10.10.06

Keine Peanuts

Die große Aufregung, die der von mir privat sehr geschätzte Don Alphonso an der Blogbar auslöst, weil ich mir erlaubt habe, mit dem zugegebenermaßen nicht so extrem freundlichen Wort Winzszene darauf hinzuweisen, dass die "Szene" rund um Weblogs - also vor allem die Blogger, die sehr intensiv in der Blogosphäre leben - im Vergleich zu den anderen Sprachräumen, die wir gerade untersuchen, extrem klein ist,... Diese Aufregung also erinnert mich sehr an die erste Reaktion einiger langjähriger Blogger, als ich vor eineinhalb Jahren die ersten Seminare über Blogs für PR-Leute entwickelt und angeboten habe.

Aus zwei Gründen stehe ich zu diesem Wort:

Zum einen, weil Blogs, vor allem, wenn ich nur die Spitze betrachte, wirklich eine sehr überschaubare Veranstaltung sind - über die Zusammensetzung und das Linkverhalten dieser Spitzengruppe später mehr.

Zum anderen, weil vor allem viele der "alten" Top-Blogs, die früher auch mal "Linkschleudern" genannt wurden, in ihrer Funktion, Traffic zu verteilen, abgelöst wurden durch neue, kleinere Blogs. Von den vier kritischen Blogeinträgen zu meiner Einladung zur Umfrage haben der Werbeblogger und die Blogbar einige Besucher gebracht - die anderen beiden (Schockwellenreiter und IT&W) fast gar keinen.

Meine Arbeit hat zunehmend nicht mit den Top-Blogs zu tun, sondern mit der größeren Menge von vermeintlich kleinen Blogs - ganz im Sinne des Long Tail. Gerade weil es mir mehr darum geht, dass viele Gespräche stattfinden, als darum, dass ein paar große Blogger schreiben - um es mal etwas holzschnittartig zu formulieren.

Dazu kommen bei der Diskussion um die Umfrage noch zwei andere Aspekte:

Zum einen hat es bei rund 250 Einladungen gerade mal zwei Blogs gegeben, die meinen Spaßtitel CBO kritisiert haben, und zwei, die Einladung oder Umfrage an sich nicht gut fanden, ein Kommentar kritisierte meinen Weg, an seine Mailadresse zu kommen, ein weiterer Kommentar fand die Umfrage doof - und genau ein Empfänger hat sich per Mail gemeldet, weil er nicht wieder angeschrieben werden wollte.

Und zum anderen haben ziemlich viele der Eingeladenen mitgemacht.

Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Und merke immer wieder, dass ich mich langsam an die Stürme im Wasserglas gewöhnt habe...

9.10.06

Eine Menge Studien - diesmal zu "Mainstream Media"

Während die kleine internationale Umfrage unter Bloggern noch läuft - für die, die nach der Aufregung der letzten Tage mal reingucken wollen: Hier ist der Link, jetzt geöffnet für "alle" - haben unsere Kollegen in London und Paris heute zwei Medienanalalysen rund um Blogs vorgelegt. David Brain, unser CEO in London, schreibt dazu:
Today however, we are launching the results of two studies we have produced through our research company Strategy One aimed at seeing how blogging was affecting the worlds of politics and public affairs. (David Brain)
Bei ihm auch erste Ergebnisse. Sicher ist die Situation in Ländern mit einer so großen und auch so qualitativ spannenden Blogszene wie UK und Frankreich anders als bei uns - aber das kann ja noch werden.

Zu dem, was wir mit Technorati gemeinsam rausgefunden haben - auch jenseits der Umfrage - später mehr....

5.10.06

Stehvermögen bei offener Kritik

Die kritischen Kommentare am CEO-Blog von Siemens-Chef Kleinfeld reißen nicht ab. Während in normalen Zeiten seine Einträge meistens - wenn überhaupt - einstellige Kommentarmengen erhalten, erntet er immer noch bis zu 300 Kommentare auf seine aktuellen Einträge. Die Gesamtmenge der kritischen Mitarbeiterkommentare im Kleinfeld-Blog übersteigt inzwischen die 600...

Bemerkenswert aber finde ich, dass die Kommentarfunktion offen bleibt. Das war nach meinen Informationen nicht unumstritten im Konzern - aber wurde nicht nur von etlichen Kommunikatoren massiv unterstützt, sondern auch von Kleinfeld selbst, der in einem Posting ausdrücklich darauf hinweist, dass Kritiker keine negativen Konsequenzen zu tragen hätten (was sich zunächst ja mal schön sagen lässt....).

Bemerkenswert finde ich darüber hinaus, dass es tatsächlich so ist, dass die Kommentare nur abgegeben werden können, wenn die Mitarbeiter sie mit ihrem richtigen Namen versehen - und durch eine konsequente Double Opt In wird sichergestellt, dass der Kommentar auch wirklich vom entsprechenden Mitarbeiter abgegeben wird. Es spricht für die Mitarbeiter und wohl auch für die Kultur, dass viele dennoch so deutliche und offene Kritik üben.

Man mag von Kleinfeld und auch von Siemens halten, was man will - dass sie hier bei der Linie bleiben, Kommentare unmoderiert zuzulassen, obwohl sie das Unternehmen verlassen haben, finde ich gut. Oder genauer: Notwendig. Denn an dieser Stelle zeigt sich, ob und wie es die Führung ernst meint mit einem Gesprächsangebot an die Mitarbeiter. Denn das ist ein Blog ja, wenn man es Recht betrachtet...

Umfrage unter Bloggern in deutscher Sprache

So wie wir (Edelman) schon Umfragen unter US-Bloggern gemacht haben und zuletzt unter Bloggern aus Japan - beispielsweise bei Robert Basic oder Hugo E. Martin erwähnt - starten wir das nun auch in UK, Frankreich, Italien und eben hier. Was ich daran spannend finde, ist, dass wir die jeweils gleichen Fragen stellen (die deshalb auch an der einen oder anderen Stelle jeweils für einen der Sprachräume merkwürdig oder abwegig klingen mögen). So erhoffen wir uns unter anderem einen interkulturellen Vergleich. Die letzten zwei Monate in einem internationalen Team von bloggenden PR-Profis haben mir selbst schon sehr deutlich gezeigt, wie anregend das sein kann....

Heute nun also habe ich die Einladung zur Umfrage an eine Reihe Blogger rausgeschickt und bin gespannt auf Rücklauf und Ergebnisse.
(Wer nicht dabei war, aber mitmachen möchte, schreibe mir einfach ne Mail)

UPDATE 6.10.:
Und weil sich wieder (lustig, jede Woche inzwischen) mehrere deutsche Blogs zur ironiebefreiten Zone erklärt haben, sei einmal mehr der kleine Hinweis darauf gegeben, dass es Visitenkartentitel gibt, die bewusst als Spaß gemeint und beschrieben sind. So wie es auch damals die gesamte Medienberichterstattung gesehen hat. Und wie es auch immer, wenn ich irgendwo bei Unternehmen (ja sogar in Deutschland) bin, automatisch verstanden wird. Schon gut, ich verstoße nicht gegen Gassners Law, aber latent typisch ist das schon, oder?

Übrigens danke der inzwischen dreistelligen Anzahl Blogger, die sich beteiligen an der Kurzumfrage....

Kommt ein Realitätsschock?

Gestern sprach ich mit Kollegen aus dem Netzwerk über die These, die sie neulich gehört hatten:
Es werde, so hatte jemand erklärt, bald oder etwas später unweigerlich zu einem Realitätsschock kommen, wenn all die jungen Leute merkten, dass so viel Fake im neuen Internet sei.
Das klingt zunächst einleuchtend, ist aber Quatsch.

OK, der Aufruhr rund um lonelygirl15 scheint diese These zu stützen. Aber die Recherchen, die Blogger und YouTube-Nutzer angestellt haben, begannen ja gerade, weil sie Zweifel an der Echtheit von Bree hatten - sie wurden also nicht von einem Fake überrollt.

Vor allem aber haben alle diese Formen von Micropublishing den großen Vorteil, dass sie eben - anders als früher im statischeren Web - sehr schwierig zu faken sind. Gerade die Linearität, die Anordnung der Inhalte an der Zeitachse, machen es ja viel einfacher, nachzuvollziehen, was für ein Vogel hinter den Inhalten steckt, die ich gerade sehe.

Mir scheint, dass die These vom Realitätsschock von Menschen kommt, die zwar grundsätzlich eine Vorstellung haben von dem, was Web_2.0 bedeutet, vor allem in technischer Hinsicht - die aber dort bisher kaum Zeit verbracht haben und dort nicht leben. Und das unterscheidet sie von denen, die sie vor eben diesem Realitätsschock warnen. Viele der sehr jungen Leute, die das neue Web mit einer großen Selbstverständlichkeit für sich entdecken, leben dort, ohne es technisch verstehen zu müssen.

Dass das funktioniert, ist eines der Kennzeichen von Web_2.0: Die Technologie tritt hinter das Leben zurück. Und die Kontinuität der Webidentität, die ich mir schaffe, "beweist" meinen Lesern ihre Autentizität.

2.10.06

Negative PR inklusive

Szenario:
Ein umkämpfter Markt, der als attraktiv gilt. Der in anderen Ländern bereits sehr gut abgedeckt ist. Der einen First Mover hat und mehrere Angreifer. Bei dem es unter anderem darum geht, persönliche Daten einzusammeln und daraus eine Community zu bauen. Der also zu einem guten Teil auf Mundpropaganda und Vertrauen beruht.

Fein eigentlich. Und könnte auch funktionieren, wenn man ein oder zwei Grundregeln beachtet. Eine, für die ich immer wieder ausgelacht werde - und die trotzdem nun einmal stimmt - ist: Verklage niemals einen Blogger. Und schon gar nicht: Bedrohe ihn....

Oder wie Andreas Dittes schreibt:
Ich mag Unister, denn diese Firma ist wirklich offen für alles. Selbst Umgangsformen, die man normalerweise nur auf der Kinoleinwand sieht oder in guten Krimis liest, sind da möglich.
Das ist doch mal gut gemeinte* PR...

* Wo jeder weiß, dass gut gemeint weit mehr das Gegenteil von gut gemacht ist als beispielsweise echt schlecht...

29.9.06

Top-Blogs und Long Tail

Im Rahmen unserer Kooperation mit Technorati, die am 12. Oktober hier in Deutschland vorgestellt werden wird, untersuchen wir zurzeit, wie Themen und Unternehmen in den Top-Blogs verschiedener Länder vorkommen. Das Erstaunliche ist dabei aus meiner Sicht zum einen, dass es wirklich ganz gewaltige Unterschiede zwischen den Ländern gibt.
Das noch einmal genauer heraus zu bekommen, ist auch die Aufgabe einer Umfrage unter einigen Bloggern, die wir thematisch gleich in den nächsten Tagen in etlichen Ländern beginnen werden.
Und zum anderen, dass die Geschichte mit dem Long Tail, also dem dicken Ende, den vielen Kleinen, die zusammen so groß sind, wirklich stimmt.

Nur mal als Beispiel, wie "Siemens" einerseits in den Top 100 Blogs* vorkommt in den letzten 90 Tagen:


Und andererseits in der gesamten deutschsprachigen Blogosphäre, so sie von Technorati erfasst wird:


Mein Fokus in der Beratung und auch in den Projekten, die ich mache, liegt ja schon immer jenseits der "Top-Blogger". Und diese beiden Charts lassen mal wieder deutlich werden, wie sehr die klassischen Kommunikatoren umdenken müssen, wenn sie immer noch davon reden, dass "Johnny Spreeblick" wichtig ist und sonst niemand...

* Also die 100 Blogs, die von den meisten Blogs im letzten halben Jahr verlinkt wurden. Teil unserer Kooperation mit Technorati ist, dass wir diese für etliche Sprachräume und Länder erstmals nach gleichen Kriterien ermitteln - und damit den Blick auf andere Kulturen ermöglichen.

28.9.06

Listen to your people

What these days happens with Siemens and the internal blog of CEO Klaus Kleinfeld, is a turning point in the discussion about CEO-blogs in Germany, I suppose. As a friend said yesterday, when I talked to him in the IM: "Open Communications are not that easy....." Kleinfeld gets several dirty comments of his people, because his salery will rise some 30%, while Siemens is still displacing employees. Some of these comments found their way to german media.

When you write a blog - internal or external - you have to stand criticism and rant and comments. If you really prefer this ugly oldschool topdown model of communication, you should not blog. Perhaps you should not communicate anymore...

But I think, you can't blame the blog for the problem. People are talking and chatting anyway - wether you hear them or not. With these comments in Kleinfeld's blog, they can be seen - and I think, that's good enough.

As Jan Erik Meyer says in a comment:
Das Übel liegt weit vor den Blogs und fand bisher eine Verbreitung über die Pausengespräche der Mitarbeiter oder (zu selten) die Aufmerksamkeit eines guten Journalisten.
(The problem has evolved long before blogs, when employees chatted in their coffee breaks - or (rarely) when a clever journalist was listening)
Blogs, even Intranet-CEO-Blogs, are a good way to aggregate discussions, that rumore in your company. But if you don't want employees, clients, consumers to speak frankly, you should not blog. First change your way of thinking - then your way of speaking. And listen to your people. We are listening to them anyway...

26.9.06

Bei Siemens brennts im Intranet

Seit ein paar Tagen mit einem extremen Peak heute bekomme ich wieder viele, viele Besucher über Suchmaschinen - immer mit dem Suchwort Kleinfeld dabei. Mein Vorteil: Mit meinen Postings über Kleinfelds Blog und Kleinfelds Rolex bin ich bei fast allen Suchkombinationen rund um Herrn Kleinfeld, sein Blog und sein Unternehmen unter den ersten fünf Treffern...

Auffällig ist, wie viele Besucher aus dem Siemensnetz ich habe - und wie viele Medien vorbei gucken. Aber auch aus den Firmennetzen fast aller Dax-30-Unternehmen sind Leute hier heute. Da brennt über Siemens hinaus was an, scheint mir.

Hintegründe liefert beispielsweise ein Beitrag bei Spiegel Online von heute, der vom Unmut erzählt:
"Kleinfeld bekommt das zu spüren - in seinem internen Blog platzieren Mitarbeiter ätzende Kommentare"
Aus denen zitiert SpOn dann auch reichlich und ausführlich. Muss man sich darüber aber wundern?

Und: Ob das Auswirkungen auf die geplante Mitarbeiterplattform haben wird?

UPDATE 21:55 Uhr
Irgendwie haben alle Siemensmitarbeiter einen Telekomanschluss, glaub ich. Die kommen jedenfalls gerade im Minutentakt mit phantasielosen Gugelsuchen bei mir rein....

Warum die Grenze zwischen PR und Journalismus nicht so einfach zu ziehen ist

Ich habe einen Heidenrespekt vor der Presse-Arbeit von Ulrich Ott für die ING-Diba. Das Konzept, Journalisten massenhaft einzubinden über Nachwuchsförderung, Zusammenarbeit mit den Medien der Verbraucherzentralen und den bekanntesten Journalistenpreis für Wirtschaftsberichterstattung mit dem illustren Namenspatron Helmut Schmidt - das ist ein langfristiges und extrem erfolgreiches Vorgehen.

Unter Journalisten ist Ott deshalb nicht unumstritten, um es mal vorsichtig zu formulieren, aber einerseits muss ja niemand Beiträge für die Preise einreichen und andererseits lässt sich eine Einflussnahme beispielsweise auf die Wirtschaftsredaktion der Zeit, deren Herausgeber Schmidt immerhin ist, nicht nachweisen, auch wenn immer mal wieder Journalisten sie behaupten.

Dennoch ist es unter recherchierenden Wirtschaftsjournalisten eine offene Diskussion, ob man bei einer ING-Aktion mitmachen soll und beispielsweise Reportagen einreichen. Deshalb hatte ich mich immer schon gewundert, dass ausgerechnet das Netzwerk Recherche um Thomas Leif, das in diesem Oktober in Wiesbaden eine Tagung zu kritischem Wirtschaftsjournalismus veranstaltet, große Anzeigen der ING in seinen Publikationen hat. Kann man aber - und mache ich auch - argumentieren, dass ja Redaktion und Anzeigen auch hier getrennt sind.

Dass aber, wie auch der Newsletter von V.i.S.d.P. heute süffisant vermerkt, ausgerechnet Thomas Leif, also der Motor hinter dem umstrittenen Medienkodex ("Journalisten machen keine PR") des Netzwerks, einer der Preisträger des diesjährigen Helmut Schmidt-Journalistenpreises ist, erstaunt mich nicht finde ich bedenkenswert...