22.3.05

Nicht so eindeutig

Ich habe mich gestern Nachmittag sehr über den Moderator im Deutschlandfunk geärgert, der in den Informationen am Abend den Bericht über Terri Shiavo anmoderierte (nach dem Gedächtnis so ungefähr zitiert):
Da unterbricht der Kongress und der Präsident seinen Osterurlaub, nur um zu verhindern, dass Terri Shiavo in Ruhe sterben darf.

Nein, so eindeutig und so einfach ist das nicht.

Was ist da los aus meiner Sicht?
Da sind zwei Angehörige, die unterschiedliche Ideen haben, was mit Terri passieren soll. Einer will, dass sie stirbt, eine will, dass sie weiter lebt. Mir steht nicht zu, die eine Position für an sich wertvoller zu halten - und schon gar nicht, bigott zu fragen, ob denn das noch Leben sei, wie es beispielsweise die Bild heute tut (ich hab nur die Überschrift gesehen quer durch drei U-Bahn-Bänke, aber das reichte mir schon). Für tieferes Eintauchen (wobei es selbst mich hin und wieder dabei schüttelt) lohnt vielleicht ein Blick in die rechte und reaktionäre Blog-Szene in den USA, in der es zurzeit ein großes Thema ist.

ABER:
Wenn die Mutter erlebt, dass Terri reagiert, dann kann ich das nicht einfach so beiseite wischen. Wenn Terris Mann innerlich längst mit ihr abgeschlossen hat (was ich ihm nicht vorwerfe, sondern verstehen kann), ist er imho kein guter Ratgeber und halte ich es für pervers, ihm die Entscheidung aufzubürden - ebenso wie ich es nicht in Ordnung finde, dass er sich für ihre Tötung stark macht. Ob sie leidet, kann niemand wissen! Und selbst das wäre nicht zwingend ein Grund. Insofern teile ich die Position von Bush in diesem Fall, auch wenn ich mal wieder kopfschüttelnd vor dem offenbaren Kulturkampfpotenzial stehe.

Spontan musste ich darüber nachdenken, was eigentlich in meiner Familie passierte. Meine Mutter ist seit rund zwei Jahren in der Endphase von Alzheimer. Sie lebt und mir scheint, sie fühlt - auch wenn sie keine erkennbaren Reaktionen auf uns zeigt. Das kann noch zwanzig oder mehr Jahre so gehen, da sie diesen Sommer erst 59 wird. Mein Vater hat seit einem guten Jahr eine neue Partnerin, was ich ihm gönne, auch wenn es nicht so einfach war für mich zunächst. Ich wäre mir nicht sicher, ob wir beide einer Meinung wären, wenn es Spitz auf Knopf steht mit meiner Mutter. Wer soll dann entscheiden? Wer soll mehr Recht haben dürfen?

B und ich werden für uns eine klare Konsequenz aus dieser Überlegung ziehen. Wir werden unsere General- und Vorsorgevollmacht dahingehend ergänzen, dass wir die Entscheidung über Leben und Tod des anderen einschränken, wenn der Bevollmächtigte in einer anderen Beziehung lebt. Da wir beide auch Geschwister haben, die ohnehin Ersatzbevollmächtigte sind, werden wir sie für diesen Fall vorsehen.

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