16.2.18

Wurst

Über die letzten, sagen wir mal, fünfzehn Jahre bin ich objektiv betrachtet deutlich konservativer geworden. Das erschreckt mich manchmal. Ich merke es deutlich, wenn ich alte Texte in diesem Blog lese, das am Sonntag seit fünfzehn Jahren online ist, und wenn ich mit dem einen oder anderen meiner Söhne diskutiere.

In einer größeren Gruppe von Menschen, die ich seit Jahren unregelmäßig sehe und die hohe und sehr hohe Führungspositionen inne haben, gibt es einen, der immer sehr klar zu seiner sehr konservativen Position gestanden hat. Die er als einer der wenigen in dieser Gruppe laut und deutlich vertrat und immer noch vertritt. Er hat seine Position in den letzten, sagen wir mal, fünfzehn Jahren, in denen wir uns in diesem Rahmen begegnen, nicht wesentlich geändert und bezeichnet sich selbst übrigens ebenfalls als "sehr konservativ".

Als diese Gruppe vor einige Zeit und nach längerer Pause, über ein Jahr, wieder einmal zusammenkam, war etwas sehr Merkwürdiges passiert. Oder eigentlich drei merkwürdige Dinge. 

Zum einen wurde sehr viel mehr über Politik geredet als jemals zuvor. Zum anderen waren die Frauen in dieser Gruppe so schweigsam wie seit Jahren nicht mehr. Und zum dritten war jener sehr konservative Mann auf einem Koordinatensystem, das von rechts nach links sortiert wäre, derjenige, der von allen dort im Raum mir am nächsten war. Und von den Männern, die sich lautstark äußerten, der einzige, der keine Selbstviktimisierung betrieb. Wir beide wurden im Laufe des Abends immer schweigsamer.

Tatsächlich ist meine Erschütterung über dieses Erlebnis größer, als ich zunächst dachte. Wie es passieren konnte, dass so viele verstummten, macht mir Angst. Und die Wurstwerdung von Stahlträgern des Systems irritiert mich sehr.

Symbolbild: Würste

14.2.18

Wie ich das zweite Mal aus der SPD austrat

Zweimal bin ich aus der SPD ausgetreten. Nachdem ich, seit ich 14 war, in ihr mitgearbeitet hatte. Das erste Mal nach den Petersberger Beschlüssen 1992, in denen die Partei die Schleusen öffnete für den Rechtsruck der Gesellschaft. Ich denke, dass es nicht völlig abwegig ist, Engholm, den ich ansonsten sehr verehre, als einen der Wegbereiter des Klimas zu bezeichnen, das schließlich zum Aufstand und Aufruhr der Autoritären führte. Und dann das zweite Mal, als niemand bereit war, wenigstens den Versuch zu unternehmen, Schröders Unterwerfung der Partei zu verhindern. Womit wir bei Nahles wären.

Ich finde es gut, dass sie Vorsitzende werden will und aus Sicht des Vorstandes soll. Ich hätte mir nur gewünscht, sie wäre es schon 1999 geworden. Da hätte es gepasst. Damals habe ich es ihr und anderen Linken (damals gehörte sie formal zu den Linken in der Partei, daher kommt wahrscheinlich heute noch dieses Etikett) sehr übel genommen, dass sie nicht den Versuch unternahmen, die Partei unabhängig von der Regierung zu positionieren.

Dieses Zurückzucken vor der Macht habe ich nie verstanden, schon 1990 nicht, als Lafontaine den ihm von Vogel angetragenen Parteivorsitz ausschlug. Dass Nahes heute weiter ist, finde ich super. Es wird ihrer Partei gut tun, an der ich mich ja auch nur deshalb immer noch und immer wieder abarbeite, weil sie mir im tiefen Herzen wichtig ist. Und ich es sehr bedauern würde, wenn sie wie in vielen anderen Ländern Europas unterginge.

26.1.18

Das Nachwort

Seit Jahren wollte ich einen Henry-James-Roman lesen. Wenn ich ehrlich bin, liegt das an Notting Hill. Also an dem Film. Wisst schon, wieso... Also habe ich mir, ebenfalls vor Jahren, die Aspern-Schriften gekauft. Weil es in Venedig spielt, das ich so liebe und ganz gut zu kennen glaube. Und nun also endlich gelesen.

Henry James: Die Aspern-Schriften, 180 Seiten

Die Ausgabe, die ich von dem Buch habe (das eigentlich eher eine Novelle ist, auch wenn Roman draufsteht), hat hinten drin ein Essay der Übersetzerin Bettina Blumenberg. Und ohne dieses Essay hätte mich die Geschichte etwas ratlos zurück gelassen. Übrigens gefällt mir die Übersetzung sehr, sprachlich vor allem. Dass Blumenberg mir aber am Ende noch einmal erklärt, warum das, was mich irritierte, gewollt und richtig und besonders kunstvoll ist, beruhigte mich etwas. Denn ohne den Kontext war es mir so merkwürdig fleischlos, toastbrotartig erschienen. Ja, die gewisse Lieblosigkeit, mit der der Ich-Erzähler hantiert, war als Ausdruck seines Charakters gedacht, das war mit klar. Aber diese lapidare Form, in der alle, die in der Geschichte auftreten, unsympathisch bleiben oder werden, trieb mich immer schneller durch die Geschichte, ohne dass sich Genuss oder auch nur ein Eintauchen einstellte. Dass Venedig im Grunde nicht einmal die Kulisse darstellt, tut ein Übriges.

Über's Nachwort habe ich es verstanden. Und lächelte über meine Naivität. Sollte ich noch was von Henry James lesen, wenn es mir so mit dieser Novelle ging?

[Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr beim Pendeln mehr zu lesen. Bücher und so. Wenn es in dem Tempo weitergehen sollte, werden das viele, aber wer weiß. Und das hier ein Lesetagebuch. Vielleicht.]

17.1.18

Vorurteilen zum Trotz

Ich muss etwas gestehen: Ich habe bis jetzt dieses Buch (DIESES BUCH11!1!!11) noch nie ganz gelesen. Immer mal angefangen aber nicht durchgehalten oder durchhalten wollen. Und war voller Vorurteile, weil ich mich nicht auf Stil und Sprache einlassen wollte.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil, 402 Seiten

Jetzt aber. Und voila, es hat gar nicht weh getan. Am meisten haben mich zwei Dinge überrascht: zum einen, dass es immer als ironisch oder karikierend beschrieben wird. Es ist witzig, sehr oft. Aber ist es wirklich eine Karikatur? Und zum anderen, dass es ja tatsächlich wie das Drehbuch der großartigen Miniserie der BBC mit Jennifer Ehle und Colin Firth ist. Erstaunlich, wie genau sich diese Verfilmung an das Buch hält.

Und weil ich die Geschichte also doch sehr genau kenne, habe ich das Buch tatsächlich dieses Mal genossen. Auch, weil es für sein Alter sehr rasant ist. Keine Längen, keine sinnlosen Kapriolen, wunderbar konstruiert. Eben die Mutter aller Liebesgeschichten. Geholfen hat mir dabei, dass ich zum ersten Mal einen Versuch machte, es in größeren Stücken zu lesen. So konnte ich mich mit mehr Ruhe in die Sprache einfinden. Pendeln ist zu was gut...

Was mich dann beim Lesen gefesselt hat, ist, dass dieser Roman nie süßlich ist. Nicht im eigentlichen Sinne romantisch. Und erst auf den letzten Seiten rührend. Und wie immer die Perspektive Elisabeths gehalten wird. Ihre inneren Kämpfe und ihre Weiterentwicklung im Mittelpunkt stehen - was keine der vielen Verfilmungen und Adaptionen, die ich kenne, auch nur in Ansätzen abbildet.

Es ist ein großes Buch. Ein menschliches. Und eines, bei dem mich nie störte, dass ich die "Story" kenne, dass alle Menschen es schon gelesen haben, meine Liebste viele, viele Male beispielsweise. Im Gegenteil, so konnte ich mein Erstaunen und meine Gedanken teilen, ohne etwas erklären zu wollen. Hab ich genossen.

Endlich abgehakt auf der ewigen Leseliste. Und schade, dass es schon zu Ende ist.


[Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr beim Pendeln mehr zu lesen. Bücher und so. Wenn es in dem Tempo weitergehen sollte, werden das viele, aber wer weiß. Und das hier ein Lesetagebuch. Vielleicht.]

15.1.18

Pimmelparade

Symbolbild
Sehr passend finde ich ja, sich über (fast) reine Männerlisten, Männerumfragen, Männerpanels mit diesem Wort lustig zu machen. Denn wo es sie gibt, ist es genau so lächerlich wie dieses Wort suggeriert: sehr.

Daran musste ich Ende letzten Jahres wieder denken, als ein Rundruf bei Medienschaffenden dazu, wie denn 2018 so werde, in einem Fachdienst rund 15 Männer und eine Frau mit ihren Antworten aufgeführt waren. Was für eine beknackte Pimmelparade. Die Redaktion gab sich selbstbewusst und wies darauf hin, dass die Frage an etwa gleich viele Männer wie Frauen geschickt worden sei - aber fast nur Männer geantwortet hätten. Na sowas. Womit sie das Phänomen der Pimmelparade sehr gut beschrieben hat.

Mit dieser Frage beschäftige ich mich ja schon lange. Ich hab gerade mal nachgeguckt - im Zusammenhang mit meiner Partei schrieb ich 2011 schon mal was dazu. Und als ich feststellte, das das tatsächlich schon 2011 war, erschrak ich sogar etwas.

So wenig sind wir seitdem weitergekommen? Es ist immer noch die gleiche Ausrede? Dieses "wir haben ja gefragt, sie wollten ja nicht" wird von sehr vielen immer noch nicht als Teil des Problems erkannt? Das finde ich sehr, sehr traurig und grotesk.

Eine Pimmelparade bleibt beknackt

Egal, welche Ausrede ich finde, sie bleibt falsch. Und wenn es, wie in dem Beispiel im Dezember, auf eine Idee nur Zustimmung von Männern gibt, sehe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich akzeptiere, dass ich eben eine Pimmelparade mache und stehe dazu. Oder ich hinterfrage das, was ich da angeschoben habe.

Denn es kann ja auch sehr gut sein, dass nur so wenige Frauen auf den Rundruf reagiert haben, weil sie die Frage und das Format genau so doof fanden wie ich es auch fand. Nur dass ich mich in meiner Eitelkeit wahrscheinlich dafür entschieden hätte, eine Antwort zu schicken, um mein Bild auf der Website zu sehen. Eine solche Rücklaufquote wäre also eigentlich die ideale Gelegenheit, über das Format nachzudenken. Oder zumindest (zumindest!) einmal nachzufragen bei der einen oder anderen, wieso sie nicht geantwortet hat.

Wenn ich für Fensterredenkongresse nicht genug Sprecherinnen finde, kann das daran liegen, dass ich doof bin. Oder daran, dass das Format Fensterrede doof ist. Wenn sich in einer Debatte irgendwann nur noch Männer zu Wort melden, kann es sein, dass das Thema nur Männer interessiert. Oder dass schon alles gesagt ist und es langweilig wird.

These: Eine Pimmelparade ist ein untrügliches Zeichen, dass Thema oder Format langweilig und irrelevant ist.

9.1.18

Altes Land

Ein so zauberhaftes Buch. Zwei Tage, vier Bahnfahrten nur. Netto also rund sechs Stunden. Und schade, dass es schon vorbei ist.

Dörte Hansen: Altes Land, 287 Seiten

Es ist vor allem und mehr noch als die Geschichte die Sprache, die mich sofort und die gesamte Zeit in den Bann geschlagen hat. Dieser lapidare, fast lyrische Stil, der sehr aus der Mode ist, den ich aber immer so sehr genieße. Mit den Perspektivwechseln zu jedem Kapitel, die alle wunderbar zärtlich-spöttisch gemalten Protagonistinnen vielschichtig und lebendig machen.

Keine einzige Person in diesem Kammerstück ist grotesk überzeichnet. Den Barmbeker Tischler kenne ich aus Bramfeld. Die Ottensener Eltern sehe ich jeden Tag. Die Altländer Bauern und noch mehr die Bäuerinnen erinnern entfernt an die, die ich auf dem Land treffe. Die Stadtflüchtigen sind die einzigen, die wirklich doof sind. Also alles wie in echt.

Und ansonsten ist es die liebevoll erzählte Geschichte von Menschen, die nicht "funktionieren", aber irgendwie zusammen ins Leben zurück finden. Mehr noch als die von einem Haus, das so windschief ist wie seine Bewohnerinnen.

Was für ein Lesegenuss jedenfalls. Was für Jahresauftakt für mich, der mich glücklich machte.

[Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr beim Pendeln mehr zu lesen. Bücher und so. Wenn es in dem Tempo weitergehen sollte, werden das viele, aber wer weiß. Und das hier ein Lesetagebuch. Vielleicht.]

6.12.17

The Silence Breakers


In den letzten zwei Monaten habe ich mir oft die Augen gerieben und mich gefragt, wieso Menschen Männer, die als mindestens normal intelligent gelten, sich teilweise an dem Versuch beteiligt haben, andere Menschen zum Schweigen zu bringen, indem sie sie lächerlich machten, fanden, dass es zu spät sei oder man (!) ja wohl noch mal Komplimente machen dürfe, und und und.

Ich habe zu #MeToo geschwiegen. Vor allem, weil ich finde, dass Männer, vor allem Männer in Machtpositionen, erst einmal zuzuhören haben. Und darum habe ich die letzten zwei Monate zugehört. Über mein eigenes Verhalten nachgedacht. Noch einmal Abbitte dafür geleistet, dass ich in einer privilegierten Situation allzu lange geschwiegen habe und am Ende auch nur durch Weggehen auf das sexistische und übergriffige Ausnutzen von Macht reagiert habe (und nicht durch den Versuch, es zu beenden oder öffentlich zu machen).

Dass die Menschen, vor allem Frauen, die am Ende den Mut fanden, auszusprechen, was Männer ihnen gegenüber für Verbrechen verübt haben; die am Ende die Hoffnung hatten, dass andere es ebenfalls aussprechen; die am Ende darauf vertrauten, dass es andere gibt, die ihnen glauben und den furchtbaren Leuten, die es beispielsweise in den deutschen Feuilletons kleinredeten, nicht auf den Leim gehen – dass diese Menschen die berühmte "Person of the Year" des TIME Magazine werden: das macht mich glücklich.

Und es macht mir Hoffnung. Genau so Hoffnung wie die Menschen, die nach dem Aufbäumen des Faschismus in Parteien eintreten. Wie die vielen, vielen Frauen, die sich auf einmal in den USA um Ämter bewerben, die zurzeit noch von solchen sexistischen Verbrechern besetzt sind. Es lässt mich hoffen, dass ich doch nicht vergeblich darauf setze (auch wenn mich dafür die früher konservativen und heute offen reaktionären unter meinen Bekannten auslachen), dass das, was wir gerade erleben, nur das letzte Aufbäumen der Verlierer des gesellschaftlichen Fortschritts ist. Dass wir nicht nur das Patriarchat sondern auch das fast ebenso grauenvolle, wenn auch ganz andere Fratriarchat überwinden werden. Dass der Rückschritt nur eine Delle im Fortschritt ist.

Aber wie auch immer. Heute bin ich dankbar und freue mich. Und sage zum ersten Mal etwas zu #MeToo.

20.11.17

Auf dem Weg nach Österreich

Und nicht nach Jamaika. Nun ja. Ein paar erste unsortierte Gedanken:
  • Es war schon auffällig, dass in der letzten Woche eigentlich nur Sozialdemokratinnen in meinem Umfeld noch an Jamaika glaubten. Sagt auch sehr viel über Gefühlshaushalt und Politikverständnis da.
  • 70% bis 90% der Bevölkerung stimmen mit den Grünen überein, was Klimaschutz und Flüchtlingspolitik angeht - mit der FDP stimmt in der Form, wie sie (bei Klimaschutz sogar auf der gleichen Fake-News-Ebene) argumentiert, nur die AfD überein. Das gibt einem schon zu denken, finde ich.
  • Vielleicht war es nur so mittelschlau, den einzigen erfahrenen Verhandler bei der FDP kurz vor dem Ende so stark anzuzählen (Kubicki wegen seiner Cum-Ex-Positionen und -Verstrickungen), denn es stellt sich raus, dass Alter und Erfahrung in schwierigen Situationen eben doch kein Nachteil ist. Außer (was wir heute Nacht ja von etlichen Teilnehmenden an den Verhandlungen hören) Lindner hatte schon seit Wochen (ich höre, seit vier Wochen) genau diese Plan und hoffte nur, dass die Grünen vor ihm die Nerven verlieren.
  • Es ist gut, dass es mit diesen Nervenwracks von der FDP, die noch nicht mal verhandeln mögen, keine Regierung gibt.
  • Wenn man bedenkt, dass eigentlich nur zwei Parteien richtig Angst vor Neuwahlen haben müssen, wäre es eigentlich logisch, welche Regierung wir bekommen: denn nach Nachwahlen würde es wahrscheinlich ja nicht mal mehr reichen für eine Koalition aus Union und SPD.
  • Sofort machbar wäre sicher eine Koalition aus CDU (ohne CSU), SPD und Grünen. Wäre auch eine echte Option.
  • Ich schätze Merkels Politikstil, der ja sehr davon geprägt ist, dass sie Wissenschaftlerin ist. Heute Nacht, muss man wohl zugeben, ist der gescheitert. Dieses auf Falsifizierbarkeit ausgelegte Vortasten und Testen, das ihr Stil ist, scheint eben – wie so oft bei Naturwissenschaften – doch allzu unterkomplex zu sein. 
  • Naheliegend wäre auch eine Regierung aus Union, FDP und Linken. Denn auf die Punkte, die der FDP wichtig sind, könnte sie sich sofort mit der Linken einigen (Anti-Europa, kein echter Klimaschutz, inhumane Flüchtlingspolitik). Schwierig ist nur, dass die Linke als einzige dieser drei Parteien was von Wirtschaft versteht, das würde ja eher schaden.
  • Es ist einfach zum Kotzen, dass die FDP lieber nach Österreich will als nach Jamaika. Aber Liberale sind bei den Grünen herzlich willkommen.
Und: Am Ende der Sondierungen merke ich, dass ich in der richtigen Partei bin. Nicht der Provokation der CSU erlegen. Nicht dem Spieler Lindner auf den Leim gegangen, so dass er am Ende niemandem anders die Schuld für sein von Anfang an geplantes Szenario geben kann. Ernsthaft verhandelt und mit der CDU, der einzigen anderen seriösen Partei im Bundestag, die Chancen ausgelotet.

Die Grünen sind so geeint wie nie und so gestärkt wie fast nicht denkbar hier rausgekommen. Danke denen, die das so toll und ruhig und professionell gemacht haben.

9.11.17

Der Blaumann

Als jemand, der gerne und viel redet und sich (wie es ein Deutschlehrer einmal in eines meiner Zeugnisse schreiben ließ) "allzu sehr für am Rande liegende Spitzfindigkeiten interessiert", ist mein größtes Problem auf dem Weg in eine post-patriarchale Kommunikationsumgebung das sogenannte "Mansplaining" – oder, ich weiß nicht mehr, wer auf Twitter diesen wunderbaren Vorschlag für eine Übersetzung machte: "Herrklären".

Für mich ist dieses Herrklären immer der blinde Fleck gewesen und es ist immer noch schwer für mich, es regelmäßig zu erkennen. Weshalb ich, aber das ist eine andere Geschichte, sogar bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann, wenn es manchen sehr schwer fällt, ihr eigenes Verhalten als sexistisch zu erkennen. Nachvollziehen aber nur so lange, bis sie abstreiten, es sei eben dies.

Aber zurück zum Blaumann

Kaum etwas illustriert Mansplaining vielleicht so gut wie dieser hinreißend absurde Dialog auf Twitter:


Das Problem ist, glaube ich, dass "wir" uns nicht mal als übergriffig, als mansplaining, als Herrklärer empfinden in diesem Moment. Aber, wie immer in Fragen der zwischenmenschlichen Sensibilität: Das ist auch irrelevant. So wie es irrelevant ist, ob ein ekliger sexistischer Witz "nicht so gemeint war" oder ich "dich nicht verletzen wollte" – denn unangemessenes Verhalten kann ich nicht als Absenderin beurteilen (oder zumindest nicht allein und letztgültig).

Für mich merke ich, dass es mir sehr schwer fällt, aus dem Herrklärungsmuster auszubrechen. Vor allem, weil es sich für mich schlecht anfühlt, andere nicht an meiner grenzenlosen Weisheit und überlegenen Lösungskompetenz teilhaben zu lassen. Was ich lernen musste, ist, dass es sich für andere allerdings schlecht anfühlt, wenn ich ihnen dauernd die Welt erkläre oder für ihre vermeintlichen Probleme Lösungen präsentiere, ohne gefragt worden zu sein.


Und was ist nun mit dem Blaumann?

Mir hat eine Geschichte sehr geholfen, die mir eine Freundin von ihrer Freundin erzählte. Denn die hat mit ihrem Partner ein Ritual entwickelt, um gemeinsam aus der Herrklärenfalle in der Beziehung zu kommen. 
Wenn sie etwas erzählt und sich aufregt, fragt er sie: "Willst du Rotwein oder den Blaumann?" – Und je nach Antwort hört er zu. Oder denkt sich eine Lösung aus. Und war überrascht, wie oft sie Rotwein wollte.
Mir hilft dieses Bild, nicht nur in der Beziehung sondern auch im (beruflichen, politischen) Alltag. Als an Logorrhoe leidender Mensch gelingt mir das nicht immer. Aber es hat mir geholfen, den blinden Fleck zu entdecken und mehr und mehr mit ihm umzugehen.

Denn, ganz ehrlich? Herrklärer sind doof. Und das sage ich euch mal ganz ungefragt.

2.10.17

Abendmahl


Es ist irgendwie merkwürdig, dass es immer wieder das Abendmahl ist, das mir in (neuen) Gemeinden für Irritationen sorgt. Es ist das, was mir an Gottesdiensten neben der Musik am wichtigsten ist, vielleicht darum. In der Musik, wenn sie denn gut ist, und im Abendmahl erlebe ich die Gegenwart Gottes. Und gerade das Abendmahl gibt mir auch ganz real Kraft.

Ich bin in einer Gemeinde aufgewachsen, in der es jeden Sonntag, in jedem Gottesdienst, Abendmahl gab. Und war darum sehr irritiert, als ich als Jugendlicher während des Konfirmandenunterrichts in meiner Wohngemeinde erlebte, dass es nur einmal im Monat gefeiert wurde. Ein Gottesdienst ohne Abendmahl war für mich irgendwie keiner. Und auch, wenn ich mich daran gewöhnt habe über die Jahre, ist es mir fremd geblieben, wie eine Gemeinde darauf verzichten kann, es jede Woche zu feiern.

Der Kampf ums Abendmahl

In den letzten Jahrzehnten habe ich, wenn ich aktiv war oder Verantwortung trug in Gemeinden, oft um das Abendmahl gekämpft. Von der Frage, ob Kinder eingeladen sind an den Tisch über die Frage Wein oder Traubensaft bis hin zur Feier selbst, vor allem um den Kelch. Und darum irritiert mich die Abendmahlspraxis in meiner aktuellen Gemeinde in Eutin so sehr.

Während der 80er, als es die AIDS-Hysterie gab, entstanden in vielen evangelischen Gemeinden Ängste rund um die Hygiene des Kelchs und die Ansteckungsgefahr. Machte der Kelch die kleine Drehung, bevor die nächste ihn bekommt? Mag ich überhaupt aus dem einen Kelch trinken? Es begannen die ersten, ihre Oblate in den Kelch zu tunken auch, wenn sie nicht selbst krank waren (und ich es auf Rücksicht auf die anderen vertretbar finde). Viele Gemeinden schafften diese kleinen Schnapsgläser an, in die das Blut gegossen wurde. Ich selbst bin bis heute beim Gemeinschaftskelch geblieben. Und bleibe auch (stur) dabei in Gemeinden, in denen das nicht (mehr) üblich ist.

Eutin ist eine liberale Gemeinde, darum akzeptieren sie, dass es verschiedene Formen gibt während des Abendmahls. Aber die allermeisten tunken hier die Oblate ein, es sind nur ein paar wenige alte Menschen, wir und einige aus einer sehr frommen, fast freikirchlich orientierten Tradition, die es anders machen. Die den Kelch nehmen und trinken.

Gerade jetzt, in dem Jahr, in dem wir den 500. Jahrestag der Befreiung von Kirche und Bibel aus den Fängen einer korrupten Klerikerkirche feiern, ist mir völlig unverständlich, wie wir eine der großen Errungenschaften der Reformation einfach so aufgeben können: den Kelch für alle, Christi Blut, das nicht nur den Priestern gehört sondern allen Christinnen und Christen in Gemeinschaft. Von unseren Vorfahren wurden etliche hingerichtet, weil sie um den Kelch kämpften. Und das geben einige von uns auf? Ok, in reformierten Zusammenhängen vielleicht, wo das Abendmahl mehr symbolisch ist. Aber in lutherischen? Wo wir daran glauben, dass Brot und Wein/Traubensaft eben im Abendmahl nicht nur Brot und Wein sind – sondern dass es zugleich und wirklich Christi Leib und Christi Blut sind? Das zu trinken wir aufgefordert sind? Das Tunken der Oblate finde ich theologisch absurd und historisch fast schon pervers. Es ist glaubens- und geschichtsvergessen. Und ich bin dankbar, dass es bei uns zumindest möglich ist, den Kelch zu nehmen.

Die Unbarmherzigkeit

Der andere Punkt, der mir immer fremd bleiben wird, ist, wie es sein kann, Menschen vom Abendmahl auszuschließen. Zumal die Beichte, die notwendig ist, damit wir uns nicht "zum Gericht essen", ja Teil unserer Abendmahlsliturgie ist. Aber immer noch gibt es Gemeinden, die Kindern diesen wunderbaren Zugang zum Glauben verweigern. Oder unklar sind, wie sie damit umgehen sollen. Vor allem, weil ja fast nur Kinder mit zum Abendmahl gehen, die von ihren Eltern in das Glaubenszeugnis mit hineingenommen werden. Gestern, ausgerechnet an Erntedank, führte das zu einer absurden, peinlichen, sehr verstörenden Situation, als der Küster an einem kleineren Kind, das die Hände ausstreckte, vorbei ging zu seinem größeren Geschwister (das aber auch noch zu jung war, um konfirmiert zu sein, was in vielen Gemeinden immer noch der Zeitpunkt ist, zu dem sie Kinder erst zum Abendmahl "zulassen", was für ein theologisch absurdes Wort). Der Vater teilte daraufhin seine Oblate mit dem Kind. Aber mich machte es sehr zornig und er warf mich völlig raus aus der Gemeinschaft.

Kaum etwas, so scheint mir, ist so sehr ein Zeichen für die geistliche Armut unserer Gemeinden wie ihr Umgang mit dem Abendmahl. Und an ihrer Abendmahlspraxis kann ich sehen, wes Geistes Kind eine Gemeinde ist.

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