Das Kloster Sainte-Marie de la Tourette, gebaut von Le Corbusier


Vielleicht bin ich in Bezug auf Brutalismus etwas sensibler, weil ich ihn zum einen in der Architektur mag (jaja, ich weiß, da bin ich einer der ganz wenigen, ich mag ja auch Beton wirklich gerne, neben Holz, aber das ist eine andere Geschichte) und zum anderen immer wieder eine heißkalte Faszination für die theologische, philosophischen und politische Bewegung hatte, die ich einem Brutalismus zuordnen würde: die Konservative Revolution (auch wenn mir bewusst ist, dass der Begriff nach 1945 von dem Faschisten Armin Mohler gebildet wurde, um bürgerliche Rechtsextreme nachträglich vom Nationalsozialismus zu trennen und anschlussfähig für die neue Zeit zu machen). 

Die Beschäftigung damit kommt vor allem aus dem etwas intensiveren Studium Friedrich Gogartens, der für mich vor allem so faszinierend war, weil er einerseits vielleicht der einzige seiner Generation war, der meines Erachtens Luther verstanden hatte (so wie sein Schüler, mein Lehrer Matthias Kroeger dann eine Generation später) und andererseits irre hart an der konservativen Revolution dran war. 

Kirche Johannes XXIII., Katholische Hochschulgemeinde Köln
Vielleicht machen mir darum Beobachtungen eines Extremismus der Mitte und eines libertären Brutalismus aber auch nur mehr Sorge. Zumal dazu kommt, dass ich über die Begegnung mit dem Christianismus auch die andere Quelle der Brutalismus-Bewegung gut kenne. Dass libertär und christianistisch so famos zusammen gehen, ist uns aus den USA bekannt, aber hier bei uns in Europa und in Deutschland wenig beschrieben. Über Christianismus werde ich noch mal gesondert schreiben. Der macht mir tatsächlich noch mehr Angst als alles andere, vielleicht, weil ich ihm lebensweltlich näher bin, ihn eben besser kenne.

Mir geht es nicht um eine Alarmstimmung. Ich beobachte, dass sich sowohl Christianismus als auch libertärer Brutalismus weiter radikalisieren und die Mitteextremist:innen beides zugleich immer stärker normalisieren. Aber andererseits – und das finde ich unglaublich ermutigend – ist es in den USA gerade (möglicherweise erstmals!) gelungen, den Faschismus in Wahlen zu besiegen. Knapp, weil er es geschafft hatte, neben dem harten Kern eine Koalition an sich zu binden, in der Libertäre, Christianist:innen und Mitteextremist:innen waren (darin übrigens ja nicht unähnlich den meisten faschistischen Regimen des 20. Jahrhunderts).
Was mir Sorge macht, ist, wie Libertäre, vor allem libertäre Brutalist:innen, und Mitteextremist:innen, die jeweils an sich mit dem, wie sie sich Gesellschaft vorstellen (jetzt einmal vereinfacht gesagt, denn für Libertäre ist das an sich ja schon so nicht ganz richtig), vom Faschismus eher weiter weg sind (anders als Christianist:innen), wie diese also durch Koalitionen, Normalisierungen oder Zentrismus Gesellschaften kontinuierlich und nachhaltig immer weiter nach Rechts verschieben. Libertärer Brutalismus und Mitteextremismus können eine freie Gesellschaft nicht gegen die faschistische Herausforderung verteidigen, weil sie die entweder nicht sehen oder nur für eine von mehreren halten.

Was ich tragisch finde, ist, dass beide Ideologien sich selbst aus möglichen Bündnissen gegen den Faschismus herausnehmen, wenn auch aus unterschiedlichen Motivationen und Überlegungen. Gemeinsam ist ihnen nach meiner Wahrnehmung nur, dass sie – wie historisch in bisher jeder Gesellschaft, in der Faschist:innen die Macht übernommen haben – dem Faschismus nie entgegentreten. Zumindest nie aktiv. Ich denke, dass das auch damit zusammenhängt, dass sie den Status Quo, gegen den der Faschismus sich erhebt, nicht intensiv genug verteidigungswürdig finden. Weil er angeblich linksgrün versifft sei. Oder weil er dazu führt, dass angeblich nicht mehr alles gesagt werden dürfe. Oder weil er die Privilegien ihrer Protagonist:innen nicht genug schützt. Oder oder oder.

Ich persönlich finde Mitteextremist:innen dabei graduell unangenehmer, weil ihr Beitrag zur Normalisierung des Faschismus subjektiv "gute" Motive hat – indem sie eine Spaltung der Gesellschaft diagnostizieren, die es zu überwinden und versöhnen gelte. Ihr Apriori ist dabei, dass es "auf beiden Seiten" Gute und Böse gebe und "beide Seiten" irgendwie (gleich) falsch seien. Ihr Extremismus ist dabei vor allem, dass sie ihre Privilegien nicht reflektieren, zu denen gehört, dass sie Faschist:innen umarmen und versöhnen können, weil sie von ihnen nicht unmittelbar angegriffen werden. Eine Versöhnung mit den Feind:innen muss ich mir erstmal leisten können. 
Darüber, die wichtig es ist, sich auf Unterstützung verlassen zu können, habe ich ja schon mal geschrieben. Wichtig vor allem für die, die von Faschist:innen angegriffen werden. Wichtig aber auch für die Gesellschaft, die sie gerade mürbe zu machen versuchen, indem sie sie als Diktatur diffamieren, Anstand ablehnen ("politisch korrekt") oder von der Gesellschaft einfordern, dass niemand ihnen widersprechen darf ("cancel culture"). Es sind nur Beispiele – aber hier wird bereits das Problem mit Libertären und Mitteextremist:innen deutlich: dass beide Gruppen es nicht schaffen, sich hier konsequent und durchgängig auf der Seite der freien, liberalen Gesellschaft zu positionieren. Dass sich eben nicht auf sie verlassen kann, wer für diese Gesellschaft aufsteht.

Wer nicht zwischen Gegner:innen und Feind:innen unterscheidet und sie sehr unterschiedlich behandelt, betreibt das Geschäft der Feind:innen. Wer Streit und Hass nicht unterscheidet, wer statt für Zusammenhalt auch unter Gegner:innen für Versöhnung mit den Feind:innen plädiert, kann die offene Gesellschaft nicht verteidigen. Sondern ist Extremist:in.

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