29.2.08

Die Profeten des Untergangs

Wir sind ja immer noch auf der Suche nach einer Kirchengemeinde, in der wir uns wirklich wohlfühlen. An sich sind wir in Poppenbüttel schon ganz zufrieden und fast jeden Sonntag dort im Gottesdienst gerade. Vor allem, dass die Kinder in den sehr guten und gut besuchten Kindergottesdienst parallel zur "großen Kirche" gehen können, freut uns und ist wunderbar.

Eine der Pastorinnen dort ist auch nicht nur klasse in ihrer Art zu predigen und Gottesdienst zu halten, sondern auch einladend und liebevoll. Aber am letzten Sonntag hat unsere Begeisterung einen Knacks bekommen.

Ich bin ja inzwischen eher konservativ in Glaubensfragen und beinahe evangelikal, jedenfalls ist mit die geistliche Armseligkeit, wie sie in unserer Ortsgemeinde herrscht, zuwider. Aber der Teilzeitpastor, der am letzten Sonntag predigte, war weit jenseits dessen, was ich ertragen mag. Und das hängt (neben einem abstrusen Nebensatz, der in etwa ging, dass man ja heute aus Talkshows geworfen werde, wenn man als Christ zu seinem Familienbild stehe - also echt, wie kann man so bekloppt sein, so was zu behaupten, das hat mich schockiert und rausgeworfen aus der Konzentration) vor allem an einem bigotten Alarmismus, wie er auch aus dem Streitgespräch von Parzany mit Volker Beck spricht, das idea diese Woche dokumentiert und in dem Parzany, der alte Popstar des evangelikalen Christentums, beklagt, man dürfe hierzulande ja schon fast nicht mehr dazu stehen, ein Christ zu sein. Volker antwortet ihm:
Deswegen ist Ihr Appell, Herr Parzany, „Steht auf, wenn ihr Christen seid“, völlig überzogen. Hier ist keine Freiheit gefährdet. Bei aller Kritik am Inhalt: Ich würde ihre Freiheit gegen jeden Repressionsversuch verteidigen! idea.de - Nachrichten des Tages - Detailartikel
So ähnlich ging es mir auch, das wollte ich dem Pastor in Poppenbüttel auch zurufen. Was für eine Verdrehung der Realität, zu behaupten, das Klima in diesem Land sei so, dass es für Christen anfange. gefährlich zu sein, wenn sie ihren Glauben vertreten, dass Christen in der Minderheit seien und mundtot gemacht würden.

Wer so argumentiert, zündet auch irgendwann Häuser an, befürchte ich. Und es entspricht nicht meiner Wahrnehmung. Ich darf und kann (und tue es auch) laut sagen, auch in meinem eher heidnisch geprägten Umfeld, dass ich Christ bin, dass ich die Evolutionstheorie maximal als halbwegs plausible Theorie sehen kann aber sie nicht für wahr halte, dass ich Ehescheidung und Abtreibung ablehne und so weiter. Mir ist noch nie Feindschaft begegnet, nie mehr als ungläubiges Staunen.

Leute wie Parzany und dieser Pastor leben anscheinend in einer anderen Welt. Oder sie brauchen die behauptete Feindschaft, um sich selbst besser zu fühlen. Absurd jedenfalls. Und fast noch mehr erschreckt hat mich, dass so viele Gottesdienstbesucher so begeistert waren von der Predigt und diesem Typ.

Ob wir doch in der falschen Gemeinde gelandet sind?

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Kommentare:

  1. Ob wir doch in der falschen Gemeinde gelandet sind?

    Bleibt und prägt sie. :-) Dann haben alle was davon.

    Und ich glaube übrigens nicht, dass man als konservativer Christ (als solchen würde ich mich auch bezeichnen) in die Nähe der Evangelikalen kommt. Obgleich evangelikale Gruppen aus ihrem Glaubensverständnis zu gesellschaftlich konservativ erscheinenden Schlussfolgerungen kommen, würde ich im religiösen Kontext meiner Kirche eher ein stark lutherisch-geprägtes Glaubensverständnis als "konservativ" bezeichnen und damit kann man Evangelikale und sonstwie Erweckte ja eher jagen...

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  2. Hmm, Niels, wir wollen ja zum ersten Mal nicht mitprägen - sondern ganz still konsumieren und dabei sein. Es soll auch keiner wissen, wer ich bin, damit ich nicht Nein sagen muss, wenn ich wieder nach einem Ehenamt oder so gefragt würde. :-)

    Evangelikale sind hier bei uns meistens lutherische Orthodoxe, so wie ich, und nur selten Erweckte. Die gibt es da auch in Poppenbüttel, aber die gehen mir eher auf die Nerven....

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  3. Also, ich bin jetzt etwas verwirrt. Ich lese diesen blog seit einiger Zeit und bin wirklich erfreut mal einen klar christlichen blog zu finden, noch dazu aus meiner Wahl-Heimatstadt.
    Ich bin schon lange Christ, in der Landeskirche großgeworden, in einer charismatische Freikirche gewachsen und jetzt in einer Gemeinde des MühlheimerVerbandes. Ich bin mit Freunden dabei über Luther zu reden, und mein Hauskreisleiter hält viel von Luther und seinem Glaubensverständnis.
    Wie passt das jetzt in euer Bild? Und vor allem: wie definiert ihr evangelikal?

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  4. Talira, das Problem scheint oft zu sein, dass "evangelikal" ein ungenauer Sammelbegriff ist. Wahrscheinlich würden mich viele Evangelikale nicht als evangelikal bezeichnen :-) Ich bin eher ein (theologisch) konservativer Lutheraner, also in der Tradition der lutherischen Orthodoxie und der Bekenntnisse - kann aber mit Erweckungsdingen wenig anfangen, ebenso mit der geistlichen Gemeindeerneuerung, also der charismatischen Bewegung. Das war mir immer zu pfingstlerisch und zu gefühlig, individualistisch. Ich bin mehr der intellektuelle Typ konservativer Lutheraner oder so.

    Da es für uns Linke, die theologisch konservativ sind, in Deutschland keine Schublade gibt, habe ich mir angewöhnt, mich als "left evangelical" zu bezeichnen, was in der angelsächsischen Tradition verbreiteter ist.

    An solchen Begebenheiten wie der grausamen Predigt letzten Sonntag merke ich dann aber, dass ich in die echte evangelikale Suppe dann doch nicht passe...

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  5. Anonym2.3.08

    Jetzt bin ich einigermaßen verwirrt über Aussagen wie: "dass ich die Evolutionstheorie maximal als halbwegs plausible Theorie sehen kann aber sie nicht für wahr halte".
    Mag sein, dass ich als gelernter, aber von der offiziellen Lehre emanzipierter Katholik hier nicht mitreden kann. Ich kenne mich auch nicht mit den unterschiedlichen Strömungen im deutschen Protestantismus aus.
    Aber: Die Evolution so zu qualifizieren wie geschehen, das hätte ich in diesem Blog nicht erwartet. Ungläubiges Staunen!
    Theologisch kann ich nicht argumentieren, höchstens historisch. Das Fach habe ich gelernt. Ist es nicht so, dass Religion in erster Linie als moralisch-ethisches Ordnungsprinzip innerhalb einer Gemeinschaft von Menschen begriffen werden muss?
    Ist es nicht von Beginn der Menschheit an so, dass unerklärliche Naturphänomene göttlichen Ursprungs verdächtigt wurden und dass diejenigen, die behaupteten, die Erscheinungen deuten zu können, die Priesterkaste bildeten - mit entsprechendem Einfluss auf ihre Mitmenschen?
    Ist es nicht so, dass in der zweiten Hälfte des Kaisertums von Tiberius ein charismatischer Religionsstifter in Palästina das Alte Testament radikal zu Ende dachte und mit seinem neuen Paradigma (Frieden ist: Liebe deinen Nächsten) zum ersten Mal das Heil des einzelnen Menschen über die Zufriedenheit der Götterwelt stellte - und deshalb so großen und nachhaltigen Zulauf erhielt und unter anderem deshalb von den weltlichen und religiösen Führern unmgebracht werden musste?
    War es nicht so, dass Jesu Anhänger ihr Idol in mündlichen und schriftliche Zeugnissen mit vielen Attributen versahen, die für die Menschen der damaligen Zeit seine göttliche Abkunft beweisen mussten, Attribute, die auch anderen "großen" Männern zugesprochen wurden (Z.B. die Jungfrauengeburt)?
    Ist es nicht so, dass ein Gott, ganz gleich welcher, immer an das Vorhandensein menschlicher Intelligenz gebunden ist?
    Wie gesagt: keine theologischen Argumente, sondern historische und - aus meiner Sicht - rationale. Ich beanspruche nicht, die Wahrheit zu kennen. Was heißt schon Wahrheit...

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  6. Anonym2.3.08

    Nochmal hallo, ich wollte eigentlich nicht als Anonymus schreiben (siehe letzten Kommentar)
    Gruß
    Uli
    http://blog.nn-online.de/pendlerblog/

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  7. Hallo Uli, Religion in erster Linie als moralisch-ethisches Ordnungsprinzip? Nein, auf die Idee kommen wahrscheinlich eher nichtreligiöse Menschen, scheint mir, oder? Ich kann nicht für alle Religionen sprechen, aber die, die ich kenne, verstehen sich eher als Offenbarung der einen Wahrheit, was immer die dann auch wirklich sein mag.

    Leute, die glauben, die Wahrheit zu kennen, sind mir auch suspekt - aber Leute, die an die Wahrheit glauben, deren Offenbarung sie erlebt haben oder plausibel finden, auch wenn sie wissen, dass wir erst am Ende wissen werden, wer denn "Recht" hatte, sind religiös, denke ich.

    Und zur Evolutionstheorie: Ich kenne nahezu keinen ernstzunehmenden Naturwissenschaftler, für den es mehr ist, als eine Theorie. Dass es Naturgesetze gäbe, ist ja auch eher ein vulgärwissenachftliches Konzept.

    Ich halte die Evolutionstheorie nicht für plausibler oder wahrscheinlichlicher als die Theorie, dass ein schöpferischer Plan hinter dr Entwicklung dieser Welt steht. Damit bin ich kein Kreationist, aber ich wehre mich gegen die Religiosisierung und Dogmatisierung einer (kontingenten) naturwissenschaftlichen Theorie.

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