12.2.15

Dies ist die Stunde der PR

(english summary below as a tl;dr)

In der Tat. Der Gedanke hinter native advertising ist charmant. Und richtig. Ebenso der Gedanke hinter Content Marketing. Der Gedanke, dass es doch möglich sein müsste, (Marketing-, Werbe-) Botschaften so in Apps, Games, Medienangeboten, Netzwerken unterzubringen, dass sie quasi "natürlich" daher kommen (was eigentlich ein beknacktes Wort ist, weil es suggeriert, menschengemachte Technik sei der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten ähnlich, was ja auch kein Wunder ist, wenn ich den Kontext bedenke, aus dem das Wort stammt, aber das ist eine andere Geschichte). Dass sie sich, um es präziser zu formulieren, so in ihre Umgebung einfügen, dass sie von den Nutzerinnen als Teil des Angebots wahrgenommen werden und nicht als Störenfriede.

Nun haben wir ungefähr ein Jahr Experimente mit so was hinter uns.
Und die sind sehr ernüchternd. Ehrlich gesagt, war ich tatsächlich gespannt, was den Kolleginnen so einfällt rund um native advertising. Und raus kam entweder das, was wir früher Schleichwerbung genannt haben (und was nicht funktioniert, mal die rechtlichen und/oder ethischen Fragen außen vor) - oder schlecht kaschierte Advertorials, die ihre Wirt beschädigen. Trauriges Beispiel ist die Computerwoche mit ihrem Business Expert Circle. Auf der Startseite ist noch nicht mal das minikleine Wort Anzeige zu sehen, das auf der Detailseite im Header steht aber kaum als dazu verbunden wahrgenommen wird. Native eben. Problem ist (neben allem anderen), dass die Qualität - sprachlich, argumentativ etc - teilweise so schwach ist, dass die native advertising-Artikel tatsächlich nicht etwa als natürlich im redaktionellen Content eingebunden daher kommen. Sondern so stark abfallen (aber nicht als Fremdcontent erkennbar sind), dass die geneigte Leserin am Verstand der Redaktion zu zweifeln beginnt. So zerstört der Parasit den Wirt, um in der Naturmetapher zu bleiben. Die Implosion von YouTube-Vermarktungsnetzwerken wie Mediakraft ist da nur ein weiteres Symptom.

Oder Magazine wie Curved (E-Plus) oder Featured (Vodafone), die versuchen, mit einer Art Wohlfühljournalismussimulation native daher zu kommen, offenbar auch Traffic ziehen durch sehr gute Performance in Suchmaschinen (zumindest bei Curved, Featured ist dafür noch zu jung) und einer gelungenen Vermarktung des Contents (weshalb sie getrost als Beispiel für Content Marketing herhalten dürfen), aber doch so glaubwürdig sind wie es andere Wohlfühljournalismussimulationen schon immer waren.

Beide Ansätze sind bestimmt kurzfristig erfolgreich, wenn ich die richtigen Key Performance Indikatoren zu Grunde lege. Dass sie beim Brand Building (also Marketing) helfen, bezweifele ich.

Dabei finde ich es richtig - um das klar zu sagen -, dass Kommunikatorinnen versuchen, das Problem zu lösen, dass ihre Botschaften und die Art, wie sie präsentiert werden, als störend und irrelevant empfunden werden von zu vielen, die sie erreichen wollen mit eben diesen Botschaften.

Und darum: Ich teile die Idee hinter Native Advertising und Content Marketing.
Aber ich glaube an eine andere Lösung für das Problem. Call me naiv, aber ich glaube an mehr Intelligenz und Substanz. Ich glaube an Argumente und nicht an Relevanzsimulation. Und darum gehe ich zurück in die PR.

Denn moderne, zeitgemäße PR ist die richtige und nachhaltige Lösung für die Herausforderungen des Marketings in der Zeit nach der kurzen, knapp 175 Jahre langen Zwischenepisode der Massenmediendominanz. Etwas holzschnittartig geht es eben nicht darum, Geschichten zu erzählen oder zu tun - sondern in den Geschichten der Menschen vorzukommen.

Wer nur Botschaften weniger störend, mehr native, präsentieren will, wer nur diese Botschaften über eigenen Content besser vermarkten will, hat das, denke ich, nicht verstanden.

______

tl;dr Native Advertising sucks. Content Marketing fails. PR is it.


11.2.15

Ich bin Norddeutscher

Ich bin Alexander Otto dankbar. Denn mit seiner beknackten schönen Lichtinstallation über dem AEZ, die mich immer stört ich jeden Abend sehe, wenn ich die Fensterläden im Schlafzimmer schließe und noch einmal rüber über den Mellenberg gucken will, erinnert er mich jeden Abend daran, dass und wieso ich gegen die Olympiabewerbung meiner liebsten Heimatstadt bin. Aber das ist eigentlich noch mal eine andere Geschichte.

Aber die 1374 Euro 10, die so ein Blog so im Monat an Kosten verursacht (und da sind die ganzen Kosten für meine vier Pferde und meine vier Kinder und so noch gar nicht mit drin), müssen ja auch gut investiert sein, weshalb ich eigentlich nur endlich mal wieder was in dieses Blog reinschreiben wolle. Was aber eigentlich auch noch mal wieder eine andere Geschichte ist.

Und dann bin ich über Moritz Neumeier gestolpert. Der hat so ein Blogdings bei der Zeit jetzt irgendwie neu. Und ist Norddeutscher. Bin ich ja auch.

27.1.15

Lauf, Junge, lauf

Er wollte eigentlich dringend die Schule wechseln. Zwar würde er in einer größeren Klasse nicht zwingend den Ersten Schulabschluss schaffen, aber alle anderen, die sich jetzt, als Jugendliche, ihrer Religion zuwenden, gehen rüber an eine der Schulen in Lohbrügge. Sein Cousin würde da auf ihn aufpassen und ihm helfen.

Auch, wenn er in den letzten beiden Jahren, seit er erwacht ist, wie er es wahrscheinlich nennen würde, von seiner Klassenlehrerin immer direkte und sehr klare Ansagen bekommt (und er sie mag und respektiert, ja wirklich, Respekt kommt ihm dabei über die Lippen, verwunderlich genug, sie ist ja eine Frau), weiß er doch, wer an allem Schuld ist. Auch wenn er es (wohl eher aus Rücksicht auf die Lehrerin als aus Überzeugung) seltener und nur noch sehr selten ungefragt und zu jeder Gelegenheit in die Klasse ruft. Schuld daran, dass seine Familie Afghanistan verließ. Daran, dass der Islam überall unterdrückt wird. Weshalb es sein Weltbild bereits leicht ins Wanken brachte, sozusagen einen winzigen Haarriss zeitigte, als es kein Problem darstellte, dass er in der Mittagspause in der Schule im Gruppenraum der Klasse beten wollte. Was er seitdem machte.

Die Juden sind Schuld. Und Israel sowieso, diese Eroberer und Unterdrücker. Davon ist er fest überzeugt.

***

Im letzten halben Jahr war in Geschichte das Thema ein Thema, das so viele nervt. Von dem ich immer wieder höre, dass es zu viel, zu oft, zu pädagogisch behandelt werde. Dass alle Schülerinnen dauernd darüber reden müssten würden. Seine Geschichte aber zeigt, dass wir nicht oft genug über den Holocaust und die deutsche Vernichtungsmaschine reden können.

Im letzten Halbjahr sind viele Schulklassen in Lauf, Junge, lauf gegangen. In Hamburg haben die (kleineren) Kinos den Film an den Schulfilmtagen gezeigt. Und obwohl seine Lehrerin den Film mit der Klasse vorbereitet hat und das Thema schon länger im Unterricht dran war, traf ihn der Film völlig unvorbereitet. Und hat ihn erschüttert.



Ausgerechnet ein Jude. Es war völlig verstörend, dass ausgerechnet ein jüdischer Junge etwas erlebt, das er fast für seine Geschichte halten könnte. Sein Zorn und auch wirklich sein Mitgefühl galten dem Jungen.

Er hatte noch nie darüber nachgedacht und noch nie davon gehört. Noch nie, obwohl er ja nun auch schon sechzehn ist, hier geboren wurde und in dieses Land gehört. Obwohl angeblich dauernd und viel zu viel davon in der Schule und in Medien die Rede sei.

***

Er wurde stiller. Seit dem Vormittag im Passagekino, damals, im Spätherbst, hat er nicht ein einziges Mal in der Klasse über die Juden, die an allem Schuld seien, schwadroniert. Nicht noch einmal den Schulwechsel angesprochen. 103 Minuten, die sein Leben verändert haben.

***

Ich denke, wir können nicht oft genug vom Holocaust reden und von den Verbrechen, die die Deutschen in ganz Europa begangen haben, dem Preis für den Aufstieg des "kleinen Mannes" in der deutschen Gesellschaft.

In meiner Kindheit war es Ein Stück Himmel, für die Generation meiner Kinder ist es Lauf, Junge, lauf. Immer wieder ein eindringliches Stück aus der Opferperspektive, das einen Perspektivwechsel ermöglicht.

Bundesarchiv Bild 146-1993-020-26A, Lidice, Ort nach Zerstörung Für mich persönlich waren es die Reise nach Lidice und das Bild Guernica, die mich so tief erschüttert und beeindruckt haben. Für den Jungen war es der Vormittag im Kino. Aber ein auch emotional erschütternder Moment, davon bin ich überzeugt, muss sein und kann sein und kann allen zugemutet werden.

Denn allein die Fakten, allein die Wahrheit, bewegt jemanden wie diesen Jungen nicht. Andere schon, die es zornig macht, beides ist wichtig. Beides ist gut. Wichtig ist nur, dass es zu einer Veränderung führt.

Ich bin überzeugt, dass allein die tiefe Fassungslosigkeit oder Scham die Monstrosität des Holocaust erahnen lässt. Denn er ist mit Worten und Bekenntnissen und Schilderungen nicht zu erfassen. Und es kann und darf niemals einen Schlusstrich geben.

Was mir die kleine Episode mit dem Jungen vor allem zeigt, ist, dass es richtig ist, den Holocaust auch in der Schule, abseits der Pfade der eigenen Familie und des eigenen direkten Umfeldes, immer und immer wieder und immer wieder neu und anders zu behandeln. Denn Kinder, junge Jugendliche und ältere Jugendliche haben verschiedene und sich verändernde (emotionale) Zugänge zu diesem Thema. Es ist nie zu früh für die Fassungslosigkeit. Und nie zu spät.

Und wenn nur ein Judenhasser in seiner Haltung und Überzeugung erschüttert wird, hat es sich gelohnt.

22.1.15

Staatsterrorismus

Vor etwas mehr als einem Jahr schrieb ich, dass eigentlich nur ein Fanal fehle, um die grummelnde Unzufriedenheit in handfesten Widerstand zu transformieren. Wer hätte gedacht, dass dieses Fanal nun eher den Notstandsgesetzen als dem Mord an Ohnesorg gleicht.

Landgericht-frankfurt-2010-ffm-081

Wenn nun - und die Bundesregierung stimmt dem ausdrücklich zu - Überlegungen aus der EU kommen, faktisch die Verschlüsselung von Kommunikation zu verbieten (denn aus meiner Sicht ist es genau das, wenn für den Staat Hintertüren eingebaut werden müssen in jede Verschlüsselung), dann kann es dieses Fanal sein.

Einmal zum Mitschreiben: Der Bundesinnenminster, der von einer Koalition aus CDU, CSU und SPD getragen wird, fordert die Abschaffung von Grundrechten.

Meiner Meinung nach wäre ein Verschlüsselungsverbot Staatsterrorismus. Denn eine Regierung, die verhindert, dass ihre Bürgerinnen sich unbelauscht unterhalten, ist ein Terrorregime. Und ein Staat, in dem Verschlüsselung verboten oder das Briefgeheimnis abgeschafft ist, ist ein Unrechtsstaat.

Gegen die Abschaffung von Grundrechten fordert unsere Verfassung ja ausdrücklich den Widerstand.

Über viele Punkte rund um Sicherheit und Freiheit können wir diskutieren. Selbst über die Vorratsdatenspeicherung, das Lieblingskind der konservativen Placebopolitik, können wir reden. Da sind diejenigen, dich sich für Bürgerinnenrecht stark machen, zwar einig (in der Ablehnung), aber das ist eine politische Frage.

Die Frage, ob ich (selbst wenn ich persönlich es zurzeit nicht tue) meine Kommunikation verschlüsseln und damit privat halten kann, ist aber keine politische. Wenn die Regierung dieses verhindert, überschreitet sie eine Linie. Und dies ist die Linie, die aktiven und realen Widerstand rechtfertigt. Dann sind Worte und Bilder am Ende. Sie helfen nicht mehr.

Noch ist es nicht so weit. Aber vor allem Sozialdemokratinnen sollten sich bewusst sein, dass es wirklich ein Treppenwitz der Geschichte wäre, wenn wieder eine von ihnen ungeliebte große Koalition den Funken in das Pulverfass wirft.

13.1.15

Bildungsfernes Schichten

Jugendliche müssen so was sagen. Wirklich. Sonst liefe was falsch. Keine Kritik also, kein Erheben, kein mildes Lächeln von meiner Seite. Wirklich nicht.
Komisch und verquer wird es, wenn das aber Erwachsene begeistert aufnehmen und wenn deren "Medien" das zum Tweet des Tages erklären.

Es erinnert mich an so ziemlich jede Diskussion über Bildung und Schule, die ich mein Leben lang geführt habe. Bereits ganz großartig während der Schulkämpfe in den 80ern in Hamburg - gipfelnd im legendären Streitgespräch unseres stramm Stamokap geprägten Vorsitzenden der SchülerInnenkammer (so hieß die damals) mit Gerhard Meyer-Vorfelder ("MV"), dem damaligen Schulminister in Baden-Württemberg, der sich im Fernsehen zu der Aussage verstieg, die Masse der jungen Leute brauche nur führerscheinähnliche Kenntnisse, wenn sie die Schule verlasse.

Steuern, Miete, Führerschein - klassisches rechtskonservatives Schulziel für die Masse - während die Gedichtsanalyse den wenigen Kindern der Professoren und Ärzte vorbehalten sind, denn wer braucht so was schon.

Call me Bildungsbürger, aber ich finde es großartig, dass wir da heute weiter sind. Mich hat, zumal ich eben gerade nicht aus Arbeiterinnenfamilien stamme sondern aus einer Mischung von Akademikerinnen und Kleinbürgerinnen, die emphatische Kritik am reaktionären Antiintellektualismus heutiger Pseudoeliten sehr berührt, die Georg Seeßlen im Oktober in der Konkret schrieb. Lest die mal, wirklich.

Wo wenn nicht in der Schule, wenn sie nicht aus falsch verstandenem ökonomischen Druck gehetzt und nur auf Anwendungswissen getrimmt ist, kann ich so zweckfrei und nur aus intellektueller Maniriertheit etwas wie Gedichtsanalysen machen? Wo kann ich, nachdem das akademische Studium durch den Bolognaprozess kastriert und auf Linie gebracht wurde, noch denken lernen.

Das macht vielen Jugendlichen keinen Spaß. Aber selbst wenn ich jetzt wie der alte Sack klinge, der ich bin: Selbst die, die sich darüber mokieren, während sie sich aus schicker Langeweile oder tatsächlichem Desinteresse in der Nase popeln oder ihre Haare durch den Mund ziehen, profitieren langfristig davon.

Steuern, Miete, Versicherungen. Lineare Algebra sogar (obwohl ich erst entsetzt war, dass das ins Studium ausgelagert wurde). Das Leben, die Berufsschule oder der Vorkurs an der Uni sind auch noch da.

Mich gruselt es vor Leuten, die die Schule von ihrem Bildungsauftrag befreien und ihr einen Ausbildungsauftrag verpassen wollen. Denn sie verfolgen eine Agenda. Und die ist bestenfalls reaktionär.

10.1.15

2015: Das sind die großen Trends in der Kommunikation

I. Wenn PR und Unternehmenskommunikation sich schlau anstellen, werden sie 2015 das Thema "digitale Transformation" in den Unternehmen treiben können. Das Thema liegt da, es muss nur aufgesammelt werden.
2014 war „digitale Transformation“ in aller Munde und in allen Blättern. Jetzt wird es Zeit, dieses Thema in den Unternehmen strategisch und praktisch zu treiben. Neben den Prozessen und dem, was unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ diskutiert wird, ist die Kommunikation dabei entscheidend. Interne und externe Kommunikation werden entscheiden, ob die digitale Transformation gelingt. Die PR bekommt dabei eine entscheidende Rolle und kann die Aktivitäten zusammen binden.

Erfolgreich werden die Abteilungen und Agenturen sein, die hier mit Selbstbewusstsein und Kompetenz vorgehen und zeigen können, dass sie das Thema und die Anforderungen der digitalen Transformation verstanden haben.

II. Im Content Marketing wird das Pendel wieder etwas zurück schlagen zu Medien, die dichter an den Marken und Unternehmen sind. Turn-on und Curved sind soooo 2014. Spitzere, klarere, transparentere Magazine werden der Trend sein.
In der Anfangseuphorie von Content Marketing sind viele Ansätze entstanden, die wenig sinnvoll erscheinen und bei denen niemand zeigen kann, was sie auf die Kommunikations- oder gar Unternehmensziele einzahlen. 2015 wird das Jahr sein, in dem eine Idee nicht allein deshalb gekauft wird, weil Content Marketing draufsteht.

Im Gegenteil: eine Rückbesinnung auf klare Botschaften und klare Kommunikationsziele wird einsetzen. Die Inhalte und Onlinemagazine werden sich weiter ausdifferenzieren. Mehr vom Gleichen ist einfach kein erfolgversprechendes Konzept. Und einfach nur neues Inventar zu schaffen, in dem ich mich dann selbst vermarkte (anstatt das in bestehendem Inventar zu tun), wirkt auch nicht wirklich wie ein wirtschaftlich überzeugendes Konzept.

III. Die PR wird wieder journalistischer werden, während die Werbung stärker auf PR-Mechaniken setzt. Beides getrieben durch die jetzt abgeschlossene Digitalisierung der Kommunikation.
Seien wir ehrlich: die Digitalisierung der Kommunikation ist durch. Darüber müssen wir nicht mehr reden. Ja, es gibt noch ein bisschen Übergangsschmerzen bei der einen oder anderen, aber im Grunde wissen wir alle, wo es lang geht. Und während sich in der Übergangszeit alle Kommunikationsdisziplinen einander annäherten, werden sie 2015 beginnen, sich wieder auszudifferenzieren.

PR wird wieder erkennbarer werden und sich wieder auf ihre Stärken besinnen, die sie im Kommunikationsmix einzubringen hat – so wie sich Performance-Marketing und Community Engagement wieder auf ihre eigentlichen Stärken besinnen werden. Auf eine Zeit der Konvergenz in den Disziplinen folgt jetzt eine Zeit der Zusammenarbeit, in der wir Kommunikatorinnen und Kommunikatoren zwar Hand in Hand arbeiten, aber unsere jeweiligen besonderen Expertisen besser einzubringen wissen. Das Hauen und Stechen um das „Digitale“, das die letzten Jahre bestimmte, ist vorbei. Denn es ist in allem.

IV. Wearables werden der große Flop 2015 sein, 3D-Drucker der große Hit. Wir werden die ersten Kampagnen sehen, die damit arbeiten, dass in den Haushalten mehr und mehr 3D-Drucker stehen.
Google Glass war der größte Flop des Jahres 2014. Im kommenden Jahr wird der gesamte Bereich der Wearables durch sein. Zwar werden immer mehr Elemente unserer Kleidung und unserer „Körperperipherie“ miteinander digital kommunizieren – aber die Hoffnung auf neue Userinterfaces mit dem Netz, die eine Erweiterung des Körpers darstellen, trügt. Es ist kein Zufall, dass die Wearables wie die Inkarnation von Science Fiction Visionen der 60er wirken. Und darum auch kein Zufall, dass sie jetzt, wo es geht, ausprobiert wurden. Sie werden aber floppen.

Die Kommunikation ist gut beraten, statt auf Spielkram und Wearables zu setzen, den Trend zu umarmen, dass 2015 3D-Drucker den Massenmarkt erreichen. Noch lange bevor sie wirtschaftlich produktiv sind, bieten sie schon jetzt spannende Ideen für Kommunikation und Interaktion von Menschen mit Marken und Produkten.

V. Ephemeral Media werden DAS große Trendthema in der digitalen Kommunikation sein (Yo, Snapchat und Co).
Die mit großem Abstand spannendsten neuen Interaktionskonzepte sind in den letzten Jahren im Bereich von Ephemeral Media (flüchtige Medien) entstanden. Schrieb ich gerade was zu. Yo und Snapchat haben massiv in Funktionen investiert und bilden ein neues Ökosystem für die Kommunikation mit jungen, mobilen Zielgruppen. Musik, Informationen, Lokalisierungsdienste – all das kombiniert mit der Flüchtigkeit der Äußerungen stellt die Kommunikation vor neue Herausforderungen. Gerade der Schritt von Snapchat in Bezahlfunktionen, Musikservices und Co zeigt, wo das Potenzial von nicht in der Suchmaschine indizierten Inhalten liegen kann.

Mit Ephemeral Media entsteht nach dem Such-Web und dem Facebook-Web der dritte Kosmos digitaler Onlinekommunikation. Wer in Ephemeral Media 2015 punktet, ist innovativ und vorne dabei. Darum werden sich Agenturen überschlagen mit kreativen und abgedrehten Ideen für dieses neue Spielfeld.

5.1.15

Ephemeral Media


Rund um die Frage, was denn jenseits von Facebook noch so existiert, beschäftige ich mich schon lange mit Ephemeral Media. Inzwischen sind die so weit, dass sie ein eigenes Ökosystem bilden und eine große Rolle im Alltag vieler Menschen spielen.
Kurz vielleicht zum Begriff und so: ephemeral meint so etwas wie flüchtig, vergänglich. Unter Ephemeral Media verstehen wir also solche Netzwerke und medialen Äußerungen, die eben dies sind - flüchtig und vergänglich. Lustigerweise in der Regel nicht TV oder Radio (obwohl die zumindest in Deutschland ja auch oft vergänglich sind) - sondern eher digitale Medien, die nicht auf Dauer gedacht sind. Snapchat (nur kurz sichtbare Medieninhalte) oder Yo (nur kurze Lebensäußerungen) sind Beispiele von Apps, die in diesem Bereich aktiv sind.
In den ersten Jahren sind Ephemeral Media unterhalb des Radars geflogen. Wie so viele Dinge erst einmal als Experiment in eher jugendlichen Kontexten. Snapchat beispielsweise war relativ früh unter vielen Jugendlichen populär, die ich in unseren Speckgürteln traf. Erst bei Mädchen, dann bei Jungen, wie oft bei Dingen, die mit Technologie und Kommunikation zu tun haben.

Die Flüchtigkeit der eigenen Äußerungen und auch der der anderen spiegeln ein Bedürfnis wider, das nicht nur Jugendliche haben sondern das auch in den Medien und bei Erwachsenen in den letzten Jahren viel diskutiert wurde: Das Bedürfnis nach so etwas wie einem digitalen Radiergummi. Nach Kommunikation, die nicht für alle anderen auffindbar ist und auch für die, mit denen ich rede, nicht durchsucht, nicht nachgehalten werden kann.

Dabei spielt weniger eine Rolle, dass die Bilder und Links und Texte und Videos technisch sehr wohl permanent sind. Das, so ist mein Eindruck, ist den meisten Nutzerinnen dieser neueren Netzwerke bekannt. Sondern die Erfahrung spielt eine Rolle, dass es Gespräche, Medien, Äußerungen geben kann und eben tatsächlich im Leben gibt, die nicht durchsuchbar sein sollen.

Ich gebe zu, dass ich einige Zeit auch etwas ratlos vor dem Phänomen stand. Dass ich länger brauchte, um zu verstehen, was denn tatsächlich anders und neu an diesen Netzwerken ist. Wieso eigentlich Yo und Snapchat so viel Geld einsammeln können, immer wieder. Wieso hier etwas entsteht, entstanden ist, das über eine nette Spielerei hinaus geht. (Und auf das ich beruflich als Kommunikator reagieren muss.)

Das dritte Web
Es lohnt sich, einmal darauf zu gucken, wie sich Menschen Inhalte im Web erschließen. Bisher - also in den letzten Jahren - gab es vor allem zwei Formen des Web:

  • Zum einen das "Google-Web", also den Teil des Web, der über Suche und - zumindest in Deutschland und den meisten Teilen Europas - damit über Google angesteuert wurde. Rund 90% der Aktivitäten in diesem Teil des www beginnen mit Suche. Die eigene Webadresse ist für sehr viele Seiten nach wie vor der Suchbegriff, über den sehr viel Traffic aus der Suchmaschine kommt beispielsweise.
  • Und zum anderen das "Facebook-Web" (für einige auch das Twitter-Web, für mich beispielsweise, aber von der Struktur her ist es das gleiche), also den Teil des Web, der über soziale Signale innerhalb eines Netzwerks angesteuert wird. Facebook wird für immer mehr Inhalte und Inhaltsangebote zu einer wichtigen Quelle für Traffic.

Beide haben nur wenig mit einander zu tun. Und die Signale, die über Facebook/Twitter und über Suche kommen, sind auch sehr unterschiedlich. (Weshalb wir in der Kommunikationsbranche ja auch immer beides brauchen - Signale für Google und Signale für Facebook.)

Beide Wege - Suche und Facebook - haben aber gemeinsam, dass sie dauerhaft sind. Zwar ist Facebook von der Reichweite einschränkbar (Privatsphäre, you know), aber im Prinzip sind beides dauerhafte Äußerungen und Signale.

Mit Ephemeral Media werden diesen beiden Webs jetzt um ein drittes, eben ein flüchtiges, nicht durchsuchbares Web ergänzt. Signale, die entweder nur jetzt oder nur für einen kurzen Zeitpunkt gelten, sichtbar sind, etwas erschließen. Mit Ephemeral Media haben wir jetzt drei verschiedene Webs, die in der Praxis oft nur wenige Überschneidungen haben.

Tatsächlich ist aus meiner Sicht das wichtigste und auch das besondere, das mit Snapchat, Yo und Co entsteht, eine nicht-durchsuchbare, flüchtige Onlinekommunikation, die sowohl chatähnlich (1-zu-1) als auch newsletterähnlich (1-zu-n) möglich ist. Gruppenfunktionen und Werbeideen auf Snapchat, Services auf Yo - das ist nur der Anfang eines neuen Ökosystems, davon bin ich überzeugt.

Das nächste große Ding
Und damit sind Ephemeral Media aus meiner Sicht das nächste große Ding im Internetz. Und wundert mich nicht mehr, dass sie so große Euphorie bei Investorinnen hervorrufen. Eine neue Kategorie entsteht, eine der neuen Apps kann im Prinzip eine neue Infrastruktur werden - so wie Google faktisch die Infrastruktur des Such-Web ist. Und Facebook die Infrastruktur des Facebook-Web.

Meine wichtigsten Fragen sind dabei zurzeit, was eigentlich die Flüchtigkeit der Medien für die Kommunikation bedeutet - sowohl die Kommunikation untereinander als auch von uns Unternehmen und Marken mit den Menschen. Und ob (oder eher wie, denn das ob sehe ich nicht mehr so sehr als Frage) sich die Bedürfnisse nach Kommunikation auf die drei Webs aufteilen werden, neu verteilen werden.

29.12.14

Systemparteien, Lügenpresse

Auf Facebook und Twitter habe ich den einen oder anderen Versuch unternommen, über Pediga* und mit Pegida-Versteherinnen zu diskutieren, auf viele Artikel verlinkt, oft den virtuellen Kopf geschüttelt. Und - man höre und staune - ein bisschen nachgedacht. Das dann auch an anderen Orten. Und die letzten Tage auch an der einen oder anderen Stelle in der Kohlenstoffwelt darüber gesprochen. Übrigens erstaunlich wenig, weil eigentlich alle, denen ich begegnete, ungefähr einer Meinung waren und diesen Pegida-Mob auch tatsächlich uninteressant und irrelevant fanden.

Ratlos stehe ich tatsächlich vor dem Phänomen, dass hier Menschen sich ungehört und nicht wahrgenommen fühlen, obwohl sie fast schon unangemessen viel Raum in der Berichterstattung und unangemessen viel Beachtung (jetzt auch hier) bekommen. Ähnlich wie die reaktionären Publizisten, die etwas "ja wohl mal sagen dürfen müssen", was irgendwie unangemessen oft überall gesagt wird, von dem sie aber glauben, dass es niemand sagen darf in diesem Land und seinen Medien.

Drei Gedanken machten sich in mir die letzten Tage immer breiter, so dass sie raus müssen. Neben der Frage, ob diese Menschen, die den Mob der Straße bilden gerade, ob die vielleicht von ihren Müttern oder Vätern nicht geliebt wurden. Ob ihnen die Nähe und das Kuscheln fehlte. Ich weiß es nicht, meine ich auch nicht zynisch. Aber ich kann mir die große, epische Grundverunsicherung kaum anders erklären als damit, dass das Grundvertrauen fehlt. Und ich werde das nicht Weiterpsychologisieren. Auch nicht, ob es Zufall ist, dass es sich in Dresden Bahn bricht.

1. Sorgen Ernst nehmen?
Immer mehr kritische, nachdenkliche Stimmen kritisieren das Medien- und Politik-Sprech vom "Ernst nehmen der Sorgen" dieses Mobs. Tatsächlich halte ich das auch schon von Tonfall und Wortwahl für falsch und gefährlich.

Ja, ich muss versuchen, die Ängste und Ressentiments dieser Menschen zu verstehen (im Sinne von: nachzuvollziehen). Aber "Sorgen", die aus einer Mischung aus Verschwörungsdenken und Ressentiments entstehen, kann niemand Ernst nehmen, der dieses Land und seine Menschen am Herzen liegen.

Dass es eine große Minderheit gibt, immer schon gegeben hat, die Verschwörungstheorien glaubt und weiter verbreitet, ist ja nicht neu. Das gehörte auch schon zum 20. Jahrhundert dazu. Von der Weltverschwörung des Judentums oder der Freimaurer über die Dolchstoßlegende bis hin zum Verrat der katholischen Kirche, die unter dem Kölner Dom ihren Goldschatz versteckt habe, den sie im großen Krieg 14/18 nicht rausgerückt habe, weshalb (und so weiter). Die meisten werden solche Menschen in ihrem Bekanntenkreis haben, die meisten davon sind harmlose Teilspinnerinnen. Und (siehe Punkt 2) meistens eingehaust. Und (siehe Punkt 3) nicht mit Argumenten zu überzeugen.

Das Tolle an Verschwörungstheorien (und ja, ich fand auch mal die eine oder andere davon toll, sei es Gesells Freiwirtschaftsidee, deren Logik auf einer Verschwörungstheorie basiert, oder rund um 9/11) ist ja, dass sie per definitionem nicht widerlegbar sind. Weshalb sich da auch aktuell der Kreis zur "Lügenpresse" schließt: Teil der Verschwörungstheorie ist ja, dass es eine Verschwörung gibt, zu der sich alle die verschworen haben, die gegen die Theorie sprechen.

Wer "Sorgen" von Menschen Ernst nimmt, die auf Verschwörungen besieren, die ihre Ressentiments bestätigen, kann nur verlieren - und infantilisiert die Diskussion. Das heißt nicht, dass alle diese Menschen Idioten sind oder Nazis. Sondern nur, dass sie nicht ansprechbar sind. Und nicht Ernst genommen werden können.


2. Die Leistung der Parteien bis vor Pediga
Bei den Pegida-Versteherinnen auf der konservativen Seite kommt immer wieder ein Argument, das so bestechend wie absurd ist: Es gebe ja unter Anhängerinnen aller Parteien (auch von SPD und Grünen, bei den Linken sowieso) einen großen Prozentsatz, der den "Anliegen" (welchen eigentlich?) von Pegida zustimme.

Ja, sag nur! Echt?

Was dieses "Argument" verkennt, ist doch aber gerade, dass es - bis vor Pegida und, so schätze ich, auch bald wieder nach Pegida - den klassischen Parteien gelingt, diese Teilspinnerinnen zu binden und "einzuhausen". Wer sich mit Weltbildern und Ressentiments in Deutschland beschäftigt, wird schnell entsetzt sein, wie groß der Anteil derer ist, die ein verfestigtes rechtsextremes Weltbild haben - ohne jemals rechtsextrem zu wählen oder auf die Straße zu gehen. Je nach Studie und Methode sind das bis zu 40% der Erwachsenen, bei jungen und alten mehr als in mittleren Altersgruppen.

Die besondere Leistung unseres politischen Systems - und hier besonders eine Leistung von CDU, Linken und SPD - ist es, diesen Menschen einen Ankerpunkt zu geben, der ihre dunkle Seite nicht durchdringen lässt. Ich habe nie so viele echte Rechtsradikale erlebt wie in Hamburger Ortsvereinen, als ich noch in der SPD war. Das sage ich ganz ohne Zynismus (heute, damals hat mich das erschreckt). Darum ist die AfD ja auch so gefährlich - weil sie die Chance sieht und hat, diese Menschen aus den bisherigen Parteien herauszubrechen.

Darum kann ich die Panik und Unsicherheit der Parteien verstehen. Da haben es beispielsweise die beiden großen Kirchen einfacher, weshalb sie sich auch klarer geäußert haben (auch wenn der liberale Bischof Bedford-Strohm aus München etwas brauchte, bis er zur Klarheit fand).


3. Isolieren statt umarmen
Was gerade stattfindet, ist keineswegs neu oder singulär. Wir hatten das zuletzt in den 90ern. Rostock, Solingen, Mölln, erinnert ihr euch? Der Mob in Rostock, der applaudierend und sich einpischernd neben den Mördern stand, ist so unähnlich nicht dem, was wir zurzeit auf den Straßen laufen sehen. Auch die Parolen sind nicht so unähnlich. Und auch die Umarmungsversuche vor allem der Konservativen sind so unähnlich nicht.

Der Spuk verschwand in den 90ern von den Straßen, nachdem die SPD unter Engholm umkippte und das Asylrecht zusammen mit der Regierung abschaffte - und nachdem es die großen Lichterketten gab, in denen Menschen aufstanden und dem Mob zeigten, dass er nicht die Macht auf der Straße ist.

Was ich aus den 90ern lerne, ist, dass die vielen "Latenznazis", wie etwas polemisch Sascha Lobo den Mob aus "normalen" Menschen nennt, die da rumlaufen, nicht durch Umarmung wieder in die Zivilisation zurück zu bekommen sind. Sondern nur dadurch, dass wir sie aktiv und konsequent ausgrenzen.

Ich erlebe, wie meine jugendlichen Kinder intuitiv genau das Richtige tun gerade. In ihren Kreisen gibt es jeweils einzelne, die Pegida-Dinge nachplappern oder auf Facebook weitersagen. Da gibt es dann eine (einzige!) klare Ansage mit dem Hinweis, was sie da tun (einigen war das gar nicht bewusst und sie kamen kleinlaut und voller Reue zurück) - und dann werden sie, falls sie nicht sofort umkehren, aktiv und nachhaltig ausgegrenzt.

Das können nur Menschen, die direkte Beziehungen zu welchen haben, die im Mob mitlaufen oder ihn gut finden. Aber das scheint mir erfolgversprechend (wenn wir nicht den Weg der Symbolpolitik gehen wollen, auf Kosten eines vom Mob auserwählten Sündenbocks die Lage zu beruhigen wie damals in den 90ern). Ein klarer Warnschuss aus dem nahen Umfeld. Und dann eine konsequente Isolation.

Denn die latenten, die nicht überzeugte rechtsextreme Aktivistinnen sind, wollen dazu gehören. Wollen nicht ausgegrenzt sein, halten sich für "das Volk". Das ist ihr wunder Punkt. Siehe oben die Vermutung mit den Müttern und Vätern.

Wer einmal versucht hat, mit AfD-Leuten oder anderen Verwirrten zu diskutieren (Pegida haben wir in meinem Speckgürtel nicht), weiß, dass das nicht geht. Siehe oben, die Sache mit der Verschwörungstheorie. Mein einer Sohn hatte nach drei erfolglosen Versuchen überlegt, ob er (jetzt ist ja gerade beginnender Wahlkampf in Hamburg) AfD und NPD auf die Wahlkampftische kackt. Er hat sich überzeugen lassen, dass das eine nicht so elegante Idee ist. Stattdessen hat er sich vorgenommen, auf sie zuzugehen, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Und sie zu fragen, ob ihre Mutter sie nicht geliebt hat.

_____
* Für die Zeit, in der dieses Wort wieder verschwunden ist: So nannte sich Ende 2014 eine ressentimentgetriebene "Bewegung", die vor allem aber nicht nur in Dresden teilweise mehr als zehntausend Menschen auf die Straßen trieb, die nicht mit der "Lügenpresse", wie sie die Medien in schöner Nachfolge von Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" nannten, reden wollten, sondern Angst vor der Islamisierung des Abendlandes hatten.

Was ich 2014 beruflich bemerkenswert fand

Neben dem Blick in die Glaskugel (mal sehen, ob ich den auch noch mal auf deutsch mache), finde ich es ja um dieses Jahreszeit ganz spannend, zu gucken, was mich (beruflich) dieses zu Ende gehende Jahr beeindruckt hat. Darum hier meine fünf ganz spontanen, subjektiven, unvollständigen Dinge, die ich für einen Kommunikationsmenschen mit Schwerpunkt im Digitalen wichtig fand.


I. Facebook veränderte sich von Social Media zu einem Performance Channel.
2014 war Facebook zumindest für die professionelle Kommunikation kein Social Media mehr. Dass die Reichweite massiv zurück geht, war ja schon in der zweiten Jahreshälfte 2013 so und für 2014 mehr als nur absehbar. In diesem Jahr noch irgendwas auf Facebook zu starten, ohne auch Mediabudget in die Hand zu nehmen, war Quark. Hat auch kaum jemand versucht. Und wenn, dann aus anderen Gründen als Reichweite, Sichtbarkeit oder Markenkommunikation. Beispielsweise, um einen Blitzableiter für Krisen an der Hand zu haben. Aber das ist noch mal eine andere Geschichte.

Bild bei Thomas Hutter im Blog

Dafür hat sich herausgestellt, dass Facebook ein sinnvoller und effizienter (im Sinne von Mitteleinsatz) Kanal für Performance Marketing und andere Programme sein kann, die auf Performance setzen. War es im Jahr davor eher für Branding, also Markenbildung etc. zu gebrauchen, ist der Performanceaspekt immer wichtiger geworden und war 2014 wirklich sehr dominant.

Das ist auch kein Problem. Wer über zurück gehende Reichweiten jammerte oder ernsthaft glaubte, dass es stimmen kann, dass es allein um guten Content gehe, hatte eh selbst Schuld...


II. Wearables sind vollkommen gefloppt.
Was waren viele aufgeregt angesichts Google Glass und Co. Und haben sich damit überschlagen, diese Brille einmal aufzusetzen und cool zu finden. Im Nachhinein, jetzt, wo wir wissen, dass dies alles gefloppt ist, ist es etwas billig, darauf hinzuweisen, dass ich das absehbar fand. Mache ich darum nicht.

Aber das Konzept, den Körper und seine Peripherie als Zugangsmodule zum WWW zu nutzen, ist doof. Und das haben die allermeisten auch gemerkt. Ich bin gespannt, wie viele so genannte Expertinnen die peinlichen Bilder und Posts mit Google Glass heimlich gelöscht haben werden.

Dass Kleidung und Körperteile mit dem Internet verbunden werden, ist auch mir klar. An der einen oder anderen Stelle ist das auch sinnvoll (naja, zumindest mit einem erkennbaren Mehrwert verbunden). Aber nicht mit dem WWW, also dem Teil des Internets, der für Menschen zur Interaktion und Kommunikation da ist.


III. 3D-Drucker sind in den Massenmarkt eingedrungen und haben das kreative Denken verändert.
Die Geschwindigkeit, in der 3D-Drucker dieses Jahr erschwinglich wurden - selbst Tchibo hatte jetzt einen im Angebot - war schon enorm. Ich finde spannend, wie sehr das schon die kreativen Überlegungen in unserer Branche beeinflusst hat. Und wie viel weiter wir sind, als die Idee 1972 in Tim und der Haifischsee war - siehe ab 19:30 min...




IV. Die Schockwellen von Snowden haben – fast unbemerkt von Politik und Öffentlichkeit – den Markt für Cloud-Anwendungen durcheinandergewirbelt.
Während ist es fast erstaunlich und zumindest betrüblich finde, wie wenig die Totalüberwachung des Internets bei den meisten Menschen ausgelöst hat (obwohl ich mich aktuell frage, ob nicht auch die ressentimentgetriebenen Verschwörungsanhängerinnen, die seit ein paar Wochen in Deutschland montags auf den Straßen rumlungern, wenigstens teilweise eine Katalyse durch diesen Schock erfahren haben), hat dies bei Unternehmen und bei denen, die Investitionsentscheidungen in der IT treffen, durchaus Folgen.

Zumindest habe ich den Eindruck, dass das Cloud-Thema seitdem in professionellen Zusammenhängen anders diskutiert wird. Und dass die Frage, wo physikalisch Daten gelagert werden und welches Rechtssystem dort herrscht, eine größere Rolle spielt. Finde ich auch eher gut, ehrlich gesagt.


V. Mobiles Internet war zum ersten Mal ein gesamtes Jahr lang dominanter als TV, was die Nutzungszeit angeht.
Mich fasziniert, dass es immer noch viele Menschen überrascht, dass und wie sich die Internetnutzung verändert hat. Und das, obwohl dieselben, die erst einmal überrascht sind, bei näherem Überlegen feststellen, dass es bei ihnen - privat - genau so ist. Witzig. Ähnlich wie damals am Beginn von Social Media fiel es dieses Jahr vielen Kommunikationsverantwortlichen noch schwer, von ihrer eigenen privaten Erfahrung als Verbraucherinnen und Internetnutzerinnen für ihre beruflichen Entscheidungen zu profitieren.

Aber dass dieses Jahr das erste Jahr war, in dem mobiles Internet (im Sinne von: Internet auf Geräten mit so genannten mobilen Betriebssystemen wie iOS oder Android und meistens mit Touchsteuerung) täglich eine höhere Verweildauer hatte als TV, dass also - gerade weil in den meisten Altergruppen TV nicht zurück ging von der Nutzungszeit - die parallele Nutzung mehrerer Medien massiv zugenommen hat, ist schon etwas, das Kommunikation durcheinander gewirbelt hat.

19.12.14

Am Weihnachtsgottesdienst hängt die Zukunft unserer Kirche

Es sind die großen Geschichten, die faszinieren, die wir immer wieder hören können, die uns bewegen – zu Tränen, zum Lachen, zu tief empfundenem Glück. Und es sind die großen Ideen, die uns sofort ansprechen, die uns dazu bringen, innezuhalten, aufzubrechen, zu kommen.

Weihnachten hat alles, was eine große Geschichte braucht – Gut gegen Böse, Überraschung, einen Helden, dem niemand das Heldsein zutraut, die Rettung der Welt oder der Menschheit. Alles süßliche, wunderbare, überfrachtete Brauchtum könnte den Erfolg von Weihnachten nicht erklären, wenn es keine große Geschichte wäre.

Wenn wir als Werberinnen und Kommunikationsfachleute etwas bewegen wollen, sind wir immer auf der Suche nach so etwas wie Weihnachten. Einer großen Geschichte, hinter der eine große Idee steht, aus der die gesamte Kampagne fließt und sich entwickelt.

Wir brauchen große Ideen, um zu bewegen. Und eine große Idee ist eigentlich ganz einfach an drei Punkten zu erkennen (und das wiederum hilft, zu verstehen, wieso Weihnachten so irre erfolgreich ist):

Herrnhuter Weihnachtssterne
(1) Sie muss nicht erklärt werden, sondern leuchtet sofort ein. (2) Aus ihr folgt sofort und quasi wie von selbst, was ich daraus machen kann, wie ich sie umsetze in eine Kampagne. Und sie beruht (3) auf einem Insight, wie wir in verschwurbeltem Agentursprech dazu sagen – was meint, dass sie eine tiefe, emotionale, menschliche Wahrheit anspricht, die sich so anfühlt, als würde ich sie schon immer kennen, selbst, wenn ich sie das erste Mal höre oder erlebe.

All dies trifft auf Weihnachten zu. Auf die Idee und die Geschichte. Und dass dann auch noch die Idee von Weihnachten auf eines der größten und etabliertesten Feste gelegt wurde, die es schon gab, war ein genialer Schachzug, der nur den besten Werbern einfällt. Denn es ist die hohe Kunst der Kommunikation, mit der eigenen Geschichte und Idee nicht etwa eine Welle anzustoßen sondern eine bereits große Welle zu surfen.

Mit der Idee, dass die Welt und vor allem wir Menschen gerettet seien, ausgerechnet an den Tagen um die Ecke zu kommen, an denen wir aufzuatmen beginnen, weil die deprimierenden dunklen Tage langsam wieder heller und länger werden, ist genial. Denn das haben wir aus der Forschung gelernt, wie Werbung wirksam sein kann: Auch die beste und größte Idee und Geschichte muss auf fruchtbaren Boden fallen, um Resonanz auszulösen. Sonst wäre das alles ja viel besser planbar als es ist, sonst wären die großen sogenannten viralen Wellen nicht so sehr von Zufällen abhängig. Und die Wintersonnenwende ist genau das Umfeld, in dem die Hoffnung und der Traum von Weihnachten sofort einleuchtet.

Gegen allen Kitsch, gegen alles moderne Schimpfen auf den falschen Schein von Friede-Freude-Eierkuchen, gegen jede der Statistiken, die über Weihnachten besonders viel Streit in den Familien behaupten, gegen all dies steht die Idee und die Geschichte von dem kleinen, verletzlichen Kind im Stall, das unvorstellbar groß ist und eine so radikale Veränderung bedeutet. Und trifft auf eine tiefe Sehnsucht und eine tiefe emotionale Wahrheit. Die Wahrheit davon, dass es anders sein kann als im hektischen Alltag. Und dass es möglich ist, in dieser Welt bereits anders zu leben. Die Sehnsucht nach Frieden und Veränderung und – ja, auch – Erlösung.

Deutsche und britische Soldaten am 26.12.1914
Jedes irgendwie gelingende Weihnachtsfest ist ja tatsächlich ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes. So klein es uns scheinen mag. Und so wenig substanziell es daher kommt. Wie oft hat es wirklich den Weihnachtsfrieden gegeben? Wir mögen ihn vergessen im Stress des Geschenkejagens und Essenkochens. Aber gerade in diesem Jahr, in dem sich der Beginn der großen europäischen Katastrophe des ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal gejährt hat, lohnt es sich, auf die Geschichten vom Weihnachtsfest über den Gräben der Front in Frankreich zu hören, um zu erahnen, was Weihnachten sein kann.

Tief in uns schlummern diese Geschichten und Erinnerungen. Sonnenlauf, Kindheitserinnerungen, kollektive Erlebnisse – all das bildet den Resonanzraum für die erfolgreichste Mobilisierungskampagne des Jahres, die unsere Kirchen zu bieten haben: Weihnachten wird in der Krippe entschieden.

So kommen Menschen über unsere Kirchentüren. Getrieben von einer Mischung aus Erwartung, Tradition und tiefen Sehnsüchten. Sie haben sich vorbereitet, wie man sich auf ein Fest vorbereitet – geschmückt mit ihrer besten Kleidung, die Wohnung geputzt, das Essen geplant, die Familie zusammen getrommelt. Voll freudiger Erwartung.

Mein Kommunikatorenherz schlägt schneller, wenn ich an diese Chance denke. Menschen, die bereit sind, zuzuhören, aufzunehmen, zu fühlen. Die wissen und erwarten, dass etwas passiert, das nicht wirklich und voll in diese Welt und Gegenwart passt. Offen für die Magie der großen Geschichte. Für das Heilige. Bereit für die Begegnung.

Aus Sicht eines Christen, der in Werbung und Kommunikation arbeitet und Ideen und Kampagnen entwickelt, ist Weihnachten ein Geschenk. Im Grunde so etwas wie der Elfmeterpfiff – es legt uns den Ball auf den Punkt, wir, die Kirche, die Gemeinde, die Pastorinnen, müssen ihn nur noch reinmachen. Die beste Werbung sind gute Produkte, das wissen wir. Was wir mit Kampagnen und Ideen machen, ist, Menschen dazu zu bringen, sie auszuprobieren. Wir stellen die Menschen sozusagen an die Rampe. Danach muss das Produkt überzeugen, mehr kann eine gute Geschichte, eine große Idee nicht leisten.

Weihnachten bringt so viele Menschen wie nie über die Schwelle der Kirchentür. Danach muss Kirche, muss das Bodenpersonal überzeugen und begeistern. Nur dann hat die große Geschichte einen Sinn. In der großen Kampagne, die wir Mission nennen könnten, ist Weihnachten der wichtigste Baustein, dicht gefolgt von Hochzeiten und Taufen. Sie sind die großen Leuchtturmprojekte der Kampagne. Und sind doch nur so viel Wert, wie das, was wir mit unserem „Produkt“ daraus machen.

Gelingt es uns, die Menschen, die so offen zu uns kommen, anzurühren? Mit dem etwas widerständigen, aus der Zeit gefallenen, irgendwie etwas von der Ewigkeit erzählenden Erleben und Hören und Singen im Gottesdienst? Es ist alles bereitet. Und doch erkennen so viele dieser Menschen nicht, sehen nicht, schmecken nicht, fühlen nicht, wie freundlich und anders und quer zum Alltag Gott ist.

Mein Kommunikatorenherz blutet, wenn ich in den Gottesdiensten, zu denen die Menschen durch die großen, ewigen Geschichten von Liebe, Freude, Hoffnung und Frieden kommen, geistliche Armut erlebe oder eine Nachlässigkeit aus Arroganz oder Langeweile. Oder wenn eine Predigt vergessen wird. Oder ich ohne geistliche Nahrung nach Hause geschickt werde. Oder es nur modern, schick oder feierlich war.

erste Seite des Weihnachtsoratoriums
Ich habe den Traum, dass ich nach der Christvesper aufstehe, nach oben sehe, tief Atem hole und sicher bin, etwas Besonderes erlebt zu haben. Etwas, das mir in den nächsten Wochen etwas bedeutet und mir etwas mitgegeben hat auf meinem Weg, auf den mich der Segen geschickt hat. Das mich trägt und in mir den Funken und die Sehnsucht nach mehr und mehr richtigem Leben entzündet. Und mich früher als Ostern oder das nächste Weihnachten wieder hier hin zieht.

Oft fühlt es sich an, als wäre der Weihnachtsgottesdienst für die, die mich doch eingeladen haben, eine lästige Pflicht. Oft machen Ablauf und Predigt, wenn es denn überhaupt eine gibt, den Eindruck, als wäre dieser Gottesdienst nicht wirklich mit Herzblut vorbereitet. Dabei müsste es doch derjenige sein, der die meiste, frischeste, aufmerksamste Arbeit des gesamten Jahres bedeutet. Denn die große Geschichte, die Kampagne von der Rettung der Welt durch dieses kleine Kind, hat so viele offene Menschen wie sonst nie zu uns gebracht. Hier brauchen wir unsere besten Predigerinnen und Sänger, die begnadetsten Menschenfischer. Denn hier, einmal im Jahr, entscheidet sich, ob wir als Kirche eine Zukunft haben, ob uns die Menschen zutrauen, ihnen das zu geben, was sie suchen und brauchen und was Gott ihnen versprochen hat: Save Our Souls.

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Eine gekürzte Version dieses Textes erscheint in der aktuellen Ausgabe der Evangelische Zeitung, der Kirchenzeitung für Norddeutschland. Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Die Christvesper werden wir wahrscheinlich in Volksdorf mitfeiern.

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