9.4.23

Zum Schämen

Aufgewachsen bin ich in der Friedensbewegung der 80er und mit den Ostermärschen. Ich war nie Pazifist, weil mir klar war, dass eine Revolution die Unterstützung bewaffneter Kräfte braucht. Ernesto Cardenal war ein Idol meiner Jugend (ich durfte ihn kennen lernen) und sein Weg an die Seite der bewaffneten Revolution seines Landes hat mich beeindruckt. Viele Menschen in meinem Umfeld waren in Nicaragua zum Arbeitseinsatz. 

Aber ich war gegen Waffen, bin es bis heute. Schwerter zu Zapfhähnen, sagt eines meiner Lieblingsbiere, Paxbräu aus der Rhön. 

Aber schon vor der Eskalation des Krieges gegen die Ukraine vor einem Jahr habe ich mich für die Ostermärsche von heute geschämt. Ihren Antisemitismus. Ihre Verbissenheit. Letztes Jahr sind sie dann endgültig durchgedreht. Haben uns am Wahlkampfstand als Kriegstreiber*innen beschimpft. 

Ich schäme mich nicht für mein Friedensengagement. Weder damals noch heute. Aber ich schäme mich für die, die heutzutage als Ostermarsch durch unsere Kleinstadt ziehen. 

8.4.23

Auftanken

Wir gehen fast nicht mehr in die Kirche. Seit Corona noch weniger. Und dass die Liebste auf den Bänken nicht sitzen kann und sich zurzeit nicht anstecken sollte, lässt es noch weniger zu. Es gibt aber Tage, an denen es mir wichtig ist. Und darum war ich dann allein im Karfreitagsgottesdienst. 

Es ist ja der mir allerwichtigste religiöse Tag, schrieb ich neulich was zu. Viele Jahre war ich in den Andachten zur Sterbestunde, bis mir die grotesken antisemitischen Improperien in ihrer mittelalterlichen Text- und Musikform, die der linke Pfarrer meiner Heimatgemeinde mit einer Schola zelebrierte, das final verleideten. 

Gestern darum der Morgengottesdienst, 9.30 Uhr in der sehr schönen Kirche in Fissau. Ohne Orgel, dafür mit Abendmahl. Karfreitag ist ja vor allem ein Genuss für Menschen, die sicher in der Liturgie sind und halbwegs singen können. 

Sehr angetan war ich von den modernen Improperien, die die Klage über „mein Volk“ nicht wie im Mittelalter auf die Juden bezog (weshalb es ja immer zu den Karfreitagspogromen kam durch aufgepeitschte Gottesdienstbesucher*innen) sondern auf das gesamte Gottesvolk. Kein Vorwurf des Gottesmords wie sonst üblich. Das war wunderbar. Und hat mir zusammen mit dem Abendmahl und den Liedern und Gebeten Kraft gegeben. 

7.4.23

Spooky

Dies ist die Jahreszeit, in der es früh morgens so kalt ist, dass der Nebel sich nicht wie Watte anfühlt sondern wie Eis irgendwie. 

Tannen im Nebel

Der Morgengang zu den Aufzucht- und Zuchtherden ist schon darum besonders, weil er trotzdem eine Ahnung aufkommen lässt, dass es ein schöner sonniger Tag wird. 

Jungstuten im Nebel, teilweise liegend

Und auch die Geräusche der Straße sind irgendwie vereist. Was nicht nur an Ferien und Feiertagen liegt. Ich liebe diese Morgende. 

Stuten und Jungstuten im Nebel, im Hintergrund Tannen.

6.4.23

Mit Wasser spielen

Was viele nicht wissen: neben den Einsätzen sind es die Übungen, die die Freiwillige Feuerwehr ausmachen. Je nach Wehr ein- bis zweimal im Monat kommen wir Feuerwehrleute abends zusammen und lernen, üben oder pflegen das Gerät. Gestern Abend/Nacht haben wir eine solche Übung bei mir am Hof und an den Weiden gehabt. 

Einsatz der Feuerwehr an unseren Weiden. Mit Bevölkerung.

Es war eine besondere und etwas aufwändigere Übung, weil wir einmal ausprobieren wollten, Wasser aus einem Bach zu holen, um einen „Stoppelfeldbrand“ zu löschen. Wir haben ja immer noch ein antikes Fahrzeug (aber das ist eine andere Geschichte), das kein Wasser führt – so dass wir immer Hydranten brauchen oder eben einen Teich oder Bach. Aber ob wir das können? Und ob wir da genug rausbekommen?

Die Feuerwehr tritt hinter dem Wagen an, nachdem der A-Schlauch zusammengesetzt ist.

Also haben wir den Bach mit dem, was wir so an Bord haben, aufgestaut. 

Wir bauen eine Wasserversorgung am Bach auf. Mit Leiter und Schlauchbrücke und A-Schläuchen.

Und auf einer der Weiden dann den „Stoppelfeldbrand“ aufgebaut und gelöscht. Einer unserer Atemschutzträger hat es auch gleich zu einer Atemschutzübung genutzt. So was macht eine kleine Freiwillige Feuerwehr wie unsere ja nicht jeden Tag. Wir haben nicht mal jedes Jahr einen Einsatz, bei dem es brennt. Auch darum ist es wichtig, immer wieder auszuprobieren, wie es geht – und eben zu üben, wie alles zusammenpasst. Damit es im Ernstfall funktioniert. 

Denn neben erfahrenen Leuten, die wissen, was sie tun, sind ja auch so Leute wie ich dabei, die sonst eher am Schreibtisch sitzen und für die vieles neu ist. (Wobei sich genau daran zeigt, dass es eben auch für uns möglich und sinnvoll ist, bei der Feuerwehr mitzumachen. Nicht nur wir hier in Braak-Klenzau brauchen unbedingt noch ein paar Menschen aus unseren Dörfern, die mitmachen, das geht allen Freiwilligen Feuerwehren so, die ich kenne. Darum kleiner Werbeblock: Das ist wichtig und macht auch noch Spaß, bitte überlegt mal, ob ihr nicht bei euch zu Hause mitmachen könnt, selbst wenn ihr so alt seid wie ich und so unsportlich und übergewichtig und handwerklich unbegabt.)

Hinterher, als das Feuer aus war, die letzten Glutnester gelöscht – und alle Schläuche und die Tragkraftspritze wieder abgebaut –, sind wir noch auf unserem Hof zum Grillen gewesen. Saukalt, aber schön. Hat Spaß gemacht gestern. Und SEHR gut, dass es nur eine Übung war. Feuer ist nicht witzig und wir könnten gerne ein paar mehr Leute sein bei der Feuerwehr. Und beim Üben geht alles ja auch etwas langsam. Das ist der Sinn der Übung.

(Fotos übrigens von unserer Dorfvorsteherin und eines von der Frau unseres Wehrführers. Ich war ja beschäftigt. Habt ihr mich auf zwei der Fotos entdeckt?)

Der Angriffstrupp löscht das Feuer.

5.4.23

Raus müssen

Ich fand ja schon, als wir nur einen Hund hatten, irgendwie gut, dass er mich nach draußen trieb. Egal wie das Wetter war: der Hund musste morgen erstmal raus. Und abends am Ende ebenso noch mal. 

Seit wir mit den Pferden zusammengezogen sind, und mehr noch seit wir eine Zucht und Aufzucht haben, hat sich das radikalisiert. 

Pferde an der Heuraufe, im Dunkeln

Der erste Gang, morgens um sechs, ist mit Heu auf den Paddock. Dann zu den Außenweiden, Kontrolle. Und der letzte Gang, kurz nach zehn, ist noch mal raus, das Nachtheu geben. Und an sternenklaren Abenden der Blick auf die Milchstraße. An anderen werde ich dafür nass. 

Nicht jeden Tag ist es die reine Freude, erstmal. Und oft fällt der Schritt vor die Tür schwer. Aber bin ich erstmal draußen, merke ich immer, egal wie das Wetter ist, wie gut es tut, mit den Tieren und der Natur und dem Wetter zu leben. 

4.4.23

Kaffeehaus

Ich bin ja Kaffeetrinker. Erwähnte ich das schon? Und ich mag Kaffeehäuser. Darum freue ich mich immer, wenn ich rund um Meetings, Workshops, Tage bei Kund*innen Verabredungen in Kaffeehäusern schaffe. In Berlin beispielsweise, wo es so viele so verschiedene Orte dieser Art gibt. 

Meistens ist es ein Milchkaffee, den ich nehme und an dem ich mich über ein gutes Gespräch festhalte. Mit beiden Händen an der Tasse. Und es ist toll, wie unterschiedlich diese Milchkaffees sind. Vom französischen über den Wiener bis hin zum selbst ausgedachten. 

Kaum etwas animiert mich mehr zu einem guten, kreativen, dichten, persönlichen Gespräch als ein Milchkaffee in einem anachronistischen Kaffeehaus. 

3.4.23

Endlich hören wir das Gras wachsen

Eigentlich ist mir das Wetter ja fast egal. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Nicht zu verwechseln mit dem Klima allerdings. Aber hier in Ostholstein sind wir auch im Klimawandel bisher eher wetterbegünstigt. Hatten ganz gute Ernten und viel Heu letztes Jahr.

Aber in dieser Jahreszeit gucken wir mit den Pferden immer etwas bang aufs Wetter. Denn es wird Zeit, dass das Gras wächst. Sie müssen von den Winterweiden auf das neue Gras. Denn es ist gestriegelt und nachgesät. Und obwohl es noch meistens was geworden ist, bin ich um den Monatswechsel zu April immer etwas hibbelig.

Neues Gras, gewachsen

Aber nun wächst es. Obwohl es die letzten Tage auch immer sehr kalt war, ist das Gras gekommen. Jeden Morgen beim Gang über die Weiden ist mehr zu sehen. Das macht mich glücklich.

Und darum konnten wir auch endlich die Stuten umweiden. Was nötig war, weil wir ein anderes Stück, hinter der Winterweide, für den Hengst brauchen, der diese Woche kommen wird, um diese Saison bei uns zu decken.

Die Stuten rennen auf die neue Weide

1.4.23

Kardamom

Weil mein alter Bloggerkumpel meine Vorliebe für morgendlichen Kardamomespresso erwähnte, sollte ich wahrscheinlich wirklich mal was dazu sagen. Denn wenn ich, früher auf Twitter, heute im Fediverse, auf norden.social, viele Tage mit dem Hinweis auf den ersten oder den dritten Kardamomespresso beginne, ernte ich oft Fragen. Wie macht du den? Und wieso?

Machen ganz schlicht. Ich kippe eine Messerspitze gemahlenen Kardamom in die Tasse, einen Espresso drauf (ich schwöre auf den Organico von der Gepa, schmeckt mir viel besser als all der fancy Kram, den ich auch probiert habe), fertig. Manchmal mit Zucker oder Süßstoff. 

Und wieso? Weil ich Kardamom im finnischen und skandinavischen Gebäck liebe. Ihr kennt den Geschmack bestimmt. Dieses etwas erdige, besondere, was sowohl die Quarkteige als auch die Zimtkringel so besonders macht. Insofern gehörte Kardamom, der auch in den meisten Weihnachtsmischungen oder Würzmischungen für Gewürzkuchen ist, schon lange zu den Backzutaten, die wir zu Hause haben. 

Und dann las ich über Kaffee in Hamburger Kaffeehäusern des 18. Jahrhunderts. Der oft mit Gewürzen getrunken wurde. Unter anderem auch mit Kardamom. Also hab ich es probiert, siehe oben. Und trinke seitdem meine drei bis fünf morgendlichen Espressos eben mit Kardamom. Nichts besonderes also. 

31.3.23

Achtung geben!

Heute früh stand ich hinter einem Amazon-Lieferwagen. Und schwankte zwischen Ärger und großen Amüsement. Denn einerseits ist es eine riesengroße Frechheit, was sie da hinten draufschreiben. Und andererseits ist es so wunderbar schlecht maschinell aus dem Englischen übersetzt, ohne dass jemand mit rudimentären deutschen Sprachkenntnissen noch einmal drüber geguckt hat, dass es faszinierend ist. Zumal ein kurzes Befragen der Suchmaschine ergibt, dass es offenbar seit einigen Jahren schon hinten auf den Autos draufsteht.

Beschriftung auf der hinteren Tür des Lieferwagens: Achtung Toter Winkel und "Fahrradfahrer Achtung geben beim Vorbeifahren dieses Fahrzeugs"

Der Ärger ist ja offensichtlich und ich bin, wie wie gesagt die Suche ergab, nicht die erste Person, der die Helmschnur hochgeht. Einmal so getan, als wäre klar, was diese Warnung an die Radfahrer*innen sagen will, sagt es ja sehr viel aus darüber, was Amazon seinen Fahrer*innen zutraut oder nicht zutraut. 

Ja, selbstverständlich bin ich im Straßenverkehr vorsichtig, schon aus Selbstschutz. Darum trag ich auch Helm, auch wenn ich das bei den Kindern nie nachhaltig durchsetzen konnte, aber das ist ein anderes Thema. Aber wie anders ist diese Beschriftung, die ich als Drohung empfinde, als beispielsweise die von den Johannitern mit ihrem "Fahrstil ok? Telefonnummer". Beides irgendwie albern, aber die Haltung dahinter und was so eine Beschriftung bei denen, die das Fahrzeug fahren, auslöst, ist schon bezeichnend.

Aber in einer Welt, die zu 100% auf automobilen Verkehr optimiert ist, verpuffte dieser Ärger dann am Ende relativ schnell. Während mir die Frage, was diese Beschriftung eigentlich sagen will, blieb.

Fahrradfahrer Achtung geben beim Vorbeifahren dieses Fahrzeugs

Das ist irgendwie ganz großartig und lohnt die sprachliche Analyse. Vor allem mit ein bisschen Praxiswissen amerikanischer Warnungen auf Geräten, Maschinen oder Fahrzeugen. Einen ersten Hinweis bietet da dann ja schon das wunderbare Sitzen machen Achtung geben. Die "Übersetzung" muss wohl aus der Zeit vor halbwegs modernen KI-Sprachmodellen stammen. Irgendwer muss aber diese Folien ja bestellt haben und andere haben sie aufgeklebt. Ok, wer guckt sich schon Dinge an, die montiert werden, aber mich würde schon interessieren, wie viele Menschen regelmäßig Achtung geben. 

Hübscher noch aber ist die Genitivkonstruktion "dieses Fahrzeugs". Während ich mich immer sehr freue, einen Genitiv in freier Wildbahn zu sehen, fragte ich mich spontan, worauf Fahrradfahrer hier Achtung geben sollen. Eine spontane Umfrage ergab, bestürzenderweise, dass niemand außer mir in Frage stellte, dass Amazon möchte, dass Radfahrende beim Vorbeifahren an diesem Fahrzeug Achtung geben mögen. Andererseits ist es ja auch beglückend und nicht bestürzend, dass auch groteske Sprachverrenkungen nicht verhindern können, dass im Prinzip ankommt, was Amazon hier wahrscheinlich sagen will. Das wird die meisten, die versuchen, anderen Menschen guten Ausdruck beizubringen, zum Weinen bringen, beruhigt aber wie so fast jedes Experiment mit Sprache auch sehr. Wir verstehen uns.

Bleibt also nur der Klugscheißer in mir übrig, der alle unbedingt und dann am Ende auch noch in seinem Blog darauf hinweisen zu müssen glaubt, dass Amazon recht eigentlich Radfahrende auffordert, vorsichtig zu sein, wenn dieses Fahrzeug sie überholt. Merkwürdigerweise allerdings so, dass diese Radfahrenden diese Aufforderung erst sehen, wenn das Fahrzeug sie schon überholt hat. 

Wunder der Kommunikation.

30.3.23

Schulaus

Nach über zwanzig Jahren geht für uns das Thema Schule zu Ende. In dieser Woche beginnen in Schleswig-Holstein die Abiturprüfungen. Quartas in der Minute, in der ich auf den Knopf für Veröffentlichen gedrückt habe. Sieben Uhr Vierzig.

Ich erinnere mich noch gut an meine, vor allem an Musik. Da war ich so extrem ärgerlich über die Aufgabenstellung, dass ich die Arbeit im Stil einer Musikkritik des 19. Jahrhunderts schrieb. Denn ich hatte mich auf Bergs Wozzeck und auf Bartoks Streichquartette vorbereitet – und dann kam ausgerechnet fast die gleiche Aufgabe zum 5. Streichquartett dran, die wir schon in der Oberstufe hatten. Ja, ich liebe das fünfte, sehr sogar, aber wieso habe ich dann das alles gelernt?

Jedenfalls. Abitur. Heute Chemie, dann erstmal Ferien. Und dann war es das mit Schule weitgehend. Quartas Pech ist, dass sie als Jüngste die ist, mit der all diese Dinge, die uns jahrelang begleitet haben, ein letztes Mal passieren. Ihr Glück, dass wir schon Erfahrung damit haben. Es ist trotzdem aufregend.

Und dann wird Schule auf einmal aus sein.