25.7.14

Meinung und Kontext und Medien

Kriegsberichterstattung finde ich grauenvoll. Nicht so grauenvoll wie Krieg, aber doch grauenvoll. Meine eigene Lösung dafür ist, dass ich mich aus den aktuellen Medien ausklinke und eher langsamere Medien nutze. Was mir leicht fällt, da ich TV eh nicht nutze und in Print und Online eher Wochentitel und Hintergrundgeschichten lese. Und mir zusätzlich über meine sozialen Filter eine Auswahl anderer Berichte schicken lasse (Twitter vor allem, teilweise auch Facebook).

Selbstverständlich kann es auch keine objektive Berichterstattung geben. Darum empfinden die meisten Menschen, mit denen ich über die Berichterstattung über den Krieg gegen Israel spreche, sie als einseitig. Einige als einseitig anti-israelisch, andere als einseitig pro-israelisch. Teilweise die gleichen Berichte.

Zwei Aspekte fallen mir dabei besonders auf, die mit Online und Social Media zu tun haben - und sich seit der Unsitte der embedded journalists auch noch mal verändert haben.
Und am Ende ein Bonustrack über extreme Unterschiede, wie Medien über einen antisemitischen Vorfall in Österreich "berichten". Ganz am Ende dieses Textes...


1. Asymmetrie der Bilder

Dass ich viele Berichte als anti-israelisch empfinde und dass viele Menschen, die Berichte sehen - selbst wenn sie sie nicht als parteilich erleben - einen Zorn auf Israel entwickeln, hängt nach meiner Wahrnehmung mit der Asymmetrie der Bilder zusammen. Der Münchner Historiker Wolffsohn weist auf die Bilder-Taktik in Guerrilla-Kriegen hin. Ich stimme ihm nicht in allem zu, aber es sind schon die Bild-Details, die die Berichterstattung so grauenvoll machen.

Tatsächlich empfinde ich das Beispiel der Kinder, die am Strand spielend tödlich getroffen wurden (und hier dann nicht nur die Bilder selbst sondern auch die Geschichte), da sehr bedenkenswert: Der Reflex ist bei vielen in meinem Umfeld gewesen: "Siehste, die Israelis schrecken nicht mal davor zurück, Kinder zu ermorden". Ein Nachdenken darüber, was und wie es passiert ist, findet nicht mehr statt. Beispielsweise die Frage, wieso sie da spielten. Dass die Eltern ja wohl, wenn wir einmal nachdenken, davon ausgingen, dass sie da sicher sind. Dass sie also ein Wissen, eine Erfahrung haben, dass die israelische Armee genau so etwas nicht machen wird. Dass es ihr dennoch passierte, ist grauenvoll und falsch. Und wird untersucht (wo gibt es das sonst in einem Land, das im Krieg ist?). Diese Überlegungen machen es nicht besser, setzen aber einen emotionalen Kontext, den Bilder eher verhindern.

Und weil es quasi nur Bilder gibt, die ein einseitges Bild zeichnen (was auch in der Natur dieses Krieges liegt), nur die eine Seite eomtionalisiert durch Bilder dargestellt werden kann, ist es auch logisch, dass verantwortungsvolle Journalistinnen in den Texten und Tonspuren wiederum hier eine Relativierung versuchen - so dass bei uns, je nachdem ob wir mehr auf den Text oder das Bild achten, beim gleichen Beitrag eine eher pro- oder anti-israelische Position hängen bleibt.


2. Persönliche Sichtweisen neben den Berichten

Vor allem Twitter bietet eine Möglichkeit, neben den "offiziellen" Berichten der Journalistinnen, die vor Ort oder in der Nähe sind, auch noch mehr über ihre Haltung, über ihr Herangehen zu erfahren. Und zumindest für die, die sich intensiver mit Medien beschäftigen, stellen diese - wenn auch immer als privat/persönlich gekennzeichneten - Accounts eine wichtige zweite Quelle dar. Die vor allem mir, der ich aufgrund der Berichte der letzten Jahre bei einigen Medien (vor allem ARD, Deutschlandfunk, Spiegel, aber auch Süddeutsche und einigen anderen Zeitungen) erstmal den Grundverdacht einer latent einseitigen Berichterstattung hege, helfen, zu erkennen, wie das zustande kommt und wo sich Journalistinnen dennoch bemühen, von ihrer eigenen Meinung zu abstrahieren.

Zwei Tweets von gestern von den Korrespondenten von ZDF und ARD sind für mich da exemplarisch. Dazu sei gesagt, dass der gesamte Twitteraccount bei beiden jeweils versucht, beide Seiten zu sehen und nicht besonders gefärbt ist. Und dass 140 Zeichen zu einer Verkürzung führen, die zuspitzt. Aber da sie beide Profis sind und Kurzformate "können", ist es aus meiner Sicht legitim, auch auf problematische Narrative in Tweets hinzuweisen.
Ist das "untersucht" ein Zitat? Oder eine Distanzierung? Die eine wird es so lesen, die andere anders. Gestern hatte ich bei den Retweets und den Tweets des ZDF-Mannes Sievers den Eindruck, dass er relativ klar Position bezieht - gegen Israel. Und das, obwohl das ZDF in den Nachrichten weit ausgewogener berichtet als die ARD. Manche Tweets von Sievers haben mich erschreckt, zugleich aber auch den Respekt dafür erhöht, wie er versucht, tatsächlich zu berichten aus einer Situation, in der die Anfälligkeit für Propaganda und spektakuläre asymmetrische Bilder extrem hoch ist.

Anders ARD-Mann Schneider. Ich finde bemerkenswert, dass er bewusst keine Bilder auf Twitter postet, auch nicht weitergibt, das auch begründet. Dass er immer wieder Position bezieht, oft zu den hochemotionalisierten Themen wie toten Kindern etc.

Und dann haut er so was raus - auf deutsch und englisch und also nicht unüberlegt, gleich auch noch zu Facebook gespielt - was mir den Magen umdreht:
Auf einer Linie mit dem grauenvollen Kommentar in den Tagesthemen von Sabine Rau. Antisemitismus als taktische Dummheit. Nicht als Verbrechen.

Auch in den Tweets und Timelines dieser beiden exemplarischen Beobachter und Berichterstatter erklärt sich mir der Unterschied in der Tonalität und Linie der Berichte in ZDF und ARD. Oft nur in Nuancen.


Bonustrack

Davon unberührt hat mich gestern sprachlos gemacht, wie extrem unterschiedlich zwei (Online-) Medien über den Versuch von Antisemiten berichteten, Spieler eines israelischen Fußballklubs zu verprügeln.

Der Focus schrieb:
Plötzlich herrscht völliges Chaos, schwarz gekleidete Aktivisten stürmen während eines Fußball-Testspiels im österreichischen Bischofshofen auf den Platz und attackieren die Profis des israelischen Clubs Maccabi Haifa. Die Spieler setzen sich zur Wehr.
Während die Welt das gleiche so formulierte:
Die antisemitischen Randale haben den Fußball erreicht: Nach einem Platzsturm wurde am Mittwoch ein Testspiel zwischen dem israelischen Spitzenklub Maccabi Haifa und dem früheren französischen Meister OSC Lille abgebrochen.
Das sind nur kurze Ausschnitte aus jeweils in der Tonalität so bleibenden radikal unterschiedlichen Artikeln. Hervorhebungen von mir.

22.7.14

Antisemitismen

Achtung: Hier folgen teilweise antisemitische Inhalte, die ich eingebunden habe, um ihren Antisemitismus zu zeigen. Bitte nicht weiterlesen/-sehen, wenn dieses nicht erträglich ist. Keiner der Inhalte bleibt unkommentiert und ohne Einordnung und Kritik.
In den letzten Wochen war ich teilweise sehr überrascht, wie viele Dinge mit offensichtlichem und - vor allem - weniger offensichtlichem Antisemitismus mir in meine Nachrichtenströme auf Twitter und Facebook gespült wurde. Vor allem von Menschen, bei denen ich mir sicher bin, dass sie erschrecken, wenn sie realisieren, welchen Kontext Dinge haben, die sie teilten.

Darum vorher ein bisschen Kontext für die Dinge, die ich hier zusammentrage:
  • Ich werfe niemandem Antisemitismus vor. Mir geht es darum, den tief liegenden, auch kulturell sehr tief verwurzelten Antisemitismus sichtbar zu machen, der hinter und unter bestimmten Erzählungen und Darstellungen liegt.
  • Es wäre naiv, anzunehmen, dass rund 2000 Jahre stabiler und wirkmächtiger Antisemitismus keine Spuren hinterlassen hätten. Sehr viel Literatur und sehr viel Denken bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist von Antisemitismus und Judenhass durchzogen. Der Versuch der endgültigen Vernichtung sowohl der jüdischen Religion als auch des jüdischen Volkes hat das auf die Spitze getrieben. Damit ist in Europa eine neue Situation entstanden, die viele Menschen sensibel gemacht hat für die jahrhundertealte Tradition. Anderswo gab es diesen Bruch nicht.
  • So wie überall gibt es auch das Phänomen des Selbsthasses. Bei den Antideutschen, traditionell bei vielen russischen Intellektuellen, unter Jüdinnen. So wenig wie eine Antideutsche als Kronzeugin herhalten kann, dass alle Deutschen scheiße seien, so wenig kann jüdischer Antisemitismus helfen, zu begründen, warum etwas nicht antisemitisch sei.
  • Antisemitismus ist eigentlich das falsche Wort. Ja, das weiß ich, ich bin Theologe, remember. Korrekt müsste ich von Antijudaismus sprechen, denn Semiten sind alle semitischen Völker, darunter viele, in denen heute ein sehr großer Teil der Bevölkerung Israel vernichten will und Jüdinnen und Juden hasst. Aber politisch hat sich der Begriff Antisemitismus eingebürgert. Darum bleibe ich hier dabei. Vor allem aus Gründen der Verständlichkeit. Und weil in Europa Judenhass, seitdem er kritisiert wird, als Antisemitismus bezeichnet wird.

1. Die brutale Rachereligion

In den letzten Tagen wurde rauf und runter, vor allem auf Facebook, ein Video von 2012 geteilt, mit dem eine amerikanische jüdische Künstlerin auf das Lied "This Land is Mine" das ewige Abschlachten in dem Landstrich, in dem heute wieder Israel liegt, darstellt.

Dieses Video ist auf so vielen Ebenen unerträglich, dass es fast schwer ist, irgendwo anzufangen. Mein Pastor Peter Fahr hat es - pikanterweise als Reaktion auf die Veröffentlichung des Videos auf der Facebookseite unserer Kirchenzeitung - aber sehr gut zusammen gefasst. Denn das Video ist sowohl historisch als auch theologisch und politisch einfach nur falsch.

Was macht es antisemitisch? Vor allem zwei Aspekte, die sofort ins Auge springen: Zum einen, dass nur (und wirklich nur) die Juden im Video das Symbol ihrer Religion als Waffe benutzen. Niemand anders tut das. Die Muslime nicht mit dem Halbmond, die Ägypter nicht mit dem Skarabäus, die Assyrer nicht mit ihren Symbolen und so fort. Allein die jüdische Religion ist gewalttätig, in allen anderen Fällen ist es die weltliche Macht. Und zum anderen diffamiert bereits der Titel des Films in Buchstaben, die an das hebräische Alphabet erinnern sollen (und die ikonografisch exakt den Titel des wirkmächtigsten Nazifilms "Der ewige Jude" nachbilden), die jüdische Religion - wenn nur gezeigt wird, dass diesem Satz Gottes diese entsetzliche Gewalt folgt. Und die anderen Herrscher - Assyrer, Ägypter, Hethiter, Sumerer, Griechen, Römer, Araber, Kreuzfahrer, Engländer etc. - singen dieses Lied fröhlich weiter, als ob der jüdische Anspruch nur einer unter vielen wäre. Der Satz ist aber ein Satz Gottes. Und es wird in der Bibel immer wieder betont: Das Land gehört Gott und ist den Juden nur geliehen. Die historisch unwahre Gleichsetzung von Judas Makkabäus mit den Eroberern des Landes fällt da im Verhältnis kaum noch ins Gewicht und ist vielleicht nur für Thoeloginnen erkennbar.

Wenn jemand vorsichtig anmerkte, wie schlimm das Video sei, wurde oft geantwortet, dass doch aber Frau Paley eine anerkannte Künstlerin und außerdem Jüdin sei. Auch das ist aber ein unhistorisches Argument, das keines ist. Im 19. Jahrhundert waren unter den härtesten Antisemiten etliche Juden. Das ist - siehe oben der Vergleich mit den Antideutschen - sozusagen Normalität. Zumal ihre Website zeigt, dass sie selbst offenbar vom Hass auf ihre Religion und auf die Thora zerfressen ist.


2. Der Landklau

Auch dieses Bild wird viel rumgereicht, um zu zeigen, dass es mehr als verständlich sei, dass die Palästinenserinnen zornig seien und sich wehrten. Wie falsch und absurd dieses Bild ist, hat Bernd Schade ausführlich mit einer Bildmeditation geschrieben. Hier sei nur auf die wichtigsten Aspekte verwiesen.

Der antisemitische Kontext ist dabei vor allem das Narrativ vom raffgierigen Juden, der sich Land unter den Nagel reißt, das ihm nicht gehört. Verbunden mit der antisemitischen Erzählung, dass die Juden nun mal selbst schuld seien an ihrer Verfolgung und daran, dass alle andere sie hassen würden.

Das sind sozusagen die hinter diesem Bild liegenden Motive, die es sofort einleuchten lassen, dass im aktuellen Krieg gegen Israel eigentlich Israel und die Juden schuld sind. "Und die Juden" ist in diesem Fall notwendig, weil die Karten ja auch bewusst jüdische Siedlung vor der Staatsgründung mit einbeziehen. Das eigentlich perfide an dem Bild ist aber, dass es bei gleicher Färbung und teilweise gleiche Beschriftung komplett unterschiedliche Dinge abbildet. Bei Bernd ist es ausführlich dargestellt - aber zusätzlich werden auch, je nachdem, was opportun ist, um die Botschaft vom jüdischen Landraub zu untermauern, entweder jüdische oder palästinensische Siedlungsgebiete und Landbesitz einfach ausgeblendet. Mal so, mal so.

Es entsteht ein konsistentes Bild der systematischen Vertreibung der eingesessenen Bevölkerung durch die raffgierigen Juden, die darum nun mal damit leben müssen, dass sie wieder ins Meer geworfen werden sollen. Dass das weder mit diesen Karten tatsächlich gezeigt wird noch in dieser Form wahr ist, spielt dann kaum noch eine Rolle. (Bei allen Fehlern, die die Besatzungsmacht England, die die UNO, die auch vorher schon die zionistischen Siedlerinnen und Siedler gemacht haben, die unbestritten sind.)


3. Der ewige Jude

In der aktuellen Eskalation auf Demonstrationen zur Solidarität mit der Hamas und den Palästinenserinnen kommen etliche tiefe antisemitische Erzählungen an die Oberfläche. Tatsächlich hoffe ich ja, dass persönliche Berichte wie der von Juna vom Wochenende die eine oder andere nachdenklich machen, in welches Fahrwasser die eigene Solidarität da gerät.

Ich werfe niemandem vor, dass sie in der Bewertung der Schuld am aktuellen Krieg gegen Israel die gleiche Position vertritt wie offen antisemitisch agierende Menschen, ich möchte ja auch nicht, dass ihr mir vorwerft, dass ich in dieser Frage mit unappetitlichen Rechtspopulistinnen einer Meinung bin. Nur bitte ich darum, einmal zu gucken, inwieweit das antisemitische Motiv des "ewigen Juden" im Hintergrund schwelt.

An zwei Stellen wird das für mich deutlich. Zum einen tatsächlich an der Fixierung auf den Israel-Krieg. Erst der Krieg um Israel mobilisiert viele Menschen, emotionalisiert sie. Der Krieg um Syrien oder die Ukraine nicht. Das ist nicht an sich schlimm, offenbart aber eine Fixierung, die ohne einen Hinweis darauf, dass Israel ein jüdischer Staat ist, kaum erklärbar wäre. Auch der ewige Verweis auf Konzentrationslager und Nazis gehört in den Kontext. Die Vorstellung, das Volk, das knapp der vollständigen Vernichtung entkommen ist, habe sich moralisch und ethisch anders zu verhalten, ist zutiefst antisemitisch in seiner Fixierung auf den ewigen Juden.

Zum anderen hat mich wirklich bestürzt, was eine Freundin mir letzte Woche erzählte. Dass sie Jüdin ist, wusste ich nicht, sie erwähnte es nebenbei, als wir über antisemitische linke Kommentare sprachen, die einige auf meiner Facebook-Seite hinterließen, bevor ich sie blockte. Und sagte, dass sie in ihrem Studium und in ihren Jobs (vollkommen akademisches Mittelschichtumfeld ohne muslimische Einwanderer) oft die Antwort bekam, sie sähe gar nicht aus wie eine Jüdin, wenn beiläufig bekannt wurde, dass sie eine ist.

Das "meint niemand böse" und wahrscheinlich ist sich auch kaum eine bewusst, dass es nicht mehr nur verdeckt sondern offen antisemitisch ist - aber das erschreckt mich doch. Es ist erklärbar, Jahrhunderte Erzählung vom "ewigen Juden", eine systematische Vermessung von Nasen etc. müssen ja nachwirken. Aber es ist weder eine Kleinigkeit noch witzig.


4. Die Kinderschänder

Ob Brunnen vergiften oder Kinder schänden - "die Juden" sind immer an allem Schuld gewesen. Ich nehme an, dass Jürgen Todenhöfer, der wieder einmal im TV seine kruden Thesen ausbreiten darf, jede verklagen würde, die ihn einen Antisemiten nennt (was übrigens auch ein typisches Motiv ist, auch in von mir beendeten und gelöschten Kommentaren auf meinem Facebook-Profil gab es Klagedrohungen bei Hinweisen auf antisemitische Muster in Argumentationen). Mit seinen Fotomontagen oder gestellten Fotos auf Facebook aktuell bedient er aber klassische Erzählungen.

Wie mit dem leuchtend staubfreien Kinderspielzeug in zerstörten Häusern. Ohne auch nur ein offen antisemitisches Wort sagen zu müssen, schreit dieses Bild: Seht her, diese Juden schänden die Kinder. Vergiften die Brunnen. Während die armen Opfer, wenn sie sich wehren, lediglich eine Sauna zerstören. Was ein weiteres Motiv bedient - denn was drückt den absurden Reichtum "der Juden" besser aus als eine Sauna (!) in einem der heißesten Flecken rund ums Mittelmeer. Der jüdische Wucherer lässt grüßen.

Dass Todenhöfers Bilder und Geschichten so einen Widerhall finden, hängt auch (nicht nur, klar) mit den tiefen, über Jahrhunderte gewachsenen Ressentiments und Vorurteilen zusammen, was und wie Juden seien. Er muss und wird (nehme ich an) keine antisemitischen Worte nutzen. Braucht er auch nicht.


5. Auge um Auge

Der historische zivilisatorische Fortschritt, aus Rache keine Eskalation zu suchen sondern nur eine Kompensation, wurde in der europäischen Geschichte des Antisemitismus immer wieder gegen die jüdische Religion gewandt. Hier die Rachereligion (siehe oben), da die andere Wange, die hingehalten wird.

Dass die Autoritäten der Palästinenserinnen statt Bunkern und Schutzzäunen und einer Raketenabwehr lieber Abschussrampen und Tunnel für den Waffenschmuggel bauen, ist fast egal, wenn das Ungleichgewicht der Kinder, die in diesem Krieg sterben, so krass ist.

Wenn radikalisierte Menschen sich als Schutzschild auf Waffenlager stellen, kann man sie dann wirklich Zivilistinnen nennen? Und dass Israel seine Bevölkerung schützt, Bunker baut, Warnungen rausgibt, einen Zaun und eine Raketenabwehr installiert, ist wertlos, wenn es nur dazu führt, dass die Schuldfrage durch das Zählen von toten Menschen moralisch eindeutig geklärt werden kann.

Dass sie nicht die andere Wange hinhalten, dass sie sich weigern, sich ausrotten zu lassen - dieses gegen Israel zu verwenden, ist anders als mit Antisemitismus kaum noch erklärbar. Vielleicht ist es eher das "ewiger Jude"-Motiv, ich weiß es nicht. Aber der Bodycount, das Aufrechnen von Toten in diesem Krieg für eine moralische Bewertung der Schuld an diesem Krieg, lässt mich fast ratlos zurück, nachdem der ohnmächtige Zorn sich gelegt hat. Denn diesem Punkt ist mit Argumenten noch weniger beizukommen als den anderen, klarer antisemitischen Motiven. Er ist einfach nur absurd und verquer.

9.7.14

Krieg gegen Israel

Krieg ist immer scheiße. Punkt. Richtig scheiße. Und unendliches Leid. Ich kenne Krieg nicht und bin froh darüber. Aber ich kenne Menschen, die seit Jahren im Krieg leben. Gegen die seit Jahren ein Krieg geführt wird, der in den meisten Medien und auch Diskussionen in Deutschland als "Nahost-Konflikt" verharmlost wird.

Für Krieg gibt es nie nur eine Schuldige. Schuld ist ohnehin eine Kategorie, die schlecht passt. Es gibt Ursachen und es gibt Motivationen. Und es gibt, immer, Profiteure.

Was beim Krieg gegen Israel oft vergessen wird, ist, dass er schon so lange geht. Und dass Israel in der Vergangenheit große Fehler gemacht hat. Ich bin nun wirklich kein Fan von Netanyahu, die meisten Menschen, die ich in Israel kenne, gehören eher zur Linken und waren lange in der Friedensbewegung. Aber mein Eindruck ist, dass der linke Künstler Yali Sobol in einem Interview mit der NZZ ganz gut die verlorenen Illusionen wiedergibt:
Ich wuchs in einem Haus auf, in dem man an den Friedensprozess und an die Zweistaatenlösung glaubt. Aber ich bin nicht sicher, ob das noch in dieser Generation möglich ist. Als Mitglied der Friedensbewegung habe ich an vielen Demonstrationen teilgenommen. Ich hielt Banner hoch mit der Aufforderung, die Golanhöhen zurückzugeben. Wenn man aber sieht, was in den letzten zwei Jahren in Syrien passierte, muss man sich fragen: Was wäre geschehen, wenn wir den Golan tatsächlich an Syrien zurückgegeben hätten?
Es ist ein bisschen zum Verzweifeln, dass Berichte und Kommentare, die aus dem Propaganda-Mainstream gegen Israel ausbrechen, fast nur in mir politisch unerträglichen Medien erscheinen, wie der Welt beispielsweise. Dass vor allem in der deutschen Linken, die doch in Anspruch nimmt, gegen Kriege zu sein und sensibel auf Machtstrukturen und Manipulationen zu achten, die Schuldfrage so eindeutig beantwortet wird (nicht von allen, aber doch von vielen).

Meines Erachten ist es an der Zeit, spätestens jetzt, wo die Offensive auf allen Ebenen läuft, Israel endgültig zu vernichten, Stellung zu beziehen, und die eigene indifferente Meinung und Haltung aufzugeben.

Zu den Fehlern der Linken in Europa und in Israel gehörte in den letzten 20 Jahren meines Erachtens, dass sie zu optimistisch auf Friedens- oder zumindest Koexistenzmöglichkeiten gesetzt hat, ohne die eine Voraussetzung zu bedenken, die die große Golda Meir schon 1957 (schon Neunzehnhundertsiebenundfünfzig!!!) gesehen hat:
Peace will come when the Arabs will love their children more than they hate us.
Es gibt meines Erachtens, ungeachtet aller Komplexität und aller Verantwortungen aller Seiten und aller Verbrechen, die alle Seiten in diesem Krieg begehen, nur einen Schlüssel, um diesen Krieg ohne einen "Siegfrieden" Israels zu beenden, was ja ebenfalls kaum möglich scheint: Wenn die, die den Krieg gegen Israel führen, es nicht mehr vernichten wollen. Oder ihre Bevölkerungen sich von ihnen abwenden. Beides ist zurzeit nicht wahrscheinlich. Zumal Europa und die UN keinerlei Impulse geben, dass sie diesen Schlüssel für relevant halten. Sondern im Gegenteil judenfreie Konferenzen befördern - wieder einmal jüngst beim Gipfeltreffen der Arfikanischen Union.

Es ist Zeit, die eigene indifferente Meinung und Haltung aufzugeben. Und Stellung zu beziehen an der Seite Israels.

In diesen Tagen lohnt sich mehr noch als sonst der tägliche, mindestens tägliche Blick auf eine linke, deutschsprachige Stimme aus Israel, die ohne Ende Quellen und Bilder und Erlebnisse und Einordnungen liefert. Selbst wer sich nicht mit mir auf die Seite Israels stellt in diesem Vernichtungskrieg gegen dieses Land, kann hier sicher einige Impulse finden, die Propaganda und Nicht-Berichterstattung deutscher Medien zu ergänzen. Lila, deren Blog ich auch in friedlicheren Zeiten immer gelesen habe. Und in dem ich auch diese kleine Liste fand, die bestimmt den einen oder die andere überraschend wird, die in den letzten Tagen nur von der Mobilmachung der israelischen Armee las. Lila zitiert aus Elder of Ziyon:
June 27: 6 rockets, 2 intercepted
June 28: 3 rockets, Sderot factory burned to ground
June 29: 4 rockets, 2 intercepted
June 30: 16 rockets
July 1: 5 rockets, several mortars, damage to vehicles and a major fire as a result, also mortars
July 2: 10 rockets, 9 mortars, 1 intercepted
July 3: 13 rockets, homes and a summer camp damaged
July 4: 25 rockets, several mortars, 3 intercepted
July 5: Over 20 rockets, including to Beersheva, several mortars, 3 intercepted, some damage and an injury
July 6: Over 25 rockets, some damage
July 7: Over 85 rockets, Hamas claimed to shoot 100 and Islamic Jihad claimed to shoot 60. 13 intercepted
July 8: At least 160 rockets, 7 intercepted, so far, some damage and injuries
In diesem Zusammenhang erschließt sich vielleicht, warum ich die Kritik am Sicherheitszaun ("Mauer" in deutsche Medienterminologie) und am Raketenabwehrsystem und unbemannten Fahrzeugen so nicht teile. Wer der Meinung ist, dass Israel nun den ersten Schritt gehen müsse, dass Israel sich zurück halten solle, dass Israel in Vorleistung auf einen Frieden zu gehen habe und verantwortlich für den Vernichtungskrieg gegen sein Land und sein Volk sei - wer diese Meinung ernsthaft vertritt, setzt Israel bewusst oder unbewusst der Vernichtung aus. Dann sagt es wenigstens auch.

Denn ansonsten ist es Zeit, die eigene indifferente Meinung und Haltung aufzugeben. Und Stellung zu beziehen an der Seite Israels.

Goya War2.jpg
Goya War2“ von Francisco de Goya Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

7.7.14

Innovation egal. Hauptsache immer mal den Job wechseln

Das ist alarmierend. Nehmen wir mal an, dass ein Top-Gehalt etwas über die Bedeutung aussagt, die jemand für eine Organisation, ein Unternehmen hat. Gerade im Vergleich zu anderen. Ja, das ist ein kleines bisschen zu holzschnittartig, aber als Denkmodell nicht völlig abwegig.

Und betrachten wir mal, dass bei der Umfrage von news aktuell zwar nicht so unendlich viele Kolleginnen mitgemacht haben, aber doch einige. Von denen rund 70% nicht zu denen mit dem Top-Gehalt gehören (wie ein Blick in die Hierarchiezusammensetzung der Teilnehmerinnen der Befragung zeigt). Dass es also zu einem großen Teil die Wahrnehmung der normalen Professionals auf die mit den Top-Gehältern ist. Denn dann ist es noch alarmierender. Und sagt unglaublich viel über die Branche der PR-Leute aus.

Denn was ich zum Aufstieg nach ganz oben und in die richtig gut bezahlte Liga brauche, ist  - so weit so normal - Erfolg, den ich mir ans Revers heften kann. Aber aus Sicht der Kolleginnen zeichnen sich die Top-Verdienerinnen ansonsten vor allem durch Netzwerken, Verhandlungsgeschick und (häufigere) Arbeitsgeberinnenwechsel aus. Während Leute, die ein Unternehmen oder eine Agentur voranbringen wollen (Loyalität) und innovativ sind (First Mover), eher schlechtere Chancen haben. Jedenfalls sind das Faktoren, die nach Meinung der Befragten kaum eine Rolle spielen, wenn es um ein Top-Gehalt geht. Besonders dramatisch: beide Zahlen sind für Agenturen noch niedriger (Loyalität 5%, First Mover 6%) als für Unternehmen - und das, obwohl Agenturen noch stärker von ihren Leuten leben und davon, ihren Kundinnen ein, zwei Schritte voraus zu sein.

Selbst Schlüsselfähigkeiten, die aus meiner Sicht einen sehr großen Teil des "Wertes" einer Mitarbeiterin in der Kommunikation ausmachen und also auch ein höheres Gehalt rechtfertigen könnten, werden von den Befragten erstaunlich gering gewichtet. Auch hier ist es bei den Agenturen skurril: Nur 15% denken, dass besondere Stärken in der Konzeption zu den wichtigsten drei Faktoren für ein hohes Gehalt gehören. Nur Ideen spielen in Agenturen eine geringfügig größere Rolle als in Unternehmen.

Infografik obs/news aktuell GmbH/Sebastian Könnicke

Ganz ehrlich? Ich finde das Ergebnis schlimm. Und es illustriert vielleicht trotzdem gerade deshalb, in welcher Krise sich die PR-Branche befindet. Was eigentlich absurd ist, weil die Methoden der PR in der Kommunikation eine immer größere Rolle spielen. Und das disziplinenübergreifend. Aber wenn es wirklich mehr darauf ankommen sollte, wie häufig ich den Job wechsele und wie gut ich vernetzt in der Branche bin, als darauf, wie ich mein Unternehmen nach vorne bringe und wie sehr ich strategisch stark und innovativ in Denken und Handeln bin. Mehr wie sehr ich mein eigenes Fortkommen in den Fokus nehme als wie ich schlaue und gute Arbeit mache. Dann irritiert mich das schon, um es mal zahm zu formulieren.

Vielleicht ist es ja nicht wirklich so dramatisch, denn trotz allem liegen die Zahlen ja dicht beieinander und ist die Grundgesamtheit - äh - überschaubar. Und immerhin scheint es Konsens zu sein, dass es um Erfolge geht. Aber Erfolge sind rückwärtsgewandt. First Mover sein, ist vorwärts gewandt. Und nicht karriererelevant nach Meinung derer, die eine Karriere zum großen Teil noch vor sich haben. Doof das.

disclosure: (1) Ich würde wohl nach Branchendings irgendwo in der Nähe von Top-Gehalt rangieren und bin in der Hierarchie schon ziemlich weit oben, habe viel Berufserfahrung. Das mag den Blickwinkel verzerren. Macht mich aber nicht optimistischer. (2) Ich war von 1999 bis 2005 bei news aktuell, die die Studie durchgeführt haben, angestellt, kenne da noch viele Leute, mag viele, bin mit einigen sogar befreundet.

13.6.14

Die offene Tür

Dies ist die Geschichte von einem, der ein so genannter distanzierter Christ ist. Und dem sein ehemaliger Pastor eine Tür geöffnet hat. Die Geschichte von mir und Pastor Fahr aus Hamburg-Duvenstedt.

Denn schon bevor wir aus Duvenstedt wegzogen, war mein Kontakt zum Pfarrer etwas abgerissen, als wir uns so über einen Kindergarten stritten, aber das ist eine andere Geschichte. Immer wieder suchte ich einen Anfang mit meiner Kirche, aber ich fand keinen. Ich saß zwischen allen Stühlen, irgendwo zwischen Gemeinden in geistlicher Armut und in evangelikalem Verfolgungswahn. Mir lag meine Kirche, die lutherische, immer irgendwie am Herzen, aber ich distanzierte mich lebensweltlich immer mehr von ihr.

Es war nicht so, dass ich meinen Glauben verlor, gar nicht. Zu Hause blieben die Rituale, die Gebete, die Erziehung, die Konfirmation der beiden Großen. Und mir blieben beispielsweise die Losungen ein Wegbegleiter, auch die Bibel. Witzigerweise würde ich mich als fromm bezeichnen, theologisch ohnehin eher sehr als wenig lutherisch. Nur zu der Kirche und ihren Veranstaltungen fand ich kaum noch Zugänge, allen neuen Versuchen zum Trotz.

Doch dann war es genau andersrum. Dann fand die Kirche einen Zugang zu mir. Ich glaube, als erstes war es Pfarrer Pohl.
Der nicht von irgendwelchen Dingen schwafelte oder mit frommen Sprüchen um sich warf. Sondern jeden Morgen treu alle die Menschen persönlich begrüßte, die er schon in seiner Timeline auf Twitter gesehen hatte. Sozusagen per Handschlag an der Kirchentür.
Und schließlich kam mein "alter" Pastor in meine Heimat. Wie es seine Art ist, auch in der Kohlenstoffwelt seine Art ist, etwas lauter, ein bisschen mit Poltern sozusagen. Aber mit Neugier und mit geraden Worten. Mit einer Sprache, die wir hier verstehen. Nicht verschwurbelt, wie die, die meine Kirche heute die Hochverbundenen nennt (was für ein beknacktes Wort übrigens), es verstehen würden oder die Esoterikerinnen, an deren Sprach- und Erlebnisraum meine Kirche so oft anknüpft (was ironischerweise dazu führt, dass kirchlich hochverbundene Gruppen im Wortsinne auch esoterisch sind, also eingeweiht in die - in diesem Fall - sprachlichen Mysterien).

Wie niemand anders in den letzten Jahren hat Peter Fahr mir so tatsächlich wieder eine Tür geöffnet. Und mich eingeladen, zu ihm zu kommen, wenn ich möchte. Ohne mir einen Vorwurf zu machen, wenn ich es nicht tue. Höchstens mal mit einer sanft-strengen Mahnung, dass ich jederzeit willkommen sei.

Er interveniert auf Twitter oder Facebook, wenn er findet, dass ich zu streng mit Menschen bin. Er fragt nach, wenn ich in Szenejargon verfalle, vielleicht weil er sensibel für den Jargon seiner eigenen Szene ist und den vermeidet. Er widerspricht und begründet. Er mischt sich ungefragt ein, ohne übergriffig zu werden. Auch wenn ich mir am Ende seines Sabbaticals hin und wieder gewünscht hätte, dass er endlich wieder zurück in die Gemeinde geht und weniger Zeit für uns in diesem Lebensraum hier hat.

Ihr seht: Ich mag ihn. Und das macht mich vielleicht ein bisschen offener. Aber noch mehr mag ich, wie er im digitalen Teil meiner Heimat umsetzt, was eine gelingende missionarische Volkskirche heute überall versucht: da zu sein, die Tür sichtbar zu öffnen, einzuladen, aber nicht in meinen Tanzbereich einzudringen, bevor ich sie dazu auffordere. Angebote zu machen, die niedrigschwellig sind aber nicht übergriffig.

So wie er früher im Dorf sichtbar war und mich ein-, zweimal in der Woche, wenn ich ihm bei Rewe oder im Eiscafé begegnete, allein durch die Begegnung daran erinnerte, dass ich jederzeit zu ihm kommen kann, zumal er mich - wie alle, denen er je vorgestellt worden war - jedes Mal mit Namen begrüßen konnte. So ist er heute in meinem Heimatraum sichtbar und erinnert mich, wenn ich ihn aus dem Augenwinkel sehe, daran, dass ich jederzeit zu ihm kommen kann.

In einschlägigen Untersuchungen über Spiritualität oder Frömmigkeit oder Glaubensthemen in Social Media wird er wie Pfarrer Pohl und viele andere nicht auftauchen. Weil er nicht die von den Kaspern, die zurzeit solche Studien anfertigen, ausgesuchten Stichworte benutzt. Weil er nicht mit Bäffchen rumläuft sondern mit Fliege. Weil er das Gespräch sucht und nicht die Verkündigung. Weil er mit uns lebt in dieser Welt und zu uns kommt. Und nicht nur hofft, dass wir zu ihm kommen und ihn verstehen.

Und doch ist da viel Frömmigkeit und viel geistliche Nahrung für mich und für andere. Dafür bin ich dankbar. Und dafür, dass er die Möglichkeiten, die mein digitaler Lebensraum bietet, erkundet.

Und nennt es Eitelkeit, aber zugleich zeigt dies ja doch auch, dass meine Überlegungen für eine Social-Media-Strategie der evangelischen Kirchen nicht völlig doof sind.

23.5.14

Mut zu leben

Ob es wirklich Mut ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist es auch einfach nur Zutrauen. Oder die Sehnsucht.

Damals vor 21 Jahren, als wir, beide noch im Studium, heirateten, fanden das viele mutig. Zumal die, die wussten, dass dieses ein Schritt war, der für uns nur eine Richtung kannte. Wir kommen beide aus einem religiösen Zusammenhang, in dem es so etwas wie Scheidung nicht gibt. In dem so etwas wie eine Ehe ein Leben lang gilt. In dem so etwas sehr endgültig für diese Welt ist. Wo Zutrauen in die Zukunft und ein sich völlig Einlassen nicht nur so daher gesagt ist.

Damals vor 19 Jahren, als wir, beide am Ende der Studiums, am Schritt in die Berufsausbildung, ein Kind wollten und provozierten, fanden das viele mutig. Weil wir zwar irgendwie auf eigenen Füßen standen, aber noch keinen Beruf hatten und nur so ungefähr wussten, was das Leben für uns bereithalten könnte. Andererseits: wer weiß das schon wann. Und wann besser als wir damals.

Das Zutrauen hat uns dann dahin gebracht, ins Leben zu gehen und das Leben zu leben.
Mut zu leben.

Damals vor knapp 18 Jahren, als ich die ersten Schritte aus dem Volontariat in die Redaktion machte und wir fanden, dass Paar mit Kind eher nicht unsere Perspektive sein sollte sondern Familie, fanden das viele mutig. Vor allem die ohne Kinder. Aber wir hatten das Zutrauen. Zumal Primus, wie ein Freund damals sagte, der nie Kinder wollte und nie welche bekam, irgendwie auch eine Werbeveranstaltung für Kinder war, so friedlich und Mut machend auf Kinder. Und dann kam es ein bisschen anders, weil Secundus so anders war. Aber es ging, wir waren jung, wir waren müde, wir hatten ein Leben als Familie vor uns, wir machten uns auf den Weg.

Damals vor 15 Jahren, als wir beide wieder beruflich Fuß fassten, die Kinder durch den Hammer Park schoben und ein halbes Haus am Stadtrand planten, fanden uns viele mutig. Vor allem die, die der Meinung waren, eine Immobilie würde immobil machen und sei für ein ganzes Leben.

Zutrauen hat uns dahin gebracht, diesen Schritt zu gehen. Und der gemeinsame Weg mit unser engsten Freundschaftsfamilie, die mit uns gleichzeitig schon Kind und Familie begonnen hatte. Und nun auch ein Haus baute, wenn auch nicht in unserer Nähe.

Vielleicht war es dieses Zutrauen, das wir in einander hatten. Und das Beispiel, das wir uns gegenseitig gaben. Dass es gehen kann. Dass es nicht absurd ist. Dass wir es nicht einmal als mutig empfanden. Und es uns doch Mut machte.

Mehr Sehnsucht als Mut waren die Schritte zu Tertius und Quarta. Zu neuen Häusern, mal gemietet, mal finanziert. Wir hatten Zutrauen zum Leben gefasst und wussten, dass wir uns auf einander verlassen konnten. Und haben, das wissen wir heute, das war uns damals nicht so bewusst, anderen Mut gemacht. Das waren immer die schönsten Komplimente, die ich bekommen durfte: wenn jemand sagte, unser Leben habe ihr Mut gemacht. Zum eigenen Kind, zur Beziehung, zum Leben.

Neulich sagten wir zu Freunden, deren ältestes Kind in die Pubertät kommt, dass es lohne, sich daran zu gewöhnen, weil es so für mindestens zehn Jahre bleibe. Sie lachten es weg, weil sie sahen, dass wir immer noch leben. Mit drei Jungs in der Pubertät.

Vielleicht ist es mutig, der Sehnsucht und dem eigenen Zutrauen nachzugeben. Aber der Lohn ist ein Leben, das sich nicht so anfühlt, als würde ich etwas verpassen. Und das nicht wartet.

Mir übrigens machen meine Großeltern Mut, die beide dieses Jahr 89 werden und seit mehr als 68 Jahren jede Nacht Hand in Hand einschlafen.

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Teil der #mutmachparade vom mutmachenden Johannes Korten, den ich so sehr schätze für alles, was er macht und schreibt und erzählt.

18.5.14

Typisch für Doitschland. Oder auch: mimimimi

Dies ist ein Rant oder soll einer werden. Das vielleicht vorne weg, damit es niemand übersieht, weil es nur in den Stichworten steht. Und ich werde keinen der vielen Artikel und Posts verlinken, über und gegen die ich hier rante, denn ich bin zu faul und zu deutsch, um sie jetzt wieder rauszusuchen. So Leute wie Christian Jakubetz oder Henning Groß oder Martin Weigert werden es auch so merken oder auch nicht, ist mir eigentlich auch egal. Denn bei einem Rant geht es, wie ihr wisst, um mich. Und nicht um euch. Ha. Und für die, die lieber was nettes und positives lesen wollen, setze ich unten noch mal ein paar Links auf positive Posts. :)
Stolz und Vorurteil, 31. Kapitel
Manchmal denke ich ja, dass es kein Zufall ist, dass Stolz und Vorurteil aus England stammt und Effi Briest aus Deutschland. Dass der Unterschied zwischen Austen und Fontane über mehr etwas aussagt als nur über literarische Qualität. Naja.

Jedenfalls musste ich das gesamte Wochenende, wenn ich nicht gerade auf der Rennbahn, genauer: an der Ovalbahn stand und meinen Kindern beim Sport zuguckte und mich um ihre Pferde kümmerte, an jene wunderbare Passage im 31. Kapitel von Stolz und Vorurteil denken, kurz bevor der Scheitelpunkt der Geschichte naht. Und überhaupt, dachte ich mal wieder, rede ich nicht gerne mit Leuten, die noch nie was von Austen gelesen haben. Wenigstens dieses größtartigste Buch von ihr. Naja.

Und dann fragte ich mich mal wieder, wieso eigentlich so viele Leute aus meiner Ecke des Internets so enorm in ihrer nationalen Filterblase gefangen sind (plus, das muss ich zugeben, dem winzigen Teil der internationalen Szene, die da, in dieser Blase, reflektiert wird). So dass in mir der Beschluss reifte, einfach mal gegen Gassner's Law (googelt das, hab ich keine Lust, zu erklären. Wer es nicht versteht, ach auch egal) zu verstoßen und wild hinauszurufen, was mich so ankotzt an diesem Mimimi der Leute rund um Leute, die was gründen oder einen Gruenderus interruptus vorbereiten. Naja.

Gestern dachte ich noch daran, dass ich seit Jahren keinen Vortrag eines Amerikaners oder einer Amerikanerin mehr gehört habe, in dem nicht bei den Beispielen oder Kronzeuginnen mindestens die Hälfte Frauen waren. Aktuell am Donnerstag wieder der von Rei Inamoto auf dem ADC-Kongress. Ganz selbstverständlich übrigens und ohne dass es einer Rede wert wäre. Dass ich es hier aufschreibe, ist eigentlich schon wieder so ein Ding mit Doitschland. Naja.

Ich finde es so sauschade, dass es sich Gründerinnen und Gründer in Doitschland so schwer machen, dass sie es so schwer haben. Und ganz un-rant-ig sehe ich dafür auch Gründe. Drei. Mit denen sich unsere Szene wirklich unterscheidet von allem, was ich in zivilisierten Ländern, also ohne Frankreich, erlebt habe. Zum einen, dass sie so erstaunlich wenig marktorientiert ist. Zum anderen, dass sie so dumpf national vor sich hin dümpelt und abgekoppelt ist von den weltweiten oder anderswo stattfindenden Diskursen. Und zum dritten, dass sie geschlagen ist mit einem so trist-traurigen Fanboytum, dass es einen schüttelt. 

Aber erstmal weiter ranten. Ich mein, wenn ein Don Alphonso in seiner besten Zeit, die nun auch schon mehr als acht Jahre zurück liegt, selbst damals also nur ein trist-trauriger Abklatsch eines Loren Feldman war. Wenn es hier allen Ernstes Leute gibt, die Kritik, wie sie hier geübt wird, nicht etwa darum für im internationalen Vergleich doof finden, weil sie so zahm und konstruktiv ist, sondern die offenbar nicht mal wissen, wie krass beispielsweise in den USA solche Diskussionen laufen. Wenn ich die Leute mit der Lupe suchen muss, die sich an das so genannte Kathy Sierra Incident erinnern und wissen, wie radikal das damals die Szene der Webpublizisten und der Techblogs verändert hat. Naja. 

Das macht echt keinen Spaß. Denn ich bin mir sicher, dass die struntzdumme Fanboycrowd der wichtigste Grund ist, warum sich die Achtsamkeitskultur in der Web- und Gründungsszene in Doitschland so weit vom internationalen Standard abgekoppelt hat, dass es schmerzt. Und in den letzten fünf, sechs Jahren hat es sich bewährt, eine kurze Frage nach dem Kathy Sierra Incident als Lakmustest für die Satisfaktionsfähigkeit eines Diskursgegenübers zu nehmen. 

Ich kenne selbst auch nur Skandinavien und die USA genauer. Aber dass da mit viel Pomp ein Projekt aus der Taufe gehoben würde, das fast ausschließlich aus Leuten besteht, die sich bereits kennen. Und dass das dann von deren Freundinnen per Akklamation der Diskussion entzogen würde. Das ist schlicht undenkbar und ein super trauriger doitscher Sonderweg. Der, da bin ich sicher, sehr viel mit dem großartigen, stilbildenden, weltweiten Erfolg deutscher  Startups zu tun hat. Naja.

Sich mit Menschen zu umgeben, die einem widersprechen, ist nicht so typisch in Doitschland. Und das ist - um es einmal sehr zurückhaltend zu formulieren - echt kakke. Und führt eben zu dem gleichen Phänomen, dessentwillen auch Petzen und Denunziantentum so typisch doitsch ist. Denn in allen zivilisierten Ländern sind die, die hier so beschimpft werden, Heldinnen. Die Angst vor Kritik, die geradezu religiöse Verehrung der Vorturnerinnen Vorturner der eigenen Filterdings, die Beschimpfung derer, die Fragen stellen - all das ist ein doitscher Irrweg. Und der wird nur noch getoppt von der Weigerung seiner Protagonistinnen, die normalen und gesunden Diskurskulturen in gründungsfreundlichen Ländern zu sehen und anzuerkennen. Die viel mit Kritik, mit sehr früher Kritik vor allem zu tun haben - und über die Jahre dazu führten, dass eben nicht nur gleiche vom gleichen sich zusammen tun, nicht nur Sebastians oder Stefans Freunde, sondern Fremde. Spannende Menschen, die einander über zwei Ecken kennen. Und sich als allererstes einmal sehr genau das Marktpotenzial angucken. Und wen sie gewinnen wollen. Und darum ansprechen. Auch übers Team, auch über den Namen, auch über die Kultur.

Und hier alle nur so Mimimi.






Update 20.5.
Und weil mich erschreckt, wie Claudia Klinger das Netz wahrnimmt, hier noch fünf Links auf Posts, in denen ich positiv auf das Leben und das Netz und so zugehe:

Richtiges Leben
Hausgeburten und Krankenhäuser
Kontinuität und Widerstand
Geht alles doch
Demut

13.5.14

Einfach mal die Klappe halten

Ich lache jedes Mal laut, wenn jemand mit dieser wunderbaren Ausrede kommt, es gäbe keine Frauen, die mitmachen wollten. Oder es hätten keine Zeit gehabt. Oder keine gewollt. Oder sich keine gemeldet. Oder so.

Ach ja, doo. Das gleiche Argument, von der Struktur her, höre ich auch, wenn in meiner Partei, den Grünen, Männer (und teilweise auch Frauen) sich "beschweren", eine quotierte Liste hindere Männer an etwas, weil nicht genug Frauen mitmachen.

Meine Tipps dazu:
  1. Einfach mal die Klappe halten und sich nicht so wichtig nehmen.
  2. Einfach mal darüber nachdenken, ob es sein könnte, dass so wenige Frauen mitmachen wollen, weil es einfach doof ist, was ich vorhabe.
  3. Einfach mal absagen, wenn es nicht möglich ist, etwas mit mehr Verschiedenheit zu besetzen.
  4. Einfach mal anstrengen, wenn es dir wirklich wichtig ist, das Thema. Denn wenn es auch anderen so geht, werden sich auch andere finden. Sonst 2. oder 3. versuchen.
  5. Einfach mal die Klappe halten und sich nicht so wichtig nehmen. Bist du nicht.
In den letzten fünfundzwanzig Jahren, in denen ich halbwegs sensibilisiert für Verschiedenheiten und vor allem für feministische Fragestellungen unterwegs war, hat sich als über-den-Daumen-Realität herausgestellt, dass Dinge, für die sich kaum Frauen finden ließen, um mitzumachen, mitzudiskutieren etc auch echt doof waren. Und dass die Jungs es besser gelassen hätten. Denn die Bereitschaft von Frauen, sich zu engagieren und zu beteiligen, ist ein ziemlich guter Indikator für Undoofheit, so ist meine Erfahrung. Und die drei Fälle, in denen dieser Indikator falsch lag, sind dann ein verschmerzbarer Kollateralschaden.

Nein, ich rede weder explizit über den Krautreporter noch über die falschrum teilquotierten Listen der Grünen in Wandsbek und Rahlstedt für die Bezirksversammlungswahl.
Symbolbild.
Bild: By Elvis untot (Own work) CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) 








Aber irgendwie auch.

10.5.14

Aufbruch zum Denken

Dass ich nicht so der re:publica-Gänger war, lag nicht an der re:publica. Im Gegenteil: als sie damit anfingen, die auf die Beine zu stellen, kannte ich ja die Leute, die die re:publica machten, schon lange, sie stammen, wie es die Kaltmamsell immer so nett formuliert, "aus der gleichen Ecke des Internets" wie ich, aus dieser Altbloggerdingens. Es war nur so, dass es terminlich nie passte, vor allem, wenn es in den Schulferien lag (die in Hamburg ein bisschen antizyklisch sind im Frühjahr). Und dann hab ich das eine oder andere Mal die jungen Leute hingeschickt und im Büro die Stellung gehalten.

Was mir beim Stöbern durch die Konserven nie so komplett klar wurde und was ich auch von denen, die da waren, nie so klar gespiegelt bekam, war etwas, das mich dieses Jahr, auch wenn ich nur einen Tag vor Ort sein konnte, unglaublich fasziniert und begeistert hat: Dass die re:publica keine Internetkonferenz ist sondern tatsächlich ganz anders, also so richtig ganz anders als eine solche. Dass sie denen, die sich darauf einlassen mögen, einen Anlass zum Denken bietet. Und dass sie ein Aufbruch zum Denken ist.
(Vielleicht bin ich zurzeit auch nur so besonders empfänglich für die, die an den gleichen Fragen denken wie ich. Die sich mit der Frage der Radikalität und der Re-radikalisierung auseinandersetzen - und der Frage, ob sie jetzt nötig und hilfreich ist, bis hin zum echten und nicht an sich mehrheitsfähigen Widerstand. Ich selbst raune ja das eine oder andere in dieser Richtung seit einiger Zeit in mein Blog, auch, weil ich mich nicht traue, die eigentliche Konsequenz wirklich auszusprechen. Vielleicht ist das Blog auch nicht der Ort dafür, sondern eher ein Buch, ein Pamphlet oder ein Vortrag. Das aber nur am Rande.)
Und auch, wenn ich noch längst nicht alle Themen nachgehört und nachgesehen habe, die mich ansprechen und anzuregen versprechen, finde ich es nahezu beglückend, dass zwei der besonderen und besonders anregenden Vorträge von jungen Frauen stammten, die zeigen, dass es eben über die Generationen hinweg eine Kontinuität (da ist es wieder) widerständigen Denkens geben kann.
(Zur Lobo-Rede hatte ich mich ja bereits zustimmend geäußert übrigens.)

Laurie Penny habe ich auch schon sehr gerne und mit großem persönlichen Gewinn gelesen, vielleicht ist sie wirklich die wichtigste Feministin der nächsten Generation (dringende Leseempfehlung ist ihr Aufsatzbändchen Fleischmarkt). Auf sie war ich besonders gespannt und froh, sie einmal live zu erleben. Und Teresa Bücker ist, ja, ich weiß, da bin ich nicht der einzige, der das sagt, vielleicht der Geheimtipp dieser re:publica überhaupt gewesen. Und ihre Aufregung schadet ihrem Vortrag in keiner Weise.

Zusammen 90 Minuten, die sich mehr als lohnen. Und die für einen Aufbruch zum Denken stehen, wie ihn zurzeit wirklich nur die re:publica schaffen kann.



7.5.14

Kontinuität und Widerstand

Ich interessiere mich schon lange mehr für die Kontinuitäten als für die vermeintlichen Brüche in der Geschichte. Gerade die (biografischen) Linien über Umbrüche hinweg sind mir spannende Forschungsfelder gewesen. Als ich 1991 bei Werner Durth eine unglaublich dichte und inspirierende Sommerakademie zu Städtbau besuchte, habe ich erstmals einen Historiker kennen gelernt, der dieses methodisch so machte. Sein Buch Deutsche Architekten (Leseempfehlung!) habe ich verschlungen und mehrfach gelesen.

Kontinuität
Ähnlich ging mir das mit dem für mich inspirierendsten Buch der letzten Monate: Writing on the Wall von Tom Standage. Kernthese des Buchs, der ich zustimme übrigens: Social Media ist uralt und die "Normalform" von Mediennutzung über die letzten zwei Jahrtausende gewesen - von der zeitlich fast zu vernachlässigenden kleinen Unterbrechung der letzten 150 Jahre seit der Gründung der ersten Massenzeitung 1843 einmal abgesehen, in der das "Broadcast-Modell" kurz einmal vorherrschte.

Was ich so unglaublich erleichternd und erhellend an Standages Buch finde, ist eben dieser Blick in größeren Zusammenhängen und Linien auf ein Phänomen, das Teilen meiner Generation immer noch Angst macht. Und auf die Komik, mit der sich bei jeder (medientechnischen) Weiterentwicklung die selben Argumente wiederholen. So wie Plato schon gegen Schriften wetterte, weil sie das Denken und Argumentieren schädigten. So wie Erasmus gegen die Druckerpresse wetterte, weil es die Leute dazu verleite, zeitgenössische Schriften und nicht die Klassiker zu lesen. So wie im 17. Jahrhundert gegen die Kaffeehäuser gewettert wurde (aus denen die meisten Erfindungen, Erkenntnisse inklusive Newtons Durchbruch, und bis heute wichtigen Firmen wie die Londoner Börse oder Lloyd's of London stammen), weil die die Studenten und Kaufleute zu Müßigang und mangelnde Produktivität verführten und so weiter. Kennt ihr ja alle, die Argumente.

Und so, wie die historischen Linien in der größeren Sicht spannender werden und Menschen, die sich auch nur rudimentär mit Geschichte und Geistergeschichte beschäftigt haben, angesichts vieler "Diskussionen" heute nur resigniert mit den Achseln zucken lassen, so ist auch der Blick auf Analysen und Begründungen von Widerstand interessant, die es vorher einmal gab.

Widerstand
Darum ist - für mich tatsächlich überraschend, auch wenn ich ihm inhaltlich ja fast immer zustimme, schließlich sind wir eigentlich geklonte Geschwister (sagt man das so?) - Sascha Lobos diesjährige re:publica-Rede der zweite Inspirationspunkt dieses Monats. Zumal er sich an einer entscheidenden, wenn nicht der entscheidenden, Stelle auf den aus meiner Sicht größten Gesellschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts bezieht: Herbert Marcuse. Ich bin mir, auch nachdem ich mit ihm kurz darüber sprach, nicht zu 100% sicher, ob er sich wirklich der disruptiven Kraft bewusst ist, die sein Verweis auf Marcuse in der Diskussion bedeuten kann.

Secundus und sein PferdAber es ist wohl kein Zufall, dass Secundus, noch 16 Jahre alt, sich Marcuses aus meiner Sicht wichtigstes Buch Der eindimensionale Mensch (Lesebefehl! Echt jetzt!) am letzten Wochenende aus meinem Bücherschrank nahm und begonnen hat, es mit Genuss zu lesen. Er trägt ja auch eine ähnliche Frisur wie der Herr Lobo, wenn auch aus anderen Gründen.

Marcuse war schon in der Generation meiner Eltern einer der wichtigsten Denker und Argumentierer des Widerstandes. Und ein brillanter Analytiker von Gewalt (die nach seiner Definition immer nur aus einer Machtposition heraus ausgeübt werden kann, weil das, was andere Gewalt nennen oder Terror, wenn er nicht aus der Führungsmacht der Elite heraus kommt, eben keine Gewalt sei sondern Widerstand) und der Macht in den Strukturen und Technologien. Was ja auch der Punkt ist, den Sascha anspricht und von ihm aufgreift.

Manchmal wünsche ich mir, dass die Diskussion über die Sicherheitsesoteriker und Kontrollfanatiker mit mehr historischen Kenntnissen geführt würde. Eine Lektüre von Standages Buch (kommt wohl dieses Jahr noch auf deutsch raus) und das Ansehen von Lobos Rede kann dazu der erste Schritt sein. Und wer richtige Lektüre ertragen und verstehen kann, sollte dringend Marcuse lesen.

Und dann reden wir weiter, ok?




Update 8.5.:
In dem Sinne: Weitermachen
(Hinweis auf das Bild fand ich bei André Vatter, der es anders sieht als ich)

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