31.7.15

Die Würde des Menschen ist eingeschränkt unantastbar

Dass ich kein übertrieben großer Fan von Ex-Ministerin Kristina Schröder bin, ist für euch sicher nicht so überraschend. Dass sie kein übertrieben großer Fan des Grundgesetzes zu sein scheint, ist für mich dann schon eher überraschend*.

Das Positive vorweg
Die ersten Reaktionen aus Regierungsfraktionen auf den staatlichen Anschlag auf die Pressefreiheit gestehen immerhin zu, dass es ein Anschlag auf die Pressefreiheit sei - dass die halt einfach nicht uneingeschränkt gelte (was stimmt, siehe Grundgesetz Art 5 II). Damit sind die Linien klar. Und es ist von denen, die für diesen Anschlag sind, auch klar gemacht, dass es um Pressefreiheit geht und darum, wie sehr wir sie einschränken wollen. Das ist ein lohnender Kampf.

Das Erschütternde dann aber auch
Für eine Ex-Ministerin und MdB gibt es keine Grundrechte, die schrankenlos gelten:
Während ich gerne und hart mit Reaktionärinnen über die Pressefreiheit #ups streite, mache ich das nicht mit Verfassungsfeindinnen. Die Vorstellung, Art. 1 und 3 (die beide explizit KEINEN Gesetzes- also Einschränkungsvorbehalt haben) gälten nicht schrankenlos, ist nicht nur absurd und gefährlich - sondern ein Grund, sich mit den eigenen Aktionen auf Art. 20 (4) zu berufen.

Was für eine - sorry - perverse Vorstellung von ihrer Macht als Parlamentarierin oder vorher Ministerin hat denn Frau Schröder bitte, wenn sie meint, auch die elementaren Grundrechte würden nicht schrankenlos gelten - sondern seien durch ihr (gesetzgeberisches) Handeln einschränkbar? Ja, das Parlament kann die Pressefreiheit einschränken, die Pressefreiheit hat sogar eine explizite Einschränkung in ihrem eigenen Grundrechtsartikel (auch wenn diese Ehre-Einschränkung irgendwie schräg ist an dieser Stelle). Aber auch Frau Schröder kann Art. 1 und 3 (Würde des Menschen und Gleichheit vor dem Gesetz) nicht mit Schranken belegen.

Es ist ein Skandal
Und es zeigt, wie weit wir in diesem Land tatsächlich schon wieder sind, dass hochrangige Politikerinnen auf eine der größten Demokratiekrisen seit der Spiegel-Affäre 1962 mit einer Verhöhnung des Grundgesetzes reagieren. Und ihr wundert euch, dass der Ton rau wird?

Und noch zur Pressefreiheit
Ich trage ja Verantwortung für eine PR-Agentur. Und für uns PR-Leute ist Pressefreiheit nicht nur irgendein einschränkbares Dingens. Sondern eine wesentliche Voraussetzung für unsere Arbeit. Darum reagiere ich so empfindlich auf den Anschlag (also nicht nur darum, aber eben auch darum). Darum müssen wir führenden PR-Köpfe uns so klar und eindeutig und laut und deutlich gegen diesen Anschlag auf die Pressefreiheit positionieren. Funktionierende, freie, mutige Medien und Publikationen sind die Basis dafür, dass wir unseren Job für unsere Kundinnen machen können. Denn sie sind ein wesentlicher Teil des "Public" in Public Relations. Der staatliche Angriff und die indifferente Haltung der Regierungsfraktionen zu diesem Angriff gefährden mein Geschäft. Schaden der Firma, für die ich Verantwortung habe.

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* doch, echt, ist es. Ich gehöre nicht zu denen, die gleich allen, mit denen sie politisch über Kreuz sind, Bosheit oder Dummheit unterstellen (echt nicht). Und obwohl ich Frau Schröder für reaktionär halte, dachte ich, dass sie einen klaren, christlich geprägten Wertehaushalt hat und voll aufs Grundgesetzt steht.

30.7.15

Um den Schlaf gebracht

Seit Jahren gab es die Terrorwarnungen. Und dann plötzlich brach der Terror im ganzen Land los. Seit Anfang des Jahres gibt es jeden einzelnen Tag einen islamistisch motivierten Terroranschlag. Vor allem auf Wohnhäuser von Deutschen. Teilweise auch auf fast fertig gestellte neue Wohnblocks, die in den letzten Jahren wieder verstärkt gebaut und gefördert wurden. In Hamburg beispielsweise mit dem ehrgeizigen Wohnungsbauprogramm, das die SPD bei Regierungsübernahme vor mehr als vier Jahren angeschoben hat.

Die Sympathie und Unterstützung dafür, dass immer mehr Moslems sich trauen, der Scharia und ihrer Überzeugung zu folgen und nicht den ohnehin aus ihrer Sicht versagenden Gesetzen dieses Landes, wächst seit Monaten massiv. Zunächst unter Muslimen, die eingewandert sind, jetzt aber vor allem unter den hier geborenen, die sich zunehmend als Verlierer der großen Veränderungen fühlen, die dieses Land seit einigen Jahren erfassen. Ihre eher diffuse Wut darauf, nicht gehört zu werden und von den Medien und der Politik links liegen gelassen worden zu sein, entlud sich an einigen Orten in Massenkundgebungen und der Bildung von Bürgerwehren.

Bürgerwehr
Obwohl die Politik seit einigen Jahren den Aus- und Umbau von Polizei und Sicherheitsgesetzen vor allem mit der Terrorgefahr begründet hat, traf es sie unvorbereitet, als der islamistische Terror dann tatsächlich losging. Wahrscheinlich, weil es schleichend begann - hier mal ein Brandanschlag, dort mal eine Demonstration - und sich eine gewisse Gewöhnung einstellte. Vor allem CDU und SPD waren schnell dabei, Verständnis für die Ängste der Moslems zu bekunden. Mit einer recht eleganten Rollenverteilung: Während die Kanzlerin weiterregierte, als ob es den Terror nicht gäbe, versuchte sich der Vorsitzende der SPD und Vizekanzler in einer Umarmungsstrategie. Er begann einen Dialog mit den islamistischen Kämpfern und erklärte die Ideen ihrer Unterstützer rund um die Einführung der Scharia für diskussionswürdig. Medien begannen, die Terrorbewegung als "Aufklärungskritiker" zu bezeichnen.

Gated Community
Der Trend, dass sich Angehörige der deutschen Mittelschicht in so genannte "Gated Community" zurück ziehen, hatte schon deutlich vor dem Aufflammen des Terrors begonnen. Inzwischen bekommen diese Siedlungen deutliche Unterstützung von Landesregierungen gleich welcher Farbe - ob CSU, Grüne oder SPD.

Auffällig ist, dass die Hardliner unter den Innenpolitikern seltsam verstummt sind. Haben sie in den letzten Jahren für die volle Härte des Gesetzes plädiert, äußern sie sich fast gar nicht zum islamistischen Terror. Auch der Bundespräsident schweigt, ebenso der Großteil der Künstler und Medien.


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Wenn gar nichts anderes hilft, kannst du immer noch die Boxen aufdrehen. Denn das laute Schweigen der sonst so lauten Künstlerinnen ist bedrückend und irritierend. Wieso ist Farin einer von nur dreien oder so, die sprechen? Und wo ist eigentlich der Bundeshorst, wenn man ihn mal braucht?

16.7.15

YouTube ist doch was für Kinder

Was regen sie sich alle auf. Die Journalistinnen darüber, dass +LeFloid irgendwie angeblich nicht kritisch nachgefragt habe. Die PR-lerinnen (mich eingeschlossen in meiner ersten Reaktion), dass +LeFloid PR für Merkel macht. Die linken Bloggerinnen (mich eingeschlossen in meiner ersten Reaktion), dass Merkel ihre normale Merkelisierungsnummer abzieht.

Und dann rede ich mit Lehrerinnen, die 16-jährige unterrichten, die gerade ihren Ersten Schulabschluss gemacht haben (früher: Hauptschulabschluss). Und fast unisono erleben sie, dass die Jugendlichen das Video sehen wollten. Teilweise zwangen sie ihre Lehrerinnen, am letzten Schultag (!), noch kurz bevor sie sich zum Abschlussfrühstück hinsetzten, das Video auf das Smartboard zu werfen. Und sahen zu einem großen Teil ruhig (ungewöhnlich) und interessiert (seeehr ungewöhnlich) zu. Und fanden es mega. Heißt: interessant, sympathisch - und von +LeFloid cool.

Dazu zwei Anmerkungen vorweg:
Ich nehme mir vor, bei so Dingen, die so gar nicht für mich gemacht sind, wieder erstmal mit Leuten zu sprechen, für die sie gemacht sind. Und: Dass es funktioniert und von der Zielgruppe für gut befunden wird, sagt dennoch nichts über Qualität oder Sinn.

Aber: Die Erfahrung im Zielgruppen-Umfeld ist, dass es +LeFloid selbst mit diesem langsamen und leicht unbeholfenen Format gelingt, für Politik zu interessieren. Was ich mega finde. Und wie ich immer und überall ungefragt anmerke: Ich bin saufroh, dass meine Kinder und überhaupt die nächste Generation ihre politische Bildung und ihre bevorzugten politischen Kommentare von +LeFloid bekommt und nicht von irgendwelchen Spinnerinnen und krakeelenden Rechten oder so. Ich bin dir dankbar. Und zwar sehr.

Und dann sprach ich gestern Abend mit meinen Kindern über dieses Interview. Das ist jetzt nicht repräsentativ, gar nicht. Obere Mittelschicht, auf dem Weg zum Abi, medienaffines Elternhaus including Tageszeitung zum Frühstück, u know. Aber die Reaktionen waren interessant:
  • Der 18-jährige, sehr politisch, latent linksradikal (also völlig normaler Oberstufenschüler einer Stadtteilschule), fragte: "Wer?" Und als ich ihm erklärte, was +LeFloid macht, erinnerte er sich, das irgendwann schon mal gesehen zu haben, ja. Aber Merkel? Och nö.
  • Der 13-jährige, der vor einem Jahr noch alles, was er über Politik wusste von +LeFloid hatte (wofür ich, sagte ich das schon?, echt dankbar bin), bemerkte, dass er es nicht gesehen habe.
Er sagte stattdessen:
Ich sehe kein YouTube mehr.
Das sei doch eher was für Kinder. 

Sein (Video-, Entertainment-) Setup sieht heute so aus:
  • Er produziert (vor allem Let's Play) Videos für YouTube.
  • Er sieht Videos vor allem bei Twitch (ich habe auch den Verdacht, dass er da die eine oder andere Paysafecard für einsetzt, in die er sein Taschengeld umwandelt - disclosure: Ich habe für Paysafecard gearbeitet in meinem letzten Job).
  • Serien und "TV" sieht er bei Netflix über unseren Familienaccount, aber auf seinem PC oder Smartphone.
  • Und sonst nutzt er für Entertainment und Kommunikation vor allem Snapchat und Insta (neben WhatsApp, aber das hat ja eine komplett andere Funktion).
  • Seit kurzem investiert er eigenes Geld in eine mobile Datenflat.
Wie gesagt - das ist das konkrete Verhalten eines konkreten 13-jährigen, keine Marktforschung, keine Verallgemeinerung. Aber das ist ungefähr auch das, was wir in fast allen Familien in unserer Umgebung mit leichten Nuancen erleben.

Meine Beobachtung ist dabei, dass sehr viel der Interaktion, des Folgens ihrer Vorbilder, Stars, Tipp-Geberinnen (ob beim Gaming oder beim Schminken und Stylen) gerade in den letzten Monaten nach Snapchat abgewandert ist. Dass beispielsweise die Mädchen Bibi oder Joana intensiver bei Snapchat folgen und zusehen als in ihren YouTube-Kanälen und Blogs. Was auch irgendwie logisch ist, hier kommen sie so dicht an sie heran, wie es vorher kaum möglich schien. Auf 10cm. Und das fast in Echtzeit, mit maximal einer (Schul-) Stunde Zeitverzug.

Was für spannende Zeiten.

(übrigens könnt ihr meinen Storys auf Snapchat folgen, wenn ihr das Bild da an der Seite snapt. Ganz einfach)

8.7.15

Scharlatane kann ich nicht mit Dünnsinn vertreiben

Ich habe mich sehr über Thomas Armbrüsters Gastbeitrag im Pressesprecher geärgert, in dem er gegen Authentizität in der Führung wettert. Er ist ja fast genau mein Alter und ebenfalls Norddeutscher, also in einer ähnlichen ideologischen Großwetterlage aufgewachsen wie ich (allerdings legt sein Lebensweg nahe, dass er am exakt anderen Ende des Spektrums akzeptabler eigener Interpretationen dieser Wetterlage lag als ich), was deshalb wichtig ist, weil ich prinzipisch nachvollziehen kann, wogegen er wettert, weil ich ungefähr die gleichen Trends und Deformationen miterlebte und sah.

Das vorweg geschickt also.
Was es nicht besser macht.

Armbrüster konstatiert gleich zu Anfang:
Überall hört man den Ruf nach Authentizität. ... Er ist ein Irrweg der Personal- und Führungskräfteentwicklung und kann zu einem Mangel an Professionalität und Integrität führen.
Und das ist im Kern das, was er dann länglich ausführt.
Und das halte ich für totalen Unsinn.

Im Grunde könnte ich auf meinen Blogpost vom Februar 2009 verweisen, in dem das meiste zum Missverständnis rund um Authentizität bereits gesagt ist. Kernsatz damals war - und stimmt meines Erachtens bis heute:
Ich denke, dass oft Authentizität mit Unmittelbarkeit verwechselt wird.
Was Armbrüster im Verlauf seines komplett polemischen Textes fast glossenartig ausführt, beruht auf einer mich bei ihm wirklich sehr überraschenden Fehleinschätzung, was denn authentisch, was denn Authentizität sei.

Ich teile seine Polemik gegen die Scharlatane der Beratungsbranche,
die mit eben derselben Verwechslung sehr viel Schaden bei unbedarften Menschen anrichten, die führen wollen/sollen/müssen und ihre Hilfe suchen. Nur: "sei authentisch" heißt eben nicht "sag immer direkt, was du denkst". Es heißt nicht einmal "sei ganz du selbst" oder referenzierte gar auf einen (ja, da hat Armbrüster Recht, absurden) "inneren Wesenskern". Das ist Vulgärbiologismus, ja.

Ich kann es nur noch einmal betonen: Authentizität hat sehr viel mit Kultur und sehr wenig mit Natur zu tun. So wie Professionalität und Integrität. Wikipedia ist sicher in einer kulturphilosophischen Debatte nicht die seligmachende Quelle, aber dennoch lohnt ein Blick auf den Artikel zur Authentizität, um deutlich zu machen, wie sehr und wie ideologisch Armbrüster den Begriff für seine Bedürfnisse verbiegt und manipuliert.

Ich halte das, was und wie Armbrüster argumentiert, für unredlich, wirklich - und darum ärgert es mich so. Er zeichnet ein Zerrbild von Authentizität, das, wäre es richtig, ja auch tatsächlich grauenvoll wäre. Und begründet damit, warum es aus dem Vokabular von Führung getilgt gehörte. Dabei gehörte nur das Zerrbild, nur die Scharlatanie getilgt, denke ich.

Vielleicht bin ich deshalb so emotional in dieser Frage, weil ich in den letzten Jahren eher die angelsächsische Diskussion verfolgt und mitgestaltet habe. Als wir Edelman Digital aufbauten, nannten wir unser Blog Authenticities (gibt es nicht mehr). Bei Cohn & Wolfe, deren Geschäft ich in Deutschland führe, haben wir eine groß angelegte Untersuchung und Position zu Authentic Brands. Interessanterweise habe ich wenige der Verzerrungen, die Armbrüster einerseits kritisiert und andererseits fortschreibt, in der englischen Diskussion gesehen bisher.

Mir ist Authentizität gerade in der Führung wichtig.
Wiederum ebenso wie Professionalität und Integrität - ich kann da, wenn Authentizität richtig verstanden wird und nicht mit Unmittelbarkeit verwechselt, keinen Widerspruch sehen. Sicher - ich kenne auch authentische Führungskräfte, die nicht professionell sind (oh ja) oder/und nicht integer. Allerdings sind selbst die besser zu ertragen, wenn sie wenigstens authentisch sind.

Im Bereich Führung - anders vielleicht als im Bereich Marketing/Kommunikation - scheint mir Authentizität einer der Schlüssel für Berechenbarkeit zu sein und dafür, dass ich als Führungskraft von denen, die ich führe, "gelesen" werden kann. Was beispielsweise nicht geht, wenn ich unmittelbar bin, weil das oft  - logischerweise - erratisch ist. Wenn bei einer Führungskraft eine Linie zu erkennen ist, hängt das nach meiner Erfahrung sehr oft damit zusammen, dass sie authentisch handelt.

Authentisch kann nur sein, wer ein Werte- und Haltungssystem für sich entwickelt hat, wer eine Linie gefunden hat. Siehe im oben verlinkten Blogpost meine These, dass Kinder nicht authentisch sind sondern eben nur unmittelbar. Authentisch sein, heißt nicht, alles rauszulassen, was mir in den Kopf kommt oder auf der Leber liegt, sondern ein konsistentes Bild von mir zu schaffen, das mit meinen Werten und meiner Haltung zu tun hat. Darum können auch Arschlöcher authentisch sein. Auch, wenn das dann nicht professionell ist. Und darum gehört zu professionellem Führungsverhalten immer auch Authentizität. Im Gegensatz zu Armbrüster formuliere ich also (und in Anlehnung an seine Polemik auch etwas polemisch) -

Wer glaubt, ohne Authentizität und ohne Arbeit an authentischem Handeln 
professionell führen zu können, irrt. 
Und scheitert als Führungskraft. 
Total.




(Allerdings ich bin ja auch nur Praktiker und nicht Theoretiker oder Berater in diesen Fragen...)

21.6.15

Das gesunde Volksempfinden des Reinhold Gall

Ich denke, dass wir über Vorratsdatenspeicherung diskutieren können. Und bin der SPD dankbar, dass sie es getan hat. Ich finde das Ergebnis falsch, aber das ist Politik. Was nicht Politik ist, sind die Äußerungen des SPD-Innenministers von Baden-Württemberg Sonnabend um 22.00 Uhr.  Des Ministers, der für Freiheit und Verfassung und Polizei zuständig ist.
Was will er mir damit sagen? Dass Schutzhaft, Erpressung und Folter ok wären, wenn sie Kinderschänder oder Entführung überführen oder aufklären? Dass sich alles, wirklich alles (denn Freiheit ist so ziemlich alles) unterordnen muss, wenn es um Strafe geht?

Mit dieser Logik sind wir so dicht an Folter und der Todesstrafe, dass es nur noch ein kleiner Schritt ist von diesem Satz zum gesunden Volksempfinden. Das niemals Richtschnur politischen Handelns sein darf. Zumindest nicht bei denen, die Demokratinnen sind.

So ein Innenminister ist in einer grün geführten Regierung untragbar und muss entlassen werden. So was würde ja nicht mal der Hamburger Innensenator sagen, der ja nun auch kein sicherheitspolitisches Kind von Traurigkeit und für VDS ist.

26.5.15

Ein Lob der Filterblase

Überall wird über Filterblasen (oder Filter-Bubbles) geredet. Meist geklagt. Darüber, wie anders alles sei als früherTM. Und überhaupt. Aus dem Augenwinkel sah ich den Tweet der geschätzten Claudia Klinger, der mich zu Widerspruch reizte -
- und mir deutlich machte, wie sehr ich bereinigte Filterblasen brauche. Und wie gut und gesund Filterblasen sind. Zugleich hängt das, was ich beobachte und brauche, auch damit zusammen, dass ich ja schon die Analyse "aggressiv" für die Jetzt-Zeit nicht teile (oder jedenfalls nicht, dass diese Zeit aggressiver sei als eine frühere, schrieb ich gerade erst zu).

Tatsächlich konnte ich früherTM, als ich aufwuchs, in meiner wildern Zeit, in gewisser Weise unaufgeregter radikal und aggressiv sein, weil wir, die wir unterschiedliche Haltungen zu so ziemlich allem hatten, uns besser aus dem Weg gehen konnten - oder es zumindest taten. Außer in der Schule, die im Grunde schon wie die Jetzt-Zeit funktionierte mit ihrer Enge und ihrer über alle Bedürfnisse hinausgehenden Verbundenheit und ihrem Netzwerk.
(Was mich zur Frage bringt, ob die Vernetzung und Transparenz von Diskussionen und Auseinandersetzungen heute nicht eigentlich die Verlängerung der Schulzeit ins Unendliche ist. Oder wie es so wunderbar in der ersten Folge von Glee heißt: Die Highschool endet nie. Aber das ist eine andere Geschichte, der ich mal nachgehen muss. Hat dazu schon jemand was lesenswertes geschrieben?)
Filterblasen sind wichtig
An sich war Verbindung und Transparenz ja eines der Versprechen und eine der Hoffnungen, die wir rund um Netzwerke und den Siegeszug von Onlinekommunikation hatten. Was zu einem Teil auch eingetreten ist. Kollateralschaden (ja, würde ich so nennen wollen) war allerdings, dass wir uns nicht mehr aus dem Weg gehen konnten - oder genau das anstrengend wurde. Störkommunikation funkte immer dazwischen, wenn sich Gruppen, die sich früherTM in der Kohlenstoffwelt oder in Zeitschriften über ihre Positionen und Argumente versicherten, nun in (halb-) öffentlichen Räumen im Internet trafen.

Die Kurzatmigkeit und die Selbstzerstörungskräfte sind aus meiner Sicht eine Folge von Transparenz und digitaler Nähe. Vom permanenten Schulhof mit seiner besonderen sozialen Dynamik, die hinter mir zu lassen eine der großen Erleichterungen meines Wechsels ins Studium war. So lange mediale Diskurse (beispielsweise) sich noch so verhalten wie früherTM, in der vordigitalen Zeit, verlieren interne und suchende Diskussionen, eben auch solche, die Abgrenzungen brauchen und probieren, ihre Funktion - nämlich die der Vorklärung vor dem öffentlichen Diskurs.

Filterblasen hat es immer gegeben. In der vordigitalen Zeit durch die Kreise, in denen ich mich bewegte und die Medien, die ich konsumierte oder gestaltete. Zehn Jahre öffentlich einsehbare Filterblasen zeigen zumindest mir, dass sie wichtig sind und eine wichtige Funktion haben.

Blocken und Löschen
Persönliche öffentliche Kommunikation heute hat aus meiner Sicht die Zwitterfunktion (die nach meiner Erfahrung auch professionelle öffentliche Kommunikation in Netzwerken hat, beispielsweise in Unternehmensblogs oder Facebookseiten, die jeweils mindestens so sehr nach Innen wirken wie nach Außen), einen engeren Kreis zu erreichen und für andere sichtbar und auffindbar zu sein. Das mache ich bevorzugt hier im Blog.

Auf Netzwerk-Plattformen ist das etwas anders. Und seit ich mich beispielsweise auf Twitter bewusst von denen abgrenze, mit denen ich nichts zu tun haben will - indem ich misogyne oder rassistische Leute blocke, also selbst ihre mich direkt adressierenden Absonderungen nicht mehr sehe -, geht es mir besser. Und bin ich lustigerweise auch weniger aggressiv. Das Herstellen einer Filterblase ist wichtig und hilfreich. Und übrigens auch sozusagen natürlich.

Wiederentdeckung von Flüchtigkeit
Gegen die Kurzatmigkeit und die Skandalisierungsmaschine helfen daneben flüchtige Kommunikationsformen. So war es immer schon mit dem Hintergrundgespräch, das nicht aufgezeichnet wurde, mit dem nicht aufgenommenen Telefonat, mit dem Smalltalk bei Treffen, Partys, Empfängen.

Und so ist es mit den neuen Netzwerken, die ich Ephemeral Media nenne. Es ist aus meiner Sicht kein Zufall, dass sie vor allem von jungen Leuten, die das FrüherTM der vordigitalen Kommunikation nicht kennen, so stark genutzt und gebraucht werden. Weil sie eben das Bedürfnis von gefilterter und nicht durchsuchbarer Kommunikation befriedigen. Weil eben ein öffentliches Gespräch, das dann über Periscope aber nur 24h erreichbar und auch in dieser Zeit nicht durch Suche (also zufällig) auffindbar ist, anders ist als eines, das permanent in die zweitgrößte Suchmaschine (YouTube) eingespeist wird.

Filterblasen, Löschen, Blocken, flüchtige Medien - alles das kann, davon bin ich überzeugt, kurzatmige Aufschaukelungen eindämmen. Und darum mag ich sie. Sie sind die Grundlage einer gehaltvollen Diskussionskultur. Wie wir ex negativo am kommunikativ gescheiterten Piraten-Experiment totaler Transparenz und Permanenz in Diskussionen sehen konnten.

27.4.15

Die Härte

In den letzten Tagen, vielleicht auch Wochen, ist in meiner Ecke des Internets wieder mehr von einer zunehmenden Härte die Rede. Exemplarisch beim hochgeschätzten Don Dahlmann. Als Mensch, der als Mensch latent "nett" ist und ein (für manche vielleicht überraschend großes) Harmoniebedürfnis hat, kann ich das zunächst sogar nachvollziehen. Und trotzdem halte ich es für falsch und - vor allem - für politisch naiv und schädlich (was ohnehin quasi das gleiche ist).

Es ist nicht härter geworden
Hamburger Kessel 1986
Ich stimme schon bei der Analyse der Situation nicht überein. Denn ich bin schon alt genug (ok, Don Dahlmann auch), um mich an verbal und physisch sehr viel härtere Auseinandersetzungen zu erinnern. Ein Teil meiner Müdigkeit, mich mit Menschen ernsthaft zu beschäftigen, die eine in zentralen Dingen, die ich für zivilisatorisch relevant halte, von meiner allzu sehr abweichende Meinung haben (beispielsweise rund um Feminismus oder Israel), mag auch damit zusammen hängen, dass ich einfach schon zu oft und zu viel mit ihnen diskutiert habe in den letzten dreißig Jahren.

Aber härter oder unduldsamer ist die Diskussion nicht geworden aus meiner Sicht. Höchstens mag es so sein, dass Gruppen, die in den 80ern und 90ern sehr einfach aneinander vorbei gehen konnten, ohne sich wirklich zu sehen, einander jetzt - durch die Verschriftlichung und Auffindbarkeit ihrer eigentlich für intern gedachten und gesagten Diskurse - sehen. Das macht es mühsamer, aber die Idee, dass ich mich mit jeder rassistischen, misogynen, antisemitischen Idiotin freundlich, geduldig und argumentativ auseinandersetzen müsste, könnte oder auch nur wollte, ist mir ohnehin fremd - und finde ich tatsächlich absurd.

Der Entsolidarisierung begegne ich nicht mit Piep-piep-piep
Ähnlich ist es bei der - aus meiner Sicht: zutreffenden - Diagnose, dass eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft zunimmt. Allerdings kann doch die Alternative nicht sein, dass wir uns voll doll lieb haben - sondern eher, dass Menschen, die der Entsolidarisierung Vorschub leisten, hart und härter angegangen werden. Seien es klassische Neoliberale oder solche, die Einheitsgewerkschaften fordern. Seien es Kinderhasserinnen oder solche, die meinen, Kinder sollten immer und überall alles dürfen.

Tatsächlich denke ich eher, dass die Auseinandersetzungen härter werden müssen, als sie es zurzeit sind. Tatsächlich mache ich mit klaren Grenzziehungen ("Toleranz endet mit z") gute Erfahrungen.

Härte in der Auseinandersetzung ist ein Zeichen, dass es Ernst wird
Ich halte es für politisch naiv und gefährlich, gegen harte und ausgrenzende Auseinandersetzungen zu sein. Denn emanzipatorische Veränderungen können nur über (harte) Auseinandersetzungen passieren. Und reaktionäre Veränderungen können nur über (harte) Auseinandersetzungen verhindert werden.

Um bei einem Beispiel zu bleiben: Zwischen Maskulinisten (und anderen reaktionären Vollpfosten) einerseits und Feministen und Feministinnen andererseits gibt es keine Möglichkeit eines Diskurses. Aus meiner Sicht gibt es nicht einmal eine Möglichkeit einer echten Koexistenz. Sondern diese Weltanschauungen "kämpfen" um die Deutungshoheit. Dass sich zurzeit die Reaktionäre schlauer anstellen als die fortschrittlichen Kräfte - geschenkt. Sie haben allerdings auch mehr zu verlieren.

Aber - und hier stimme ich, was ja nicht soooo oft passiert, Michael Seemann ausdrücklich zu - in diesem Kampf (und ja, es ist ein Kampf, und wer den durch Kritik an seiner Härte abzuschwächen sucht, nutzt in aller Naivität faktisch der Reaktion aus meiner Sicht) geht es um viel, weshalb er so hart geführt wird. Auf zwei Aspekte weist Michael Seemann hin, lest das mal, finde ich richtig: Zum einen auf den Kampf um die Plattformen. Und zum anderen auf die Isolierung der Bösen.

Böses muss auch böse genannt werden
Und bevor jemand schreit: das Wort "die Bösen" steht da bewusst. Denn wiederum halte ich es für naiv und für politisch dumm, aus falsch verstandener Duldsamkeit das Böse nicht als böse zu benennen. Call me Fundamentalist - aber Dinge wie Pegida oder Maskulinismus sind böse.

Hitler hat Autobahnen bauen lassen, im Stalinismus hatten alle einen Job, Nazis und Salafisten machen in von ihnen majorisierten Gegenden Sozialarbeit, Bild-Reporter schreiben mal einen Satz, dem ich zustimme.

Politisch aber ist Verhalten, wenn es solidarisch ist und berechenbare und belastbare Allianzen bildet. Eklektizismus ist unpolitisch. Flexible Haltungen und flexible Moral sind unpolitisch. Und darum entfloge ich zwar nicht jeder sofort, die einmal jemandes Tweet retweetet, die an sich böse ist. Und darum kann ich zivilisiert und höflich mit (intellektuell anspruchsvollen) Gegnerinnen in den großen gesellschaftlichen Konflikten dieser Zeit reden. Aber sie bleiben Gegnerinnen oder böse. Und da bin ich nicht flexibel.

Ja, Don Dahlmann, auch G.W. Bush hat sich auf den alten Weltkampf eingelassen, der klar zwischen für mich und gegen mich unterscheidet. Weil er politischer war als ihr alle zusammen. Und die Gesellschaft verändern wollte und es auch getan hat. Wer dem ausweicht und den Kampf, in den die Reaktion "uns" zwingt, nicht annimmt, ist meiner Meinung nach naiv. Ich kann euch trotzdem mögen. Und gut leiden.

14.4.15

Ein Dienstag

Dies ist ein ganz normaler Morgen. Und wenn ich ehrlich bin,  genieße ich, wie er ist. Trubelig, chaotisch, immer. Aber da ich voll berufstätig bin, ist die "Morgenschicht" die, die ich machen kann (wenn ich nicht reise).

Die eine oder andere Mitarbeiterin wundert sich, wenn um 6 Uhr schon mal Mails kommen, aber um kurz nach sechs geht es los: Frühstück zubereiten, Kinder motivieren, überhaupt etwas zu essen (oder wenigstens Milch zu trinken), den Engpass vor dem Kinderbad managen, jetzt, wo alle da morgens freiwillig Zeit drin verbringen mögen. Pausenbrote (einmal vegetarisch, einmal nur mit Wurst), Pausenapfel für die Kinder vorbereiten, verpacken, aufdrängen.



Und dann (meistens aber nicht, weil es meistens die Frau macht, wir teilen uns die Morgenpflichten auf) einmal mit dem Hund raus, während die Kinder frühstücken und sich anpflaumen und die anderen Tiere versorgen und - wenn sie gelaufen ist - die Spülmaschine ausräumen, denn das ist bei uns Kinderarbeit. Irgendwas müssen die ja auch tun.


Heute stand dann noch die Reifenkontrolle an, denn an Tertius' Fahrrad war der Hinterreifen platt. Wie eigentlich einmal die Woche bei einem der Räder. Naja, fast. Nicht ganz. Und auch merkwürdig, wie klein dann auf einmal die Kinder werden, die sonst schon so groß und selbstständig sind, irgendwie muss ich ihnen jedes Mal wieder zeigen, wie man einen Schlauch flickt und kontrolliert und den Reifen wieder aufzieht.

Sobald die Kinder dann vor die Tür gesetzt sind und auf dem Weg in die Schule, hole ich mein Rad und fahre zur U-Bahn. Durch den Volksdorfer Wald.




Überhaupt der Volksdorfer Wald. Einer der schönsten Wälder in der Stadt mit dem höchsten Berg weit und breit. Morgens durch den stillen Wald zu fahren, ist unbezahlbar. Spätestens hier fällt der Morgenstress ab.


Und schließlich: Buch rausholen in der U-Bahn. Freizeit bis Baumwall, etwas mehr als 30 Minuten, die ich mit Lesen (oder einem Hörbuch) verbringe. Wenn ich mich nicht (ungefähr drei Mal im Jahr) in eine Twitter-Diskussion mit irgendwem verstricke...

10.4.15

Nein. So nicht.

Am Sonntag stimmen wir Grünen in Hamburg darüber ab, ob wir mit der SPD die nächsten fünf Jahre zusammen regieren wollen. Wir hatten eine überwiegend gute Verhandlungskommission losgeschickt und die empfiehlt uns ihr Ergebnis und ein nicht quotiertes Personaltableau.

Ich werde beidem nicht zustimmen. 
Ob ich mich enthalte, mit Nein stimme oder nicht komme, weiß ich noch nicht genau. Aber dies sind die beiden Gründe und sie hängen miteinander zusammen.

1.
Sowohl inhaltlich als auch in den Ressorts, die wir "bekommen" sollen, rächt sich, dass wir Schwerpunkte gelegt haben, die ich nicht richtig finde. Zumindest nicht alle. Sehr gut ist aus meiner Sicht, wieder die Justizbehörde zu übernehmen. Da sind unter schwarz-grün gute Erfolge erzielt worden, auch wenn die medial nicht spektakulär waren. Ein wichtiges Ressort, das oft unterschätzt wird. 

Bei Umwelt aber waren wir schon weiter. Mindestens Verkehr, besser Infrastruktur muss dazu gehören. Oder - wie in Hessen und Rheinland-Pfalz - eben zusätzlich Wirtschaft (zumal die SPD da eh blank ist in Hamburg und seit Jahren stattdessen einen konservativen old-economy-Lobbyisten als "unabhängigen" Senator beschäftigt) oder wie in Schläfrig-Holstein Landwirtschaft. So ist es doch verschenkt. 

Dass wir aber einen unserer größten Schwerpunkte und auch das Ressort, das die stellvertretende Bürgermeisterin bekommt (Wissenschaft), am Befinden der Vorsitzenden ausrichten, obwohl sie auch anderes könnte, finde ich falsch und fand ich schon am Wahlkampf falsch. Die beiden Spitzenkandidatinnen ziehen sich, etwas leicht böse überspitzt in meiner Enttäuschung, in Wohlfühlbehörden zurück. Und der unterlegene dritte darf dann harte Politik machen.

Innen, Wirtschaft, Infrastruktur
Eines dieser Ressorts muss eine grüne Partei heute besetzen, sonst bekommt eine SPD sie eben nicht (mehr).

2.
Ich schätze, dass die Personal- und Ressortentscheidungen so unbefriedigend sind, hat auch damit zu tun, dass der Vertrag insgesamt nicht in einem Zustand ist, der mir die Zustimmung ermöglicht. Wir haben in einigen Bereichen gute Fortschritte gemacht - vor allem im Hafen, das ist sehr gut. Vor allem dieser Teil des Vertrages hat mich lange überlegen lassen, ob er allein nicht Wert wäre, alle anderen Punkte hintan zu stellen. Und es allein für die Ökologisierung des Hafens zu tun.

Aber ich kann nicht.
Schule und Olympia trage ich nicht mit.

Die unglaubliche Euphorie vor allem unserer Vorsitzenden Katharina Fegebank für Olympia teile ich nicht. Ich lehne ab, große Teile der inneren Stadt zu einem demokratiefreien Raum zu machen und öffentliche Sicherheit komplett zu privatisieren. Ich halte olympische Spiele für zurzeit nicht in einer Demokratie durchführbar. Und ich hatte den Diskussionsstand bei den Grünen auch deutlich differenzierter in Erinnerung. Eine ökologisch und sozial verträgliche Ausgestaltung kann nicht alles sein, wenn die Demokratie und die Freiheitsrechte auf der Strecke bleiben und weite Teile des öffentlichen Raumes (und nicht etwa nur der Sportstätten, was ich ok fände) faktisch privatisiert werden für diese Zeit.

Mein Hop-oder-Top-Thema aber ist Schule.
Schulpolitik ist mehr noch als Digitalisierung und Bürgerinnenrechte das, bei dem ich bei Menschen im Wort bin und das ich aus der Nähe beurteilen kann. Das ich für ein entscheidendes, wenn nicht das entscheidende Zukunftsthema für diese Stadt halte. Und da ist der Vertrag - dabei bleibe ich auch nach intensiven Diskussionen mit der Verhandlungskommission - eine Mogelpackung.

Mit Inklusion beschäftige ich mich lange und intensiv. Und obwohl der Vertrag dieses wie einen Schwerpunkt behandelt, ist das Ergebnis exakt das, was bereits vor der Wahl angeschoben wurde, was dem aktuellen Verwaltungshandeln entspricht - und womit bereits in dieser Woche, also vor der Koalition, begonnen wird. Mit anderen Worten: es ist die Fortschreibung dessen, was ich für ein Totalversagen des bisherigen Senats halte.

Obwohl der Vertrag formuliert, es würden für die Inklusion "120 zusätzliche Vollzeitstellen" zur Verfügung gestellt, meinen die Verhandlerinnen damit eine Umschichtung bestehender Stellen in die Inklusion - vor allem aus Effizienzreserven durch zurzeit teilweise zu kleine Klassen. Die Vorschläge zur Schulbegleitung von Kindern mit Förderbedarf klingen auf dem Papier auch ganz gut - meinen aber in der Realität vor allem 19-jährige, jährlich wechselnde, ohne jede Qualifikation (aber billig) bereitgestellte Kräfte.

SPD pur in der Schulpolitik kann ich nicht mittragen.
Das hatten wir die letzten Jahre.
Das zu ändern, habe ich Menschen motiviert, grün zu wählen.

***

Keiner meiner Schmerzpunkte wäre ohne die Grünen in der Regierung besser.
Es gibt Punkte (vor allem der Hafen), die wären ohne sie schlechter. Das muss ich abwägen. Ich weiß. Aber die Kombination aus zwei Themen, die mitzutragen ich nicht verantwortbar finde, und einem inhaltlich (Ressorts) und personell (Quote) nicht befriedigenden Senatsvorschlag verhindert, dass ich zustimmen kann. Was ich schade finde. Aber vielleicht geht es nicht anders angesichts einer SPD, die sich über Jahre hinweg hart erarbeitet hat, einen Scholz als Landes- und einen Gabriel als Bundesvorsitzenden verdient zu haben.



31.3.15

Snapchat und Periscope

Dies ist - in guter Tradition - die letzte Mail, die ich an die lieben Kolleginnen von achtung! geschrieben habe. Eben gerade. Denn nun gibt es noch Cremant und Abba - und dann bin ich da weg.
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Ihr Lieben,

dies ist die letzte E-Mail, die ihr von mir bekommt (von dieser Adresse aus zumindest). Denn nach fünfeinhalb Jahren (wirklich fünfeinhalb, manchmal kommt es mir viel kürzer vor) blicke ich auf eine erfüllte und erfolgreiche Zeit zurück, die wir gemeinsam hier verbracht haben – die aber für mich jetzt zu Ende ist.

In den letzten Wochen habe ich oft an vieles von dem denken müssen, was wir gemeinsam geschafft und geschaffen haben. Wie wir diese tolle Agentur in eine der führenden Agenturen verwandelt haben, die aus der PR kommt und digital "kann". Nicht weil sie tolle Expertinnen hat (das auch), sondern weil sie digital tatsächlich lebt. Das ist und bleibt besonders an achtung!

Als ich damals (tm) anfing, war die Idee, aus einer Stabsstelle heraus die Kolleginnen weiterzubilden und das Thema – damals vor allem Social Media – in der Breite der Agentur zu verankern. Daraus wurde schnell ein Team, dann eine Unit, heute das LAB. Rasant und immer aus dem (wachsenden) Geschäft heraus.

Was mich immer beeindruckt hat und weiter beeindruckt, ist, wie wir gemeinsam und mit den verschiedenen Kernkompetenzen Ideen, Strategien und Umsetzungen geschaffen haben, die neu und anders waren als das, was der Markt normalerweise macht. Unsere Projekte haben immer wieder gezeigt, dass wir #Neuland betreten haben. Und zwar tatsächlich. Gab es eine Kundin, auf der wir nicht gemeinsam gearbeitet haben?

Und: Ohne euch hätte ich nie so eine große Resonanz "draußen" erzielen können mit Thesen und Prognosen, die ungewöhnlich oft eingetreten sind – was weniger an mir lag als mehr daran, dass es uns gelungen ist, Beobachtungen, Erfahrungen und Wissen zusammen zu führen, die ihr auf den Kunden und im Web gesammelt habt. Dafür bin ich euch dankbar. Sehr.

Als ich damals kam, schrieb ich an die "alten" Kolleginnen, dass wir uns bestimmt bei Foursquare wieder sehen werden, weil das damals ganz neu war. Heute, wo Facebook dem Ende entgegengeht als sozialer Kanal, lohnt es sich bestimmt, wenn wir uns auf Snapchat und Periscope wieder sehen, behaltet die beiden bloß im Auge ;)

Ach was, genug, ich werde euch vermissen. Gerade auch noch mal nach heute noch mehr. Und das, obwohl ich mich sehr doll auf das freue, was vor mir liegt.

Facebook oder Xing sind, wie ihr wisst, nicht der optimale Weg, mit mir in Kontakt zu bleiben, aber Twitter, Instagram, Snapchat, LinkedIn gehen ja auch. Oder ganz klassisch per Mail oder so, ich bin ja schon älter.

Morgen bin ich dann als Managing Director bei Cohn & Wolfe.

Wir sehen uns wieder, ganz bestimmt. Und nicht nur in Pitches, hoffe ich. Hihi.
In diesem Sinne: Pfffft.


Liebe Grüße
Wolfgang
@luebue


P.S.: Und denkt immer daran: Never ever (NEVER!) call an icelandic horse pony.