20.11.17

Auf dem Weg nach Österreich

Und nicht nach Jamaika. Nun ja. Ein paar erste unsortierte Gedanken:
  • Es war schon auffällig, dass in der letzten Woche eigentlich nur Sozialdemokratinnen in meinem Umfeld noch an Jamaika glaubten. Sagt auch sehr viel über Gefühlshaushalt und Politikverständnis da.
  • 70% bis 90% der Bevölkerung stimmen mit den Grünen überein, was Klimaschutz und Flüchtlingspolitik angeht - mit der FDP stimmt in der Form, wie sie (bei Klimaschutz sogar auf der gleichen Fake-News-Ebene) argumentiert, nur die AfD überein. Das gibt einem schon zu denken, finde ich.
  • Vielleicht war es nur so mittelschlau, den einzigen erfahrenen Verhandler bei der FDP kurz vor dem Ende so stark anzuzählen (Kubicki wegen seiner Cum-Ex-Positionen und -Verstrickungen), denn es stellt sich raus, dass Alter und Erfahrung in schwierigen Situationen eben doch kein Nachteil ist. Außer (was wir heute Nacht ja von etlichen Teilnehmenden an den Verhandlungen hören) Lindner hatte schon seit Wochen (ich höre, seit vier Wochen) genau diese Plan und hoffte nur, dass die Grünen vor ihm die Nerven verlieren.
  • Es ist gut, dass es mit diesen Nervenwracks von der FDP, die noch nicht mal verhandeln mögen, keine Regierung gibt.
  • Wenn man bedenkt, dass eigentlich nur zwei Parteien richtig Angst vor Neuwahlen haben müssen, wäre es eigentlich logisch, welche Regierung wir bekommen: denn nach Nachwahlen würde es wahrscheinlich ja nicht mal mehr reichen für eine Koalition aus Union und SPD.
  • Sofort machbar wäre sicher eine Koalition aus CDU (ohne CSU), SPD und Grünen. Wäre auch eine echte Option.
  • Ich schätze Merkels Politikstil, der ja sehr davon geprägt ist, dass sie Wissenschaftlerin ist. Heute Nacht, muss man wohl zugeben, ist der gescheitert. Dieses auf Falsifizierbarkeit ausgelegte Vortasten und Testen, das ihr Stil ist, scheint eben – wie so oft bei Naturwissenschaften – doch allzu unterkomplex zu sein. 
  • Naheliegend wäre auch eine Regierung aus Union, FDP und Linken. Denn auf die Punkte, die der FDP wichtig sind, könnte sie sich sofort mit der Linken einigen (Anti-Europa, kein echter Klimaschutz, inhumane Flüchtlingspolitik). Schwierig ist nur, dass die Linke als einzige dieser drei Parteien was von Wirtschaft versteht, das würde ja eher schaden.
  • Es ist einfach zum Kotzen, dass die FDP lieber nach Österreich will als nach Jamaika. Aber Liberale sind bei den Grünen herzlich willkommen.
Und: Am Ende der Sondierungen merke ich, dass ich in der richtigen Partei bin. Nicht der Provokation der CSU erlegen. Nicht dem Spieler Lindner auf den Leim gegangen, so dass er am Ende niemandem anders die Schuld für sein von Anfang an geplantes Szenario geben kann. Ernsthaft verhandelt und mit der CDU, der einzigen anderen seriösen Partei im Bundestag, die Chancen ausgelotet.

Die Grünen sind so geeint wie nie und so gestärkt wie fast nicht denkbar hier rausgekommen. Danke denen, die das so toll und ruhig und professionell gemacht haben.

9.11.17

Der Blaumann

Als jemand, der gerne und viel redet und sich (wie es ein Deutschlehrer einmal in eines meiner Zeugnisse schreiben ließ) "allzu sehr für am Rande liegende Spitzfindigkeiten interessiert", ist mein größtes Problem auf dem Weg in eine post-patriarchale Kommunikationsumgebung das sogenannte "Mansplaining" – oder, ich weiß nicht mehr, wer auf Twitter diesen wunderbaren Vorschlag für eine Übersetzung machte: "Herrklären".

Für mich ist dieses Herrklären immer der blinde Fleck gewesen und es ist immer noch schwer für mich, es regelmäßig zu erkennen. Weshalb ich, aber das ist eine andere Geschichte, sogar bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann, wenn es manchen sehr schwer fällt, ihr eigenes Verhalten als sexistisch zu erkennen. Nachvollziehen aber nur so lange, bis sie abstreiten, es sei eben dies.

Aber zurück zum Blaumann

Kaum etwas illustriert Mansplaining vielleicht so gut wie dieser hinreißend absurde Dialog auf Twitter:


Das Problem ist, glaube ich, dass "wir" uns nicht mal als übergriffig, als mansplaining, als Herrklärer empfinden in diesem Moment. Aber, wie immer in Fragen der zwischenmenschlichen Sensibilität: Das ist auch irrelevant. So wie es irrelevant ist, ob ein ekliger sexistischer Witz "nicht so gemeint war" oder ich "dich nicht verletzen wollte" – denn unangemessenes Verhalten kann ich nicht als Absenderin beurteilen (oder zumindest nicht allein und letztgültig).

Für mich merke ich, dass es mir sehr schwer fällt, aus dem Herrklärungsmuster auszubrechen. Vor allem, weil es sich für mich schlecht anfühlt, andere nicht an meiner grenzenlosen Weisheit und überlegenen Lösungskompetenz teilhaben zu lassen. Was ich lernen musste, ist, dass es sich für andere allerdings schlecht anfühlt, wenn ich ihnen dauernd die Welt erkläre oder für ihre vermeintlichen Probleme Lösungen präsentiere, ohne gefragt worden zu sein.


Und was ist nun mit dem Blaumann?

Mir hat eine Geschichte sehr geholfen, die mir eine Freundin von ihrer Freundin erzählte. Denn die hat mit ihrem Partner ein Ritual entwickelt, um gemeinsam aus der Herrklärenfalle in der Beziehung zu kommen. 
Wenn sie etwas erzählt und sich aufregt, fragt er sie: "Willst du Rotwein oder den Blaumann?" – Und je nach Antwort hört er zu. Oder denkt sich eine Lösung aus. Und war überrascht, wie oft sie Rotwein wollte.
Mir hilft dieses Bild, nicht nur in der Beziehung sondern auch im (beruflichen, politischen) Alltag. Als an Logorrhoe leidender Mensch gelingt mir das nicht immer. Aber es hat mir geholfen, den blinden Fleck zu entdecken und mehr und mehr mit ihm umzugehen.

Denn, ganz ehrlich? Herrklärer sind doof. Und das sage ich euch mal ganz ungefragt.

2.10.17

Abendmahl


Es ist irgendwie merkwürdig, dass es immer wieder das Abendmahl ist, das mir in (neuen) Gemeinden für Irritationen sorgt. Es ist das, was mir an Gottesdiensten neben der Musik am wichtigsten ist, vielleicht darum. In der Musik, wenn sie denn gut ist, und im Abendmahl erlebe ich die Gegenwart Gottes. Und gerade das Abendmahl gibt mir auch ganz real Kraft.

Ich bin in einer Gemeinde aufgewachsen, in der es jeden Sonntag, in jedem Gottesdienst, Abendmahl gab. Und war darum sehr irritiert, als ich als Jugendlicher während des Konfirmandenunterrichts in meiner Wohngemeinde erlebte, dass es nur einmal im Monat gefeiert wurde. Ein Gottesdienst ohne Abendmahl war für mich irgendwie keiner. Und auch, wenn ich mich daran gewöhnt habe über die Jahre, ist es mir fremd geblieben, wie eine Gemeinde darauf verzichten kann, es jede Woche zu feiern.

Der Kampf ums Abendmahl

In den letzten Jahrzehnten habe ich, wenn ich aktiv war oder Verantwortung trug in Gemeinden, oft um das Abendmahl gekämpft. Von der Frage, ob Kinder eingeladen sind an den Tisch über die Frage Wein oder Traubensaft bis hin zur Feier selbst, vor allem um den Kelch. Und darum irritiert mich die Abendmahlspraxis in meiner aktuellen Gemeinde in Eutin so sehr.

Während der 80er, als es die AIDS-Hysterie gab, entstanden in vielen evangelischen Gemeinden Ängste rund um die Hygiene des Kelchs und die Ansteckungsgefahr. Machte der Kelch die kleine Drehung, bevor die nächste ihn bekommt? Mag ich überhaupt aus dem einen Kelch trinken? Es begannen die ersten, ihre Oblate in den Kelch zu tunken auch, wenn sie nicht selbst krank waren (und ich es auf Rücksicht auf die anderen vertretbar finde). Viele Gemeinden schafften diese kleinen Schnapsgläser an, in die das Blut gegossen wurde. Ich selbst bin bis heute beim Gemeinschaftskelch geblieben. Und bleibe auch (stur) dabei in Gemeinden, in denen das nicht (mehr) üblich ist.

Eutin ist eine liberale Gemeinde, darum akzeptieren sie, dass es verschiedene Formen gibt während des Abendmahls. Aber die allermeisten tunken hier die Oblate ein, es sind nur ein paar wenige alte Menschen, wir und einige aus einer sehr frommen, fast freikirchlich orientierten Tradition, die es anders machen. Die den Kelch nehmen und trinken.

Gerade jetzt, in dem Jahr, in dem wir den 500. Jahrestag der Befreiung von Kirche und Bibel aus den Fängen einer korrupten Klerikerkirche feiern, ist mir völlig unverständlich, wie wir eine der großen Errungenschaften der Reformation einfach so aufgeben können: den Kelch für alle, Christi Blut, das nicht nur den Priestern gehört sondern allen Christinnen und Christen in Gemeinschaft. Von unseren Vorfahren wurden etliche hingerichtet, weil sie um den Kelch kämpften. Und das geben einige von uns auf? Ok, in reformierten Zusammenhängen vielleicht, wo das Abendmahl mehr symbolisch ist. Aber in lutherischen? Wo wir daran glauben, dass Brot und Wein/Traubensaft eben im Abendmahl nicht nur Brot und Wein sind – sondern dass es zugleich und wirklich Christi Leib und Christi Blut sind? Das zu trinken wir aufgefordert sind? Das Tunken der Oblate finde ich theologisch absurd und historisch fast schon pervers. Es ist glaubens- und geschichtsvergessen. Und ich bin dankbar, dass es bei uns zumindest möglich ist, den Kelch zu nehmen.

Die Unbarmherzigkeit

Der andere Punkt, der mir immer fremd bleiben wird, ist, wie es sein kann, Menschen vom Abendmahl auszuschließen. Zumal die Beichte, die notwendig ist, damit wir uns nicht "zum Gericht essen", ja Teil unserer Abendmahlsliturgie ist. Aber immer noch gibt es Gemeinden, die Kindern diesen wunderbaren Zugang zum Glauben verweigern. Oder unklar sind, wie sie damit umgehen sollen. Vor allem, weil ja fast nur Kinder mit zum Abendmahl gehen, die von ihren Eltern in das Glaubenszeugnis mit hineingenommen werden. Gestern, ausgerechnet an Erntedank, führte das zu einer absurden, peinlichen, sehr verstörenden Situation, als der Küster an einem kleineren Kind, das die Hände ausstreckte, vorbei ging zu seinem größeren Geschwister (das aber auch noch zu jung war, um konfirmiert zu sein, was in vielen Gemeinden immer noch der Zeitpunkt ist, zu dem sie Kinder erst zum Abendmahl "zulassen", was für ein theologisch absurdes Wort). Der Vater teilte daraufhin seine Oblate mit dem Kind. Aber mich machte es sehr zornig und er warf mich völlig raus aus der Gemeinschaft.

Kaum etwas, so scheint mir, ist so sehr ein Zeichen für die geistliche Armut unserer Gemeinden wie ihr Umgang mit dem Abendmahl. Und an ihrer Abendmahlspraxis kann ich sehen, wes Geistes Kind eine Gemeinde ist.

26.9.17

Rechtsruck?

Rechts-um
"Rechtsruck" titelt meine Regionalzeitung und spekuliert über Jamaika oder Neuwahlen. Aber stimmt das? Ich selbst war am Wahlabend erst eher erleichtert, weil ich mit deutlich mehr Stimmen und Prozenten für die AfD gerechnet hätte. Meine der Familie angekündigte schlechte Stimmung ab 18 Uhr blieb quasi aus (zumindest bis ich die ersten Äußerungen von Frau Merkel vor ihrer Partei hörte, da schaltete ich dann den Fernseher aus).

Vor allem aber: ist das wirklich ein Rechtsruck? Ich bin mir nicht so sicher.

Zum einen, weil ich mir tatsächlich nicht ganz sicher bin, ob es jetzt so viele Abgeordnete mehr mit rechtsextremen Ansichten sind, immerhin haben die latent bis offen autoritären Parteien  verloren, die bisher im Bundestag waren: CSU (sehr viel verloren), SPD (viel verloren), CDU (einiges verloren). Ob da jetzt weniger autoritäre Abgeordnete drin geblieben sind oder nicht, weiß ich nicht.

Zum anderen aber führt das starke Abschneiden der Rechtsextremen ja nicht zu einer rechteren Politik in diesem Land. Zwar hat im Bundestag die Linke (wenn ich die SPD dazu zählen will und mit Grünen und PDS Linker kombiniere) jetzt anders als im letzten Bundestag keine Mehrheit mehr. Aber durch das Erstarken der Mitte (FDP und Grüne jetzt mal etwas holzschnittartig dort angesiedelt) hat eben auch die Rechte keine Mehrheit. Auch, wenn die ersten Äußerungen von CDU und vor allem CSU am Wahlabend fast so klangen, als wollten sie eine Konservativ-Rechts-Regierung bilden, hat das ja keine Mehrheit.

Im Grunde sind die angeblichen tektonischen Verschiebungen marginal, die die Wahl erbracht hat. Und so führt das Erstarken des extremen Rands rechts faktisch dazu, dass es die liberalste und vorwärtsgerichtetste Regierung geben könnte, die dieses Land seit dem Willy-Brandt-Sieg 1972 gesehen hat.

Eine Chance für die Mitte

Ich bin nun wirklich kein Fan der FDP – aber ihr Wahlsieg verhindert sowohl eine links-konservative als auch eine rechts-konservative Regierung. Und auch, wenn vor allem angesichts ihres Wahlprogramms die FDP nun wirklich nicht als "links" bezeichnet werden kann, führt ihr Sieg dazu, dass die aus heutiger Sicht einzig mögliche Regierung im Vergleich zum konservativen Mehltau der letzten Jahre faktisch linker sein wird als die letzte.

Dazu ein paar Beobachtungen und Überlegungen:

  • Es ist spannend, dass die Grünen überall da besonders gewonnen haben, wo es keine sichtbaren Linken innerhalb der Partei gibt, wo sie ohne Flügel dasteht. Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Bayern, Hamburg. Alles grüne Landesverbände, die zusammenstehen und gemeinsam Interesse an Gestaltung haben, sehr klassisch grün sind. Und in drei dieser Länder sind die Grünen in einer eher schwierigen Regierungskonstellation und gewinnen trotzdem. Und das, obwohl die verbliebenen Linken annahmen, dass unsere Wählerinnen uns abstrafen würden. Für ein Regieren mit dem Scholzinator, für Jamaika, für eine Juniorpartnerin CDU.
  • Was ich von FDP-Mitgliedern höre und was FDP-Leute seit der Wahl sagen, lässt vermuten, dass sie den Wirtschafts- und Finanzteil ihres Programms entweder nicht kennen oder ignorieren (was, er ist ja hinlänglich analysiert worden von Medien und Wirtschaftsexperten im In- und Ausland, ein ermutigendes Zeichen ist). Dass aber die Grundidee eines Liberalismus (Freiheit sticht Sicherheit; Selbstbestimmung sticht Paternalismus etc) bei einigen durchaus verankert sein könnte. Und Schleswig-Holstein zeigt, dass selbst ein Wirtschaftsminister wie Bernd Buchholz den fortschrittlichen Aufbruch nicht torpedieren oder verhindern kann.
  • Auch, wenn jetzt in den ersten Tagen erstmal das Trennende betont wird, auch betont werden muss. Und auch, wenn vor allem FDP und Grüne nicht so leicht in konstruktive Gespräch finden werden, weil sie um Menschen mit der gleichen Grundhaltung zum Leben konkurrieren. Auch, wenn die CDU und noch extremer die extremistische CSU gerade noch sehr am Wundenlecken sind. Ein Bündnis auf Zeit, das nicht auf einen "kleinsten gemeinsamen Nenner" setzt sondern auf ein größtes gemeinsames Vielfaches, hat eine realistische Chance. Schleswig-Holstein zeigt das.
  • Und Schleswig-Holstein zeigt auch dieses: Eine linkere, liberalere Regierung unter CDU-Führung kann der CDU sehr helfen, ihr konservatives Profil zu schärfen. So widersprüchlich das klingt - aber die Tatsache, dass sie nur noch im Verhältnis 3:2 (konservativ gegenüber liberal) in der Regierung sein würde, wenn Jamaika klappt, kann ihr beim Bedürfnis, die konservative Flanke zu schließen, nur nutzen - weil sie sich deutlich besser auch gegenüber ihrer eigenen Regierung profilieren und abgrenzen kann, wenn sie bereit ist, Streit innerhalb der Regierung auszuhalten und zu führen. Und wenn Merkel den Parteivorsitz abgibt und der Partei eine Chance gibt, sich eigenständig zu zeigen.
  • Die SPD hat sich, so scheint mir, auch jetzt wieder verzockt. Auch wenn zunächst auf der Oberfläche einleuchtet, dass sie mit dem Gang in die Opposition eine Links-Mitte-Alternative zur Rechts-Mitte-CDU bilden könnte, wird sie das Problem der deutlich linkeren, liberaleren Regierung haben. Wenn eine Regierung ohne SPD fortschrittlicher ist als eine mit, dann kann sie sich im Grunde nur als Alternative positionieren, wenn sie sehr deutlich nach links rückt. Und da ist, auf dem Papier ihrer Programme zumindest, bereits die Linke. Und hat die SPD als eine "Linke mit weniger abstrusem Personal" wirklich eine Chance? Ich wünsche es ihr, bleibe aber skeptisch. So wie in den meisten Ländern Europas bleibt der SPD im Grunde nur die Wahl zwischen vollständiger Marginalisierung (wie Frankreich, Italien, Spanien, Niederlande) oder Re-Radikalisierung (wie in diesen Ländern durch andere Parteien oder in Großbritannien).

Das Neue Narrativ

Auf jeden Fall aber kann diese Wahl, die erst wie ein Rechtsruck und ein Schrecken klingt, der Katalysator für einen Aufbruch sein. Und das Narrativ liefern, das wir so dringend brauchen, wenn wir eine offene, liberale Demokratie haben und uns nicht von den Rechtsextremen treiben lassen wollen. Ein liberaler, freiheitlicher, anti-autoritärer Aufbruch. Ein Reformprogramm, dass auf die Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft der letzten Jahrzehnte reagiert und wieder Lust am Gestalten von Zukunft hat. Eine Regierungshaltung, die Maß am Menschen nimmt und nicht am bestehenden System.

Kombinieren wir dieses positive, nach vorne gerichtete Narrativ mit einer klaren und kompromisslosen Ausgrenzung der Rechtsextremen und ihres parlamentarischen Arms, vor allem, indem wir uns mit ihnen und ihren Themen und Fragen einfach nicht mehr beschäftigen, freue ich mich auf die kommenden Jahre.

Und entweder der Osten kommt mit auf diesem Weg. Oder eben nicht. 

8.9.17

Das cor incurvatum und das Virtuelle

Das in sich gekrümmte Herz

Dass Luther die Figur vom cor incurvatum von Augustin wieder entdeckte, gehört zu dem Wunderbarsten der Theologie der Reformation. Das Bild eines Herzens, das sich so zusammenkrümmt, dass es nur sich selbst sieht und sehen kann (nicht umsonst ist es das in se, was noch dazu gehört), ist die mich vielleicht am stärksten berührende Beschreibung eines Lebens fern von Gott. Es beschreibt nicht nur Egoismus, sondern diesen sich im eigenen Leid suhlenden oder im eigenen Glück badenden Menschen, der Hoffnung, Trauer, Mitleid nur aus sich selbst kennt und auf sich selbst bezogen sieht. Das "und was ist mit mir"-Rufen, das Gefühl, immer die zu sein, die zu kurz kommt, ist das eigentliche Zeichen von Gottesferne. Der Neid, der entsteht, wenn Menschen mit in sich gekrümmtem Herzen ihrer Mitwelt begegnen, ist das, was ich "der Teufel" nenne. Der Hass auf die, denen so ein Mensch begegnet, auf die, von denen der Mensch zu sehen glaubt, dass sie alles bekommen, was er nicht bekommt, dass sie ihm alles wegnehmen, dieser Hass ist im Kern ein Hass auf Gott.

Die große Erkenntnis hinter dem cor incurvatum ist doch, dass ein Mensch, der sich – die Philosophie würde sagen: solipsistisch – nur auf sich selbst bezieht, gefangen ist und nur durch Gott befreit werden kann. Nur durch Glauben "gerecht" werden kann. In christlichem Kontext jetzt, klar. Aber dass dieser Mensch eben auch befreit werden muss. Oder sich selbst befreien muss. Dass es unbarmherzig ist, diesen Menschen nicht damit zu konfrontieren, dass er dem Teufel aufgesessen ist. Wir haben im (europäischen) Luthertum schon lange keine Tradition des Exorzismus mehr (und das ist unglaublich gut so, denn das, was damit an Schindluder getrieben wurde und teilweise noch wird von den Kirchen und ihren Pfaffen, ist ein Verbrechen), aber neu über diese Frage nachgedacht, ist eine Handlung, die Menschen ohne falsche Rücksicht auf die Verkrümmung ihres Herzens rüttelt und schüttelt und aufrichtet, die einzige, die aus Barmherzigkeit kommt, finde ich. Eine Handlung, die kein Verständnis hat sondern klar benennt, wo das Böse ist.

Ob die eitle Einsamkeit des cor incurvatum Symptom oder Ursache ist, weiß ich nicht. Dass sie überwinden muss, wer leben will, glaube ich.

Das Virtuelle

In konservativen Kreisen meiner Kirche, auch in links-konservativen, wie unlängst am Reformationsmoratorium von Schorlemmer und Wolff zu besichtigen, wird die existenzielle Einsamkeit und Gottesferne des cor incurvatum heute gerne mit der scheinbaren Vereinzelung von Menschen in heutigen digitalen Netzwerken beschrieben:
Das „Selfie“ mit dem iPhone steht für die zunehmende und alleinige Konzentration des Menschen auf sich selbst. Von Kindesbeinen an daran gewöhnt, führt das zu einer inneren Vereinsamung, lässt menschliche Beziehungen verkümmern und den realen Nächsten zugunsten des virtuellen aus den Augen verlieren.
So schreiben Schorlemmer und Wolff in einem ansonsten überwiegend eher lesenswerten Text. Knut Dahl-Ruddies sagt dazu ein bisschen was.

Da ist er.
Der Schrecken.
Aller, die Nähe nur aus der Kohlenstoffwelt zu kennen glauben.
DAS VIRTUELLE.
Das, was ich nicht berühren kann, wo ich keine Stimme, keine Mimik habe. Wo wichtige Dimensionen der Kommunikation und der Nähe und der Intimität fehlen.

Da sprechen sie wie die Verächterinnen der Religion. Die es absurd finden, dass ich eine lebendige Beziehung zu Gott habe. Dass ich im Gebet in ein Gespräch mit Gott trete. Dass wir bei der Feier des Abendmahls davon überzeugt sind, dass Jesus anwesend ist, dazu tritt, ganz, nicht nur in unseren Gedanken.

virtuell, sehr


Wer das Virtuelle gering schätzt, kann eigentlich keine Christin sein. 

Wirklich nicht. Denn seit Himmelfahrt ist unser Glauben und vor allem unsere Glaubenspraxis sehr wesentlich von einer virtuellen Beziehung geprägt. Vom Ende der kohlenstofflichen Nähe dessen, von dem wir glauben, dass er ganz Mensch und ganz Gott ist. Und der doch nah bleibt und Generationen nah gewesen und geblieben ist.

Wer wenn nicht Christinnen und Christen sollte verstehen, dass Nähe und Intimität nicht auf den Kanal ankommt, auf dem Kommunikation und Gemeinschaft stattfindet? Wer hat so sehr über Jahrhunderte geübt, mit virtuellen Freundinnen und Freunden zusammen zu sein. Und wer wüsste so gut wie Christinnen und Christen, dass weder eine Gemeinschaft von Menschen in der Kohlenstoffwelt noch eine einsame Gemeinschaft mit einem oder einer, die virtuell da sind, ausreichen für die Fülle des Lebens. Dass ich einsam und in mich gekrümmt sein kann, ob ich unter Menschen in der Kohlenstoffwelt bin oder nicht. Dass sogar Menschen zusammenstehen und sich aneinander berauschen können, wenn sie vom Teufel besessen sind und ein in sich selbst gekrümmtes Herz haben. Wie in Finsterwalde und anderswo.

Das Virtuelle gegen das cor incurvatum

Wo das "Selfie" nur auf sich selbst zeigt, wo es nur um mich geht, wo ich meine Einsamkeit durch leere Inszenierung zu übertünchen suche und doch auf mich selbst zurück geworfen bin, da ist es Ausdruck der furchtbaren Entfremdung vom Leben und von Gott. Aber das hat nichts mit dem Virtuellen zu tun. Denn das hatte auch die Stiefmutter von Schneewittchen schon.

Im Gegenteil – wo das "Selfie" der Beginn einer Interaktion mit anderen wird, wo ich Antworten bekomme wie "du Schöne", "HDL" oder "Beste", da trete ich im besten Fall heraus aus meiner Verkrümmung. Denn Liebe und affirmative Kommunikation helfen fast immer, wenn der Teufel Neid oder der Teufel Hass mein Herz verkrümmen. 

Und so, wie für einige von uns Christinnen und Christen kurze, über den Tag verteilte, Kommunikation mit dem Virtuellen dem Tag Rhythmus geben, ohne jedes Mal von besonderer und besonders tiefer Substanz zu sein, wie wir "Danke" sagen für Kleinigkeiten – und die Wärme der Gemeinschaft spüren, so kann, wenn es gut läuft, auch in anderen virtuellen Kommunikationen sein. 

Bleibe bei mir, sagen wir. Und meinen das nicht kohlenstofflich.
In deinem Namen, sagen wir. Und wissen, dass es auch anderswo so ist.
Wir läuten die Glocken, wenn wir das Vaterunser beten, damit andere einstimmen können, die nicht hier sind. Hier, im kohlenstofflichen Sinne.

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, lernen wir. Und das soll ausgerechnet dann nicht gelten, wenn es Gemeinschaft und Kommunikation gibt, die wir nicht verstehen? Die ihr nicht verstehe, nicht nachfühlen könnt? Es tut mir leid, Friedrich und Christian, liebe Brüder, das kommt mir sehr arm vor. Und sehr kleingläubig. Zumindest von dir, Friedrich, habe ich es anders erwartet. Denn du warst für mich ein wichtiger Lehrer für Glauben im Leben.

Zur Wahl

Ihr und die Dummheit zieht in Viererreihen
in die Kasernen der Vergangenheit.
Glaubt nicht, daß wir uns wundern, wenn ihr schreit.
Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreien.

grölende Menschen in Finsterwalde
Finsterwalde. Wie passend.



Ihr kommt daher und laßt die Seele kochen.
Die Seele kocht, und die Vernunft erfriert.
Ihr liebt das Leben erst, wenn ihr marschiert,
weil dann gesungen wird und nicht gesprochen.

Ihr liebt die Leute, die beim Töten sterben.
Und Helden nennt ihr sie nach altem Brauch;
denn ihr seid dumm und böse seid ihr auch.
Wer dumm und böse ist, rennt ins Verderben.

Ihr liebt den Haß und wollt die Welt dran messen.
Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin,
damit es wächst, das Tier tief in euch drin!
Das Tier im Menschen soll den Menschen fressen.

Ihr möchtet auf den Trümmern Rüben bauen
Und Kirchen und Kasernen wie noch nie.
Ihr sehnt euch heim zur alten Dynastie
und möchtet Fideikommißbrot kauen.

Ihr wollt die Uhrenzeiger rückwärtsdrehen
Und glaubt, das ändere der Zeiten Lauf.
Dreht an der Uhr! Die Zeit hält niemand auf!
Nur eure Uhr wird nicht mehr richtiggehen.

Wie ihr’s euch träumt, wird Deutschland nicht erwachen.
Denn ihr seid dumm, und seid nicht auserwählt.
Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt:
Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!

Erich Kästner, 1932

4.8.17

Pendlerleben


Seit wir vor einem Jahr aufs Land gezogen sind, bin ich Pendler. Ich versuche, einmal in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten, um dann am Stück mehr zu schreiben und Präsentationen zu bauen (Dinge, zu denen ich im Büro ohnehin nicht so gut komme), aber sowohl zu den Reisen als auch zu den anderen Tagen mit dem Team und im Büro pendele ich rein nach Hamburg. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, ist das (außer zum Flughafen, weil ich da mit dem Auto die B432 reinfahre) ein Weg von etwa zwei Stunden je Richtung. So von Tür zu Tür.

In diesen Tagen muss die jährliche Pendelstatistik veröffentlich worden sein, denn meine Regionalzeitung und viele Onlinemedien sind voll mit Pendelgeschichten. Vor allem voll von Horrorgeschichten über Menschen, die krank werden, die Schlafstörungen haben, deren Beziehungen in die Brüche gehen, die leiden. Und auch bevor es bei mir mit dem Extrempendeln losging, haben mir viele Leute das Schlimmste profezeit. Nach einem Jahr frage ich mich, wieso es mir anders geht damit. Und wieso ich inzwischen bei uns auf dem Land einige Leute kenne, denen es anders geht.

Mein Eindruck aus der Erfahrung von – ja nur, aber eben auch ja, immerhin – einem Jahr reinpendeln nach Hamburg ist, dass es vor allem an zwei Dingen liegt: Zum einen daran, dass es in Schleswig-Holstein verhältnismäßig komfortabel ist, mit der Bahn zu pendeln. Und zum anderen daran, dass ich die Zeit im Zug nicht als verlorene Zeit empfinde. Was weniger mit Autosuggestion zu tun hat als mit meiner Haltung dazu.

Pendelland

Vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass Schleswig-Holstein ein Pendelland ist. Jedenfalls hat der Regionalverkehr der Bahnen schon vor langer Zeit den integrierten Taktverkehr eingeführt, was bedeutet, dass es quasi keine Zeiten gibt, zu denen ich lange auf Bahnhöfen rumlungern muss. Ist mein Zug aus Eutin pünktlich, steht der Hamburg-Zug in Lübeck schon da. Und hat der Zug aus Eutin bis zu 10 min Verspätung (was durch einspurige Streckenabschnitte vorkommen kann), dann bekomme ich den trotzdem noch bequem. Tatsächlich ist der erste nervige Punkt des Arbeitsweges die Ankunft in Hamburg – wenn tausende Pendlerinnen sich die verstopften Treppen hoch- und runterquälen. 

Der faszinierendste Effekt des Aufs-Land-Ziehens war vor einem Jahr, dass ich nach wenigen Wochen von der Hektik der großen Stadt genervt war. Und das, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, ein Vorstadtkind war, das sich sicher im Dschungel der ÖPNV bewegen kann.

Dass die Züge aufeinander abgestimmt sind und Strecken fahren, die berechenbar sind (Punkt zu Punkt) und dadurch relativ pünktlich und halbstündlich, hat einen Riesenanteil am Pendelkomfort. Außerdem spielt die Kommunikationskultur von uns Norddeutschen eine wichtige Rolle für die Entspannung beim Pendeln, glaube ich. Ja, mit denen, mit denen ich in Eutin oder in Lübeck den Zug betrete, nicke ich mir zu. Aber niemand versucht hier in Schleswig-Holstein, einen zwanghaft in Gespräche zu verwickeln. Wir sind ganz zufrieden, wenn alle da sind. Und das war es dann.

Lebenszeit

Ich habe die Fahrzeit zur Arbeit mein ganzes Leben lang als gute Zeit und Zeit für mich empfunden. Damals, als ich erst eine halbe Stunde mit dem Rad an der Alster langfuhr, um dann in die S-Bahn zu steigen. Dann, als ich die gesamte Strecke mit dem Rad fuhr und dabei Hörbücher hörte. Und auch heute, wenn ich lange Bahn fahre. Als jemand mit einem Beruf, der mit ständigen Gesprächen ausgefüllt ist, und mit einer großen Familie habe ich immer diese einzige Zeit, die ganz meine Zeit ist, genossen. Tatsächlich, auch wenn das für einige immer schwer nachzuvollziehen ist, empfinde ich bis heute Fahrzeit als meine ganz persönliche Freizeit, als Qualitätszeit, die ich auch tatsächlich für mich alleine brauche.

Interessanterweise stört mich dabei nicht, dass viele Menschen um mich herum sind – solange es fremde Menschen sind. Ich weiß, dass geht anderen anders, die öffentliche Verkehrsmittel nicht mögen genau deswegen. Aber ich kann mich sowohl sehr gut konzentrieren als auch sehr gut abschalten, wenn um nicht herum Menschen und Geräusche sind, die mich nicht betreffen.

Ich lese, höre Hörbücher, sehe Serien. Oder ich arbeite, schreibe Mails. Je nachdem. Beides etwas, das ich faktisch zu Hause weder mache noch machen will, denn da ist die Liebste, sind die Kinder, sind die Tiere und der Hof. Das ist andere Zeit. Als eher introvertierter Mensch brauche ich aber Zeit für mich – und die bekomme ich beim Pendeln.

Was schwierig ist

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass alles supidupieasy wäre. Tatsächlich ist ein Thema, das immer wieder als Problem des Extrempendelns beschrieben wird, eines, bei dem ich auch aufpassen muss: das Essen, vor allem das Blödsinnessen. Auch, wenn ich eher nie so auf mein Gewicht geachtet habe, das auch bekloppt finde, merke ich, dass ich ein bisschen achtgeben muss, nicht weiter zuzunehmen und bewusster zu essen und nicht auf der Fahrt Dinge in mich reinzustopfen.

Und dass fünf Minuten später vom Schreibtisch weg immer gleich mindestens 30 min später Eutin bedeuten, ist manchmal doof. Dass zur Organisation des Tages bei mir auch die Fahrten gehören, musste ich erst lernen und ist auch für das Team, für das ich verantwortlich bin, ein Lernprozess gewesen. Zumal die Strecke von Hamburg nach Lübeck eine ist, die aus vielen Funklöchern besteht (lustigerweise wird die Internet- und Telefonieabdeckung der Bahnstrecke besser, je weiter ich aus dem Großraum Hamburg weg bin, schräg irgendwie, die Strecke Lübeck-Eutin ist zu einem großen Teil selbst mit Vodafone 4G), was doof ist.

Fazit

Eine ganze Menge Leute, die ich kenne, die lange Strecken pendeln und es nicht als störend empfinden, sehen das ähnlich. Eine Freundin, die jeden Tag mit dem Auto von Hamburg nach Kiel und zurück fährt, dabei im Stau steht, und es dennoch als für sich selbst wichtig Zeit empfindet. Ein Nachbar, der morgens um halb fünf mit dem Zug nach Hamburg reinpendelt und Nachmittags für die Kinder da ist.

Wenn ich abends in Eutin aus dem Zug steige und die letzten vier Kilometer zum Hof mit dem Rad oder dem Roller mache, bin ich immer noch jedes Mal glücklich über die Landschaft, die Gerüche, die Ruhe. Und wenn ich am letzten Nachbarhof vorbei bin und über den letzten Hügel komme und unser Hof mit den neuen Dach hinter der nächsten Senke liegen sehe, hüpft mein Herz. 

14.6.17

Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen

Vorweg

Im Grunde bin ich Arte und dem WDR ja dankbar. Denn sie hätten die unliebige Dokumentation über den alltäglichen Judenhass und Antisemitismus in Europa auch irgendwann um 1.30 Uhr senden können. Aber da sie den Streisand-Effekt offenbar nicht kannten, haben nun viele diesen Film gesehen, der immer wieder auf YouTube auftaucht und den einige, ich auch, auf ihrer Festplatte haben. Und das ist gut so, weil so die Chance besteht, den Stand der Antisemitismus-Diskussion mehr Menschen zugänglich zu machen. Vor allem solchen, die weit von sich weisen, Antisemiten zu sein, obwohl sie es sind.

Es gibt eine Form des Antisemitismus, die ich gut kenne – weil ich in ihr aufgewachsen bin und sie in meinem Umfeld auch heute noch weit verbreitet ist. Darum schreibe ich hier über diese Form.

[Was nicht heißt, dass der klassische rechte oder islamische Antisemitismus weniger schlimm wäre. Ich kenne ihn nur nicht so gut aus eigenem Erleben, denn ich kenne nur wenige Nazis und ebenfalls nur wenige gläubige Moslems.]

Und zusätzlich verweise ich mit großer Zustimmung auf eine Rezension und kurze erste Einschätzung der Doku und ihrer Stärken und Schwächen bei meinem Lieblingskonservativen Philipp Kurowski, Pfarrer an der Küste (wir haben gleichzeitig Theologie studiert, kommen aus diametral entgegengesetzten Ecken der evangelischen Kirche und oft zu theologisch und politisch sehr gegenteiligen Schlüssen, beschäftigen uns aber seit vielen Jahren mit den gleichen Themen und für mich ist Philipp eine sehr wichtige und mehr als nur geschätzte Stimme).

Das ist doch nicht antisemitisch

Es ist beim linken, linksliberalen und evangelischen Antisemitismus total faszinierend, dass er so auffallend blind ist dafür, dass er eben dieses ist: Antisemitismus. Während es im emanzipatorischen Diskurs normalerweise als selbstverständlich gilt, dass Rassismus oder Sexismus auch da existieren, wo sich Menschen dessen nicht bewusst sind, soll das ausgerechnet beim Antisemitismus anders sein? Oder wie soll ich die wütende Empörung interpretieren, wenn ich ihre Vertreterinnen darauf hinweise, dass sie antisemitisch reden (oder handeln)?

Bei allen Schwächen der Dokumentation (vor allem, darauf weist ja Philipp auch richtig hin, die Skandalisieren und Pauschalisierung, ohne die, denen Vorwürfe gemacht werden, zu Wort kommen zu lassen) ist eine ihrer größten Stärken aus meiner Sicht, dass sie solide durchargumentiert, wieso obsessive Israelkritik sich komplett in antisemitischen Mustern und Denkformen bewegt.

Der Schlüssel ist dabei hier das Adjektiv: obsessiv. Denn anders kann nicht beschrieben werden, mit welcher Vehemenz und in welcher Menge Israel für seine Kritikerinnen Thema ist. Objektiv betrachtet ist das Palästina-Problem etwa mit dem Kosovo-Problem vergleichbar. Die Aufmerksamkeit aber für Palästina und Israel ist so übersteigert, dass sie einer Sucht gleicht. Diese Obsession ist meines Erachtens die moderne Spielart des "ewigen Juden" und der ewigen Schuldfrage. Sobald die Judenfrage gelöst ist, ist der Terror, der Kapitalismus, der Nahostkonflikt, *setze ein beliebiges Problem ein* gelöst.

Die Projektion

Der linke, linksliberale und evangelische Antisemitismus kommt aus einer Haltung der Solidarität mit den Unterdrückten. Und äußert sich in dem Entsetzen, dass doch "gerade die Juden", an denen ja der Holocaust verübt wurde, es besser wissen müssten. Auch hier haben wir es wieder mit einer Obsession zu tun – mit der absurden Vorstellung, dass das Feuer des Holocaust aus seinen Opfern bessere und beste Menschen gemacht haben muss. Im Kern geht es dann eben doch um das bittere, zynische Wort, dass die Linke den Juden den Holocaust einfach nicht verzeihen kann (so eben zynisch und falsch dieser Satz ist).

Am Ende ist es eine obsessive Projektion und eine Opfer-Täter-Umkehr, aus dem unendlichen Leid, das dem jüdischen Volk zugefügt wurde, zu schließen, dass der Zufluchtsstaat eben dieses Volkes eine besondere moralische Verantwortung habe und unter besondere Beobachtung gestellt gehöre, ob er dieser besonderen Verantwortung auch gerecht werde. Und aus dieser obsessiven Projektion heraus wird einem einzigen Staat auf der Welt das verweigert, was für alle anderen Staaten als selbstverständlich gilt: dass er sich verteidigen darf, wenn er angegriffen wird. Wo dieses aus radikalen pazifistischen Gründen so ist, ist die Situation etwas anders – denn eine Pazifistin kann und wird auch den Krieg der Nachbarn und die militärische Instrumentalisierung der Palästinenserinnen genau so heftig kritisieren. Oh, das passiert nicht? Also doch Antisemitismus?

Seht welch ein Mensch

Die Wurzel des linken, linksliberalen und evangelischen Antisemitismus, die ich biografisch am besten kenne, kommt aus der Anti-Apartheitsbewegung. Schon zur Hochphase der Solidarität mit dem ANC und mit Mandela in Deutschland, beispielsweise beim Kirchentag 1987 in Frankfurt, war Israel für die Gruppen, in denen ich als Kind und Jugendlicher sozialisiert wurde, und war Israel sehr explizit für meine Eltern immer auf der gleichen Stufe wie Südafrika. Der Südafrika-Boykott wurde schon damals von weiten Teilen der kirchlichen Dritte-Welt-Arbeit (so hieß das damals noch) mit einem Israel-Boykott verbunden. 
Darum bin ich auch ein bisschen skeptisch ob der oben verlinkten Stellungnahme von "Brot für die Welt" zur Dokumentation – mein Erleben spricht nicht dafür, dass evangelische Eine-Welt-Arbeit und die aktuelle Antisemitismus-Diskussion sich auf der gleichen Wellenlänge befinden.

In diesem als Israelkritik getarnten Antisemitismus evangelischer Prägung lebt der alte Urmythos des christlichen Antisemitismus weiter, dass "die Juden" unseren Christus umgebracht haben. Was im Mittelalter zu den regelmäßigen Karfreitagspogromen führte, angestiftet von den liturgischen Improperien, die in meiner Heimatgemeinde mit all ihrem Judenhass weiterhin jeden Karfreitag gesungen werden (und wo der ehemalige Pfarrer, der heute persönlicher Referent des Landesbischofs ist, auch nachdem ich mit ihm drüber sprach, jeden Antisemitismus in diesen Texten zurückwies. Kann ja nicht sein. Er ist schließlich selbst Minderheit und mit Opfern solidarisch. QED).

Spätestens seit dieser Zeit, der Südafrika-Aktivisten-Zeit, sind im links-evangelischen Spektrum erstaunlich viele mehr oder weniger engagierte Leute wie beispielsweise mein Vater offene Antisemiten – und würden es doch weit von sich weisen. Gefestigt durch solidarische Reisen in palästinensische Partnergemeinden. Und selbst nicht-interpretationsfähige Sätze sah mein Vater nie als antisemitisch (beispielsweise als er mich raunend warnte, damals, als ich 2006 bei Edelman anheuerte, dass ja die Unternehmenskultur "bei den New Yorker Juden" ein bisschen besonders sei).

Diese Muster finden sich rauf und runter in den Szenen, in denen ich mich mein Leben lang bewegt habe - bei Sozialdemokratinnen, Grünen, Linken, links-evangelischen Christinnen. Nicht bei allen, wahrscheinlich nicht mal bei der Mehrheit. Aber doch bis in viele Gremien und Medien hinein stilbildend. Gemeinsam haben sie, dass sie Antisemitismus schrecklich finden und verdammenswert. Und dass sie nicht sehen, dass ihre Solidaritäts- und Boykottmuster eben dieses sind: Antisemitismus.

Die Dokumentation

Das macht für mich auch verständlich, warum die Judenhass-Dokumentation so irritiert und nicht gesendet wird: weil sie die eigenen Gewissheiten einer sich auf der richtigen Seite (der guten, der Seite der Unterdrückten) wähnenden Haltung in Frage stellt. Weil es in den letzten Jahren nicht gelungen ist, die Ergebnisse der Antisemitismus-Forschung und -Diskussion bis zu ihnen zu tragen.

Bei allen berechtigten Kritikpunkten an der Dokumentation ist das aber eine Leistung, die sie erbringt: den Stand der Forschung und Diskussion zusammenzufassen und solide durchzuargumentieren. Sagte ich ja oben bereits beim Thema Obsession. Gilt aber auch für andere Bereiche.

Mich hinterlässt das, obwohl für mich persönlich nur wenig inhaltlich Neues dabei war (außer die Musikdinge und einiges zu Frankreich), traurig und auch ein bisschen verstört. Was für eine Doku ja nicht das Schlechteste ist.

12.6.17

Betrügt die Deutsche Telekom die Landbevölkerung?

Ja, dass Deutschland Internet-Entwicklungsland ist, wussten wir, als wir aufs Land gezogen sind. Aber einerseits hatten wir in der Villenneubausiedlung am Hamburger Stadtrand auch nur 3MBit. Oder, wenn es sehr gut lief, auch mal 6MBit. Und andererseits sind wir ja nicht auf den Kopf gefallen - und haben, als es nicht möglich war, das Hybrid-Internet der Telekom zu bekommen, deren sauteuren 200 EUR-Vertrag abgeschlossen, der ungedrosseltes LTE anbietet, also keine Volumenbegrenzung hat.
(Denn vorher haben wir, auch mit Vodafone, mit "normalen" LTE-Verträgen experimentiert, aber die 30GB waren bei einer ganz normalen Familie mit ganz normalem Medienkonsum nach 2-3 Tagen aufgebraucht.)

Das ging einige Zeit sehr gut - wir hatten akzeptable Downloadraten und gute Uploadraten. Hybrid geht bei uns nicht, weil sich die Telekom weigert, unsere analoge Leitung auf IP-Technologie umzustellen (was übrigens dazu führen wird, dass sie uns sehr absehbar komplett abklemmen werden, geht langsam los damit auf dem Land, höre ich).

Symbolbild: moderne Internettechnologie aus der Sicht der Telekom. Oder so.

Mal abgesehen vom Preis ist das so lange eine ganz gute Lösung, wie die Infrastruktur ausreicht und nicht zu viele Nachbarinnen LTE nutzen. Und hier liegt das Problem. Ein Problem, das die technische Planung und der Support der Telekom kennen, uns mehrfach bestätigt haben, das aber der Vertrieb der Telekom offenbar ignoriert. Und das durch die Vertriebsstrategie der Deutschen Telekom zumindest in unserem Landkreis in den letzten vier Monaten massiv verstärkt wurde. Die ersten meiner Nachbarinnen nennen das bereits Betrug.

Denn etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem die Breitbandinitiative unseres Landkreises erste sichtbare Ergebnisse zeigte (Ausschreibung fertig, die Anbieter werden ausgesucht), berichten die Nachbarinnen in unseren Dörfern, dass sie von der Telekom aktiv auf ihr Hybrid-Internet hingewiesen werden und es ihnen aktiv verkauft wird. Die Hoffnung vor allem der älteren Nachbarinnen: dass dieser Tarif ihnen reicht und sie auf das Glasfaser nicht angewiesen sind.
(Was übrigens neben allem anderen etwas ist, das ich der Telekom wirklich übel nehme, wenn sie tatsächlich ihre Vertriebsaktivitäten bei uns auf diese Zielgruppe ausgeweitet hat - dass sie damit nicht nur die Internetverbindung des gesamten Dorfes faktisch zerstört sondern auch noch aktiv den Ausbau der Infrastruktur verhindern würde.)

Der Mast, der für unser Dorf zuständig ist, steht in Eutin-Neudorf und ist mit 50MBit Leistung ohnehin nur zweite Wahl. Seit vier Monaten nun nimmt zu den Zeiten, zu denen Freizeit-Onlinerinnen online sind, die individuelle Leistung für alle Kundinnen zuerst kontinuierlich, dann rapide ab. Zurzeit haben wir nachmittags und abends (bis ca. 22 Uhr) keinen Tag, an dem wir auch nur an die 1MBit Download rankommen. Da wäre ja mein analoges DSL schneller.

Die erste erstaunte Frage, ob eine Störung am Mast vorliege, wurde vom Service der Telekom noch bearbeitet - und festgestellt, dass inzwischen doppelt so viele Nutzerinnen auf dem Mast hängen wie noch zum Jahreswechsel. Und die technische Planung der Telekom hat festgelegt, dass der Mast nicht ausgebaut wird, obwohl ja heute ein 100MBit-Mast eigentlich normal wäre.

Nach meinen Recherchen ist dieses passiert: die meisten Haushalte in unserem Dorf kommen gerade so auf die DSL-Leistung, bei der die Telekom den Hybrid-Tarif zulässt (uns haben sie den nicht verkauft). Ohne Rücksicht auf die örtliche LTE-Kapazität werden diese Hybrid-Tarife nun verkauft. Da die Bedingungen der Verträge so windelweich sind, liegt formal auch kein Betrug vor, meint die Telekom – denn sie garantieren ja keinerlei Bandbreite. Und die Regelungen, nach denen ein dauerhaftes Unterschreiten der beworbenen Bandbreite mit Sanktionen belegt werden könnte, werden ja nicht umgesetzt. Sollte es aber stimmen – und die Berichte meiner Nachbarinnen deuten zumindest darauf hin –, dass die Telekom aktiv Verträge verkauft, von denen andere Abteilungen im Unternehmen wissen (und uns gesagt haben), dass sie faktisch nutzlos sind (weil der "Hybrid-Turbo" effektiv keine wahrnehmbare Verbesserung gegenüber einer reinen Kupferleitung bringt), fände ich es durchaus angemessen, dieses Betrug zu nennen, oder?

Am Ende jedenfalls kann ich wahrscheinlich nur froh sein, dass die Telekom wenigstens keine Kupferertüchtigung bei uns vorbereitet, weil in dem Dorf in unserer Gemeinde, das dieses Pseudointernet hat, das die Telekom schnell nennt, kein Glasfaserausbau stattfinden darf, um die Telekom nicht wirtschaftlich zu schädigen. So dass die Nachbarinnen in Hutzfeld zwar jetzt gerade weniger Ärger mit ihren Kindern haben (meine Kinder können beispielsweise nicht mehr mit ihren Freundinnen und Freunden spielen oder Serien gucken) –  aber Ende 2019 eben auch kein ausreichendes Internet mehr, wenn ich spätestens Glasfaser habe soll (falls die Vertriebsaktivitäten der Telekom nicht dazu führen, dass wir die 60%-Quote Vorverträge nicht erreichen, siehe oben).

Bis dahin gilt aber: Einige meiner Nachbarinnen fühlen sich von der Telekom betrogen. Und die Kombination aus Infrastruktur- und Vertriebspolitik der Deutschen Telekom kommt mir mehr und mehr wie die wichtigste Bremse in der Zukunftsentwicklung des ländlichen Raumes vor. Mal abgesehen davon, dass ich 200 EUR im Monat für einen für mich faktisch sinnfreien Internet-Vertrag bezahle, aber das ist noch mal eine andere Geschichte.

15.5.17

Mit vollem Anlauf auf die Zwölf

Symbolbild rot-grüner Wahlergebnisse
1. Nun wissen wir also das. Der Nullpunkt für Grün ist 6%. Das sind die, die grün wählen, egal wen Die Grünen aufstellen, wie sie Wahlkampf machen, wie sie ankommen. Nicht viel, aber auch nicht überraschend. Ich denke, das sind in etwa die, die die Mitglieder kennen und im Straßenwahlkampf und in ihrem Milieu sehen, wenn sie von "unsere Wählerinnen wollen nicht, dass..." sagen. So wie es etliche Mitglieder gerade in Schleswig-Holstein tun, die seit dem Wahlabend der Fantasie Ampel hinterherlaufen und gegen Jamaika als Verrat agitieren.

2. Wieder einmal, wie schon in Hamburg und Bremen, wurde die radikale Realpolitik einer Generation abgestraft, die sich im Klein-Klein des Regierens erging und das Politische aus den Augen verlor. In einem absurden Gleichgewicht aus Grünlinks und Superrealos sind die Freude und das Menschliche an der Politik verloren gegangen. Die Neugier, das Zugehen auf Menschen – und an ihre Stelle traten Verbiesterung, Besserwissen und Hektik. So wie es beispielsweise auch in Hamburg gerade ist und im Bund (nur da sogar ohne Sinn weil in der Opposition).

3. In dem Zusammenhang: Schulpolitik ist für eine kleinere Regierungspartei ein totales Loser-Thema. War es in Hamburg, war es jetzt wieder in NRW. Das ist blöd, denn Die Grünen sind im Prinzip die richtigen, um das zu machen. Aber die größere Partnerin kann das besser wegdrücken. Britta Ernst war kaum (persönlich) in der Kritik in Schleswig-Holstein, obwohl es ein Desaster war und die CDU auch mit dem Thema Schule die Wahl gewann. Es kommt mir sinnvoller vor, dies auch mal so anzuerkennen und lieber die Politik in einer Koalition mitzugestalten als die Fackel voranzutragen. Finanzen, Innen, Justiz – das wäre sinnvoll.

4. Der Unterschied zwischen 6% (oder 10% in der Metropole) und 10-15% (20%) scheinen mir Menschen zu sein, die bei und auch und gerade wegen allem Ungefähren (das ist ja, was beide Altfraktionen bei den Grünen Habeck und Kretschmann vorwerfen) in der Lage sind, über das Kernmilieu der 6% hinaus zu wirken. Als Person. Durch ihre Neugier. Durch ihre Lebensfreude. Ich hatte eine Zeit lang gehofft, Göring-Eckardt könne das auch, aber mir scheint inzwischen, dass der strenge Linksprotestantismus, den sie über das Kernmilieu hinaus erreicht, vielleicht doch schon in den 6% enthalten sein könnte. Öko und evangelisch ist ja auch beides out gerade.

5. Die SPD ist einfach echt am Ende. Das schmerzt mich, weil ich an ihr hänge. Aber dieses Jahr zeigt es sehr deutlich. Sie schafft es noch, sich an einem blassen alten Mann zu berauschen und ein peinliches 100% Ergebnis für ihn intern zu feiern. Aber darüber hinaus ist dort nur noch Verwirrung und Desaster. Mit Anlauf. Und mit einem Selbstvertrauen, das wenig mit der Realität zu tun hat und fast ein wenig an den späten Voscherau erinnert. Wer sich wie Die Linke oder immer wieder und überflüssigerweise auch Die Grünen an sie kettet, wird auf absehbare Zeit keine Chance auf Gestaltung haben.

6. Ein Laschet ist von einem Scholz oder Albig inhaltlich nicht unterscheidbar. Ja, SPD und CDU stehen in der Breite habituell für verschiedene Konzepte. Aber im Kern sind beides konservativ-sozialdemokratische Parteien. Und an der Basis sind SPD-Mitglieder oft mindestens so rechts und schräg wie die der CDU. Glaubt mir, ich war da lange Mitglied. Wie soll aber dann bei Grünen und FDP auf Dauer die Ausschließeritis begründet werden? In NRW hat es sich für die FDP noch mal ausgezahlt, aber das war verdammt hoch gepokert. Und ja, ich bin auch gegen eine Regierung mit Albig in Schleswig-Holstein, aber nicht gegen eine mit der SPD. Allerdings auch nicht besonders für so eine Regierung.

7. Die Grünen waren immer eine Partei, die nicht nur ein Programm vertrat sondern noch viel mehr eine Haltung zum Leben und einen Lebensstil. Der ist in die Jahre gekommen und wirkt auf viele so attraktiv wie die Veganerin, die jederzeit und ungefragt ihre Überzeugung in die Welt bläst ("Die Fahrkarten bitte" — "Ich bin vegan"). Wir Grünen hatten immer auch die fröhlichen, das Leben feiernden Menschen unter uns. Claudia Roth beispielsweise in der letzten Generation. Robert Habeck in meiner. Anjes Tjarks und Ska Keller in der nächsten. Nur mal als Beispiele. Die werden wir nach vorne stellen müssen, wenn wir aus der Gefangenschaft unseres 6%-Milieus rauswollen.

8. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich über die 75 Stimmen ärgere, die fehlten, um einen spannenden Bundestagsspitzenkandidaten zu haben.



(disclosure: Ich bin Mitglied bei den Grünen, war bis Sommer 2016 mehr oder weniger passiv in Hamburg und seit dem Herbst passiv in Schleswig-Holstein, Kreisverband Ostholstein. In der parteiinternen Arithmetik gelte ich wahrscheinlich als eher links, vielleicht aber auch nicht.)

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