6.11.06

Elternblogs

Eine "Sorte" Blogs, die ich gerne lese, sind die von anderen Leuten, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind wie wir - also mit Kind(ern) den Alltag halbwegs zu meistern suchen. Mehr Frauen als Männer übrigens, die mir dabei bisher aufgefallen sind beim Bloggen.

Es ist für mich ähnlich wie bei den Familienseminaren, die wir so gerne besuchen: Ein kleiner Blick in den Alltag und nicht nur auf die Sonntagsfassade, die man ja sonst immer so mitbekommt, wenn wir uns mit anderen Familien am Wochenende treffen. Sehr entlastend, dass bei allen anderen auch das ganz normale Chaos tobt...

Neu in meiner Leseliste ist das sehr erfrischende Blog meiner Kollegin Sara, die über ihren Spagat zwischen Familie und Beruf schreibt:
I'm middle management at work, but I'm CEO at home. (Sara)
Erinnert mich daran, dass ich ja immer behaupte, ich sei zu Hause eher Junior Family Assistant, während meine Liebste Senior Family Manager sei. Jetzt, wo sie wieder angefangen hat, sind wir allerdings dabei, die Rollen noch mal zu überdenken. Ich muss wieder mehr Senior sein...

4.11.06

Was ist schon privat?

Eine der Fragen, die mir in Seminaren immer wieder gestellt wird, ist die nach der Trennung oder auch Zusammenführung von privat und beruflich. Was ich spannend finde dabei, ist, dass das für mich nie eine wirkliche Frage war.

Das mag an meinem Herkommen liegen: Mein ursprünglicher Berufswunsch war Pastor - der Beruf, der vielleicht am stärksten von allen privat und beruflich verknüpft, da ist es konstitutiv. Als ich dann Radiojournalismus gelernt und gemacht habe, ging es weiter: Radio kannst du nicht machen, wenn du nicht ganz viel von deiner Person mit einbringst. Zumal ich ein Format entwickelt hatte, das Verkündigungselemente enthielt. Später wurde ich Verkäufer. Und in dem Beruf auf sein persönliches Netzwerk zu verzichten, ist fahrlässig. Zumal über die Jahre aus einem beruflichen zumindest in Teilen auch ein persönliches Netzwerk wird, das Jobwechsel und Unternehmen überdauert.

Ich glaube, dass die vermeintliche Trennung von privat und beruflich ohnehin nur in der Phantasie existiert. Und ich möchte sie auch nicht. Mein Gott, ich verbringe den größeren Teil meiner wachen Zeit mit meinem Beruf - und diesen Teil soll ich von mir abkoppelt? Wenn es um die Zusammenarbeit mit Dienstleistern geht, um Informationen, die ich mit anderen austausche, um Ideen: Kann ich da bei den Menschen, die ich frage und mit denen ich arbeite, wirklich trennen, ob ich sie privat kenne oder beruflich?

Nur einen Punkt werde ich immer zu beachten suchen: Es muss klar sein, welchen Hut ich aufhabe. Ob ich für mich etwas frage oder für einen Kunden beispielsweise. Ob ich etwas einem Freund anvertraue, oder ob ich eine Information weitergebe, weil ich will, dass sie sich verbreitet. Was ich nicht in Ordnung finde, ist, wenn jemand das nicht klarmacht. Aber das hat, denke ich, weniger mit der Vermischung von privat und beruflich zu tun, sondern mehr mit Klarheit und Transparenz. Ob in Blogs oder im richtigen Leben...

Und so erzähle ich auch Kunden von meinen Kindern und rede mit Freunden, wenn ich Tipps für meine Kunden brauche. So lesen meine Kunden mein privates Blog und sehen meine privaten Fotos und so schreibe ich auch über Dinge, die mich beruflich bewegen, hier an dieser Stelle. Ich bin ja nicht schizofren.

30.10.06

Kontrollverlust

Letzte Woche habe ich in einer sehr spannenden Beraterrunde über die Auswirkungen von Web_2.0 nicht nur auf unsere Arbeit, sondern auch auf die Gesellschaft diskutiert. Jenseits der je eigenen politischen Ausrichtung waren wir uns dabei einig, dass der von uns als positiv diagnostizierte Kontrollverlust* in der Politik zu einer ulkigen (und von Nico Lumma engmaschig mitprotokollierten) Kontrollsucht führt, die über den absurden Umgang mit einem Freiheit ermöglichenden Medium (www) versucht, Freiheit einzuschränken.

Neueste Blüte, dieses Mal von drüben, ist die Bording-Pass-Nummer, über die Nico gestern schreibt:
Sicherheitsmaßnahmen, die nur Sicherheit suggerieren, aber für Terroristen keine Hürde darstellen, dafür aber uns allen das Leben erschweren, sollten angeprangert und ad absurdum geführt werden. (Lummaland)
Genau dabei werde ich mithelfen.

* Wir bei Edelman nennen das, was da passiert, bezogen auf PR "from control to conversations" - weshalb mein Bereich ja auch Online Conversations heißt. Gerade dieser "Kontrollverlust" ist super spannend für uns Kommunikatoren und definiert unser Berufsbild nachhaltig um. Klasse!

26.10.06

Ärgerlicher Mainstream von der dpa (noch mal zu Michael J. Fox)

Statt eines Updates lieber ein eigener Eintrag, nachdem ich meine Kritik an Michael J. Fox und vor allem an der Rezeption seines Werbespots schon geäußert habe:

Kurz nach dem Eintrag schickt die dpa [Full disclosure: Ich habe rund sechs Jahre für news aktuell, ein Unternehmen der dpa-Gruppe, gearbeitet] um 15:32 Uhr einen Korrespondentenbericht über Fox und sein Video raus, in dem die Autorin Gisela Ostwald in einer Mischung aus Allgemeinplätzen
Bilder des kranken Michael J. Fox gehen Amerika unter die Haut (Überschrift des dpa-KORR)
und faktenfernem überoptimistischem Blabla
[Reeve] starb 2004, bevor ihm eines der im Tierversuch erfolgreichen Experimente mit Stammzellen das Leben erleichtern konnte. (dpa-KORR)
auf die Mitleidsdrüse drückt. Ärgert mich. Vielleicht hätte sie mal ihre Kollegin Link fragen sollen....

(Wenn ich den KORR online finde, verlinke ich ihn noch.)

Tödliches Mitleid

Das politische Werbevideo mit Michael J. Fox für die Stammzellenforschung geht seit mehreren Tagen durch Blogs und durch die Welt. Ich war irritiert und hatte mehr ein mulmiges Gefühl, als dass ich meine Bedenken direkt und klar benennen konnte. Das macht dafür heute Christiane in ihrem Blog, als sie über das Thema Mitleid schreibt:
Was mich viel mehr ärgert ist, dass mit Mitleid versucht wird, ein politisches Ziel zu erreichen. Wie sollen behinderte Menschen ernst genommen werden, wenn sich ein Schauspieler hinsetzt und signalisiert, sein Leben sei bemitleidenswert und deshalb müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, das zu ändern? (Christiane Link)
Diese Denkfigur ist wichtig und leider oft nur in der Fachdiskussion so klar zu finden. Als ich im Studium Klaus Dörners Tödliches Mitleid quer gelesen habe (meine Frau hat es genauer studiert, da es in ihr Fachgebiet fällt), war ich beeindruckt. Denn bis dahin hatte ich Mitleid auch kritiklos für positiv gehalten. Das aber ist es nicht. Sondern führt oft genug dazu, andere Menschen klein zu machen und für defizitär zu erklären.

Meine Erfahrung ist in den letzten Jahren, dass Mitleid meistens nur den Bemitleidenden hilft - nicht aber den Bemitleideten: Denn die einen bekommen ein reines Gewissen, weil sie ja Mitleid haben - und die anderen werden klein gemacht.

Mitarbeiterblogs

Gestern abend hatten wir (Björn hat schon drauf hingewiesen) eine sehr spannende Veranstaltung mit Kunden und Kollegen über Mitarbeiterblogs - ob im Intra- oder im Internet. Vor allem der Vortrag von Michael Scheuermann, der das Thema bei der BASF beackert, war sehr inspirierend, schließt er doch gerade in diesen Tagen einen Test mit Blogs im Intranet insofern ab, als nun die Evaluation beginnt. Sein offener Bericht über Neugier und Ängste und Widerstände und Chancen hat gute Einblicke geliefert...

Für mich war es ein wichtiger Punkt, mit Praktikern aus großen und internationalen Unternehmen gemeinsam eben diese Chancen und Risiken auszuleuchten und zu diskutieren. Wie so oft, ist die Frage, wo ein Engagement in diesem Bereich zwischen Effizienz, Wissensmanagement und hierarchiefreier(er) Kommunikation anzusiedeln ist, kontrovers. Wir stehen hier alle noch am Anfang, auch wenn ich aus der Arbeit mit Kunden schon die einen oder anderen Beispiele einbringen kann.

In der Vorbereitung auf meinen Vortrag ist mir übrigens über meinen Londoner Kollegen Stephen Davies diese Grafik in die Hände gefallen, die sehr gut beschreibt, wieso es sich lohnt, vom Web_2.0 zu reden:

24.10.06

Ballett

Da mir ja ohnehin fast nichts peinlich ist (ok, meine Kinder mögen jetzt einmal weghören, danke), bekenne ich, dass ich als Kind irgendwann wirklich gerne Ballett gelernt hätte. Da mir damals aber noch mehr peinlich war als heute, habe ich mich nicht getraut, das zuzugeben und nur normales Tanzen gelernt - obwohl ja schon Rumba und Tango bei Zehnjährigen etwas merkwürdig aussehen muss (gesehen hab ichs ja nie, nur gemacht). Irgendwie war das auch toll, zumal ich unsterblich in meine Partnerin verliebt war. Da wir dann umgezogen sind, ist das irgendwie im Sande verlaufen und ich hab dann auch wieder angefangen mit Handball, was aber eine ganz andere Geschichte ist.

Also Ballett - am Wochenende war ich zum allerersten Mal (ich hab es auch erst nicht geglaubt, es war wirklich zum ersten Mal, aber Hey, ich hab ja auch noch nie das Weihnachtsoratorium mitgesungen) in einem ganz klassischen Ballett mit Kostümen und so. Schwanensee. Bis dahin hab ich nur so Sachen wie Stravinsky oder Saint Sans oder die Mahlerballette von Neumeier gesehn. Aber doch nicht solche Konfektionsware (ja, ich bin ein Snob).

Ich bekenne erneut: Es hat mir gefallen. Und es war ein schöner Abend. Auch wenn die Odette etwas ausdruckslos war und es latent merkwürdig anmutet, wenn ein fernöstlich-russischer Tänzer einen Prinzen mit dem Namen Siegfried gibt...

23.10.06

Meine Diskussion auf den Medientagen

Dieses Mal haben die Medientage in München eine ganze Reihe von Diskussionen als Videostream online gestellt. Zwar nicht in einem modernen Flashplayer, aber immerhin. Hier beispielsweise das Video der Diskussion Weblogs, Podcasts & Communities - Verändert sich der Journalismus?, zu der ich die Einführung halten durfte:

UPDATE 24.10.
Den Film hab ich mal hier wieder rausgenommen, bitte folgt dem Link unten, da kommt man direkt zum gleich startenden Film. Da er nur als Windows Media direkt mit Player hier eingebunden werden konnte, hat das bei manchen Lesern nicht nur das grandiose Layout dieses Blogs zerschossen, sondern auch noch zu bösen Sachen geführt...

Film hier eingebunden von der offiziellen Streaming-Seite der Medientage

Ethik im Alltag und im Beruf

Das, was in der letzten Woche rund um Wal Mart und Edelman diskutiert wurde, herausgekommen ist und dann bei uns angeleiert wurde, hinterlässt bei mir zweispältige Gefühle und Einschätzungen. Denn es berührt das Thema, das mir am wichtigsten ist: Ethik und Haltung.

Wenn man wie ich jahrelang in Verkauf und PR arbeitet, ist ethisches Verhalten immer wieder eine Herausforderung gewesen und weiterhin. Dennoch gibt es Grenzen, an denen sich - pathetisch gesprochen - so etwas wie eine Bekenntnisfrage stellt. Als Theologe habe ich auch gelernt, dass man damit zurückhaltend sein sollte und nicht alles und jedes sofort zu einer solchen Frage hochstilisieren darf (was in den Kreisen, in denen ich mich theologisch und auch politisch bewege, nicht immer akzeptiert wurde, da dort oft eine alarmistische Grundstimmung herrschte) - aber es kommen Punkte, an denen ich für mich eine klare Entscheidung fordere.

Konkret:
* Sehr ärgerlich und traurig war ich, als sich herausstellte, dass Kollegen sich nicht an unsere eigenen Ethikstandards gehalten haben. Björn fasst heute sehr gut zusammen, was ich auch empfinde.
* Erleichtert bin ich, dass ich bei den Kolleginnen und Kollegen in Europa (und nicht nur bei den Onlinern) die gleiche Haltung erlebe, die ich dazu habe.
* Froh bin ich, wie nun damit bei uns weltweit umgegangen wird. Bereits in dieser Woche beginnt die Auffrischung der Ethik-Lektionen für alle Mitarbeiter. Und dass unser me2revolution-Team, also die von uns, die schon lange in dieser neuen Onlinewelt leben, die auch die anderen immer mehr für sich entdecken, - dass dieses Team also sehr viel mehr in die "normalen" Prozesse eingebunden wird, freut mich wirklich.
Weil ich es in der vergangenen Woche das eine oder andere Mal gefragt worden bin: Ja, ich bin auch nach dieser Sache bei Edelman richtig. Denn die Offenheit, mit der die Fehler nicht nur aufgearbeitet und korrigiert werden, sondern auch dokumentiert wird, wie wir sie für die Zukunft vermeiden wollen, finde ich sehr, sehr gut - und sie ist alles andere als selbstverständlich.

Wenn ich mir eines nicht leisten will und werde, dann ist das ethische Flexibilität in Punkten, die mir wichtig sind. Ich bin nicht mehr so leichtfertig damit, andere zu verdammen, wie ich das noch war, als ich die Welt in gigantischeren Schritten verändern wollte als heute. Aber ich nehme immer noch nicht hin, wenn jemand nicht zu seinen Fehlern steht und daraus lernt. Das allerdings gestehe ich jedem zu - auch Kollegen. Denn ich empfände es als bigott, ethische Perfektion zu verlangen, wo ich selbst auch fehle und falsch handele.

Einmal ins Theologische formuliert: Dass ich unterscheiden kann zwischen Sünde und Sünder - und dass ich die Sünde verurteilen kann, ohne den Sünder zu verdammen -, das ist die große Errungenschaft der Reformation, das ist einer der Kerne meines Glaubens. Es befreit mich von dem moralischen Rigorismus, den anderen Konfessionen und ihre radikalen Vertreter haben - und es befreit mich zu einer klaren, eindeutigen und verantwortlichen Haltung.

20.10.06

Meine intellektualistische Morgenlektüre

Vor gefühlten hundert Jahren habe ich so mal die Vorspeisenplatte der wunderbaren Kaltmamsell bezeichnet und sie hat sich drüber gefreut. Und als ich die Fragen zu meinem Beitrag bei den Medientagen beantwortet habe, die Popa doch wirklich als Presseanfrage tituliert hatte, viel mir ein, dass die Blogs, die ich wirklich gern lese, manchmal einfach etwas unbeachtet in der Blogroll rumschimmeln.

Darum sei darauf hingewiesen, dass es solche Geschichten sind, die mein Herz höher schlagen lassen - und bei denen ich mir wünschte, ich wäre das ich darin:
Habe ich gerade allen Ernstes einer super-gebrezelten IT-Sales-Managerin auf ihre Frage nach einer Mehrfachsteckdose auf Latein geantwortet? (Kaltmamsell)