23.8.13

Es war eine schöne Zeit

Das war es wirklich. Wie die eine oder andere nachrechnen kann, war ich in den 70er Jahren Kind und in den 80er Jahren Jugendlicher. Die 70er sind gerade in der merkwürdig verrutschten Pädophilie-Debatte ähnlich verzerrt wie die 80er in der über politische Bewusstwerdung und Frauendings.

Dabei war es eine tolle Zeit, in die ich hineingeboren wurde. Und eine tolle Szene. Und manchmal denke ich wehmütig, dass ich meinen Kindern gönnen würde, einiges davon zu erleben wie ich es erlebt hatte als Kind. Auch wenn ich weiß, dass vieles von heute aus betrachtet (oder auch nur aus dem Blickwinkel von schon nur zehn Jahre Jüngeren) sehr merkwürdig und fremd anmutet.

Jede wird wohl einige besonders starke und nachhaltige Erinnerungen an Kindheit und Jugend haben, nehme ich an. Bei mir sind sie sehr geprägt von den Menschen, mit denen meine Familie befreundet war, und den Bewegungen, in denen ich aufwuchs. Beides hat mich, wie ich heute weiß, sehr geprägt. Interessanterweise kommt dieses immer mehr zu tragen, je älter ich werde.

Da ist zum einen der Feminismus der zweiten Welle der Frauenbewegung. Frauen und Männer, oft die Männer, mit denen die Frauen, die in meiner Umgebung das Thema vorantrugen, verheiratet waren und ein neues Leben ausprobierten. Eine neue Sprache. Meine eigene Familie war da eher am Rande, denn das mit dem Leben ging so nicht. Meine Mutter hasste den Beruf, in den sie ihr Vater in den 60ern gedrängt hatte - und gab den so früh es ging auf. Also als ich geboren wurde. Und während unsere Familie (Vater, Mutter, Sohn Tochter, Vater voll berufstätig, Mutter "zu Hause") äußerlich geradezu klassisch für die frühen 70er war, waren es eben Frauen wie meine Mutter und ihre Freundinnen, die sich mit der "Frauenfrage" massiv auseinandersetzten. Die den unideologischen Teil der Kinderladenbewegung prägten. Die ehrenamtlich aktiv wurden. Diese Zwischengeneration. Etwas zu jung für die 68er, vor allem aber da schon mit Verantwortung für Kinder als andere sich radikalisierten und in den Untergrund gingen. Von solchen war nur immer mal die Rede, kennengelernt habe ich keine (mehr).

Vielleicht ist es nicht ganz typisch für Menschen in meinem Alter, vielleicht, weil meine Eltern so jung waren als ich kam. Aber ich habe tatsächlich in der Familie und im Freundinnenkreis und in den Bewegungen, in die meine Eltern uns Kinder immer mitgenommen haben (Bunte Liste, Dritte-Welt-Arbeit, Anti-AKW- und Anti-Gorleben-, später die Friedensbewegung), einen Umgang und eine Sprache kennen gelernt, die anders waren als das, was ich dann erleben musste, als ich erstmals den Dunstkreis evangelische Kirche verließ. Ende der 90er. Eine Selbstverständlichkeit von - wie es damals hieß - "geschlechtergerechter Sprache" beispielsweise. Es war eine schöne Zeit, in der ich feministische Lebens- und Gesellschaftsentwürfe als den Normalzustand erlebte und kennen lernte. Die normal waren und darum nicht kämpferisch oder aggressiv. In denen ich unter dem Tisch sitzend und spielend schon früh die Diskussionen verfolgte und aufsaugte. Das ist es wohl auch, was mich heute so ungeduldig macht. Und was in den letzten Jahren zu meiner Reradikalisierung führte in diesen Fragen. Dass meine Kindheit so wirkt, als wäre sie aus der Zukunft. Wenn ich mir die jungen Leute anhöre oder die älteren, die offenbar lange unter einem Stein lebten.




Und dann auch das andere Thema. Ich nenne das ja gerne analog zum Fachbegriff, mit dem bezeichnet wird, wie wir unsere Pferde halten, "Robustkinderhaltung". An Wochenenden mit Freundinnen und Freunden und der weiteren Familie waren wir Kinder auf uns gestellt, butscherten rum, machten Feuer, kenterten mit selbstgebauten Flößen auf den Dorfteichen, waren laut, dreckig und sehr oft nackt.

Heute kommt es mir komisch vor, wenn Kinder oder gar Erwachsene nackt oder fast nackt in der Gegend rumrennen. Damals war das normal. Zumindest in unseren Szenen. Die übrigens nicht links-grün waren. Sondern kirchlich. Mit einer Faszination für Befreiungsbewegungen. Und einer Aversion gegen Uniformen. Von den Parkas wurden die Flaggen abgetrennt. Ich bin mir relativ sicher (so sicher, wie ich mir bei etwas aus der Kindheit sein kann), dass in unseren Szenen undenkbar und unakzeptabel war, was als Exzesse und Verbrechen an Kindern in der Debatte über Pädophilie in linken und liberalen Ecken in den 70ern und 80ern zu Tage kommt. Und ich habe auch kein Verständnis dafür. Zugleich ist für jüngere Menschen und ältere, die den Aufbruch in eine andere Freiheit (und das war der Kontext ja tatsächlich, in dem es dann ebenfalls - wie überall - Perverse und Verbrecher gab) nicht mitmachten, wahrscheinlich schwer zu verstehen, dass es eine Zeit gab, in der Körperlichkeit nicht sofort mit Sexualität einherging. Ein lahmer Abklatsch davon ist vielleicht heute noch, dass es in meiner Umgebung durchaus üblich ist, einander in den Arm zu nehmen. Auch Männer andere Männer und Männer Frauen - ohne dass das sexuelle oder erotische Konnotationen hat.

Natürliche Körperlichkeit ohne Pornochick. Schwer vorzustellen aus heutiger Zeit. Aber nichts, wofür sich jemand entschuldigen muss oder was ich im Nachhinein als unangenehm empfände. Für uns war es beispielsweise auch selbstverständlich, mit Mädchen zu spielen. Was für Jungs heute oft undenkbar ist, sobald sie in die Schule kommen.

Es war eine schöne Zeit, voller Freiheit und Dreck und Lärm und Langeweile und langem Aufbleiben und ohne Eltern, die sich dauernd um uns kümmerten. Und es erschreckt mich, dass es auch in dieser von mir als wunderbar erlebten Kindheit zu den gleichen Exzessen und Verbrechen kam wie in den von Repression geprägten Umgebungen. Das ist nicht zu entschuldigen und wirft einen Schatten. Macht aber die Häme und den Hass von so Spinnern Publizisten wie Christian Füller nicht erträglicher. Vielleicht hatten die einfach keine so schöne Zeit?


7.8.13

Merkels Kinder

Obwohl ich von ihm nur auf einer Sommerakademie der Studienstiftung lernen konnte und er für mich ja sozusagen fachfremd ist, gehört Werner Durth zu meinen wichtigsten Lehrerinnen. Vor allem über Kontinuitäten in Lebensläufen und so weiter habe ich viel von ihm gelernt. Andere Geschichte. Und darüber, warum Diktaturen für Architekten großartig sind. Weil sie Spielräume schaffen. Germania planen zu dürfen, war für viele der späteren Stars der 50er sehr aufregend.

"Entwickler lieben Apple", sagte einer neulich zu mir, der sich mit einer kleinen Anwendung rumschlagen musste, die auf iPhone und Android funktionieren sollte. Alles sei klar geregelt und einheitlich. Das, was ich immer "Cuba" nenne: eine Diktatur, in der die Sonne scheint. In der ich mich wohlfühlen kann, wenn ich mich hinreichend anpasse. Apple ist Cuba.

Und die Technokratie Merkel'scher Prägung hat irgendwie auch was von Cuba. Und bringt merkwürdige Kinder hervor, die sich durch einen irritierenden Technik- oder Wissenschaftspositivismus auszeichnen. Was schließlich doch noch die Kurve kriegt zur "Alternative für Deutschland", über die ich eigentlich gar nicht schreiben wollte. An deren verstörenden Plakaten ich aber vorbei laufe jeden Tag.

Was mich rund um diese Hochschulprofessoren, die eine unscharf profilierte Expertenpartei gegründet haben, die gesamte Zeit umtreibt, ist etwas Ähnliches wie bei den Piraten (ja, wilde Umleitung, löst sich gleich auf, versprochen). Als jemand, dem intellektuelle Demut auch selbst sehr fremd ist, kann ich in gewisser Weise nachvollziehen, wie jemand auf die Idee kommen kann, man müsse nur mal die richtigen, die schlauen Leute ranlassen, so richtige Expertinnen, und dann würde alles flutschen. Geht mir dauernd so.

Aber im Kern ist dies Technokratie oder Expertokratie. Und das Gegenteil von Demokratie. Ja, man kann sehr unglücklich werden angesichts von Demokratie. Ich auch, wenn ich sehe, dass die Massen mehr Angst vor einem Veggie-Day haben als vor der Abschaffung der Demokratie und Freiheit.

Das, was die "Alternative für Deutschland" mit den "Piraten" gemeinsam auszeichnet, ist doch gerade dieser Anspruch der Technokratie. Die Vorstellung, es gebe eine objektive, geradezu "naturgesetzliche" Wahrheit und einen richtigen Weg, der nur umgesetzt werden müsse. Lasst die Techniker oder die Wirtschaftswissenschaftlerinnen ran - und alles flutscht. Eine geradezu katholische Haltung, obwohl die auch schon ein bisschen von ihren naturrechtlichen Ansätzen abgerückt sind, wenn ich das richtig übersehe.

Das Interessante ist aus meiner Sicht, dass beide im Kern unpolitischen Protestparteien dabei gleichzeitig (1) die Sehnsucht vieler Menschen in meiner Umgebung nach mehr Kompetenz bedienen und (2) voll auf der Linie Merkels sind, die nahezu perfekt die Mischung aus asymmetrischer Demobilisierung und technokratisch-wissenschaftlich begründeter scheinbarer Alternativlosigkeit beherrscht.

So betrachtet sind Piraten und AfD beide "Merkels Kinder". Geprägt und politisiert von der Erfahrung unter ihrer Kanzlerinnenschaft, beide weitgehend ohne Gestaltungsanspruch, beide mit der Vorstellung, es gebe einen objektiv richtigen Weg. Also beide genau so, wie Merkel agiert und regiert. Ja, beide in unterschiedlicher Ausprägung, so unterschiedlich sogar, dass es schwer fällt, sie auch nur gemeinsam zu nennen - aber ich finde die Gemeinsamkeiten verblüffend. Zumal sie noch etwas gemeinsam haben: Ich finde es schwer erträglich, wie sie die Technokratie oder Expertokratie der Demokratie vorziehen. Und ich finde sie gleich unwählbar.

Eine Vorliebe für Cuba ist keine Frage des Alters. Und Pubertät auch nicht.

6.8.13

Ein neuer Baum

Nachdem einige von uns so langsam wieder aus der Schockstarre aufwachen und zornig werden, ich selbst ja auch neulich mit der Frage, ob das schon der Anlass zum Widerstand sei, finde ich es an der Zeit, einmal nach vorne zu denken.

Und dabei hilft ein Blick zurück. Ich zumindest kann mich noch an Zeiten liberaler Innenminister erinnern. Gerhard Baum beispielsweise. Mit der geistig-moralischen Wende des Helmut K. hörte das auf. Es kam Zimmermann.

Nun lässt sich nicht sagen, dass Liberale (Grüne und FDP) sich in Fragen der Sicherheitshysterie mit Ruhm bekleckert hätten, lest noch mal Nicos Text dazu. Dennoch möchte ich mir nicht ausmalen müssen, was 2002ff passiert wäre, wenn Schily nicht von den alten Parteifreunden hin und wieder ausgebremst worden wäre. Oder wenn jetzt nicht die Justizministerin wäre.

Wenn der Innenminister ("Verfassungsminister") im Gleichschritt mit dem Chef der Polizeigewerkschaft ein bekennender Verfassungsfeind ("Supergrundrecht Sicherheit") ist, nutzt es auch nichts, dass der breiten Mehrheit in diesem Land das Thema Freiheitsrechte am Allerwertesten vorbei geht. Allerdings finde ich es dabei eher niedlich, wenn auf Gestapo und Stasi verwiesen wird, um anzumerken, dass wir doch besonders sensibel sein müssten. Mein Verdacht ist ja eher, dass Gestapo und Stasi aus exakt dem Grund so gut funktionierten, aus dem sich auch jetzt das Desinteresse am Aushöhlen unserer Demokratie speist. Aber das ist vielleicht noch einmal eine andere Geschichte. Die die Frage der Legitimität von Widerstand aufwirft, die ich aber nicht stellen will und werde, weil sich alles in mir dagegen sträubt.

Im September wird ein neuer Bundestag gewählt. Und Parteien, denen die Verfassung wichtig ist, werden jeweils unter 15% bleiben. Aber: es sieht alles danach aus, als ob auch die nächste Regierung von einer dieser Parteien mitgetragen werden wird. Und hier sehe ich eine Chance. Ich wünsche mir, dass sowohl die FDP als auch die Grünen für eine Koalition darauf bestehen, die nächste Innenministerin zu stellen. Dass diese Ministerin wieder vor allem für den Rechtsstaat und die Verfassung zuständig ist und nicht nur für die Polizei. So von der Haltung her.

Wäre das nicht ein Deal? Vielleicht wäre es sogar ein Rettungsprogramm für die FDP (oh Gott und das von mir) - dass sie sich festlegt auf das Innenministerium, ohne das sie in keine Koalition geht. Und bei den Grünen werde ich auch für diese Idee werben.

Was denkt ihr?

26.7.13

Das Ende der Mangelmedien

Diese Woche wird uns später als die Woche in Erinnerung bleiben, in der das Ende der Medien offensichtlich wurde, deren Modell darauf beruhte, dass Raum oder Zeit knapp und ein Mangel war. Offensichtlich auch für die, die sich bisher nicht so intensiv damit beschäftigt haben.

Erst stellt Google ein USB-Stick-großes Dingens vor. Und dann verkaufte (oder präzise: versucht zu verkaufen) Axel Springer fast alle seine Print-Titel. Letzteres mit enormem Echo in meinem mediennahen Resonanzraum und initialer Schockstarre bei fast allen Journalistinnen oder Ex-Journalistinnen in meinem Umfeld. Ersteres, so scheint mir, noch fast unter dem Radar.

Warum soll dies das Ende der alten Medien sein?
Mehr noch als den Abschied Springers von Print (dazu gleich) stellt meines Erachtens das kleine, billige Gerätchen, das an den HDMI-Anschluss des großen wohnzimmerdominierenden Bildschirms gedongelt werden kann, den größten Schritt zur Veränderung der Mediennutzung dar seit der massenweisen Einführung von Kameras, die dauernd online sind (Smartphones). Denn damit wird nun endlich für viele Menschen dieser große Bildschirm von seiner Abhängigkeit vom Zeitmangel befreit.

Lineares TV (also bewegte Bilder, die an einem vom Sender definierten Zeitpunkt übermittelt werden, we called this früher "Fernsehen". Früher, als man fett noch mit o geschrieben hat*) überlebte die letzten Jahre trotz seiner eigentlich absurden Eigenschaften vor allem deshalb, weil die allermeisten Leute nicht in der Lage waren, die Inhalte auf den zentralen Bildschirm ihrer Wohnung zu bekommen, die sie wirklich interessieren. Einige von uns experimentierten mit Apple-TV, aber eigentlich ist das doof - denn es geht nur mit Apple. Und nur mit iTunes. Und iTunes ist inzwischen doof, weil es nicht mehr wirklich mit Medienservern zusammenarbeitet und so weiter. Technikgedöns. Am Ende hat bisher nur die Bequemlichkeit ein an sich kaputtes Medienkonzept gerettet. Denn logisch ist es schon lange nicht mehr.

Wenn dieses HDMI-Dongel von Google tatsächlich kann, was sie behaupten, wäre dies der Einstieg darein, dass der große Bildschirm nicht mehr von Mangel bestimmt wird (dem herausragenden Merkmal linearen TVs - limitierte Sendezeit, limitierte Sender, limitierte DVD-Sammlung) sondern von der Fülle des prinzipiell unendlich großen Speicherraumes Internet.

Für Deutschland heißt das schon in sehr naher Zukunft (also noch dieses Jahr) aus meiner Sicht, dass die ohnehin schon gigantische Reichweite der neuen Sender, die aus dem Zusammenschluss von Künstlerinnen auf YouTube entstanden sind (Ponk, Magnolia etc), weiter explodieren - und vor allem den zentralen Bildschirm der Wohnung erobern wird. Heute schon haben diese neuen Sender eine höhere Reichweite als die klassischen TV-Sender-Familien. Und das bisher noch ohne den großen Bildschirm.

Die linearen TV-Anbieter haben sich ja darauf schon lange eingestellt, indem sie sich auf die einzige Systemstärke ihres Modells zurück besonnen haben: Dass es auf elegante Weise ermöglicht, "fern" zu "sehen". Event-Fernsehen (Livesport, Liveshows etc) sehe ich als einzige echte Chance und Nische dieser Sender.

Und was ist mit Tee?
Einen Tag später dann verabschiedet sich Springer von Print. Und behält nur die Print-Titel, die sie mehr oder weniger erfolgreich zu multimedialen Marken ausgebaut haben. Der Kaufpreis, der dem zehnfachen Gewinn dieses Bereichs entspricht, legt nahe, dass Springer Print keine zehn Jahre mehr gibt.

Nun ist Print an sich nicht tot. Im Gegenteil. Aber der Teil von Print, der sein Modell auf Mangel (an Zeit, an Papier etc) aufbaute, ist irrelevant geworden. Warum eine Auswahl alter Nachrichten auf Papier? Wofür sollen wir mittelfristig noch Zeitschriften brauchen, die durch lineares TV navigieren (siehe oben)? Was soll eine veraltete Auswahl statischer Abbildungen von Entertrainment-Inhalten, die von den Stars vor mehreren Tagen selbst via Tumblr, Instagram, Facebook und Co veröffentlicht worden sind?

Man muss Springer nicht mögen, um anzuerkennen, dass sie dort nicht dumm sind. Ich bin unsicher, ob sie erfolgreich sein können mit dem, was sie da versuchen - aber sie haben erkannt, dass sie jetzt die Reißleine ziehen müssen. Und allen anderen deutlich gemacht, dass Medien in Zukunft nicht auf dem Modell "Mangel" werden basieren können.


tl;dr
Lineares TV und Print haben weitere Sargnägel verpasst bekommen. Und Springer weiß das.


* komplett ohne einen tieferen Sinn. Ich liebe diesen Spruch, den meine Schwiegermutter von ihrer Großmutter, Pfarrfrau in Hessen, hat.

25.7.13

Freundschaft anders erleben – wie unsere Kinder sich die Onlinewelt erobern

Für die kleine Zeitschrift "Blickpunkt Pflegekinder" habe ich einen kleinen Beitrag geschrieben über Kinder, Eltern und das Internetzdingens. Und weil er, wie ich finde, ganz gut zu meinen Themen hier passt, kommt er hier ins Blog auch rein. Das Heft handelt insgesamt vom Thema Freundschaft. Und es wird herausgegeben von PFIFF, die sich um Pflegeeltern und ihre Pflegekinder kümmern. Eine Arbeit, die ich toll finde, zumal es in meiner Familie Tradition ist, Pflegekinder aufzunehmen. Am Ende des Beitrags habe ich auch den Originalaufsatz eingebunden, er kann auch bei Scribt runtergeladen werden.

***

Ob wir es wollen oder nicht – unsere Kinder sind online, spätestens wenn sie in die Schule kommen. In vielen Fällen nutzen sie auch zu Hause Computer, die im Internet sind. Wir sollten nicht vergessen: Für unsere Kinder sind Computer, die nicht online sind, „kaputt“, sie kennen gar keine Zeit mehr, in der es eine Offline-Nutzung von Programmen und Anwendungen auf PCs gab.

Spätestens wenn sie ihr erstes Smartphone haben (was rein statistisch auf mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ab 13 Jahren zutrifft), koppelt sich ihre Onlinenutzung von der unseren ab, nutzen sie „das Internet“ anders als Erwachsene. Auch ohne Datenflatrate wird das Smartphone für immer mehr Kinder zum Tor zur Welt. Zuhause, in der Schule, bei Freundinnen und Freunden: wo immer sie Zugang zu einem WLAN haben, gehen sie mit ihren Geräten online. Und sei es zur Not mit der Spielekonsole.

Dadurch ändert sich die Mediennutzung dramatisch. Sie definiert sich für viele unserer Kinder neu und wird als Qualitätszeit empfunden. Parallel zum Fernsehen mit Freundinnen und Freunden zu chatten, ist die Norm. Gespräche, die auf dem Schulhof beginnen, werden per SMS (bei denen, die noch nicht immer online sind und also keine preiswertere Variante wie WhatsApp nutzen können) fortgesetzt und dann zu Hause als Chat in Facebook und Co intensiviert. Grob gesagt ist der Onlinezugang für Kinder und Jugendliche heute das, was für die meisten Erwachsenen der Elterngeneration das Telefon war: Der Zugang zu den anderen. Und so, wie es in den 70ern und 80ern Eltern gab, die das Telefon für ihre Kinder stark reglementiert haben, versuchen es heute auch viele Eltern mit dem Internet.

Grundsätzlich stimme ich dabei zu, dass es zu unserer Erziehungsaufgabe gehört, unsere Kinder in diesen Kommunikationsraum Internet zu begleiten und Grenzen und Leitplanken zu setzen. Ich erlebe nur leider sehr oft, dass genau dieses nicht geschieht – interessanterweise vor allem bei denen, die „dieses Internet“ eher ablehnen und mit ihm wenig bis nichts anfangen können. Das mündet oft in Verbote, die von den Kindern umgangen werden. Oder in eine fappierende Gleichgültigkeit, die ein Zeichen von Resignation ist. Ironischerweise ist der Internetzugang und die Nutzung des Internets als Raum, um mit Freundinnen und Freunden in Kontakt zu sein, in den Familien sehr viel stärker kontrolliert und reglementiert, die Facebook und YouTube offen gegenüber stehen. Wahrscheinlich, weil sie wissen, was zu tun ist – und die Kinder tatsächlich begleiten können.

Wer Kinder hat und sich nicht mit Facebook (bei den etwas älteren Kindern) und YouTube (bei allen Kindern) beschäftigt, nicht mit Minecraft oder Onlinespielen, kann sie nicht begleiten und erziehen und – um es mal sehr hart zu formulieren – versagt als Eltern in der heutigen Zeit. Wer seine Kinder damit vor der Onlinewelt beschützen will, dass sie ihnen verboten und versperrt bleibt, macht seine Kinder (bewusst oder unbewusst) zu Außenseitern. Ähnlich wie in meiner Grundschulzeit in den späten 70ern die Kinder nachmittags außen vor blieben, die noch kein Telefon hatten.

Ein Raum voller Chancen und voller Gefahren
In den Gesprächen unter Eltern dreht es sich beim Internet meistens um die Gefahren. Und diese stehen auch in den klassischen Medien im Mittelpunkt. Dass wir unsere Kinder auf diese Gefahren vorbereiten und sie zu schützen suchen, ist auch richtig und wichtig – schließlich bringen wir ihnen auch bei, nicht einfach auf die Straße zu rennen oder bei irgendwem ins Auto zu steigen. Zugleich aber erklären wir ihnen da auch die Chancen: Dass es gut ist, zur Schule zu laufen oder zu fahren, dass es richtig ist, sich den Straßenraum der Umgebung zu erobern und mit den Freundinnen und Freunden umherzustreifen – das ist unter den meisten Eltern unumstritten. Diesen Konsens auf die Onlinewelt zu übertragen, ist überfällig.

Wir wissen und haben gelernt, dass Kinder und Jugendliche, die sich sicher auf der Straße bewegen, besser vor den Gefahren des Straßenverkehrs geschützt sind. Die gleiche Erfahrung machen Eltern, die ihre Kinder die Onlinewelt erobern lassen, auch dort: Dass ihre Kinder mit den Gefahren je besser umgehen können, desto mehr sie die Chancen kennen und erleben.

Für Jugendliche ist heute Facebook (noch) einer der wichtigsten Orte, um mit ihren Freundinnen und Freunden zu sprechen, um sich selbst darzustellen, um auf Ideen zu kommen. Für Kinder und Jugendliche ist YouTube heute der wichtigste TV-Kanal mit seinen unzähligen Möglichkeiten, mir mein Programm selbst zu gestalten. Wo wir Erwachsenen zu Telefon oder zur E-Mail greifen, nutzen unsere Kinder WhatsApp und Facebook, manche auch die Chatprogramme, die zu ihrem Onlinespiel gehören. Das ist zunächst einfach einmal Fakt und weder gut noch schlecht. Schlecht wird es erst durch unsere Zuschreibung – aber wer sagt denn, dass wir auf alle Zeit Recht haben damit, dass Qualitätszeit bedeuten muss, ein Buch zu lesen? Dass es nicht auch Qualitätszeit sein kann, gemeinsam mit Freundinnen und Freunden zu blödeln (via Facebook und WhatsApp) oder komplizierte Gebäude zu errichten (in Minecraft oder League of Legend).

Nur wenn wir als Eltern die Kommunikations- und Entertainmentbedürfnisse der Kinder ernstnehmen, werden sie uns mit unseren Regeln und Grenzen ernstnehmen. Denn die müssen wir ihnen setzen.

Erlaubnisse und Grenzen
Beispielsweise erlauben wir unseren Kindern YouTube und Facebook. Aber wir setzen die Grenze bei Chatrooms wie Knuddels und Co. Wir erlauben Räume mit hoher sozialer Kontrolle – und setzen Grenzen bei Räumen, die sich der Kontrolle vollständig entziehen. Wir haben eine klare Regel für Gespräche: sie dürfen niemals den Ort verlassen, an dem sie begonnen wurden (also nicht beispielsweise auf Skype oder WhatsApp ausweichen), wenn sie die Menschen, mit denen die Kinder reden, nicht aus der Schule oder aus einem anderen Bezug kennen. Unsere Kinder wissen und lernen jeden Tag mehr darüber, dass die Profile, die sie in sozialen Netzen oder auf Skype und Co sehen, nicht echt sein müssen, dass niemand weiß, wer dahinter steckt, wenn ich die Person nicht selbst kenne.

Hier gibt es also Grenzen, ebenso wie es zeitliche Grenzen gibt. Aber diese Grenzen funktionieren nur, weil sie in ein großes Erlaubnis eingebettet sind – und weil uns interessiert, was unsere Kinder nutzen und wie sie das tun. Weil wir ihnen nicht etwas nur deshalb verbieten, weil wir es doof finden oder nicht kennen. Weil sie erlebt haben, dass wir uns stundenlang über unsere Lieblingsfilme auf YouTube unterhalten können. Wir zeigen ihnen unsere (teilweise aus unserer Kindheit), sie zeigen uns ihre. Ohne dass wir laut sagen, wie schlimm wir das finden, was sie lieben.

Nur so werden wir mitbekommen, wo sie sich ihre Räume für sich und ihre Freundinnen und Freunde suchen. Sei es (aktuell angesagt) SnapChat, sei es neuerdings Twitter, sei es, was immer jetzt kommen mag, wenn sie anfangen, Facebook langweilig zu finden. Nur eine Sache ändert sich nicht seit Generationen: Freundschaft hat mit Menschen zu tun und mit Nähe. Und wo die Onlinenutzung nicht pathologisch wird, hat Freundschaft auch immer damit zu tun, sich in der Kohlenstoffwelt (also dem, was nicht online ist) zu treffen. Alle Erfahrungen der letzten Jahre sprechen dafür, dass Kommunikation in sozialen Netzwerken nichts daran ändert, wie Freundschaft funktioniert. Ja, unsere Kinder nutzen das Wort anders als wir (offener, mehr wie in USA), aber das Phänomen, das wir Freundschaft nennen, kennen sie auch. Nur das Telefon nicht mehr. Und den Brief.

3.7.13

Ich bin ein romantischer Idealist

Ich weiß. Nennt mich naiv. Aber ich glaube an Demokratie. So richtig. Ich glaube auch heute noch, dass es richtig war von der SPD, den Frauen in Deutschland das Wahlrecht zu geben - obwohl die dann mehrheitlich konservativ wählten. Ist das Idealismus? Vielleicht. Ist es richtig? Ja.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer Zeit aufwuchs, in der die Welt noch einfach schien und es gut und böse gab in meiner Filterblase. In der klar war, dass ein Militärputsch, sei es in Chile, in Argentinien, in Griechenland, in der Türkei und überall sonst schlecht sei. Zumal es in fast allen Fällen ja die Guten traf, die aus dem Amt geputscht wurden.

Dabei war es schon damals so, dass die Welt nicht so einfach war. Viele fanden beispielsweise den Putsch in Chile richtig, als Hilfe gegen den fortschreitenden Kommunismus. So wie heute wieder viele begeistert klatschen, wenn in Ägypten das Militär gegen einen anderen -ismus einschreitet, der durch demokratische Wahlen einen seiner Vertreter in das Präsidialamt gebracht hat. Ob es Islamismus ist? Ob Allende den Kommunismus eingeführt hat? Hängt wahrscheinlich wesentlich vom eigenen Standpunkt ab.

Wenn ich etwas in meinen Kämpfen der 80er und 90er gelernt habe, in denen ich mich unter anderem an einem Anführer einer von uns damals so empfundenen rechtsradikalen "Menschenrechts"gruppe abarbeitete, der heute sehr einflussreich ist und dauernd zwischen führenden Jobs im Journalismus und der PR hin und her wechselt (aber das ist eine andere Geschichte), dann dies: Während wir uns streiten können, ob etwas gut oder böse sei, ist eines unverhandelbar. Selbst wenn ich weiß, dass ich selbst niemals (jedenfalls kann ich mir beim besten Willen ein Szenario vorstellen, in dem es anders wäre) zu denen gehören werde, die davon tatsächlich politisch profitieren: In einer Demokratie herrscht Demokratie. Und wenn die Falschen von der Mehrheit gewählt werden, dann werde ich, wie bisher, protestieren. Und ich werde mich an der einen oder anderen Stelle verweigern. Aber - anders als ich persönlich noch in den frühen 90ern*: Ich werde nicht nach dem Militär rufen, dass sie mich in einer Revolution unterstützen.

Tatsächlich bin ich sehr unsicher, was die Situation in Ägypten oder der Türkei heute angeht (heute, am Tag des Militärputsches in Ägypten gegen den gewählten islamistischen Präsidenten). Ich fühle mich inhaltlich und politisch und menschlich und intellektuell den urbanen Prostestgruppen verbunden. Aber ich weiß auch, dass sie nicht die Mehrheit der Menschen in diesen Ländern darstellen. Herrschaft der Volkes oder Herrschaft einer urbanen, gebildeten Elite? Das antik-griechische Modell der Demokratie? Oder das neuzeitliche?

Kann es da wirklich eine Frage geben? Ist das wirklich romantisch? Oder idealistisch? Oder fehlt denen, die jetzt über einen Militärputsch jubeln, ihr Gedächtnis oder ihr (ethischer? politischer?) Kompass?

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* kleine, lustige Anekdote aus den frühen 90ern: Beim Vorbereitungstreffen zum Kirchentag habe ich als damaliger Bundesvorsitzender einer sozialistischen christlichen Vereinigung genau damit dafür argumentiert, in unserem Bereich auf dem Markt der Möglichkeiten auch Nicht-Pazifistinnen zuzulassen. Schließlich würden wir ggf. die Armee während der Revolution brauchen.

25.6.13

Terrorsprache

Seit ich das erste Mal in Victor Klemperers großartiges Büchlein LTI (Lingua Tertii Imperii) hineingelesen habe, ist mir die Ideologiekritik durch Sprache wichtig. Ich kann nicht mehr sprechen oder schreiben, ohne mir über die Konnotationen von Wörtern Gedanken zu machen. Vor etwa zwei Jahren hatte ich dazu schon mal geschrieben, damals anhand des Beispiels der neurechten Kampfbegriffe Gutmensch und Wutbürger.

Etwas, das mich immer sehr ärgert, weil es meiner Meinung nach intellektuell unredlich ist, sind Behauptungen wie "das habe ich nicht so gemeint" oder "also das ist nicht die Ecke in die ich damit gestellt werden will", wenn jemand Worte oder auch nur Wörter verwendet, die als Argumentationsersatz dienen. Weil in ihnen ein Wertesystem mitschwingt, das eine Autorin nicht "abstellen" kann, wenn sie diese Wörter verwendet. Dieses zu bestreiten, halte ich entweder für naiv. Oder für ideologisch. Perfiderweise, so meine Erfahrung, findet dieses Bestreiten (oder das Verwenden von ideologischen Argumentationsersatzwörtern) dann oft in Kontexten statt, die von sich selbst behaupten, Ideologie überwinden zu wollen.

Perfiderweise - aber nicht überraschenderweise. Denn so wie es zur klassischen deutschen Festrede rhetorisch dazu gehört, zu betonen, keine klassische deutsche Festrede zu halten, so schrillen bei mir alle Alarmglocken, wenn jemand die Behauptung aufstellt, sie wolle jetzt einmal versuchen, eine ideologische Debatte zu versachlichen o.ä. Denn das Problem an diesem - auch wieder - Argumentationsersatz ist, dass zunächst einmal bei anderen eine Ideologie behauptet wird, sie aber nicht benannt oder mit den Methoden der Ideologiekritik entlarvt wird. Was oft daran liegt, dass bei den Gegnerinnen zwar eine Ideologie behauptet wird, es aber zweifelhaft ist, ob es die wirklich gibt.

Mein Eindruck ist eher, dass  - ähnlich wie bei Kristina Schröder oder bei radikalen Christinnen - anstelle einer intellektuell anspruchsvollen Auseinandersetzung eine Gegnerin zu einem Popanz aufgebaut werden muss, um sich davon abheben zu können. Allerschönstes "Bild"-Niveau: "Klartext", "man wird ja wohl noch mal sagen dürfen" etc.

Wichtigste Kennzeichen einer solchen ideologisierten Scheinargumentation sind nach meiner Erfahrung vor allem Formulierungen wie eben dieses "man wird ja wohl noch mal sagen dürfen" oder "wer dagegen spricht, wird sofort mundtot gemacht" oder die Erwähnung von "politischer Korrektheit". Ich kann nachvollziehen, wenn jemand so in einer (mündlichen) politischen Auseinandersetzung spricht - denn es funktioniert und appelliert erfolgreich an die niederen Instinkte einer Menge rechts von der Mitte. Aber damit endet auch schon der Sinn solcher Formulierungen: mit der Selbstvergewisserung und Selbstverortung im "rechten Mainstream".
"Rechts" hier in Ermangelung eines besseren Wortes verwendet als veralteter Gattungsbegriff neoliberaler, konservativer, reaktionärer und neurechter Ansätze, die sich untereinander selbstverständlich sehr unterscheiden. Durch das Wort "Mainstream" versuche ich die Abgrenzung dieser Gattung vom Rechtsextremismus.

Wofür sie nicht taugen, ist der Diskurs. Gerade weil mir Ideologiekritik so wichtig ist, habe ich keine Lust mehr, mich mit ideologischem Argumentationsersatz zu beschäftigen. Das mag arrogant sein und dazu führen, dass ich mich aus einem Teil der Diskursversuche unserer Zeit verabschieden muss. Aber ich bin es einfach müde, seit rund 30 Jahren immer und immer wieder die gleichen Diskussionen zu führen (na, kommt das irgendwem bekannt vor? Ja, das ist das gleiche Argument, mit dem ich mich aus der Auseinandersetzung um Feminismus und Sexismus verabschiedet habe).

Vielleicht muss jede Generation erneut ihre Kämpfe führen. Aber ich bin dafür zurzeit zu müde. Und ich kenne und schätze genügend Menschen, mit denen ich leben und sprechen und (politisch) arbeiten kann, mit denen ich das nicht jedes Mal neu auskämpfen muss. Es ist für einen Christen vielleicht allzu resignativ. Aber so ist es nun mal. Ich habe genug damit zu tun, meine Kinder und die Menschen, die mir wichtig sind, zu begleiten und mit ihnen gemeinsam ein lebenswerte Welt zu gestalten.

Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass ich seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts so viele glückliche Menschen kennen lernen durfte, die irgendwann aus den ideologischen Kämpfen ausgestiegen sind und praktisch gezeigt haben, dass sie eine lebenswerte Welt gestalten können. Dass sie die Welt verändern durch Handeln und Reden. Oft sogar mehr, als es den Anschein hat. Von denen werde ich mehr erzählen. Von denen werde ich mich mehr inspirieren lassen.

Und aus jedes Diskussion mit Argumentationsersatz aussteigen. Und die Lektüre von Texten abbrechen, wenn sie in sprachlichen Anschluss an die Ideologie des rechten Mainstream suchen. Dadurch wird mir etwas entgehen, mit Sicherheit. Und ich gebe vielleicht ein bisschen auf, zumindest gebe ich einige Menschen auf. Das schmerzt mich. Aber ich kann nicht die ganze Welt bauen.

18.6.13

Haltungsturnen

Steinbrück ist als Kanzler nicht geeignet. Das ist ein Dilemma, weil meine Partei (die Grünen) damit zwischen Pest und Cholera entscheiden müsste. Andererseits ist ja die "Strategie 2017" von Sigmar Gabriel genial (also die Strategie, in diesem Jahr einen populären Kandidaten zu verbrennen, so dass er ihm 2017 nicht im Weg steht, wenn er selbst Kanzler werden kann) und ist dabei aufzugehen. Dass sie zynisch ist, weil sie dem Land vier weitere Jahre eine falsche Regierung bescheren wird, ist halt Gabriel. Aber genug an der Herzenspartei SPD abgearbeitet.

Hier geht es eigentlich um Haltung.
Und das ist seit über zehn Jahren das bleibende Thema dieses Blogs. Und sein Geburtshelfer. Denn schon bevor ich dieses Blog 2003 startete, hatte ich den Gedanken vom "Haltungsturnen" entwickelt, sogar ein "Haltungsturner-Manifest" geschrieben. Und überlegt, ob das etwas sein könnte, wohin ich mich auch beruflich entwickeln will (was ja immer noch kommen kann).

In den 90ern des letzten Jahrhunderts habe ich vor allem zu Ethik gearbeitet, während des Studiums und in meiner Zeit in der evangelischen Publizistik. Haltung ist in diesem Zusammenhang für mich der alltagstaugliche Begriff eines operationalisierbaren Wertekanons. Ich komme aus einer Ethikecke, die werteorientiert ist (im Gegensatz zur liberalen und zur utilitaristischen angelsächsischen Tradition, die eher zielorientiert ist, um es einmal etwas holzschnittartig zu formulieren). Die genaue Verortung und genaue Definition würde jetzt hier zu weit führen, aber eine Anekdote, die mich, als ich sie 2002 erstmal hörte, sehr beeindruckt hat, hat dazu geführt, das, was mir wichtig ist, als "Haltungsturnen" zu bezeichnen: das Einüben von Haltung, also das Treffen von Entscheidungen aufgrund von Werten und Werturteilen. Was wichtig ist, damit ich diese Werte und diese Haltung kenne, wenn es hart auf hart kommt. Diese Geschichte ging so:

Dieter Gorny war Vorstandsvorsitzender der Viva Media AG, die u.a. den Musikender "Viva" betrieb, als am 11.9.2001 jener grauenvolle Anschlag in New York verübt wurde. Fast alle TV-Sender haben ab mittags den live gesendeten Flug in den zweiten Turm in Endlosschleife gespielt. Falls ihr alt genug seid, werdet ihr euch daran erinnern. Gorny soll, so geht die Geschichte, die selbstverständlich auch eine Legende sein kann, das kann ich nicht beurteilen, gegen viele Widerstände persönlich entschieden haben (und die Konsequenzen auf seine Kappe zu nehmen bereit gewesen sein), da nicht mitzumachen - und stattdessen einen schwarzen Bildschirm zu senden. Er war unter Druck und in einer Extremsituation in der Lage, eine starke und (wie sich herausstellte) richtige Entscheidung zu treffen. Das war, so hieß es damals, nur möglich, weil er sich immer wieder seiner Werte versichert habe, weil er wusste, wo er steht.

Zurück zu Steinbrück. Und dazu, dass er Rolf Kleine zum Sprecher und Berater gemacht hat.

Neben den Screenshots von Rolf Kleines Facebook-Profil, die ihn als Alltagsrassisten outen, ist es vor allem seine Rolle als Kampagnenmacher und Hetzer in der Anti-Griechenlandkampagne der "Bild", die zeigen, was für ein Mensch er ist. Dazu hat unter großen Schmerzen der Ex-Sozi Michalis Pantelouris etwas beeindruckendes geschrieben.

Mir kann niemand erzählen, dass Steinbrück das nicht gewusst hat (was im Übrigen seine Kanzlerqualifikation noch nachhaltiger ruinierte). Dass er ohne Not und unter im Vergleich zu einer Kanzlerschaft nur minimalem Druck die Entscheidung trifft, so einen als Berater zu wählen, offenbart bestenfalls seine Haltungslosigkeit, schlimmstenfalls seine Haltung. Egal was - weder ein Kanzler mit einer menschenverachtenden Haltung noch einer, der in einer wirklichen Krise gar keine Haltung, gar keinen Kompass hat, an dem er sich orientieren kann, ist dem Amt gewachsen. Das war ja schon das Problem bei Schröder. Und das hebt Merkel trotz all ihrer schlechten Politik aus der Masse heraus.

Ich habe kein Problem mit Alphatieren. Ich habe nicht einmal ein Problem mit Zynikern. Aber mir wird Angst und Bange vor einem Mann, der in der ersten kleinen Bewährungsprobe dafür, ob er von einem Wertekompass geleitet ist oder angstvoll rumschlingert, nur Zeichen von letzterem zeigt.

Das ist mir nicht egal.

Das nächste große Ding

Das, was nach Facebook kommt, wisst ihr, das kenne ich auch nicht. Aber das macht nichts. Denn ich bin überzeugt, dass es gar nicht "das nächste große Ding" geben wird. Jedenfalls nicht so bald. Sondern dass sich Menschen in ihrer Nutzung der Onlinedingsens ausdifferenzieren werden.

Was ich aber weiß, ist, wie sich das Onlineleben bei Jugendlichen zurzeit verändert. Daraus lassen sich schon einige Rückschlüsse ziehen. Einige erste Gedanken hatte ich letzten Monat schon einmal auf englisch aufgeschrieben und zur Diskussion gestellt. Und letzte Woche spontan daraus einen Vortrag auf der Fachtagung Social Media der depak gehalten. Lustigerweise als Ersatz für einen Facebook-Vortrag. Aber abgesehen davon waren dieses hier die Folien, die ich dafür zusammengestöpselt habe:


Mit Jugendlichen beschäftige ich mich ja sowohl beruflich als auch privat intensiv. Habe selbst drei sehr unterschiedliche zu Hause (plus ein Kind). Und bin in einigen Projekten involviert, bei denen wir Jugendliche kommunikativ erreichen und in einen Dialog, in eine Aktivierung bringen wollen.

Auch wenn ich weiß, dass aus dem Verhalten von Jugendlichen heute nicht auf ihre Verhalten in fünf oder zehn Jahren geschlossen werden kann, sind doch die Dinge, denen sie sich entziehen, die sie nicht machen ,spannend. Ebenso wie die Dinge, die sie für sich anders nutzen oder entdecken.

Twitter beispielsweise. Seit Beginn dieses Jahres mit enormen Zuwachsraten unter Jugendlichen, aber mit einer von meiner Nutzung sehr deutlich abweichenden Verwendung. Die nahbaren Stars dieser Generation, beispielsweise von YouTube, haben Followerzahlen, die "uns" Erwachsene mit den Ohren schlackern lassen. 50.000 junge Leute unter 16 Jahren sind da keine seltene Followschaft.

Oder dass sie vor den Vollhonks und vor dem Mobbing aus Facebook fliehen. Also Facebook anders nutzen als wir. Und sich in Räume zurück ziehen, in denen die Codes gleich sind unter denen, die da sind. In denen sie sich verstehen, ohne jedes Mal erklären zu müssen, was gemeint ist und wie es gemeint ist.

Oder dass sie mit verschiedenen ihrer Gruppen unterschiedliche Chat-Apps nutzen. Oder ganz WhatsApp lassen, weil sie auch gemerkt haben, dass ihre Eltern das schon kennen und sehen, wann sie zuletzt online waren. Beispielsweise Dienstag um 2.34 Uhr, direkt vor dieser wichtigen Matheklausur.

Das nächste große Ding ist aus meiner Sicht dieses Ende des Silos. Und das Zerfallen der Kommunikationsräume. Mehr Text bei Medium. Das ich ohnehin für eines der spannendsten Dings zurzeit halte. Mehr Bilder bei Instagram. Das weiterhin sehr wächst unter Jugendlichen und unter Erwachsenen. Starkes Ausdifferenzieren von Verhaltenweisen auf Twitter. Das damit mehr und mehr wirklich zur Infrastruktur wird und sich wegentwickelt von allem, was daran mal communityartig gewesen wäre.

Meine Drohung: Ich bleibe an diesem Thema dran. Denn ich merke, wie sehr es für viele andere noch neu ist. So wie für den Teilnehmer an der Tagung letzte Woche, der verzweifelt auf mich zu kam, weil einige Tage vorher gerade seine große Jugendkampagne gestartet war. Auf Facebook. Und mit SMS.

Ceterum censeo: Wer glaubt, mit Facebook Jugendliche zu erreichen, schreibt denen wohl auch noch SMS

7.6.13

Das Arschloch ist die arme Sau

Es gibt zwei Arten von Arschlöchern. Die, die arrogante Einzelgängerinnen sind. Und die, die sich als mainstreaminges Mobbing-Arschloch gefallen. Gegen letztere wettert Thomas Gigold.
Arschloch sein hat in meinen Augen nichts damit zu tun, kaltherzig auf Menschen herum zu trampeln. Ihr beiden macht aber gerade genau diesen Eindruck. Prima, wirklich. (Ihr Arschlöcher)
Er richtet sich (und um das gleich zu sagen: ich stimme ihm aber so was von zu) gegen zwei Leute, die ich in ihrer rotzfrechen und arroganten Art eigentlich sehr schätze. Und die ich ja nun auch schon seit rund zehn Jahren online und offline kenne. Und auch als Typen tatsächlich schätze, weshalb ich Thomas' Irritation auch teile. Felix Schwenzel und Robert Basic.

Warum ich Thomas dankbar bin für seinen Artikel: Weil er genauer hingelesen hat als ich. Weil ihm auffiel, dass es zwar launig klang und harmlos, dass es das aber nicht ist. Und weil es eben nicht um eine raue Schale mit einem weichen Kern geht - sondern weil die beiden zwar mehr oder weniger sagen, dass sie so nicht mehr sind (so verstehe ich Felix' Kommentar in Thomas' Blog), aber eben weitgehend unkritisch davon berichten, dass sie als junge Leute echt arme Säue waren mit sehr wenig Selbstwertgefühl.

Denn zum Mobbing wird Arschlochsein ja erst, wenn sich die Arschlöcher in der Gruppe verstecken. Wenn sie nicht arrogant-einsam sind sondern armselig-angepasst. Und genau da setzt das ein, was meine Großmutter "Herzensbildung" nennt. Was nach meiner Erfahrung aber weniger mit Bildung als mit Charakter zu tun hat. Und sich schon früh ausbildet. Zumal ein arme-Sau-Sein keine Entschuldigung ist für irgendwas.

Ich weiß, dass es ein schmaler Grat ist. Sozusagen auch aus eigener Erfahrung. Vielleicht hat mich vor der arme-Sau-Variante des Arschlochs nur geschützt, dass ich immer Außenseiter war, wer weiß. Vielleicht aber auch, dass ich meine Arschlochanfälle eher auf die Mainstreamanführerinnen gerichtet habe. Und richte.

Kritik, auch harte Kritik, auch unsachliche Kritik, auch Kritik, die persönlich wird, ist das eine. Ein lapidares mehr oder weniger unbeteiligtes Reden darüber, dass ich jemanden von der Schule gemobbt habe, etwas anderes.

***

Wie schmal der Grat ist, habe ich selbst vor etwa zwei Jahren erlebt. Ich hatte mich längere Zeit schon mehr oder weniger offen, aber immer öffentlich und mit offenem Visier über einen Mainstreamanführer lustig gemacht, den ich für schlecht hielt in dem, was er tat. Also qualitativ und intellektuell schlecht, als Menschen konnte ich ihn nicht beurteilen. Und mich mit Lust und Freude in sinnlose Diskussionen, teilweise über Bande, geworfen.

Irgendwann hörte ich, dass er sich von mir verfolgt fühle und glaube, ich hätte mich mit zwei anderen gegen ihn verschworen. Das hat mich tatsächlich erschreckt, denn das war weder mein Ziel noch mein Wunsch. Und das macht mich auch nicht stolz, vor allem nicht, dass ich das nicht merkte. Ich denke, dies war tatsächlich hart an der Grenze zum Mobbing, vielleicht auch über die Grenze hinüber. Jedenfalls habe ich in dem Moment alle Kommunikation mit ihm eingestellt, ihn aus allen Strömen herausgenommen, auf denen er mir begegnen könnte, ihn blockiert, so dass er nichts von mir in den falschen Hals bekommen kann oder auf sich beziehen kann, was nicht auf ihn bezogen ist, und so weiter.

Das Thema beschäftigte mich weiter. Und zeigte mir, dass auch eine eigene große Reichweite (seine ist sehr viel größer als meine) nicht immunisiert.

Warum ich dies jetzt, zwei Jahre später, schreibe? Weil ich zwar empört und entsetzt bin aber nicht selbstgerecht sein will. Weil es einen Unterschied macht, ob ich aus eigener Bosheit oder Freude oder Arschlochigkeit schreibe/handele oder weil ich mich damit in einer Gruppe positioniere. Und weil ich sicher bin, dass ein Aufhören schwerer ist, wenn ich eine arme Sau bin, die ihr Selbstbewusstsein aus der Anerkennung in der Gruppe und auf Kosten anderer zieht.