5.1.12

Generisches Maskulinum ist auch Kinderkakke (wie Postgender)

Zu Postgender hab ich neulich ja schon mal geschrieben, wieso das Kinderkakke ist. Das immer wieder (und beileibe nicht nur von Männern) behauptete so genannte "generische Maskulinum", also die irrige Vorstellung, Frauen seien "mitgemeint", wenn ein Plural im grammatikalischen Maskulinum gebildet wird, ist ebenso Kinderkakke. Und dazu kommt noch, dass es das nicht mal gibt.

Heute erst bin ich auf einen dazu sehr spannenden und verständlichen Artikel in Anatol Stefanowitschs Sprachlog gestoßen (via Facebook via Katja Husen), der noch einmal einige Studien zusammenfasst, die zeigen, wie sehr im Deutschen die Verwendung eines Genus Einfluss auf das hat, was wir in Wirklichkeit denken und mitdenken (und eben nicht mitmeinen). Vor allem räumt er sehr erhellend mit dem Vorurteil auf, geschlechtergerechte Sprache würde die Verständlichkeit von Texten negativ beeinflussen. Dies tut sie nur gefühlt, nicht aber objektiv - und auch nur bei Männern. Anatol schreibt:
Mit anderen Worten: Geschlechtergerechte Sprache hat keinen negativen Einfluss auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten. Wohl aber hat sie einen Einfluss auf die Einbildung männlicher Leser.
Frauen natürlich ausgenommen | Sprachlog
Und solange es in meiner Umgebung Leute gibt, die das Märchen vom generischen Maskulinum aufrecht erhalten und weiter erzählen, werde ich wie in den letzten Jahren schon auch weiterhin im Blog und in Aufsätzen und Artikeln ein generisches Femininum verwenden. Punkt.

Kommentare:

  1. I couldn' disagree more!

    Natürlich ist das Verständnis von Sprache und das Gefühl dafür, was sich "richtig" anhört, immer vom persönlichen Umfeld und der eigenen Sozialisierung abhängig. In Deinem "grünen Umfeld", wenn ich das mal so nennen darf, ist das von Dir postulierte Sprachverständnis durchaus verbreitet. Ob das gesellschaftlich mehrheitsfähig ist, steht auf einem anderen Blatt. In meiner subjektiven Wahrnehmung - natürlich wiederum von meinem Umfeld geprägt - sieht das ganz anders aus: Hier werden die Formulierungen und Wortschöpfungen der feministischen Linguistik vielfach als irritierend und künstlich wahrgenommen, und zwar von Männern wie von Frauen. Was sich letztlich durchsetzt (und was "Kinderkacke" bleibt), wird die Zeit zeigen.

    Man kann durchaus kritisch hinterfragen, ob, Was vermeintlich zur Geschlechtergerechtigkeit beiträgt, nicht sogar eigentlich ein Rückschritt ist und erst zu einer sprachlichen Trennung aufgrund des Geschlechts führt. Dagmar Lorenz hat diese Kritik in Ihrem Artikel "Die neue Frauensprache" (http://web.archive.org/web/20021230215839/http://www.morgenwelt.de/kultur/9904-sprache.htm) sehr gut dargestellt:

    Zitat: "Die unangemessene Hervorhebung des Geschlechtlichen ruft noch eine andere unangenehme Assoziation hervor: wenn gleichermaßen wahlberechtigten Männern und Frauen eine gesonderte Anrede, bzw. Bezeichnung zuteil wird, so liegt der Verdacht nahe, daß sie auch eine nach Geschlechtern getrennte Behandlung zu erwarten haben. Man wird in diesem Zusammenhang darauf zu achten haben, welches der Geschlechter an erster Stelle genannt wird. Wie aber auch immer die Priorität ausfallen möge: von sprachlicher Gleichberechtigung kann dann keine Rede mehr sein. Das "generische Maskulinum" besitzt nun einmal den unschätzbaren Vorteil, Gleichwertigkeit zu evozieren. Die Rede an "die Wähler" kann sich sowohl an "Wähler und Wählerinnen", als auch an "Wählerinnen und Wähler" richten. Verwendet man hingegen die nach Geschlechtern getrennte Formel, so kommt man nicht umhin, eines der Geschlechter an zweiter Stelle nennen zu müssen, eine Einteilung in "zuerst" und "danach" zu treffen." (Zitat Ende)

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  2. Du hast Anatols Aufsatz nicht gelesen, oder? Der ist ganz kurz und lohnt sich. Die Studien, die er vorstellt, zeigen, dass es unter objektivierenden Bedingungen eben gerade kein intuitiv verstandenes generisches Maskulinum gibt - man also sehr genau argumentieren muss, wenn man es dennoch behaupten wollte. Und das von dir angeführte Zitat arbeitet ja auch nur (was ich interessant finde) auf der assoziativen Ebene, nicht aber auf einer empirischen oder Testebene.
    Wo du sicher Recht hast, ist das Milieu. Ich kenne auch Frauen, die sich als "Bankkaufmann" bezeichnen. Und Frauen, die dreimal nachdenken müssen, bevor sie sich bei "Lehrer" mit angesprochen fühlen oder auch nur realisieren, dass sie mitgemeint sein könnten.

    Allein: Wer sich ein bisschen mit Entfremdung beschäftigt (ich empfehle mal wieder: H. Marcuse, Der eindimensionale Mensch - völlig des Feminismus unverdächtig), wird schwerlich aus der Tatsache, dass es Menschen gibt, die es super finden, dass sie nicht wählen müssen, schließen, dass Demokratie doof ist. Oder aus der Tatsache, dass es ausgebeutete Menschen gibt, die damit zufrieden sind, schließen, dass Ausbeutung super sei. Allein dass eine Frau meint, sie sei mitgemeint, wenn von Lehrern oder Bankkaufmännern die Rede sei, ist noch kein Grund, dass dies aus mehr als einer Kombination aus gelernter Resignation oder Entfremdung der Fall ist, wenn objektivierende Versuchsanordnungen keinen Hinweis darauf geben, dass es ein generisches Maskulinum gibt.

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  3. Interessant ist auch, wie A. Stefanowitsch überhaupt dazu kam, zu diesem Artikel zu recherchieren: er verwendet das Wort "Studierende" statt "Studenten" und wurde dafür angefeindet. Er konnte nachweisen, dass das Wort "Studierende" viel älter ist als die Verwendung "Studenten" als sog. generisches Maskulinum, dass es sogar älter ist als es überhaupt Frauen an Universitäten gab, dass es mithin in keinster Weise ein wie auch immer geartetes "korrektes Sprechen" sein kann, dieses geschlechtsneutrale Wort zu verwenden!

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  4. Doch, ich habe den Artikel gelesen! Die kategorische Schlussfolgerung "es gibt kein generisches Maskulinum" finde ich allerdings anmaßend und unseriös. Bestenfalls lassen sich - eine entsprechende methodische Qualität der zugrundeliegenden Untersuchungen vorausgesetzt, was ich nicht beurteilen kann - Tendenzen oder Vorlieben herausarbeiten. Dann kann man sich noch viele Fragen zu Signifikanz und Repräsentativität stellen.

    Dieser päpstliche Absolutheitsanspruch, mit dem das "gibt es nicht"-Ergebnis postuliert wird (von Stefanowitsch wie von Dir) scheint mir eher interessegeleitet zu sein, da ja "nicht sein kann, was nicht sein darf". Und mit welchem Recht drängst Du die Frau, die sich als "Bankkaufmann" bezeichnet, in die Rolle des Opfers gesellschaftlicher Umstände, das nur noch nicht in den Genuss der Erkenntnis gekommen ist, wie Sprache wirklich zu funktionieren hat? Das ist genau der totalitäre Ansatz, der auch in dem von mir oben verlinkten Text beschrieben wird und bei dem ich wirklich die Krise kriege!

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