4.8.17

Pendlerleben


Seit wir vor einem Jahr aufs Land gezogen sind, bin ich Pendler. Ich versuche, einmal in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten, um dann am Stück mehr zu schreiben und Präsentationen zu bauen (Dinge, zu denen ich im Büro ohnehin nicht so gut komme), aber sowohl zu den Reisen als auch zu den anderen Tagen mit dem Team und im Büro pendele ich rein nach Hamburg. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, ist das (außer zum Flughafen, weil ich da mit dem Auto die B432 reinfahre) ein Weg von etwa zwei Stunden je Richtung. So von Tür zu Tür.

In diesen Tagen muss die jährliche Pendelstatistik veröffentlich worden sein, denn meine Regionalzeitung und viele Onlinemedien sind voll mit Pendelgeschichten. Vor allem voll von Horrorgeschichten über Menschen, die krank werden, die Schlafstörungen haben, deren Beziehungen in die Brüche gehen, die leiden. Und auch bevor es bei mir mit dem Extrempendeln losging, haben mir viele Leute das Schlimmste profezeit. Nach einem Jahr frage ich mich, wieso es mir anders geht damit. Und wieso ich inzwischen bei uns auf dem Land einige Leute kenne, denen es anders geht.

Mein Eindruck aus der Erfahrung von – ja nur, aber eben auch ja, immerhin – einem Jahr reinpendeln nach Hamburg ist, dass es vor allem an zwei Dingen liegt: Zum einen daran, dass es in Schleswig-Holstein verhältnismäßig komfortabel ist, mit der Bahn zu pendeln. Und zum anderen daran, dass ich die Zeit im Zug nicht als verlorene Zeit empfinde. Was weniger mit Autosuggestion zu tun hat als mit meiner Haltung dazu.

Pendelland

Vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass Schleswig-Holstein ein Pendelland ist. Jedenfalls hat der Regionalverkehr der Bahnen schon vor langer Zeit den integrierten Taktverkehr eingeführt, was bedeutet, dass es quasi keine Zeiten gibt, zu denen ich lange auf Bahnhöfen rumlungern muss. Ist mein Zug aus Eutin pünktlich, steht der Hamburg-Zug in Lübeck schon da. Und hat der Zug aus Eutin bis zu 10 min Verspätung (was durch einspurige Streckenabschnitte vorkommen kann), dann bekomme ich den trotzdem noch bequem. Tatsächlich ist der erste nervige Punkt des Arbeitsweges die Ankunft in Hamburg – wenn tausende Pendlerinnen sich die verstopften Treppen hoch- und runterquälen. 

Der faszinierendste Effekt des Aufs-Land-Ziehens war vor einem Jahr, dass ich nach wenigen Wochen von der Hektik der großen Stadt genervt war. Und das, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, ein Vorstadtkind war, das sich sicher im Dschungel der ÖPNV bewegen kann.

Dass die Züge aufeinander abgestimmt sind und Strecken fahren, die berechenbar sind (Punkt zu Punkt) und dadurch relativ pünktlich und halbstündlich, hat einen Riesenanteil am Pendelkomfort. Außerdem spielt die Kommunikationskultur von uns Norddeutschen eine wichtige Rolle für die Entspannung beim Pendeln, glaube ich. Ja, mit denen, mit denen ich in Eutin oder in Lübeck den Zug betrete, nicke ich mir zu. Aber niemand versucht hier in Schleswig-Holstein, einen zwanghaft in Gespräche zu verwickeln. Wir sind ganz zufrieden, wenn alle da sind. Und das war es dann.

Lebenszeit

Ich habe die Fahrzeit zur Arbeit mein ganzes Leben lang als gute Zeit und Zeit für mich empfunden. Damals, als ich erst eine halbe Stunde mit dem Rad an der Alster langfuhr, um dann in die S-Bahn zu steigen. Dann, als ich die gesamte Strecke mit dem Rad fuhr und dabei Hörbücher hörte. Und auch heute, wenn ich lange Bahn fahre. Als jemand mit einem Beruf, der mit ständigen Gesprächen ausgefüllt ist, und mit einer großen Familie habe ich immer diese einzige Zeit, die ganz meine Zeit ist, genossen. Tatsächlich, auch wenn das für einige immer schwer nachzuvollziehen ist, empfinde ich bis heute Fahrzeit als meine ganz persönliche Freizeit, als Qualitätszeit, die ich auch tatsächlich für mich alleine brauche.

Interessanterweise stört mich dabei nicht, dass viele Menschen um mich herum sind – solange es fremde Menschen sind. Ich weiß, dass geht anderen anders, die öffentliche Verkehrsmittel nicht mögen genau deswegen. Aber ich kann mich sowohl sehr gut konzentrieren als auch sehr gut abschalten, wenn um nicht herum Menschen und Geräusche sind, die mich nicht betreffen.

Ich lese, höre Hörbücher, sehe Serien. Oder ich arbeite, schreibe Mails. Je nachdem. Beides etwas, das ich faktisch zu Hause weder mache noch machen will, denn da ist die Liebste, sind die Kinder, sind die Tiere und der Hof. Das ist andere Zeit. Als eher introvertierter Mensch brauche ich aber Zeit für mich – und die bekomme ich beim Pendeln.

Was schwierig ist

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass alles supidupieasy wäre. Tatsächlich ist ein Thema, das immer wieder als Problem des Extrempendelns beschrieben wird, eines, bei dem ich auch aufpassen muss: das Essen, vor allem das Blödsinnessen. Auch, wenn ich eher nie so auf mein Gewicht geachtet habe, das auch bekloppt finde, merke ich, dass ich ein bisschen achtgeben muss, nicht weiter zuzunehmen und bewusster zu essen und nicht auf der Fahrt Dinge in mich reinzustopfen.

Und dass fünf Minuten später vom Schreibtisch weg immer gleich mindestens 30 min später Eutin bedeuten, ist manchmal doof. Dass zur Organisation des Tages bei mir auch die Fahrten gehören, musste ich erst lernen und ist auch für das Team, für das ich verantwortlich bin, ein Lernprozess gewesen. Zumal die Strecke von Hamburg nach Lübeck eine ist, die aus vielen Funklöchern besteht (lustigerweise wird die Internet- und Telefonieabdeckung der Bahnstrecke besser, je weiter ich aus dem Großraum Hamburg weg bin, schräg irgendwie, die Strecke Lübeck-Eutin ist zu einem großen Teil selbst mit Vodafone 4G), was doof ist.

Fazit

Eine ganze Menge Leute, die ich kenne, die lange Strecken pendeln und es nicht als störend empfinden, sehen das ähnlich. Eine Freundin, die jeden Tag mit dem Auto von Hamburg nach Kiel und zurück fährt, dabei im Stau steht, und es dennoch als für sich selbst wichtig Zeit empfindet. Ein Nachbar, der morgens um halb fünf mit dem Zug nach Hamburg reinpendelt und Nachmittags für die Kinder da ist.

Wenn ich abends in Eutin aus dem Zug steige und die letzten vier Kilometer zum Hof mit dem Rad oder dem Roller mache, bin ich immer noch jedes Mal glücklich über die Landschaft, die Gerüche, die Ruhe. Und wenn ich am letzten Nachbarhof vorbei bin und über den letzten Hügel komme und unser Hof mit den neuen Dach hinter der nächsten Senke liegen sehe, hüpft mein Herz. 

14.6.17

Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen

Vorweg

Im Grunde bin ich Arte und dem WDR ja dankbar. Denn sie hätten die unliebige Dokumentation über den alltäglichen Judenhass und Antisemitismus in Europa auch irgendwann um 1.30 Uhr senden können. Aber da sie den Streisand-Effekt offenbar nicht kannten, haben nun viele diesen Film gesehen, der immer wieder auf YouTube auftaucht und den einige, ich auch, auf ihrer Festplatte haben. Und das ist gut so, weil so die Chance besteht, den Stand der Antisemitismus-Diskussion mehr Menschen zugänglich zu machen. Vor allem solchen, die weit von sich weisen, Antisemiten zu sein, obwohl sie es sind.

Es gibt eine Form des Antisemitismus, die ich gut kenne – weil ich in ihr aufgewachsen bin und sie in meinem Umfeld auch heute noch weit verbreitet ist. Darum schreibe ich hier über diese Form.

[Was nicht heißt, dass der klassische rechte oder islamische Antisemitismus weniger schlimm wäre. Ich kenne ihn nur nicht so gut aus eigenem Erleben, denn ich kenne nur wenige Nazis und ebenfalls nur wenige gläubige Moslems.]

Und zusätzlich verweise ich mit großer Zustimmung auf eine Rezension und kurze erste Einschätzung der Doku und ihrer Stärken und Schwächen bei meinem Lieblingskonservativen Philipp Kurowski, Pfarrer an der Küste (wir haben gleichzeitig Theologie studiert, kommen aus diametral entgegengesetzten Ecken der evangelischen Kirche und oft zu theologisch und politisch sehr gegenteiligen Schlüssen, beschäftigen uns aber seit vielen Jahren mit den gleichen Themen und für mich ist Philipp eine sehr wichtige und mehr als nur geschätzte Stimme).

Das ist doch nicht antisemitisch

Es ist beim linken, linksliberalen und evangelischen Antisemitismus total faszinierend, dass er so auffallend blind ist dafür, dass er eben dieses ist: Antisemitismus. Während es im emanzipatorischen Diskurs normalerweise als selbstverständlich gilt, dass Rassismus oder Sexismus auch da existieren, wo sich Menschen dessen nicht bewusst sind, soll das ausgerechnet beim Antisemitismus anders sein? Oder wie soll ich die wütende Empörung interpretieren, wenn ich ihre Vertreterinnen darauf hinweise, dass sie antisemitisch reden (oder handeln)?

Bei allen Schwächen der Dokumentation (vor allem, darauf weist ja Philipp auch richtig hin, die Skandalisieren und Pauschalisierung, ohne die, denen Vorwürfe gemacht werden, zu Wort kommen zu lassen) ist eine ihrer größten Stärken aus meiner Sicht, dass sie solide durchargumentiert, wieso obsessive Israelkritik sich komplett in antisemitischen Mustern und Denkformen bewegt.

Der Schlüssel ist dabei hier das Adjektiv: obsessiv. Denn anders kann nicht beschrieben werden, mit welcher Vehemenz und in welcher Menge Israel für seine Kritikerinnen Thema ist. Objektiv betrachtet ist das Palästina-Problem etwa mit dem Kosovo-Problem vergleichbar. Die Aufmerksamkeit aber für Palästina und Israel ist so übersteigert, dass sie einer Sucht gleicht. Diese Obsession ist meines Erachtens die moderne Spielart des "ewigen Juden" und der ewigen Schuldfrage. Sobald die Judenfrage gelöst ist, ist der Terror, der Kapitalismus, der Nahostkonflikt, *setze ein beliebiges Problem ein* gelöst.

Die Projektion

Der linke, linksliberale und evangelische Antisemitismus kommt aus einer Haltung der Solidarität mit den Unterdrückten. Und äußert sich in dem Entsetzen, dass doch "gerade die Juden", an denen ja der Holocaust verübt wurde, es besser wissen müssten. Auch hier haben wir es wieder mit einer Obsession zu tun – mit der absurden Vorstellung, dass das Feuer des Holocaust aus seinen Opfern bessere und beste Menschen gemacht haben muss. Im Kern geht es dann eben doch um das bittere, zynische Wort, dass die Linke den Juden den Holocaust einfach nicht verzeihen kann (so eben zynisch und falsch dieser Satz ist).

Am Ende ist es eine obsessive Projektion und eine Opfer-Täter-Umkehr, aus dem unendlichen Leid, das dem jüdischen Volk zugefügt wurde, zu schließen, dass der Zufluchtsstaat eben dieses Volkes eine besondere moralische Verantwortung habe und unter besondere Beobachtung gestellt gehöre, ob er dieser besonderen Verantwortung auch gerecht werde. Und aus dieser obsessiven Projektion heraus wird einem einzigen Staat auf der Welt das verweigert, was für alle anderen Staaten als selbstverständlich gilt: dass er sich verteidigen darf, wenn er angegriffen wird. Wo dieses aus radikalen pazifistischen Gründen so ist, ist die Situation etwas anders – denn eine Pazifistin kann und wird auch den Krieg der Nachbarn und die militärische Instrumentalisierung der Palästinenserinnen genau so heftig kritisieren. Oh, das passiert nicht? Also doch Antisemitismus?

Seht welch ein Mensch

Die Wurzel des linken, linksliberalen und evangelischen Antisemitismus, die ich biografisch am besten kenne, kommt aus der Anti-Apartheitsbewegung. Schon zur Hochphase der Solidarität mit dem ANC und mit Mandela in Deutschland, beispielsweise beim Kirchentag 1987 in Frankfurt, war Israel für die Gruppen, in denen ich als Kind und Jugendlicher sozialisiert wurde, und war Israel sehr explizit für meine Eltern immer auf der gleichen Stufe wie Südafrika. Der Südafrika-Boykott wurde schon damals von weiten Teilen der kirchlichen Dritte-Welt-Arbeit (so hieß das damals noch) mit einem Israel-Boykott verbunden. 
Darum bin ich auch ein bisschen skeptisch ob der oben verlinkten Stellungnahme von "Brot für die Welt" zur Dokumentation – mein Erleben spricht nicht dafür, dass evangelische Eine-Welt-Arbeit und die aktuelle Antisemitismus-Diskussion sich auf der gleichen Wellenlänge befinden.

In diesem als Israelkritik getarnten Antisemitismus evangelischer Prägung lebt der alte Urmythos des christlichen Antisemitismus weiter, dass "die Juden" unseren Christus umgebracht haben. Was im Mittelalter zu den regelmäßigen Karfreitagspogromen führte, angestiftet von den liturgischen Improperien, die in meiner Heimatgemeinde mit all ihrem Judenhass weiterhin jeden Karfreitag gesungen werden (und wo der ehemalige Pfarrer, der heute persönlicher Referent des Landesbischofs ist, auch nachdem ich mit ihm drüber sprach, jeden Antisemitismus in diesen Texten zurückwies. Kann ja nicht sein. Er ist schließlich selbst Minderheit und mit Opfern solidarisch. QED).

Spätestens seit dieser Zeit, der Südafrika-Aktivisten-Zeit, sind im links-evangelischen Spektrum erstaunlich viele mehr oder weniger engagierte Leute wie beispielsweise mein Vater offene Antisemiten – und würden es doch weit von sich weisen. Gefestigt durch solidarische Reisen in palästinensische Partnergemeinden. Und selbst nicht-interpretationsfähige Sätze sah mein Vater nie als antisemitisch (beispielsweise als er mich raunend warnte, damals, als ich 2006 bei Edelman anheuerte, dass ja die Unternehmenskultur "bei den New Yorker Juden" ein bisschen besonders sei).

Diese Muster finden sich rauf und runter in den Szenen, in denen ich mich mein Leben lang bewegt habe - bei Sozialdemokratinnen, Grünen, Linken, links-evangelischen Christinnen. Nicht bei allen, wahrscheinlich nicht mal bei der Mehrheit. Aber doch bis in viele Gremien und Medien hinein stilbildend. Gemeinsam haben sie, dass sie Antisemitismus schrecklich finden und verdammenswert. Und dass sie nicht sehen, dass ihre Solidaritäts- und Boykottmuster eben dieses sind: Antisemitismus.

Die Dokumentation

Das macht für mich auch verständlich, warum die Judenhass-Dokumentation so irritiert und nicht gesendet wird: weil sie die eigenen Gewissheiten einer sich auf der richtigen Seite (der guten, der Seite der Unterdrückten) wähnenden Haltung in Frage stellt. Weil es in den letzten Jahren nicht gelungen ist, die Ergebnisse der Antisemitismus-Forschung und -Diskussion bis zu ihnen zu tragen.

Bei allen berechtigten Kritikpunkten an der Dokumentation ist das aber eine Leistung, die sie erbringt: den Stand der Forschung und Diskussion zusammenzufassen und solide durchzuargumentieren. Sagte ich ja oben bereits beim Thema Obsession. Gilt aber auch für andere Bereiche.

Mich hinterlässt das, obwohl für mich persönlich nur wenig inhaltlich Neues dabei war (außer die Musikdinge und einiges zu Frankreich), traurig und auch ein bisschen verstört. Was für eine Doku ja nicht das Schlechteste ist.

12.6.17

Betrügt die Deutsche Telekom die Landbevölkerung?

Ja, dass Deutschland Internet-Entwicklungsland ist, wussten wir, als wir aufs Land gezogen sind. Aber einerseits hatten wir in der Villenneubausiedlung am Hamburger Stadtrand auch nur 3MBit. Oder, wenn es sehr gut lief, auch mal 6MBit. Und andererseits sind wir ja nicht auf den Kopf gefallen - und haben, als es nicht möglich war, das Hybrid-Internet der Telekom zu bekommen, deren sauteuren 200 EUR-Vertrag abgeschlossen, der ungedrosseltes LTE anbietet, also keine Volumenbegrenzung hat.
(Denn vorher haben wir, auch mit Vodafone, mit "normalen" LTE-Verträgen experimentiert, aber die 30GB waren bei einer ganz normalen Familie mit ganz normalem Medienkonsum nach 2-3 Tagen aufgebraucht.)

Das ging einige Zeit sehr gut - wir hatten akzeptable Downloadraten und gute Uploadraten. Hybrid geht bei uns nicht, weil sich die Telekom weigert, unsere analoge Leitung auf IP-Technologie umzustellen (was übrigens dazu führen wird, dass sie uns sehr absehbar komplett abklemmen werden, geht langsam los damit auf dem Land, höre ich).

Symbolbild: moderne Internettechnologie aus der Sicht der Telekom. Oder so.

Mal abgesehen vom Preis ist das so lange eine ganz gute Lösung, wie die Infrastruktur ausreicht und nicht zu viele Nachbarinnen LTE nutzen. Und hier liegt das Problem. Ein Problem, das die technische Planung und der Support der Telekom kennen, uns mehrfach bestätigt haben, das aber der Vertrieb der Telekom offenbar ignoriert. Und das durch die Vertriebsstrategie der Deutschen Telekom zumindest in unserem Landkreis in den letzten vier Monaten massiv verstärkt wurde. Die ersten meiner Nachbarinnen nennen das bereits Betrug.

Denn etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem die Breitbandinitiative unseres Landkreises erste sichtbare Ergebnisse zeigte (Ausschreibung fertig, die Anbieter werden ausgesucht), berichten die Nachbarinnen in unseren Dörfern, dass sie von der Telekom aktiv auf ihr Hybrid-Internet hingewiesen werden und es ihnen aktiv verkauft wird. Die Hoffnung vor allem der älteren Nachbarinnen: dass dieser Tarif ihnen reicht und sie auf das Glasfaser nicht angewiesen sind.
(Was übrigens neben allem anderen etwas ist, das ich der Telekom wirklich übel nehme, wenn sie tatsächlich ihre Vertriebsaktivitäten bei uns auf diese Zielgruppe ausgeweitet hat - dass sie damit nicht nur die Internetverbindung des gesamten Dorfes faktisch zerstört sondern auch noch aktiv den Ausbau der Infrastruktur verhindern würde.)

Der Mast, der für unser Dorf zuständig ist, steht in Eutin-Neudorf und ist mit 50MBit Leistung ohnehin nur zweite Wahl. Seit vier Monaten nun nimmt zu den Zeiten, zu denen Freizeit-Onlinerinnen online sind, die individuelle Leistung für alle Kundinnen zuerst kontinuierlich, dann rapide ab. Zurzeit haben wir nachmittags und abends (bis ca. 22 Uhr) keinen Tag, an dem wir auch nur an die 1MBit Download rankommen. Da wäre ja mein analoges DSL schneller.

Die erste erstaunte Frage, ob eine Störung am Mast vorliege, wurde vom Service der Telekom noch bearbeitet - und festgestellt, dass inzwischen doppelt so viele Nutzerinnen auf dem Mast hängen wie noch zum Jahreswechsel. Und die technische Planung der Telekom hat festgelegt, dass der Mast nicht ausgebaut wird, obwohl ja heute ein 100MBit-Mast eigentlich normal wäre.

Nach meinen Recherchen ist dieses passiert: die meisten Haushalte in unserem Dorf kommen gerade so auf die DSL-Leistung, bei der die Telekom den Hybrid-Tarif zulässt (uns haben sie den nicht verkauft). Ohne Rücksicht auf die örtliche LTE-Kapazität werden diese Hybrid-Tarife nun verkauft. Da die Bedingungen der Verträge so windelweich sind, liegt formal auch kein Betrug vor, meint die Telekom – denn sie garantieren ja keinerlei Bandbreite. Und die Regelungen, nach denen ein dauerhaftes Unterschreiten der beworbenen Bandbreite mit Sanktionen belegt werden könnte, werden ja nicht umgesetzt. Sollte es aber stimmen – und die Berichte meiner Nachbarinnen deuten zumindest darauf hin –, dass die Telekom aktiv Verträge verkauft, von denen andere Abteilungen im Unternehmen wissen (und uns gesagt haben), dass sie faktisch nutzlos sind (weil der "Hybrid-Turbo" effektiv keine wahrnehmbare Verbesserung gegenüber einer reinen Kupferleitung bringt), fände ich es durchaus angemessen, dieses Betrug zu nennen, oder?

Am Ende jedenfalls kann ich wahrscheinlich nur froh sein, dass die Telekom wenigstens keine Kupferertüchtigung bei uns vorbereitet, weil in dem Dorf in unserer Gemeinde, das dieses Pseudointernet hat, das die Telekom schnell nennt, kein Glasfaserausbau stattfinden darf, um die Telekom nicht wirtschaftlich zu schädigen. So dass die Nachbarinnen in Hutzfeld zwar jetzt gerade weniger Ärger mit ihren Kindern haben (meine Kinder können beispielsweise nicht mehr mit ihren Freundinnen und Freunden spielen oder Serien gucken) –  aber Ende 2019 eben auch kein ausreichendes Internet mehr, wenn ich spätestens Glasfaser habe soll (falls die Vertriebsaktivitäten der Telekom nicht dazu führen, dass wir die 60%-Quote Vorverträge nicht erreichen, siehe oben).

Bis dahin gilt aber: Einige meiner Nachbarinnen fühlen sich von der Telekom betrogen. Und die Kombination aus Infrastruktur- und Vertriebspolitik der Deutschen Telekom kommt mir mehr und mehr wie die wichtigste Bremse in der Zukunftsentwicklung des ländlichen Raumes vor. Mal abgesehen davon, dass ich 200 EUR im Monat für einen für mich faktisch sinnfreien Internet-Vertrag bezahle, aber das ist noch mal eine andere Geschichte.

15.5.17

Mit vollem Anlauf auf die Zwölf

Symbolbild rot-grüner Wahlergebnisse
1. Nun wissen wir also das. Der Nullpunkt für Grün ist 6%. Das sind die, die grün wählen, egal wen Die Grünen aufstellen, wie sie Wahlkampf machen, wie sie ankommen. Nicht viel, aber auch nicht überraschend. Ich denke, das sind in etwa die, die die Mitglieder kennen und im Straßenwahlkampf und in ihrem Milieu sehen, wenn sie von "unsere Wählerinnen wollen nicht, dass..." sagen. So wie es etliche Mitglieder gerade in Schleswig-Holstein tun, die seit dem Wahlabend der Fantasie Ampel hinterherlaufen und gegen Jamaika als Verrat agitieren.

2. Wieder einmal, wie schon in Hamburg und Bremen, wurde die radikale Realpolitik einer Generation abgestraft, die sich im Klein-Klein des Regierens erging und das Politische aus den Augen verlor. In einem absurden Gleichgewicht aus Grünlinks und Superrealos sind die Freude und das Menschliche an der Politik verloren gegangen. Die Neugier, das Zugehen auf Menschen – und an ihre Stelle traten Verbiesterung, Besserwissen und Hektik. So wie es beispielsweise auch in Hamburg gerade ist und im Bund (nur da sogar ohne Sinn weil in der Opposition).

3. In dem Zusammenhang: Schulpolitik ist für eine kleinere Regierungspartei ein totales Loser-Thema. War es in Hamburg, war es jetzt wieder in NRW. Das ist blöd, denn Die Grünen sind im Prinzip die richtigen, um das zu machen. Aber die größere Partnerin kann das besser wegdrücken. Britta Ernst war kaum (persönlich) in der Kritik in Schleswig-Holstein, obwohl es ein Desaster war und die CDU auch mit dem Thema Schule die Wahl gewann. Es kommt mir sinnvoller vor, dies auch mal so anzuerkennen und lieber die Politik in einer Koalition mitzugestalten als die Fackel voranzutragen. Finanzen, Innen, Justiz – das wäre sinnvoll.

4. Der Unterschied zwischen 6% (oder 10% in der Metropole) und 10-15% (20%) scheinen mir Menschen zu sein, die bei und auch und gerade wegen allem Ungefähren (das ist ja, was beide Altfraktionen bei den Grünen Habeck und Kretschmann vorwerfen) in der Lage sind, über das Kernmilieu der 6% hinaus zu wirken. Als Person. Durch ihre Neugier. Durch ihre Lebensfreude. Ich hatte eine Zeit lang gehofft, Göring-Eckardt könne das auch, aber mir scheint inzwischen, dass der strenge Linksprotestantismus, den sie über das Kernmilieu hinaus erreicht, vielleicht doch schon in den 6% enthalten sein könnte. Öko und evangelisch ist ja auch beides out gerade.

5. Die SPD ist einfach echt am Ende. Das schmerzt mich, weil ich an ihr hänge. Aber dieses Jahr zeigt es sehr deutlich. Sie schafft es noch, sich an einem blassen alten Mann zu berauschen und ein peinliches 100% Ergebnis für ihn intern zu feiern. Aber darüber hinaus ist dort nur noch Verwirrung und Desaster. Mit Anlauf. Und mit einem Selbstvertrauen, das wenig mit der Realität zu tun hat und fast ein wenig an den späten Voscherau erinnert. Wer sich wie Die Linke oder immer wieder und überflüssigerweise auch Die Grünen an sie kettet, wird auf absehbare Zeit keine Chance auf Gestaltung haben.

6. Ein Laschet ist von einem Scholz oder Albig inhaltlich nicht unterscheidbar. Ja, SPD und CDU stehen in der Breite habituell für verschiedene Konzepte. Aber im Kern sind beides konservativ-sozialdemokratische Parteien. Und an der Basis sind SPD-Mitglieder oft mindestens so rechts und schräg wie die der CDU. Glaubt mir, ich war da lange Mitglied. Wie soll aber dann bei Grünen und FDP auf Dauer die Ausschließeritis begründet werden? In NRW hat es sich für die FDP noch mal ausgezahlt, aber das war verdammt hoch gepokert. Und ja, ich bin auch gegen eine Regierung mit Albig in Schleswig-Holstein, aber nicht gegen eine mit der SPD. Allerdings auch nicht besonders für so eine Regierung.

7. Die Grünen waren immer eine Partei, die nicht nur ein Programm vertrat sondern noch viel mehr eine Haltung zum Leben und einen Lebensstil. Der ist in die Jahre gekommen und wirkt auf viele so attraktiv wie die Veganerin, die jederzeit und ungefragt ihre Überzeugung in die Welt bläst ("Die Fahrkarten bitte" — "Ich bin vegan"). Wir Grünen hatten immer auch die fröhlichen, das Leben feiernden Menschen unter uns. Claudia Roth beispielsweise in der letzten Generation. Robert Habeck in meiner. Anjes Tjarks und Ska Keller in der nächsten. Nur mal als Beispiele. Die werden wir nach vorne stellen müssen, wenn wir aus der Gefangenschaft unseres 6%-Milieus rauswollen.

8. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich über die 75 Stimmen ärgere, die fehlten, um einen spannenden Bundestagsspitzenkandidaten zu haben.



(disclosure: Ich bin Mitglied bei den Grünen, war bis Sommer 2016 mehr oder weniger passiv in Hamburg und seit dem Herbst passiv in Schleswig-Holstein, Kreisverband Ostholstein. In der parteiinternen Arithmetik gelte ich wahrscheinlich als eher links, vielleicht aber auch nicht.)

28.4.17

Rossballett

Das Requiem gehört (neben den Streichquartetten aber die auch nur vom Alban-Berg-Quartett gespielt) zu den wenigen Werken von Mozart, die ich immer und uneingeschränkt liebte. Und es bleibt für mich ein unvergessenes Erlebnis, als wir das mit unserer Kantorei damals sangen.

Als Rossballett ist es noch etwas besondererer, oder? Irre. Love it.

23.3.17

Wahrheit

Ein Gedanke von Michael Seemann hat mich in den letzten Wochen elektrisiert und nicht mehr losgelassen. Sein mehrteiliger und erst höchstens halbfertiger Essay über "demokratische Wahrheit" lohnt eine intensive Lektüre - am besten wirklich von Teil I an und da durchhangeln und auf die Teile V bis VIII oder so warten.

Die Idee, vergröbert und verkürzt, dass Wahrheit heute gefühlt und – vor allem – wirkmächtig einer Demokratisierung unterworfen sei, verstört, ist für mich aber überzeugend und erklärt einiges, was sonst schwer zu erklären ist.
Wahrheit, nämlich

Tatsächlich aber lohnt es sich, diesen Gedanken einmal bis zum Ende durchzudeklinieren. Er ist ein Kontrapunkt zur liberalen Selbstgewissheit, dass die Anhängerinnen von Verschwörungsideen, die Leute, die Russia Today Deutsch für Nachrichten halten, die Fehlgeleiteten, die an Lügenpresse und die Merkeldiktatur glauben, dass alle diese eigentlich nur dumm seien oder überzeugt werden könnten, wenn wir nur mit den richtigen Argumenten kämen.

Vor allem aber hilft die Idee der "demokratischen Wahrheit", besser zu verstehen, warum wir nicht dialog-, noch nicht einmal sprechfähig sind. Im Kern ist es ja auch folgerichtig, dass nach und nach alle Lebensbereiche und Weltbereiche demokratisiert werden. Im Kern ist das etwas, das unsere Gesellschaft, das vor allem der liberale Teil unserer Gesellschaft, für richtig, für "gut" hält.

Wer sich vom Internet, damals, seit den 90ern, Demokratisierung versprochen hat, Zugang zu Wissen und Informationen, das Ende der Torwächterinnen für Wissen und Nachrichten, kann kaum wirklich überrascht oder auch nur dagegen sein, dass dieses jetzt auf einmal anders als gedacht wirklich wird. Was "wahr" ist, wird einem demokratischen Prozess ausgeliefert. Menge, Mehrheit, gefühlte Mehrheit – all das entscheidet über Wahrheit.
Ich habe es im Internet gelesen.
Viele Leute haben es gesagt, retweetet, geteilt.
Also muss es wahr sein.
Der liberale Mainstream hat sich angewöhnt, über diese Argumentation zu lachen. Aber ist sie unlogisch? Ist sie (ethisch) schlecht?

Wahrheit, אמת, kann ja recht eigentlich nur dann "objektiv" sein, wenn es eine Instanz gibt, die über sie entscheidet. Hier sind wir Jüdinnen und Christinnen in einer (sozusagen) "besseren" Situation als die Liberalen – denn genau davon sind wir überzeugt.

Vielleicht sind es deshalb die organisierten Religionen, in unserem Land vor allem die christlichen Kirchen, die besonders wahrnehmbar und laut gegen das Regime der demokratischen Wahrheit und gegen die Autoritären ihre Stimme erheben.

Mir ist, das merke ich in den letzten Wochen, in denen ich über den Gedanken dieser Demokratischen Wahrheit nachdenke, die Idee nicht nur unsympathisch, dass Wahrheit über demokratische Prozesse bestimmt werden könnte. Sie macht mir auch Angst, wenn ich ehrlich bin.

Ich weiß die Wahrheit nicht, sie ist mir entzogen, ich werde, so hoffe und glaube ich, nach meinem Leben in dieser Welt die Wahrheit erkennen. Aber ich bin mir sicher, dass es eine Wahrheit gibt. Und dass mein Gott sie kennt und dass Gott versucht, sie uns zu zeigen. Was wir in meiner religiösen Tradition mit dem Heiligen Geist zu erklären versuchen.

Dieses Wissen, dieses Glauben, diese Hoffnung verhindern, dass ich Wahrheiten auf den Leim gehe, die ihre Legitimation aus einem demokratischen Prozess beziehen. Wie das aber für eine ganze Gesellschaft funktionieren soll, wenn einmal die Demokratie "losgelassen" ist, weiß ich nicht. Und ich fürchte, dass wir uns als Gesellschaft daran werden gewöhnen müssen, dass es mehrere demokratische Wahrheiten gibt.

Was für ein Grauen.

3.2.17

Murmeln

Zuerst hielt ich es für etwas albern, aber habe trotzdem mitgemacht, denn es passte andererseits in die Situation. Inzwischen freue ich mich jeden Tag daran.

Weihnachten hatten wir es endlich einmal geschafft, in die sehr schöne Kirche bei uns in Eutin zu gehen. Der Propst predigte und der wunderbare Kirchenmusiker leitete seine erstaunlich jung klingende Kantorei. Was tolle Musik doch für einen Unterschied macht in einem Gottesdienst, vor allem die Orgelvorspiele von Martin West (der, kaum dass wir ihn entdeckten, in den Ruhestand ging, Pech), die mich an die inspirierende Zeit von Klaus Vetter in Bramfeld erinnerten.

Zu Beginn der Weihnachtspredigt ließ der Propst den Klingelbeutel rumgehen – und jede Besucherin sollte sich eine Murmel rausnehmen und gut festhalten. Irritation in den Kirchenbänken war garantiert.

Sinngemäß sagte er: "Nehmen Sie die Murmel mit. Stecken Sie die in die Tasche. Und wenn Sie darauf treffen in den nächsten Tagen, erinnern Sie sich daran, wie es war, ein Kind zu sein, das Leben und die Welt mit Kinderaugen zu betrachten." So ungefähr jedenfalls. Es ging ihm nicht um Weltflucht, im Gegenteil. Sondern um die Freude und das Staunen von Kindern gegenüber der Welt. Und das Vertrauen. Und den Lebensmut und die Hoffnung und Zukunftserwartung, wenn man so will (auch wenn Kinder es nicht so nennen würden).

Seit Heiligabend trage ich die Murmel tatsächlich in der rechten Hosentasche mit mir herum, packe sie ganz gewissenhaft aus und wieder ein, in Jeans, in Anzughosen, sogar in Reithosen. Und spüre ihr nach über den Tag hinweg. Und jedes Mal, wenn ich die Murmel anfasse, erinnert sich etwas in mir daran, was sie mir sagen will.

eine Murmel auf meiner Hand
Das Verrückte ist, dass es funktioniert. Ich weiß, ich werde sie irgendwann verlieren, werde sie mit Kleingeld, das ich in der gleichen Hosentasche mit mir rumtrage, herausziehen und fallen lassen, sie wird unter einen Schrank rollen oder in einen Gulli. Bis dahin aber passe ich auf sie auf. Und erinnere mich daran, was Gott Noah versprochen hat. Und dass es sich lohnt zu leben und zu arbeiten. 

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass eine Kleinigkeit wie diese Murmel wertvoll für die ersten Wochen dieses Jahres, für die Weihnachtszeit, die gestern zu Ende ging, sein könnte. Dass sie einen Gedanken weiterträgt in mein Leben, den jemand in einer Situation in mich gepflanzt hat, in der ich dafür aufnahmebereit war. Und dafür bin ich dankbar.

Und werde versuchen, die Murmel, so lange es irgendwie geht, eben gerade nicht zu verlieren.


29.1.17

Sondersteuer für Frauen

Obwohl ich selbst Pferde halte und ein bisschen züchte, war ich lange unentschieden in der intensiven Diskussion um die Pferdesteuer. Grundsätzlich irgendworauf Steuern zu erheben, ist ja ok (wenn man wie ich Steuern und die Finanzierung staatlicher Aufgaben sinnvoll findet).

Inzwischen bin ich überzeugt, dass es eine schlechte und sogar dumme Idee ist. Vor allem aus drei Gründen:

1. Das Neid-Argument.
Es stimmt einfach nicht, dass Reiten und sogar das Halten von Pferden eine "Reichen-Sache" ist. Ja, unter Wohlhabenden gibt es welche, die Pferde auf einem bestimmten Niveau haben oder einen sauteuren Sport wie Polo spielen. Aber unter den Ponybesitzerinnen sind viele mit sehr kleinen Einkommen, die sich das Pferd vom Mund absparen oder einen Zweitjob nur für das Pferd haben. Schülerinnen, die alle Geschenke und ihren Nebenjob in ihr Hobby stecken und so weiter. Und die Kinder, die "nur" reiten, geben dafür weniger aus als ein Fitnesstudio kostet und nur wenig mehr als die Mitgliedschaft in einem Sportverein. 
Für alle diese wäre die Pferdesteuer hart und für viele das Ende ihres Sports oder Hobbys. Wenn die Reitstunde von 10 EUR auf 13 EUR steigt (zusätzlich zu den Erhöhungen, die durch die steigenden Heupreise entstehen, die auch politisch induziert sind, weil immer mehr Grünflächen für die Energieerzeugung genutzt werden), dann ist das für Leute wie mich verschmerzbar. Für viele andere aber nicht. 

2. Die Milchmädchenrechnung.
Da die Pferdesteuer eine Gemeindesteuer ist, werden die Betriebe die Gemeinde verlassen. Die Reitställe beispielsweise in Tangstedt (wo die SPD die Steuer durchsetzen will) werden nach Bargfeld gehen oder nach Norderstedt. 
Es kommt also nicht nur keine Pferdesteuer in die Kasse, es brechen auch noch Gewerbesteuern weg. Dumm. 

3. Die Sondersteuer für Frauen.
Das wichtigste Argument aber — weil das dazu führen wird, dass die Gerichte die Steuer am Ende kassieren werden — kommt daher, dass mehr als 80% aller von dieser Steuer Betroffenen Frauen sind. Weil Frauen so extrem viel häufiger als Männer Pferde besitzen. Faktisch ist eine Pferdesteuer eine Sondersteuer für Frauen. 
Dass nur ein Sport mit einer Sondersteuer belegt wird, der fast ausschließlich von Frauen betrieben wird, dürfte eher schwer mit europäischem Recht vereinbar sein. Und sagt darüber hinaus auch viel über die Gedankenwelt der Initiatoren. 

31.12.16

Und dann auch noch Knut Kiesewetter...

Was war das für ein Jahr. Im ersten Moment geht es wahrscheinlich nicht nur mir so, dass ich es geballt empfunden habe. Vieles, was Angst macht. Mir zumindest. Vieles, was traurig macht. Mich zumindest. Ein nicht mehr zu verdrängender langanhaltender Teil des Weltkriegs, der seit einiger Zeit herrscht. Beängstigende autoritäre Bewegungen und Führer, die ihre Macht autokratisch umbauen oder demokratisch an die Macht kommen. Viele Idole meiner Jugend oder zumindest solche, mit denen ich aufwuchs, starben. Und das alles nur die Vorhut für ein Jahr, das zumindest in meinem Land noch viel schlimmer werden wird und die Gesellschaft zu zerreißen oder zu zerstören droht.

Und dann kam die Weihnachtspost. Und mit ihr etwas, das eine Tradition in unseren Familien ist: die Jahresbriefe. So wie wir auch den unseren kurz vor Weihnachten verschickt hatten. Und in diesen Briefen war von einem ganz anderen Jahr die Rede. Einem, das gut war, in dem viel geklappt hat, Kinder groß wurden, konfirmiert, Abitur machten, geboren wurden. Reisen, die Familien unternommen haben. Neuanfänge und Veränderungen. Neue Beziehungen. Beförderungen. Neue Berufe. Berufseinstiege. Engagement. Hoffnung.

2016 war für sehr viele Menschen in meinem Umfeld, mich eingeschlossen, ein wirklich gutes Jahr. Eines, in dem viel richtig lief in all dem Chaos, das um uns herum herrschte.

Ich will dies nie vergessen. Mich immer wieder daran erinnern, wenn die Verzweiflung oder die Trauer oder die Angst überhand zu nehmen droht. Und die Briefe, die bei uns an einer Wäscheleine hängen, die einmal quer durch die Wohnküche geht, wieder und wieder zur Hand nehmen. Als Zeugnis eines Lebens in Fülle und einer Hoffnung auf einen Sonnenaufgang am Ende der Nacht.

Wie passend, dass die Tage wieder länger werden.

Ein gesegnetes Jahr 2017 wünsche ich euch, eines, in dem ihr immer wieder Hoffnung und Gelingen sehen könnt. In dem wir gemeinsam stark sind in allen Anfechtungen, die kommen und schon zu sehen sind. Erinnert mich daran, wenn es besonders schlimm ist, bitte.

Und dann ist da die Hoffnung und die Sonne geht wieder auf

14.12.16

Terror, m.

terror, m., lat. – Furcht, Schrecken, Angst

Vorbemerkung:
Ich schreibe hier über meine widerstreitenden Gefühle. Über etwas, das mir tatsächlich zu schaffen macht. Das wiederum macht mich verletzlich, ich weiß. Aber da dies Blog ein sehr wichtiger Teil meines Lebens- und Heimatraumes ist, ist es mir wichtig, dies genau hier zu teilen. Darf ich dazu eine einzige Bitte äußern? Wenn ihr - hier oder woanders - darauf antworten wollt, mögt ihr dann auch von euch reden? Und nicht allgemein oder in Beschimpfungen abgleiten oder so was? Ist viel verlangt, aber es ist für mich auch ein Experiment. Dazu, ob ich neben aller Angst auch noch Hoffnung haben darf.
Anderes lösche ich auch, davon mal abgesehen.


Vom Zorn, dem manchmal gerechten

Ich bin leicht erregbar, war ich schon immer. Wenn etwas ungerecht ist oder jemand einfach nicht auf Argumente hören will beispielsweise. Oder wenn ich etwas als böse empfinde. Terror im Wortsinne macht mich zornig. Also wenn jemand Angst und Schrecken verbreitet, ob körperlich oder mit Worten. Ob online oder in der Kohlenstoffwelt. Unredlichkeit macht mich zornig.

In meiner religiösen Tradition kennen wir so etwas wie einen gerechten Zorn. Die Bibel unterscheidet gerechten und ungerechten Zorn. Gott zürnt oft, aber nie ohne Barmherzigkeit. Das ist eher schwer für uns, für mich. Aber aus Zorn entsteht eben auch Kraft, Energie, Aktion. Wenn er ein Ventil findet, wenn er sich auf eine Veränderung richten kann.

Oft rufe ich meinen Zorn hinaus, hier, auf Twitter, woanders. Sage, was mich zornig macht, was terror verursacht oder ich als terror erlebe. Oft gab es in den letzten

dann auch Reaktionen. Ebenso zornig, ruhig, kontrovers, zustimmend, alles mögliche. Aber nie so, dass ich darüber nachdenken musste, ob ich meinen Zorn benennen sollte. Ich habe im Verlauf von (harten) Diskussionen Haltungen geändert, auch Texte geändert. Aber tatsächlich nur einmal, vor Jahren, einen Text gelöscht. Und das, weil er mir dann doch peinlich war. Ja, sogar mir. Aber nie, weil es gefährlich wurde, weil ich Angst bekam, weil die persönliche Vernichtung im Raum stand.

Oder dass ich einen Text nicht schrieb. Auch das ist vorgekommen, klar. Vor allem, wenn ich keine Zeit oder Gelegenheit hatte. Und dann irgendwann der Zorn verraucht war oder die Zeit über das Thema oder das, was mich zornig machte, hinweg gegangen war. Aber nie, weil ich es zu gefährlich fand, ihn zu schreiben, weil ich Angst bekam, weil ich die persönliche Vernichtung fürchtete.

Vom terror

Das ist inzwischen anders. Und das zeigt mir, dass sich etwas verändert hat. Nachdem ich von der Terrormiliz Trollarmee eines rechtsradikalen Publizisten angegangen worden war. Und nachdem eine wirtschaftliche Vernichtung versucht wurde. Verschiedene Fälle, beide nicht so lange her. Angst ist keine gute Ratgeberin. Aber auf die eigene Angst nicht zu hören, ist ebenso falsch. Zu schweigen, ist grauenvoll, wenn ich sehe, wie anderen genau das gleiche passiert. Zu reden, gefährdet meine Familie, meine Firma, meinen Job. 

Zum ersten Mal in meinem Leben verstehe ich, wie es meinen Urgroßeltern ging. Und wieso sie ihren Sohn, meinen Großvater, zwangen, sich die Haare zu schneiden. Ich bin nicht im luftleeren Raum. Ich habe Schwachstellen. Meine Familie. Und meinen Beruf. Darum ist es ein Zeichen des Terrors, war es immer schon ein Zeichen des Terrors, in eine Auseinandersetzung eins von beidem oder beides reinzuziehen. Ja, es ist ein Zeichen von Schwäche derer, die diesen Terror ausüben. Aber was nützt das, wenn sie es tun? 

Wenn Drohbriefe an die Frau und die Kinder geschickt werden. Wenn die Terrormiliz Trollarmee die Firma, in der du Verantwortung trägst, ins Spiel bringt, damit auch ja in der Konzernzentrale alle Alarmglocken schrillen. Wenn die Firma mit schlechten Bewertungen überzogen wird oder Briefe an den Vorstand geschrieben werden, die dich denunzieren. 

terror wirkt. Das ist das, was mich so fertig macht. Schon das Wissen, dass dies passieren kann, die Angst vor diesen Konsequenzen, führt zu einem Schweigen, das die Bösen als Zustimmung deuten. Führt dazu, dass wir, dass ich andere im Regen stehen lasse, die – manchmal bewusst, manchmal aber auch mehr oder weniger zufällig – in den Fokus des terror geraten sind. Führt dazu, dass jemand als mutig bezeichnet wird, der etwas völlig normales macht, beispielsweise einen Kommentar in einem Branchenmagazin zu schreiben. 

Von der Vernichtung, der manchmal totalen

Warum schweige ich dann trotzdem, wenn jemandem die Vernichtung angedroht wird, vor dem Frühstück, vor dem Gassigehen? Weil ich Angst habe vor eben dieser Vernichtung. Und weil ich weiß, dass die Terrormiliz Trollarmee zwar in Marsch gesetzt, nicht aber gestoppt werden kann von denen, die sie losschicken. Denen, die sich nicht die Hände schmutzig machen. Denn jene, die dann marschieren, werden erst stehen bleiben, wenn sie ins Gefängnis gesteckt werden. Oder wenn die Vernichtung total ist, zu der sie losmarschiert sind.

So lange ich mich weg ducke und hoffe, dass ich (dieses Mal) verschont werde. So lange, wie sich Firmen auf eine Art hinter die Opfer des terror stellen, die auch als Tadel, überhaupt in den Fokus der Terrormiliz Trollarmee geraten zu sein, gelesen werden kann. So lange, wie es Mut braucht und die Rückversicherung des Chefredakteurs, überhaupt etwas zu schreiben. So lange haben diejenigen leichtes Spiel, die terror üben. 

Ich verstehe immer besser, was am Vorabend der demokratisch eingeleiteten Übernahme der Macht durch ein Terrorregime passiert. Denn es ist genau dieses, oder? Dass ich zwischen Angst und der Betonung der kleinen Unterschiedes zwischen der, die da zur Vernichtung freigegeben wird, und mir schwanke.

Von der Verzweiflung

Verzweiflung ist ein großes Wort, aber es treibt mich um und lässt mich wirklich verzweifeln. Hätte ich lieber geschwiegen und die Verfehlung hingenommen, Ärger mit meinem Vorstand vermieden? Hätte ich lieber geschrieben und wäre dem beigesprungen, den sie da gerade zu vernichten versuchen? Was, wenn ich der einzige wäre, der spricht? Auf den sie dann losgehen? Wenn ich vorpresche, aber niemand mitgeht? Niemand berichtet? Niemand anderes spricht? Wenn ich beim nächsten Mal meinen Job verliere oder meine Kinder bedroht werden? 

Sind wir wieder so weit? Und ist es vielleicht wirklich kein Zufall, dass Martin Niemöller in seiner Kirche auch nach 1945 nicht bei allen Rückhalt fand, dass er aber dennoch nicht zerbrach, sondern bis zu seinem Tod 1984 der Verzweiflung und dem terror widerstand? Und das schrieb, was mich zur Verzweiflung treibt, weil ich weiß, dass ich gerade versage.

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.

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