26.8.16

Vom Recht und der Lust, sich ausbeuten zu lassen

Da sehe ich Umfragen (oder ihrer Präsentation in Medien), dass irrwitzig viele Irre staatliche Bekleidungsvorschriften für Frauen befürworten. Und frage mich, ob die wirklich alle irre sind. Oder woran es liegt, dass in meinem kohlenstofflichen Umfeld niemand auf nur ein einziges Mal über Burkas oder Verbote oder so was gesprochen hat in den letzten Wochen. 

Nur online. In den Diskussionsdingend meiner Partei beispielsweise. Oder auf Twitter. Oder in einigen wenigen Blogs.

Symbolbild für Badebekleidung
Ich finde es eigentlich schon irrwitzig genug, dass wir einige Bekloppte 2016 über eine Frage reden, die schon 1850 quasi niemanden mehr aufregte. Beispielsweise wie jemand baden geht. Siehe das Symbolbild (das allerdings wahrscheinlich von 1910 oder so ist).

Finde ich es ok, wenn sich Frauen komplett unter Wäsche verstecken? Ja, denn es ist mir egal. Finde ich es ok, wenn sie das tun, weil sie "bescheiden" sind oder um Männer nicht zu reizen? Nein, ganz und gar nicht. Auch, nachdem ich das Stück von Aheda Zanetti im Guardian gelesen habe, der Burkini-Erfinderin, finde ich das nicht ok. Kann ich es akzeptieren, dass und warum sie es tun? Ja, selbstverständlich. Muss ich sogar.

Das ist die Stimme, die mir so leise vorkommt in dieser bewusst von autoritär-konservativen Politikern vergifteten "Diskussion". Dass ich aus den unterschiedlichsten Gründen bestimmte Kleidung absurd und gesellschaftlich falsch und frauenfeindlich finden kann – und es zugleich noch absurder, noch falscher und noch frauenfeindlicher finde, wenn der Staat oder auch nur die misogyne Gesellschaft Vorschriften für oder Verbote von Kleidung meinen machen zu können.

Wo bitte leben wir denn? Und in welcher Zeit? Meiner Mutter hat man versucht, zu kurze Röcke zu verbieten – und heutigen Frauen versucht man, zu lange Kleidung zu verbieten? Merkt ihr, ne?

Ein Staat, der seinen Bewohnerinnen Kleidungsvorschriften macht, ist keine Demokratie. Sondern ein autoritärer Staat. Eine Partei, die das Verbot bestimmter Kleidung fordert, ist nicht demokratisch sondern autoritär. Und das widert mich an. Und ganz ehrlich: dabei ist mir egal, ob das gesunde Volksempfinden auf der Seite der Widerlinge steht.

Ich denke, dass es wichtig ist, beides zu tun in der jetzigen Situation: Klar Stellung zu beziehen gegen die Versuche, die Demokratie durch ein autoritär-plebiszitäres Modell zu ersetzen. Genau das tun die Verächter der Demokratie in allen Parteien, die jetzt über ein Burkaverbot oder ein Burkini-Verbot faseln. Und zugleich klar Stellung zu beziehen gegen patriarchale, reaktionäre Gehirnwäsche, die Männer unter dem Deckmantel einer Religion ausüben.

Mein Opa sagte damals, in den 80ern, als ich mit ihm über Entfremdung und Ausbeutung und Kapitalismus diskutierte, dass er sich, wenn das Ausbeutung sei, wie er als Arbeiter arbeite, gerne ausbeuten ließe. Das hat mich damals wahnsinnig gemacht, war aber eigentlich recht weise von ihm. Denn er hat die Ausbeutung nicht bestritten. Zanetti argumentiert in jenem Guardian-Text ähnlich wie mein Opa damals. Die Entfremdung durch die patriarchale Unterdrückung akzeptierend, lebt sie dennoch gerne. Das macht mich heute wahnsinnig, aber das muss ich akzeptieren. Nicht zustimmen, aber akzeptieren.

Wer die "Frauenfrage" autoritär lösen will, springt ebenso zu kurz wie die, die Freiheit verteidigen, ohne die patriarchale Unterdrückung und Entfremdung in den Blick zu nehmen. Daran scheint mir die irrwitzige Auseinandersetzung zu kranken. Und für die Zwischentöne, die gleichzeitig für das Recht kämpfen, etwas zu tun, was sie an anderer Stelle bekämpfen, ist da kaum noch Platz. Das macht mich traurig.

11.8.16

Zwischen Hoffnung und Angst

Es ist nahezu verrückt. Jetzt, nach AfD, Österreich, Trump, Brexit, Türkei, den Text wieder zu lesen, den ich heute vor fünf Jahren in dieses Blog reinschrieb. Der sich heute liest wie direkt auf dem Weg zu den revolutionären, autoritären Bewegungen, die wir überall sehen und die überall in (ehemaligen) Demokratien unheimlich dicht an die knappe Mehrheit kommen.

Und heute, mit all dem, was in den letzten fünf Jahren passiert ist, diesen Text zu lesen und vor allem den Text, der ihn inspiriert hat, jenen fulminanten Essay von Seibt über die mutwillige Zerstörung der Politik durch die Konservativen und Rechten seit den 80ern, macht mir Angst und Mut zugleich.

13.7.16

Führung und Leben

Nach dem (ja, finde ich) unsäglichen kress.de-Text über die mögliche Unmöglichkeit von Teilzeitführung in einer Redaktion (und der Bestätigung dieser an sich meines Erachtens abstrusen These durch den Verlag selbst, um den es ging) gibt es jetzt zwei hilfreiche Texte, die etwas Sachlichkeit in die Debatte bringen. Von der geschätzten Kollegin Nicola Wessinghage ebenfalls auf kress.de; und vom einzigen anderen bekennenden feministischen Unternehmensführer, Robert Franken, in seinem Blog.  Tatsächlich haben Nicola und Robert die Perspektive gerade gerückt – hin zum wie, weg vom ob.

Oder, wie ich letzte Woche sagte,
Womit wir bei Agenturen, Jobs, Führung und meiner eigenen Erfahrung wären.

Alles ist in Teilzeit möglich
Als ich in den 90ern ins Parlament meiner Kirche gewählt worden war, habe ich einmal versucht, eine Leitungsstelle (eine Pröpstin in dem Fall) mit einem Tandem zu besetzen. Wir haben mit einer Gruppe Feministinnen ein Tandem für eine Kandidatur zusammen zu stellen versucht und zugleich die Lücke im Gesetz ausfindig gemacht, die dieses ermöglichen würde. Seit dem, noch bevor ich selbst in die Berufstätigkeit startete, bin ich überzeugt, dass jede Aufgabe auch über Teilung des Jobs erledigt werden kann. Und in Teilzeit.

Seit ich an Stellen angekommen bin, an denen ich das aktiv gestalten und mitbestimmen kann, versuche ich zu zeigen, dass das stimmt. Und bisher merke ich, dass es (1) im Prinzip tatsächlich stimmt und (2) trotzdem nicht klappt, ohne dass wir zerrissen werden zwischen Anspruch, Wirklichkeit und den verschiedenen Verantwortungen, die wir im Leben so übernehmen.

Planung und Bereitschaft
Es ist ja eben kein Zufall, dass auf einer meiner Stationen die einzige Führungskraft jener Firma, die nach Mutterschutz und Elternzeit wieder in ihren bisherigen Job zurück kehren konnte, eine meiner Mitarbeiterinnen war – und wir es nicht nur vorher sehr genau besprochen und geplant hatten; sondern uns auch genau die Frage gestellt hatten, die Robert als zentral formuliert (wo ich ihm exakt zustimme):
Wie stellst Du, lieber Arbeitgeber, sicher, dass ich meinen Job auch während meiner Zeit mit Baby so ausüben kann, dass meine Bedürfnisse nicht hinter den Deinen zurückstecken müssen?
Wir haben damals die Aufgaben genau auf die zehn Stunden zugeschnitten, die meine Mitarbeiterin während der Elternzeit weiterarbeiten wollte. Und nach und nach die Stunden erhöht, wie es die Familiensituation zuließ. Das einzige, was sich nie änderte: sie blieb für genau die Menschen Vorgesetzte, für die sie es vorher war. Und war ihre Chefin, auch wenn sie wenig vor Ort war. Ging gut. Sehr gut sogar.

Verantwortung und Teilzeit
Ich bin inzwischen ja, wie ihr wisst, verantwortlich für die Geschäftsführung einer Agentur in Deutschland, Cohn & Wolfe. Und mein Führungsteam hat neben mir zurzeit fünf Direktorinnen. Von denen arbeiten zwei in Vollzeit bei Cohn & Wolfe, eine hat mehrere Aufgaben in unseren Firmen und steht uns in Teilzeit zur Verfügung – und zwei arbeiten in Teilzeit, mit unterschiedlich vielen Stunden. Beide haben in Teilzeit Karriere gemacht übrigens. Und für ihre letzte Beförderung auf dieses Führungslevel, das Budget-, Kundinnen-, Profit- und Mitarbeiterinnenverantwortung umfasst, haben sie auch nicht ihre Stunden erhöht.

Es wäre gelogen, zu sagen, bei uns liefe es optimal. Und es wäre ebenso gelogen, zu sagen, dass sie nur die Stunden arbeiten, für die sie bezahlt werden (das ist bei niemandem so, der oder die in einer Agentur Verantwortung trägt, aber das wissen wir Agenturleute). Aber was funktioniert, ist, dass wir es schaffen, unseren Teil dazu beizutragen, die Balance zwischen den verschiedenen Rollen, die (nicht nur, aber vor allem) Führungskräfte in Teilzeit in ihrem Leben haben, immer wieder herzustellen.

Organisation und Erfolg
Ich bin fest davon überzeugt, dass der Erfolg, den meine Agentur gerade hat – immerhin haben wir Honorarvolumen und Anzahl der Mitarbeiterinnen im letzten Jahr verdreifacht und eine sehr, sehr unheimliche Pitch-Gewinn-Quote –, vor allem damit zusammen hängt, dass wir genau dies ermöglichen. Dass wirklich gute Leute wirklich an der Stelle Verantwortung übernehmen können, an der sie besonders wertvoll sind, unabhängig von der Anzahl der Stunden, die sie uns zur Verfügung stellen (können und wollen). Dass wir gelernt haben, uns zu organisieren und Verantwortung so weit wie möglich zu delegieren, so dass wir schnelle Entscheidungswege haben. Dass wir die Selbstorganisation im Team durch Scrum-Methoden stärken.

Und dass wir die Frage stellen
Wie stelle ich als Arbeitgeber sicher, dass ihr euren Job auch während eurer Zeit mit Kindern so ausüben könnt, dass eure Bedürfnisse nicht hinter meinen zurückstecken müssen?
Nämlich.

28.6.16

#TeamGinaLisa

Mich lässt der "Fall" Gina-Lisa Lohfink nicht los. Als wir vor drei Wochen einen Preis für Onlinekommunikation für unsere (Cohn & Wolfe) Kampagne #nurwennicheswill gewonnen haben, widmeten wir den Preis bewusst allen Frauen, die sich gegen Übergriffe wehren, obwohl sie nur selten Recht bekommen in diesem Land und obwohl sie von Behörden und Justiz sehr oft sehr schlecht behandelt werden.

Für mich ist dies aus vor allem zwei Gründen so wichtig:

  • Zum Einen, weil der Prozess gegen Frau Lohfink ein Thema nach vorne und in die größere Wahrnehmung holt, das mir wichtig ist – und in dem ich als Mann eine zuhörende Rolle übernehmen muss. Weshalb mich Richter Fischer so ankotzt, um es mal auf deutsch zu formulieren.
  • Und zum Anderen, weil gerade die Person Lohfink in diesem Zusammenhang so interessant ist.
Es bedrückt mich, wenn ich sehe, wie in meiner Generation (Mitte vierzig) und selbst noch in der Generation meiner älteren Kinder (um die zwanzig) Mackerverhalten und brutales Besitz- und Benutzdenken von Männern und Jungs Frauen gegenüber verbreitet ist. Das reicht vom ehemaligen Chef, der sich das Recht nimmt, junge Mitarbeiterinnen gegen ihren Willen anzufassen, über die Jungs, die ein Mädchen, das gerne Sex hat, als Matratze der Schule diffamieren, und emotionale Erpressung bis hin zu Vergewaltigung.

Und es erschreckt mich, wie die Tatsache, dass nahezu alle Menschen, die ich kenne, Frau Lohfink unangenehm finden und schräg und ihre Art, mit Sex umzugehen, ablehnen, wie diese Tatsache bei allzu vielen einen Reflex auslöst, der im günstigsten Fall fragt, ob das wirklich alles so war, und im ungünstigsten auf ein "selbst Schuld" hinausläuft.

Gerade weil mir Frau Lohfink unangenehm ist, ist der Prozess gegen sie so ein Fanal. Denn egal, ob jemand unter Drogen ist, betrunken oder nackt. Egal, ob eine schon mal Pornos gedreht hat oder ihren Körper vermarktet. Egal, ob eine schlau ist oder nicht, sich die Haare entfärbt oder Intimrasur betreibt. Alles egal – sie hat das Recht, nicht vergewaltigt zu werden. Punkt.  Dass ihr dann der Prozess gemacht wird, weil sie wollte, dass ihre Vergewaltiger betraft werden, ist krank.

Wie bei so vielen anderen Dingen auch gibt es bei Vergewaltigung keine "Mitschuld" des Opfers. Ja, es kann sich vorwerfen, nicht früh genug nein gesagt zu haben vielleicht. Es kann sich selbst vorwerfen, mit einem Arschloch und Verbrecher getrunken oder gefeiert zu haben. Aber es kann sich nicht vorwerfen oder vorwerfen lassen, dass es vergewaltigt wurde.

Es macht mich unendlich zornig, wenn ich sehe, was mit einer Frau (und Frau Lohfink steht hier nur stellvertretend für viele, viele tausend Frauen jedes Jahr, denen exakt das gleich passiert) gemacht wird, die sich traut, sich zumindest nachträglich gegen die Vergewaltigung zu wehren. 

Es irritiert mich zutiefst, wenn ich sehe, dass Menschen, Männer zumeist, die sich klar zu "Nein heißt Nein" bekennen, im Fall von Lohfink schwimmen und schwurbeln. Sich auf das Ablenkungsmanöver mit den K.O.-Tropfen oder eben nicht einlassen. Das Thema auf eine grundsätzliche Ebene ziehen. Allzu viele Fragen sehen, die ungeklärt seien. Ja, kann alles sein – aber eine Vergewaltigung bleibt eine Vergewaltigung. Und Sex gegen den Willen einer Person ist eine Vergewaltigung. Sex ohne aktive, explizite Zustimmung einer Person ist eine Vergewaltigung. Egal, welche Fragen sonst noch offen sind. Und wenn mir der Prozess gemacht wird, weil ich möchte, dass meine Vergewaltiger betraft werden, ist das krank (sagte ich das schon?).

Das Leben ist nicht nur schwarz-weiß und es gibt unendlich viele Spielformen, die im Konsens auch Dinge ermöglichen, die mir fremd sind. Und Zustimmung ist nicht so trivial festzustellen, schon klar. Was aber nichts daran ändert, dass ein Unterschreiten der Zehn-Zentimeter-Schutzschicht nun mal nicht geht, wenn sie nicht angefordert wurde... 

Ich meine: Wenn es nicht zu einer klaren Position zum Fall Lohfink führt, ist ein Bekenntnis zu "Nein heißt Nein" nichts wert. Weil es dann doch nur wieder um saubere, bürgerliche Mittelschichtdinge geht. Beweisen aber muss sich das Thema, so finde ich, an den Rändern. Aber wie so oft ist der aufgeklärte Bio-Aktivismus in der Gefahr, die soziale Frage unterzubelichten.



24.6.16

Die Ernte der Disruptionspredigten

Ich interessiere mich schon sehr lange für die Kontinuitäten in den Umbrüchen und Veränderungen. Kurz gesagt (und ja, etwas zu holzschnittartig) für das Leben, das weitergeht und sich für die allermeisten Menschen gar nicht so radikal und schon gar nicht so schnell verändert, wie es einerseits die Predigten des Untergangs und der Veränderung behaupten und wie es andererseits in der historischen Rückschau oft scheint. 2004 deutete ich dieses Thema das erste Mal hier im Blog an. Stichworte sind Werner Durth und Otto Baumgarten. Aber das nur am Rande.

Vielleicht ist es aber diesem Interesse, das aus dem Studium in den frühen 90ern herrührt, geschuldet, dass ich immer gegen die Profetinnen* des Untergangs, der Wandels, der Disruption immun war. Dass ich meine gesamte berufliche Beschäftigung mit Social Media über beispielsweise eher die Dinge betont habe, die gleich bleiben in der PR, bei denen es nur um eine neue Arena aber nicht um ein neues Paradigma ging.

Das aber nur vorab, um ein bisschen Kontext zu schaffen für das, was mich in den letzten Monaten so oder so umtreibt. Und wo ich Ursachen, nicht Anlässe für die krassen Bruchkanten in unseren (europäischen) Gesellschaften sehe.
Das macht mich unruhig. Und mit diesem Text schließe ich an meine Überlegungen zu den Autoritären (wer dazu was wissen will, kurz dem Link folgen) an, versuche ich, die Gedanken dazu zu ordnen, wieso die ängstlichen Autoritären so stark geworden sind.

Disruptionsrhetorik
Denn ich bin mir recht sicher, dass die Disruptionsrhetorik, die auch viele Menschen in meiner Ecke des Internets, die ich sehr schätze, in der Feder führen, einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat. Dieser profetische Impetus, den ich im Grunde sogar verstehen kann, wenn es einfach nicht voran geht, wenn es mal wieder alles langsam zu langsam ist, wenn mal wieder die Falschen das Falsche beschließen. Die Idee, dass alles ganz anders sein oder werden muss und das auch bittesehr ganz ganz schnell, weil wir sonst alle sterben werden. Oder zumindest unsere Wirtschaft. Oder das Internetz.

Die durchweg positive Sichtweise auf Disruption, die sich im Zuge der neoliberalen Revolution bis hinein in ehemals linke oder emanzipatorische Kreise durchgesetzt hat, ist ja ironischerweise im Kern ein totalitäres Konzept, das philosophisch auf Nietzsche und ökonomisch auf Schumpeter zurück geht, der ein recht radikaler Verteidiger des Kapitalismus war.

Im Rahmen einer Wirtschaftsweise, die alle anderen gesellschaftlichen Ziele der Kapitalmaximierung unterordnet (also im Rahmen eines nicht durch gesellschaftliche Regeln, beispielsweise die Soziale Marktwirtschaft, begrenzten freien Kapitalismus), ist die Idee, dass Disruption durchweg gut ist, auch vernünftig. Absurd wird sie nur, wenn sie sich verselbstständigt, wenn sie gesellschaftlichen Fortschritt postuliert – oder wenn sie ein Ziel um ihrer selbst willen wird.

Denn die Disruptionsrhetorik, die vor allem bei digitalen Pionieren oder Netzaktivistinnen gerne genutzt wird, hat in letzter Konsequenz vor allem das eine Ziel, das Disruption selbst ja auch hat: Die Akzeptanz für technokratische, eindimensionale, angeblich alternativlose und quasi vulgär-naturwissenschaftliche Behauptungen über die Zukunft zu schaffen.

Alternativlosigkeit
Ähnlich scheint es sich meiner Meinung nach mit der Rhetorik der Alternativlosigkeit zu verhalten. Hier noch etwas offensichtlicher in den Folgen, denn der Aufstand der ängstlichen Autoritären gegen die unpolitische Behauptung der Alternativlosigkeit führt als Partei ja gerade das Wort "Alternative" im Namen.

Das Problem ist nur: sowohl die Disruptionsrhetorik als auch das Reden von der Alternativlosigkeit widersprechen der täglichen Erfahrung nahezu aller Menschen. Fast immer habe ich im Alltag Alternativen. Und fast nie ist meine Wirklichkeit total von Disruption geprägt. Von Unsicherheiten und auch von Anpassungsschmerzen, ja – aber eben nicht von der Radikalität beider Behauptungen.

Nun ernten wir die Früchte dieses Alarmismus
Was allerdings beide an sich von der Alltagserfahrung nicht gedeckten rhetorischen Herrschaftsinstrumente geschafft haben, ist eine massiv zunehmende Verunsicherung. Das jahrelange Sperrfeuer, dass auch das Leben meiner Großeltern sich radikal ändern müsse, weil es alternativlos sei, dass sie sich mit der Disruption beschäftigen, führt dazu, dass sie die zornigen Disruptionsprofeten ebenso zornig spiegeln.

Das Auseinanderfallen der Gesellschaft in Alte und Nichtalte (wie beim Brexit), in Männer und Nichtmänner (wie in Österreich), in Autoritäre und Nichtautoritäre (wie überall in Europa und Nordamerika) – dieses Auseinanderfallen ist selbstverständlich nicht die "Schuld" des Silicon-Valley-Kults oder der Technokratie als faktische Regierungsform allein. Aber die Früchte von beiden haben zur Vergiftung massiv beigetragen. Zum Rausch, der zum letzten Aufbäumen der verzagten und ängstlichen Autoritären führt.

Die Opfer sind meine Kinder
Selten ist so klar und eindeutig zu sehen, wie sehr dieses auch ein Krieg der Generationen ist, wie beim Brexit. Was immer an Veränderungen kommt, was immer an Zerstörung, ob kreativ oder nicht, passiert, ist für die Generation meiner Eltern und Großeltern egal. Denn trotz aller Rhetorik ist es ein langsamer Prozess. Für meine Generation ist es undramatisch, denn wir sind jung genug, um uns noch anzupassen, und alt genug, um schon eine Zugehörigkeit zu entweder der Gesellschaft oder einer Klasse zu haben. Aber die Generation meiner Kinder ist es, der ihr das Leben sauer macht, die ihr Angst habt oder Angst verbreitet, die ihr Autoritäre seid oder selbsterklärte Revolutionäre, die ihr eure eigene Agenda betreibt, weil ihr euch nicht ändern wollt oder weil ihr euren Markt vergrößern wollt. Dafür verachte ich euch. Und darum werde ich euch bekämpfen. Beide.

Kontinuitäten
Womit ich wieder am Anfang angekommen bin, bei den Lebenslinien, die über Umbrüche und Veränderungen hinaus zeigen. Für die meisten von uns geht das Leben weiter. Dafür brauche ich keine albernen und falschen Autosuggestionen, dass der Brexit eine Chance sei für Reformen, dass Zerstörung kreativ sei, oder wie auch immer. Dafür brauche ich eher die Zuversicht und den Lebensmut, die Demut und die Hoffnung, die Erfahrung und das Vertrauen, also das, was mir das Leben bisher beschert hat.

Kontinuität in Zeiten des Umbruchs ist etwas Gutes, finde ich. Und Zerstörung, die Erfahrung habe ich zumindest gemacht in den letzten 46 Jahren, ist nicht gut. Und schon gar nicht kreativ. Disruption ist ein zutiefst konservatives, oft sogar reaktionäres Konzept. Denn die Trümmer werfen uns zurück in die Vergangenheit, in die Zeit vor der Zeit, in der das, was wir zerstört haben, notwendig schien. Wer Disruption fordert oder propagiert, ist im eigentlichen Wortsinne asozial, denn sie hat nur ihre eigenen Interessen im Blick, denen das, was zerstört werden soll, im Wege steht.

Kreativität und Fortschritt dagegen, das zeigt ein Blick beispielsweise in die Musikgeschichte, entsteht oft aus dem Überschreiten von Grenzen, nicht aus der Zerstörung der Ordnung. Jeder Akt, eine Grenze zu überschreiten, ist ein Akt der Kreativität und der Befreiung. Was etwas anderes ist als Zerstörung.

* Dass ich Profetinnen mit f schreibe, ist eine lebenslängliche Hommage an den großen Alttestamentler Klaus Koch, der der Meinung ist, dass ein einzelner Buchstabe im griechischen und hebräischen nicht mit zwei Buchstaben im deutschen transkribiert werden sollte. Als er emeritiert wurde, titelte unsere Fachschaftszeitung: "Er wird eine schwer zu phüllende Lücke hinterlassen"... (schrieb ich schon häufiger in dies Blog rein, muss aber immer wieder sein)

24.5.16

Väter! Ihr seid gefragt!

Mir gehen die Versteherinnen und Versteher der Leute, die überall auf der Welt autoritäre Bewegungen unterstützen, ohnehin auf die Nerven. Ob wir die – der Einfachheit wegen – Nazis nennen oder Idioten oder eben Autoritäre, das ist mir fast egal. Nicht egal ist mir, dass sie den Handlungsspielraum massiv einschränken, den eine Demokratie hat, weil es auf einmal keinen Wettstreit der Ideen unter nicht-autoritären Politikansätzen mehr gibt. Aber, an dem Rumreiten auf dem Wort "Autoritäre" merkt ihr es, diese Beschreibung dessen, was politisch nicht nur bei uns sondern eben auch in fast allen anderen Ländern mit ehemals bürgerlichen Demokratien passiert, leuchtet mir ein.

Die Idee, das, was politisch gerade passiert, über eine autoritäre Haltung zu beschreiben, begegnete mir erstmals im Januar in einem sehr spannenden Artikel über Trump und den amerikanischen Wahlkampf. Dieser Link lohnt sich sehr, auch weil er sehr einfach beschreibt, wie ein autoritäres Weltbild, eine autoritäre Haltung erforscht und festgestellt werden kann. Das Spannende ist, dass in diesem Fall über vier Fragen, die alle mit Erziehung der eigenen Kinder zu tun haben, zwischen autoritär und weniger autoritär unterschieden wird. Dazu gleich mehr, weil ich denke, dass das richtig ist, so lange wir die Verantwortung für die Entwicklungen nicht komplett privatisieren.

Diese Woche dann zwei weitere sehr lesenswerte Texte
Anlass war jeweils Österreich, wo ja spannenderweise das Konzept auch von SPD und CDU, mit der autoritären Herausforderung umzugehen, so krachend gescheitert ist.
Wer weiß, ob Olaf Scholz, den ich ja ohnehin für sehr problematisch halte, heute seinen meiner Meinung nach gefährlichen Text zum Umgang mit den deutschen Autoritären (naja, ist er ja selbst auch einer, also Autoritärer, darum wahrscheinlich auch dieses Problem) noch immer schreiben würde.

Zum einen der erste Text, den ich in deutschen Medien wahrgenommen habe, der die Erfolge der rechten Bewegungen über das Thema der Autoritären beschreibt, Bernd Ulrich in der Zeit. Zum anderen ein interessantes Interview auf jetzt.de über das, was nun der Anlass für diesen Text hier bei mir im Blog ist – dass es so einen auffälligen Unterschied im Wahlverhalten von (jungen) Frauen und Männern gibt.
Auch hier eine Anmerkung im Kleingedruckten: Den letzten Absatz, die letzte Antwort im Interview, sehe ich sehr anders. Denn die Hoffnung, dass sich autoritär-faschistische Parteien, einmal an der Macht, zivilisieren würden, halte ich für historisch widerlegt. Das war auch die Hoffnung des autoritären Bürgertums in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Was hat das mit uns zu tun?
Alles. Denn ob unsere Jungs auf ihre Verunsicherung mit einer autoritären Haltung reagieren oder nicht, darauf haben wir die ersten zwanzig Jahre Einfluss. Und zwar ganz besonders wir Väter.
Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Vorstellung, wie Leben und Zusammenleben sein soll, die in Schule und Kindergarten, in einem großen Teil der Medien, in der Rechtsprechung und Gesetzgebung transportiert wird, von der gesellschaftlichen Realität sehr stark abweicht. Interessanterweise sind wir in diesem Land in der Theorie ja sehr viel weiter auf dem Weg in eine gerechte und nicht-patriarchale Gesellschaft als in der Praxis. Und das gilt noch mehr in den Ländern, in denen die autoritären Bewegungen schon länger als bei uns sehr wirkmächtig sind und massive Zustimmung bei Wahlen erfahren, beispielsweise in Skandinavien, den Niederlanden und den USA.

Mir leuchtet das Erklärungsmuster sehr ein, dass die autoritären Bewegungen ein gewaltsames Aufbäumen der Verlierer dieser Entwicklung sind. Derer, die sich (wenn sie älter als sagen wir mal 35 Jahre sind) nicht auf die Veränderungen einlassen wollen. Und derer, die – sicher auch zu einem guten Teil berechtigterweise – davon ausgehen, dass sie sich ändern müssten, wenn sie bestehen wollen, das aber nicht wollen. Möglicherweise befinden wir uns im letzten Abwehrkampf des gewalttätigen misogynen Mackertums.

Auf Dauer ist es nicht denkbar, wahrscheinlich nicht einmal möglich, dass die autoritären Macker diesen Kampf gewinnen. Aber er wird noch ein oder zwei Generationen andauern. Und unsere Söhne werden die sein, auf deren Rücken dieser Kampf aufgetragen wird. Sie sind es teilweise schon.

Wenn es tatsächlich so ist, dass die Frage, ob jemand eher autoritär "tickt", einen großen Einfluss darauf hat, ob sie sich gesellschaftlich und politisch bei autoritären Bewegungen verortet oder sogar engagiert, müssen wir, finde ich, unser Augenmerk sehr auf die Jungs, unser Söhne und Schüler, legen. Und ihnen helfen, vor allem durch unser Beispiel helfen, den Verlust einer autoritären Perspektive nicht als schlimm zu empfinden.

Eine autoritäre Haltung identifiziert Matthew MacWilliams im oben schon erwähnten Text auf politico anhand der Antworten auf vier Fragen zur Erziehung von Kindern:
Ist Ihnen bei Ihrem Kind wichtiger, dass es Respekt hat oder dass es unabhängig ist? Ist Ihnen wichtiger, dass es gehorcht oder dass es selbstständig ist? Wichtiger, dass es sich gut benimmt oder dass es rücksichtsvoll ist?  Dass es gute Manieren hat oder dass es neugierig ist?
Ich finde diese Fragen so interessant und überzeugend, weil die Alternativen ja keine reinen Alternativen sind – aber tatsächlich, wenn ich mich jeweils entscheiden muss ("wichtiger"), eine aussagekräftige Haltung erkennbar ist.

Als Vater von Söhnen muss ich Feminist sein
Sage ich vielleicht auch, weil mir das wichtig ist, ja. Aber selbst wenn es mir persönlich egal wäre – schon aus Fürsorge meinen Söhnen gegenüber müsste ich es werden. Damit ich ihnen helfen kann, nicht zu den Verlierern dieses Kampfes zu werden, mit dem die Autoritären versuchen, eine mir lebenswert erscheinende Gesellschaft zugrunde zu richten. Daran werden sie scheitern, langfristig. Aber unsere Söhne werden dann am Ende zu den Opfern dieses Kampfes gehören (nach den Menschen, die von der Norm abweichen, die die Autoritären für sich definiert haben, die jetzt schon Opfer dieses Kampfes sind, so dass sich die Autoritären erstmal als Sieger fühlen), wenn sie es nicht schaffen, sich von den billigen Verlockungen eines autoritären Weltbildes, einer autoritären Haltung zu lösen.

Es ist fast ironisch
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die in den letzten 20 Jahren so verlachten Antiautoritären einmal die sind, von denen wir das Überleben dieser Gesellschaft in Freiheit lernen können. Wer hätte gedacht, dass der anti-antiautoritäre, anti-68er Impetus der neoliberalen Revolution der 90er uns einmal in diesen Kampf um unsere Gesellschaft führen würde. Dass das historische Versagen von New Labour und Schröder nicht einfach das Zerschlagen der Sozialdemokratie ist – sondern die Tatsache, dass sie den Grundstein für die autoritären Bewegungen heute gelegt haben, indem sie das dahinterstehende Weltbild zurück in die Mitte der Gesellschaft bugsierten.

Was mir Mut macht, ist, dass wir etwas tun können, jede von uns. Was mich verzagen lässt, ist, dass ich so viele Väter darin versagen sehe, ihren Söhnen die Grundlagen von Zivilisation vorzuleben. Väter, ihr seid echt gefragt gerade.

****
Update (24.5.)
Ich hatte den Text von Robert Franken, einem der wenigen sichtbaren Feministen in meinem Teil von Beruf und Internet, zum gleichen Thema noch nicht gelesen, als ich dieses schrieb. Er denkt über das gleiche nach, mit etwas anderem Schwerpunkt, stellt aber auch die Frage:
Sind Männer das prekäre Geschlecht?
Noch interessanter aber sein Hinweis beispielsweise auf ostdeutsche Männerüberschüsse etc. Lesen, da.

27.4.16

Zickig

Als Vater von Jungen bin ich oft schnell dabei gewesen, zu sagen "sei doch kein Mädchen". Und das, obwohl ich, wie ihr ja wisst, in einer feministischen Umgebung aufgewachsen bin. Inzwischen weiß ich, wie sehr solche Worte das Rollenverständnis nicht nur prägen sondern auch spiegeln.

Ähnlich ist es mit Worten wie "zickig" oder "Zicke".
Ja, es werden auch (ganz selten) Männer oder Jungen mit diesem Wort beschimpft. Aber meistens, so ist meine Erfahrung, um neben der eigentlichen Beschimpfung auch noch die Beleidigung "du Mädchen" mitzugeben.

Jetzt, wo meine Tochter größer wird und die üblichen Dinge tut, die meine Söhne auch taten, als sie größer wurden, fällt es mir noch mehr auf. Am Ende der Grundschulzeit wurde deutlich: Was bei Jungs als "wild" akzeptiert wurde, galt bei ihr als "aggressiv". Wo Jungs "dominant" genannt wurden, hieß es über sie, sie sei "zickig". Heute wird, durchaus in einer im Prinzip ideologisch deutlich offener und feministischer geprägten Schulumgebung, misogyne Kakkscheiße immer noch als "Streit" verniedlicht – wenn sich die Tochter auch körperlich wehrt, wenn sie von einem Jungen als "fett" oder "hässlich" beschimpft wird.

Da bin ich empfindlich. 
Und immer noch peinlich berührt, wenn dies von Lehrerinnen oder anderen Eltern nicht als Problem gesehen wird. Das aktuelle Problem ließ sich entschärfen, indem Secundus, ihr feministischer Bruder mit Punk-Attitüde, Quarta mal auf dem Schulhof der Kleinen besuchte. Aber irgendwie auch nicht so geil.

Ich finde es eine gute Idee, das Wort "zickig" umzudeuten, es in einen anderen Kontext zu stellen. Aber so weit sind wir noch nicht. Und darum verwende ich es nicht mehr. "Herrisch" ist aktuell meine Lieblingsalternative, auch aus dem Grund, dass es so wunderbar pseudomännlich klingt.

Sprache verändert Verhalten und Haltung.
Das ist meine Erfahrung. Sprache ist – zumindest in kulturellen Zusammenhängen, die stark sprachlich geprägt sind – eben nie unwichtig, zweitrangig, weg vom "eigentlichen". Unachtsamkeit bei Sprache ist auch nur selten wirklich boshaft – aber das ist auch nicht entscheidend. Wenn nur schlecht wäre, was jemand mit böser Absicht macht, wäre die Welt ein sehr viel besserer Ort. Schlecht kann auch etwas sein, das mir nicht selbst als schlecht auffällt. Denn dass es mir auffällt, hat auch viel mit Prägung zu tun, mit Erfahrung, damit, dass mich andere darauf aufmerksam machen. Mit meinem blinden Fleck. Und damit, dass ich mich selbst mit meinen eigenen Befindlichkeiten nicht so wichtig nehmen.

Ja, die eine oder andere wird nicht sofort bei Traumtänzer an einen Mann und bei Lieblingszicke an eine Frau denken. Aber am Ende ist das nicht wichtig. Denn es geht nicht um dich.

***

Morgen ist der traditionelle Girls' Day, der heute oft auch Boys' und Girls' Day heißt. Da geht es um eine Arbeitswelterkundung, die vor allem dazu dienen soll, stereotype Rollenbilder in der Berufswahl aufzubrechen. Das klappt ungefähr so gut wie in der Werbung.

24.4.16

Sexy und sexistisch

So ganz grundsätzlich bin ich komplett gegen Verbote, Regelungen, Gesetze. Weil ich so naiv bin, zu glauben hoffen, dass selbst mittelalte, mittelkreative Männer irgendwann in der Lage wären, zu reflektieren. Ich dachte ja echt, wir haben 2016. Ach lassen wir das.



Wahrscheinlich ist es nur meiner Filterblase geschuldet, dass ich quasi nur ebendiese, nämlich mittelalte und mittelkreative Jungs, gesehen habe, die angesichts der Diskussion, ob Menschen zu Objekten degradierende Werbung verboten werden sollte, nichts anderes zu tun haben als den Untergang der freien Welt zu vermuten.

Eigentlich wollte ich ja nix dazu sagen. Aber erstens muss ich mal wieder was in dieses Blog schreiben. Und zweitens hat es mich dann doch sehr beschäftigt. Denn dicht am Untergang unserer Zivilisation und noch mehr unserer Branche (also der PR- und Werbebranche) ist ja eigentlich eher, dass es überhaupt einen Anlass gibt, zu diskutieren, ob und wie wir Werbung los werden könnten, die nicht nur extrem unkreativ ist sondern eben auch Menschen zu Objekten degradiert. Exemplarisch diskutiert an der sexistischen Objektifizierung von Frauen.

Sexy
Sexy ist toll, finde ich. Selbstbewusste Sinnlichkeit, Aktivität, Schönheit. Da ist so viel Potenzial für Kreativität drin. So viel Intelligenz möglich. Allerdings auch – und das ist dann nach meiner Erfahrung mit den mittelalten mittelkreativen Jungs Teil des Problems – nötig.

Sexistisch
Ich persönlich finde ja sexistische Bilder oder überhaupt sexistisches Verhalten das Gegenteil von sexy. Ist aber logischerweise eine persönliche Sichtweise. Der Vorteil an Sexismus ist unbestritten, dass auch bei nur geringer Begabung schnell effektvolle Dinge in der Kommunikation möglich sein. Platt geht halt immer, wenn ich dann noch schnell eine zu meinen mittelguten und wenig kreativen Ideen passende und wohlklingende Strategie zimmere, kann ich eventuell sogar einen Kunden überzeugen, wenn der an den gleichen Beschränkungen leidet wie ich.

Insofern kann ich den Aufschrei in gewisser Weise verstehen – denn es hat ja auch seine Gründe, warum es Agenturen allzu oft nicht gelingt, auf der Suche nach Sinnlichkeit und Sexyness Sexismus aus dem Weg zu gehen. Es ist einfach echt mühsam und erfordert ein gerüttet Maß an Selbstreflexion und – sic! – Kreativität. Oder zumindest Humor.

Persönlich brauche ich keine gesetzlichen Regeln, die vorschreiben, dass Menschen als Subjekte und nicht als Objekte anzusehen und zu zeigen sind. Wer sexistische Kakkscheiße produziert und das Werbung nennt, ist eh nicht satisfaktionsfähig. Nur haben wir ja inzwischen 2016. Und zwanzig Jahre Diskussion über dieses Thema und unzählige Rügen und noch mehr Beschwerden beim Werberat haben immer noch nicht dazu geführt, dass es weniger geworden wäre.
Werbung hat ein reales Sexismusproblem in Deutschland

Es ist wohl deutlich naiver, anzunehmen, "der Markt" werde es alleine richten, als anzunehmen, Menschen seien lernfähig. Obwohl schon letzteres allzu naiv ist, wie sich rausstellt. Zwanzig Jahre Diskussion, ohne dass sich etwas ändert, ist ein Marktversagen, das dann eben eventuell ein Eingreifen der Gesellschaft (in diesem Fall in Form des Gesetzgebers) nach sich zieht. Jammern oder großes Zensurgeschrei helfen dann eher nicht. Und sind dazu auch noch lächerlich, wenn nur schwer kaschiert werden kann, dass es um die eigene, offen gelebte sexistische Agenda geht. Denn Knotentänze von Geschäftsführern mit sexy jungen Auszubildenden sind schließlich auch ein Menschenrecht.

29.3.16

Facebook ist nicht nur Pediga-Hass – Vom Aktivieren der Zivilgesellschaft

Sommer 2015. Auf einmal kam uns Onlinerinnen eine Aufgabe zu, mit der wir nicht gerechnet haben. Weil wir schon morgens auf dem Klo mehr kommunizieren als die meisten unserer Nachbarinnen über den ganzen Tag, waren wir im Vorteil. Wussten früher, was passiert, hatten früher die Informationen zusammen, haben früher erfahren, wie es andere vor uns gemacht haben, bei denen schon ein, zwei, viele Wochen vorher Vertriebene angekommen und in Hallen und Zelten untergebracht worden waren. Und auf einmal haben einige von uns Aufgaben übernommen, von denen sie vorher noch nie gehört haben. Waren Führungskräfte in der Zivilgesellschaft geworden und Leitungen im Ehrenamt. Viele von uns zum ersten Mal in ihrem Leben. Onlinerinnen kommt eine Schlüsselrolle im Bau der neuen Zivilgesellschaft zu, die wir annehmen müssen und ausfüllen können. 

Rund um dieses Thema und entlang dieser Überlegungen werden übrigens Silke PlaggeSven Dietrich und ich einen Lightning Talk bei der re:publica halten.

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I. Das Beispiel „Meiendorf Hilft“
Bei uns in Meiendorf haben drei der vier halbwegs reichweitenstarken Bloggerinnen und Online-Aktivistinnen im dörflichen Stadtteil, am Rande Hamburgs, mitgemacht. Alle um die vierzig, alle mit Familie, alle mit Beruf. Wir kennen uns online, sind uns hin und wieder über den Weg gelaufen, leben in verschiedenen Kreisen. Es ging damals schnell und mehr oder weniger passiert alles per Zufall. Eine von uns entdeckt durch Zufall die Meldung genau in der Minute, in der die Stadt bekannt gibt, dass eine sehr große Unterbringung für Vertriebene zu uns kommt – und twittert die anderen (offen) an. Innerhalb von etwas mehr als einer Stunde wissen wir alles, was es öffentlich dazu zu wissen gibt. Ich selbst bin im Dorf aufgewachsen und kenne hier schon immer die Leute aus Stadtteilkonferenz, Kirche und Sportverein. Die quasi-Bürgermeisterin und Lokalpolitikerin ist die frühere Leichtathletik-Trainerin meiner Jungs. Der dritte kennt welche, die drei Dörfer weiter in Hamburg seit drei Wochen eine Zeltstadt begleiten. Also gehen wir offline – und rufen all diese Leute an.

Nach einem Tag sind die Vereine, die Kirchen, die Parteien an Bord. Reden in E-Mail-Verteilern, telefonieren. Für uns drei ist es ein Wochenende mit so vielen Telefonaten wie nicht mehr, seit wir aus der Pubertät raus waren und online gingen.

Und dann passierte etwas, das uns verändert hat: Wir haben es in die Hand genommen. Einen Twitter-Account angelegt. Eine Facebook-Gruppe gegründet (die heute rund 1000 Mitglieder hat). Unsere Freunde bei Jimdo angeschrieben und eine Website gebaut. Einfach losgelegt, ohne dass uns jemand beauftragt hätte. Heute sind wir drei in der Koordinierungsgruppe von „Meiendorf Hilft“. Nicht, weil wir von irgendwelchen Vereinen delegiert worden wären – sondern weil wir es können. Weil wir da waren. Weil wir Antworten hatten, als andere noch Fragen stellten. Weil unsere Nachbarinnen uns vertrauen, weil wir sofort loslegten.

Auf der Infoveranstaltung der Stadt haben wir schon sagen können, dass es Twitter und Facebook gibt. Als die Offlinerinnen, die helfen wollten, noch einen Zettel auslegten, in den sich die anderen eintragen sollten, haben wir ein Google-Doc gebaut und ein Google-Form auf der Website gehabt, die online war, bevor die anderen überhaupt daran dachten, dass so was sinnvoll sein könnte.

Als wir 200 Menschen zusammen hatten, die in den Listen und Datenbanken waren, weil sie helfen wollten, und sich die Koordinierungsgruppe tatsächlich erst das erste Mal traf und eine Vollversammlung her musste, war uns klar, wie die laufen wird. Uns. Nicht den erfahrenen Ehrenamtlichen. Denn wir kannten Barcamps. Und haben einfach einen Open Space mit 300 Nachbarinnen veranstaltet. Wovor wir mehr Angst hatten als vor jedem anderen Vortrag und jeder anderen Session vorher. Vor der Moderation war ich aufgeregter als vor jedem Vortrag vor 500 Menschen, den ich bisher gehalten habe. Denn dies war nicht unser Gebiet. Wir kannten Online-Freaks und Kommunikationsprofis. Aber keine pensionierten Lehrerinnen und Mütter von Grundschulkindern, die aktiv werden wollten.

Bis heute sind wir – nicht weil wir dazu gewählt worden wären, sondern weil wir da waren und dachten, dass wir wissen, was wir tun – einige der Gesichter von „Meiendorf Hilft“. Hat unser Wort online und offline Gewicht. Führen und organisieren wir 300 Menschen in unserem Stadtteil.

II. Warum wir Onlinerinnen?
Weil wir es können. So merkwürdig das klingt und so halbironisch wir es online sonst immer sagen: weil wir es können, müssen wir es tun. Die meisten von uns sind nicht die, die tagsüber vor Ort anpacken, die Kinderspielstunden für die Vertriebenen veranstalten, die sie zu Ämtern begleiten. Das machen vor allem diejenigen Nachbarinnen, die tagsüber am Stadtrand sind, die in der Kinderphase weniger für Geld arbeiten, die schon im Ruhestand sind, deren Arbeit eher zu Hause stattfindet.

Aber wir können kommunizieren und wissen, wie wir schnell etwas formulieren müssen, damit Menschen es verstehen und angesprochen sind. Selbst die Nerds unter uns sind (vor allem online) sicherer mit Worten als die Lokalpolitikerin und die Lehrerin. Auch wir wenden Zeit auf, was nur geht, weil es unserer Arbeitgeberinnen und Auftraggeberinnen mittragen. Aber wir machen es eben auch unterwegs, in der U-Bahn, auf dem Klo.

III. Grundsätzliche Überlegungen zur neuen Zivilgesellschaft
Wir haben etwas gelernt über Aktivierung und Zivilgesellschaft, über Ehrenamt und ganz normale Leute, das über unseren konkreten Fall hinaus reicht. Wenn wir mit anderen Hilfs-Gruppen sprechen, merken wir, dass es überall da, wo es ähnlich läuft wie bei uns, funktioniert. Und woanders eher nicht.

Wir erleben, dass Menschen aktiv werden, die vorher noch nie ehrenamtlich irgendwo engagiert waren, und mit anderen, die das schon anderswo gemacht haben (oder früher mal gemacht haben), zusammen arbeiten. Das ist auch bei uns so. Ich beispielsweise war mein ganzes Leben rund um Kirchen, Schulen und Parteien ehrenamtlich aktiv, andere von uns eher noch nicht. Und eine, die freiberuflich und in der Familienphase ist, ist das Bindeglied zu denen, die tagsüber im Lager sind, weil sie dort selbst mit anpackt. Wir sind im Grunde ein ganz guter Querschnitt der Helferinnen (mal abgesehen davon, dass wir dazu ein bisschen zu männlich und ein bisschen zu online sind).
Ohne die (neue) Zivilgesellschaft wäre die Flüchtlingsarbeit, die Arbeit für Vertriebene nicht möglich. Und ohne die „Berufsehrenamtlichen“ aus Kirche und Vereinen und ohne die Lokalpolitikerinnen ebenso wenig. Zivilgesellschaft gegen Politik auszuspielen, wie es hin und wieder passiert in der Diskussion, ist falsch.

Ohne die Kontakte und vor allem die Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der Verwaltung, wie sie die (ehrenamtlichen) Lokalpolitikerinnen mitbringen, wäre „Meiendorf Hilft“ innerhalb von Tagen in sich zusammengefallen. Ohne die Fähigkeit, schnell große Mengen von Menschen online und offline ins Gespräch zu bringen, wie es die Onlinerinnen mitbringen, wäre „Meiendorf Hilft“ wochenlang nicht aus dem Quark gekommen. Ohne die erfrischende und zupackende Naivität des Etwas-Tun-Wollens der vielen Freiwilligen, die erstmals aktiv wurden, wäre all das, was wir uns ausgedacht haben, versandet.

Wir erleben, dass die „alte“ Gesellschaft aus Politik, Kirche und Vereinen etwas lernt, was wir ihr beibringen: Den Kontrollverlust nicht nur zu ertragen sondern lustvoll damit zu arbeiten und zu leben, abzugeben. Und eine Geschwindigkeit in Kommunikation und Aktion, die im Herbst 2015 einfach notwendig war und die sie nicht kannte. Wir aber ja.

Und wir erleben, dass die „neue“ Gesellschaft aus Online-Aktivistinnen und neuen Freiwilligen etwas lernt, was die „alte“ ihr beibringt: Die Geduld und Beharrlichkeit in der Zusammenarbeit mit der Stadt, der Verwaltung, den Trägern der Einrichtung. Und nicht aufzugeben, wenn etwas nicht in der Geschwindigkeit geht, die im Herbst 2015 eigentlich notwendig gewesen wäre, damit es noch besser geklappt hätte.

Nur weil drei Gruppen – erfahrende Ehrenamtliche, Onlinerinnen, neue Aktive – zusammen gekommen sind und ohne nachzudenken auch zusammen gearbeitet haben, klappt das mit der Hilfe für die Vertriebenen noch. Ohne diese ungewöhnlich Kombination hätte Merkel nicht Recht, dass wir das schaffen. Ohne diese Bandbreite würden heute nicht jugendliche Punker von der Stadtteilschule und eine CDU-Lokalpolitikerin gemeinsam für die Vertriebenen da sein. Und ja, es ist auch so: Ohne uns Onlinerinnen wäre „Meiendorf Hilft“ nicht die einzige Hilfegruppe in Hamburg, in der eine CDU-Funktionärin in vorderster Reihe mitarbeitet.

Es entsteht eine neue Zivilgesellschaft und wir verändern diese Gesellschaft und unsere Stadt gerade. An der Basis, am Stadtrand.

IV. Bonustrack: Die Rolle von Facebook. Wer hätte das gedacht
In der Debatte um die Veränderung dieser Gesellschaft wird immer auf den Hass hingewiesen, der aus Facebook quillt. Und viele von uns Onlinerinnen kehren Facebook aus den unterschiedlichsten Gründen den Rücken.

Aber für den Bau der Zivilgesellschaft bei uns am Stadtrand und überall spielt Facebook eine Rolle, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Die Kraft der Aktivierung ist phänomenal. Die Gruppenfunktion – überhaupt neben dem Messenger das beste, was Facebook zu bieten hat – ermöglicht uns, schnell und egal, wo wir sind, hunderte Menschen innerhalb einer Stunde zu aktivieren und zu erreichen. Der Messenger hilft uns, die vielen Fragen, die unsere Nachbarinnen haben, halbwegs effizient zu beantworten. Denn ja, wir Onlinerinnen, die wir hier Verantwortung übernommen haben, bekommen allein im Rahmen dieses Engagements zwischen 100 und 300 Nachrichten (Mail, Chat, etc) am Tag. Was „normale“ Ehrenamtlichen gar nicht bewältigen könnten.

Facebook ist nicht nur der Katalysator für Pediga und Hass. Facebook ist ebenso der Katalysator für die neue Zivilgesellschaft, für das neue Dorf, das wir bei uns zu Hause bauen, für das gute Deutschland, das aus der Arbeit mit und für Vertriebene entsteht. Und was uns vor Ort gelingt, ist dies: aus dem Klick und „Gefällt mir“ Aktion in der Kohlenstoffwelt zu machen. Wir sind eher online, aber die von uns Organisierten und Aktivierten werden ganz handfest in der Kohlenstoffwelt aktiv.

V. Fazit und Ausblick
Dass wir für unsere Moderation, für unser Community-Management Lob von den neuen Aktiven bekommen, tut mir gut. Dass sich so viele Menschen dann, wenn wir in der City im Büro sind oder bei Kundinnen, vor Ort um die Vertriebenen kümmern, macht mich stolz. Und dass wir mit dem, was wir können und was unsere Leidenschaft ist, dabei helfen können, eine neue Zivilgesellschaft zu bauen und unser Dorf, unsere Stadt, unser Land zu einem besseren Ort zu machen, macht mich froh.

26.2.16

Wie Twitter unseren Hund rettete

Dramatik, Tiere, Kinder, Wildnis, ein Happy End. Alles, was eine gute Geschichte braucht. Passiert im Sommer 2014 im Kattegat. Die Geschichte zur Abschlussgala der Social Media Week Hamburg heute Abend: #140Geschichte – und der Abend selbst ist ja auch mitgeschnitten worden, unten ist das Video eingebunden...

Ein Tweet und seine Geschichte
Wir waren im Heidegebiet zwischen Dünen und Wald mit den Kindern und dem Hund wandern. Oder spazieren gehen wohl eher. Schönes Wetter, hin und wieder war das Meer zu sehen. Wir spielten mit dem Hund, der vor uns her auf dem Pfad durch die Heide und die dichter werdenden Büsche lief.

Monty geht mit uns spazieren
Wir haben einen tollen Hund. Ein kleiner Mini Australian Shepherd, gerade für einen Rüden wirklich sehr klein. Er bleibt bei uns, weil er ein Hütehund ist – und weil er auch ein bisschen ängstlich ist, ehrlich gesagt...

Als wir um eine Ecke bogen, lief er etwas vor uns her und steckte seine Nase ins Unterholz, als er irre laut aufjaulte und einen Riesensatz nach hinten sprang. Er klemmte den Schwanz ein und versteckte sich zitternd hinter uns. Zwar ist er ängstlich, aber so was hatten wir wirklich noch nie erlebt.

Was dann passierte, veränderte unser Leben
Wir dachten an einen spitzen Stein oder so was. Ich ging ein paar Schritte vor und guckte auf die Stelle, von der er weggesprungen war. Und hörte nicht nur ein (wenn man es aus heutiger Sicht betrachtet wirklich unerhört) lautes Zischen. Sondern sah auch eine sich hoch aufrichtenden Schlange. So was hatte ich noch nie gesehen, die liegen sonst immer träge in der Sonne, wenn man sie mal zu sehen bekommt. Diese hatte den Kopf erhoben, das Maul leicht geöffnet, die Zunge rausgestreckt. Sehr aufgeregt.

unsere Kreuzotter
Die Frau wusste sofort was es war (ich übrigens nicht, denn ich kenne mich mit so was nicht aus). Vorsichtshalber machte ich ein Foto, weil ich ihr nicht glaubte. Und später, als wir wieder richtiges Internet hatten, kontrollierte ich, misstrauisch wie ich bin, auf Wikipedia, ob es stimmt. Was es selbstverständlich tat, was mir auch klar war, irgendwie.

Ja, es war eine Kreuzotter. Und das einzige, was wir sicher wussten, war, dass die echt giftig sind. Wie giftig, wussten wir nicht. Klein war sie ja, diese Kreuzotter. Unser Hund allerdings auch.

Was wir empfanden, alle vier – Tertius und Quarta waren dabei, die beiden großen Kinder waren nicht mitgekommen in diesen Ferien – war schlicht und einfach Panik. Zumal wir weit weg vom Parkplatz waren, wo unser Auto stand. Was auf Læsø, der Insel im Kattegat, auf der wir Urlaub machten, auch hieß, dass wir quasi keinen Telefon- und quasi keinen Internetempfang hatten. Zum Googlen reichte es nicht jedenfalls. Und während die Frau versuchte, unseren Tierarzt daheim anzurufen (wo gerade Mittagspause war), kam ich auf die Idee, auszuprobieren, ob zumindest Tweets durchgehen, wenn schon keine Websites aufgerufen werden können und sich WhatsApp nicht verband. Und er ging durch:
Damals nutzte ich noch Facebook, so dass ich dieses #fb einfügte, damit es auch auf Facebook erscheint. Aber die Antworten kamen auf Twitter. Und die Hilfe auch.

Klar gab es die üblichen Schlauberger, die mir vorwarfen, zu twittern anstatt zu helfen oder einen Tierarzt zu rufen (für wie blöd hielten die mich eigentlich?). Die anderen aber sagten es weiter und Menschen, die ich kannte, ebenso wie Menschen, die ich nicht kannte, antworteten und recherchierten und – sogar das, und das rührte mich besonders – riefen ihre Tierärztin an, um sich zu erkundigen.

Und viele dieser Antworten kamen auch durch zu mir, in Schwüngen, wie das so ist mit zwei Balken wackeligem Edge. Die Frau erreichte Primus, der es weiter in unserer Tierarztpraxis versuchte. Und erreichte ihre Schwägerin, die auf dem Land lebt und ihre Landtierärztin zu erreichen versuchte. Primus verfolgte die Antworten auf Twitter, um auf dem Laufenden zu sein – und um Ideen und Hinweise an unseren Tierarzt weiterzugeben, der noch nie einen Kreuzotterbiss hatte.

Was wir durch die vielen Menschen, die sich mit wirklichen Tipps äußerten, schnell raushatten, war, was wir als erstes tun müssen: den Hund tragen, damit er sich nicht anstrengt. Denn, auch das bekamen wir recht schnell raus, für einen so kleinen Hund ist eine Kreuzotter tatsächlich lebensgefährlich. Es ist faszinierend, was wir so nach und nach über Kreuzottern lernten in diesem Zusammenhang. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das zweite war: Zu versuchen, das Gift aus der Nase des Hundes, in der der Biss der Otter war, zu saugen. An einer Hundenase zu saugen, ist nun alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Aber ich fand es notwendig. Und das im Laufen, denn wir wollten schnell zum Auto, vielleicht hätte wenigstens die Menschenpraxis noch auf, wo es schon keine Tierärztin auf der Insel gibt.

Was wir unter anderem lernten durch die Menschen, die an besserem Internet saßen, während wir durch die Heide eilten: Dass Kreuzottern meistens gar kein Gift spritzen, wenn sie beißen. Weil sie dann tendenziell verhungern, wenn kein Gift mehr für ihr Essen da ist. Und dass der Hund innerhalb kurzer Zeit apathisch würde, wenn er vergiftet wäre. Wodurch wir zwischen Hoffen und Bangen schwebten, während wir – wie gesagt – durch die Heide eilten.

Auf dem Parkplatz trafen wir ein Paar mit zwei Hunden, das gut deutsch sprach. Er Luxemburger, die aus Læsø, die den Sommer wie immer auf der Insel verbrachten. Und die, weil sie ja alle hier kennen, versuchten, den pensionierten Tierarzt zu erreichen (der nur dänisch spricht). Dem Hund ging es nicht schlechter. Er war nur immer noch sehr verängstigt, was durch das Tragen und Laufen auch nicht besser geworden war.

Das Paar war mit Freunden auf der Insel von denen einer ein Arzt war. Die einzige Praxis der Insel, auf die wir unsere Hoffnung gerichtet hatten, war für heute, wie wir von ihnen erfuhren, selbstverständlich schon geschlossen. Und der diensthabende Arzt wahrscheinlich aufs Festland rüber gefahren. Wir fuhren gemeinsam zu ihrem Haus, unten in Vesterø, am Meer. Der Arzt hatte schon recherchiert und die von unserer allerdings auch unerfahrenen Tierärztin empfohlene Kortison-Therapie als veraltet entlarvt. Stattdessen bekam unser Hund ein Antihistamin. Und ihm ging es zum Glück auch immer noch nicht schlechter.

Am Ende hatten wir Glück. Sehr viel Glück. Der kleine Hund war offenbar für die Kreuzotter nicht so bedrohlich, dass sie ihm das Gift spritzte. Wir sind alle zusammen mit dem Schrecken davon gekommen. Vor allem aber habe ich wieder einmal festgestellt:

Und hier die gesamte Gala, meine Geschichte kommt fast am Ende:

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