9.4.14

Richtiges Leben

These für hier-stehe ich.de
Eines der Dauerthemen, mit denen ich in meinem Leben und meiner (sozialen) Umgebung konfrontiert bin, ist die Frage nach dem "richtigen Leben". Sei es durch die Sorge, das richtige Leben zu verpassen, sei es durch die Frage, was denn Qualitätszeit sei. In der politischen und kirchlichen Arbeit kommen dann noch die Fragen von Gemeinschaft und von Verbindlichkeit als weitere Dimensionen hinzu.

Seit langer Zeit schon spreche ich darum ganz konsequent und auch in beiläufigen Zusammenhängen von der Kohlenstoffwelt (oder von kohlenstofflichen Begegnungen), wenn ich vom dem rede, was mein Umfeld das "richtige Leben" nennt. Ich mache das so wie mit inklusiver Sprache - ich thematisiere es nicht, ich tue es einfach.

Interessanterweise führt das immer wieder zu guten Gesprächen und zu Nachdenklichkeit. Der große Vorteil des Sprechens von der Kohlenstoffwelt ist ja, dass dieses Wort auch für diejenigen unmittelbar verständlich ist, die an sich sehr weit weg sind von meiner Art zu leben und zu arbeiten.

So oder so geht es um Menschen. Ich bin davon überzeugt: Technologie ist nur dann relevant, wenn sie entweder Dinge in der Kohlenstoffwelt einfacher macht. Oder wenn sie mich mit anderen Menschen verbindet. Und genau das - und zwar witzigerweise beides zugleich - macht mein digitaler Lebensraum.

Das Projekt der Evangelischen Akademie im Rheinland Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Identitätssuche im digitalen Zeitalter finde ich spannend. Und es fordert mich heraus. Teil des Projektes ist, als Vorbereitung auf eine Tagung in der Akademie Thesen zusammenzutragen. Thesen von Menschen über Identität in dieser Welt. Und das Team bringt die dann auf Plakate und ins Blog.

Die ersten Einsendungen, die ich online sah, waren mir viel zu pessimistisch. Von der Hoffnung geprägt, dass etwas nicht verloren gehen möge durch die Digitalisierung. Das ist eine Haltung, die mir fremd ist und auch nicht meiner Erfahrung entspricht. Ich wollte etwas zur Heimat Internet schreiben. Weil mir das wichtig ist. Und dann wurde es etwas zum Thema Beziehungen. Über richtiges Leben. Und über die doppelte Bedeutung des Wortes "Netz", die mir immer wichtiger wird.

Ich bin ja eigentlich ein Distanzmensch und introvertiert. Aber je älter ich werde, desto wichtiger werden mir Menschen. Und ihr Netzwerk, das mich trägt und auffängt. Und für einen Distanzmenschen ist eine digital vermittelte Nähe wunderbar. Darum bin ich so dankbar dafür. Und gibt es mir Sicherheit und Heimat.

Richtiges Leben ist, wo Menschen sind. 
Ihr Netz gibt mir Sicherheit und fängt mich auf. 
Ob digital oder in CO2.

27.3.14

Wandel

In der letzten Zeit las und hörte ich wieder häufiger euphorisierte Beiträge, dass sich alles ändere. Wahlweise durch das Internet oder durch die Digitalisierung. Und ich gehöre zu den letzten, die kleinreden wollen oder werden, dass wir uns in einer großen Umbruchzeit befinden. Aber dennoch wünsche ich mir manchmal, dass das aufgeregte Geschnatter etwas erwachsener wäre. Und dass die Diskussion um den Wandel etwas stärker auch eine historische Perspektive hat.

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Über die historische Perspektive, in der ich die Digitalisierung sehe (und nicht etwa das Internet, das halte ich tatsächlich für nur eine, vielleicht sogar nicht einmal die wichtigste Folge der Digitalisierung), habe ich ja immer wieder gesprochen und geschrieben. Ich bin je länger desto mehr davon überzeugt, dass eine genaue Betrachtung des Wandels, den der Druck mit beweglichen Lettern nach sich zog, helfen kann, zu verstehen, was gerade passiert. In aller Ambivalenz.


Denn die Frage, ob die Digitalisierung ein größerer Bruch sei als die beweglichen Letter, finde ich müßig. Das werden wir ohnehin erst in ein- bis zweihundert Jahren wissen. Können wir uns einigen, dass es ein vergleichbar großer (Kultur) Bruch ist?



Am letzten Wochenende war ich zur ersten Sitzung des Vorbereitungsausschusses der EKD-Synode eingeladen, in dem ich mitwirken darf. Und war fasziniert, einmal ernsthaft und mit Erwachsenen erwachsen (edit) über Themen zu sprechen, an denen ich arbeite (Schwerpunkt der Synodaltagung wird ja "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft"). Auf einem Reflexionsniveau, das beachtlich war. Und - trotz all der unterschiedlichen Vorkenntnisse und Meinungen zum Thema "digitale Gesellschaft" - aus einer gemeinsamen Haltung heraus, auf die sich alle am Tisch einigen konnten: der des mehr freudigen als ängstlichen Akzeptierens der Veränderungen samt einem Blick auf die Chancen.

Leben kam in die Bude, als ich meiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass durch den digitalen Wandel recht eigentlich keine neuen ethischen Fragestellungen entstanden seien. Dass zwar vieles heute schneller und weiter gehe, aber gegenüber dem Buch- und Flugblattdruck eigentlich keine real neuen Fragen entstanden seien.  Aber dazu werde ich im Laufe des Jahres noch einmal ausführlicher schreiben und arbeiten.



Ohnehin ist der eigentliche Wandel, der unsere (digitale) Gesellschaft bestimmt, ja doch ein anderer. Und ein sehr kohlenstofflicher. Und hier mache ich mir sehr viel mehr Sorgen um unser Land als bei der Behauptung, es würde den digitalen Wandel verschlafen (was ja ohnehin nicht stimmt, aber das ist noch einmal eine andere Geschichte).

13.3.14

Fortpflanzungsgemurkse

Ich habe lange, wirklich lange überlegt, ob ich doch noch etwas schreibe oder nicht über Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede vom 2. März. Interessanterweise habe auch ich erst von dieser Rede erfahren, als ich über die Kritik an ihr etwas hörte. Vielleicht hatte ich dabei Glück, denn es war in "Kultur heute" im Deutschlandfunk - und offenbar eine der wenigen Erwähnungen der Diskussion, die nicht durch massive Zitatverkürzungen einen Skandal herbeiredete. Sondern im Gegenteil angesichts der Diskussion und des offenen Briefs der Dredner Dramaturgen Koall längere Ausschnitte aus der Rede dokumentierte. Das war am 6. März. Und ich twitterte daraufhin:
Was mir viel Kritik einbrachte, mich um die 50 Follower kostete, und dazu führe, dass ich einige wenige weitere Leute blockte.  Und es brachte mich in eine recht fruchtbare, weil zwar kontrovers und hart aber kultiviert geführte Twitter-Diskussion mit dem SpOn-Redakteur Konrad Lischka.

Danach habe ich die Rede noch einige Male im Audiostream gehört, den das Staatsschauspiel auf seiner Seite anbietet. Und je häufiger ich die Rede hörte, desto mehr ärgerte ich mich über die Reaktionen darauf. Ja, ich teile auch nicht alle Punkte. Ja, ich finde es gräßlich, dass Lewitscharoff zustimmend den Rechtsdenker Peter Sloterdijk erwähnt, zumal sie nicht mal Recht damit hat, dass er "der einzige" sei, der dieses Thema bearbeitet habe. Ja, ich finde den rechtspopulistischen Duktus des Man-wird-ja-wohl-noch-mal-sagen-Dürfen in ihrer Selbstverteidigung gegenüber der FAZ eklig, um in ihren Worten zu bleiben. Wer Sloterdijk gut findet und solchen Fuß-Aufstampf-Kram sagt, verortet sich selbst so weit rechts außen im politischen Spektrum, dass sie eigentlich beschwiegen werden müsste.

Eigentlich, wäre da nicht die Dresdner Rede. Die zu 2/3 aus der Ich-Perspektive und äußerst subjektiv - aber nicht minder spannend und dicht und nachdenklich-machend - über Leiden und die Grenzen des Lebens redet. Und zu knapp 1/3 dann auf den Beginn des Lebens zu sprechen kommt. Lewitscharoff spricht Themen an, mit denen ich mich theologisch, praktisch und ethisch seit fast fünfundzwanzig (in Worten: 25) Jahren beschäftige. Denen der Medizinethik und der ethischen und theologischen, anthropologischen Fragen der Pränatalmedizin. Inhaltlich stimme ich ihr zu etwa 90% oder etwas mehr zu. Was es vielleicht auch leichter macht, nicht bewusst zu versuchen, sie misszuverstehen. Und was, das merkte ich in den Diskussionen auf Twitter und in der Kohlenstoffwelt, eine Position ist, die zurzeit unpopulär ist.

Extrem interessant finde ich, dass ich bei denen, die Lewitscharoff (inhaltlich) kritisierten und denen, die in Ansätzen mit mir diskutierten, den Eindruck habe, dass sie die Rede nicht gehört oder gelesen haben. Denn beispielsweise wendet sie sich (und wende ich mich) nicht gegen die, die als Paar einen (insbesondere und auch mit medizinischer Indikation) unerfüllten Kinderwunsch haben und zu Methoden der künstlichen Befruchtung greifen. Finde ich für mich keine Option (brauchte ich aber auch nicht), finde ich aber ethisch und anthropologisch vertretbar. Ebenso argumentiert, mit etwas anderen Worten, auch Lewitscharoff. Aber genau diese Menschen und ihr Leid wurden als Kronzeugen gegen sie angeführt - was nicht nur falsch ist sondern auch mehr als nur unfair. Es ist üble Nachrede.

Die Fragen des Beginns und des Endes des Lebens, über die diese Rede spricht, sind alles andere als einfach und eindeutig. Ich denke, dass es absolut angemessen ist (obwohl ihr auch das ja vorgeworfen wurde), hier zunächst sehr personal zu argumentieren, sehr auf Empfindungen und Gefühle zu hören und sie zu beschreiben, Dankbarkeit und Ekel zu benennen. So lange ich nicht den Fehler mache, aus dieser personalen Sicht Regeln für alle zu machen. Was - anders als die Kritik an ihr suggeriert - Lewitscharoff mit nicht einem Wort tut.

Und so oder so - dieser ganz kurze theologische Exkurs sei mir gestattet - ist die reformatorische Unterscheidung von "Sünde" und "Sünder" hier ja sehr relevant. Aus christlich-lutherischer Sicht ist es nie angemessen, Menschen zu verurteilen, die etwas tun, was ich für falsch halte. So wenig übrigens, wie es angemessen wäre, ihr Verhalten in diesem Fall kritiklos zu akzeptieren. Dies macht es aus christlicher Sicht auch etwas einfacher, die Diskussion über den Beginn und das Ende des Lebens zu führen. Denn auch diejenigen, die hier anderer Meinung sind als man selbst oder als das, worauf sich "die Kirche" geeinigt hat (mal etwas verkürzt ausgedrückt), werde ich nicht verurteilen oder ihnen den guten Willen absprechen, selbst wenn ich ihre Position oder Handlung scharf kritisiere.

Halbwesen
Die eigentliche Aufregung aber hat sich ja aus der - ja - etwas kruden Wortwahl ergeben, die Lewitscharoff gewählt hat. Und bei der ihr die eine oder andere auch gleich unterstellte, es ginge ihr nur um ihr Buch und die Promotion. Als ob da nicht der Büchnerpreis schon ganz gut geholfen hätte. Naja.

Das eine oder andere, was sie sagt, finde ich auch nicht richtig. Aber auch die fiesesten Worte hat sie schon bevor sie fielen, eingebettet. Sie spricht direkt vorher davon, dass sie jetzt übertreibt, weil sie so besonders wütend ist und sich so besonders ekelt. Und sie nimmt das Wort "Halbwesen" schon im nächsten Halbsatz wieder zurück, indem sie darauf hinweist, wie unfair und falsch es sei. Wer noch einmal nur diese Passage hören will - ab Minute 42 beginnt sie, ich habe die Rede hier unten eingebettet (direkt von der Staatsschauspiel-Seite her).

Die Dresdner rede von Sibylle Lewitscharoff ist sperrig und eigenwillig und in der Art, wie sie "ich" sagt, auch nicht allgemeingültig oder im klassischen Sinne philosophisch. Wohl aber im Buber'schen Sinne dialogisch, scheint mir. Aber das ist eine andere Geschichte. Es lohnt sich, über diese Themen zu streiten. Und wenn ich der Rednerin etwas vorwerfen will, dann dies: Dass sie es den Denkfaulen und denen, die explizit und begründet anderer Meinung sind als sie (und ich), allzu leicht macht, indem sie ihnen einen Brocken hinwirft, auf den sie sich reflexhaft stürzen. Und so die Diskussion vermeiden über Leid und Wohl am Lebensanfang und am Lebensende. Über die ethischen und anthropologischen Grenzen und Chancen der "frankenstein'schen Medizin".

So oder so lohnt es sich, die Rede noch einmal am Stück zu hören. Darum hier direkt das Audio.

 

Und für die, die es woanders hören wollen, hier die  Audiodatei als MP3 zum Herunterladen. Beides direkt von der Seite des Staatsschauspiels, so dass es hier weg ist, wenn es dort verschwinden sollte.

4.3.14

Zugereist

Mir geht es seit Tagen nicht aus dem Kopf. Weil es allem widerspricht, von dem ich dachte, dass es wahr wäre. Also nicht allem jetzt. Aber sehr vielem in der Frage, um die es ging. Allerdings muss ich dazu ein bisschen ausholen.

Eine sehr gute Freundin, ziemlich erfolgreich im Beruf und darum umgezogen von Stuttgart nach Hamburg vor einiger Zeit, ist eigentlich auf der Schwäbischen Alb geboren und aufgewachsen. (Sagt man "auf der Alb"?) Nun lebt sie mit ihrem Mann seit einigen Jahren in Hamburg und hat beruflich überwiegend in Norddeutschland zu tun. Oder im Ausland, viel in den USA und in der Karibik (fragt nicht, ich erzähle es euch eh nicht).

Vor einiger Zeit hatte sie einmal versucht, in Mecklenburg Urlaub zu machen, das war noch vor dem Umzug nach Hamburg. Ein Freund hat da ein Ferienhaus. Nach drei Tagen musste sie wieder abreisen. Es war keine offene Feindschaft, es war dieses Verstummen und Umdrehen, wenn sie einen Raum betrat, Laden oder Lokal.

Auch beruflich war sie schon mehr als einmal im Osten Deutschlands. Und weiß aus eigener Erfahrung, dass es faktisch no go areas für sie sind. Nicht, dass sie bedroht würde. Das nicht. Aber im besten Fall ignoriert und übersehen, im normalen Fall angestarrt und abschätzig begutachtet, in vielen sogar mit abfälligen Sprüchen bedacht.

Dann zog sie nach Hamburg. Bewegt sich, privat und beruflich, viel in Schleswig-Holstein und im nördlichen Niedersachsen. Und überlegt, wieder zurück in den Südwesten zu gehen.

Zwar ist es auch da nicht so einfach überall sofort akzeptiert zu werden und Anschluss zu finden, wo jedes Dorf auf der Alb seine eigenen Wörter hat, die es erstmal zu lernen gilt, bevor sie dazugehört. Aber diese merkwürdigen Formen von Alltagsrassismus hat sie dort noch nie erlebt. Sondern im alltäglichen Leben erstmals hier. Das war für sie überraschend und für mich, wenn ich ehrlich bin, bestürzend. Wenn sie erzählt, wie sie auf dem Markt am Obststand regelmäßig übersehen und von der Verkäuferin übergangen wird. Wie sich die eine oder andere nur sehr mühsam an ihren Anblick und ihre Sprache (dieses wunderbare lupenreine Schwäbisch mit diesen Wortverbindungen, die auch im Hochdeutschen noch durchkommen) gewöhnen konnte und ihr das deutlich zeigte.

Als jemand mit norddeutschem Tonfall und blonden Kindern habe ich das selbst nie erlebt (und mein Sohn, der zurzeit den Punk gibt, fährt seitdem logischerweise ohnehin nicht mehr in die Dörfer östlich von Lübeck, dafür ist seinen Freundinnen da schon zu oft was passiert, aber das ist eine andere Geschichte). Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Vor allem nicht, dass es hier bei uns im Norden so viel krasser ist als im Südwesten, der doch als so konservativ gilt. Das bringt schon ein Weltbild ins Wanken und macht mich mehr als nur nachdenklich.

Vor allem macht mich nachdenklich, wieso ich das nicht gedacht hätte und nicht sah. Obwohl wir schon lange eng befreundet sind. Ich weiß nicht mal, ob ihr dieser Alltagsrassismus begegnet, wenn ich dabei bin. Und ich ihn nur nicht sehe. Wahrscheinlich ist es so - denn ihr Mann war es, der es neulich erstmals beiläufig erzählte. Eher mit Erstaunen und leichter Resignation als mit Zorn. Er schwäbelt zwar, sieht aber so aus wie ich. Also so ungefähr.

Die Hälfte ihrer Vorfahren lebt in der zentralafrikanischen Republik übrigens.

25.2.14

Aus den Fugen

Früher war alles so einfach. Da gab es gute Guerillas und Befreiungsbewegungen. Und klare Zuordnungen. Und von ein paar Nazis abgesehen, demonstrierten die, die für mehr Freiheit und so was waren.

Und heute bezeichnen sich die Nachfolger derer, die für den Tod Rudi Dutschkes verantwortlich sind,  als APO und machen eine Establishment-Kampagne draus. Faseln die Privilegierten und Reichen, die alten weißen Männer und so, davon, dass sie einem Gesinnungsterror ausgesetzt seien und man das ja wohl noch mal werde sagen dürfen.

Da demonstrieren Anhängerinnen der alten Eliten in Thailand und versuchen zu verhindern, dass eine gewählte Regierung wieder gewählt werden kann. Und werden in der Berichterstattung nicht allzu selten in einem Atemzug mit Leuten genannt, die sich von Diktaturen befreien.

Es ist schwer geworden, zu unterscheiden. Ob eine engagierte Bevölkerung sich gegen eine Gewaltherrschaft weht und einen arabischen Frühling erlebt. Oder ob Angehörige der Mittel- und Oberschichten gegen eine demokratisch gewählte Regierung vorgehen, die die krasse Ungerechtigkeit im Land verändert (hat), so dass die Oberschichten nicht mehr ganz so oben sind im Vergleich. Vielleicht ist es also auch richtig, dass die versuchte Revolte von Rechts in Venezuela in den Medien hier kaum Widerhall findet.

Es gibt kein klares Gut und Böse mehr, das allein an den Taten und am Oben und Unten abzulesen wäre. Wodurch die eine resigniert und der andere in Zynismus abgleitet. Und eine engelgesichtige korrupte Mitt-50erin eine Heldin abgibt. Und reiche Jungs und Mädchen, die um ihre Privilegien fürchten, als Befreiungsaktivistinnen gelten.

Manchmal macht mich das müde. Und bringt mich dicht an Resignation oder Zynismus. Aber andererseits will ich meinen Kindern keine Welt hinterlassen, die so aus den Fugen ist. Und in der die Menschen und Medien um mich herum ihren Kompass verloren haben.

13.2.14

Ihr Medienbranchen-Jammerlappen

Mein Gott habe ich mich geärgert über die
die ich Montag in der HuffPost lesen musste. Darüber, wie die Generation Y den Arbeitsmarkt revolutionieren wird.

Eigentlich wollte ich direkt nach dem zweiten Absatz aufhören zu lesen, in dem dieser bemerkenswerte und historisch ungebildete Satz steht:
Und haben sich so den Spitznamen "Generation Y" eingefangen - weil sich Y im Englischen wie das Fragewort "Why" spricht.
Nein, lieber Tobias Fülbeck, sie heißt so, weil sie die Generation nach der Generation X ist und weil das Y nach dem X kommt. Aber wahrscheinlich hast du Douglas Couplands Bücher nie gelesen (darum hier der Link auf den Wikipediaartikel über diesen Autor) und nie die Kohlzeiten und die Reaganomics erlebt.

Und auch sonst ist mir nicht ganz klar, wo der Kollege lebt und arbeitet. Und ob er schon jemals in einem Unternehmen war. Oder Leute aus - sagen wir mal - Versicherungen oder Sanitärfachbetrieben kennt. Oder ist es mit diesem "die Generation Y wird alles revolutionieren" Gesülze vielleicht so wie damals mit der "Generation Praktikum", die es außerhalb der Gruppe von Menschen, die was mit Medien machen wollten, nicht gab? Die also zwar von Medienschaffenden nicht erfunden wurde, aber aus ihrer individuellen Erfahrung unzulässig für die auch auf andere zutreffende Realität gehalten wurde?

Jedenfalls wird dann ein Popanz aufgebaut, den es schon lange nicht mehr gibt. Um ihn mithilfe der Generation Y dann scheinbar umzubringen, obwohl er schon lange tot ist. Lustiger rhetorischer Trick. Aber irgendwie auch billig.
Die Bewerbungsgespräche der Zukunft werden anders verlaufen. Arrogante Bemerkungen wie „Warum sollten wir bitte ausgerechnet Sie in unserem Unternehmen einstellen?“ können nach hinten losgehen. 
Ach nee. Wer stellt denn solche Fragen? Dass sich hier was geändert hat, hat ja nun wirklich nicht mit dieser neuen Generation zu tun - sondern eher damit, dass schon die 68er und die Generation X dies nicht mehr ertrugen. Und beide heute die Vorgesetzten stellen.

Ähnlich ist der Bullshit, den Fülbeck über den angeblichen Bullshit von der Work-Life-Balance schreibt.
Die Mitarbeiter werden sich ihren eigenen Stundenplan machen. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn sie auf der Arbeit mit ihren Eltern telefonieren oder wenn sie mittags zwei Stunden joggen gehen. Die Arbeit wird nachgeholt. Und sie bestimmen wann.
Ja, Hammer aber auch. So ist das in Bürojobs im Umfeld von kreativen Branchen und im Vertrieb schon immer oder zumindest schon lange. Und meine Freundinnen, die bei Versicherungen arbeiten oder Handwerkerinnen sind, lachen über diese Idee. Ob Fülbeck weiß, an wie vielen Arbeitsplätzen in Deutschland es weder einen Internetanschluss gibt noch ein Telefon? In vielen Bereichen hochgradig arbeitsteilig gearbeitet wird oder die Kundinnen den Takt bestimmen und nicht die Chefin? Hat Fülbeck jemals irgendwas gesehen außerhalb Schule, Uni und was mit Medien?

Und dann die - wie nannte es Tapio oben so schön - Klischeekakke.
Nicht geschimpft ist schon gelobt – mit diesem Motto werden Führungskräfte in der Zukunft scheitern. 
Glaubst du ernsthaft, die Tatsache, dass dieses Motto seit rund zehn Jahren Führungskräfte en gros scheitern lässt, liegt an euch Jungen? Echt? Naja, du glaubst ja auch, wir haben euch "Y" genannt, weil es so schön nach "Warum" klingt. Hihi.

Was mich am meisten anwidert irritiert (jetzt mal abgesehen von den positiven Resonanzen, die ich zusammen mit indifferentem Link-Geteile gesehen habe) an dem Geschwurbel, das dann noch folgt, ist das Pathetische, mit dem die Realität in - siehe oben - Firmen mit kreativnahen Bürojobs, wie sie seit Jahren oder gar Jahrzehnten besteht, als glorreiche Zukunft beschrieben wird. Geht's noch? Das ist nicht die Zukunft, auf die wir Alten uns aufgrund einer verwöhnten, anspruchsvollen "Premium"-Generation einstellen müssen. Sondern das ist das Bett, das wir erkämpft haben und in das ihr euch legen könnt. Wenn wir euch mit eurer Anspruchshaltung darin haben wollen und nicht lieber unsere Firmen schließen, bevor die Heipopeis sie kaputt machen. Oder so. Aber genau das hat auch die Generation meiner Großeltern (für die von euch, die lesen können: das waren die, die als junge Erwachsene aus dem Krieg kamen und von denen man sagt, sie hätten dieses Land wieder aufgebaut, was aber nur die halbe Wahrheit ist, aber das ist eine andere Geschichte) über die Generation meiner Eltern gesagt und erst Recht über meine. Kann also alles noch werden.

Und irgendwie habe ich darum auch keine Lust mehr, mich mit den weiteren vielen Allgemeinplätzen zu beschäftigen, die der Autor dann noch hinterherschiebt. Die Hälfte ist bereits Realität, die andere Hälfte wird auf den größten Teil der Menschen nie zutreffen, weil sie nicht in dieser was mit Medien Blase gefangen sind.

Nur zwei Dinge noch.

1. Wer glaubt, Alumni-Dingens seien was Neues. Oder glaubt, entspannte Trennungen in der Arbeitswelt und Selbstbewusstsein von guten Leuten sei etwas, das überraschend wäre. Ist. Etwas. Dumm.

2. Es ist das Privileg der Pubertät, alles selbst zu entdecken, was andere vorher auch schon entdeckt haben, und es für neu und bahnbrechend zu halten. Es ist sogar wichtig, dieses in der Pubertät zu tun. Wenn jemand dann erwachsen wird, reflektiert sie dieses Erleben und Entdecken mithilfe dessen, was gut dokumentiert vorher war. Ordnet sich ein in die Geschichte, findet den gegenwärtigen Ort. Was nichts mit Ruhe und Zufriedenheit zu tun hat sondern nur damit, die Krümmung der Lernkurve zu steigern. Das ist ja auch der vielleicht wichtigste Aspekt des "Erwachsenwerdens". Niemand zwingt irgendwen erwachsen zu werden, siehe Neo. Aber dann beschwert euch nicht, wenn euch auch niemand so behandelt, als wäret ihr erwachsen.


31.1.14

Geht alles doch

Dass sich Kinder und Karriere nicht vereinbaren lassen, ist eine Lüge. EINE ERWIDERUNG AUF MARC BROST UND HEINRICH WEFING
Der einzige Vorteil des Artikels ist, dass er zum Nachdenken anregte, nachdem ich mich wieder abgeregt hatte. Warum eigentlich immer in der "Zeit", die ich doch so sehr schätze? Schätze, weil sie Themen mit etwas mehr Ruhe angeht und einen eigenen Ton anschlägt. Und dann kommen die Heulsusen der nächsten Generation dauernd zu Wort mit ihrem Schmerzenesmännergesülze. Oder die Heulsusen meiner Generation. Wie gerade. Marc Brost und Heinrich Wefing. Namen, die ich oft höre, denn ich habe ein Abo des Audiomagazins der "Zeit", das ich auf dem Weg ins Büro höre. Und hier sind sie nun und schwadronieren darüber, dass es eine Lüge sei, dass sich Kinder und Karriere für Männer vereinbaren ließen.

Ganz ehrlich? Auch ich bin oft erschöpft. Und ich sitze immer wieder da und bin darüber verzweifelt, dass ich meinen eigenen Ansprüchen in beiden Hauptrollen meines Lebens nicht gerecht werde und zwischen ihnen zu zerreißen drohe: Dem Beruf, der mir unglaublich viel Spaß macht und mir unglaublich viel Befriedigung verschafft. Und der Familie, die ich liebe und die mir so unendlich wichtig ist.

Und trotzdem würde ich nie auf die Idee kommen, so einen Bullshit von mir zu geben, wie diese beiden Generationsgenossen. Denn ihre Behauptung, es sei eine Lüge, dass sich Familie und Karriere verbinden ließen, ist ein weinerlicher Selbstbetrug. Ich glaube, ich ahne, wie sie darauf kommen. Weil ich selbst immer wieder diese Anwandlungen habe. Bei denen - und das ist vielleicht mein großes Glück - meine Liebste mir den Kopf wieder zurechtzurücken pflegt. Oder manchmal auch meine Mitarbeiterinnen.

Damals, mit fast Mitte Zwanzig, als wir frisch verheiratet waren, haben sich in unserem Freundeskreis und unserem universitären Umfeld reihenweise Paare getrennt. Weil es nicht mehr prickelte. Weil sie die Vertrautheit und - ja, auch - Langeweile nicht ertrugen, die sich daraus ergab, dass sie sich so gut kannten und aufeinander einstellten.

Vielleicht habe ich das Glück oder hatten wir das richtige Gespür und Ahnen, die andere Reihenfolge zu wählen als viele andere meiner Generation. So dass ich knapp Mitte Vierzig bin, jetzt, wo Primus Achtzehn wird, Abitur macht und, wenn alles klappt, als Au Pair ins Ausland gehen wird. So dass bei uns der Beginn der Berufstätigkeit mit dem Beginn der Familienphase zusammen fiel. Obwohl wir dann ja noch drei Kinder nachlegten innerhalb von insgesamt rund zehn Jahren, also nun bei Quarta auch keine so richtig jungen Eltern mehr sind.

Vielleicht haben wir auch nur eine andere Haltung zu Erziehung, Leben und Selbstverwirklichung, dieser Geißel und Selbstgeißelungsmethode meiner Generation. Als Primus vier Jahre alt war, ist er allein durchs halbe Dorf (also den Stadtteil, da oben am Nordostrand von Hamburg) gegangen, wenn er zum Fußball wollte. Vom ersten Tag an gingen alle unsere Kinder alleine zur Schule, die beiden großen mehr als 25 Minuten zu Fuß. Dieses Helikopterelterndingens kenne ich nur aus der Zeitung. Vor allem aus der Zeitung, bei der die beiden Jungs arbeiten, die da so rumjammern. Kann aber auch Zufall sein, weil das ja die einzige Zeitung ist, die ich wirklich lese.

Jetzt gerade ist Freitagabend, nach 23 Uhr. Während ich dieses schreibe, läuft "Inni" von Sigur Ros auf dem Fernseher. Meine Liebste ist mit ihren Freundinnen unterwegs. Die beiden kleineren Kinder liegen im Bett, die beiden großen kommen gerade nach Hause und machen sich etwas zu essen. Und ich hardere nicht mit meinem Schicksal, denn so ist es von mir selbst gewählt. Aber vielleicht ist es auch einfach so, dass mir das, was Rachel Macy Stafford diese Woche in diesem wunderbaren Artikel in der Huffington Post schrieb, nicht so fremd ist. Sollten Brost und Wefing mal lesen. Und dass ich fast fünfzehn Jahre keine Bücher las und nicht im Konzert oder in der Oper war, ist eben so. Ich konnte es nach anfänglicher Wehmut ganz gut verschmerzen, denn ich habe es vorher ausführlich gemacht. Und beginne es jetzt wieder.

Es ist nicht immer leicht, beide Rollen wirklich und gut auszufüllen und dabei nicht den Orden der Unbegabten zu bekommen, als den Reinhard Sprenger einmal Stress bezeichnet hat. Aber das, was ich mit meinem krummen Berufsweg hingelegt habe, kann man schon durchaus als Karriere bezeichnen. Ebenso das, was meine Liebste gemacht hat. Beide haben wir es nicht so geplant. Beide haben wir Unterbrechungen der Karriere gehabt. Beide haben wir immer wieder nachjustiert. Und uns einige Jahre entschlossen, ein Au Pair aufzunehmen, damit Karriere und Kinder besser zugleich gehen.

Und dennoch sind wir hin und wieder am Ende. Worauf wir achten, ist, dass die andere ruhig wird und den Überblick behält, wenn der eine seinen monatlichen Depritripp hat. Vielleicht wäre ich auch so verzweifelt wie die beiden Jungs von der "Zeit", wenn ich nicht immer wieder so glücklich wäre. Und wenn es vor allem nicht - trotz aller auch immer wieder unbefriedigenden Situationen - auch meine Liebste wäre.

Und wenn wir den Eindruck haben, dass wir reden müssen, dass wir Zeit zu zweit brauchen, dann gehen wir in die Sauna. Zweimal in der Woche. Und reiten gemeinsam aus. Mindestens einmal in der Woche. Zeit, die wir uns nehmen, die uns die Kinder schenken. Die für sie selbstverständlich ist. In der wir beide jeweils beide Hände brauchen und das mobile Internetzugangsgerät in der Hosentasche (beim Reiten) oder draußen (beim Saunen) bleiben muss.

Vielleicht ist es auch einfach so, dass wir nicht hadern, dass wir Taxi sind und in Sporthallen stehen oder am Reitplatz. Dass wir nicht den Eindruck haben, unser Leben zu verpassen oder uns nicht selbst zu verwirklichen. Vielleicht, weil wir beide Berufe haben, die wir mögen und die Verwirklichung sind, was, ich weiß, ein Privileg ist. Und dass wir beide schon jeweils und mehr als einmal etwas genau daran geändert haben in den letzten zwanzig Jahren, wenn das so nicht mehr war.

Und dann ist es auch kein Problem, wenn ich am Abend noch einmal arbeite oder am Wochenende. Weil ich es absprechen kann. Weil es nicht jede Woche vorkommt. Weil ich auch mal durchatme. Weil ich vom Leben nicht nur Rosinen erwarte oder dass es unentwegt prickelt.

Kinder und Karriere sind vereinbar. Für Väter und Mütter. Wenn sie es wollen und bereit sind, glücklich zu sein. Im Gegenteil: Gerade wenn wir Karriere machen, wird es ja einfacher. Ohne Karriere hätte die Wohn- und Einkommenssituation nie zugelassen, dass wir ein Au Pair haben. Oder Pferde.

Und heute reiten alle vier Kinder.

19.1.14

Hamburger gegen Gewalt

oder: Wie eine unheilige Allianz aus Hamburger Abendblatt und SPD-Innenpolitikern eine gute, bürgerschaftliche, hanseatische Idee zu einem Propagandainstrument umfunktioniert hat.
Es gab einen Zeitpunkt in den letzten Wochen, da hatte ich Hoffnung. Die Hoffnung, dass es gelingen könnte, alle diejenigen zusammenzubringen, denen Zusammenhalt und Liberalität in dieser Stadt wichtig sind. Zwar wurde dieser Zeitpunkt ironischerweise aus einer Lüge geboren, aber so ist das ja oft im Leben.

Unmittelbar nach der Lüge der Polizeipressestelle rund um Krawalle und einen angeblichen Angriff auf die Davidwache, das Symbol der "guten Polizei" in Hamburg (und das bis weit in polizeikritische und linksradikale Kreise hinein), gab es zwei Bewegungen:

  • Die eine, maßgeblich getrieben vom Hamburger Abendblatt und den SPD-Politikern Dressel (Fraktionsvorsitz) und Neumann (Senator), nahm die Vorlage auf, indem die Solidarität mit der Polizei einforderte und versuchte, alle Stimmen, die sich kritische zur taktischen und politischen Führung der Polizei äußerten, zu kriminalisieren. 
  • Und die andere, die den Schock bis in eben diese Gruppen mit eben diesen Stimmen nutzte, um eine Allianz zu schmieden, die sich zu Gewaltfreiheit bekennen würde - und damit sowohl den Staat als auch die Protestierenden meinte.
Die zweite Bewegung wurde von Jens Kerstan angestoßen, den Fraktionschef der Grünen. Ich bin ja nun, obwohl auch Grüner, alles andere als ein Freund und Unterstützer von Jens - aber hier hat er es genau richtig gemacht. Er bekam für seine Idee "Hamburger gegen Gewalt" sogar viel Raum im Abendblatt. Und kurz sah es so aus, als könnte seine Initiative Erfolg haben. Als könnte sich erstmals seit Dohnanyis beherztem Eingreifen 1987 (übrigens gegen seinen Innensenator Pawelczyk und seinen Fraktionschef Voscherau) im Hafenstraßenkampf wieder die liberale bürgerliche Vernunft gegen die Betonfraktion durchsetzen.

"Hamburger gegen Gewalt" hätte ein Aufschrei der Stadt gegen die Gewalt der Straße sein können. Gegen Menschen, die jedes Maß in der politischen Auseinandersetzung verloren haben, und gegen Menschen, die qua Exekutivmacht über Recht und Gesetz zu stehen glauben.

Nach etwas mehr als einem Tag ist dann das Abendblatt zurück gerudert. Und nach einigen wenigen Tagen haben die Innenpolitikerinnen der SPD-Fraktion erstmal vorsichtig und dann immer offensiver vorgefühlt, ob sich die Idee von "Hamburger gegen Gewalt" nicht doch umdeuten lässt.

Seit klar ist, dass sich SPD und Abendblatt nicht darauf einlassen werden, einen Konsens mit den liberalen Kräften der Stadt zu suchen, gehen sie wieder in die Offensive. Der Versuch von Jens Kerstan, in Gesprächen mit den anderen Fraktionen zu einem gemeinsamen Aufruf oder gar einer gemeinsamen Demonstration seine Idee noch einmal wiederzubeleben, kann als gescheitert gelten. Jede Kritik an der Führung der Polizei ist aus der Berichterstattung über "Hamburger gegen Gewalt" verschwunden. Und jede Äußerung von Dressel und Co zeigt, worum es denen geht, die "Hamburger gegen Gewalt" jetzt vorantragen: Darum, jede Kritik an der Polizei als Unterstützung von Gewalt zu brandmarken. Und abzulenken von den sozialen und Demokratieproblemen in dieser Stadt und vor allem abzulenken vom politischen und taktischen Versagen der Polizeiführung. Im Gegenteil - der Innensenator kettet sich sogar an die Polizeiführung und stellt sich hinter sie anstatt selbst Führung zu übernehmen und mit einer demokratischen Position voranzugehen.

So ist aus einer guten Idee - "Hamburger gegen Gewalt" - eine Bekennerinnenkampagne für den Polizeistaat geworden. Eine explizite und bewusste Unterstützung einer Polizeiführung, die gegen geltendes Recht und Beschlüsse von Gerichten Fakten zu schaffen versucht. Eine Unterstützung der Eskalationsstrategie, die versucht, kritische Stimmen zu kriminalisieren und als Unterstützung von Gewalt zu erklären. 

Der harmlos klingende Aufkleber "Hamburger gegen Gewalt", der dieses Wochenende dem Abendblatt beilag, ist alles andere als harmlos. Wer immer ihn nutzt und sich irgendwo hinklebt, sollte sich bewusst machen, wer hinter der Kampagne steckt, was das Ziel der Kampagne ist und wem sie nützt. Wer immer den Aufkleber nutzt, bekennt sich zum Versuch, in Hamburg Fakten auf dem Weg in den Polizeistaat zu schaffen. 

Ich will das nicht. Und ich will nicht, dass diese Stadt in jene Illiberalität abgleitet, die die Polizeiführung repräsentiert und zu der sich Neumann und Dressel bekennen. Bei aller Kritik im Detail mag ich diese Stadt und auch dieses Land zu sehr, um es ertragen zu können, wie Recht und Liberalismus immer weiter ausgehöhlt werden. "Hamburger gegen Gewalt" ist gescheitert. Zurück bleibt der Versuch, die Aushebelung politischer Prozesse durch Eskalationsstrategien der Exekutive zu einer Hegemonie zu nutzen, die jede Kritik als einen Akt der Gewalt und der Widerstandes erscheinen lässt. 

Wer den Aufkleber nutzt, bekennt sich zu dieser Politik. Naja, müsst ihr selbst wissen, in wessen Gesellschaft ihr euch begeben wollt.

18.1.14

Eine Bischöfin muss auf Facebook sein

Dies ist ein Beitrag, den ich für die Evangelische Zeitung geschrieben habe, die dieses Wochenende erschienen ist. Er ist Teil eines Pro und Contra zu diesem Thema. Das Contra hat Lars Harden geschrieben.
Ob die Bischöfin zum Empfang der Landesregierung geht oder der Regionalzeitung ein Interview gibt, kann sie nicht anhand von Sympathie oder Lust entscheiden. Es gehört zu ihrem Job. Denn egal, ob wir es (theologisch) gut finden oder nicht: die Bischöfin ist eben nicht nur Pfarrerin – sondern in und mit ihrem Amt ein Symbol für Kirche, sozusagen der Kirchturm, den ich auf dem Markt der Meinungen und Deutungsangebote von überall her sehen kann.

Darum haben Bischöfinnen Briefe geschrieben, die von den Kanzeln verlesen wurden. Darum geben sie Interviews in Radio und TV. Darum ist ihre Weihnachtspredigt nicht nur eine von vielen Predigten. Und darum muss eine Bischöfin auf Facebook sein.

Denn Facebook ist heute ein Raum, in dem die Mehrheit der Erwachsenen in diesem Land sich mindestens hin und wieder aufhält (und übrigens nicht, wie oft gedacht, die Jugendlichen, die sind schon weitergezogen). Und egal, ob wir oder die Kirche oder unsere Datenschützer das gut finden oder nicht – Facebook ist ein Raum, in dem viele erwachsene Menschen in ihrer Freizeit gerne sind. In dem sie sich mit Menschen unterhalten, die sie kennen. In dem diejenigen, die keine gedruckte Zeitung (mehr) lesen, einen großen Teil ihrer Nachrichten beziehen, weil sie da jemand verlinkt, also weitersagt. In dem sie Personen, Marken, Stars, Institutionen erlauben, ihnen zu sagen, was gerade passiert – und bei ihnen „gefällt mir“ klicken.

Facebook ist darum heute für die Kirche ein idealer Raum für Mission. Menschen sind aufnahmebereit, können emotional angesprochen werden. Wer Mission als die Mischung aus Rausgehen mit der Botschaft auf den Markt einerseits und einer offenen Tür mit niedriger Türschwelle andererseits begreift, wird und kann einen der größten Marktplätze und eine der weitesten Türen nicht ignorieren, die uns kommunikativ heute zur Verfügung stehen.

Eine Bischöfin ist eine Person der öffentlichen Lebens und der öffentlichen Verkündigung. Neben den anderen und schon länger etablierten Kanälen ist Facebook eine gute Möglichkeit, ihren Auftrag zu erfüllen: Nähe zu zeigen, die persönlich aber nicht privat ist, Botschaft und Positionen zu formulieren und ansprechbar zu sein, ohne sich vereinnahmen zu lassen.

8.1.14

Zur Gewaltdiskussion in Hamburg

Geht doch rüber.

Vielleicht liegt es daran, dass Nico Lumma doch ein bisschen jünger ist als ich und er diesen Satz nie gehört hat. Vielleicht war er als Juso auch nur nicht so links wie ich. Aber sein Text, Rant, Aufschrei, wasweißich zur innenpolitischen Situation in Hamburg liest sich für mich in weiten Teilen wie

Geh doch rüber.

Für die jüngeren hier: So wurde in meiner Jugend von sehr vielen Leuten geantwortet, wenn jemand der Auffassung war, dass sich das eine oder andere sehr grundsätzlich in diesem Land (damals: Westdeutschland oder auch BRD) ändern sollte:

Geh doch rüber.

Nico ist nicht dumm und nicht rechts, darum formuliert er es anders:
...ich sehe Verbesserungspotential, aber im Vergleich mit anderen westlichen Demokratien sind wir echt fein raus hier.
Die Sache mit der Gewalt gegen den Staat
Geh doch rüber.

Das immer schon perfide (sorry) dieser Argumentation war, dass es keine Argumentation ist. Ebenso wie das strukturell gleiche "Argument", wer gegen polizeistaatliche Methoden wie den Ausnahmezustand (hinter dem Link eine sehr gute Einordnung des "Gefahrengebiets" durch den linksradikaler Umtriebe unverdächtigen Zeit-Redakteur Biermann) ist, sei für die Krawallmacher oder verteidige sie oder fände das gut oder so was. Sondern es ist die Ansage:

Geh doch rüber.

Ich habe ja in der Familie einige Polizisten und ehemalige (pensionierte) Polizisten. Und kenne auch sonst einige. Darunter auch welche, die in ihrer Zeit in den Einsatzhundertschaften Eskalations- und Deeskalationsstrategien miterlebt und mitgemacht haben. Und welche, die mehr als einmal auf ihre Remonstrationspflicht zurück gekommen sind. Oder einem Kollegen ein Bein stellten, der in einer Situation wie der am 21.12. angreifen wollte. Keiner von denen ist übrigens in Hamburg.

Ich habe einige in der Familie, die in den 70ern und 80ern als Ordnerinnen ausgebildet wurden, um bei Demonstrationen deeskalierend zu wirken und Demoleitungen zu übernehmen. Alle übrigens bezahlt und geschult von der SDAJ. Womit wir angesichts der Finanzierung dieser Kader wieder am Anfang wären.

Geh doch rüber.

In meiner Familie gibt es in der Generation nach mir einige, die aufgrund ihres Styles sehr regelmäßig anlasslos von der Polizei kontrolliert werden. Darunter auch Polizistensöhne in der Provinz. Denen das Klima des Misstrauens und die Aggression der Exekutivkräfte (wo immer die herkommen mag, und sei es aus Angst) eine Haltung vermittelt, sie und ihre Vorstellungen vom Leben und vom Chillen und vom Feiern seien in diesem Land nicht erwünscht. Denen die Vertreter (meist ja Männer in ihren Fällen) der Exekutivkräfte (Polizeien und Sicherheitsdiensten der Bahnen) klar und nachhaltig und in Wildwestmanier (Vorzeigen der Waffen) vermitteln, dass der Staat freundliche, hilfsbereite, politisch interessierte Jungs, die optisch, olfaktorisch und akustisch von der Norm ihrer Eltern abweichen, mindestens ablehnt, in vielen Fällen sogar bedrängt.

Gerade weil ja sehr oft von jugendlichen Krawalltouristen die Rede ist, auch von intelligenten Menschen wie Nico, ist die Erfahrung schon interessant, die ich mit vor allem durch anlasslose Polizeiaggressivität politisierten Jugendlichen vom Lande habe. Denen faktisch die entsetzten Blicke der Bürgerinnen und das martialische Auftreten der Exekutivkräfte immer wieder sagen:

Geh doch rüber.

Ehrlich gesagt habe ich an (erwachsene) Beamte, die ausführlich in Demokratie geschult, auf Verfassung und Gesetze vereidigt und in Bezug auf ihre Remonstrationspflicht ausgebildet wurden, einen anderen Anspruch an Deeskalationswillen und Deeskalationsfähigkeit als an Jugendliche in der schlimmsten Phase ihrer Testostronverwirrung. Und ich will die Erwachsene (insbesondere mit Kindern) sehen, die mir nicht zustimmte, dass wir hier nicht mit gleicherlei Maß messen dürfen.

Das alles hat noch nichts damit zu tun, ob ich Gewalt als Mittel der Politik oder grundsätzlich ablehne oder nicht. Das alles hat nichts damit zu tun, ob ich diesen Staat für demokratisch halte oder nicht. Ob ich die Regierung dieser Stadt und dieses Landes für demokratisch halte oder für technokratisch. Darüber kann und will ich mich streiten. Über alle diese Fragen. Und die meisten habe ich für mich selbst noch nicht entschieden, schon gar nicht endgültig.

Komm doch mal rüber. 

Lass uns reden. Und für eine demokratische Gesellschaft streiten. Denn in einem stimme ich Nico zu. In seinem Schlusssatz.
Ich finde, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung ein schützenswertes Gut ist und ich möchte nicht, dass hier das Recht der Straße gilt und gewalttätige Randalierer ihre Forderungen durchsetzen können.
Auch wenn mich der Eindruck beschleicht, dass er damit nicht so wie ich die Polizeiführung meint. Komisch.

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