8.2.16

Vater sein dagegen sehr

Ich reibe mir verwundert die Augen. Dinge, über die ich nicht mal reden würde, sind auf einmal "feministische Vaterschaft" (unbedingt die Kommentare ansehen, das ist sehr, sehr traurig). Witzigerweise habe ich mir tatsächlich noch nie Gedanken über so etwas wie feministische Vaterschaft gemacht. Und auch noch nie über die Dinge, die in dem verlinkten Artikel beschrieben werden. Darum war ich zuerst auch so perplex und habe den Text angesichts der Überschrift als "blöd" bezeichnet.
Das ist aber eigentlich ja unfair. Denn der Text ist, wenn man es genau betrachtet, nicht blöd, er hat nur die falsche Überschrift. Was Jochen König beschreibt, sind Selbstverständlichkeiten, die offenbar nicht selbstverständlich sind. So wie es auch immer noch die Arschlöcher unter den Vätern gibt, die sich als "neue Väter" feiern, weil sie die zwei Monate Elternzeit für eine Weltreise mit Frau und Kleinkind nutzen oder weil sie hin und wieder ihr Kind vom Kindergarten abholen, wenn die böse Mutter sie lässt (alles fein, aber "neue Väter"? Haaalllloooo?). Ich übertreibe unfair, ja, aber ihr glaubt gar nicht, was man so alles erlebt, wenn man mit Leuten zusammen trifft, die sich "neue Väter" nennen oder welche sein wollen oder so. Aber hin und wieder liest man ja auch mal gutes zu dem Thema und nicht nur so einen Blödsinn wie neulich in diesem Spiegeldingens.

Feministische Vaterschaft?
Was sollte das eigentlich sein? Und: worauf sollte Mann da stolz sein? Ich selbst habe auch erst in der allerletzten Zeit angefangen, mich als Feministen zu bezeichnen. Das kam mir vorher immer eher albern vor. Mein eigenes Aufwachsen, das ich teilweise immer mal wieder hier im Blog beschrieb, war so selbstverständlich feministisch geprägt, dass ich auch wirklich erst auf die Idee kam, ich sei Feminist, als ich die feministische Subkultur verließ, in der ich aufwuchs. Das war ein Schock.

Lustigerweise kam er zeitlich ungefähr zu der Zeit, als ich das erste Mal Vater wurde (eigentlich sogar noch später, aber im Erleben dessen, wie ich Vater war, und dem, wie andere Vater waren, entstanden die ersten Risse). Ich habe beispielsweise nie ein Gewese um das gemacht, wie wir als Paar Eltern waren und wie wir gemeinsam anfingen, eine Familie zu sein, darum findet sich auch in meinen Texten und meinem Blog so wenig darüber. Erst später lernte ich, das Erstaunen (und bei den Freundinnen der Frau die Begeisterung) anderer einzuschätzen, wenn wir über unser Leben und unsere Familienarbeit sprachen.

Dies hat übrigens nichts, aber auch gar nichts mit der Frage zu tun, wer wie viel der Familienarbeit verrichtet. Das mag einige überraschen - aber auch die Beispiele, die Jochen König anführt, haben nichts zu tun mit der Aufteilung der Arbeiten zwischen den Eltern (also der Verteilung von Erwerbsarbeit und Familienarbeit). Jochen schreibt - und nennt dies Fragen auf dem Weg zu einer feministischen Vaterschaft:
Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? Wer wird vom Kindergarten angerufen, wenn es dem Kind nicht gut geht? Wer hat im Blick, wann die nächste Impfung oder Vorsorgeuntersuchung bei der Kinderärztin ansteht und ob sich noch genügend passende Klamotten im Kinderkleiderschrank befinden? Wer geht mit dem Kind neue Schuhe (auch Hausschuhe für die Kita) kaufen? Wer besorgt das Geburtstagsgeschenk für den Kindergeburtstag? Und wer fordert immer wieder Gespräche darüber ein, wie das Ganze aufzuteilen ist?
Ich könnte alle diese Fragen für mich beantworten, wahrscheinlich überwiegend so, dass der Eindruck entstünde, ich kümmerte mich um die Familienarbeit - und trotzdem mache ich viel weniger konkrete Familienarbeit als die Frau, die dafür weniger Zeit mit Erwerbsarbeit zubringt als ich. Woraus ich schließe, dass dies nur sehr wenig mit Feminismus zu tun hat - sondern eher damit, kein Arschloch zu sein. Oder zumindest halbwegs achtsam. Denn was Jochen hier als "unsichtbare Arbeit" beschreibt, ist doch eigentlich "nur" eine Frage der Achtsamkeit, nicht aber der Haltung zur Machtfrage in dieser Welt (was Feminismus meiner Meinung nach immer auch ist).

Wo sich Feminismus eher zeigt
Ich denke, dass die Themen, die Jochen König anspricht, alle wichtig sind. Aber nicht feministisch. Sondern wichtige Fragen von Herzensbildung, Achtsamkeit und Gerechtigkeit. Ich weiß, dass auch in diesen Fragen bei uns in der Familie keine "Gleichverteilung" herrscht, aber dass die Richtung stimmt. Ich bin überzeugt, dass es in einer feministischen Familie nicht entscheidend ist, wer welche Arbeit macht - sondern wer das entscheidet und wieso es so ist. Wie also die Machtfrage gestellt und beantwortet wird.

Während für Feministinnen im Patriarchat so etwas wie ein Fuck Off Fund eine wichtige und gute Idee ist und darum die Frage, wie das Geldverdienen in einer Beziehung, in einer Familie geregelt wird, tatsächlich entscheidend ist, muss eine ungleiche Verteilung des Familieneinkommens nicht zwingend ein Problem sein - wenn, ja wenn die Familie ein feministisches Modell ist [zu einer weiteren wichtigen Voraussetzung, dass das bei uns klappt, zwei Absätze weiter]. Wenn wir eine feministische Gemeinschaft bilden, die - wiederum ähnlich wie das, was unsere Eltern exemplarisch in den 70ern und 80ern gemacht haben - die Utopie praktisch werden lässt.

Ich mag die Idee einer "feministischen Vaterschaft" nicht. Aber wenn, dann äußert sie sich nach meiner Überzeugung eher in einem inklusiven und feministischen Lebensmodell der Familie. In der es biologisch Mama und Papa gibt, aber keine Rollenzuschreibungen und keine Mama- oder Papa-Aufgaben. In der Männer weinen und Frauen brüllen, um es mal ganz plastisch am Familienalltag entlang auszudrücken. In der beispielsweise nicht für immer klar ist, wer zu Hause bleibt, wenn das Kind krank ist, sondern dieses jedes Mal anhand der jeweils konkreten Situation in der Erwerbsarbeit abgestimmt wird.

Dass die Frau, unsere Kinder und ich diese Utopie zu leben versuchen können, hängt allerdings mit einem Punkt zusammen, den wir nicht bei anderen voraussetzen können und den die eine oder andere wahrscheinlich auch schräg oder inakzeptabel findet. Für uns ist klar (aus verschiedenen Gründen), dass unser Familienmodell nur funktioniert, wenn es für immer ist. Wenn es kein Sicherheitsnetz, eben keinen Fuck Off Fund gibt. Wenn Scheitern keine Option ist. Vielleicht spreche ich auch deshalb von gelebter Utopie. Aber tatsächlich ist dieses Fehlen von Angst an dieser einen Stelle etwas, das uns die Machtfrage aktiv angehen lässt. Das uns ermöglicht, die ungleiche Verteilung des Einkommens nicht zu einer Machtfrage werden zu lassen - sondern die Einkommensteile aus Erwerbsarbeit zusammen zu betrachten, ebenso wie die Gesamtheit der Arbeit und der Freude und der Liebe und des Stresses.

Die feministische Familie strahlt aus
Die ersten unserer Kinder sind gerade an der Schwelle zum Erwachsensein. Und es macht mich glücklich, dass sie unser feministisches Modell von Familie teilen und leben. Da beginnt es schon auszustrahlen.

Der andere Punkt ist in der Erwerbsarbeit tatsächlich sichtbar. Und hier sehe ich den wesentlichen Unterschied zu Jochen König (vielleicht jedenfalls, er spricht ja faktisch über diesen Teil nicht in seinem kurzen Text, der nur über die Basics redet). Denn was die Frau und ich jeweils beruflich machen, wie wir uns da organisieren, welche Gespräche wir mit unseren (potenziellen) Arbeitgeberinnen führen, hängt wesentlich mit unserem Familienmodell zusammen.

Als Feminist bin ich im Beruf viel eher zu sehen als in der Familie. Weil ich voraussetze, dass ich mit den Kindern zu Lernentwicklungsgesprächen mitten am Tag in ihre Schule gehe(n darf). Weil ich auch im Büro als Vater sichtbar bin. Weil ich zeigen kann, dass ein feministischer Lebensentwurf trotzdem zu einer Karriere führen kann, die bis in die Geschäftsführung führt.

4.2.16

Arabischer Frühling, deutscher Winter

Nein, vor fünf Jahren, das war keine "Facebook-Revolution". Und nein, gerade finden keine "Facebook-Pogrome" statt. Aber es fällt doch auf, wie sehr Social Media mit Veränderungen in der Gesellschaft zu tun haben. So sehr, dass der hellsichtige und intelligente Christian Buggisch sogar von Facebook als Propaganda-Maschine spricht. Und so sehr ich ihm beim Unbehagen zustimme, denke ich, er irrt mit dieser Einschätzung. Oder zumindest mit diesem Wort. Und das hängt mit der Überschrift dieses Textes zusammen, damit, dass ich Gemeinsamkeiten erkenne, auch weit über diese beiden Themen hinaus.
Ein kurzer Einschub zu Literatur, die meinem Denken und meiner Analyse zugrunde liegt. Auf drei Bücher sei verwiesen, die mich heute prägen in diesem Zusammenhang. Drei Bücher übrigens, die ich jenseits der wenigen Worte dieses Textes sehr allen denen empfehle, die sich mit Kommunikation und Gesellschaft beschäftigen. Also mindestens allen Menschen, die mit Marketing und PR zu tun haben (wollen): 
  • Zum einen Marcuses wirkmächtiges Buch Der eindimensionale Mensch, das vielleicht das wichtigste philosophische Buch des 20. Jahrhunderts war und ohne das meines Erachtens fast nichts zu verstehen ist, was wir heute vorfinden. Brillante Analyse. 
  • Zum anderen, auch schon älter, das wichtiges Basiswerk zu Open Source, Raymonds Die Kathedrale und der Basar, das mich seit fast zwanzig Jahren inspiriert. 
  • Und zum dritten, das jüngste in dieser Runde, Writing on the Wall von Tom Standage. Dies letzte ist schnell gelesen, macht das unbedingt, sehr erhellend, um Linien zu sehen, wo ihr noch keine seht.
Soziale Medien vs lineare Medien
Nach meiner Beobachtung sehen wir in der Zusammenrottung von Menschen, die eine Pogromstimmung erzeugen, ein Phänomen, das - zunächst einmal wertneutral betrachtet - typisch ist für Umbruchsituationen und für neue Medienformen. Wenn es soziale Medien sind, also Medien, die entlang von sozialen Signalen verbreitet werden (wie Briefe, Flugschriften, Facebook/Twitter), dann ist das meines Erachtens übrigens tatsächlich das Gegenteil von Propaganda, für das die Macht lineare Medien braucht (wie Plakate, TV, Radio). Soziale Medien haben in politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen exakt den gegenteiligen Effekt von Propaganda - nämlich das Sichtbarmachen von Haltungen und Meinungen, die vom vermeintlichen Mainstream abweichen. Was übrigens ja weder gut noch schlecht ist, was diese Meinungen vor allem nicht besser macht als andere. Denn es kann zu Umstürzen in Diktaturen führen (1989, 2011) oder eben zu Pogromen (2016). Was aber passiert durch soziale Medien - und was wir auch in Deutschland gerade erleben - ist das, was ich "Synchronisation von Meinungen" nenne.

Deutscher Winter
Was wir das gesamte letzte Jahr erlebt haben und gerade aktuell auch für die meisten sichtbar wird, die kaum Menschen in ihren Netzwerken hatten, die sich an der Pogromstimmung beteiligen, ist aus meiner Sicht genau diese "Synchronisierung von Meinungen". Das ist nicht die "Schuld" von sozialen Medien (darum auch meine These, dass es eben nicht "Facebook-Pogrome" oder "Facebook-Faschismus" seien), denn die Meinungen sind ja unabhängig von sozialen Medien da. Aber soziale Medien - und heute eben vor allem Facebook - spielen eine entscheidende Rolle. Und die Stimmung, die wir erleben, die ich bis in Bekanntenkreise und Nachbarschaft hinein erlebe, wäre ohne Facebook so weder entstanden noch möglich.

Der Deutsche Winter, den wir gerade erleben, bringt Haltungen und Meinungen an die Oberfläche, die schon seit Jahren da sind. Diejenigen, die sich mit dem verfestigten rechtsextremen Weltbild schon länger beschäftigen, das ein erschreckend großer Teil der Menschen (überwiegend Männer) in Deutschland hat, sind davon nicht überrascht sondern höchstens ein bisschen betrübt, weil sie die letzten zwanzig Jahre nicht Ernst genommen wurden. Ein Blick auf die journalistische Arbeit von Toralf Staud beispielsweise kann da Augen öffnen.

Facebooks Rolle ist nach meiner Einschätzung nicht die einer Propaganda-Maschine - sondern die eines affirmativen Resonanzraums. Das ist es ja auch, was Facebook für Marken und Politik im Prinzip so attraktiv macht. Die gesamte Grundstruktur moderner sozialer Medien ist eben affirmativ - ich werde vor allem mit Zustimmung konfrontiert und merke sehr schnell, dass ich mit einer Haltung und Meinung nicht allein bin, dass es viele andere gibt, die diese Meinung und Haltung teilen. So wird mir bestätigt, was ich ahne aber noch nicht wusste - dass meine Meinung eigentlich "normal" ist, dass es an der "Gleichschaltung" der linearen Medien liegt, dass ich einen anderen Eindruck hatte bisher, weil diese Meinungen unterdrücken - denn ich sehe ja in meinem affirmativen Resonanzraum, dass eigentlich fast alle so denken wie ich.

Revolution und Aktion
Und so ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Aktion. Wenn Luthers Schriften in meiner Stadt ausverkauft sind, wann immer ich danach frage, müssen es viele sein, die seiner Lehre anhängen, bin ich nicht allein. Wenn ich auf Twitter und Facebook sehe, dass viele zum Tahrir gehen, gehe ich auch, denn ich bin nicht allein. Wenn ich sehe, dass eigentlich alle Leute, die ich zu kennen glaube, mit mir der Meinung sind, dass die "Merkeldiktatur" weg muss, dann bastele ich einen Galgen und kaufe mir eine Waffe.

Was den Deutschen Winter vom Deutschen Herbst unterscheidet, scheint mir vor allem seine Wurzel im affirmativen Resonanzraum sozialer Medien zu sein. Lichtenhagen führte nicht zu einem echten (bewaffneten) Aufstand, weil die große Menge Menschen, die eine mehr oder weniger klammheimliche Freude daran hatte, sich nicht gegenseitig sah. Die vor allem in Norddeutschland messbare grundsätzliche Zustimmung einer relativ großen Menge von Menschen zum von ihr so empfundenen "Widerstand" der RAF konnte nicht in Aktionen führen, weil kaum welchen klar war, dass es so viele sind, die dieses so empfanden.

Die Logik sozialer Medien
Darum greifen auch die Forderungen, Facebook möge entschiedener gegen Hetze vorgehen, ebenso zu kurz wie die hilflosen Versuche der Plattformen, eine Haltung zu entwickeln und sich an Demokratieinitiativen zu beteiligen. Darum haben meines Erachtens diejenigen Recht, die sagen, dass "wir" einen Kampf um die Plattformen führen müssen.

Die Logik sozialer Medien (und wie Tom Standage überzeugend zeigt, gab es vor der Zeit der linearen Massenmedien immer wieder schon soziale Medien, ist es also kein wirklich neues Phänomen, das ich hier beschreibe) ist die Synchronisation von Meinungen. Das ist ihre eigentliche Kraft. Nicht der Diskurs, die Offenheit, die Demokratisierung von Medien. Das haben viele von uns, die sich seit zehn Jahren mit den heutigen sozialen Medien beschäftigen, zunächst gedacht - denn das war es, wofür wir sie genutzt haben. Aber auch schon in diesen ersten Jahren waren sie, damals halt für uns, im Grunde ein affirmativer Resonanzraum, der unsere Meinungen synchronisiert hat.

Gefahr oder Chance?
Ich bin ja eher Zukunft- und technikoptimistisch. Und das, obwohl ich seit vielen Jahren über die Gefahr des massenhaft verbreiteten rechtsextremen Weltbildes rede. Ich bin auch mit der Analyse von sozialen Medien als affirmativem Resonanzraum nicht pessimistisch sondern weiterhin optimistisch.

Nur dass ich nicht daran glaube, dass die Pogromstimmung, der aktuelle Terrorismus oder die aktuelle Bewaffnung mit bisherigen Mitteln der politischen Auseinandersetzung, der Überwachung oder der Kraft der linearen Medien bekämpft werden können. Darum ist es mir so wichtig, dass wir Resonanzräume für die anderen schaffen innerhalb diese Medien. Darum gehe ich immer wieder in die Konfrontation mit den Vertreterinnen des Deutschen Winters, so wie neulich, als Roland Tichy seinen Mob auf mich gehetzt hat. Darum glaube ich an die harte Auseinandersetzung und die klare, zuspitzende Positionierung.

Ich bin nicht optimistisch, dass wir die Situation in Deutschland und in Europa ohne Gewalt und harte Auseinandersetzungen werden auflösen können. Dafür haben diejenigen, die für Demokratie und Zivilisation stehen, zu spät erkannt, dass sich in den sozialen Medien die Menschen gefunden haben, die vorher über zwanzig Jahre ihre Meinung und Haltung als von der Mehrheit abweichend erlebt und gebildet haben. Dass sie diese Meinungen jetzt synchronisieren, sich in ihrem Resonanzraum bestätigt finden.

tl;dr
Im affirmativen Resonanzraum sozialer Medien synchronisieren sich radikale Meinungen, bis es zur Aktion kommt. Nicht Facebook ist böse. Die bösen Menschen sind es. Das sollten wir nie vergessen.

25.1.16

Denk ich an Deutschland

Wahrnehmung. Ist ja immer so eine Sache. Weshalb ich es als Gewinn betrachte, sowohl in der Kohlenstoffwelt als auch online Gesprächspartnerinnen zu haben, die nicht meiner Meinung sind. Denn meine kenne ich ja schon. So wie meine Großeltern, beide 90, immer sagen, warum sie nicht in eine Altenwohnanlage wollen. Nicht weil sie sich nicht alt fühlen, sondern "weil wir selbst alt sind, da ist es doch schön, junge Leute um sich zu haben". Aber das ist noch mal ein anderes Thema. Martin Recke beispielsweise schätze ich sehr, obwohl wir religiös und politisch und bei so vielen anderen Dingen eher über Kreuz sind. Darum machte mich dies von ihm nachdenklich:
Stimmt das? Stimmt das wirklich? Habe ich mich beispielsweise selbst so verändert? Bin ich sehr weit nach links gerückt in den letzten Jahren (wie Martins Aussage ja impliziert) oder bin ich bei gleichbleibender Überzeugung nur innerhalb des bestehenden Koordinatensystems viel weiter links wahrnehmbar (wie ich es immer annahm)?

Das hat mich tatsächlich relativ stark beschäftigt, weshalb ich etwas nachlesen und nachdenken musste, bevor ich darüber schreiben konnte. Aber ich bin inzwischen überzeugt, dass Martin irrt. Dass das, was er "Mitte der Gesellschaft" nennt, nicht nach rechts gedrängt wurde, sondern sich dahin begeben hat. Und das bringt mich um den Schlaf.

Der eine Vorteil eines langjährigen Blogs ist ja, 
dass sich anhand von Texten und Äußerungen Veränderungen nachvollziehen lassen. Und dabei stelle ich fest - nein, ich habe mich politisch und im Blick auf dieses Land nicht wesentlich verändert seit 2003. Was ja schon eine längere Zeit ist. Wohl aber werde ich anders verortet. 2003 war ich noch (obwohl bei den Grünen) eher mittig und gehörte beispielsweise zum "rechten" Flügel meiner Partei. Heute befinden sich sehr viele bei den Grünen rechts von mir, in der politischen Diskussion insgesamt auch mehr als damals. Und vor allem gibt es eine deutliche Politisierung, scheint mir - ähnlich wie in den USA, in denen ja auch seit dem Erstarken der Rechtspopulistinnen innerhalb der Republikaner der Riss und auch die Politisierung der Gesellschaft massiv zunehmen.
Vielleicht liegt es daran, dass ich (noch) nicht den Mund halten will, wenn mir etwas über den Weg läuft, was mir Angst macht oder was ich für gefährlich halte. Vielleicht auch daran, dass ich überproportional visibel bin im Aufbau einer Willkommenskultur im Stadtteil und in der Stadt. Jedenfalls sehe ich in der letzten Zeit einfach zu viel von dem, was in der Vergangenheit nicht sichtbar war.

Darum kann ich den (von mir so empfundenen) naiven Optimismus, den beispielsweise Bernd Ulrich letzte Woche in der Zeit in Bezug auf die Menschen in diesem Land hatte, nicht nachvollziehen. Und ich empfinde es - offenbar im vollständigen Gegensatz zu Martins Tweet oben - auch eher als ein Zeichen, dass sich die "Normalkoordinaten" in der politischen Gesellschaft und im politischen Diskurs massiv nach rechts verschoben haben, wenn eine Regierung wie in Polen als "national-konservativ" bezeichnet wird (gestern rauf und runter in den Berichten im Deutschlandfunk, immer wieder in der Zeit und anderen seriösen Printmedien und aktuell rund um die Handball-EM). Wenn das noch als konservativ gilt. Wenn ein Alexander Gauland ein klar faschistisches Blatt im TV unwidersprochen als "konservativ" bezeichnen kann - und in den anschließenden Analysen zwar dieses kritisiert wird, aber mit keinem Wort erwähnt, dass er exakt auf der Linie eben dieses Blattes liegt und die "Junge Freiheit", bei der noch vor wenigen Jahren Konsens war, dass sie ein faschistisches Blatt sei, ihn für zu rechts hält. Wenn es besorgte Bürger der Mob normal findet, zu Lynchjustiz aufzurufen. Wenn hohe AfD-Funktionärinnen nach und nach ihre Maske fallen lassen.
Sorry, aber wenn die AfD nicht von allen normalen Menschen als rechtsradikale Partei bezeichnet wird, dann hat sich das Koordinatensystem verschoben. Und das bringt mich um den Schlaf.

Ebenso wie die Tatsache, dass neben der lustvollen Selbstviktimisierung überaus privilegierter Menschen vor allem die Vorstellung immer mehr Menschen (auch in meiner Umgebung) befällt, wir befänden uns aktuell in einer Wiederkehr der Situation von 1989. Und zwar nicht etwa, weil die Stimmung explosiv sei (auch dann fände ich den Vergleich hanebüchen) - sondern weil das "Merkelregime" so weit von Volk abgekapselt sei wie das Honeckerregime damals. Weil die Medien in diesem Land genau solche Staatsmedien seien wie die in der DDR 1989. Weil eine Volksbewegung genauso wie 1989 in der DDR die Demokratie wieder herstellen müsse und werde.

AK 74
Nachdem diese Menschen beginnen, sich zu bewaffnen
(und Gleichgesinnte auffordern, sich einen "kleinen Waffenschein" zu besorgen), hatte die "Welt am Sonntag" diese Woche nichts besseres zu tun, als auf dem Titel zu erklären, wie man ganz einfach (allerdings illegal) an eine Kalaschnikow komme.

Da bekommen die Vergewaltigungs- und Todesdrohungen, die viele meiner Freundinnen seit einigen Monaten erhalten, doch eine ganz neue Note.

Und das bringt sie um den Schlaf.



Und dazu, was das alles mit dem Internetz zu tun hat und mit Social Media, schreibe ich als nächstes, vielleicht Ende der Woche oder so. [Update: done.]

15.1.16

Alle Christen hassen Homos

Seit vielen Jahren setze ich mich sehr kritisch mit "dem Islam" auseinander. Mindestens seit 2010 auch hier im Blog (auf die Schnelle fand ich keinen älteren Beleg hier). Wahrscheinlich stört es mich deshalb so sehr, wenn ich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder von Leuten auf Interviews mit "Islamkritikerinnen" aufmerksam gemacht werden, deren Tenor in etwa ist: Ich weiß das, denn ich komme aus einer islamischen Familie. Und alle muslimischen Männer verachten Frauen und alle muslimischen Mütter erziehen ihre Söhne zu Frauenhassern. Und so weiter und so ähnlich.
Wie die meisten, die mich schon länger als zwei, drei Tage lesen, wissen, bin ich mehr als nur skeptisch, was den organisierten Islam, auch und vor allem den in Deutschland angeht. Und ja, wer sich ein bisschen mit Geschichte auskennt, weiß, dass das organisierte Christentum auch nicht direkt aus seinen Institutionen heraus die ersten Schritte gemacht hat, um im Zuge der Aufklärung und vor allem dann im Zuge der Modernisierung nach der Katastrophe des ersten Weltkriegs (die für die Kirchen theologisch noch weit prägender und verändernder war als das Versagen der nicht-lutherischen Kirchen während des Nationalsozialismus) ein auf Freiheit und Menschenfreundlichkeit ausgerichtetes Selbstverständnis zu entwickeln. Und ja, Teilen des organisierten Christentum (glücklicherweise nur in einer sehr verschwindenden, wenn auch lauten Minderheit) ist das bis heute nicht gelungen. Und ja, die unterschiedlichen Erfolgsgeschichten von Islam und Christentum hängen auch damit zusammen, dass sie - nach meiner Auffassung - in unterschiedlich starkem Maße den Keim zur Aufklärung und zum Selbstdenken in sich tragen. So weit dazu.

Aber: So wenig, wie wir aus einem durchgeknallten Erzbischof in Spanien [Edit: auch die Meldung in dieser Quelle und nicht nur in der gewohnt unseriösen, die ich nicht verlinke, die runter und rauf gereicht wurde die Tage, ist falsch und basiert auf einer Lüge. Ist sozusagen das QED der These dieses Posts hier, was fast schon skurril ist. Also: der Bischof mag durchgeknallt sein, was ich nicht weiß, aber er hat ausdrücklich das Gegenteil dessen gesagt, was ihm vorgeworfen wird. Paradoxerweise ist das schon ohne Spanischkenntnisse in dem auch bei der HuffPo verlinkten Originaltext seiner Predigt sofort zu erkennen. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich den Link nicht vorher aufgerufen habe. Unten im Kommentar von Martin Recke ist ein Link auf eine deutsche Übersetzung der Predigt.] auf alle Christinnen schließen ("wir" sind hier, tschuldigung, alle, die nicht aus ideologischen Gründen genau so argumentieren wie die aus dem Islam Konvertierten), können wir behaupten, alle Moslems, männlich wie weiblich, seien so oder so.

Selbstverständlich ist es Alltagswissen und auch die privatempirische Erfahrung von allen, die mit Jugendlichen arbeiten, dass es unter jungen Männern, die aus muslimischen Familien kommen, überproportional viele gibt, die eine Haltung zu Frauen haben, die sie ausschließlich als Objekt sieht. Nur gibt es auch ganz andere und in unserem Teil von Hamburg beispielsweise leben sehr, sehr viele Familien, in denen das ganz anders ist. Und, erschreckend: diese abstruse Haltung nimmt unter biodeutschen und anderen Jugendlichen aus nicht-muslimischen Umfeldern in den letzten Jahren ebenfalls wieder massiv zu. Was nicht ausschließlich der Einwanderung zuzuschreiben ist, weil es auch in Gegenden so ist, in denen nicht die Kinder der Einwanderinnen milieuprägend sind. Es ist im Gegenteil erschreckend zu beobachten, wie in Milieus und Stadtteilen, in denen eher Mittelschicht und obere Mittelschicht zu Hause ist, "Mackerverhalten" massiv zunimmt. Was übrigens überwiegend aus nicht mehr christlich geprägten Familien heraus passiert.

Ich finde es schräg - und das, obwohl ich religiös und politisch zu den Gegnerinnen des organisierten Islam gehöre - wie bereitwillig und unwidersprochen eine Beschreibung des Islam als so ist dann dann wohl akzeptiert wird, die exakt so ist wie die Beschreibung des Christentums von den religiösen Atheistinnen (so aggressive Lobbygruppen wie die Humanistische Union und andere) - obwohl mit denen nur sehr wenige andere der Meinung sind, dass ihr Zerrbild der christlichen Wirklichkeit in diesem Land entspreche.

Selbstverständlich kann man der Meinung sein, dass Religion an sich das Problem ist. Dass alles Übel aus der Religion kommt. Ungefähr so, wie man auch der Meinung sein kann, dass Vegetarismus an sich das Problem ist, weil der einzige europäische Staatsführer im 20. Jahrhundert, der Vegetarier war, Deutschland in singuläre Verbrechen geführt hat. Merkt ihr, ne?

Als Faustregel setze ich ja bei so was an, dass diejenigen, die sich im Streit von einer Gruppe, zu der sie gehörten, getrennt haben, nicht die idealen Zeugen sind, wenn ich ein sachlich-kritisches Bild von dieser Gruppe haben will. Sei es eine Religion, eine Partei, eine Familie.


5.1.16

Es geht um dich

Köln, Hamburg, Stuttgart und anderswo nach Silvester.

Die gleichen Leute, die bis vor etwa einem Jahr bei jedem Versuch "Genderwahn" oder so was geschrieen haben, wenn über das Verhalten gegenüber Frauen geredet wurde, überschlagen sich nun vor frauenrechtlicher Rechtschaffenheit. Einige derjenigen, die versuchen, dem Pöbel, dem Hass, dem Rassismus entgegenzutreten, der sich als Sorge tarnt, zeigen merkwürdige Tendenzen, das Verbrechen an sich zu relativieren. Manches, was wir gerade sehen, würde in der politischen Theorie wohl als Querfront durchgehen (wie es in Nahost- und Russlandfragen ja schon länger in Deutschland üblich ist, dass sich Querfronten bilden). Zugleich gibt es einen gemeinsamen Aufruhr von feministisch geprägten Linken und Nazis über den (nicht nur verunglückt formulierten sondern grotesk blöden) Vorschlag, Frauen jetzt Verhaltensregeln zu geben.

Was dabei aber passieren könnte oder müsste oder sollte oder was weiß ich, wäre doch eine breite Berichterstattung und Diskussion über sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Ja, es ist naiv, anzunehmen, dass Menschen, deren Abstiegs- und Zukunftsangst sich in dem Hass entlädt, den sie bei sich selbst mit Mühe und Not unterdrücken konnten, so lange sie noch nicht von diesen Ängsten vollkommen zerfressen waren, erreicht werden können. Aber deutet sich nicht eigentlich gerade ein Konsens an, was ein Männer-Verhalten ist, das nicht akzeptabel ist? Zum ersten Mal überhaupt?

Während die Gesellschaft gerade zerfällt, während auf der einen Seite mehr und mehr Menschen desozialisiert werden und auf der anderen Seite eine neue Zivilgesellschaft entsteht (und diese beiden großen Gruppen von Menschen nichts mehr miteinander zu tun haben), entsteht an einem anderen Grundkonflikt unserer Gesellschaft zumindest verbal ein Konsens, der überraschend ist.

Sexualisierte Gewalt geht nie und von niemandem.
Nicht Frauen brauchen Verhaltensregeln sondern Männer müssen die bestehenden Verhaltensregeln akzeptieren. Es ist kein Frauenthema, sondern ein Männerthema. Denn die einzige Gemeinsamkeit, die Täter sexualisierter Gewalt haben, ist, dass sie Männer sind (ok, und, dass sie Arschlöcher sind, ja).

Dieses Thema geht (uns) Männer überall im Alltag an. In der Firma, wenn mal wieder "Jungswitze" gerissen werden. Auf Weihnachtsfeiern, wenn die Geschäftsführer Knotentänze mit den Auszubildenden einfordern. Auf Volksfesten, wenn einer mal wieder wie zufällig die Hände auf die Hüften oder den Po einer Frau legt (oder ihr, wie in jenem heute durch Twitter gereichten Beispiel, "spaßig" unter den Rock greift).

Aufkleber einer Kampagne, die meine Agentur für den Kunden HRA Pharma zurzeit macht

Es kann doch Bitteschön nicht sein, dass wir es "normal" finden, dass Frauen da, wo viele Männer (alkoholisiert) zusammenkommen, angefasst oder angegriffen werden. Ob es auf der Großen Freiheit ist, vor dem Kölner Hauptbahnhof oder auf dem Oktoberfest. Ob beim Karneval oder auf der Weihnachtsfeier der Agentur. Das ist nie normal und das ist immer Arschlochverhalten. Und das hat nichts mit Prüderie zu tun oder damit, dass eine Frau sich irgendwie verhalten sollte, um sich zu schützen (ja, dass sie es tut, ist eine andere Sache, logisch, aber das kann nicht die Forderung oder die "Lösung" sein).

Es geht um dich und mich
Stattdessen hat es etwas mit Zustimmung zu tun. Consent sagt das Englische dazu. Zustimmung. Die Regel ist doch eigentlich so einfach: ohne eine explizite Zustimmung keine Berührung. Punkt. Alles andere ist Gewalt. Es gibt welche, die finden, dass ich damit die "echte" Gewalt kleinrede, wenn ich dies schon Gewalt nenne und als übergriffig bezeichne. Aber ich bin überzeugt, dass wir Männer uns nur dann an diese Regeln halten werden, wenn sie so klar und so eindeutig benannt sind. Und wenn uns klar ist oder klar gemacht wird, dass jede körperliche Grenzüberschreitung Gewalt ist (und viele andere auch, ja).

Es geht um Männer bei diesem Thema. Denn hier haben nicht Frauen etwas falsch gemacht, weil sie sich irgendwo hinbegeben haben. Oder einen (kurzen) Rock anhatten. Oder betrunken waren. Sondern hier haben Männer etwas falsch gemacht. Und dafür gibt es keine Ausreden. Und das müssen wir Männer thematisieren.

Und darum müssen wir Männer gegenüber anderen Männern einschreiten. Ich habe es in der Vergangenheit auch nicht immer gemacht, hatte selbst Angst, oder habe gekündigt. Darum geht es hier auch um mich. Und um dich.

Update 7.1.16, 9.12 Uhr
Dieses gilt übrigens und selbstverständlich auch und/oder erst Recht, wenn die sexualisierte Gewalt gegen Frauen in der Großstädten in der Silvesternacht vor allem ein "Trick" gewesen sein sollte, um Diebstähle begehen zu können. Wir wissen zurzeit ja tatsächlich noch sehr wenig, die "Zeit" fasst das mit Stand gestern (6.1.) Abend gut zusammen. Über die sexualisierte Gewalt gegen Frauen zu sprechen, ist eines der wenigen Dinge, die aus meiner Sicht tatsächlich angemessen sind jetzt gerade.

21.12.15

Dankbar

Tatsächlich bin ich für das jetzt zu Ende gehende Jahr dankbar. Als wir am Wochenende unseren obligatorischen Jahresbrief schrieben, der jetzt per Schneckenpost, in den Weihnachtspaketen und per Mail an viele der Menschen geht, die uns durch das Leben begleiten, ist mir das noch einmal bewusst geworden. Denn die Tradition eines Jahresbriefs, die wir aus der Familie der Liebsten übernommen haben, ist neben vielem anderen, was daran wunderschön ist, auch immer ein Anlass, inne zu halten, noch einmal nachzudenken, was gut und was weniger gut war in einem Jahr.

Insgesamt, wie gesagt, bin ich dankbar für dieses Jahr. Es gab auch vieles, was anstrengend und einiges, was nicht schön war, das ist klar. Es gab wie immer bei uns (und wie immer in Familien) viele Aufregungen und Veränderungen. Aber ich habe mich wieder ein Stückchen besser kennen gelernt, etwas darüber gelernt, was ich gut kann, was ich weniger gut kann, was mir wichtig ist.

Zwei Dinge ragen da für mich dieses Jahr heraus, die keinen Ort im Jahresbrief fanden, für die ich aber auf einer ganz persönlichen Ebene sehr dankbar bin und die in der Öffentlichkeit Platz haben, also nicht privat sind. Eines ist beruflich und das andere ehrenamtlich.

Ich kann es noch besser als je zuvor
Als ich mich vor ziemlich genau einem Jahr entschloss (und dann Anfang Januar dieses Jahres alles klar war und wir uns über alle Details geeinigt hatten), die Verantwortung für eine Agentur zu übernehmen, war meine größte Unsicherheit, ob ich das wirklich kann. Wie der eine oder die andere weiß, hatte ich mehr als ein Jahr eine eher schwierigere Zeit, in der ich den Eindruck hatte, meine Kreativität versiege, in der ich mir wenige Neugeschäftserfolge anheften konnte. Und in der mir jemand sehr klar gesagt hatte, dass er mir genau das nicht zutraue, was ich jetzt anstrebte: die Geschäftsführung einer Agentur und die Aufgabe, sie kreativ nach vorne zu bringen.

Rückblickend kann ich es ja zugeben: Das hatte mich verunsichert. Und die Frage, ob ich "es noch kann", stand für mich schon etwas bang im Raum. Weshalb ich so sehr dankbar bin für das, was ich in den letzten neun Monaten erlebt habe.

Denn es stellt sich heraus: Ich bin kreativer als jemand zuvor, ich kann Neugeschäft, wir haben es gemeinsam mit dem Team geschafft, eine Agentur, die es ja nun wirklich echt nicht leicht hatte die letzten Jahre, zu drehen - ich bin etwa 12 Monate vor meinem eigenen Zeitplan in dieser Frage.

Das hängt nicht nur an mir sondern auch damit zusammen, dass ich hier sowohl Kreativitätsprozesse habe und implementieren konnte, die Kreativität wirklich möglich machen, als auch im Neugeschäft auf Erfahrungen und ein Netzwerk zurück greifen kann. Aber es ist wunderbar und unerwartet, wie weit wir schon sind, dass ich schon wieder Leute einstellen muss, dass wir etwas neues (er)schaffen.

Vor allem aber bin ich dankbar, dass das, wie ich mir Führung und Kreativität vorstelle, mit diesem Team, das ich vorfand und ausbauen konnte, einfach wirklich funktioniert. Das wunderbarste Kompliment, das ich von einer meiner Führungskräfte bekam, war:
Ja, du bringst uns zum Scheinen.
Das machte mich glücklich. Und zeigt mir, dass ich am richtigen Ort bin. Dass ich etwas beitragen kann. Dass ich einen Unterschied machen kann. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Und das zweitwunderbarste Kompliment, das ich bekam, war von einem Branchenbegleiter, der mir auf einen Gruß antwortete:
dass du eine Ausnahmeerscheinung in der Branche bist und bleibst. Deinen Weg und deine Philosophie verfolge ich auch im nächsten Jahr mit großem Interesse.
Dass jemand sieht, was wir hier anders machen, macht mich glücklich. Es spiegelt den ungewöhnlichen Erfolg, den wir dieses Jahr hatten - und macht den sehr anstrengenden und aufregenden Weg, den wir nächstes Jahr noch vor uns haben, um so schöner.

Ich konnte Lebenslinien zusammen führen
Die so genannte Flüchtlingskrise an sich ist nichts, was mich glücklich macht. Einige Begleiterscheinungen machen mich sogar sehr unglücklich, beispielsweise der als Angst verbrämte Hass und die sich als besorgte Bürger verkleidenden Nazis. Aber wie in meinem Stadtteil, in dem ich schon als Jugendlicher lebte und in den ich vor etwas mehr als zehn Jahren zurück kehrte, aus dem Nichts eine neue Zivilgesellschaft entsteht, an der ich - am Anfang mehr als in den letzten Wochen, als ich durch den Jahresendpunk im Beruf (siehe den Abschnitt eben) weniger Zeit dafür hatte - aktiv mitarbeiten durfte.

Das macht mich dankbar. Und das führt Lebenslinien bei mir zusammen, weil ich an viele Dinge anknüpfen konnte, die "von früher" kommen (Politik, Kirche, Antifa-Arbeit, Stadtteil), und das verbinden mit dem, was ich in den letzten Jahren gemacht habe (Aktivierung, Moderation, Social Media, PR). Wo ich wertvoll sein konnte. Etwas beitragen. Einen Unterschied machen. Und wenn daraus auch noch ein ermutigender Vortrag für die re:publica werden sollte (jedenfalls haben wir zu dritt einen dazu eingereicht), wäre das das i-Tüpfelchen.

Das gibt mir Kraft für das nächste Jahr
Ich bin ungebremst auf Weihnachten zugerast, wie quasi immer. Und es ist noch nicht vorbei, morgen, zwei Tage vor Heilig Abend, ist noch eine sehr wichtige große Präsentation. Aber einmal innezuhalten und die Dankbarkeit zu spüren, hilft mir sehr. Und gibt mir die Kraft für das, was kommt. Für das gleiche hohe Tempo im Beruf. Für die Zuspitzung der Situation bei uns im Stadtteil (wenn alle Vertriebenen, die nach Hamburg kommen, einmal bei uns durchgeschleust werden). Für die Familie.

Die Dankbarkeit und das, was gut war, überwiegen dann auch die anderen Erinnerungen. Dass wir nicht ganz jeden Pitch gewinnen konnten. Dass ich selbst in den Fokus von Nazis im Nachbarstadtteil geraten war. Dass ich meinen Ältesten am anderen Ende der Welt vermisse. Dass einer meiner Söhne von Nazis zusammen geschlagen wurde. Dass eines unserer Pferde nie wieder geritten werden kann.

Das Leben ist nicht nur Sonnenschein, ich bin alt genug, um das zu wissen. Aber wenn ich bei jedem Gang zum Einkaufen und jedem Sportdings meiner Kinder auf das angesprochen werde, was wir in Meiendorf tun (immer verbunden mit der Frage, was sie selbst noch beitragen können). Wenn ich Menschen, die mir anvertraut sind, zum Scheinen bringe, und anderen ein Beispiel sein kann, dann lohnt sich das alles. Dann ist es gut so, wie es ist. Alles in allem.


Und dafür bin ich so dankbar.

26.11.15

Vor die Wand

Das Olympiareferendum in Hamburg endet erst am Sonntag. Insofern ist es zu früh, zu spekulieren, ob die Menschen in meiner Stadt mehrheitlich dafür oder dagegen sind, dass sich die Stadt um die Spiele bewirbt. Andererseits wäre eine Grundsatzkritik an der PR-Strategie der Bewerbung wohlfeil, brachte ich sie erst vor, falls die Bewerbung in der Bevölkerung schon gescheitert sein sollte. Insofern - ich weiß nicht, ob es die mindestens 60% Zustimmung geben wird, deren Unterschreitung in der Politik als Katastrophe beschworen wird. Falls es gelingt, diese Zustimmung zu erreichen, lag es nicht an der Kampagne. Und mein Risiko mit diesem Text ist halt, dass es sein kann, dass es trotzdem eine überwältigende Zustimmung zur Bewerbung geben wird.

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Senat, Bürgerschaft, Institutionen, Verbände - dass olympische Spiele 2024 (oder 2028) nach Hamburg müssen, ist unter den offiziellen Meinungshabenden dieser Stadt unumstritten. Dass es eine Kampagne gibt, um die Menschen in dieser Stadt dazu zu bewegen, bis Sonntag mit Ja zu stimmen, ist normal und ok. Über die Werbekampagne will ich nicht sagen, die spricht mich zwar nicht an, aber das ist Geschmacksache. Aber falls es eine Strategie für eine PR-Kampagne gibt (das weiß ich nicht wirklich) und diese erfolgreich sein sollte (also sich in dem niederschlägt, was in Medien und öffentlichen Diskussionen passiert), dann wäre die auf vielen Ebenen falsch. Zumindest ist das, was medial und in der Öffentlichkeit passiert, dem Ziel eher abträglich.

Was wir seit einigen Wochen in Hamburg erleben, fasste die Süddeutsche die Tage als "Werbeblätter für die Spiele" zusammen. So ist es tatsächlich, bis runter auf die Ebene der Wochenblätter und anderen Gratiszeitungen, die in den Briefkästen landen. Nur dem letzten Absatz kann ich nicht zustimmen:
Großer Seufzer. Hanseatische Bescheidenheit ist wohl doch ein Mythos; und das Abendblatt versteht was von PR.
Nein, das Abendblatt versteht nichts von PR. Es versteht nicht mal etwas davon, wie Medien heute funktionieren, offenbar.

Zu glauben, dass heute ein medialer Gleichklang, eine Berichterstattung ohne Nuancen von Kritik, wirklich ein sinnvolles Ziel einer PR-Strategie sein kann, ist dumm. So einfach ist das. In einer Zeit, in der Misstrauen gegenüber dem, was in Medien zu finden ist, nicht mehr nur ein Thema für Expertinnen ist (das war es schon immer, denn wer sich mit einem Thema wirklich auskennt, merkt ja immer gleich, dass in Medien dieses Thema eher - positiv formuliert - oberflächlich behandelt wird), sondern Allgemeingut - in so einer Zeit gibt es nur eines, das schädlicher ist als eine einhellig jubelnde "Berichterstattung", die automatisch dem Verdacht, es sei eigentlich Propaganda, ausgesetzt ist. Und dem auch nicht viel entgegenzusetzen hat. Schädlicher ist nur noch eine einhellig negative Berichterstattung.

Es wird ja viel diskutiert über Verschwörungen und Hass, die in sozialen Medien fröhlich Urständ feiern. Kann man machen. Was übersieht, wer so argumentiert, ist die Mechanik dahinter, wieso Menschen mit Meinungen sichtbar werden, die die meisten von uns für abseitig gehalten hätten. Das, was da passiert, nenne ich gerne die "Synchronisation von Meinungen". Und das ist - zunächst ganz neutral - das Phänomen, dass durch neue Medientechnik Menschen, die eine von der vermuteten Normalität abweichende Meinung haben, merken, dass sie nicht die einzigen sind - und darum mutiger werden, diese Meinung auch offen zu vertreten. Das war so beispielsweise während der Reformation, als daraus, dass Luthers Schriften immer überall ausverkauft waren, von seinen Anhängerinnen geschlossen werden konnte, dass sie viele seien. Das ist so heute mit Facebook, wo noch die abseitigste originellste Meinung auf andere trifft, die es auch so sehen.

In so einer Zeit, in der es einfach ist, schnell Meinungen zu synchronisieren, zu glauben, dass eine einheitliche mediale Tonalität einer Sache helfen kann, ist im besten Fall unüberlegt.

Jede Kampagne rund um eine monothematische Befragung muss und wird sich an die Unentschlossenen richten. Denn wer klar für Ja ist oder klar für Nein, ist ohnehin nicht wirklich zu überzeugen, diese Haltung zu ändern. Und in Vor-Internet-Zeiten haben Kampagnen mit einheitlicher Medientonalität auch durchaus funktioniert. Denn zu zeigen, dass eigentlich alle dafür sind, dass eine Außenseiterin ist, wer davon abweicht, ist rational und emotional richtig gewesen. So wurde damals die Synchronisierung von Meinungen simuliert, die es in Zeiten der Mangelmedien, der Massenmedien so nicht wirklich gab.

Heute aber funktioniert diese Mechanik der 60er bis 80er Jahre nicht mehr. Gerade die Unentschlossenen werden durch diese PR-Strategie vor den Kopf gestoßen und verloren. Ich bin mir sehr sicher, dass die Zustimmung zur Bewerbung Hamburgs vor Beginn der Kampagne größer war als jetzt an ihrem Ende.

Das Problem ist ja, dass im Grunde alle Gruppen unter den Unentschlossenen verprellt werden: Die Intellektuellen, weil sie durchschauen, dass hier nur eine Position dargestellt wird. Die Verschwörungsfans, weil sie hier den Beweis für die Verschwörung sehen, wenn ja doch alle nur eine Position veröffentlichen. Die Skeptischen, weil sie hinter der Massivität der Kampagne vermuten, dass jemand etwas zu verbergen oder Angst habe. Die Rebellischen, weil sie gegen die Mehrheit sind. Und so fort.

Moderne Kampagnen agieren komplett anders als die Hamburger Bewerbung. Zum einen bestärken sie mit Werbung die Überzeugten (was ja auch die Funktion der viel belächelten Plakate in politischen Kampagnen ist). Und zum anderen adressieren sie mit PR die Unentschlossenen. Diskursiv. Und wenn es darum geht, positive Stimmung und positive Meinungen zu synchronisieren, wird eine moderne Kampagne dies da machen, wo diese Synchronisierung heute stattfindet - online, vor allem in sozialen Medien.

So aber fährt die PR-Strategie der Hamburger Bewerbung das gesamte Projekt vor die Wand. Wahrscheinlich kann die Kampagnen-Macherinnen dabei nur trösten, dass die Gegnerinnen von Olympia in Hamburg genauso beknackt agieren.

16.11.15

Ich habe Angst

Mir geht es ähnlich wie Mathias Richel. Und das auf sehr vielen Ebenen. Danke für diesen Text (lest den mal). Ich war auf dem Rückweg nach Europa und gerade in Kopenhagen gelandet, als ich schrieb:

Ich habe Angst vor denen, die Angst haben.
Und ich habe Angst vor meiner Angst.

Denn Angst lähmt.

Ich stand am 9/11 Memorial, als ich die ersten Meldungen aus Paris sah.
Was so grotesk war. An dem Ort - zum ersten Mal, denn als ich das letzte Mal in New York war, gab es dort nur den Ground Zero -, der der Ort eines defining moment meiner Generation symbolisiert.
Die Angst kroch in mich.
Das wollte ich nicht.

Denn Angst lähmt.

Und Angst entschuldigt nichts. Nicht das Nichtstun, nicht das Aufhören. Nicht den Hass. Ja, ich weiß, heute ist es üblich, die Nazis als "besorgte Bürger" zu beschönigen, weil man ja wohl noch mal Rechtsradikales sagen dürfen muss, ohne als rechtsradikal bezeichnet zu werden. So wie ein Finanzminister ja auch aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Regierungspartei per definitionem nicht rechtsradikal sein kann, selbst wenn er rechtsradikales Zeug twittern würde, sagten mir "besorgte Bürger" auf Twitter.

Seit diesem Wochenende habe ich Angst um meine Familie.
Denn die Einschläge sind näher gekommen. Es ist nur eine halbbewusste Bedrohung, der wir ausgesetzt sind. Aber es ist eine Bedrohung. Niemand hat konkret angekündigt, uns umzubringen oder unsere Scheiben einzuschlagen. Aber eine kleine Angst macht sich ganz hinten im Bauch breit und frisst sich über den Magen immer höher.

In der letzten Woche bin ich in den Fokus von besorgten Bürgern Nazis aus dem Nachbarstadtteil Jenfeld geraten, weil ich sichtbar in der Flüchtlingshilfe bin. Ich bin nicht der einzige, dessen Facebook-Profil und Blog sie stalken. Das geht einigen so, die bei uns in der Arbeit mit Vertriebenen engagiert sind. Sie teilen Facebook-Posts meiner Kinder und sagen, sie schämen sich, dass solche Individuen in der Nachbarschaft leben. Sie sagen, wir Gutmenschen sind die aller aller schlimmsten. Sie sagen das am Tag nach den antisemitischen Attentaten von Paris.
Ich lese ihre Kommentare in ihrer Facebook-Gruppe.
Und habe Angst.
Ich will aber keine Angst vor ihnen haben.

Denn Angst lähmt.

Und ich will nicht, dass sie die Lufthoheit bekommen. Oder behalten. Dass wir anderen aus Angst, es könne uns was passieren, schweigen.

Darum ist mir wichtig, dass wir über unsere Ängste reden. Mathias, ich, du, wenn du Angst haben solltest. Dass wir auf einander aufpassen. Dass wir Räume haben, in denen wir mit unseren Ängsten nicht allein sind.

Wir sind in die Sauna gegangen und haben unsere Angst ausgeschwitzt. Wir haben andere informiert, was uns passiert ist. Wir wissen, dass das, was sie tun, nicht gegen Facebooks Gemeinschaftsregeln verstößt, denn sie sagen nicht klar, was sie wirklich von uns halten und am liebsten mit uns tun wollen. Aber wir spüren es durch die Buchstaben hindurch.

Die schlimmste Folge des Terrors ist die Angst.
Ist, dass nicht ausgesprochen werden muss, was gemeint ist. Dass alles dies von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, die mir wichtig ist. Denn in der Theorie und von der Haltung her weiß ich, dass sie diese Meinung haben dürfen und sagen dürfen und schreiben dürfen.
Und doch machen sie mir Angst.
Das will ich nicht.

Denn Angst lähmt.





Update 19.30 Uhr
Zwei wunderbare weitere Texte neben dem oben verlinkten kommen von Menschen, die ich sehr schätze - und die ähnlich unsicher, verwirrt, ängstlich sind wie ich:
Tapio Liller
Johnny Haeusler

29.10.15

Vom Versagen und von der Angst

Ich finde gerade keine Zeit für das Aufschreiben wirklicher Gedanken. Darum müssen ein paar Splitter raus. Denn nur, weil ich naiv bin, kann und will ich dem Versagen "des Staates" und vor allem eines großen Teils der (politischen) Eliten nicht einfach nur stumm zusehen.

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Seit meinem letzten Text (und wahrscheinlich, weil ich rund um den Einsatz von Freiwilligen bei uns im Dorf deutlich stärker visibel bin als es meiner tatsächlichen Rolle und meinem tatsächlichen Zeiteinsatz entspricht) werde ich sehr häufig von anderen Geschäftsführerinnen und Führungsleuten auf diese Arbeit angesprochen, oft mit dem klaren Wunsch, etwas zu lernen, etwas zu verstehen, was da an der Basis stattfindet. Das finde ich gut.

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Ich saß neulich in einer großen Runde von Top-Managerinnen zusammen. Was ich zunächst gut finde: Dass die Extremsituation, als die wir die Aufnahme der sehr vielen Vertriebenen erleben, dazu führt, die mich in Deutschland so störende Zurückhaltung solcher Runden bei politischen Diskussionen aufzuweichen. Denn politische Gespräche sind etwas, das ich sonst (im Vergleich mit ähnlichen Runden in den USA) hier sehr vermisse.

Erschreckend fand ich nur, wie sehr selbst in solchen Runden Fragen und Thesen fielen, die dicht an Verschwörungstheorien sind. Wie leicht viele von ihnen in der Flüchtlingsfrage in naturalistische Fehlschlüsse stolperten. Wie phantasielos und ängstlich einige (lustigerweise eher die Männer, keine der - wenigen - Frauen in dieser Runde) über das Zusammenbrechen unserer Rechtssysteme und Gesellschaft redeten, ohne die Zuversicht zu haben, dass sich beides als flexibel genug erweisen und sich weiterzuentwickeln in der Lage sein könnte (wer hätte gedacht, dass ich mich da auf Angela Merkel beziehen würde, als ich mit anderen zusammen dagegen hielt).

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Wenn der Panik und des Populismus unverdächtige Abgeordnete hinter vorgehaltener Hand darüber reden, dass die Situation vor Ort im Grunde außer Kontrolle sei, sie aber auch völlig ratlos seien, dann spüre ich Angst vor oder im Versagen.

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Mein Eindruck ist, dass der politische (und weitgehend auch der publizistische) Diskurs versagt. Weil sich so eine Kaninchen-Schlange-Situation ergeben hat. Die einen irrlichtern komplett (Seehofer und Gabriel), die anderen sehen, wo die Stimmung an der Basis brodelt, und geraten derart in Panik, dass sie in Stresssituationen sogar klare Lügen raushauen (de Maizière), die dritten verweigern sich dem Blick auf eben diese Stimmung, weil sie Angst haben, das "Kippen" erst herbei zu reden. Alles drei ist irre. Und verhindert, dass das, was eben dieses "Kippen" aufhalten könnte, angegangen und versucht wird - das kreative Zugehen der staatlichen und öffentlich-rechtlichen Institutionen auf die Zivilgesellschaft, die seit Wochen aktiv ist und in der seit ungefähr vierzehn Tagen die ersten an den Rand der Erschöpfung geraten sind.

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Ich kann nicht beurteilen, ob es woanders auch so ist. Real und vor Ort kenne ich nur die Situation in Hamburg, und auch da nicht überall. Ich höre teilweise, vor allem vom Land, dass es da, wo klassische Wohlfahrtsträger Unterkünfte für Vertriebene betreiben und Verantwortung übernehmen, besser laufe. Aber das kann auch nur daran liegen, dass es da nicht so viele sind. Immerhin ist es sowohl für die Professionellen als auch für die Freiwilligen eine fast unglaublich anmutende Aufgabe, wenn in den nächsten Wochen (um einmal beim persönlichen Beispiel zu bleiben) fast 6.000 Vertriebene in drei Hallen in einem dörflichen Stadtteil mit bisher rund 10.000 Einwohnerinnen eingezogen sein werden. Auffällig ist nur, dass zumindest in Hamburg, wo der Betrieb dieser Hallen zentral von einer öffentlich-rechtlichen Firma durchgeführt wird, diese Form der Organisation gerade scheitert. Und staatliche und öffentlich-rechtliche, sozusagen quasi-staatliche Organ faktisch versagen (ohne das jemandem individuell vorzuwerfen).

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Beispielsweise ist erschütternd, mit welcher Unverschämtheit sogar ausdrücklich für die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen und der Zivilgesellschaft zuständige Profis zunehmend gegenüber Ehrenamtlichen auftreten. Nicht zu ihnen in die Stadtteile kommen, sondern sie in die Zentrale bitten. Nicht etwa erstmal ein dickes Dankeschön sagen (denn an der Basis verrichten die Freiwilligen zurzeit einen wesentlichen Teil der Arbeit, mit der formal die Firma beauftragt ist, die die Einrichtungen für die Vertriebenen betreibt, und für die sie auch Geld von der Stadt bekommt) - sondern erstmal über die eigene Arbeitsbelastung klagen. Und dann die Freiwilligen angesichts ihrer Fragen und Ideen auslachen.

Oder wie von der Stadt bereitgestellte Mittel (Geld), die meines Wissens eigentlich für Angebote an die Vertriebenen bereitstehen, gezielt für andere Honorarkräfte eingesetzt werden, weil die Profis der Firma sagen, dass in Erstaufnahmen keine Angebote stattfinden sollen. Wodurch beispielsweise schulpflichtige Kinder seit zwei Monaten nicht eine Stunde Schule oder etwas Ähnliches bekommen. Und die Koordinatorin im Bezirk für diese Arbeit erstmal in den Urlaub fährt (auch hier kein individueller Vorwurf, war lange vor ihrer Berufung in diese Aufgabe geplant etc). Faktisch offenbar keine echte Aufsicht stattfindet, zugleich aber auch keine wertschätzende Zusammenarbeit mit den Freiwilligen. Sondern in einem Stadtteil, in dem sich über 300 Menschen selbstständig und ohne auch nur die kleinste Unterstützung durch die Stadt, den Bezirk oder die Verwaltung organisiert haben, um zu helfen, von der öffentlich-rechtlichen Firma, die eigentlich für die Vertriebenen zuständig sein soll, an die Freiwilligen die Forderung gestellt wird, erstmal einen "Runden Tisch" zu bilden.

Hallo? Jemand zu Hause?

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Immer mehr Menschen, die am Anfang voller Elan losgelaufen sind, helfen wollten - und es auch tun -, haben keine Lust mehr, sich von staatlichen Stellen und ihren Subunternehmen wie Dreck behandeln zu lassen. Denn das ist das, was diejenigen von uns, die sich um Kommunikation und Koordination kümmern, jeden Tag von den Freiwilligen zurück gespielt bekommen. Und was auch die Verwaltung, die Abgeordneten, die Regierungsmitglieder, die öffentlich-rechtlichen Firmen wissen, weil wir es ihnen regelmäßig sagen. Und ich selbst muss mich sehr zusammen nehmen, damit ich nicht in die Angst rutsche, dass uns die Freiwilligen noch mehr wegbrechen. Bisher sind es nur einige wenige, die frustriert aufgegeben haben.

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In unserem Stadtteil haben Frauen und Männer, die hier leben, zusammen mit einer Interessengemeinschaft von Ladenbesitzerinnen im leerstehenden ehemaligen Schleckermarkt eine Kleiderkammer eingerichtet, die fast jeden Tag von Freiwilligen besetzt ist, um Spenden anzunehmen und zu sortieren. Im Vorort mit seiner Großwohnsiedlung und seinen Reihenhäusern, nicht in einem linken Szeneviertel. Fast jeden Tag sind Freiwillige mit Angeboten (also dem, wofür dem Träger eigentlich Geld gegeben wurde, damit er das macht) in den Hallen, in denen die Vertriebenen wohnen. Ein Blick in den völlig autonom und ohne professionelle Anleitung von vielen, vielen Freiwilligen gemeinsam geführten Kalender auf der Website lässt mein Herz höher schlagen. Und lässt die de Maizières, Seehofers, Gabriels, Kretschmanns dieses Landes noch armseliger erscheinen, als sie es ohnehin schon sind.

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Allem Versagen zum Trotz und aller Angst entgegen - wir sind nicht allein. Und eines Tages werden wir dieses Land verändert haben.


12.10.15

Dann sind wir eben naiv

Eigentlich wollte ich seit Tagen etwas darüber schreiben, dass ich genauso naiv war wie Barack Obama. Toller Satz, oder? Ihr glaubt gar nicht, wie der Nebensatz von Obama vor der UNO in dieser Stadt raufundrunter weitergesagt wurde, als er Hamburg erwähnte, weil wir hier so super mit unseren Flüchtlingen umgehen. Vielleicht, weil dieser Satz so herrlich naiv war. Und weil die Realität so gar nichts damit zu tun zu haben schien in den letzten Wochen.

Und dann habe ich den Text nicht geschrieben, sondern off the record mit denen, die an kleinen Hebeln in dieser Stadt sitzen und nicht bei drei auf den Bäumen waren, über das gesprochen, was in den Vororten gerade passiert, in denen die Vertriebenen und Flüchtenden untergebracht werden. In riesigen Hallen ohne Spinde, ohne Abgrenzungen, ohne Trennung nach Religionen oder Geschlecht.

Ja, wir, die wir in den Vororten aktiv sind - in meinem Fall: in Meiendorf mit Meiendorf Hilft -, waren am Anfang wirklich ähnlich naiv wie Obama. Und sind in den Mühen der Ebene angekommen. Erleben, wie überfordert die Profis sind, deren Job es ist. Erleben, wie groß die Verwerfungen sind und werden.

Und dann sehe ich, wie sich meine Nachbarinnen und Nachbarn (also nicht direkt, sondern die Leute im Stadtteil, von denen in den großen Häusern, die wir ja auch haben, sind erstaunlich wenige dabei) einfach auf den Weg machen.

Ergebnisse eines der letzten Angebote der AG Kinder von Meiendorf hilft

Es ist diese Gleichzeitigkeit, die mich innehalten lässt. Die mir Mut macht. Die toll ist. Dann sind wir eben naiv. Na und?

Ja, es ist teilweise schwer zu ertragen. Und im Prinzip versagt die Stadt und die von ihr beauftragte Firma für den Betrieb der Unterkünfte gerade auf ganzer Linie. Ja, es ist schwer erträglich, dass in vielen Unterkünften nur deshalb noch keine Christinnen gelyncht wurden, weil christliche Helferinnen sie da raus holten und illegal anders unterbrachten. Ja, es ist beängstigend, wenn auf einmal hunderte Männer über den Zaun auf kleine Mädchen starren, die da auf dem Schulhof spielen.

Aber: Es ist dann auch wieder ermutigend, wie naiv und schnell wir gemeinsam mit den Profis einfach mal Regeln außer Kraft setzen. Wie alle wegsehen (und also die Augen zudrücken), wenn zur Lösung eines Problems jemand etwas macht, das eigentlich nicht vorgesehen ist. Wie sich die Helferinnen nicht entmutigen lassen von Schmutz und Verzweiflung bei 1.000 Menschen ohne Privatsphäre auf engstem Raum. Wie sie anfangen und wissen, dass nicht alles so geht wie gedacht. Und dass erst nach und nach die Menschen, die hier zur Ruhe kommen sollen, auch verstehen und lernen werden, was den Nachbarinnen wichtig ist und womit sie ihnen Angst machen.

Gleichzeitig ist es immer wieder zum Verzweifeln, wie langsam die Mühlen der Bürokratie mahlen. Wie die Realität alle Planungen überholt und nur die, die naiv bleiben, überhaupt noch hinterher kommen. Wer sich an offizielle Regeln hält, scheitert in diesen Wochen noch systematischer als die beauftragten Profis und (städtischen) Unternehmen. Und die scheitern ja schon. Großflächig.

Erst war ich zornig darüber. Und heute bin ich froh, dass andere einfach naiv weitermachen. Und habe einiges gelernt, was ich gerne ungefragt weitergebe:
  • Wir sind einen Marathon gestartet und das schwierigste ist, die Freiwilligen, die hoch motiviert loslegen wollen, bei der Stange zu halten, wenn nichts vorangeht. 
  • Wir erleben eine total spannende und (für mich) neue Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Politik. Ohne die Erfahrung im Umgang mit der regionalen und lokalen Bürokratie (Verwaltung), die unsere Lokalpolitikerinnen haben, wäre viel weniger möglich gewesen. Ohne die Ruhe und den langen Atem der Hauptamtlichen beispielsweise der Kirchengemeinde, die Erfahrung damit haben, Freiwillige zu organisieren, wären wir schon erschöpft. Ohne die Methoden, die wir Berufstätigen und Beraterinnen kennen, hätten wir nie so schnell so viele Nachbarinnen ins Arbeiten und Helfen gebracht. Ohne Scheuklappen arbeiten so viele unterschiedliche Menschen zusammen, dass es eine Freude ist. 
  • Wo immer sich Lokalpolitikerinnen vor Ort in der Koordination der Hilfsgruppen einbringen, hilft das enorm, wegen siehe oben.
  • Jede macht, was sie kann. Und nur, wenn jemand etwas macht, gibt es das. Wenn das einmal klar ist, fangen die Menschen auch an. Und fragen nicht nur, warum es dieses oder jenes nicht gibt. Sobald wir das einmal klar gesagt hatten, waren Fragen und Vorwürfe zu Ende. Das gilt so nicht für die Hauptamtlichen, da ist noch viel im Argen, beispielsweise, dass die nicht darauf vorbereitet waren, mit Freiwilligen zusammen zu arbeiten, dass es allzu lange dauerte, bis sie verstanden haben, dass eine Stunde Kommunikation mit der Koordinierungsgruppe der Freiwilligen ihnen mehr als 20 Stunden Arbeit spart, die von Helferinnen übernommen werden kann. 
  • Demokratie sucks. Einerseits geht es darum, denen, die das noch nicht kennen, unsere langjährig guten Erfahrungen mit dem Kontrollverlust (in Kommunikation und Handeln) zu vermitteln und das Vertrauen in Menschen, die ich nicht kontrollieren kann, aufzubauen. Aber andererseits kann ich auch nicht über alles abstimmen oder es im Konsens tun. Nur wenn einige bereit sind, Entscheidungen zu treffen, die eben nicht vorher ausdiskutiert worden sind, kann es überhaupt gehen. Auch wieder naiv, aber in einer andere Richtung. Eine Gruppe zur Koordination der Hilfe ist nicht gewählt oder beauftragt - sondern übernimmt einfach. Die Facebook-Gruppe ist nicht offen, sondern einige übernehmen einfach, Admin zu sein und Beiträge diktatorisch freizugeben oder nicht.

Jedenfalls habe ich mich dann entschieden, keinen Brandbrief und keinen Brandtext zu schreiben. Meinen Ärger und meine Angst runterzuschlucken. Und weiter das zu machen, was ich beitragen kann und womit ich andere, die tagsüber vor Ort sind, entlaste. Community Management, Vernetzung mit dem Teil von Politik, den ich kenne, die Website. Und das Angebot, da zu sein und zu helfen, wenn die Hetzerinnen und Hetzer der Zeitung mit den großen Buchstaben mal wieder durch den Stadtteil pflügen, um mit erlogenen Geschichten Anwohnerinnen zu strammen Aussagen zu provozieren.

Was die "normalen" Menschen im Stadtteil, die hier zum ersten Mal in ihrem Leben ehrenamtlich aktiv werden und mit Vertriebenen laufen, mit ihren Kindern spielen, Kleidung ausgeben, - was diese Menschen mir zurück gegeben haben, ist der Glaube an das Gute. Und die Naivität.

Ja, verdammt. DANN SIND WIR EBEN NAIV.


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