19.9.16

Die Deplorablen*

Das, was Menschen in meinem Umfeld zurzeit massiv umtreibt, ist die Frage, wie die Gesellschaft politisch gerade auseinander fällt. Mit der Landtagswahl in Mecklenburg und der Stadtwahl in Berlin ist die Ratlosigkeit bei fast allen, die ich kenne und schätze, groß: Ja, dass die Autoritären den Menschen ein Gehör verschaffen, die sich zuletzt (oder schon immer) aus dem politischen Diskurs raushielten oder verabschiedet hatten, ist das eine. Dass sie faktisch den gesamten Diskurs bestimmen, das andere. Dabei mal gar nicht auf die massive Dummheit der CSU geschielt, das überall in Europa gescheiterte Nachlaufspiel nachzuspielen.

Das, was die Diskussion unter denen, die Anhängerinnen der Demokratie sind, so kurios macht, ist, dass jede aus ihrem eigenen Betätigungsfeld heraus eine vordergründig richtige Analyse anbieten kann. Letzte Woche saß ich mit Menschen aus Kirche, Diakonie, Politik und Medien zusammen beim Bischofsdinner – und fand es faszinierend, wie sicher sich die Chefs der Diakonie waren, dass der Aufstieg der autoritären Partei AfD in Deutschland seine Ursache im sozialen Auseinanderfallen der Gesellschaft und in der neoliberalen Wirtschaftspolitik hat. Und die Zahlen – dass Menschen, die AfD wählen, größtenteils eine niedrige formale Bildung haben und aus dem stammen, was man früher Arbeiterschicht genannt hat – sprechen an der einen Stelle auch dafür.
(Weshalb, aber das nur am Rande, meines Erachtens Sahra Wagenknecht auch taktisch richtig liegt, wenn sie den Wettbewerb auch inhaltlich zwischen ihrer Partei und der AfD sucht. Selbst wenn ich sie dafür verachte: sie hat aus Sicht der Linken Recht. Was m.E. wiederum Teil des Problems ist, aber das ist eine andere Geschichte.)

Ich habe mich in jener Veranstaltung dann dahingehend geäußert, wie ich auch hier schon das eine oder andere Mal schrieb - dass ich den Aufstieg der AfD eben eher unter dem Stichwort "autoritär" als unter dem "populistisch" sehe. Und dass einiges an den Zahlen, besonders krass in Österreich und den USA, wo ja ebenfalls autoritäre Nationalisten sehr erfolgreich sind gerade, dafür spricht, dass sie vor allem Männer ansprechen, die nicht klarkommen damit, dass die Welt sich zu ihren Ungunsten verändert: weil sie weiblicher und bunter geworden ist. Weil, verkürzt ausgedrückt, in diesem Land das biodeutsche Patriarchat sein Rückzugsgefecht führt.

Und war überrascht, mit welcher Massivität mich mein Parteifreund und Präsident meiner Landessynode, Andreas Tietze, hinterher anging. Er scheint auch ein Anhänger der "Sozialthese" zu sein (so hab ich seine Kritik verstanden), meinte, die Zahlen für Mecklenburg gäben die Männer-Frauen-Analyse nicht her.

Wer hat eigentlich Männern das Wahlrecht gegeben?
Für Mecklenburg und Berlin habe ich mir genau die Frage darum noch einmal angeguckt, welche "Abgehängten" denn nun AfD wählen. Und um meine These und Schlussfolgerung gleich vorweg zu nehmen: Das ist dann eben so.

Die werden "wir" auch nicht zurück gewinnen. Die historische Leistung von SPD und CDU, sie irgendwie mitzuvertreten und "einzuhausen", können (CDU) oder wollen (SPD) die beiden Parteien nicht mehr leisten, nur noch die Linke schafft das teilweise, was ich ihr trotz aller Kritik an ihr hoch anrechne. Politisch denke ich, wir werden damit leben müssen, dass die Deplorablen, also die, bei denen jedes Argument hoffnungslos scheitert und die sich - bewusst oder unbewusst - außerhalb eines demokratischen Konsenses bewegen, für die Zukunft dieser Gesellschaft verloren sind. Was individuell tragisch ist, ja. Aber nicht zu ändern. Wer sich nicht verändern will, wenn die Welt sich weiterdreht, wird eben zurück bleiben (das meine ich nicht sozial, das ist ein anderes Thema; aber politisch und von der Machtverteilung).

Es ist nun mal nicht zu ändern und logisch, dass heterosexuelle, weiße Männer die Verlierer der Veränderungen sind, die unsere Gesellschaften durchmachen. Und das unabhängig von der sozialen Frage (weshalb es auch nicht ungewöhnlich ist, dass auch Professoren und andere Eliten, die nun von ihren Privilegien abgeben müssen, zu den Führern der neuen Autoritären gehören). Denn wenn die systematische Diskriminierung von Frauen, Nichtweißen, Schwulen etc. zurück geht, wenn mehr Frauen, Nichtweiße, Schwule etc. in Führung- und Machtpositionen kommen, dann kommen logischerweise weniger heterosexuelle weiße Männer in diese Positionen als bisher (zwar immer noch weit mehr als ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht – aber eben weniger als bisher).

Die hoffnungslosen Fälle
Es ist super interessant und auffällig, dass alle anderen Parteien mehr oder weniger gleichmäßig in den verschiedenen Demographien punkten (abgesehen von den Grünen, die auffällig weniger Wählerinnen mit niedriger Formalbildung haben). Nur die AfD hat in zwei Fragen eine Unwucht: bei der "Klasse" und beim Geschlecht. Ersteres, so denke ich, weil SPD und CDU ihre Bindungskraft verloren haben und die Linken nur einen Teil auffangen können. Letzteres wäre aus meiner Sicht ohne die These von den "Modernisierungsverlierern" nicht zu erklären (außer wir würden annehmen, dass Männer an sich im Schnitt dümmer und/oder autoritärer sind).


Es klingt vielleicht der einen oder anderen zu resigniert – aber wenn ich mir diese Statistiken ansehe und wenn ich dem einen oder anderen Mann, der die Autoritären wählt oder mit ihnen liebäugelt, zuhöre, dann denke ich nicht, dass wir diese Männer für das Projekt Gesellschaft und für die Demokratie zurückgewinnen können.

Keine Teilhabe? Das ist gut so!
Bei denen, die den Dialog mit den Feindinnen unserer Gesellschaft und den Verächterinnen der Demokratie suchen, also mit den Autoritären, höre ich immer wieder, dass ein Problem sei, dass eben einige Gruppen von der Teilhabe am öffentlichen Diskurs, am politischen Prozess ausgeschlossen seien – und dass dieses ein Problem sei, das von der Interessenvertretung der Autoritären, der AfD adressiert werde.

Mir kommt es so vor, als ob das zwar einerseits stimmt – aber andererseits eben auch irrelevant ist. Wer kein Interesse hat, die Veränderungen, die sich in der Gesellschaft ergeben (und für die viele Menschen auch aktiv und lange gekämpft und gearbeitet haben), zu gestalten; wer also eigentlich nur zurück will in einer Zeit, in der alle Macht bei weißen heterosexuellen Männern lag, ob in der Familie, im Job oder in der Gesellschaft; wer autoritär und reaktionär ist – wo soll der Sinn darin liegen, diese Leute auch noch aktiv zu beteiligen? Ja, vielleicht ist es gut, dass sie ein Sprachrohr haben, dass ihre Vertretung in den Parlamenten ist. Aber damit ist dann auch genug.

Lieber die Gesellschaft weiter umbauen
Ich kann verstehen, dass CDU und SPD (und mit Abstrichen auch die Linken) nervös werden. Ich kann es nicht verstehen, wenn das – wie beim Parteifreund Tietze – auch Grünen oder FDP-Leuten passiert. Aber muss die Antwort auf die Herausforderung durch die Autoritären, die gerne wollen, dass ein alltagsrassistisch geprägtes Patriarchat aufrecht erhalten wird, nicht sein, den Umbau der Gesellschaft zu beschleunigen und froh und optimistisch in die Zukunft zu schauen? Müssen wir nicht wieder dazu kommen, die zwanzig bis dreißig Prozent Männer, die auf diesem Weg nicht mitgehen wollen, eben einfach zurück zu lassen? Als Gesellschaft werden wir das überleben. Und diese Männer werden es – Sozialstaat, den wir trotz aller Probleme und Einschnitte immer noch haben, sei Dank – ebenfalls überleben.

Blick nach Norden und nicht nach Österreich und Frankreich
Bei allen Problemen, die auch die nordischen Gesellschaften mit den autoritären Modernisierungsverliererinnen haben: Es ist und bleibt doch interessant, dass anders als in Österreich und Frankreich, wo die demokratischen Parteien sich von den autoritären treiben lassen, der Umbau der Gesellschaft weitergeht. Siehe das Grundeinkommenexperiment trotz der starken autoritären Partei in Finnland.

Die hoffnungslosen Fälle werden wir ohnehin nicht mitnehmen können. Die einzige vernünftige Antwort auf die Erfolge der AfD scheint mir zu sein, mehr Feministinnen, mehr offen Homosexuelle, mehr Einwanderinnen in Führungspositionen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu bringen. Weil wir verdammt noch mal 2016 haben. Und mit den Autoritären zu streiten – nicht aber den Dialog zu suchen. Denn verloren haben wir sie ohnehin. Unser Streit mit ihnen zielt auf die andere Hälfte der AfD-Wählerinnen – die Hälfte, die für diese Gesellschaft noch nicht verloren ist.


tl;dr
Wir werden die 20 bis 30% Männer zurück lassen müssen, die nicht mit uns in die Zukunft gehen wollen sondern sich als Verlierer gefallen.


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* Zur Überschrift siehe irgendwas zu Clintons basket of deplorables, beispielsweise eine Einordnung bei Vox.com. Die Überlegung dahinter – dass die Hälfte der Unterstützerinnen Trumps im Grunde hoffnungslose Fälle sind, weil rassistisch, homophpb, islamophb etc. – finde ich wichtig und richtig.

6.9.16

Sehr geehrter Herr Höttges,

ich bin im Prinzip ein großes Fan der Telekom, nachdem ich damals zu den ersten gehörte, die weg gingen - ich komme immer wieder. Das liegt vor allem an zwei Dingen: zum einen an der Stabilität der Services und dem eher konservativen Leistungsversprechen, das die Telekom jeweils gibt. Und zum anderen am Kundenservice.

Tatsächlich habe ich auch in meinen aktuellen Fall am Kundenservice selbst nichts auszusetzen - die vielen, vielen Stunden, mit denen sich der Kundenservice mit großer Geduld mit mir um die Frage gekümmert hat, wie ich halbwegs akzeptables Internet auf dem Land bekomme, finde ich beeindruckend. Gemeinsam mit dem Kundenservice bin ich aber nun an eine Grenze gestoßen, die wahrscheinlich nur von Ihnen und Ihrer Kollegin und Ihren Kollegen im Vorstand gelöst werden kann.

Dieses ist das Problem:
Im Grunde haben Sie eine ganz gute Lösung für den ländlichen Raum entwickelt – das Hybridinternet, bei dem eine (digitale) Leitung mit LTE kombiniert wird zu einem Produkt, das allen Anforderungen an eine normale Internetnutzung genügt (wir wollen gar nichts Besonderes). Einzige Voraussetzung dafür ist, dass eine ganz, ganz kleine DSL-Leitung liegt und dass die mit Annex J ausgestattet ist, also ein IP-Anschluss ist.

Und hier kommt unser Problem: von den beiden Leitungen, die in unseren Hof führen, ist eine kaputt (von einem Baum zerstört, wenn wir den Techniker, der das gemessen hat, richtig verstanden haben). Und die andere noch analog. Und weder die Planungsabteilung noch die Technikabteilung bei uns in Schleswig-Holstein scheinen die digital machen zu wollen. Wobei wir da immer wieder widersprüchliche Aussagen bekommen - mal heißt es, die Leitung sei zu lang (die Dämpfung zu groß - obwohl genau das ja mit Annex J "bekämpft" werden soll), mal heißt es, es sei im Verteiler kein Port mehr frei, um die die Annex J Karte zu stecken. Either way: wir bekommen keinen digitalen Anschluss.

Uns ist dabei bewusst, dass unsere Leitung grenzwertig lang ist, weil die Telekom den letzten Verteiler in unserem Dorf beim intensiven Ausbau in unserer Region (wir sind nahe Eutin) ausgelassen hat und nicht plant, ihn einzubeziehen. Und uns ist bewusst, dass die Telekom zögert, eine lange Leitung IP-fähig zu machen, weil darunter die Verlässlichkeit und Qualität von Telefonie leiden könnte. So weit unser Verständnis.

Nun haben wir aber echt viele Vorschläge gemacht. Von einer Flatrate für LTE (wir probieren gerade mit dem 30GB-LTE-Internet rum, aber das ist echt gar nichts. Nach zwei bis vier Tagen ist das verbraucht, obwohl wir den Kindern Video und 3D-Games gesperrt haben) bis hin zum Angebot, Ihnen rechtssicher zu versichern, dass wir nicht telefonieren werden (denn hey, wir wollen nur Internet, wer braucht heute schon noch Festnetz?). Alles ginge nicht, letzteres nicht, weil sich die Telekom an ihre AGB gebunden sieht.

Wir sind echt keine Exoten, glaube ich. Ich arbeite hin und wieder von zu Hause, leite als Geschäftsführer eine Agentur. Meine Frau ist Lehrerin, nur noch zwei unserer vier Kinder sind zu Hause, die wollen zwar gerne das Internet so nutzen wie ihre Freundinnen und Freunde, sind aber bereit, auf ein normales Leben zu verzichten, wenn wir irgendwie halbwegs normales Internet bekämen. Aber selbst mit diesem Verzicht reicht das maximale LTE-Paket vorne und hinten nicht.

Ja, es ist unsere eigene Entscheidung gewesen, aufs Land zu ziehen. Allerdings haben wir bei Ihnen vor dem Kauf des Hofes nachgefragt, welche Internetoptionen es konkret an dieser Adresse gibt - und uns wurde Hybrid fest zugesagt. Ob wir den Hof sonst gekauft hätten, bin ich mir nicht ganz sicher.

Können Sie uns helfen, ein normales Leben zu führen? Und uns Internet geben, das uns nicht 8 EUR am Tag kostet?

Herzlichen Dank und freundliche Grüße

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach

(PS: der Versuch, Ihnen dieses per E-Mail zuzuschicken, ist bisher gescheitert, das hätte ich sonst sehr gerne gemacht)

31.8.16

Wir schaffen das

Heute vor einem Jahr sagte die Bundeskanzlerin diesen Satz. Ob intuitiv oder gedrechselt? Ist mir nicht wichtig. Es ist ein großer Satz. Einer, der bleibt. Einer, der wahr ist. Einer, der vielen Menschen in meinem Umfeld wichtig ist — von denen nur wenige verdächtig sind, Angela Merkel vorher gemocht zu haben.

Für mich ist dieser Satz im letzten Herbst und Winter wichtig gewesen, auch persönlich wichtig; und bleibt es weiterhin. Wir waren in unserem Stadtdorf am Hamburger Rand gerade dabei, die Zivilgesellschaft zu organisieren für die bis dahin größte Unterkunft für Vertriebene. Da elektrisierte uns dieser Satz. 

Vielleicht ist es ähnlich wie für einen guten Freund damals die Ruckrede (die mir so gar nichts sagte, im Gegenteil). Er saß mit Freundinnen im Keller und machte einen Plan, der wenig später aufging und tatsächlich disruptiv war, eine gesamte Branche komplett veränderte. Sie hatten die Ruckrede an der Wand hängen und lasen sie jeden Morgen. 

Die Ruckrede ist wohl das Einzige, was von Herzog bleiben wird. Vielleicht ist es am Ende auch nur das (heute sehr große) Startup, das sie damals wesentlich motivierte. 

Wir schaffen das 
wird das sein, was von Merkel bleibt. Was viele motivierte. Zum Guten. Und zum Bösen. Eine Art defining moment für sowohl die Zivilgesellschaft als auch die autoritär-identitäre Massenbewegung, die dieses Wochenende einen weiteren Höhepunkt feiern wird. 

Tatsächlich finde ich diesen Satz so wunderbar, weil er die entscheidende politische Frage wie unter einer Lupe deutlicher macht: 
  • Wollen wir halbwegs optimistisch und mit Vernunft und unserem Kopf streiten um den richtigen Weg in die Zukunft, wollen wir also eine Demokratie – und glauben wir, dass Demokratie ein Weg ist, eine (gute) Zukunft zu schaffen? 
  • Oder wollen wir uns auf unsere Gefühle verlassen, wenn es darum geht, die empfundene Wirklichkeit zu beschreiben, wollen wir also eine autoritäre Alternative zur Demokratie – und glauben wir, dass die Zukunft ohnehin nicht gut ist?
Wir schaffen das
ist ein Satz, der für Vernunft, Streit und Demokratie steht. Dafür bin ich ein Jahr nach diesem Satz immer noch dankbar. 

26.8.16

Vom Recht und der Lust, sich ausbeuten zu lassen

Da sehe ich Umfragen (oder ihrer Präsentation in Medien), dass irrwitzig viele Irre staatliche Bekleidungsvorschriften für Frauen befürworten. Und frage mich, ob die wirklich alle irre sind. Oder woran es liegt, dass in meinem kohlenstofflichen Umfeld niemand auf nur ein einziges Mal über Burkas oder Verbote oder so was gesprochen hat in den letzten Wochen. 

Nur online. In den Diskussionsdingend meiner Partei beispielsweise. Oder auf Twitter. Oder in einigen wenigen Blogs.

Symbolbild für Badebekleidung
Ich finde es eigentlich schon irrwitzig genug, dass wir einige Bekloppte 2016 über eine Frage reden, die schon 1850 quasi niemanden mehr aufregte. Beispielsweise wie jemand baden geht. Siehe das Symbolbild (das allerdings wahrscheinlich von 1910 oder so ist).

Finde ich es ok, wenn sich Frauen komplett unter Wäsche verstecken? Ja, denn es ist mir egal. Finde ich es ok, wenn sie das tun, weil sie "bescheiden" sind oder um Männer nicht zu reizen? Nein, ganz und gar nicht. Auch, nachdem ich das Stück von Aheda Zanetti im Guardian gelesen habe, der Burkini-Erfinderin, finde ich das nicht ok. Kann ich es akzeptieren, dass und warum sie es tun? Ja, selbstverständlich. Muss ich sogar.

Das ist die Stimme, die mir so leise vorkommt in dieser bewusst von autoritär-konservativen Politikern vergifteten "Diskussion". Dass ich aus den unterschiedlichsten Gründen bestimmte Kleidung absurd und gesellschaftlich falsch und frauenfeindlich finden kann – und es zugleich noch absurder, noch falscher und noch frauenfeindlicher finde, wenn der Staat oder auch nur die misogyne Gesellschaft Vorschriften für oder Verbote von Kleidung meinen machen zu können.

Wo bitte leben wir denn? Und in welcher Zeit? Meiner Mutter hat man versucht, zu kurze Röcke zu verbieten – und heutigen Frauen versucht man, zu lange Kleidung zu verbieten? Merkt ihr, ne?

Ein Staat, der seinen Bewohnerinnen Kleidungsvorschriften macht, ist keine Demokratie. Sondern ein autoritärer Staat. Eine Partei, die das Verbot bestimmter Kleidung fordert, ist nicht demokratisch sondern autoritär. Und das widert mich an. Und ganz ehrlich: dabei ist mir egal, ob das gesunde Volksempfinden auf der Seite der Widerlinge steht.

Ich denke, dass es wichtig ist, beides zu tun in der jetzigen Situation: Klar Stellung zu beziehen gegen die Versuche, die Demokratie durch ein autoritär-plebiszitäres Modell zu ersetzen. Genau das tun die Verächter der Demokratie in allen Parteien, die jetzt über ein Burkaverbot oder ein Burkini-Verbot faseln. Und zugleich klar Stellung zu beziehen gegen patriarchale, reaktionäre Gehirnwäsche, die Männer unter dem Deckmantel einer Religion ausüben.

Mein Opa sagte damals, in den 80ern, als ich mit ihm über Entfremdung und Ausbeutung und Kapitalismus diskutierte, dass er sich, wenn das Ausbeutung sei, wie er als Arbeiter arbeite, gerne ausbeuten ließe. Das hat mich damals wahnsinnig gemacht, war aber eigentlich recht weise von ihm. Denn er hat die Ausbeutung nicht bestritten. Zanetti argumentiert in jenem Guardian-Text ähnlich wie mein Opa damals. Die Entfremdung durch die patriarchale Unterdrückung akzeptierend, lebt sie dennoch gerne. Das macht mich heute wahnsinnig, aber das muss ich akzeptieren. Nicht zustimmen, aber akzeptieren.

Wer die "Frauenfrage" autoritär lösen will, springt ebenso zu kurz wie die, die Freiheit verteidigen, ohne die patriarchale Unterdrückung und Entfremdung in den Blick zu nehmen. Daran scheint mir die irrwitzige Auseinandersetzung zu kranken. Und für die Zwischentöne, die gleichzeitig für das Recht kämpfen, etwas zu tun, was sie an anderer Stelle bekämpfen, ist da kaum noch Platz. Das macht mich traurig.

11.8.16

Zwischen Hoffnung und Angst

Es ist nahezu verrückt. Jetzt, nach AfD, Österreich, Trump, Brexit, Türkei, den Text wieder zu lesen, den ich heute vor fünf Jahren in dieses Blog reinschrieb. Der sich heute liest wie direkt auf dem Weg zu den revolutionären, autoritären Bewegungen, die wir überall sehen und die überall in (ehemaligen) Demokratien unheimlich dicht an die knappe Mehrheit kommen.

Und heute, mit all dem, was in den letzten fünf Jahren passiert ist, diesen Text zu lesen und vor allem den Text, der ihn inspiriert hat, jenen fulminanten Essay von Seibt über die mutwillige Zerstörung der Politik durch die Konservativen und Rechten seit den 80ern, macht mir Angst und Mut zugleich.

13.7.16

Führung und Leben

Nach dem (ja, finde ich) unsäglichen kress.de-Text über die mögliche Unmöglichkeit von Teilzeitführung in einer Redaktion (und der Bestätigung dieser an sich meines Erachtens abstrusen These durch den Verlag selbst, um den es ging) gibt es jetzt zwei hilfreiche Texte, die etwas Sachlichkeit in die Debatte bringen. Von der geschätzten Kollegin Nicola Wessinghage ebenfalls auf kress.de; und vom einzigen anderen bekennenden feministischen Unternehmensführer, Robert Franken, in seinem Blog.  Tatsächlich haben Nicola und Robert die Perspektive gerade gerückt – hin zum wie, weg vom ob.

Oder, wie ich letzte Woche sagte,
Womit wir bei Agenturen, Jobs, Führung und meiner eigenen Erfahrung wären.

Alles ist in Teilzeit möglich
Als ich in den 90ern ins Parlament meiner Kirche gewählt worden war, habe ich einmal versucht, eine Leitungsstelle (eine Pröpstin in dem Fall) mit einem Tandem zu besetzen. Wir haben mit einer Gruppe Feministinnen ein Tandem für eine Kandidatur zusammen zu stellen versucht und zugleich die Lücke im Gesetz ausfindig gemacht, die dieses ermöglichen würde. Seit dem, noch bevor ich selbst in die Berufstätigkeit startete, bin ich überzeugt, dass jede Aufgabe auch über Teilung des Jobs erledigt werden kann. Und in Teilzeit.

Seit ich an Stellen angekommen bin, an denen ich das aktiv gestalten und mitbestimmen kann, versuche ich zu zeigen, dass das stimmt. Und bisher merke ich, dass es (1) im Prinzip tatsächlich stimmt und (2) trotzdem nicht klappt, ohne dass wir zerrissen werden zwischen Anspruch, Wirklichkeit und den verschiedenen Verantwortungen, die wir im Leben so übernehmen.

Planung und Bereitschaft
Es ist ja eben kein Zufall, dass auf einer meiner Stationen die einzige Führungskraft jener Firma, die nach Mutterschutz und Elternzeit wieder in ihren bisherigen Job zurück kehren konnte, eine meiner Mitarbeiterinnen war – und wir es nicht nur vorher sehr genau besprochen und geplant hatten; sondern uns auch genau die Frage gestellt hatten, die Robert als zentral formuliert (wo ich ihm exakt zustimme):
Wie stellst Du, lieber Arbeitgeber, sicher, dass ich meinen Job auch während meiner Zeit mit Baby so ausüben kann, dass meine Bedürfnisse nicht hinter den Deinen zurückstecken müssen?
Wir haben damals die Aufgaben genau auf die zehn Stunden zugeschnitten, die meine Mitarbeiterin während der Elternzeit weiterarbeiten wollte. Und nach und nach die Stunden erhöht, wie es die Familiensituation zuließ. Das einzige, was sich nie änderte: sie blieb für genau die Menschen Vorgesetzte, für die sie es vorher war. Und war ihre Chefin, auch wenn sie wenig vor Ort war. Ging gut. Sehr gut sogar.

Verantwortung und Teilzeit
Ich bin inzwischen ja, wie ihr wisst, verantwortlich für die Geschäftsführung einer Agentur in Deutschland, Cohn & Wolfe. Und mein Führungsteam hat neben mir zurzeit fünf Direktorinnen. Von denen arbeiten zwei in Vollzeit bei Cohn & Wolfe, eine hat mehrere Aufgaben in unseren Firmen und steht uns in Teilzeit zur Verfügung – und zwei arbeiten in Teilzeit, mit unterschiedlich vielen Stunden. Beide haben in Teilzeit Karriere gemacht übrigens. Und für ihre letzte Beförderung auf dieses Führungslevel, das Budget-, Kundinnen-, Profit- und Mitarbeiterinnenverantwortung umfasst, haben sie auch nicht ihre Stunden erhöht.

Es wäre gelogen, zu sagen, bei uns liefe es optimal. Und es wäre ebenso gelogen, zu sagen, dass sie nur die Stunden arbeiten, für die sie bezahlt werden (das ist bei niemandem so, der oder die in einer Agentur Verantwortung trägt, aber das wissen wir Agenturleute). Aber was funktioniert, ist, dass wir es schaffen, unseren Teil dazu beizutragen, die Balance zwischen den verschiedenen Rollen, die (nicht nur, aber vor allem) Führungskräfte in Teilzeit in ihrem Leben haben, immer wieder herzustellen.

Organisation und Erfolg
Ich bin fest davon überzeugt, dass der Erfolg, den meine Agentur gerade hat – immerhin haben wir Honorarvolumen und Anzahl der Mitarbeiterinnen im letzten Jahr verdreifacht und eine sehr, sehr unheimliche Pitch-Gewinn-Quote –, vor allem damit zusammen hängt, dass wir genau dies ermöglichen. Dass wirklich gute Leute wirklich an der Stelle Verantwortung übernehmen können, an der sie besonders wertvoll sind, unabhängig von der Anzahl der Stunden, die sie uns zur Verfügung stellen (können und wollen). Dass wir gelernt haben, uns zu organisieren und Verantwortung so weit wie möglich zu delegieren, so dass wir schnelle Entscheidungswege haben. Dass wir die Selbstorganisation im Team durch Scrum-Methoden stärken.

Und dass wir die Frage stellen
Wie stelle ich als Arbeitgeber sicher, dass ihr euren Job auch während eurer Zeit mit Kindern so ausüben könnt, dass eure Bedürfnisse nicht hinter meinen zurückstecken müssen?
Nämlich.

28.6.16

#TeamGinaLisa

Mich lässt der "Fall" Gina-Lisa Lohfink nicht los. Als wir vor drei Wochen einen Preis für Onlinekommunikation für unsere (Cohn & Wolfe) Kampagne #nurwennicheswill gewonnen haben, widmeten wir den Preis bewusst allen Frauen, die sich gegen Übergriffe wehren, obwohl sie nur selten Recht bekommen in diesem Land und obwohl sie von Behörden und Justiz sehr oft sehr schlecht behandelt werden.

Für mich ist dies aus vor allem zwei Gründen so wichtig:

  • Zum Einen, weil der Prozess gegen Frau Lohfink ein Thema nach vorne und in die größere Wahrnehmung holt, das mir wichtig ist – und in dem ich als Mann eine zuhörende Rolle übernehmen muss. Weshalb mich Richter Fischer so ankotzt, um es mal auf deutsch zu formulieren.
  • Und zum Anderen, weil gerade die Person Lohfink in diesem Zusammenhang so interessant ist.
Es bedrückt mich, wenn ich sehe, wie in meiner Generation (Mitte vierzig) und selbst noch in der Generation meiner älteren Kinder (um die zwanzig) Mackerverhalten und brutales Besitz- und Benutzdenken von Männern und Jungs Frauen gegenüber verbreitet ist. Das reicht vom ehemaligen Chef, der sich das Recht nimmt, junge Mitarbeiterinnen gegen ihren Willen anzufassen, über die Jungs, die ein Mädchen, das gerne Sex hat, als Matratze der Schule diffamieren, und emotionale Erpressung bis hin zu Vergewaltigung.

Und es erschreckt mich, wie die Tatsache, dass nahezu alle Menschen, die ich kenne, Frau Lohfink unangenehm finden und schräg und ihre Art, mit Sex umzugehen, ablehnen, wie diese Tatsache bei allzu vielen einen Reflex auslöst, der im günstigsten Fall fragt, ob das wirklich alles so war, und im ungünstigsten auf ein "selbst Schuld" hinausläuft.

Gerade weil mir Frau Lohfink unangenehm ist, ist der Prozess gegen sie so ein Fanal. Denn egal, ob jemand unter Drogen ist, betrunken oder nackt. Egal, ob eine schon mal Pornos gedreht hat oder ihren Körper vermarktet. Egal, ob eine schlau ist oder nicht, sich die Haare entfärbt oder Intimrasur betreibt. Alles egal – sie hat das Recht, nicht vergewaltigt zu werden. Punkt.  Dass ihr dann der Prozess gemacht wird, weil sie wollte, dass ihre Vergewaltiger betraft werden, ist krank.

Wie bei so vielen anderen Dingen auch gibt es bei Vergewaltigung keine "Mitschuld" des Opfers. Ja, es kann sich vorwerfen, nicht früh genug nein gesagt zu haben vielleicht. Es kann sich selbst vorwerfen, mit einem Arschloch und Verbrecher getrunken oder gefeiert zu haben. Aber es kann sich nicht vorwerfen oder vorwerfen lassen, dass es vergewaltigt wurde.

Es macht mich unendlich zornig, wenn ich sehe, was mit einer Frau (und Frau Lohfink steht hier nur stellvertretend für viele, viele tausend Frauen jedes Jahr, denen exakt das gleich passiert) gemacht wird, die sich traut, sich zumindest nachträglich gegen die Vergewaltigung zu wehren. 

Es irritiert mich zutiefst, wenn ich sehe, dass Menschen, Männer zumeist, die sich klar zu "Nein heißt Nein" bekennen, im Fall von Lohfink schwimmen und schwurbeln. Sich auf das Ablenkungsmanöver mit den K.O.-Tropfen oder eben nicht einlassen. Das Thema auf eine grundsätzliche Ebene ziehen. Allzu viele Fragen sehen, die ungeklärt seien. Ja, kann alles sein – aber eine Vergewaltigung bleibt eine Vergewaltigung. Und Sex gegen den Willen einer Person ist eine Vergewaltigung. Sex ohne aktive, explizite Zustimmung einer Person ist eine Vergewaltigung. Egal, welche Fragen sonst noch offen sind. Und wenn mir der Prozess gemacht wird, weil ich möchte, dass meine Vergewaltiger betraft werden, ist das krank (sagte ich das schon?).

Das Leben ist nicht nur schwarz-weiß und es gibt unendlich viele Spielformen, die im Konsens auch Dinge ermöglichen, die mir fremd sind. Und Zustimmung ist nicht so trivial festzustellen, schon klar. Was aber nichts daran ändert, dass ein Unterschreiten der Zehn-Zentimeter-Schutzschicht nun mal nicht geht, wenn sie nicht angefordert wurde... 

Ich meine: Wenn es nicht zu einer klaren Position zum Fall Lohfink führt, ist ein Bekenntnis zu "Nein heißt Nein" nichts wert. Weil es dann doch nur wieder um saubere, bürgerliche Mittelschichtdinge geht. Beweisen aber muss sich das Thema, so finde ich, an den Rändern. Aber wie so oft ist der aufgeklärte Bio-Aktivismus in der Gefahr, die soziale Frage unterzubelichten.



24.6.16

Die Ernte der Disruptionspredigten

Ich interessiere mich schon sehr lange für die Kontinuitäten in den Umbrüchen und Veränderungen. Kurz gesagt (und ja, etwas zu holzschnittartig) für das Leben, das weitergeht und sich für die allermeisten Menschen gar nicht so radikal und schon gar nicht so schnell verändert, wie es einerseits die Predigten des Untergangs und der Veränderung behaupten und wie es andererseits in der historischen Rückschau oft scheint. 2004 deutete ich dieses Thema das erste Mal hier im Blog an. Stichworte sind Werner Durth und Otto Baumgarten. Aber das nur am Rande.

Vielleicht ist es aber diesem Interesse, das aus dem Studium in den frühen 90ern herrührt, geschuldet, dass ich immer gegen die Profetinnen* des Untergangs, der Wandels, der Disruption immun war. Dass ich meine gesamte berufliche Beschäftigung mit Social Media über beispielsweise eher die Dinge betont habe, die gleich bleiben in der PR, bei denen es nur um eine neue Arena aber nicht um ein neues Paradigma ging.

Das aber nur vorab, um ein bisschen Kontext zu schaffen für das, was mich in den letzten Monaten so oder so umtreibt. Und wo ich Ursachen, nicht Anlässe für die krassen Bruchkanten in unseren (europäischen) Gesellschaften sehe.
Das macht mich unruhig. Und mit diesem Text schließe ich an meine Überlegungen zu den Autoritären (wer dazu was wissen will, kurz dem Link folgen) an, versuche ich, die Gedanken dazu zu ordnen, wieso die ängstlichen Autoritären so stark geworden sind.

Disruptionsrhetorik
Denn ich bin mir recht sicher, dass die Disruptionsrhetorik, die auch viele Menschen in meiner Ecke des Internets, die ich sehr schätze, in der Feder führen, einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat. Dieser profetische Impetus, den ich im Grunde sogar verstehen kann, wenn es einfach nicht voran geht, wenn es mal wieder alles langsam zu langsam ist, wenn mal wieder die Falschen das Falsche beschließen. Die Idee, dass alles ganz anders sein oder werden muss und das auch bittesehr ganz ganz schnell, weil wir sonst alle sterben werden. Oder zumindest unsere Wirtschaft. Oder das Internetz.

Die durchweg positive Sichtweise auf Disruption, die sich im Zuge der neoliberalen Revolution bis hinein in ehemals linke oder emanzipatorische Kreise durchgesetzt hat, ist ja ironischerweise im Kern ein totalitäres Konzept, das philosophisch auf Nietzsche und ökonomisch auf Schumpeter zurück geht, der ein recht radikaler Verteidiger des Kapitalismus war.

Im Rahmen einer Wirtschaftsweise, die alle anderen gesellschaftlichen Ziele der Kapitalmaximierung unterordnet (also im Rahmen eines nicht durch gesellschaftliche Regeln, beispielsweise die Soziale Marktwirtschaft, begrenzten freien Kapitalismus), ist die Idee, dass Disruption durchweg gut ist, auch vernünftig. Absurd wird sie nur, wenn sie sich verselbstständigt, wenn sie gesellschaftlichen Fortschritt postuliert – oder wenn sie ein Ziel um ihrer selbst willen wird.

Denn die Disruptionsrhetorik, die vor allem bei digitalen Pionieren oder Netzaktivistinnen gerne genutzt wird, hat in letzter Konsequenz vor allem das eine Ziel, das Disruption selbst ja auch hat: Die Akzeptanz für technokratische, eindimensionale, angeblich alternativlose und quasi vulgär-naturwissenschaftliche Behauptungen über die Zukunft zu schaffen.

Alternativlosigkeit
Ähnlich scheint es sich meiner Meinung nach mit der Rhetorik der Alternativlosigkeit zu verhalten. Hier noch etwas offensichtlicher in den Folgen, denn der Aufstand der ängstlichen Autoritären gegen die unpolitische Behauptung der Alternativlosigkeit führt als Partei ja gerade das Wort "Alternative" im Namen.

Das Problem ist nur: sowohl die Disruptionsrhetorik als auch das Reden von der Alternativlosigkeit widersprechen der täglichen Erfahrung nahezu aller Menschen. Fast immer habe ich im Alltag Alternativen. Und fast nie ist meine Wirklichkeit total von Disruption geprägt. Von Unsicherheiten und auch von Anpassungsschmerzen, ja – aber eben nicht von der Radikalität beider Behauptungen.

Nun ernten wir die Früchte dieses Alarmismus
Was allerdings beide an sich von der Alltagserfahrung nicht gedeckten rhetorischen Herrschaftsinstrumente geschafft haben, ist eine massiv zunehmende Verunsicherung. Das jahrelange Sperrfeuer, dass auch das Leben meiner Großeltern sich radikal ändern müsse, weil es alternativlos sei, dass sie sich mit der Disruption beschäftigen, führt dazu, dass sie die zornigen Disruptionsprofeten ebenso zornig spiegeln.

Das Auseinanderfallen der Gesellschaft in Alte und Nichtalte (wie beim Brexit), in Männer und Nichtmänner (wie in Österreich), in Autoritäre und Nichtautoritäre (wie überall in Europa und Nordamerika) – dieses Auseinanderfallen ist selbstverständlich nicht die "Schuld" des Silicon-Valley-Kults oder der Technokratie als faktische Regierungsform allein. Aber die Früchte von beiden haben zur Vergiftung massiv beigetragen. Zum Rausch, der zum letzten Aufbäumen der verzagten und ängstlichen Autoritären führt.

Die Opfer sind meine Kinder
Selten ist so klar und eindeutig zu sehen, wie sehr dieses auch ein Krieg der Generationen ist, wie beim Brexit. Was immer an Veränderungen kommt, was immer an Zerstörung, ob kreativ oder nicht, passiert, ist für die Generation meiner Eltern und Großeltern egal. Denn trotz aller Rhetorik ist es ein langsamer Prozess. Für meine Generation ist es undramatisch, denn wir sind jung genug, um uns noch anzupassen, und alt genug, um schon eine Zugehörigkeit zu entweder der Gesellschaft oder einer Klasse zu haben. Aber die Generation meiner Kinder ist es, der ihr das Leben sauer macht, die ihr Angst habt oder Angst verbreitet, die ihr Autoritäre seid oder selbsterklärte Revolutionäre, die ihr eure eigene Agenda betreibt, weil ihr euch nicht ändern wollt oder weil ihr euren Markt vergrößern wollt. Dafür verachte ich euch. Und darum werde ich euch bekämpfen. Beide.

Kontinuitäten
Womit ich wieder am Anfang angekommen bin, bei den Lebenslinien, die über Umbrüche und Veränderungen hinaus zeigen. Für die meisten von uns geht das Leben weiter. Dafür brauche ich keine albernen und falschen Autosuggestionen, dass der Brexit eine Chance sei für Reformen, dass Zerstörung kreativ sei, oder wie auch immer. Dafür brauche ich eher die Zuversicht und den Lebensmut, die Demut und die Hoffnung, die Erfahrung und das Vertrauen, also das, was mir das Leben bisher beschert hat.

Kontinuität in Zeiten des Umbruchs ist etwas Gutes, finde ich. Und Zerstörung, die Erfahrung habe ich zumindest gemacht in den letzten 46 Jahren, ist nicht gut. Und schon gar nicht kreativ. Disruption ist ein zutiefst konservatives, oft sogar reaktionäres Konzept. Denn die Trümmer werfen uns zurück in die Vergangenheit, in die Zeit vor der Zeit, in der das, was wir zerstört haben, notwendig schien. Wer Disruption fordert oder propagiert, ist im eigentlichen Wortsinne asozial, denn sie hat nur ihre eigenen Interessen im Blick, denen das, was zerstört werden soll, im Wege steht.

Kreativität und Fortschritt dagegen, das zeigt ein Blick beispielsweise in die Musikgeschichte, entsteht oft aus dem Überschreiten von Grenzen, nicht aus der Zerstörung der Ordnung. Jeder Akt, eine Grenze zu überschreiten, ist ein Akt der Kreativität und der Befreiung. Was etwas anderes ist als Zerstörung.

* Dass ich Profetinnen mit f schreibe, ist eine lebenslängliche Hommage an den großen Alttestamentler Klaus Koch, der der Meinung ist, dass ein einzelner Buchstabe im griechischen und hebräischen nicht mit zwei Buchstaben im deutschen transkribiert werden sollte. Als er emeritiert wurde, titelte unsere Fachschaftszeitung: "Er wird eine schwer zu phüllende Lücke hinterlassen"... (schrieb ich schon häufiger in dies Blog rein, muss aber immer wieder sein)

24.5.16

Väter! Ihr seid gefragt!

Mir gehen die Versteherinnen und Versteher der Leute, die überall auf der Welt autoritäre Bewegungen unterstützen, ohnehin auf die Nerven. Ob wir die – der Einfachheit wegen – Nazis nennen oder Idioten oder eben Autoritäre, das ist mir fast egal. Nicht egal ist mir, dass sie den Handlungsspielraum massiv einschränken, den eine Demokratie hat, weil es auf einmal keinen Wettstreit der Ideen unter nicht-autoritären Politikansätzen mehr gibt. Aber, an dem Rumreiten auf dem Wort "Autoritäre" merkt ihr es, diese Beschreibung dessen, was politisch nicht nur bei uns sondern eben auch in fast allen anderen Ländern mit ehemals bürgerlichen Demokratien passiert, leuchtet mir ein.

Die Idee, das, was politisch gerade passiert, über eine autoritäre Haltung zu beschreiben, begegnete mir erstmals im Januar in einem sehr spannenden Artikel über Trump und den amerikanischen Wahlkampf. Dieser Link lohnt sich sehr, auch weil er sehr einfach beschreibt, wie ein autoritäres Weltbild, eine autoritäre Haltung erforscht und festgestellt werden kann. Das Spannende ist, dass in diesem Fall über vier Fragen, die alle mit Erziehung der eigenen Kinder zu tun haben, zwischen autoritär und weniger autoritär unterschieden wird. Dazu gleich mehr, weil ich denke, dass das richtig ist, so lange wir die Verantwortung für die Entwicklungen nicht komplett privatisieren.

Diese Woche dann zwei weitere sehr lesenswerte Texte
Anlass war jeweils Österreich, wo ja spannenderweise das Konzept auch von SPD und CDU, mit der autoritären Herausforderung umzugehen, so krachend gescheitert ist.
Wer weiß, ob Olaf Scholz, den ich ja ohnehin für sehr problematisch halte, heute seinen meiner Meinung nach gefährlichen Text zum Umgang mit den deutschen Autoritären (naja, ist er ja selbst auch einer, also Autoritärer, darum wahrscheinlich auch dieses Problem) noch immer schreiben würde.

Zum einen der erste Text, den ich in deutschen Medien wahrgenommen habe, der die Erfolge der rechten Bewegungen über das Thema der Autoritären beschreibt, Bernd Ulrich in der Zeit. Zum anderen ein interessantes Interview auf jetzt.de über das, was nun der Anlass für diesen Text hier bei mir im Blog ist – dass es so einen auffälligen Unterschied im Wahlverhalten von (jungen) Frauen und Männern gibt.
Auch hier eine Anmerkung im Kleingedruckten: Den letzten Absatz, die letzte Antwort im Interview, sehe ich sehr anders. Denn die Hoffnung, dass sich autoritär-faschistische Parteien, einmal an der Macht, zivilisieren würden, halte ich für historisch widerlegt. Das war auch die Hoffnung des autoritären Bürgertums in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Was hat das mit uns zu tun?
Alles. Denn ob unsere Jungs auf ihre Verunsicherung mit einer autoritären Haltung reagieren oder nicht, darauf haben wir die ersten zwanzig Jahre Einfluss. Und zwar ganz besonders wir Väter.
Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Vorstellung, wie Leben und Zusammenleben sein soll, die in Schule und Kindergarten, in einem großen Teil der Medien, in der Rechtsprechung und Gesetzgebung transportiert wird, von der gesellschaftlichen Realität sehr stark abweicht. Interessanterweise sind wir in diesem Land in der Theorie ja sehr viel weiter auf dem Weg in eine gerechte und nicht-patriarchale Gesellschaft als in der Praxis. Und das gilt noch mehr in den Ländern, in denen die autoritären Bewegungen schon länger als bei uns sehr wirkmächtig sind und massive Zustimmung bei Wahlen erfahren, beispielsweise in Skandinavien, den Niederlanden und den USA.

Mir leuchtet das Erklärungsmuster sehr ein, dass die autoritären Bewegungen ein gewaltsames Aufbäumen der Verlierer dieser Entwicklung sind. Derer, die sich (wenn sie älter als sagen wir mal 35 Jahre sind) nicht auf die Veränderungen einlassen wollen. Und derer, die – sicher auch zu einem guten Teil berechtigterweise – davon ausgehen, dass sie sich ändern müssten, wenn sie bestehen wollen, das aber nicht wollen. Möglicherweise befinden wir uns im letzten Abwehrkampf des gewalttätigen misogynen Mackertums.

Auf Dauer ist es nicht denkbar, wahrscheinlich nicht einmal möglich, dass die autoritären Macker diesen Kampf gewinnen. Aber er wird noch ein oder zwei Generationen andauern. Und unsere Söhne werden die sein, auf deren Rücken dieser Kampf aufgetragen wird. Sie sind es teilweise schon.

Wenn es tatsächlich so ist, dass die Frage, ob jemand eher autoritär "tickt", einen großen Einfluss darauf hat, ob sie sich gesellschaftlich und politisch bei autoritären Bewegungen verortet oder sogar engagiert, müssen wir, finde ich, unser Augenmerk sehr auf die Jungs, unser Söhne und Schüler, legen. Und ihnen helfen, vor allem durch unser Beispiel helfen, den Verlust einer autoritären Perspektive nicht als schlimm zu empfinden.

Eine autoritäre Haltung identifiziert Matthew MacWilliams im oben schon erwähnten Text auf politico anhand der Antworten auf vier Fragen zur Erziehung von Kindern:
Ist Ihnen bei Ihrem Kind wichtiger, dass es Respekt hat oder dass es unabhängig ist? Ist Ihnen wichtiger, dass es gehorcht oder dass es selbstständig ist? Wichtiger, dass es sich gut benimmt oder dass es rücksichtsvoll ist?  Dass es gute Manieren hat oder dass es neugierig ist?
Ich finde diese Fragen so interessant und überzeugend, weil die Alternativen ja keine reinen Alternativen sind – aber tatsächlich, wenn ich mich jeweils entscheiden muss ("wichtiger"), eine aussagekräftige Haltung erkennbar ist.

Als Vater von Söhnen muss ich Feminist sein
Sage ich vielleicht auch, weil mir das wichtig ist, ja. Aber selbst wenn es mir persönlich egal wäre – schon aus Fürsorge meinen Söhnen gegenüber müsste ich es werden. Damit ich ihnen helfen kann, nicht zu den Verlierern dieses Kampfes zu werden, mit dem die Autoritären versuchen, eine mir lebenswert erscheinende Gesellschaft zugrunde zu richten. Daran werden sie scheitern, langfristig. Aber unsere Söhne werden dann am Ende zu den Opfern dieses Kampfes gehören (nach den Menschen, die von der Norm abweichen, die die Autoritären für sich definiert haben, die jetzt schon Opfer dieses Kampfes sind, so dass sich die Autoritären erstmal als Sieger fühlen), wenn sie es nicht schaffen, sich von den billigen Verlockungen eines autoritären Weltbildes, einer autoritären Haltung zu lösen.

Es ist fast ironisch
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die in den letzten 20 Jahren so verlachten Antiautoritären einmal die sind, von denen wir das Überleben dieser Gesellschaft in Freiheit lernen können. Wer hätte gedacht, dass der anti-antiautoritäre, anti-68er Impetus der neoliberalen Revolution der 90er uns einmal in diesen Kampf um unsere Gesellschaft führen würde. Dass das historische Versagen von New Labour und Schröder nicht einfach das Zerschlagen der Sozialdemokratie ist – sondern die Tatsache, dass sie den Grundstein für die autoritären Bewegungen heute gelegt haben, indem sie das dahinterstehende Weltbild zurück in die Mitte der Gesellschaft bugsierten.

Was mir Mut macht, ist, dass wir etwas tun können, jede von uns. Was mich verzagen lässt, ist, dass ich so viele Väter darin versagen sehe, ihren Söhnen die Grundlagen von Zivilisation vorzuleben. Väter, ihr seid echt gefragt gerade.

****
Update (24.5.)
Ich hatte den Text von Robert Franken, einem der wenigen sichtbaren Feministen in meinem Teil von Beruf und Internet, zum gleichen Thema noch nicht gelesen, als ich dieses schrieb. Er denkt über das gleiche nach, mit etwas anderem Schwerpunkt, stellt aber auch die Frage:
Sind Männer das prekäre Geschlecht?
Noch interessanter aber sein Hinweis beispielsweise auf ostdeutsche Männerüberschüsse etc. Lesen, da.

27.4.16

Zickig

Als Vater von Jungen bin ich oft schnell dabei gewesen, zu sagen "sei doch kein Mädchen". Und das, obwohl ich, wie ihr ja wisst, in einer feministischen Umgebung aufgewachsen bin. Inzwischen weiß ich, wie sehr solche Worte das Rollenverständnis nicht nur prägen sondern auch spiegeln.

Ähnlich ist es mit Worten wie "zickig" oder "Zicke".
Ja, es werden auch (ganz selten) Männer oder Jungen mit diesem Wort beschimpft. Aber meistens, so ist meine Erfahrung, um neben der eigentlichen Beschimpfung auch noch die Beleidigung "du Mädchen" mitzugeben.

Jetzt, wo meine Tochter größer wird und die üblichen Dinge tut, die meine Söhne auch taten, als sie größer wurden, fällt es mir noch mehr auf. Am Ende der Grundschulzeit wurde deutlich: Was bei Jungs als "wild" akzeptiert wurde, galt bei ihr als "aggressiv". Wo Jungs "dominant" genannt wurden, hieß es über sie, sie sei "zickig". Heute wird, durchaus in einer im Prinzip ideologisch deutlich offener und feministischer geprägten Schulumgebung, misogyne Kakkscheiße immer noch als "Streit" verniedlicht – wenn sich die Tochter auch körperlich wehrt, wenn sie von einem Jungen als "fett" oder "hässlich" beschimpft wird.

Da bin ich empfindlich. 
Und immer noch peinlich berührt, wenn dies von Lehrerinnen oder anderen Eltern nicht als Problem gesehen wird. Das aktuelle Problem ließ sich entschärfen, indem Secundus, ihr feministischer Bruder mit Punk-Attitüde, Quarta mal auf dem Schulhof der Kleinen besuchte. Aber irgendwie auch nicht so geil.

Ich finde es eine gute Idee, das Wort "zickig" umzudeuten, es in einen anderen Kontext zu stellen. Aber so weit sind wir noch nicht. Und darum verwende ich es nicht mehr. "Herrisch" ist aktuell meine Lieblingsalternative, auch aus dem Grund, dass es so wunderbar pseudomännlich klingt.

Sprache verändert Verhalten und Haltung.
Das ist meine Erfahrung. Sprache ist – zumindest in kulturellen Zusammenhängen, die stark sprachlich geprägt sind – eben nie unwichtig, zweitrangig, weg vom "eigentlichen". Unachtsamkeit bei Sprache ist auch nur selten wirklich boshaft – aber das ist auch nicht entscheidend. Wenn nur schlecht wäre, was jemand mit böser Absicht macht, wäre die Welt ein sehr viel besserer Ort. Schlecht kann auch etwas sein, das mir nicht selbst als schlecht auffällt. Denn dass es mir auffällt, hat auch viel mit Prägung zu tun, mit Erfahrung, damit, dass mich andere darauf aufmerksam machen. Mit meinem blinden Fleck. Und damit, dass ich mich selbst mit meinen eigenen Befindlichkeiten nicht so wichtig nehmen.

Ja, die eine oder andere wird nicht sofort bei Traumtänzer an einen Mann und bei Lieblingszicke an eine Frau denken. Aber am Ende ist das nicht wichtig. Denn es geht nicht um dich.

***

Morgen ist der traditionelle Girls' Day, der heute oft auch Boys' und Girls' Day heißt. Da geht es um eine Arbeitswelterkundung, die vor allem dazu dienen soll, stereotype Rollenbilder in der Berufswahl aufzubrechen. Das klappt ungefähr so gut wie in der Werbung.

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