Haltungsturnen
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    "der Haltungsturner"
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    31.1.12

    Es ist Zeit, Netzpolitik abzuschaffen 

    link (4) comments

    Gefährliche Komikerinnen wie #Heveling und mäandernde Politbewegungen wie die Piratinnen haben eines gemeinsam: Sie nehmen "die Netzpolitik" zu wichtig.

    (Ja ich weiß, ich kämpfe auch immer noch für eine intelligente Netzpolitik in meiner eigenen Partei, den Grünen. Das ist ein Widerspruch zu dem, was ich jetzt gleich sagen werde. Diesen Widerspruch sehe ich, kann ich auch nicht wirklich auflösen, weil beides stimmt. Ich neige aber mehr und mehr dazu, dass ich "Netzpolitik" als Disziplin für Teil des Problems halte und nicht für einen Teil der Lösung.)

    Wer Netzpolitik isoliert betrachtet, läuft immer wieder in das Problem, "das Netz" ebenfalls isoliert zu betrachten. Faktisch wird damit der disruptive Charakter dessen, was durch "das Netz" in den letzten 20 Jahren verändert wurde und sich weiter verändert, kleiner gemacht, eben vom Leben, von Kultur, Bildung, Wirtschaft und so weiter abgekoppelt.

    Mein Verdacht ist mehr und mehr, dass es "uns" Netzaktivistinnen so schlecht gelingt, andere Politikbereiche für die (tollen und weniger tollen, hilfreichen und verunsichernden) Veränderungen zu sensibilisieren, weil wir über Netzpolitik reden. Und nicht über Demokratie (ok, manche Piratinnen tun das). Wir verlieren in der Kulturdebatte (rund um Urheberinnenrechte etc). Wir gewinnen keine Priorisierung in der Infrastrukturpolitik.

    Warum ist das Internetz genauso wichtig wie das Stromnetz und das Straßennetz? Wieso sind Quellenkritik und Suchstrategie genauso wichtig wie die Analyse von Versformen und die Abgrenzung von Literaturepochen?

    "Wir Netzpolitikerinnen" haben darauf im Prinzip Antworten. Aber "wir" reiben uns auf in medienpolitischen Diskussionen oder besaufen uns an einer gefühlten Bedeutung im netzpolitischen Resonanzraum. Die Beheimatung der "Netzpolitik" als Teildisziplin in der Medienpolitik ist ihr Webfehler (was für ein Kalauer).

    Wenn es uns ernst ist damit, dass das Netz als Teil unseres Lebens und als etwas, das wir Heimat nennen, einer ganz besonderen Aufmerksamkeit bedarf, dann müssen wir dahin, wo es weh tut und wo wie Entscheidungen getroffen oder vorbereitet werden, die uns betreffen. Dann müssen wir die wirtschaftspolitischen Sprecherinnen unserer Parteien werden. Dann müssen wir die Unternehmensverbände auf unsere Seite ziehen, die Gewerkschaften, die Betriebsrätinnen, die oft noch die Bremserinnen der Entwicklung in den Unternehmen sind.

    Wer sich vor allem über die Netzpolitik definiert, ist für die anderen eben nur Gedöns. Und wer das aus dieser meilenweit vorausgehenden Perspektive der DigiGes oder D64 tut, muss sich nicht wundern, wenn die "richtigen" Politikerinnen sie nicht ernst nehmen. Wer (unbeholfenen) Fachpolitikerinnen das Heimatrecht im Netz verwehrt oder sie mit Spott bedeckt, muss sich nicht wundern, wenn sie dann Kasper wie Heveling bekommt, also Netz-Fachpolitikerinnen, die so viel Ahnung vom Netz als Heimat und Teil des Lebens haben wie viele Netzpolitikerinnen von Infrastrukturen oder dem Betriebsverfassungsrecht.

    Wenn Heveling jetzt was vom Krieg erzählt, dann ist das ein guter Anlass, zuzugeben, dass der klassische Weg der Netzpolitik gescheitert ist. Denn der Experte Heveling ist das Ergebnis dieser Politik. Ist aber am Ende nicht schlimm, denn überall kommen die Fachressorts aus dem Quark, ohne dass "wir" sie beackern.



    P.S.: Heveling ist kein Opfer eines Mobs aus Handelsblatt und Netzdings. Er ist der ranghöchste Netzpolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er ist qua Amt Experte für Netzpolitik. Er weiß genau, was er tut, er ist die (konservative) Quintessenz der netzpolitischen Diskussion der letzten Jahre. Und hat darum jeden Spott verdient, den er bekommen kann.

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    der Haltungsturner, (4) comments

    27.1.12

    Ich mag das #tgif Mem gar nicht 

    link (1) comments

    Ja, ich freue mich auf's Wochenende. Vor allem, weil ich einen netten Bodenarbeitskurs mit meinem Pferd machen werde. Und ja, ich hab auch schon thank god it's Friday geseufzt. Bestimmt auch online verkürzt zu #tgif.

    Aber trotzdem verstehe ich das irgendwie nicht. Was ist an eurem Job so schlimm, dass ihr freitags um 8 Uhr morgens schon wohlig seufzend das Wochenende anruft? Ich glaube, ich würde dann versuchen, etwas an meinem Leben zu ändern.

    Mein Großonkel und seine drei Töchter waren die - heute würde man wohl sagen - Testimonials der SPD-Kampagne "Am Samstag gehört Vati mir". Toll, dass sie damit erfolgreich waren damals, bevor die Seufzerinnen geboren waren.

    Vielleicht bin ich in einer besonderen Situation, ich weiß es nicht. Mir macht mein Beruf und auch mein Job Spaß. Und mein Wochenende auch, an dem ich mehr von meiner Familie und unserer Pferdeherde sehe. Obwohl es so viel mehr auch nicht ist, weil sie alle auch dann ihre Wege gehen. Wie das Leben so ist.

    Dass das Leben aus beidem besteht, finde ich gut. Ora et labora. Oder in so einem ätzenden Elternspruch: wer feiert, kann auch arbeiten. Ich arbeite nicht, um zu leben. Sondern die Arbeit ist Teil meines Lebens. Kein kleiner. Manchmal habe ich den Verdacht, dass das subjektive Stressempfinden sich umgekehrt proportional dazu verhält, wie sehr ich begreife, dass Arbeit nicht nur die lästige Pflicht ist, um mir mein Leben zu leisten - sondern zu einem gelingenden Leben positiv dazu gehört.

    Aber vielleicht kommt da auch nur der orthodoxe Lutheraner in mir durch.

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    der Haltungsturner, (1) comments

    24.1.12

    Rund um die Uhr online 

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    Ich rede viel mit anderen Eltern über dieses Onlinedings. Gebe auch hin und wieder ehrenamtliche Fortbildungen für Eltern unter dem Motto "Was machen unsere Kinder eigentlich da im Internet?" Und ich mache mir immer wieder und immer neu Gedanken darüber, wie ich eigentlich meine Kinder da begleite und begleiten will. Zumal es auch Thema zu Hause ist. Zwischen meiner Frau und mir. Aber auch zwischen uns und den (teilweise ja schon jugendlichen) Kindern, mit denen es immer wieder auch ausgehandelt werden muss.

    Weil ich immer wieder von anderen Eltern gefragt werde, wie wir es machen, was sozusagen unsere Systemarchitektur ist, schreibe ich den aktuellen Stand hier mal auf. Ich versuche, eine Balance zu finden zwischen Freiheit und Regeln, zwischen Selbstverantwortung der Kinder und Grenzen, die wir ziehen (müssen und wollen). Ja, ich weiß, dass meine Kinder es nur so mittelwitzig finden, dass sie wahrscheinlich weniger "dürfen" als andere, weil ich in der Lage bin, Regeln technisch zu setzen und eben nicht nur laissez-faire mache. Interessant finde ich immer, wenn ich mal Eltern fortbilde, dass nahezu alle zu Hause ein WLAN haben, bei all diesen Familien die Kinder Zugang zu diesem WLAN haben - und nahezu niemand weiß, was die dann online machen und wann.
    I. Für die Jugendlichen

    Die beiden Großen sind Jugendliche, nutzen also "das Internet" schon lange und intensiv. Spielen, Chatten, Telefonieren, Mail (ja auch noch), TV, teilweise Facebook (einer hat sich wieder abgemeldet da) - das sind typische Tätigkeiten. Hier fahren wir eine Mischung aus technischer Beschränkung und Selbstverpflichtungen.

    Ihre Laptops sind mit der in Windows eingebauten "Kindersicherung" ausgestattet, die FSK-Grenzen bei Spielen enthält. Den Jungs steht ein Zeitkorridor zur Verfügung, in dem sie den Computer nutzen können: morgens von 6 Uhr bis 8 Uhr, und dann von 14 Uhr bis 22 Uhr (am Wochenende bis 24 Uhr). Verabredet haben wir, dass sie die Zeit, die sie mit MMORG (Onlinerollenspiele) verbringen, begrenzen, das regeln sie weitgehend selbst. Außerhalb dieser Zeiten können sie das WLAN mit ihren iPhones aufrufen, um Facebook zu nutzen, Skype oder was immer sie für Chat und Co brauchen. Denn mit ihren Freundinnen und Freunden sollen sie auch außerhalb der Korridore reden können.

    Das WLAN selbst schränken wir nicht ein, filtern auch das Internet nicht vor.

    II. Für den Zehnjährigen

    Tertius hat auf dem Computer in seinem Zimmer keinen Internetzugang, er nutzt ihn für sein Schachprogramm oder wenn er mal was schreiben muss oder will. Die ins Applebetriebssystem eingebaute Kindersicherung regelt hier die Korridore und die Menge der Computerzeit. Auf einem alten iPhone, das er als iPod nutzt, hat er Zugang zum WLAN, so dass er vor allem YouTube nutzen kann und hin und wieder neue Apps runterladen.

    Für Onlinerecherchen nutzt er eines der anderen Laptops, in der Regel eines der Eltern. Wir sind der Meinung, dass ein Zehnjähriger nicht zwingend unbeaufsichtigtes Internet braucht, insbesondere, wenn er nicht aktiv danach fragt. Er liest und spielt und hört viel. Und nutzt dazu andere Medienträger oder gar keine Medien.

    III. Für die Sechsjährige

    Quarta nutzt im Grunde keinen Computer, hin und wieder spielt sie auf dem iPod ihres Bruders oder lässt sich von ihm etwas auf YouTube zeigen. Wenn sie mal die Bibi-Blocksberg-Seite aufrufen will oder die Lern- und Arbeitsprogramme ihrer Deutsch- und Mathematerialien nutzen will, kann sie an eines der Laptops der Eltern.

    Und sonst? Unsere Kinder erleben, dass wir im Grunde jederzeit online sind oder sein können, sie haben direkten Zugang zu ihren Großeltern und (sehr viel älteren) Cousins via Skype und Facebook. Sie erleben, dass wir mal eben googlen oder bei Wikipedia nachgucken, wenn wir etwas wissen wollen, wir führen sie an bezahlte Musik und Filme im Web heran (in unserem Fall über iTunes). Und reden intensiv über Quellenkritik. Und googlen hin und wieder mal den Volltext ihrer Schulreferate, um nachzugucken, wo sie ihn abgeschrieben haben. Oder so.

    Die Herausforderung bleibt, immer wieder die Balance zu finden zwischen Selbstbestimmung und Regeln, zwischen Bewusstsein für das aktuelle Rechtssystem und Privatsphäre und den eigenen Bedürfnissen. Darum begleite ich meine Kinder durch den Anmeldeprozess bei Netzwerken und erklären ihnen, was welche Haken bedeuten - und lasse ihnen die Freiheit, da zu sein oder auch nicht. Zur Not bin ich 80% des Tages ohnehin nur einen Klick von ihnen entfernt, so dass sie mich um Hilfe bitten können oder nachfragen.

    Wie macht ihr das?

    Update
    Gut, dass Uwe mich daran erinnert, wie er es - ganz anders - löst. Er schrob neulich mal darüber.

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    der Haltungsturner, (10) comments

    18.1.12

    Rettet das Web, bevor Apps es töten 

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    Passend zum #SOPA-Aktionstag und zum gerade heute aktuellen Thema Freiheit hier die letzte Folge der Blogposts rund um meine sechs Ansagen für 2012. Es ist vielleicht die politischste, "ideologischste" These dieses Jahr. Aber eine, an der sich die Haltung zum Web entscheidet und in der es mehr als in allen anderen um die Zukunft geht. Alle sechs Teile und die Thesen selbst habe ich mit dem gleichen Stichwort versehen, so dass ihr sie hier zusammengefasst findet.
    Das Web ist tot? Apps sind die Zukunft? Das will ich doch nicht hoffen. Es wäre eine schreckliche Zukunft, in der ich nicht leben, lesen, reden und arbeiten wollte. Apps (ob auf dem iPhone, anderen Smartphones oder auf Facebook) sind praktisch. Wenn ich eine klar umrissene Aufgabe für sie habe. Fahrpläne. Das Ausleihen eines Fahrrades. Die Uhrzeit in Tokio. Ein Einkauf in meinem Stammladen. Aber Apps haben nichts zu tun mit dem Internet. Weder mit dem Inter noch mit dem Net im Internet.



    AOL (die Älteren werden sich vielleicht noch an den Namen erinnern) starb irgendwann unter anderem daran, dass es ein Silo war, das seine Nutzer einsperrte. Super praktisch, denn ich konnte alles machen, was AOL dachte, dass ich es will: Shoppen, Mailen, Chatten, Bankgeschäfte, Nachrichten lesen und so weiter. Nur rauslinken konnte ich nicht.

    Das Internet lebt von Hyperlinks. Davon, dass hinter jedem Satz, jedem Stichwort, jedem Zitat potenziell eine ganze weitere Geschichte liegt. Nicht umsonst fahren die Onlinemedien am besten, auch wirtschaftlich, die das begriffen haben. Die auch auf Seiten verlinken, die nicht auf ihrem eigenen Server liegen. Die kein Silo mehr sind, sondern verstehen, dass jede, die ich wegschicke, umso lieber wieder zu mir zurück kommt. So wie ich lieber auf eine Party im Café gehe als auf einem Boot. Ich muss die Gastgeberinnen schon sehr gut kennen, um mich auf einem Boot einsperren zu lassen, so dass ich die Party nur dann verlassen kann, wenn sie entscheiden, mal anzulegen.

    Um Nachrichten zu lesen oder Websites aufzurufen, brauchen wir keine App. Das geht genauso gut über eine gute Website, über eine, die auch auf dem kleinen Display meines mobilen Internetzugangsgerätes gut aussieht. Klar, wenn ich eine Website betreibe, die dem Anachronismus huldigt, auf 1024 Pixel Breite fest eingestellt zu sein, habe ich ein Problem, dann denke ich vielleicht über eine App nach, für Facebook oder für das iPhone. Aber wir reden hier ja über die Zukunft. Und nicht über das Jahr 2002.

    Einer der großen alten Denker rund um das Web und Erfinder so kluger Dinge wie RSS (remember, those where the days) Dave Winer hat im Dezember sehr gut und schlank zusammen gefasst, warum Apps nicht die Zukunft sein können, egal, was die so genannten Technologie-Leitmedien schreiben:
    The great thing about the web is linking. I don't care how ugly it looks and how pretty your app is, if I can't link in and out of your world, it's not even close to a replacement for the web. It would be as silly as saying that you don't need oceans because you have a bathtub. How nice your bathtub is. Try building a continent around it if you want to get my point.
    Modernes Webdesign und moderne Technik hinter Websites ermöglichen uns, wunderbare Dinge zu bauen, die toll im Browser aussehen, ganz anders und trotzdem sehr gut auf dem kleinen Touchscreen in meiner Hand, und die großartig als Tab unserer Facebook-Seite funktionieren, wenn wir sie als iframe einbauen.

    Im Grunde ist der App-Boom ja ohnehin absurd. Erst sagen sie, das Web werde omnipräsent und mobil und sozusagen das immer verfügbare Nebenbeimedium. Und dann schaffen sie das Netz und die Vernetzung ab und reduzieren das Thema auf Datenübertragung und Interaktion auf Displays?

    Das Besondere am Internet ist sein eingebauter Hang zur Gleichheit aller Inhalte. Aus denen sich dann - nicht als Demokratie, aber im Kern schon als Meritokratie - die relevanten und besseren Inhalte herausschälen können. Hyperlinks untergraben die Autorität. Auch die von Apple. Oder des Spiegel. Oder der Marken. Apps dagegen sind autoritär. Denn sie entscheiden für ihre Nutzerinnen, was diese sehen, machen, erleben dürfen.

    Kurzfristig mag es verlockend sein, als Unternehmen, als Marke, als Service auf dieses autoritäre Modell zu setzen, selbst wenn ich es nur als von Apple oder Facebook geliehene Autorität umsetzen kann. Aber schon 2012 wird der Gegentrend einsetzen und werden die Nachteile überwiegen. Denn hinter das verlinkte und verlinkende Internet kommen wir nicht mehr zurück. Und das ist auch gut so.

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    16.1.12

    Sag mir, wer du bist 

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    Folge fünf der Blogposts rund um meine sechs Ansagen für 2012. Damit wir langsam mal zum Ende kommen. Alle Teile habe ich mit dem gleichen Stichwort versehen, so dass ihr sie hier zusammengefasst findet.
    Daten sind ja nicht nur wichtig. Sie sind das Fundament, auf dem nahezu alles beruht, was man beruflich online machen kann. Zumal Onlinekommunikation grundsätzlich den großen Vorteil hat, dass alles messbar ist, dass nahezu nichts in einer Blackbox bleibt oder zumindest bleiben muss. Der Albtraum der Datenschützerinnen ist der Traum der Kommunikation.

    In Blogs, auf Facebook, in Frageportalen und so weiter haben viele Kommunikatorinnen zunächst vor allem auf die Dialoge geschaut. Das war auch eine Zeit lang richtig so - wir mussten lernen, Menschen zu verstehen, die da aktiv waren, mussten damit experimentieren, worauf sie reagieren, was sie von uns wollen, was sie nicht wollen, wie diese Art der Dialoge funktioniert.

    Dann aber setzte eine Art Verselbstständigung ein. Dialog wurde als Ziel definiert. Unterhaltungen bekamen einen Wert an sich. Echte Kommunikationsziele gerieten aus dem Fokus, das Experiment wurde zu einem Dauerprovisorium. Marken und Unternehmen lernten, mit den einzelnen Menschen zu reden, verstanden, wenn es gut lief, tatsächlich, was sie meinten und wollen, konnten reagieren. Nur wussten die wenigsten, mit wem sie da wirklich sprachen, wie diese Gespräche mit dem eigentlichen Geschäft des Unternehmens zusammen hängen - und was diese Menschen an anderen Stellen tun, wenn sie mit dem Unternehmen zu tun haben.

    Dialoge online zu führen, war oft an einer anderen Stelle im Unternehmen angesiedelt als das Führen einer Kundinnendatenbank. Oder der Datenbank aus dem Kundinnendialog. Und das führt dann zu so aparten Blüten, dass ich vom Helpcenter eines Unternehmens angerufen werde - und die Mitarbeiterin das Gespräch mit dem Satz eröffnet, ich hätte mich ja an die Pressestelle gewandt mit meinem Problem. Ich überlege kurz. Und muss lächeln: Ja, ich hatte entnervt getwittert, dass ich etwas nicht verstehe - und dabei den Firmennamen genannt.

    Was also gut klappte, war das Twittermonitoring. Und mein Name wurde in der Datenbank gefunden. Was es damit aber auf sich haben könnte, eher nicht. Vielleicht ist es Jammern auf hohem Niveau - denn so manches Unternehmen wäre sicher froh, wenn es schon so weit wäre, dass es diesen ersten Schritt machen kann. Aber wäre es nicht großartig, wenn in meiner “Kundenakte” diese Beschwerde direkt sichtbar wäre? Wenn die Mitarbeiterin im Helpcenter wüsste, dass ich einige Leute habe, die mir auf Twitter folgen? Dass darunter viele Journalistinnen sind und einige andere Multiplikatorinnen? Dass ich blogge?

    All diese Dinge “weiß” oder sammelt jemand aus dem “Social-Media-Team” dieses Unternehmens (ca. einen halbe Planstelle in der Unternehmenskommunikation). Aber macht damit nicht wirklich etwas. Was auch? Ich bekomme trotzdem den gleichen Newsletter wie alle anderen Kundinnen. Dort wird auf die Facebook-Seite als neu hingewiesen, auf die ich vor sechs Monaten schon mal eine Frage gepostet hatte. Als ich kündige und zur Konkurrenz wechsele, nimmt nur der Onlinevertrieb zu mir Kontakt auf, per Standard-E-Mail.

    Das Interessante ist ja, dass diese Geschichte so tatsächlich passiert ist. Und dass das Unternehmen unter klassischen Kriterien gute Noten für sein Engagement in den so genannten “Social Media” bekommt. Die Frage ist, ob es ihm zukünftig gelingen wird, das Wissen und die Daten, die es in all den Dialogen und Monitoringanstrengungen gesammelt hat, mit den anderen Daten zusammen zu führen, die es über seine Kundinnen oder solche, die es werden könnten/wollen, hat.

    Wichtiger als jeder Dialog und jedes Bespaßen von Menschen auf Facebook oder Twitter scheint mir zu sein, das Wissen, das ich aus dieser Aktivität ziehe, systematisch einzusetzen. Die ersten Versuche haben wir 2011 bereits gesehen: Von Payback oder Lufthansa beispielsweise, die auf Facebook Aktionen gemacht haben, die als wichtigstes Ziel hatten, Facebook-Accounts mit Kundennummern zusammenzuführen. Denn damit werden die Fans erst wertvoll für die Kommunikation. Nicht durch ihre Menge oder die Intensität ihrer Interaktion (die brauche ich nur, um für andere sichtbar zu sein, im Grunde aber ist sie, mal etwas zynisch gesprochen, der Kollateralschaden des Facebook-Programms) - sondern dadurch, dass ich weiß, welcher Datenbankeintrag in meinem CRM-System zu welchem Facebook-Account (Fan) gehört:

    Wenn ich auf eine Frage, die jemand bei Facebook stellt, direkt richtig anworten kann (am Telefon, per Mail oder Brief). Wenn ich bei einem Anruf im Helpcenter sofort weiß, dass diese Person 372 friends auf Facebook, ein Blog und einen sehr aktiven Twitter-Kanal hat. Wenn ich meine Kundinnen zusätzlich zu Umsatz und Life-Time-Value auch nach nach ihrer potenziellen Multiplikationsleistung segmentieren kann.

    Daten aus dem so genannten “Social Graph” mit klassischen linearen Daten zusammen zu führen, ist alles andere als trivial. Viele dieser Informationen passen nicht in die CRM-Systematik. Aus dieser Ecke wird sicher sehr bald eines der spannenderen Start-Ups kommen. Aber dass wir diese Daten miteinander verschränken müssen, wird immer klarer. Denn nur so kann auf Dauer ein teures Bespaßen meiner Zielgruppen gerechtfertigt werden. Allein positiver Buzz ist zu kurzfristig und zu wenig relevant.

    Und überhaupt: Daten sind sowieso viel sexier als Gespräche.

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    der Haltungsturner, (0) comments

    13.1.12

    Schulinspektion in Meiendorf 

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    In Hamburg finden seit einiger Zeit Schulinspektionen statt. Dazu kommt ein Inspektionsteam in die Schulen. Zusätzlich werden Lehrerinnen und Eltern auch online befragt, wobei die Beteiligung oft keine repräsentativen Schlüsse zulässt, so dass die Ergebnisse nicht in den Bericht eingehen (oder nicht gewichtet werden oder so was). Am Gymnasium Meiendorf, das Primus besucht und für Tertius eine der Schulen ist, die ab Sommer in Frage kommen, bin ich ja im Elternrat (so heißt in Hamburg das Elternmitwirkungssgremium auf Schulebene). Der Elternrat hat im November einstimmig die Schulleitung gebeten, mindestens die Bereiche "Bildung und Erziehung" des Inspektionsberichts 2011 auf der Homepage der Schule zu veröffentlichen. Mir ist keine Antwort der Schulleitung bekannt, sie hat aber vorher mehrfach gesagt, dass sie das ablehnt.

    Morgen ist "Tag der offenen Schule" am Gymnasium Meiendorf. Es werden sich also Familien über die Schule informieren, die überlegen, ihre Kinder da hinzuschicken. Und da es im Stadtteil (wahrscheinlich angesichts der sehr durchwachsenen Ergebnisse der Inspektion, immerhin sind gleich viele Aspekte im Bereich Bildung und Erziehung als "eher schwach" wie als "eher stark" bewerten worden) bereits Gerüchte und andere Rohrpost über das Ergebnis der Inspektion gibt - und da es sicher auch für Nicht-Hamburgerinnen spannend ist, wie so ein Inspektionsbericht aussieht -, binde ich die Teile mal hier ein, die der Elternrat gerne veröffentlich haben wollte.

    UPDATE 24.1.2012
    Ich habe mich entschlossen, den Bericht zumindest vorübergehend hier runterzunehmen. Heute bekam ich ein Schreiben der Schulleiterin, in der sie mir mit der Begründung "Sie verstoßen damit gegen Datenschutzbestimmungen" rechtliche Schritte androht, sollte ich ihn auf haltungsturnen.de nicht "unverzüglich entfernen". Das tue ich hiermit.

    Da es mir aber einzig darum geht, dass sich an der Schule etwas ändert, dass die nun objektiv festgestellte schlechte Unterrichtsqualität sich verbessert, da ich da immerhin ein Kind habe und privatempirisch bestätigen kann, was im Bericht steht, werde ich an dieser Stelle die Schulleiterin nicht unnötig provozieren, denn darum geht es mir nicht. Ggf. werde ich den Bericht wieder einbinden, wenn ich den juristischen Sachverhalt klären konnte. Bis dahin werde ich in den Gremien weiter daran mitarbeiten, dass die Schule sinnvolle und nach vorne blickende Reformen umsetzt. Entschuldigt bitte.

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    der Haltungsturner, (4) comments

    11.1.12

    Es lebe das Internetz. 

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    Folge vier der Blogposts rund um meine sechs Ansagen für 2012. Damit es nicht langweilig wird. Mir zumindest nicht. Der erste Teil ging um den privacy divide und der zweite um Zielgruppen und dann hab ich ja gestern grad was zu Social Commerce fabriziert.
    Selbstverständlich ist Social Media wichtig. Und selbstverständlich wird es nicht mehr weg gehen, das haben inzwischen auch diejenigen verstanden, die selbst nichts davon nutzen, was wir Social Media nannten, oder es sogar gefährlich finden oder so. Und gerade darum werden wir Kommunikatorinnen nicht mehr davon reden.

    Wichtigster Grund ist, dass die Zusammenfassung so unterschiedlicher Dinge wie Blogs, Foren, Twitter und Facebook (und noch etlicher wiederum sehr anderer mehr) unter dem Begriff “Social Media” zwar zunächst halbwegs hilfreich war, um anzuzeigen, dass es sich um Services und Plattformen handelt, mit und auf denen Nutzerinnen sozial interagieren. Aber eigentlich trotzdem nie passend. Zumal schon diese Erklärung, was denn Social Media sein könnte (so wie jede andere der dreihundert, die ich bisher kennen gelernt habe), die Schwäche zeigt - und warum wir tunlichst vermeiden sollten, das Wort über Gebühr zu benutzen. Denn an sich wären - etwas holzschnittartig formuliert - auch Partys oder Demonstrationen dann “Social Media”. Da lernen sich Leute niedrigschwellig kennen. Oder da verschaffen sie sich kollektiv Gehör.

    Wie unbrauchbar für professionelle Kommunikation der Sammelbegriff “Social Media” ist, wird noch deutlicher, wenn einige der Plattformen heute bereits Mainstream sind (Facebook, YouTube) und im Laufe des Jahres rund die Hälfte der Erwachsenen in diesem Land sie nutzen - und andere in der Nische bleiben, spezielle Gruppen versammeln oder gar (was für Kommunikatorinnen ja immer besonders spannend ist) vor allem von Multiplikatorinnen genutzt werden. Sie haben quasi nichts gemeinsam, wenn wir etwas genauer hinsehen. Schon in den letzten Jahren war es im Grunde absurd, wenn Agenturen gebrieft wurden, sie sollen doch mal was mit Social Media vorschlagen. Denn am Ende hieß dies: “Macht mal was online, am besten eine Wollmilchsau”. Dann sagt das doch gleich!

    Und “der oder die nutzt Social Media” ist als Beschreibung ungefähr so sinnvoll wie “die oder der sieht fern”. Aussagekraft gleich null. Ja, das ist nicht neu. Ja, das hat der immer sehr hellsichtige Markus Breuer schon damals, so um 2005 rum, in Bezug auf Bloggerinnen gesagt:
    Der einzige Satz, der mit “die Blogger...” beginnt und dennoch wahr ist, geht weiter: “... schreiben ein Weblog”.
    Aber darum ist es ja nicht falscher.

    Was wir, wenn wir unseren Beruf ernst nehmen, machen, ist, dass wir uns angucken, ob die Menschen, denen wir zuhören, was erzählen oder mit denen wir reden wollen, besonders häufig in einem bestimmten Medium zu finden sind, besonders oft eine bestimmte Plattform oder einen Service nutzen - und unsere Kommunikationsprogramme daran orientieren. Nicht weil die zu dem gehören, was wir mal “Social Media” genannt haben, sondern weil es sinnvoll ist. Weil wir sie da erreichen. Weil sie sich da unterhalten.

    Ich denke, dass es Profis sogar schadet, wenn sie von “Social Media” reden. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich Mikrozielgruppen anspreche und Blogger Relations mache oder Community Management oder ob ich Aktivierungen auf Facebook entwickele und umsetze. Kann ich alles aus einer Hand anbieten, ja. Aber eben so, wie ich auch Pressearbeit, interne Kommunikation und Corporate Publishing aus einer Hand anbieten kann. Es sind jeweils (technisch) andere Fähigkeiten gefordert, die sich nicht mal eben unter “die kann Social Media” zusammenfassen lassen. Denn die Generalistinnen “können” eben “mehr” als Social Media, die können Kommunikation. Und die Spezialistinnen “können” eben “weniger” als Social Media, die können ein, zwei dieser Spezialdinge, wenn sie darin exzellent sein wollen.

    Mein Freund Nico Lumma hat schon im Frühsommer 2010 auf der next Conference gesagt, Social Media sei tot - und damit genau dieses gemeint: Dass wir lieber vom “Internet” reden sollten. Er hatte damals schon Recht, war nur mal wieder recht zeitig dran (das ist die PR-Formulierung für “zu früh”). Denn aus Marketinggründen brauchten wir den Begriff damals noch. Jetzt nicht mehr. Denn jede, mit der ich beruflich zu tun habe, weiß, dass wir was mit diesem Internetz machen müssen, wenn wir Kommunikation machen wollen. Fein. Das machen wir dann mal.

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    der Haltungsturner, (6) comments

    10.1.12

    Wie Social Commerce jetzt endlich losgehen wird 

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    Folge drei der Blogposts rund um meine sechs Ansagen für 2012. Denn Social Commerce kommt ja nun. Der erste Teil ging um den privacy divide und der zweite um Zielgruppen.
    Von “Social Commerce” ist schon länger die Rede. Aber wenn damit nicht (und dann wäre es ja der falsche Name) ein Shop auf Facebook gemeint ist, sehen wir bisher sehr wenig (online), das anzeigen könnte, was denn dieses social am Commerce sein könnte. Es müsste ja etwas sein, das unsere (Online-) Beziehungen mit unserem Einkaufen verknüpft.

    An sich ist “Social Commerce” (offline) ja völlig normal: Wenn ich mit meiner Frau oder meinen Kindern shoppen bin, dann ist das sehr social. Dann geben wir uns Tipps, entscheiden gemeinsam und reden über das, was wir uns ansehen. Das Besondere ist, dass wir dies synchron tun, also zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Einige machen es auch am Telefon. Immerhin noch zeitlich synchron, wenn auch nicht mehr räumlich.

    Online sah Social Commerce dann bisher meistens so aus, dass ich mir mit Freundinnen oder Kindern Links im Chat hin und her geschickt habe, hin und wieder auch per E-Mail, wenn jemand das noch nutzte. Oder dass ein Shop meine Aktivitäten auf Facebook postete und das dann Social Commerce nennt (was ich auch wiederum eher schräg finde, aber das ist noch einmal eine andere Geschichte).

    Grundsätzlich sehe ich zwei Routen im Social Commerce für 2012:
    1. Die Verknüpfung meines so genannten Social Graph mit meinen Einkaufsaktivitäten (online und offline) - was vor allem dann ein Datenthema für die Anbieter von E-Commerce ist und eine Funktion im “Stream”, also meines Profils.
    2. Die Abbildung der Funktionen von “offline Social Commerce” mit Hilfe von Sozialen Netzwerken - was vor allem ein soziales und lebensweltliches Thema der Konsumentinnen ist.
    Beide werden kommen. Beide könnten wir “Social Commerce” nennen. Aber für uns als Kommunikatorinnen deutlich spannender ist dabei sicher die zweite Route. Denn die Chance ist hier, das, was bisher synchron (beim Shoppen oder am Telefon) bestens funktionierte, online und asynchron “nachzubauen”. Die eigentliche Stärke sozialer Netzwerke ist ja genau, dass sie uns asynchron soziale Interaktion ermöglichen, die vorher nur synchron möglich war. Dies nun auf Commerce und Shopping zu übertragen, ist ein überfälliger und naheliegender Schritt.

    Die ersten neuen Anwendungen dieser Form von Social Commerce sehe ich darum in diesem Jahr dort, wo Menschen ihre Freundinnen um Rat fragen werden, wenn sie shoppen. Wo sie Optionen überprüfen, Links teilen, Votings einholen, nach Ideen fragen. Sicher vor allem zuerst auf Facebook, aber dann auch mit Twitter oder einem Blogpost oder - ganz klassisch - mit einer E-Mail-Einladung.

    Am Ende ist es ähnlich wie das, was KLM mit Social Seating probieren will: Etwas, das ich früher nur im “richtigen Leben”, in der Kohlenstoffwelt, mit einigen wenigen engeren Bekannten machen konnte (hier: wenn wir gemeinsam einchecken), wird ausgeweitet und davon abgekoppelt, dass ich mit meinen Freundinnen oder Bekannten zur gleichen Zeit oder am gleichen Ort eine Aktion durchführe.

    E-Commerce “social” zu machen, ist insofern naheliegend. Denn damit schließt er endlich in einem weiteren Punkt zum Kohlenstoff-Shopping auf. Je mehr die Onlinezeit meiner Freundinnen wächst, desto schneller werde ich Feedback auf meine Fragen bekommen, desto eleganter wird sich eine solche Funktion in meinen Einkaufsprozess eingliedern. Nicht in Echtzeit (dies war, so denke ich, der “Fehler” der ersten Ideen rund um Social Commerce - dass sie eher so etwas wie Shared Browsing, also gleichzeitiges, synchrones Surfen und Einkaufen versuchten), denn das ist nicht nötig und im Übrigen ja überhaupt und grundsätzlich überbewertet. Aber in immer kürzer werdenden Zeitfenstern.

    Soziale Interaktion über Onlineplattformen wird auch und nicht zuletzt so immer mehr in den Alltag von immer mehr Menschen einsickern. Die Unterscheidung von online und offline, die für viele von “uns”, die wir schon lange und schon intensiv in diesen Medien unterwegs sind, länger nicht mehr existiert, wird so für weitere Gruppen irrelevant. Social Commerce in dieser Form fügt sich so nahtlos in Entwicklungen ein, die wir auch anderswo beobachten - und treibt sie zugleich voran.

    Und nein, es werden nicht nur Ebay (Kunde) und Amazon sein, die dieses einführen.

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    der Haltungsturner, (2) comments

    5.1.12

    Generisches Maskulinum ist auch Kinderkakke (wie Postgender) 

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    Zu Postgender hab ich neulich ja schon mal geschrieben, wieso das Kinderkakke ist. Das immer wieder (und beileibe nicht nur von Männern) behauptete so genannte "generische Maskulinum", also die irrige Vorstellung, Frauen seien "mitgemeint", wenn ein Plural im grammatikalischen Maskulinum gebildet wird, ist ebenso Kinderkakke. Und dazu kommt noch, dass es das nicht mal gibt.

    Heute erst bin ich auf einen dazu sehr spannenden und verständlichen Artikel in Anatol Stefanowitschs Sprachlog gestoßen (via Facebook via Katja Husen), der noch einmal einige Studien zusammenfasst, die zeigen, wie sehr im Deutschen die Verwendung eines Genus Einfluss auf das hat, was wir in Wirklichkeit denken und mitdenken (und eben nicht mitmeinen). Vor allem räumt er sehr erhellend mit dem Vorurteil auf, geschlechtergerechte Sprache würde die Verständlichkeit von Texten negativ beeinflussen. Dies tut sie nur gefühlt, nicht aber objektiv - und auch nur bei Männern. Anatol schreibt:
    Mit anderen Worten: Geschlechtergerechte Sprache hat keinen negativen Einfluss auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten. Wohl aber hat sie einen Einfluss auf die Einbildung männlicher Leser.
    Frauen natürlich ausgenommen | Sprachlog
    Und solange es in meiner Umgebung Leute gibt, die das Märchen vom generischen Maskulinum aufrecht erhalten und weiter erzählen, werde ich wie in den letzten Jahren schon auch weiterhin im Blog und in Aufsätzen und Artikeln ein generisches Femininum verwenden. Punkt.

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    der Haltungsturner, (4) comments

    4.1.12

    Zielgruppen sind das A und das O jeder Kommunikation 

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    Folge zwei der Blogposts rund um meine sechs Ansagen für 2012. Diesmal zu dem Thema, bei dem mich am meisten überrascht hat, dass es so kritisches Echo fand - und in diesem Fall noch nicht mal vor allem wegen schwach ausgeprägter Fähigkeiten zum sinnentnehmenden Lesen, sondern wohl, weil es einige wirklich anders sehen. Der erste Teil ging um den privacy divide.
    Es gehört zu den ebenso grotesken wie überflüssigen Missverständnissen der Ära einer vom Social Web inspirierten Kommunikation, sie käme ohne Zielgruppen aus. Unbestreitbar ist sicher, dass die klassischen Zielgruppendefinitionen entlang von Sinusmilieus oder Konsumvorlieben nicht mehr ausreichen - und vor allem nicht ausreichend scharf sind. Aber mit der Erkenntnis, dass sich Kommunikation in allen Disziplinen (und nicht mehr nur in der PR) weg vom Megafon und hin zu einem eher dialogischen Ansatz entwickelt hat, der davon geprägt ist, dass Menschen (Mitarbeiterinnen, Konsumentinnen oder wer auch immer) sich zu Wort melden, gemeinsam mit dieser Erkenntnis dann die Idee Zielgruppe wegzuwerfen, ist nicht nur fachlich Blödsinn sondern auch unprofessionell.

    Mein Eindruck ist, dass das Missverständnis, Zielgruppen seien tot oder out oder was auch immer und wahlweise allein der einzelne Mensch oder jedwede Gruppe, die sich einmischt, stehe mit seinen oder ihren individuellen Anliegen im Fokus jeder Kommunikation, dass dieses Missverständnis vor allem aus einer späten und falschen Rezeption des so genannten Cluetrain Manifesto entstanden ist - und aus dem Überschwang und der Begeisterung für Blogs, Twitter und Co. Tragisch ist das vor allem deshalb, weil es nie die Intention des Cluetrain Manifesto war, Zielgruppen abzuschaffen. Und als wir damals, im März 2000, als die brand eins das Manifest nach Deutschland brachte, anfingen, in Mailinglisten (ach, die legendären Zeiten der brandeins-Mailingliste selig, wisst ihr noch, die ihr dabei gewesen seid damals?) und Think Tanks über Kommunikation nachzudenken und sie entlang der Grundideen von Cluetrain neu zu justieren, stand für uns in der ersten Generation der (nennen wir sie mal) Neuen Kommunikation immer fest, dass Zielgruppen das A und O bleiben, dass wir nur anders und neu darüber reden müssen, sie neu fassen und präziser definieren.

    Jede Kommunikation, die über den individuellen Kundendialog hinausgeht, muss sich entlang einiger Parameter ausrichten, wenn sie strategisch ist und Rechenschaft über die Verwendung von Ressourcen (Personal und Geld vor allem) ablegen will. Diese Parameter sind sehr verschieden - aber in der Regel finden sich, in unterschiedlicher Formulierung - doch zwei Aspekte immer darin wieder: Eine Orientierung an Zielen (oder auf Ziele hin). Und eine Abgrenzung, mit wem kommuniziert wird und mit wem nicht. Dabei bleibe ich zunächst bei dem sperrigen Wort “kommuniziert”, weil es alles meinen kann (aber nicht muss) - vom Zuhören über das Senden bis hin zu Antwort oder gar Dialog.

    Das Interessante ist ja, dass es fast egal ist, wo ich meinen kommunikativen Schwerpunkt setze. Ob beim Zuhören (wie ich es beispielsweise als wichtigste Konsequenz aus Cluetrain sehe, denn die wichtigste strategische Fähigkeit in der Kommunikation - die Antizipation - lässt sich nur über das intensive Zuhören einsetzen, siehe meinen inzwischen fast schon antiken Ansatz in meinem kleinen Büchlein über das Verkaufen und den Verkäufer), beim Senden (was immer ein wichtiger Bestandteil von Werbung sein wird) oder beim Dialog. Immer hilft mir eine Verständigung über die Zielgruppe einer Maßnahme, sie so zu gestalten, dass sie handhabbar bleibt und ein Mindestmaß an Effizienz hat. Ich muss nicht jeder zuhören, nicht jede erreichen und nicht auf jede antworten - aber für die Entscheidung, wem ich zuhöre, an wen ich sende und wem ich antworte, ist es notwendig, sich mit dem Team, der Kundin oder der Geschäftsführung zu verständigen, welche Ziele und Zielgruppen wir im Sinn haben.

    Und weil ich Kommunikation noch nie für einen Selbstzweck gehalten habe sondern (vielleicht meinem eigenen Schwerpunkt Strategie geschuldet) für eine Funktion zur Erreichung des Unternehmensziels, ist die Bestimmung der Zielgruppen aus meiner Sicht Basis jeder professionellen Kommunikation. Dass viele von uns in den Kommunikationsberufen in den letzten ein, zwei Jahren die Zielgruppen etwas aus den Augen verloren haben und dass einige Kolleginnen in diesen Berufen sie sogar heute noch für überwunden halten oder ihre zentrale Bedeutung leugnen, ist ein Alarmsignal. Meiner Erfahrung nach erkennt man Profis in unseren Berufen daran, dass sie sich vor Maßnahmen die Rahmenbedingungen ansehen - zu denen die Zielgruppenbestimmung gehört - und auch während einer Maßnahme immer wieder überprüfen, ob die Rahmenbedingungen sich geändert haben oder ändern, wir also auch unsere Maßnahmen anpassen müssen.

    In den letzten Jahren haben ich selbst nicht oft von Zielgruppen gesprochen, weil ich es zum einen selbstverständlich fand, dass sie im Mittelpunkt stehen - und weil es zum anderen eine Zeit lang sinnvoll schien, sich von den eher unbeholfenen Versuchen abzugrenzen, die klassischen Zielgruppendefinitionen in die komplexere Mediengesellschaft (also, ich wiederhole mich, eine Gesellschaft, in der medial vermittelte Inhalte für die meisten Menschen sowohl produzierend als auch konsumierend zugänglich sind) ohne große Veränderungen hinüberzuretten.

    Heute spreche ich wieder offensiver von Zielgruppen, weil ich erlebe, dass sie allzu sehr aus den Augen verloren werden - beispielsweise bei vielen Programmen auf Facebook, beispielsweise, wenn Werbung vor allem unreflektiert in TV denkt, beispielsweise, wenn PR-Erfolg in Clippings gemessen wird.

    Und noch ein weiterer Grund spricht dafür, Zielgruppen wieder selbstbewusst in de Fokus zu nehmen: Das Filterproblem. In aller Kürze ist es das Problem, das vielen Menschen in meinem Alter und darüber begegnet, die überfordert von der Fülle an zugänglichen Informationen sind (nenne ich auch gerne “Schirrmacher-Syndrom”), weil ihre erlernten Filter nicht mehr taugen, sie aber noch keine neuen gefunden haben.

    Was für uns als normale Medienutzerinnen gilt, gilt auch für uns als professionelle Kommunikatoren: Ich kann und werde auswählen, filtern müssen. Beispielsweise ist nicht jeder Aufschrei von radikalen Tierschützerinnen wie Peta oder anderen für mich relevant, egal wie laut er ist. Wenn ich meine Zielgruppen kenne, werde ich besser filtern können. Was übrigens keine bloße Theorie ist, sondern nicht nur von mir täglich erprobt wird.

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    der Haltungsturner, (1) comments

    24.12.11

    Kevin ist nicht allein 

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    Am letzten Schultag vor Weihnachten konnten die Kinder schon um 11 Uhr nach Hause gehen. Bis auf Kevin, denn er sollte bis um 13 Uhr bleiben, wie immer. Das geht nicht anders, seine Pflegefamilie kann vorher nicht, denn die gesamte Betreuung ist auf die verlässliche Halbtagsschule eingestellt. Tertius hat ihn mit nach Hause gebracht. "Das wäre doch wirklich doof", sagte er und rief uns kurz mit dem Notfallhandy an, um Bescheid zu sagen, dass sie zu zweit kommen. Da haben wir doch nicht alles falsch gemacht in der Erziehung.

    Kevin ist ein nettes Kind, auch wenn er meistens in einer Jogginghose rumläuft. Die beiden haben den ganzen Tag wunderbar gespielt und noch Weihnachtsgeschenke für Kevin gebastelt. Und beim Abschied sagte er mit strahlenden Augen, dass er sich auf den ersten Weihnachtstag freut. Da ist er zum ersten Mal seit Monaten bei seiner Mutter, zusammen mit einigen seiner Geschwister, die in anderen Familien leben.

    Einen der Tage kommt er zu uns. Darauf hat Tertius bestanden. Ich bin sehr stolz auf ihn.

    Ein gesegnetes Weihnachtsfest.
    Ich habe keine Version von Rolf Zuckowski bei YoutTube gefunden, verzeiht, dass es Mary Roos ist.

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    der Haltungsturner, (5) comments

    22.12.11

    Orale Tradition 

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    (Nein, nicht was ihr wieder denkt)

    Hermeneutik und orale Tradition ist ja etwas, das mir als Theologe geläufig ist. Insofern sind die PISA-Dings mit dem sinnentnehmenden Lesen für mich immer sehr spannend gewesen und bleiben es auch. Zugleich lehrt die Beschäftigung mit Erzähltradition und Überlieferung und Deutungsgeschichte, wie sehr die eigene (oft: Zwergen-) Perspektive bestimmt, was ich aus einem Text lese oder in ihn hinein.

    Besonders interessant war das immer dann, wenn Epigonen eine Geschichte aus ihrer Spät-Bekehrten-Sicht betrachteten - während die Erzählenden schon längst einige Stufen weiter gezogen waren.

    Die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem gab es schon in den ältesten biblischen Erzähltraditionen und machen es heute so mühsam, die Kerne ihrer (Weiter- und manchmal auch Gegen-) Erzählungen zu identifizieren. Vor allem hatten es die mit der Naherwartung an Erlösung schwer, die zu verstehen, die schon länger dabei waren und schon gemerkt haben, dass die Erlösung noch etwas auf sich warten lässt.

    (Das nur, weil gleich mein Weihnachtsurlaub beginnt. Und ja, dies mag auch ein Gleichnis sein)



    Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest, gehabt euch wohl, nehmt euch etwas Zeit für eure Familien, die konnten sich die meisten von uns ja nicht aussuchen.

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    Der “privacy divide” und unsere Mediengesellschaft 

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    Rund um meine sechs Ansagen für 2012 werde ich in den nächsten Tagen oder Wochen einige der Themen hier ausführlicher behandeln, um den Kontext zu meinen kurzen Thesen nachzuliefern. Den Anfang macht die mir persönlich wichtigste Beobachtung: Der privacy divide.
    Datenschutz und Privatsphäre sind zwei Dinge, die sich 2011 vor allem in der deutschen Onlinediskussion zu sehr platten Kampfbegriffen und Kampffeldern entwickelt haben. Extremen Datenschützerinnen ohne Verständnis für die gesellschaftlichen Veränderungen stehen Aktivistinnen der so genannten “Spackeria” entgegen, die Privatsphäre als Grundkonzept ablehnen. Die Positionen beider Gruppen halte ich für absurd. Dennoch markieren sie die Eckpunkte einer Diskussion, die wir ernsthaft führen müssen - um die Frage herum, wie Privatsphäre in einer Welt aussehen kann und aussehen wird, in der immer mehr Daten digital vorliegen. Datenschutz ist dabei nur ein winziger Aspekt dieses größeren Themas, ebenso wie Datensicherheit, Datensparsamkeit/Datengeiz und Datenströme. Aus meiner Sicht geht es zentral um zwei nicht miteinander vereinbare Konzepte rund um Privatsphäre, aus denen ein neuer “privacy divide” in der Gesellschaft entsteht.

    Einigen können werden wir uns - von einigen Radikalen beider Seiten abgesehen - sicher darauf, dass es eine Unterscheidung zwischen öffentlich, zugänglich und privat für Daten und persönliche Informationen geben muss. Und darauf, dass Menschen weitgehend selbst entscheiden können sollten, was sie öffentlich, zugänglich oder privat halten (wollen). Die Vorstellung und der Versuch, dies für andere Menschen vorschreiben zu wollen oder auch nur zu können, stellt die jeweils Radikalen außerhalb des Diskurses.

    Datenschützerinnen haben, angeführt von Thilo Weichert vom ULD in Kiel, das Jahr 2011 genutzt, um sich zu der neuen Onlinewirklichkeit zu positionieren, die sich Menschen und Unternehmen in Deutschland selbst erschlossen und geschaffen haben. Einige von ihnen haben dabei versucht, auch nachzuvollziehen, was Menschen wie ich dort - vor allem aber nicht nur online - tun. Allen voran der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, der sich 2011 immer wieder unaufgeregt und differenziert zum Themenkomplex geäußert hat.

    Was Radikale wie die Spackeria oder Weichert/ULD meines Erachtens übersehen, ist, dass sehr viele Menschen sehr bewusst beginnen, mit diesem Thema umzugehen und für sich Wege zu finden, die gangbar, hilfreich und praktisch sind. Und je jünger diese Menschen sind, so ist meine Beobachtung, desto differenzierter und bewusster tun sie dies: Eine der wichtigsten und gefragtesten Fortbildungen der Berufseinsteigerinnen in unserer Agentur ist der Kurs über Privatsphäreeinstellungen auf Facebook. Im Freundinnenkreis meiner jugendlichen Kinder haben die meisten ihre Pinnwand und ihre Fotos nur für ihre Kontakte geöffnet - in meinem Freundinnenkreis ist das eher anders.

    Ich bin überzeugt, 2012 wird das Jahr der Entscheidung: Die radikale Position der Datenschutzbehörden wird von Gerichten und von den Gesetzgeberinnen überprüft. Und auch von der Wirklichkeit und den Bedürfnissen der Menschen. Der alte „digital divide“ wird abgelöst vom „privacy divide“: Die einen werden für die Bequemlichkeiten, die ihnen Facebook und andere Services bieten, damit “bezahlen”, dass sie bewusst (und - ja - teilweise auch unbewusst) Daten und Informationen von sich preisgeben. Und die anderen werden genau das nicht tun – und auf diese Form der Kommunikation, auf Rabatte und auf manche Informationen verzichten. Diese Teilung wird quer durch alle Altergruppen, Schichten und Bildungsgruppen verlaufen und sich 2012 erstmals sichtbar manifestieren.

    Dabei gibt es kein richtig oder falsch. Weder Post-Privacy-Aktivistinnen noch radikale so genannte Datenschützerinnen liegen damit richtig, hier Vorschriften machen zu wollen. Ob ich mich entscheide, einen kleineren oder größeren Teil meines Lebens öffentlich oder zumindest für andere zugänglich zu dokumentieren, hat Konsequenzen. Und diese Konsequenzen sind jeweils - und nicht nur, je nach Blickwinkel, in jeweils einem Fall - zu tragen.

    Zu den großen Paradoxa der Mediengesellschaft (also einer Gesellschaft, in der medial vermittelte Inhalte für die meisten Menschen sowohl produzierend als auch konsumierend zugänglich sind) gehört doch gerade, dass es nicht ausgemacht und für alle gültig ist, ob mir Datengeiz oder Datenverschwendung mehr “nützt”. An meinem eigenen Beispiel versuche ich dieses Phänomen seit Jahren so zu beschreiben:
    Dass ich seit Anfang 2003 blogge und sehr viel in Bild, Video, Text, Bewertungen, Orten und anderen Details von mir “preisgebe”, ist es mir gelungen, weitgehend selbst zu bestimmen, was andere Menschen über mich wissen, was sie über mich finden und wie die Person Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach oder die “Marke luebue” dargestellt ist. Keinen Einfluss habe ich darauf, wie andere dieses Bild sehen und verarbeiten. Aber in einem nicht kontrollierbaren Medienraum habe ich durch gezielte Öffentlichkeit einen gut Teil der Kontrolle darüber erlangt, was über mich bekannt ist und was nicht.
    Niemand muss das so machen. Niemand muss die Grenze so ziehen, wie ich es tue (und ja, auch ich ziehe Grenzen). Wer es anders macht, wird andere Vorteile und andere Nachteile daraus haben. Meines Erachtens überwiegen die Vorteile der Datenfreigiebigkeit. Zumindest für mich. Und zumindest noch. Facebook ist ein gutes Beispiel, wie dies auch kippen kann: Wenn die Kosten (Daten und mangelnder Datenschutz) den Nutzen übersteigen. Das ist einem meiner Söhne so gegangen, weshalb er sich wieder abgemeldet hat. Und das kann auch mir oder anderen irgendwann so gehen. Dafür brauche ich kein ULD. Und keine Panik.

    Es ist keine Frage der Generationen oder der Bildung, wie ich mich entscheide. Der “privacy divide” ist eher eine Haltungsfrage und eine von Opportunitätskosten und Grenznutzen (um es mal ökonomistisch auszudrücken). Daten und Privatsphäre sind in unserer Mediengesellschaft eine Währung geworden, für die ich mir Bequemlichkeit, Kommunikationsmöglichkeiten und Rabatte oder Zugang zu Nachrichten und Informationen “kaufe”. Ist mir das, was mir Facebook oder die Onlineausgabe des Hamburger Abendblatt bieten, der Rabatt, den mir Jako-o einräumt, oder was auch immer - ist mir das diese Daten und diese Aufgabe von Teilen meiner Privatsphäre wert?

    Die einen werden sich so entscheiden wie ich. Die anderen so wie meine Schwester. Die einen so wie mein einer Sohn. Die anderen so wie mein anderer. Die einen so wie mein Vater. Und die anderen so wie mein Schwiegervater. Politik. Medien, Unternehmen, Marketing, Eltern, Lehrerinnen - wir alle werden uns darauf einstellen (müssen), dass wir es immer mit einer Bandbreite zu tun haben. Und dass der “privacy divide” mitten durch die Gruppe von Menschen hindurch läuft, mit der wir zu tun haben.

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    21.12.11

    Glaskugel 2012 

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    Kennt ihr ja. Kaum droht ein neues Jahr, kann ich nicht an mich halten und muss irgendwie mehr oder weniger steile Vorhersagen machen, die dann eintreten. War letztes Jahr auch so. Da haben wir es mit der Absatzwirtschaft gemacht. Dieses Jahr mit w&v - dort findet ihr also dieses Jahr meine Ansagen, wie ich denke, dass 2012 wird. Hier nur kurz die Überschriften angedeutet, ausführlich dort, geht mal rüber....
    1. Zielgruppen sind wieder da.
    2. Social Media? Wieso Social Media?
    3. Daten, Daten, Daten.
    4. Das Jahr der Entscheidung zwischen Privatsphäre und Bequemlichkeit.
    5. Social Commerce kommt, anders als wir dachten.
    6. Der App-Boom endet.
    Besonders wichtig ist mir persönlich übrigens die vierte Ansage. Dass dieser privacy divide kommt, davon bin ich überzeugt, er deutet sich ja bereits an. Dazu schreib ich auch noch mal ausführlicher, denn das ist ein Thema, das nicht nur mich als Kommunikationsberater betrifft sondern auch mich als Vater und mich als Politiker.

    Und die sechste ist mir eine Herzensangelegenheit, die ich damit herbeischreiben und im kommenden Jahr herbeiarbeiten will. Weil mir das Internetz wichtig ist. Und Apps vielleicht online sind. Aber kein Internet.

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    18.12.11

    Hommage an die Sauna 

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    Und an finnische Männer.

    Gerade haben wir diese Doku geguckt. Skurril, faszinierend, männlich. Und wer mich kennt, weiß, dass Sauna für mich und mein Leben und meine Familie und meine Liebste ebenso wichtig ist. Ich twittere jedesmal (oder sag es wenigstens auf Foursquare), wenn ich in die Sauna gehe. Und in jedem unserer drei Häuser bisher haben wir alle anderen Räume um die Sauna herum gebaut.

    Eine Sauna passt überall hin, wie man im Film sieht. Und es ist der Ort, um auch als Mann zu reden und zu schwitzen und zu denken und zu entspannen. Nur trinken, vor allem Bier wie die Finnen, kann ich da irgendwie nicht. Aber leben ohne Sauna? Auch nicht.

    80 Minuten voller Männergeschichten und Lebensweisheiten aus einem Land nördlich des 60. Breitengrades. Voller skurriler Männer. Und immer wieder überraschend und liebevoll.



    (Sagte ich schon, wie sehr ich mich auf den nächsten Sommer freue, wenn wir noch einmal mit allen Kinden nach Finnland fahren? Mit holzbefeuerter Sauna und See und ohne jeden Nachbarn?)

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    10.12.11

    Der Spin von SchülerVZ rund um den Flop-Button 

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    Ich bin wirklich sehr froh, dass SchülerVZ am Ende eingesehen hat, dass ihre Pausenhof-App gar nicht geht. Es ist mir noch nie passiert, dass ich (mit ein oder zwei Ausnahmen und - selbstverständlich - einigen Trollen, die ich überwiegend gelöscht habe dieses Mal) eine so einhellige Zustimmung zu meiner scharfen Interpretation einer Sache, die mich aufregt, bekommen habe. Besonders von Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen zusammenleben, aber nicht nur. Wie ein Kollege es so unfein ausdrückte, war die Sachlage hier wohl einfach nur eindeutig: "Der Bauer erkennt seine Schweinchen am Gang."

    Vielleicht ganz kurz ein zeitlicher Abriss der letzten zwei Tage:
    • Am 8.12.2011 um 13:06 Uhr habe ich den ersten Tweet zu dem Thema geschrieben, die Resonanz darauf war so groß, dass ich um 13:28 Uhr meinen zornigen Blogpost online gestellt habe. Weil ich mich mit Johnny Haeusler von Spreeblick ohnehin oft über Kinder und Internet unterhalte, habe ich ihn zeitgleich auf das Thema hingewiesen - sein Beitrag hat dann die Geschichte so richtig ins Rollen gebracht. Weit über 10.000 Menschen haben allein bei mir den Beitrag angeguckt, die Erwähnungen bei Twitter, Google+ und Facebook waren Legion.
    • Rund 26 Stunden später (am 9.12.2011 um 15:11 Uhr) hat SchülerVZ dann die Pressemitteilung veröffentlicht, die ich hier dokumentiere - und einen Exit angekündigt. Damit ist das Thema nicht erledigt, es wird noch mehr nachkommen, von Medien, Eltern, Aktivisten. Vor allem aber sieht man an der Dokumentation, dass es nicht wirklich befriedigend ist - und dass SchülerVZ mindestens an einer Stelle in der Mitteilung versucht, einen Spin (so nennen wir PR-Leute den Versuch einer Umdeutung an der Kante zur Wahrheit) auf die Geschichte zu legen, der sogar für einen Spin das, was man landläufig so "Wahrheit" nennen würde, extrem überdehnt.
    Darum hier die Pressemitteilung, die Anleitung der Pausenhof-App vom Vortag und ein Screenshot von der Situation in der App gestern Abend. Da ich keinen SchülerVZ-Account mehr in der Familie habe, endet meine Dokumentationsmöglichkeit damit. Die Situation vor dem Eingeständnis von SchülerVZ hatte ich ja schon am 8.12. dokumentiert.



    Meine Punkte zu diesen Dokumenten und zur Gesamtsituation sind diese:
    1. Es gab den Flop Button, siehe die Screenshots. Dass man die Flops nicht sah, war erst bei längerer Nutzung zu merken. Mir scheint, die, die das abwiegeln, haben die App nicht getestet. Dass Mobbing nicht möglich gewesen sei, wie SchülerVZ in seiner Pressemitteilung behauptet, ist nicht wahr. Ich konnte es, wenn ich wollte.
    2. Es wurden nicht etwa Profilbilder bewertet sondern Personen. Hier sagt SchülerVZ in seiner Pressemitteilung nicht die Wahrheit. Sie schreiben, es gebe die "Möglichkeit, über Profilbilder von anderen schülerVZ-Mitgliedern ... abzustimmen". Unter 'VI. Top oder Flop' schreibt SchülerVZ jedoch in der Erklärung des Pausenhof-App, es sei möglich, "verschiedene Profile ansehen und diese per 'Daumen hoch' oder 'Daumen runter' bewerten." Könnt ihr oben nachlesen.
    3. SchülerVZ killt den Flop-Button, was ich gut finde. Die PM dazu ist das übliche PR-Geschwurbel, das wissen wir hier alle, kein Grund zur Aufregung. Dass sie durch konkludentes Verhalten anerkennen, dass sie falsch lagen, reicht mir grundsätzlich. Allerdings wünsche ich mir, dass sie zugeben, dass die Aufforderung an Kinder, andere Kinder als Flop zu bezeichnen, ein Überschreiten der Grenze ist. Ein Modell zur Rettung einer untergehenden Plattform (weil sie am Nutzermarkt nicht mehr nachgefragt wird) darauf aufzubauen, dass Kinder nun mal grausam sein können und oft auch grausam sind, halte ich für zynisch und eklig. Und dabei bleibe ich.
    4. Die Tonalität der Pressemitteilung spiegelt die Gesamthaltung der VZ Netzwerke Ltd. wider, die mir seit langem von einer Weigerung geprägt zu sein scheint, die Realität wahrzunehmen. Aber das ist mir ehrlich gesagt egal.
    5. Dass sie auf Druck reagieren, und das recht schnell (rund 26h), ist gut. Ich kann ja nicht nur meckern. Dass sie so reagieren, wie sie reagieren, zeigt aber auch, dass sie offenbar anders zu der Frage stehen, ob man sexualisiert und auf die Grausamkeit von Kindern spekulierend werben sollte, als ich es tue.
    6. Unklar ist mir, wie der Pausenhof funktionieren soll, wenn die zentrale Funktion wegbricht. Etwa so wie auf dem Screenshot von gestern abend? Das könnte ja nun wirklich nicht der Ernst sein, SchülerVZ, oder? Den gesenkten Daumen durch einen Pfeil nach rechts ersetzen? Vielleicht ist es ein Schnellschuss, um etwas zu tun, dann ist es ok. Aber vielleicht lohnt es sich, das weiterzuverfolgen.
    Danke für alle Unterstützer. Danke für eure Tweets, Artikel, Anfragen. Es lohnt sich, auf die Barrikaden zu gehen und nicht einfach hinzunehmen, wenn ein Unternehmen die Grenze überschreitet.

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    der Haltungsturner, (7) comments

    8.12.11

    Es wird Zeit, zu gehen, SchülerVZ 

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    Ich habe mich geirrt. Das Jahr geht zu Ende und die VZs gibt es noch. Formal zumindest. Das, was man an Insiderdingen hört, lässt zwar vermuten, dass ich mich nur um wenige Monate vertan habe mit der Prognose, dass sie dieses Jahr aufgeben oder ihr Geschäftsmodell ändern, aber...

    HALT.

    Geschäftsmodell ändern? Vielleicht hatte ich doch recht. Zumindest bei SchülerVZ. Das Bild oben ist aus einer Mail, die sie heute an ihre Mitglieder verschickt haben, zumindest an die Inaktiven (andere kenne ich nicht). Offenbar will SchülerVZ die mehr oder weniger offizielle Mobbingplattform an deutschen Schulen werden, also ungefähr das Gegenteil dessen, was ich ihnen als Ausweg empfohlen hätte (denn hey, für sehr junge Kinder könnte es - in Zusammenarbeit mit den Eltern - spannend sein, in einem Netzwerk mit deutschen Moderatoren und deutschem Datenschutz zu sein oder so, naja, Chance vertan).

    Um es ganz klar zu sagen: Damit überschreitet SchülerVZ eine Grenze, die sie niemals hätten überschreiten dürfen. Hat von denen eigentlich irgendjemand Kontakt zu Jugendlichen? Also im richtigen Leben jetzt? Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Mobbing ist eine der schlimmsten Formen von Gewalt, die im Alltag deutscher Schulen vorkommt.

    Heute abend, wenn sie zu Hause sind, werde ich mich mit meinen (jugendlichen) Söhnen hinsetzen und sie werden ihre (selbstverständlich ohnehin inaktiven) Accounts bei SchülerVZ löschen. So einen Dreck wie dieses Pausenhofmobbing mache ich nicht mit, nicht mal passiv. Und ich rufe hier und via Twitter und Facebook alle Eltern auf, es ebenso zu machen. Eure Kinder, die sich damals mal bei SchülerVZ angemeldet haben, bevor sie zu Facebook gewechselt sind, wurden auf ein Portal umgezogen, das damit wirbt, dass man da super einfach und spaßig mobben kann. Das ist eklig. Fast noch ekliger als diese eklige Mediamarktwerbung mit diesem Konsumbaumdingens.

    SchülerVZ, es wird Zeit für dich, zu gehen. Nicht, damit ich recht behalte. Sondern weil deine Zeit abgelaufen ist. Weil du in deiner Verzweiflung offenbar nur noch in die unterste Schublade greifen kannst. Im Sommer, mit deinen Porno-Chic-Mails an die Schülerinnen (weißt du noch, dieses Ding mit den Bildern, auf denen die jungen Leute fast nix anhatten), da dachte ich, es geht nicht mehr schlechter und weiter nach unten. Ich hatte mich schon wieder geirrt.

    SchülerVZ, das Maß ist nun voll, das Fass ist nun übergelaufen. Ich bin beileibe kein Fanboy von Facebook und finde, dass die Kosten (Daten, Sicherheit, Cookies) dort langsam anfangen, den Nutzen nicht mehr aufzuwiegen. Aber mit dir, SchülerVZ, will ich nichts mehr zu tun haben. Nicht mal passiv. Und ich verbiete meinen Kindern, bei dir Mitglied zu sein. Da bin ich ganz altmodisch und autoritär. Stirb allein. Lass Menschen mit Hirn und Herz in Ruhe.

    Edit 9.12.2011, 18.00 Uhr
    Wir haben es geschafft: SchülerVZ killt den Flop-Button. Gut so.

    Edit 10.12.2011, 10:00 Uhr
    Alle neuen Punkte, meine Bewertung des Sieges der Pädagogik und der guten Sitten über SchülerVZ und eine Dokumentation der Pressemitteilung und der vorherigen Nutzungsbedingungen - siehe meinen zusammenfassenden aktuellen Post.

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    der Haltungsturner, (13) comments

    6.12.11

    So wird Inklusion nicht funktionieren 

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    Um es vorweg zu sagen: Ich bin für Inklusion. Ich habe schon für die Integration von Kindern mit Behinderungen in die so genannten Regelschulen gestritten, da wart ihr noch nicht mal geboren, damals, in den 80ern mit Rosi Raab, da waren wir schon echt weit mit dem Thema. Dann habe ich Schulpolitik und Integrationsfragen erstmal ruhen lassen, weil meine Frau in dem Bereich aktiv war. Sie ist heute Lehrerin mit dem Förderschwerpunkt Sprache und geistige Entwicklung. Meine Beobachtungen und Erfahrungen und auch meine Haltung zu dem gesamten Komplex ist also nicht nur dadurch geprägt, dass meine vier Kinder vier unterschiedliche Schulen besuchen - sondern auch durch ihre konkreten Erlebnisse.

    Hamburg setzt nun also auch endlich EU- und Menschenrechte um und versucht, Kinder mit Behinderungen standardmäßig mit anderen Kindern gemeinsam zu unterrichten. Faktisch werden die Sonderschulen aufgelöst und die Lehrerinnen auf die Grund- und Stadtteilschulen verteilt. Also alles gut, denn es sei ja kein Sparmodell, wie auch die Bildungspolitikerinnen meiner Partei immer wieder sagen? Nein, gar nichts ist gut. Denn so wird es nicht funktionieren. Und das aus mehreren Gründen.

    1. Der Bedarf ist viel höher als angenommen
    Seit Kinder mit Förderbedarf nicht mehr an Sonderschulen abgeschoben werden (können), gibt es auf einmal viel mehr Kinder mit Förderbedarf. Die naive Rechnung der Schulbehörde (und auch und gerade der früheren grünen Behördenleitung), dass ja gleich viele sonderpädagogische Stunden für gleich viele Kinder zur Verfügung stünden, war von Anfang an falsch - und alle, die sich ein bisschen mit Grundschulen und Sonderschulen auskennen, haben das auch vorher so gesagt. Wenn ich als Schule nun mehr Stunden bekomme, wenn ich mehr Kinder mit Förderbedarf habe, ermutige ich die Eltern, ihn anzumelden. Vorher habe ich eher entmutigt, weil ich das Kind nicht abgeben wollte.

    Um das nicht falsch zu verstehen: Das ist auch gut so. Wenn alle Kinder besondere Förderung (beispielsweise wegen Problemen mit der Sprache oder dem Sprechen) bekommen, die das brauchen, dann ist das gut. Aber das geht nun einmal nicht kostenneutral.

    2. Die Inklusion ist eine Verschlechterung für die meisten Kinder mit Behinderungen
    In der Theorie ist es absolut richtig (und unterstütze ich es auch), dass es für Kinder mit Behinderungen besser ist, in wohnortnahen Klassen mit allen anderen Kindern gemeinsam unterrichtet zu werden. In der Praxis aber bedeutet das eine deutliche Verschlechterung ihrer individuellen Förderung.

    Ein Kind, das stark stottert - um mal eine "einfache" Behinderung heranzuziehen -, kann mit echter unterrichtsimmanenter Therapie (also mit Unterricht, in dem sozusagen subkutan Sprachtherapie stattfindet) und mit kleinen Klassen (maximal 12 Schülerinnen) seine Hemmungen abbauen und sein Stottern ablegen oder damit umzugehen lernen. Mit ein bis zwei Förderstunden, in denen es aus seiner Klasse mit mehr als 25 Schülerinnen genommen wird, in der es die anderen 23 Stunden der Woche unterrichtet wird, kann das nicht gelingen.

    Ein Kind mit einer geistigen Behinderung, das lesen und rechnen lernen kann in einer Lerngruppe aus fünf oder sechs Kindern, kann das nicht zwingend, wenn es faktisch als Beistellkind den nicht-behinderten Kindern soziales Lernen ermöglichen soll (ok, das war polemisch, aber es spiegelt leider dennoch die Realität in den Speckgürteln wider).

    Kinder mit emotionaler oder sozialer Behinderung, insbesondere solche mit schweren psychischen Störungen, werden in großen Gruppen dauerhaft überfordert. Ohne eine individuelle Lernbegleitung haben sie keine Chance, am Unterricht teilzunehmen. Dies wird beispielsweise in Schweden deshalb auch so umgesetzt, die schon damals, in den 80ern, zu Rosi Raabs Zeiten, unser Rollenmodell waren, weil sie es besser und professioneller umsetzten als wir heute. Dort hat ein Kind mit entsprechenden Behinderungen immer eine individuelle Lernassistenz bei sich (pro Kind eine Person), mal abgesehen von fast durchgängigen Doppelbesetzungen im Unterricht.

    3. Die Förderstunden der Sonderpädagoginnen kommen nicht bei den Kindern an
    Die Idee, dass Lehrerinnen mit besonderen Förderschwerpunkten je nach Bedarf an den Schulen "zugebucht" und eingesetzt werden, klingt am grünen Tisch verlockend. So wird es ja nun seit mehr als einem Jahr versucht. Das Problem ist: Diese Zusatzstunden versickern im System und kommen nicht bei den Kindern an. Theoretisch werden diese Stunden für Doppelbesetzungen in den Klassen eingesetzt und zur Förderung der Kinder, für die sie als Förderbedarf angefordert wurden. Nur werden Doppelbesetzungen immer als erstes aufgelöst, wenn es zu Krankheit oder Klassenreise oder Sportveranstaltungen oder Theatergängen oder Wandertagen kommt.

    In der Praxis ist mir keine einzige Lehrerin bekannt, die als Sonderpädagogin an eine "Regelschule" abgeordnet wurde und dort nicht überwiegend als "normale" Lehrerin eingesetzt wird, um "normale" Lücken zu schließen. Das ist ja auch logisch, denn die Grundversorgung geht vor. Soll sie sich weigern, die erkrankte Kollegin zu vertreten? So lange das System Schule so auf Kante genäht ist, dass im November der normale Unterricht nur schwer aufrecht erhalten werden kann, kann dieses System gar nicht anders als die sonderpädagogischen Stunden aufsaugen und verbrauchen.

    4. Das Thema Inklusion ist erst spät von der politischen Leitung gesehen worden und mit einer Posteriorität versehen
    Nicht in den Sonntagsreden, klar. Aber in der Praxis spielt das Thema Inklusion keine Rolle für die Leitung der Behörde, spielte noch weniger eine Rolle unter grüner Leitung. In der Reform der Schulstruktur wurden die Sonderschulen erst vergessen, dann - nach entsprechenden Protesten der Sonderschulleiterinnen - als später zu entscheiden und ersteinmal bei der Schulreform auszuklammern markiert - und schließlich irgendwie verwurstet. Keines der realen Probleme, die die Inklusion zurzeit mit sich bringt, ist für irgendwen, der sich mehr als eine Stunde mit dem Thema beschäftigt hat, überraschend. Alle Punkte, die ich oben aufführe, waren schon exakt so vorher von einigen Praktikern angesprochen worden. Da ich nicht zu denen gehöre, darf ich das sagen, denn ich habe es nicht vorher gewusst, sondern kann es jetzt, wo ich mich mit dem Thema intensiver beschäftige, zusammentragen.

    Klar ist aus meiner Sicht, dass Inklusion so, wie sie in Hamburg von uns Grünen angeschoben und nun von der SPD umgesetzt wird, niemandem von denen nützt, für die sie gemacht wurde. In den Schulen werden Kinder ankommen, die Gruppen sprengen, Lernen unmöglich machen und nicht aufgefangen werden können. Die Kinder mit Förderbedarf werden schlechter gefördert als bisher. Und die Lehrerinnen, die sich um solche herausfordernden Kinder kümmern wollen, werden als Lückenfüllerinnen einer zu engen Personalplanung verbrannt.

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    1.12.11

    Jetzt aber endlich mal typisieren, bitte 

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    Für die meisten von euch wird es Eulen nach Athen sein. Für die anderen wird es Zeit, es jetzt zu tun. Manchmal fehlt ja nur der Anstoß. Oder es ist nicht klar, wie wichtig das ist. Wir erleben das gerade mit dem 5-jährigen Sohn von Freunden.

    Er wird jetzt auf eine Transplantation von Knochenmark vorbereitet. Nächste Woche wird die dann beginnen. Das mit der Isolation, dem Zelt, der Grausamkeit für ein kleines Kind und das zu Weihnachten - das erspare ich euch. Mir geht es um einen anderen Punkt:

    Es war unmöglich, aus den Millionen von Spenderinnen in Europa und Nordamerika eine wirklich gute und wirklich passende Spende herauszufinden. Wochenlang wurde gesucht, dann ein Spender gefunden, der so halbwegs passt, sozusagen am unteren Rand dessen, was man wagen mag für die Transplantation. Denn hier kommt man mit Verwandtschaft und so weiter nicht weiter. Es sind unglaublich viele Merkmale, die Knochenmark aufweist - und je mehr davon mit dem Jungen übereinstimmen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er das Mark annimmt und also überlebt.

    Obwohl ich selbst typisiert, also als Spender eingetragen bin, war mir das so nicht bewusst. Dass es so schwierig ist, eine Spenderin zu finden. Dass es für ihn keine gibt. Und sie es jetzt trotzdem versuchen werden. Denn er soll leben.

    Jede einzelne, die sich typisieren lässt, erhöht die Chance für einen Menschen zu leben. Jede einzelne, die es nicht macht, tut genau das nicht. Es ist nur wenig. Und kann so viel sein. Denn seine Geschwister mitzunehmen oder den Weihnachtsbesuch ins Gästezimmer zu lassen, das können nur wir, die wir sein Umfeld bilden. Das andere könnt ihr auch. Hier.

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    24.11.11

    Der Rechten Rache an Gramsci 

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    Für jeden, der sich mit linker politischer Theorie und/oder Praxis beschäftigt, ist Gramsci ein Begriff. Nach etwa 1992 (meine Schätzung) wurde er vor allem für die Rechtsradikalen in Deutschland wichtig. Im Grunde haben sie das, was Gramsci rund um Hegemonie formulierte, konsequent umgesetzt. Das hat mich am Anfang verzweifeln lassen und dann irgendwann wütend gemacht. Ändern konnte ich es so wenig wie die wenigen, die es damals schon sahen, gehört wurden.

    Ich verlinke hier nicht die verschwurbelten Artikel, die angefasste Jenaer gerade schreiben, die keine Nazis sind (was ich glaube). Die aber in vielen - ich hoffe: unbewussten - Formulierungen und Argumentationsmustern zeigen, wie sehr die Gramsci-Rezeption und -Adaption der Rechtsradikalen Früchte getragen hat (Aber ihr findet einige Beispiele bei Erik im Blog, der im Übrigen besser als ich zusammen fasst, warum sich einige von uns so aufregen über die Naiven).

    Wenn dann naiv und unbewusst von "falschen Freundeskreisen", die Erik oder ich haben könnten, geschwurbelt wird. Oder wenn die sozial geächtete Selbsttötung durch Drogenkonsum mit der durch Wegschauen der Mehrheit ermöglichten Tötung oder Vertreibung von anders Aussehenden enggeführt wird. Dann ist das die Rache der Rechten an Gramsci.

    In meinem Bekanntenkreis und in meiner Familie gibt es Menschen, die aus Erfahrung - und nicht etwa aus Vorurteilen - nicht mehr in "den Osten" fahren, ohne sich im Schutz großer Gruppen zu befinden (oder sich zu bewaffnen). Und auch wenn es Nazis auch im Westen gibt und ich an der Haltung vieler junger Leute, die ich am Niederrhein* oder sonstwo kenne, eine Menge auszusetzen habe, ist das doch anders - sehr anders - als in jedem Dorf im Osten, das ich erlebte oder von dem mir Menschen mit aus Nazisicht normabweichendem Äußeren berichten. Oder ganz konkret: ein Punk kann in der mir persönlich wirklich nicht angenehmen niederrheinischen Provinz leben. In Mecklenburg oder Thüringen nicht.

    Die sprachliche und kulturelle Hegemonie der Rechtsradikalen in der nachwachsenden Generation ist im Osten, das zeigen auch alle Studien, die es dazu gibt (ein Teil ist in der letzten Zeit erwähnt, ansonsten mal nach Toralf Staut googlen), weiter fortgeschritten als im Westen.

    Die Angst der Menschen, die den Osten als No Go Area erleben, liegt eben gerade nicht an den Nazis, denn die, da haben die hegemonisierten Naiven Recht, gibt es überall. Die Angst kommt daher, dass dort nicht die Nazis sondern die anderen latent als "falsche Freundeskreise" gelten.

    Es geht dabei nicht "gegen den Osten" oder um Vorurteile - sondern darum, dass eine bewusste Strategie der Rechtsextremen, der Nazis, aufgegangen ist, die sich ab Anfang der 90er "den Osten" ausgesucht haben, weil sie sahen, dass es da einfacher für sie ist, aus verschiedenen Gründen, die bekannt sind (Geschichte, soziale Situation, weniger äußerliche Abweichung als im Westen etc). Und die Geschichtsvergessenheit und mangelnde sprachliche Bildung (was kein Vorwurf ist, sondern schade) führt dann bei Menschen auch höherer formaler Bildungsabschlüsse allzu oft dazu, dass sie die sehr geschickten Hegemonieversuche der Nazis nicht bemerken, nicht sehen und die entsprechenden Codes einsickern. Trifft diese Hegemonie dann auf ehrenamtliches Engagement von Nazis in einer Gegend, in der es keine Kirchen und AWO etc gibt, ist der Schaden angerichtet und kann nicht von einigen Helden (die es auch in Jena gibt) aufgefangen werden. Und von den Helden habe ich übrigens auch keine verschwurbelten Proteste gehört. Nur von denen mit dem gesunden Volksempfinden. Und mit (Lokal-) Patriotismus.

    * Steht hier pars pro toto für die vom Osten so weit wie möglich entfernte westdeutsche Provinz. Und vielleicht auch deshalb, weil ich dort Jugendliche und Punks kenne...

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    21.11.11

    Wie soll es weitergehen mit unserem Podcast brouhaha? 

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    Ich bin da wirklich nicht ganz sicher. Einerseits finde ich ja, dass Alex Wunschel und ich mit Brouhaha einen irgendwie netten Podcast zusammen haben, auf den ich auch oft angesprochen werde (vor allem, wenn - wie dieses Mal wieder einmal - die neue Folge monatelang auf sich warten lässt). Andererseits hat sich die Idee, #megafails (oder wie immer man die Fehler von Kommunikatoren und Unternehmen in Social Media nennen will) zu analysieren und wunderbar arrogant zu sagen, was sie hätten besser machen können, ein bisschen tot gelaufen, finde ich - vielleicht auch, weil es kaum noch so richtige Brüller gibt? Oder weil sie mich nicht mehr so interessieren? Oder weil der eigentliche Hammer eher ist, wenn Weltmarken mit ihren Netzwerkagenturen oder Medienfachmagazine Dinge auf Facebook machen, die an drei bis sieben Stellen gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen (vom guten Ton und so mal ganz zu schweigen)?

    Was denkt ihr, wie wir weiter machen sollten (denn eigentlich sind wir so sehr waldorfstatlermäßig gut drauf, dass wir auf jeden Fall weiter machen wollen)?

    So lange, bis ihr diese Frage beantwortet habt, erstmal noch die aktuelle Folge über Schlecker und die lingua franca.





    Download MP3 (30:35; 21MB), oder auch Abo bei itunes...

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    der Haltungsturner, (5) comments

    18.11.11

    Missverständnisse zu Google Plus 

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    Das große Grundmissverständnis rund um Google+ beschrieb diese Woche Martin Weigert auf netzwertig.com - sein Artikel ist im Grunde sogar die Illustration dieses Missverständnisses, weil er meines Erachtens von falschen Voraussetzungen ausgeht und deshalb - logischerweise - die falschen Schlüsse zieht:
    Mit dem Start von Google+ kämpfen nun drei führende, auf die Masse der Nutzer ausgerichtete und sich im Funktionsumfang überschneide Social-Web-Plattformen um die Aufmerksamkeit der Nutzer.
    Genau das scheint mir nur auf der Oberfläche zu stimmen. Nicht aber im Kern. Genau diese Einleitung - auf der seine in sich schlüssige Schlussfolgerung beruht, Google+ sei also überflüssig - sehe ich vollständig anders.

    Zum einen - das habe ich ja damals schon geschrieben - sehe ich tatsächlich großes Potenzial bei Normalnutzern für Google+ (während Martin Weigert sich auf die Social-Media-Aktivisten in seinem Umfeld bezieht in seiner Wahrnehmung). Und zum anderen geht es, denke ich, im Kern bei Google+ nicht um ein Netzwerk. Sondern um Homepages und Profile, die mit zurzeit nun einmal geforderten sozialen Interaktionsmöglichkeiten aufgepeppt werden. Und im Übrigen denke ich, dass Markus Breuer Recht mit seiner Einschätzung, die ich zur gefälligen Lektüre noch einmal empfehle: Google+, Direct Connect und die neue Google-Strategie.

    Schaue ich mir Profile und Firmen/Marken-Seiten bei Google+ zurzeit an und überlege, was daraus im Kontext des Modells Google werden kann, so denke ich eher, dass es um eine Art Geocities gehen wird. Ihr erinnert euch? So blinkende, gelb-neonfarbene Schröbbelseiten für jeden und alles lange bevor Blogs und Homepagebaukästen da waren.

    Die Verknüpfung mit Google Direct, mit Google Maps und dann auch mit Bezahldiensten und so weiter werden Google+ zu dem Weg werden lassen, eine quasi verifizierte Visitenkarte im Web abzulegen. Dass dies dann auch noch eine Kommunikationszentrale sein kann, ein Newslettertool (Kreise) und so weiter, macht es nur runder.

    Nur wenn wir uns von der Folie Netzwerk und Facebook lösen, werden wir eine Chance haben, Google+ überhaupt zu verstehen.

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    15.11.11

    Das vorletzte Signal 

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    Die guten meiner Kindheit und Jugend gehen alle. So ist das, wenn man selbst auch älter wird. Jetzt also der Degenhardt. War das eine Eilmeldung der Tagesschau wert? Ja, das war es. Ist es traurig? Weiß nicht, denn erstmal bin ich dankbar, dass es ihn gab.

    Ich kannte ihn nicht persönlich, er war auch nicht einer von denen, die ich regelmäßig hörte. Aber er gehörte dazu. Für mich wie Erich Fried, wie Dorothee Sölle, wie Alfred Schulz. Die ich alle gut kannte und die auch alle tot sind. Irgendwie gehörte er in diese Reihe. Wahrscheinlich bin ich einer der Jüngsten, die noch wissen, wer er war und was er war und warum er für uns wichtig war. Der Zornige, Wilde, Einfache unter den Mutmachern.



    Und Dem Scholz bin ich dankbar für dieses Lied und dieses Video. Nach so etwas habe ich den ganzen Tag unbewusst und im Hinterkopf gesucht. Denn ich wollte nicht den Gassenhauer bringen.

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    10.11.11

    No fomo* 

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    Es gibt Dinge, vor denen ich Angst habe. Es gibt Zeiten, zu denen ich besorgt bin. Und es gibt Situationen, in denen ich gestresst bin, manchmal sogar sehr gestresst. Das hätte ich früher nicht gedacht.

    Aber witzigerweise stresst mich weder online sein, noch offline sein. Bin ich nicht besorgt, ich könnte was verpassen, wenn ich beispielsweise mit meinen Kindern spiele, schwimme oder reite oder so. Habe ich keine Angst, in den unendlichen Weiten des Internet zu ersaufen.

    Angeblich gibt es einen Trend, auch mal offline zu sein. Also so bewusst. Oder Orte offline zu machen. Weil da das Internet mit seinem Stress des Alwaysondingens nicht geht. Und angeblich komme der zustande, weil Menschen vom ewigen Onlinesein eben gerade dies seien: gestresst, ausgelaugt und so weiter.

    Weder den Trend noch seine Ursachen will und kann ich bestreiten. Ich kann es nur nicht nachvollziehen. Und finde es latent überflüssig.

    Vor allem aber denke ich mehr und mehr, dass dies ein Phänomen des Übergangs ist. Dass es Menschen betrifft, die - bewusst oder unbewusst - einer alten Zeit ohne permanente mindestens theoretische Verfügbarkeit von Information und Informationsmöglichkeit nachtrauern.

    Ohne in Vulärpsychologie verfallen zu wollen, kann doch dieses "fomo"* eigentlich nur haben, wer tatsächlich glaubt, eine Chance zu haben, alles oder das meiste mitzubekommen. Wer aber erstmal Schwimmübungen im ewig fließenden Strom von Infos und Updates beginnt, merkt fast sofort, dass es leichter ist, zu schwimmen, als an einer Stelle zu stehen und zu versuchen, alle Tropfen, die vorbei fließen, zu sehen.

    Mit dem Strom des Onlineseins ist es wie mit dem Regen. Wenn ich nass und kalt nach Hause jam, sagte mein Vater immer: "Das Gute am Regen ist ja: das meiste geht an dir vorbei."

    Der Unterschied zu früher ist ja vor allem, dass ich mir nicht mehr vormachen kann, 24 Bände Brockhaus im Regal würden alles Wissen bergen.

    Stress entsteht nicht nur aber oft durch Kontrollverlust oder die Angst davor. Im Wissen, dass ich ohnehin fast alles verpasse, auch wenn ich online bin, brauche ich weder eine explizite Offlinezeit noch werde ich kribbelig, wenn ich off bin. Denn irgendwann bin ich ja wieder on.

    Interessanterweise erlebe ich bei meinen Kindern und ihren Freundinnen, dass sie kein fomo* haben. Und nicht mal eine Internetflat für ihr Smartphone brauchen. Denn sie sind ja nicht offline oder machen Internetdiät. Sondern sind halt mal on und mal off. Sie sind erwachsener als die meisten Erwachsenen um mich herum. Allerdings (leider oder glücklicherweise) nur in diesem Bereich.


    * fomo = fear of missing out

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    2.11.11

    Liebe Neo-Sozialisten in den Vorstandsetagen, 

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    liebe Kampagnenjournalistinnen, liebe Spielerinnen im Casino Deutsche Börse, ihr habt es geschafft, mich erfolgreich zu re-radikalisieren.

    Nun ist das Fass übergelaufen. Wenn ihr mit Zorn, Flucht, Häme und Drohungen auf Demokratie reagiert, stellt ihr euch außerhalb einer Zivilisation, die diesen Namen verdient. Wenn ihr nur ein Jahr, nachdem wir euch gerettet haben, Riesengewinne macht und trotzdem fordert, Risiken zu sozialisieren, dann seid ihr keine Leistungsträger sondern Bewohner der Hängematte, in der zu liegen ihr denen vorwerft, die euch füttern. Wenn ihr von uns fordert, euer gescheitertes Geschäftsmodell unter Artenschutz zu stellen und euch zu bezahlen, weil ihr staatstragend seid, und dann Kampagnen gegen die Hände führt, die ihr gereicht haben wollt, dann seid ihr Lügenpack.

    Ich war in dieser Gesellschaft angekommen. Verdiene gut, habe viele Kinder, so wie einige von euch. Ich hatte der Revolution schon lange abgeschworen. Ich zahlte gerne Steuern.

    Ihr aber habt es geschafft. Ihr habt den Liberalismus und den Ausgleich der Interessen getötet. Ihr habt neue Frontlinien gezogen. Ihr wollt offenbar beweisen, dass die Recht haben, die sagen, dass es keine Versöhnung zwischen oben und unten geben kann.

    Wir in der Mittelschicht, gerade auch wir in der oberen Mittelschicht werden von euch vor die Entscheidung gestellt, wohin wir gehören. Und ich habe mich entschieden. Denn zu euch gehöre ich nicht. Und für euch werde ich mich nicht mehr schämen.

    Wir sehen uns auf den Barrikaden.

    (Sound of the day: Green Day für den Zorn. Und Bruce Springsteen für die Hoffnung)
    (und weil die Frage kam: Anlass, nicht aber Ursache, für diesen Text sind die Reaktionen auf die Ankündigung des Referendums in Griechenland)

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    29.10.11

    Warum Postgender Kinderkakke ist 

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    Und warum ich weiter für die Quote in ihrer strengen Auslegung bin.

    Ich bin in den 80ern aufgewachsen mit einer Mutter, die theoretische Feministin war. Danach habe ich viel über Entfremdung gearbeitet und feministische Theologie studiert. Obwohl ich ein nahezu traditionelles Familienmodell lebe, bin ich bis heute Feminist. Und witzigerweise spricht mich fast nie jemand darauf an, dass ich konsequent die weibliche Form benutze, wenn Frauen und Männer gemeint sind. Und übrigens nie das Majuskel-i.

    Und mehr und mehr radikalisiere ich mich wieder. Heute wäre ich von der Landesmitgliederversammlung der Grünen gegangen, wenn sich im Frauenrat die durchgesetzt hätten, die die streng quotierte Redeliste aussetzen wollten.

    (Streng quotiert heißt bei uns, dass nur so viele Männer reden dürfen wie Frauen. Dass also Männerbeiträge entfallen, wenn keine Frau sprechen will.)

    Das Problem ist: die quotierte Liste funktioniert nicht, weil um den Faktor 5 (meine Schätzung) mehr Männer als Frauen reden wollen. Ich stimme also denen zu, die die Dysfunktion der Quote kritisieren.

    Nur ist meine Konsequenz eine andere: Ich denke, wir müssen die Politikrituale überdenken und nicht die Quote. Wenn sich Frauen quasi nicht mehr an ihnen beteiligen, sollten wir sie (die Rituale, nicht die Frauen) abschaffen.

    Willkürliche, eratische Redebeiträge vom Podium sind dann vielleicht nicht mehr die Form für zeitgemäße Parteitage. Vielleicht sollten wir Kandidatinnenbefragungen als Speeddating machen, in Kleingruppen und mit rotierenden Kandidatinnen. Vielleicht sollten wir Open Spaces ausprobieren. Oder oder oder.

    Aber aus dem mangelnden Interesse von Frauen an unseren Parteireden zu schließen, die Quote aufzuweichen, wird weder den Zielen noch dem aktuellen Problem gerecht.

    Und wir mitteilungsbedürftigen Männer können eben nur durch die strikte Quote gezwungen werden, diese Änderungen mit voran zu treiben. Denn sonst hungern uns die Frauen einfach aus. Sozusagen die Logorrhoe-Therapie analog zum Geburtsstreik.

    Frauen, lasst euch nicht darauf ein, die Quote aufzuweichen. Wir Jungs brauchen nicht wirklich unsere überkommenden Rituale. Und Inhalte müssen ja nicht per ausgeloster Redeliste vom Podium erklärt werden, mit Worten, die wir vorher bereits online von uns gegeben haben.

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    20.10.11

    Kulturfortschritt 

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    Nur auf die Schnelle (sozusagen prä-Twitter-Retroblogging) ein schönes Zitat aus Olaf Kolbrücks Interview mit David Weinberger. Er antwortet auf die Kritik der Kritiker, wir würden mehr und mehr unser Gedächtnis ins Netz auslagern:
    Menschen haben immer schon Wissen und Fähigkeiten des Bewusstseins ausgelagert. Schreiben ist eine Form der Auslagerung unseres Gedächtnisses. Auslagerung ist also Teil des menschlichen Fortschritts. Es gehört zu unserer Fähigkeit als Spezies, dass wir Werkzeuge nutzen. Jetzt haben wir dieses bemerkenswerte Werkzeug, das uns erlaubt, noch mehr zu wissen. Ich kann mir schwerlich einen negativen Aspekt eines gemeinschaftlich gebauten Archivs für Informationen, Ideen und Gespräche vorstellen, das noch dazu jederzeit von überall verfügbar ist. Wenn wir mit unseren Werkzeugen denken, dann ist das ein evolutionärer Schritt.
    Take this, Kulturpessimisten.

    der Haltungsturner, (0) comments

    19.10.11

    Ich kandidiere nicht mehr 

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    Vor drei Wochen habe ich angekündigt, dass ich Landesvorsitzender der Grünen in Hamburg werden will. Heute habe ich entschieden, dass ich mich nicht zur Wahl stelle für dieses Amt. Um - was in halböffentlichen Diskussionen der eine oder die andere vermutet hat - Legendenbildung vorzubeugen, habe ich die drei Wochen genutzt, um meine Kandidatur zu diskutieren und abzuklopfen und die Rahmenbedingungen, die ich genannt habe, auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich jetzt, in diesem Moment, das Amt nicht so zu einem Erfolg führen kann, wie ich es wollte. Das tut mir für die vielen Leid, die mir persönlich oder öffentlich ihre Unterstützung gegeben haben, aber ich halte es für besser, jetzt die Kandidatur abzusagen als später.

    Vor allem zwei Aspekte sind dabei ausschlaggebend, die beide mehr oder weniger damit zusammen hängen, wie ich das Amt gerne geführt hätte: sehr asynchron, mit wenig fremdbestimmter Offline-Zeit, sehr partizipativ und mit einer größtmöglichen Offenheit und Öffentlichkeit - wer mich etwas kennt, hat wahrscheinlich eine grobe Vorstellung, was ich meine. Dafür sehe ich dann keine Chance, wenn es fair zugehen soll (auch für die anderen und vor allem für die Mitarbeiterinnen der Partei) und auch mich nicht zerreißen oder meine Familie und mein Beruf (die beiden Prioritäten #1 und #2 und beide mehr oder weniger deutlich vor der Politik in meiner Liste).

    Zum einen habe ich mich überzeugen lassen, dass das mir maximal mögliche Zeitbudget so weit entfernt ist von dem, wie es zurzeit üblich ist für dieses Amt und vergleichbare Ämter, dass die Veränderungen, die nötig wären, um es so zu machen, wie ich es mir vorgestellt habe, größer wären als ich annahm - und mehr Menschen beträfen. Ich habe, das gebe ich zu, unterschätzt, dass meine Zeitansage auch von anderen Vorstandsmitgliedern recht radikale Änderungen verlangen. Zwar hätten die das ja gewusst, wenn sie sich zur Wahl stellen, weil erst der Vorsitzende und dann die anderen gewählt werden am 29.10. , aber es wäre eigentlich genau die Fremdbestimmung, die ich für mich ablehne, die ich ihnen aufzwänge. Das ist tatsächlich nicht fair.

    Um es klar zu sagen: Ich halte es für machbar und werfe niemandem vor, dass sie es nicht für machbar hält. Ich gebe auch nicht "dem System" oder "den Umständen" die Schuld, wenn jemand in dieser Kategorie denken will. Sondern ich habe ein maximales Zeitbudget, das schon mit den vier Stunden, die ich annahm, massiv an die Grenze ginge.

    Zum anderen hat die mehr oder weniger Nicht-Diskussion des von mir mitinitiierten und unterstützten (Achtung, Link auf pdf) Demokratie-Antrags für den Parteitag in der Bürgerschaftsfraktion und die Reaktionen einiger Abgeordneter darauf mir gezeigt, dass wir - jedenfalls aus meiner Sicht und explizit ohne, dass ich das scheuen oder tragisch finden täte - auf einen Konflikt mit der Fraktion zulaufen könnten, dass jedenfalls mindestens die Zusammenarbeit zwischen Landesvorstand und Fraktion nicht so geschmeidig und konfliktfrei sein wird wie bisher. Dass auf jeden Fall die strategische und politische Neuausrichtung der Grünen in Hamburg nur von der Partei betrieben werden kann und wir auf die Fraktion nicht werden zählen können. Zumal die auch genug zu tun hat.

    Das finde ich gut und ok, sehe aber nicht, dass ich diesen Konflikt und diese Umverteilung der Aufgaben an vorderster Stelle werde führen können - weder von Zeit und Kraft noch von der Konzentration auf Politik her. Darum ist sogar mir, der ich für mein Modell eigentlich plädiere, eine Vorsitzende lieber, die nicht in der Fraktion ist, aber mehr Zeit und Kraft in diese Auseinandersetzung stecken kann.

    Ein dritter Punkt spielt mit hinein, ist aber nicht ausschlaggebend, denn der galt auch schon, als ich noch kandidierte: Ich bin für eine Trennung von Amt und Mandat, wenn es auf der gleichen politischen Ebene liegt, in diesem Fall analog zu dem, was unsere Jugend vorschlägt (nicht in allem stimme ich ihnen zu). Bei der Kandidatinnenlage bis eben hieße das, dass ich der einzige Kandidat wäre. Mir geht es bei diesem Thema aber nicht um mich, sondern ich halte es für politisch und strategisch richtiger.

    Jetzt überlege ich, ob ich für ein Amt als Beisitzer im Landesvorstand kandidieren werde - oder ob ich mich dieses Mal nicht um ein Amt bewerbe und an anderer Stelle politisch weiter arbeite bei den Grünen. Das habe ich noch nicht entschieden und werde ich zunächst mit meiner Familie ausführlich besprechen. Was ich heute schon sagen kann: Auf absehbare Zeit (also auf Zeit, die ich absehen kann) strebe ich kein Mandat an.

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    der Haltungsturner, (0) comments