17.4.12

Warum Kristina Schröder gefährlich ist

Dass Kristina Schröder reaktionär sei, ist nicht nur so dahin gesagt. Gestern hat mich ihr Büroleiter Jürgen Müller auf Twitter dazu in ein spannendes Gespräch verwickelt. Am Ende sind 140 Zeichen aber zu kurz, um halbwegs zu begründen, wieso ich meine Meinung zu Frau Schröder in den letzten eineinhalb Jahren sehr ändern musste.

Die Gefährlichkeit von Ministerin Schröder kommt meines Erachtens aus eben ihrer reaktionären Haltung, die, wie es in den letzten Jahren in diesem Land üblich ist, in einer sanften Form des Populismus daher kommt. Ich halte sie übrigens für gefährlicher als den reaktionären Politirren Sarrazin, vor allem, weil sie fest verwurzelt in der Mitte ihrer Partei ist und nicht auf dem Altenteil.

Um das vorweg klar zu sagen: Gegen Konservative habe ich nichts. In vielen Dingen, vor allem religiös, bin ich auch konservativ. Ebenso sind es mein Familienbild und viele meiner moralischen Vorstellungen. Konservativ heißt, Dinge bewahren zu wollen und Veränderungen behutsam anzugehen. Das ist nicht ehrenrührig. Um es in Schröders politischem Feld zu benennen: Ursula von der Leyen ist eine Konservative. Reaktionär aber ist etwas anderes. Und das, wie Schröder über von der Leyen hinaus geht, ist aus meiner Sicht genau der Schritt von konservativ zu reaktionär.

Zwei typische Kennzeichen sind ein Hinweis auf reaktionäre Politik:
  1. In einer Konfrontation werden (bewusst oder aus Unkenntnis) Konfliktlinien aus der Vergangenheit genommen und dagegen protestiert - mit der Folge, in einen Zustand vor diesem Konflikt zurück zu wollen, also nicht nur bewahren sondern eben tatsächlich das Rad zurück drehen zu wollen.
  2. Die Protagonistinnen gerieren sich als unangepasste, dem Mainstream widerstehende Kämpferinnen mit einer "das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen"-Attitüde - die sich auf einen imaginären Feind bezieht, weil sie von Privilegierten der aktuellen Situation vorgebracht wird.
Beide Verhaltensweisen erleben wir bei Sarrazin, bei den radikalen Christinnen, die Eva Hermann unterstützen, bei der Tea Party in den USA - und eben bei Kristina Schröder. Alle diese Gruppen und Personen posieren in einer Volkstribunin-Haltung, wissen in Teilen die "schweigende Mehrheit" hinter sich, formulieren Gegnerinnen, die es nicht gibt.

Denn niemand verhindert, dass irgendwas gesagt werden darf (Sarrazin), niemand verfolgt in diesem Land Menschen, die ein christliches Familienbild vertreten (Hermann), niemand zwingt die Menschen in eine schwule Kultur (Tea Party) - und niemand verhindert in diesem Land, dass Frauen sich für Familienarbeit und gegen eine betriebliche Karriere entscheiden (Schröder).

Kristina Schröder scheint seit ihrem Abitur nicht mehr mit Feministinnen zu tun gehabt zu haben (siehe ihr berühmtes Abizeitungszitat). Denn sie blendet jede Form der feministischen und der Genderdiskussion der letzten 15 Jahre aus - und positioniert sich, Zeichen einer reaktionären Politikmethode und -agenda, entlang längst überholter und nicht mehr existenter Konflikte. Das muss sie auch, damit sie ihre Rebellinnen-Attitüde anlegen kann - denn sonst wäre die noch lächerlicher.

Was Schröder mit den (weiblichen) Ikonen der Tea Party gemeinsam hat, ist die tatsächlich ja schwer zu fassende Gleichzeitigkeit von klassischer Karriere (Michele Bachmann, Sarah Palin, Kristina Schröder) und dem Postulat, dass das sowohl jede Frau schaffen könne als auch nicht ihre Aufgabe sei. Sowohl habituell und kulturell als auch in ihren Privilegien gleichen sich diese drei Frauen. Und ebenso in ihrer Forderung, die Politik und der Staat möge sich aus allem raushalten. Denn wenn alles gut ist, wie es ist - wie es Schröder in der Genderfrage behauptet -, gibt es keinen Regelungsbedarf. In der Abschaffung der Politik gehen Reaktionärinnen schon immer über Konservative hinaus. Schröder sogar so weit, dass sie gegebenenfalls lieber zurück treten als politisch gestalten will (siehe die Quotenfrage).

Was Schröder wie ihre Schwestern im Geiste in den USA übersehen: Ja, sie sprechen viele, viele Menschen mit ihrer Art und ihren einfachen Lösungen für komplexe Wirklichkeiten an. Aber sie sind - vielleicht einfach der Preis der politischen Reaktion, sozusagen ihr Kollateralschaden - eben auch aus der Zeit gefallen und merken damit nicht, wie die nächste Generation (bei Palin und Bachmann) bzw ein großer Teil ihrer Generation (bei Schröder) längst andere Fragen diskutiert. Der Fehler, den wir dabei gemacht haben, ist, sie nicht ernst zu nehmen, weil ihre Themen so gestrig und so lächerlich auf uns wirken. Das rächt sich jetzt.

Aber wenn ich - ich arbeite ja in einem "Frauenberuf" - überall bei jüngeren Frauen eine Re-Radikalisierung (oder erstmalige Radikalisierung) in der Frauenfrage erlebe, dann scheine ich in einer anderen Welt zu leben als Frau Schröder und ihr Büroleiter. Eine große Zahl jüngerer Frauen in meiner Umgebung, die aus Agenturen in Unternehmen gewechselt sind beispielsweise, sind dort erstmals auf jene berühmte gläserne Decke gestoßen, die Schröder bestreitet. Davon waren sie überrascht. Und haben sofort gehandelt - und sich informell zusammen geschlossen. Über Unternehmensgrenzen hinweg. Online in geheimen Netzwerken. Und lesen im Untergrund auf einmal wieder neue feministische Literatur wie Laurie Penny und andere.

Frau Schröder ist gefährlich, denke ich. Aber die Reaktion hat bisher historisch nur sehr, sehr selten gewonnen. Nicht mal in Deutschland. Und schon gar nicht auf lange Sicht. Um die Zukunft meiner Tochter (und auch, ja, meiner Söhne) ist mir darum trotzdem nicht bange.

Und sehr gerne, Herr Müller, diskutiere ich das hier und offline und wo immer Sie wollen.

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