3.2.17

Murmeln

Zuerst hielt ich es für etwas albern, aber habe trotzdem mitgemacht, denn es passte andererseits in die Situation. Inzwischen freue ich mich jeden Tag daran.

Weihnachten hatten wir es endlich einmal geschafft, in die sehr schöne Kirche bei uns in Eutin zu gehen. Der Propst predigte und der wunderbare Kirchenmusiker leitete seine erstaunlich jung klingende Kantorei. Was tolle Musik doch für einen Unterschied macht in einem Gottesdienst, vor allem die Orgelvorspiele von Martin West (der, kaum dass wir ihn entdeckten, in den Ruhestand ging, Pech), die mich an die inspirierende Zeit von Klaus Vetter in Bramfeld erinnerten.

Zu Beginn der Weihnachtspredigt ließ der Propst den Klingelbeutel rumgehen – und jede Besucherin sollte sich eine Murmel rausnehmen und gut festhalten. Irritation in den Kirchenbänken war garantiert.

Sinngemäß sagte er: "Nehmen Sie die Murmel mit. Stecken Sie die in die Tasche. Und wenn Sie darauf treffen in den nächsten Tagen, erinnern Sie sich daran, wie es war, ein Kind zu sein, das Leben und die Welt mit Kinderaugen zu betrachten." So ungefähr jedenfalls. Es ging ihm nicht um Weltflucht, im Gegenteil. Sondern um die Freude und das Staunen von Kindern gegenüber der Welt. Und das Vertrauen. Und den Lebensmut und die Hoffnung und Zukunftserwartung, wenn man so will (auch wenn Kinder es nicht so nennen würden).

Seit Heiligabend trage ich die Murmel tatsächlich in der rechten Hosentasche mit mir herum, packe sie ganz gewissenhaft aus und wieder ein, in Jeans, in Anzughosen, sogar in Reithosen. Und spüre ihr nach über den Tag hinweg. Und jedes Mal, wenn ich die Murmel anfasse, erinnert sich etwas in mir daran, was sie mir sagen will.

eine Murmel auf meiner Hand
Das Verrückte ist, dass es funktioniert. Ich weiß, ich werde sie irgendwann verlieren, werde sie mit Kleingeld, das ich in der gleichen Hosentasche mit mir rumtrage, herausziehen und fallen lassen, sie wird unter einen Schrank rollen oder in einen Gulli. Bis dahin aber passe ich auf sie auf. Und erinnere mich daran, was Gott Noah versprochen hat. Und dass es sich lohnt zu leben und zu arbeiten. 

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass eine Kleinigkeit wie diese Murmel wertvoll für die ersten Wochen dieses Jahres, für die Weihnachtszeit, die gestern zu Ende ging, sein könnte. Dass sie einen Gedanken weiterträgt in mein Leben, den jemand in einer Situation in mich gepflanzt hat, in der ich dafür aufnahmebereit war. Und dafür bin ich dankbar.

Und werde versuchen, die Murmel, so lange es irgendwie geht, eben gerade nicht zu verlieren.


29.1.17

Sondersteuer für Frauen

Obwohl ich selbst Pferde halte und ein bisschen züchte, war ich lange unentschieden in der intensiven Diskussion um die Pferdesteuer. Grundsätzlich irgendworauf Steuern zu erheben, ist ja ok (wenn man wie ich Steuern und die Finanzierung staatlicher Aufgaben sinnvoll findet).

Inzwischen bin ich überzeugt, dass es eine schlechte und sogar dumme Idee ist. Vor allem aus drei Gründen:

1. Das Neid-Argument.
Es stimmt einfach nicht, dass Reiten und sogar das Halten von Pferden eine "Reichen-Sache" ist. Ja, unter Wohlhabenden gibt es welche, die Pferde auf einem bestimmten Niveau haben oder einen sauteuren Sport wie Polo spielen. Aber unter den Ponybesitzerinnen sind viele mit sehr kleinen Einkommen, die sich das Pferd vom Mund absparen oder einen Zweitjob nur für das Pferd haben. Schülerinnen, die alle Geschenke und ihren Nebenjob in ihr Hobby stecken und so weiter. Und die Kinder, die "nur" reiten, geben dafür weniger aus als ein Fitnesstudio kostet und nur wenig mehr als die Mitgliedschaft in einem Sportverein. 
Für alle diese wäre die Pferdesteuer hart und für viele das Ende ihres Sports oder Hobbys. Wenn die Reitstunde von 10 EUR auf 13 EUR steigt (zusätzlich zu den Erhöhungen, die durch die steigenden Heupreise entstehen, die auch politisch induziert sind, weil immer mehr Grünflächen für die Energieerzeugung genutzt werden), dann ist das für Leute wie mich verschmerzbar. Für viele andere aber nicht. 

2. Die Milchmädchenrechnung.
Da die Pferdesteuer eine Gemeindesteuer ist, werden die Betriebe die Gemeinde verlassen. Die Reitställe beispielsweise in Tangstedt (wo die SPD die Steuer durchsetzen will) werden nach Bargfeld gehen oder nach Norderstedt. 
Es kommt also nicht nur keine Pferdesteuer in die Kasse, es brechen auch noch Gewerbesteuern weg. Dumm. 

3. Die Sondersteuer für Frauen.
Das wichtigste Argument aber — weil das dazu führen wird, dass die Gerichte die Steuer am Ende kassieren werden — kommt daher, dass mehr als 80% aller von dieser Steuer Betroffenen Frauen sind. Weil Frauen so extrem viel häufiger als Männer Pferde besitzen. Faktisch ist eine Pferdesteuer eine Sondersteuer für Frauen. 
Dass nur ein Sport mit einer Sondersteuer belegt wird, der fast ausschließlich von Frauen betrieben wird, dürfte eher schwer mit europäischem Recht vereinbar sein. Und sagt darüber hinaus auch viel über die Gedankenwelt der Initiatoren. 

31.12.16

Und dann auch noch Knut Kiesewetter...

Was war das für ein Jahr. Im ersten Moment geht es wahrscheinlich nicht nur mir so, dass ich es geballt empfunden habe. Vieles, was Angst macht. Mir zumindest. Vieles, was traurig macht. Mich zumindest. Ein nicht mehr zu verdrängender langanhaltender Teil des Weltkriegs, der seit einiger Zeit herrscht. Beängstigende autoritäre Bewegungen und Führer, die ihre Macht autokratisch umbauen oder demokratisch an die Macht kommen. Viele Idole meiner Jugend oder zumindest solche, mit denen ich aufwuchs, starben. Und das alles nur die Vorhut für ein Jahr, das zumindest in meinem Land noch viel schlimmer werden wird und die Gesellschaft zu zerreißen oder zu zerstören droht.

Und dann kam die Weihnachtspost. Und mit ihr etwas, das eine Tradition in unseren Familien ist: die Jahresbriefe. So wie wir auch den unseren kurz vor Weihnachten verschickt hatten. Und in diesen Briefen war von einem ganz anderen Jahr die Rede. Einem, das gut war, in dem viel geklappt hat, Kinder groß wurden, konfirmiert, Abitur machten, geboren wurden. Reisen, die Familien unternommen haben. Neuanfänge und Veränderungen. Neue Beziehungen. Beförderungen. Neue Berufe. Berufseinstiege. Engagement. Hoffnung.

2016 war für sehr viele Menschen in meinem Umfeld, mich eingeschlossen, ein wirklich gutes Jahr. Eines, in dem viel richtig lief in all dem Chaos, das um uns herum herrschte.

Ich will dies nie vergessen. Mich immer wieder daran erinnern, wenn die Verzweiflung oder die Trauer oder die Angst überhand zu nehmen droht. Und die Briefe, die bei uns an einer Wäscheleine hängen, die einmal quer durch die Wohnküche geht, wieder und wieder zur Hand nehmen. Als Zeugnis eines Lebens in Fülle und einer Hoffnung auf einen Sonnenaufgang am Ende der Nacht.

Wie passend, dass die Tage wieder länger werden.

Ein gesegnetes Jahr 2017 wünsche ich euch, eines, in dem ihr immer wieder Hoffnung und Gelingen sehen könnt. In dem wir gemeinsam stark sind in allen Anfechtungen, die kommen und schon zu sehen sind. Erinnert mich daran, wenn es besonders schlimm ist, bitte.

Und dann ist da die Hoffnung und die Sonne geht wieder auf

14.12.16

Terror, m.

terror, m., lat. – Furcht, Schrecken, Angst

Vorbemerkung:
Ich schreibe hier über meine widerstreitenden Gefühle. Über etwas, das mir tatsächlich zu schaffen macht. Das wiederum macht mich verletzlich, ich weiß. Aber da dies Blog ein sehr wichtiger Teil meines Lebens- und Heimatraumes ist, ist es mir wichtig, dies genau hier zu teilen. Darf ich dazu eine einzige Bitte äußern? Wenn ihr - hier oder woanders - darauf antworten wollt, mögt ihr dann auch von euch reden? Und nicht allgemein oder in Beschimpfungen abgleiten oder so was? Ist viel verlangt, aber es ist für mich auch ein Experiment. Dazu, ob ich neben aller Angst auch noch Hoffnung haben darf.
Anderes lösche ich auch, davon mal abgesehen.


Vom Zorn, dem manchmal gerechten

Ich bin leicht erregbar, war ich schon immer. Wenn etwas ungerecht ist oder jemand einfach nicht auf Argumente hören will beispielsweise. Oder wenn ich etwas als böse empfinde. Terror im Wortsinne macht mich zornig. Also wenn jemand Angst und Schrecken verbreitet, ob körperlich oder mit Worten. Ob online oder in der Kohlenstoffwelt. Unredlichkeit macht mich zornig.

In meiner religiösen Tradition kennen wir so etwas wie einen gerechten Zorn. Die Bibel unterscheidet gerechten und ungerechten Zorn. Gott zürnt oft, aber nie ohne Barmherzigkeit. Das ist eher schwer für uns, für mich. Aber aus Zorn entsteht eben auch Kraft, Energie, Aktion. Wenn er ein Ventil findet, wenn er sich auf eine Veränderung richten kann.

Oft rufe ich meinen Zorn hinaus, hier, auf Twitter, woanders. Sage, was mich zornig macht, was terror verursacht oder ich als terror erlebe. Oft gab es in den letzten

dann auch Reaktionen. Ebenso zornig, ruhig, kontrovers, zustimmend, alles mögliche. Aber nie so, dass ich darüber nachdenken musste, ob ich meinen Zorn benennen sollte. Ich habe im Verlauf von (harten) Diskussionen Haltungen geändert, auch Texte geändert. Aber tatsächlich nur einmal, vor Jahren, einen Text gelöscht. Und das, weil er mir dann doch peinlich war. Ja, sogar mir. Aber nie, weil es gefährlich wurde, weil ich Angst bekam, weil die persönliche Vernichtung im Raum stand.

Oder dass ich einen Text nicht schrieb. Auch das ist vorgekommen, klar. Vor allem, wenn ich keine Zeit oder Gelegenheit hatte. Und dann irgendwann der Zorn verraucht war oder die Zeit über das Thema oder das, was mich zornig machte, hinweg gegangen war. Aber nie, weil ich es zu gefährlich fand, ihn zu schreiben, weil ich Angst bekam, weil ich die persönliche Vernichtung fürchtete.

Vom terror

Das ist inzwischen anders. Und das zeigt mir, dass sich etwas verändert hat. Nachdem ich von der Terrormiliz Trollarmee eines rechtsradikalen Publizisten angegangen worden war. Und nachdem eine wirtschaftliche Vernichtung versucht wurde. Verschiedene Fälle, beide nicht so lange her. Angst ist keine gute Ratgeberin. Aber auf die eigene Angst nicht zu hören, ist ebenso falsch. Zu schweigen, ist grauenvoll, wenn ich sehe, wie anderen genau das gleiche passiert. Zu reden, gefährdet meine Familie, meine Firma, meinen Job. 

Zum ersten Mal in meinem Leben verstehe ich, wie es meinen Urgroßeltern ging. Und wieso sie ihren Sohn, meinen Großvater, zwangen, sich die Haare zu schneiden. Ich bin nicht im luftleeren Raum. Ich habe Schwachstellen. Meine Familie. Und meinen Beruf. Darum ist es ein Zeichen des Terrors, war es immer schon ein Zeichen des Terrors, in eine Auseinandersetzung eins von beidem oder beides reinzuziehen. Ja, es ist ein Zeichen von Schwäche derer, die diesen Terror ausüben. Aber was nützt das, wenn sie es tun? 

Wenn Drohbriefe an die Frau und die Kinder geschickt werden. Wenn die Terrormiliz Trollarmee die Firma, in der du Verantwortung trägst, ins Spiel bringt, damit auch ja in der Konzernzentrale alle Alarmglocken schrillen. Wenn die Firma mit schlechten Bewertungen überzogen wird oder Briefe an den Vorstand geschrieben werden, die dich denunzieren. 

terror wirkt. Das ist das, was mich so fertig macht. Schon das Wissen, dass dies passieren kann, die Angst vor diesen Konsequenzen, führt zu einem Schweigen, das die Bösen als Zustimmung deuten. Führt dazu, dass wir, dass ich andere im Regen stehen lasse, die – manchmal bewusst, manchmal aber auch mehr oder weniger zufällig – in den Fokus des terror geraten sind. Führt dazu, dass jemand als mutig bezeichnet wird, der etwas völlig normales macht, beispielsweise einen Kommentar in einem Branchenmagazin zu schreiben. 

Von der Vernichtung, der manchmal totalen

Warum schweige ich dann trotzdem, wenn jemandem die Vernichtung angedroht wird, vor dem Frühstück, vor dem Gassigehen? Weil ich Angst habe vor eben dieser Vernichtung. Und weil ich weiß, dass die Terrormiliz Trollarmee zwar in Marsch gesetzt, nicht aber gestoppt werden kann von denen, die sie losschicken. Denen, die sich nicht die Hände schmutzig machen. Denn jene, die dann marschieren, werden erst stehen bleiben, wenn sie ins Gefängnis gesteckt werden. Oder wenn die Vernichtung total ist, zu der sie losmarschiert sind.

So lange ich mich weg ducke und hoffe, dass ich (dieses Mal) verschont werde. So lange, wie sich Firmen auf eine Art hinter die Opfer des terror stellen, die auch als Tadel, überhaupt in den Fokus der Terrormiliz Trollarmee geraten zu sein, gelesen werden kann. So lange, wie es Mut braucht und die Rückversicherung des Chefredakteurs, überhaupt etwas zu schreiben. So lange haben diejenigen leichtes Spiel, die terror üben. 

Ich verstehe immer besser, was am Vorabend der demokratisch eingeleiteten Übernahme der Macht durch ein Terrorregime passiert. Denn es ist genau dieses, oder? Dass ich zwischen Angst und der Betonung der kleinen Unterschiedes zwischen der, die da zur Vernichtung freigegeben wird, und mir schwanke.

Von der Verzweiflung

Verzweiflung ist ein großes Wort, aber es treibt mich um und lässt mich wirklich verzweifeln. Hätte ich lieber geschwiegen und die Verfehlung hingenommen, Ärger mit meinem Vorstand vermieden? Hätte ich lieber geschrieben und wäre dem beigesprungen, den sie da gerade zu vernichten versuchen? Was, wenn ich der einzige wäre, der spricht? Auf den sie dann losgehen? Wenn ich vorpresche, aber niemand mitgeht? Niemand berichtet? Niemand anderes spricht? Wenn ich beim nächsten Mal meinen Job verliere oder meine Kinder bedroht werden? 

Sind wir wieder so weit? Und ist es vielleicht wirklich kein Zufall, dass Martin Niemöller in seiner Kirche auch nach 1945 nicht bei allen Rückhalt fand, dass er aber dennoch nicht zerbrach, sondern bis zu seinem Tod 1984 der Verzweiflung und dem terror widerstand? Und das schrieb, was mich zur Verzweiflung treibt, weil ich weiß, dass ich gerade versage.

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.

17.11.16

Dankbar

Es gehört zu den schönen Dingen am Älterwerden, dass deine Kinder keine Kinder mehr sind sondern Erwachsene werden. Zumindest die älteren deiner Kinder. Die jüngeren werden Jugendliche. Das ist anders schön. Ja wirklich, irgendwie, so im Nachhinein, wenn ich an die jetzt erwachsenen denke, als sie jugendlich waren.
Symbolbild: gelingende Erziehung
Und nach und nach zeigen sich die Früchte dessen, was du versucht hast all die Jahre. Obwohl alle mit erzogen haben an deinen Kindern.

Nach und nach zeigt sich, ob die Herzensbildung zumindest in Ansätzen erfolgreich war, die du versucht hast. Oder die Liebe zur Bildung, zum Lesen, zu Wesen.

Nach und nach zeigt sich, ob hinter der Rebellin auch dein Sohn, deine Tochter schlummerte und nun doch noch erwacht.

Es ist merkwürdig, deine Kinder groß werden zu sehen. Meistens fällt dir gar nicht auf, wie merkwürdig es ist, denn es passiert ja nicht, es mäandert so vor sich hin. Es ist nicht plötzlich da. Selbst wenn du dir irgendwann die Augen reibst und dich fragt, wann sich dieser Mensch so verändert hat, dass du auf einmal stolz bist. Und dankbar.

Obwohl – dankbar war ich eigentlich immer. Oder zumindest immer wieder. Denn nichts lässt einen so lebendig sein und so unanfällig für die Blasen, in denen einige deiner Freundinnen zappelt, wie Kinder. Und Jugendliche. Und Erwachsene. Die du begleitet hast.

Du hast immer gedacht, dass du versagst. Du hast Nächte durchgeweint vor Zorn und Verzweiflung. Und andere durchgewacht vor Sorge. Du hast geschlafen wie ein Stein vor Erschöpfung. Du bist hochgeschreckt beim kleinsten Geräusch. Die ersten Monate bist du aufgestanden, um nachzugucken, ob das Kind noch lebt, mitten in der Nacht. Später war es anders und doch immer auch gleich.

Und dann zieht dein erwachsenes Kind bei deinen Großeltern, seinen Urgroßeltern ein. Um sich um sie zu kümmern und für sie da zu sein. Und du merkst, dass alles wunderbar geworden ist.

(Zwei unserer vier Kinder sind nun erwachsen. Und ungefähr so geworden. Wirklich. Ich kann da nicht viel für. Aber es ist toll und ich bin so dankbar, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe, wenn ich davon erzähle. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als viele Kinder zu haben, die so unterschiedlich sind wie es nur geht. Und doch alle auch ähnlich und Teil von uns. Ich liebe euch.)

(und ansonsten könnte man auch dieses lesen – über Kindererziehung in diesen Zeiten. Irgendwie bin ich froh, dass es andere Zeiten waren, als wir unsere groß machten.)

28.10.16

Blockchain-Kommunikation

Der nächste Level im Content Marketing


Verglichen mit dem, wo Kommunikation über die letzten Jahre schon war, ist Content Marketing eigentlich ein Rückschritt gewesen. Was mindestens zum Teil auch erklärt, warum es solche Begeisterung unter Kommunikatorinnen und Kommunikatoren ausgelöst hat: versprach Content Marketing doch eine Rückkehr zum Wasserfallprinzip in der Kommunikation; zur vermeintlichen (wenn auch nur scheinbaren) Kontrollierbarkeit von Kommunikation.
Im Grunde war Content Marketing für einige Zeit eine gute Antwort auf die Frage, wie klassische „Reklame“ unter den Bedingungen aussehen kann, die der massive Medienwandel geschaffen hat, der vor etwa zehn Jahren stattfand.
Allerdings hat sich seit diesem Wandel die Welt ja weitergedreht, hat der (weitere) technologische Wandel auch vor der Medien- und Kommunikationslandschaft nicht halt gemacht. Stichworte sind unter anderem die Inflation der Daten – schon rein mengenmäßig –, die beginnende künstliche Intelligenz oder auch die Verknüpfung von immer mehr Datenpunkten und Geräten, die wir unter dem gleichzeitig über- und unterschätzten Thema Internet of Things diskutieren. Und als aktuelles „heißer-Scheiß“-Thema eben die Blockchain.

Und während Medien unter dem Stichwort „Homeless Media“ eine Antwort auf diese Veränderungen suchen (sehr gut, radikal und bisher auch ziemlich überzeugend setzt dies in Deutschland vor allem „Funk“, der neue Jugend“kanal“ von ARD und ZDF um), müssen sich Kommunikatorinnen, vor allem aber Agenturen, meines Erachtens endlich mit den Möglichkeiten beschäftigen, die sich konzeptionell aus eben dieser Blockchain ergeben – auch wenn das zurzeit noch vor allem Entwicklerinnen aus Start-up- und Fintech-Umfeldern umtreibt, die aber nicht weniger als die nächste große Revolution im Internet bedeutet.

Was ist eine Blockchain?

Einmal nur als Kommunikator auf die Blockchain geguckt und nicht unter technischen Gesichtspunkten, geht es bei einer Blockchain darum, dass Einzelteile („Blocks“) fest und untrennbar (und am Ende quasi nicht oder kaum manipulierbar) zu einer Kette („Chain“) verbunden sind. Im Fintech-Bereich ist die Blockchain darum so spannend, weil sie Transaktionen nachvollziehbar macht und auch Kleinstbeträge sinnvoll abbilden kann, weil Vertrauen in die Richtigkeit eines Blocks aus der Kette entsteht und nicht daraus, dass eine Institution für die Richtigkeit garantiert. Es ist die recht radikale Anwendung der Ideen von Open Source – offener, nachvollziehbarer, transparenter Quellen – auf alle anderen Bereiche, in denen außer bei Software ebenfalls Vertrauen in die Richtigkeit, Vollständigkeit und Nicht-Korrumpierbarkeit wichtig ist.


Was bedeutet das Konzept Blockchain für die Kommunikation?

Die Frage, wie eigentlich Themen gesetzt und Geschichten erzählt werden können, ohne dass sie von Anfang an durchgeplant sind und nach einem Drehbuch abgearbeitet werden können, ist eine, die moderne Kommunikation seit langer Zeit umtreibt. Wir nennen das PR. Oder neudeutsch Influencer Relations (oder, wenn wir nicht so direkt aus der PR kommen: Influencer Marketing).

Der Gedanke einer Blockchain bringt nun noch einen weiteren Aspekt in diese Fragestellung: Wie können wir eine Geschichte erzählen, ein Thema setzen, ein Gespräch oder eine Bewegung abbilden, wenn die einzelnen Teile eine wirkliche, vielleicht sogar nicht-lineare Kette bilden? Wie kann aus dieser Verbindung Vertrauen entstehen, ohne dass wir jedes Einzelteil kennen oder jede handelnde Person mögen oder ihr vertrauen? Wie kann die Blockchain selbst eine tragende Rolle spielen, sozusagen systemisch?

Ohne eine Blockchain zu eng als Technologie zu verstehen, können wir an vielen Orten und in vielen Systemen bereits den Grundgedanken sehen: dass Vertrauen und Verlässlichkeit durch das System an sich entsteht, selbst, wenn wir einzelne in diesem System doof finden oder dumm oder unzuverlässig. Aber durch die feste Verknüpfung bekommen die Einzelteile einen Ort, werden vertrauenswürdig und verlässlich, verständlich und sinnvoll. Parteien sind solche Systeme, die Rotary-Gesellschaften auch. Nur dass beide erst einmal nur ein Art Blockchain nach Innen bilden, für die Mitglieder.

Blockchain-Kommunikation ist die PR-Variante von Content Marketing

Wenn wir die wesentlichen Punkte einer Blockchain ansehen – die untrennbare Kette der Einzelteile, die ohne zentralen Ort nur über das Internet so fest verbunden werden; das nicht-lineare Wachstum, mit dem an jedem Einzelteil neue Teile angekettet werden können; den Open Source-Aufbau, der keinem von irgendwem erdachten Bauplan und keinem Wasserfall folgt –, dann wird schnell klar, dass eine Übertragung dieser Prinzipien auf Kommunikation etwas ist, für das wir in der PR gerüstet scheinen. Wenn wir denn wollen.

Wie kann aber Content Marketing aussehen, das diesen Prinzipien folgt? Beispielsweise, indem wir mit verschiedenen Multiplikatorinnen ein Thema jeweils individuell entwickeln, zugleich diese Themen in eine größere Erzählung einbetten und aus den Einzelgeschichten eine Bewegung formen. Indem wir in der engen Arbeit mit ihnen die Verknüpfungen herstellen, die Querverweise optimieren, Autorinnen und Influencer miteinander bekannt machen. Oder indem wir Content nicht zentral entwickeln und verteilen, vermarkten – sondern dezentral und je nach Bedarf variieren.
Eine Blockchain-Kampagne wird also nicht „orchestriert“ oder „ausgespielt“, sondern in das Internet über viele Medien hinweg eingewebt. 
Ihre Kraft wird eine solche Kampagne entfalten, wenn wir sie loslassen und den einzelnen Teilen, „blocks“, erlauben, sich neue Anknüpfungspunkte zu suchen, ihre Themen und Motive weiterzuentwickeln.

Unsere ersten eigenen Umsetzungen einer Blockchain-Kommunikation haben wir dieses Jahr beispielsweise für die Kampagne „nur wenn ich es will“ für ellaOne, die führende Pille Danach, gezeigt. Dabei haben wir mit unterschiedlichen Bloggerinnen und YouTuberinnen zusammengearbeitet, die einerseits ihre eigenen Geschichten erzählt haben – und andererseits sich zum einen aufeinander bezogen haben, beispielsweise durch Verlinkungen, und zum anderen bei einander in Diskussionen und Kommentaren eingegriffen haben, weil es ja durchaus um kontroverse Themen wie Verhütungspannen und eben die Pille danach ging. Vor allem aber war es eine Kampagne, die gerade nicht fertig geplant war sondern sich fast komplett aus dem Verlauf der Kampagne ergab. Auch die Bloggerinnen und YouTuberinnen sind erst im Verlauf der Kampagne dazugekommen, nachdem die ersten in eine Zusammenarbeit eingestiegen waren.

Das ist also etwas Anderes als die alten „user generated content“ Kampagnen, bei denen viele Inhalte ohne inneren Zusammenhang (außer beispielsweise einem call to action oder einem Thema) erzeugt wurden. Eher schon könnten wir einige wenige gute Hashtag-Kampagnen als erste Versuche einer Blockchain ansehen. Woran wir aber weiter arbeiten müssen, damit wir das Vertrauenspotenzial heben können, das eine Blockchain bietet, ist die Festigkeit der Verbindungen, die „chain“.
Ich schätze, dass dies unsere hauptsächliche Aufgabe im Management von Blockchain-Kommunikation sein könnte: weniger der Content als eher die Beziehungen der einzelnen Blöcke untereinander, zueinander, zur großen Erzählung.

19.9.16

Die Deplorablen*

Das, was Menschen in meinem Umfeld zurzeit massiv umtreibt, ist die Frage, wie die Gesellschaft politisch gerade auseinander fällt. Mit der Landtagswahl in Mecklenburg und der Stadtwahl in Berlin ist die Ratlosigkeit bei fast allen, die ich kenne und schätze, groß: Ja, dass die Autoritären den Menschen ein Gehör verschaffen, die sich zuletzt (oder schon immer) aus dem politischen Diskurs raushielten oder verabschiedet hatten, ist das eine. Dass sie faktisch den gesamten Diskurs bestimmen, das andere. Dabei mal gar nicht auf die massive Dummheit der CSU geschielt, das überall in Europa gescheiterte Nachlaufspiel nachzuspielen.

Das, was die Diskussion unter denen, die Anhängerinnen der Demokratie sind, so kurios macht, ist, dass jede aus ihrem eigenen Betätigungsfeld heraus eine vordergründig richtige Analyse anbieten kann. Letzte Woche saß ich mit Menschen aus Kirche, Diakonie, Politik und Medien zusammen beim Bischofsdinner – und fand es faszinierend, wie sicher sich die Chefs der Diakonie waren, dass der Aufstieg der autoritären Partei AfD in Deutschland seine Ursache im sozialen Auseinanderfallen der Gesellschaft und in der neoliberalen Wirtschaftspolitik hat. Und die Zahlen – dass Menschen, die AfD wählen, größtenteils eine niedrige formale Bildung haben und aus dem stammen, was man früher Arbeiterschicht genannt hat – sprechen an der einen Stelle auch dafür.
(Weshalb, aber das nur am Rande, meines Erachtens Sahra Wagenknecht auch taktisch richtig liegt, wenn sie den Wettbewerb auch inhaltlich zwischen ihrer Partei und der AfD sucht. Selbst wenn ich sie dafür verachte: sie hat aus Sicht der Linken Recht. Was m.E. wiederum Teil des Problems ist, aber das ist eine andere Geschichte.)

Ich habe mich in jener Veranstaltung dann dahingehend geäußert, wie ich auch hier schon das eine oder andere Mal schrieb - dass ich den Aufstieg der AfD eben eher unter dem Stichwort "autoritär" als unter dem "populistisch" sehe. Und dass einiges an den Zahlen, besonders krass in Österreich und den USA, wo ja ebenfalls autoritäre Nationalisten sehr erfolgreich sind gerade, dafür spricht, dass sie vor allem Männer ansprechen, die nicht klarkommen damit, dass die Welt sich zu ihren Ungunsten verändert: weil sie weiblicher und bunter geworden ist. Weil, verkürzt ausgedrückt, in diesem Land das biodeutsche Patriarchat sein Rückzugsgefecht führt.

Und war überrascht, mit welcher Massivität mich mein Parteifreund und Präsident meiner Landessynode, Andreas Tietze, hinterher anging. Er scheint auch ein Anhänger der "Sozialthese" zu sein (so hab ich seine Kritik verstanden), meinte, die Zahlen für Mecklenburg gäben die Männer-Frauen-Analyse nicht her.

Wer hat eigentlich Männern das Wahlrecht gegeben?
Für Mecklenburg und Berlin habe ich mir genau die Frage darum noch einmal angeguckt, welche "Abgehängten" denn nun AfD wählen. Und um meine These und Schlussfolgerung gleich vorweg zu nehmen: Das ist dann eben so.

Die werden "wir" auch nicht zurück gewinnen. Die historische Leistung von SPD und CDU, sie irgendwie mitzuvertreten und "einzuhausen", können (CDU) oder wollen (SPD) die beiden Parteien nicht mehr leisten, nur noch die Linke schafft das teilweise, was ich ihr trotz aller Kritik an ihr hoch anrechne. Politisch denke ich, wir werden damit leben müssen, dass die Deplorablen, also die, bei denen jedes Argument hoffnungslos scheitert und die sich - bewusst oder unbewusst - außerhalb eines demokratischen Konsenses bewegen, für die Zukunft dieser Gesellschaft verloren sind. Was individuell tragisch ist, ja. Aber nicht zu ändern. Wer sich nicht verändern will, wenn die Welt sich weiterdreht, wird eben zurück bleiben (das meine ich nicht sozial, das ist ein anderes Thema; aber politisch und von der Machtverteilung).

Es ist nun mal nicht zu ändern und logisch, dass heterosexuelle, weiße Männer die Verlierer der Veränderungen sind, die unsere Gesellschaften durchmachen. Und das unabhängig von der sozialen Frage (weshalb es auch nicht ungewöhnlich ist, dass auch Professoren und andere Eliten, die nun von ihren Privilegien abgeben müssen, zu den Führern der neuen Autoritären gehören). Denn wenn die systematische Diskriminierung von Frauen, Nichtweißen, Schwulen etc. zurück geht, wenn mehr Frauen, Nichtweiße, Schwule etc. in Führung- und Machtpositionen kommen, dann kommen logischerweise weniger heterosexuelle weiße Männer in diese Positionen als bisher (zwar immer noch weit mehr als ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht – aber eben weniger als bisher).

Die hoffnungslosen Fälle
Es ist super interessant und auffällig, dass alle anderen Parteien mehr oder weniger gleichmäßig in den verschiedenen Demographien punkten (abgesehen von den Grünen, die auffällig weniger Wählerinnen mit niedriger Formalbildung haben). Nur die AfD hat in zwei Fragen eine Unwucht: bei der "Klasse" und beim Geschlecht. Ersteres, so denke ich, weil SPD und CDU ihre Bindungskraft verloren haben und die Linken nur einen Teil auffangen können. Letzteres wäre aus meiner Sicht ohne die These von den "Modernisierungsverlierern" nicht zu erklären (außer wir würden annehmen, dass Männer an sich im Schnitt dümmer und/oder autoritärer sind).


Es klingt vielleicht der einen oder anderen zu resigniert – aber wenn ich mir diese Statistiken ansehe und wenn ich dem einen oder anderen Mann, der die Autoritären wählt oder mit ihnen liebäugelt, zuhöre, dann denke ich nicht, dass wir diese Männer für das Projekt Gesellschaft und für die Demokratie zurückgewinnen können.

Keine Teilhabe? Das ist gut so!
Bei denen, die den Dialog mit den Feindinnen unserer Gesellschaft und den Verächterinnen der Demokratie suchen, also mit den Autoritären, höre ich immer wieder, dass ein Problem sei, dass eben einige Gruppen von der Teilhabe am öffentlichen Diskurs, am politischen Prozess ausgeschlossen seien – und dass dieses ein Problem sei, das von der Interessenvertretung der Autoritären, der AfD adressiert werde.

Mir kommt es so vor, als ob das zwar einerseits stimmt – aber andererseits eben auch irrelevant ist. Wer kein Interesse hat, die Veränderungen, die sich in der Gesellschaft ergeben (und für die viele Menschen auch aktiv und lange gekämpft und gearbeitet haben), zu gestalten; wer also eigentlich nur zurück will in einer Zeit, in der alle Macht bei weißen heterosexuellen Männern lag, ob in der Familie, im Job oder in der Gesellschaft; wer autoritär und reaktionär ist – wo soll der Sinn darin liegen, diese Leute auch noch aktiv zu beteiligen? Ja, vielleicht ist es gut, dass sie ein Sprachrohr haben, dass ihre Vertretung in den Parlamenten ist. Aber damit ist dann auch genug.

Lieber die Gesellschaft weiter umbauen
Ich kann verstehen, dass CDU und SPD (und mit Abstrichen auch die Linken) nervös werden. Ich kann es nicht verstehen, wenn das – wie beim Parteifreund Tietze – auch Grünen oder FDP-Leuten passiert. Aber muss die Antwort auf die Herausforderung durch die Autoritären, die gerne wollen, dass ein alltagsrassistisch geprägtes Patriarchat aufrecht erhalten wird, nicht sein, den Umbau der Gesellschaft zu beschleunigen und froh und optimistisch in die Zukunft zu schauen? Müssen wir nicht wieder dazu kommen, die zwanzig bis dreißig Prozent Männer, die auf diesem Weg nicht mitgehen wollen, eben einfach zurück zu lassen? Als Gesellschaft werden wir das überleben. Und diese Männer werden es – Sozialstaat, den wir trotz aller Probleme und Einschnitte immer noch haben, sei Dank – ebenfalls überleben.

Blick nach Norden und nicht nach Österreich und Frankreich
Bei allen Problemen, die auch die nordischen Gesellschaften mit den autoritären Modernisierungsverliererinnen haben: Es ist und bleibt doch interessant, dass anders als in Österreich und Frankreich, wo die demokratischen Parteien sich von den autoritären treiben lassen, der Umbau der Gesellschaft weitergeht. Siehe das Grundeinkommenexperiment trotz der starken autoritären Partei in Finnland.

Die hoffnungslosen Fälle werden wir ohnehin nicht mitnehmen können. Die einzige vernünftige Antwort auf die Erfolge der AfD scheint mir zu sein, mehr Feministinnen, mehr offen Homosexuelle, mehr Einwanderinnen in Führungspositionen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu bringen. Weil wir verdammt noch mal 2016 haben. Und mit den Autoritären zu streiten – nicht aber den Dialog zu suchen. Denn verloren haben wir sie ohnehin. Unser Streit mit ihnen zielt auf die andere Hälfte der AfD-Wählerinnen – die Hälfte, die für diese Gesellschaft noch nicht verloren ist.


tl;dr
Wir werden die 20 bis 30% Männer zurück lassen müssen, die nicht mit uns in die Zukunft gehen wollen sondern sich als Verlierer gefallen.


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* Zur Überschrift siehe irgendwas zu Clintons basket of deplorables, beispielsweise eine Einordnung bei Vox.com. Die Überlegung dahinter – dass die Hälfte der Unterstützerinnen Trumps im Grunde hoffnungslose Fälle sind, weil rassistisch, homophpb, islamophb etc. – finde ich wichtig und richtig.

6.9.16

Sehr geehrter Herr Höttges,

ich bin im Prinzip ein großes Fan der Telekom, nachdem ich damals zu den ersten gehörte, die weg gingen - ich komme immer wieder. Das liegt vor allem an zwei Dingen: zum einen an der Stabilität der Services und dem eher konservativen Leistungsversprechen, das die Telekom jeweils gibt. Und zum anderen am Kundenservice.

Tatsächlich habe ich auch in meinen aktuellen Fall am Kundenservice selbst nichts auszusetzen - die vielen, vielen Stunden, mit denen sich der Kundenservice mit großer Geduld mit mir um die Frage gekümmert hat, wie ich halbwegs akzeptables Internet auf dem Land bekomme, finde ich beeindruckend. Gemeinsam mit dem Kundenservice bin ich aber nun an eine Grenze gestoßen, die wahrscheinlich nur von Ihnen und Ihrer Kollegin und Ihren Kollegen im Vorstand gelöst werden kann.

Dieses ist das Problem:
Im Grunde haben Sie eine ganz gute Lösung für den ländlichen Raum entwickelt – das Hybridinternet, bei dem eine (digitale) Leitung mit LTE kombiniert wird zu einem Produkt, das allen Anforderungen an eine normale Internetnutzung genügt (wir wollen gar nichts Besonderes). Einzige Voraussetzung dafür ist, dass eine ganz, ganz kleine DSL-Leitung liegt und dass die mit Annex J ausgestattet ist, also ein IP-Anschluss ist.

Und hier kommt unser Problem: von den beiden Leitungen, die in unseren Hof führen, ist eine kaputt (von einem Baum zerstört, wenn wir den Techniker, der das gemessen hat, richtig verstanden haben). Und die andere noch analog. Und weder die Planungsabteilung noch die Technikabteilung bei uns in Schleswig-Holstein scheinen die digital machen zu wollen. Wobei wir da immer wieder widersprüchliche Aussagen bekommen - mal heißt es, die Leitung sei zu lang (die Dämpfung zu groß - obwohl genau das ja mit Annex J "bekämpft" werden soll), mal heißt es, es sei im Verteiler kein Port mehr frei, um die die Annex J Karte zu stecken. Either way: wir bekommen keinen digitalen Anschluss.

Uns ist dabei bewusst, dass unsere Leitung grenzwertig lang ist, weil die Telekom den letzten Verteiler in unserem Dorf beim intensiven Ausbau in unserer Region (wir sind nahe Eutin) ausgelassen hat und nicht plant, ihn einzubeziehen. Und uns ist bewusst, dass die Telekom zögert, eine lange Leitung IP-fähig zu machen, weil darunter die Verlässlichkeit und Qualität von Telefonie leiden könnte. So weit unser Verständnis.

Nun haben wir aber echt viele Vorschläge gemacht. Von einer Flatrate für LTE (wir probieren gerade mit dem 30GB-LTE-Internet rum, aber das ist echt gar nichts. Nach zwei bis vier Tagen ist das verbraucht, obwohl wir den Kindern Video und 3D-Games gesperrt haben) bis hin zum Angebot, Ihnen rechtssicher zu versichern, dass wir nicht telefonieren werden (denn hey, wir wollen nur Internet, wer braucht heute schon noch Festnetz?). Alles ginge nicht, letzteres nicht, weil sich die Telekom an ihre AGB gebunden sieht.

Wir sind echt keine Exoten, glaube ich. Ich arbeite hin und wieder von zu Hause, leite als Geschäftsführer eine Agentur. Meine Frau ist Lehrerin, nur noch zwei unserer vier Kinder sind zu Hause, die wollen zwar gerne das Internet so nutzen wie ihre Freundinnen und Freunde, sind aber bereit, auf ein normales Leben zu verzichten, wenn wir irgendwie halbwegs normales Internet bekämen. Aber selbst mit diesem Verzicht reicht das maximale LTE-Paket vorne und hinten nicht.

Ja, es ist unsere eigene Entscheidung gewesen, aufs Land zu ziehen. Allerdings haben wir bei Ihnen vor dem Kauf des Hofes nachgefragt, welche Internetoptionen es konkret an dieser Adresse gibt - und uns wurde Hybrid fest zugesagt. Ob wir den Hof sonst gekauft hätten, bin ich mir nicht ganz sicher.

Können Sie uns helfen, ein normales Leben zu führen? Und uns Internet geben, das uns nicht 8 EUR am Tag kostet?

Herzlichen Dank und freundliche Grüße

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach

(PS: der Versuch, Ihnen dieses per E-Mail zuzuschicken, ist bisher gescheitert, das hätte ich sonst sehr gerne gemacht)

31.8.16

Wir schaffen das

Heute vor einem Jahr sagte die Bundeskanzlerin diesen Satz. Ob intuitiv oder gedrechselt? Ist mir nicht wichtig. Es ist ein großer Satz. Einer, der bleibt. Einer, der wahr ist. Einer, der vielen Menschen in meinem Umfeld wichtig ist — von denen nur wenige verdächtig sind, Angela Merkel vorher gemocht zu haben.

Für mich ist dieser Satz im letzten Herbst und Winter wichtig gewesen, auch persönlich wichtig; und bleibt es weiterhin. Wir waren in unserem Stadtdorf am Hamburger Rand gerade dabei, die Zivilgesellschaft zu organisieren für die bis dahin größte Unterkunft für Vertriebene. Da elektrisierte uns dieser Satz. 

Vielleicht ist es ähnlich wie für einen guten Freund damals die Ruckrede (die mir so gar nichts sagte, im Gegenteil). Er saß mit Freundinnen im Keller und machte einen Plan, der wenig später aufging und tatsächlich disruptiv war, eine gesamte Branche komplett veränderte. Sie hatten die Ruckrede an der Wand hängen und lasen sie jeden Morgen. 

Die Ruckrede ist wohl das Einzige, was von Herzog bleiben wird. Vielleicht ist es am Ende auch nur das (heute sehr große) Startup, das sie damals wesentlich motivierte. 

Wir schaffen das 
wird das sein, was von Merkel bleibt. Was viele motivierte. Zum Guten. Und zum Bösen. Eine Art defining moment für sowohl die Zivilgesellschaft als auch die autoritär-identitäre Massenbewegung, die dieses Wochenende einen weiteren Höhepunkt feiern wird. 

Tatsächlich finde ich diesen Satz so wunderbar, weil er die entscheidende politische Frage wie unter einer Lupe deutlicher macht: 
  • Wollen wir halbwegs optimistisch und mit Vernunft und unserem Kopf streiten um den richtigen Weg in die Zukunft, wollen wir also eine Demokratie – und glauben wir, dass Demokratie ein Weg ist, eine (gute) Zukunft zu schaffen? 
  • Oder wollen wir uns auf unsere Gefühle verlassen, wenn es darum geht, die empfundene Wirklichkeit zu beschreiben, wollen wir also eine autoritäre Alternative zur Demokratie – und glauben wir, dass die Zukunft ohnehin nicht gut ist?
Wir schaffen das
ist ein Satz, der für Vernunft, Streit und Demokratie steht. Dafür bin ich ein Jahr nach diesem Satz immer noch dankbar. 

26.8.16

Vom Recht und der Lust, sich ausbeuten zu lassen

Da sehe ich Umfragen (oder ihrer Präsentation in Medien), dass irrwitzig viele Irre staatliche Bekleidungsvorschriften für Frauen befürworten. Und frage mich, ob die wirklich alle irre sind. Oder woran es liegt, dass in meinem kohlenstofflichen Umfeld niemand auf nur ein einziges Mal über Burkas oder Verbote oder so was gesprochen hat in den letzten Wochen. 

Nur online. In den Diskussionsdingend meiner Partei beispielsweise. Oder auf Twitter. Oder in einigen wenigen Blogs.

Symbolbild für Badebekleidung
Ich finde es eigentlich schon irrwitzig genug, dass wir einige Bekloppte 2016 über eine Frage reden, die schon 1850 quasi niemanden mehr aufregte. Beispielsweise wie jemand baden geht. Siehe das Symbolbild (das allerdings wahrscheinlich von 1910 oder so ist).

Finde ich es ok, wenn sich Frauen komplett unter Wäsche verstecken? Ja, denn es ist mir egal. Finde ich es ok, wenn sie das tun, weil sie "bescheiden" sind oder um Männer nicht zu reizen? Nein, ganz und gar nicht. Auch, nachdem ich das Stück von Aheda Zanetti im Guardian gelesen habe, der Burkini-Erfinderin, finde ich das nicht ok. Kann ich es akzeptieren, dass und warum sie es tun? Ja, selbstverständlich. Muss ich sogar.

Das ist die Stimme, die mir so leise vorkommt in dieser bewusst von autoritär-konservativen Politikern vergifteten "Diskussion". Dass ich aus den unterschiedlichsten Gründen bestimmte Kleidung absurd und gesellschaftlich falsch und frauenfeindlich finden kann – und es zugleich noch absurder, noch falscher und noch frauenfeindlicher finde, wenn der Staat oder auch nur die misogyne Gesellschaft Vorschriften für oder Verbote von Kleidung meinen machen zu können.

Wo bitte leben wir denn? Und in welcher Zeit? Meiner Mutter hat man versucht, zu kurze Röcke zu verbieten – und heutigen Frauen versucht man, zu lange Kleidung zu verbieten? Merkt ihr, ne?

Ein Staat, der seinen Bewohnerinnen Kleidungsvorschriften macht, ist keine Demokratie. Sondern ein autoritärer Staat. Eine Partei, die das Verbot bestimmter Kleidung fordert, ist nicht demokratisch sondern autoritär. Und das widert mich an. Und ganz ehrlich: dabei ist mir egal, ob das gesunde Volksempfinden auf der Seite der Widerlinge steht.

Ich denke, dass es wichtig ist, beides zu tun in der jetzigen Situation: Klar Stellung zu beziehen gegen die Versuche, die Demokratie durch ein autoritär-plebiszitäres Modell zu ersetzen. Genau das tun die Verächter der Demokratie in allen Parteien, die jetzt über ein Burkaverbot oder ein Burkini-Verbot faseln. Und zugleich klar Stellung zu beziehen gegen patriarchale, reaktionäre Gehirnwäsche, die Männer unter dem Deckmantel einer Religion ausüben.

Mein Opa sagte damals, in den 80ern, als ich mit ihm über Entfremdung und Ausbeutung und Kapitalismus diskutierte, dass er sich, wenn das Ausbeutung sei, wie er als Arbeiter arbeite, gerne ausbeuten ließe. Das hat mich damals wahnsinnig gemacht, war aber eigentlich recht weise von ihm. Denn er hat die Ausbeutung nicht bestritten. Zanetti argumentiert in jenem Guardian-Text ähnlich wie mein Opa damals. Die Entfremdung durch die patriarchale Unterdrückung akzeptierend, lebt sie dennoch gerne. Das macht mich heute wahnsinnig, aber das muss ich akzeptieren. Nicht zustimmen, aber akzeptieren.

Wer die "Frauenfrage" autoritär lösen will, springt ebenso zu kurz wie die, die Freiheit verteidigen, ohne die patriarchale Unterdrückung und Entfremdung in den Blick zu nehmen. Daran scheint mir die irrwitzige Auseinandersetzung zu kranken. Und für die Zwischentöne, die gleichzeitig für das Recht kämpfen, etwas zu tun, was sie an anderer Stelle bekämpfen, ist da kaum noch Platz. Das macht mich traurig.

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