19.6.12

Was bist du denn für ein Deutscher?

Das fragte ein Jugendlicher seinen Freund, als der meinte, er wäre für Dänemark. Sonntag, vor dem letzten deutschen Gruppenspiel der Fußballeuropameisterschaft. Interessant an der Situation (ich weiß, interessant ist ein Wort, das nichts sagt, aber hier trifft es das in seiner ethischen Indifferenz) war, dass der Junge landläufig wohl als "eher links" zu bezeichnen ist, auch wenn "eher links" unter Jugendlichen heute nichts ist, was eine Linke in meinem Alter auch nur entfernt mit diesem Wort verbindet. Auf jeden Fall ist er bisher nicht durch Chauvinismus aufgefallen oder mit der Neigung zur Anerkennung von Autoritäten.

Und trotzdem geht das gar nicht. Mit dem Satz "Was bist du denn für ein Deutscher" überschreitet dieser Junge eine Linie, auch wenn er das eher unbewusst und ohne Hintergedanken tat.

Die Episode illustriert sehr schön, warum ich den grassierenden Fußball-Patriotismus (der eigentlich eher Fußball-Nationalismus ist) so ekelhaft finde. Übrigens in jedem Land, nicht nur in dem, in das ich hineingeboren wurde, dessen Staatsbürger ich bin. Unter dem Deckmantel des Fußballs finden Abgrenzungen statt, die ich nicht will. Und die ich für tatsächlich gefährlich halte.

Schon nach der Euphorie 2006 gab es jede Menge Analysen und Studien darüber, dass die Unterscheidung von (gutem) Patriotismus und (bösem) Nationalismus ein Märchen ist.
Große Empfehlung: Folgt den Links, der erste Artikel (2006 in der Süddeutschen) ist von Toralf Staud, dem profundesten Kenner nationalistischer Bewegungen in Deutschland und ein Garant für unaufgeregte Qualität, der zweite, ebenfalls aus der Süddeutschen (2007), fasst einige Forschung zusammen. Beide habe ich über Erik wiedergefunden.  
Auffällig ist ja, dass Menschen, die "für Deutschland" jubeln, eben als Kollateralschaden sehr oft durchaus sowohl autoritäre und abgrenzende Haltungen entwickeln als auch einen ihre eigenen Unzulänglichkeiten überdeckenden Stolz, der - betrachtet man ihn genauer - durchaus ein kollektiver Narzissmus im Sinne Adornos ist.

Nun weiß ich als Vater von vier Kindern (darunter drei Jungs), dass Egoprothesen in vielen Phasen der Entwicklung wichtig sind. Auch das Bewaffnen mit Stöcken und Schwertern hat ja für Kinder eine wichtige Funktion in der Ausbildung ihres Selbstwertgefühls, was ich erst lernen musste. Aber Autobikinis, Flaggenmasten oder Farben im Gesicht bei Heranwachsenden oder Erwachsenen, so sehr dies eben jene Egoprothesen sein mögen, sind doch ein ein- und ausgrenzendes Element, das für alle, die dem vorpubertären Kindesalter (vier bis acht Jahre in etwa, insbesondere bei Jungs, da findet diese erste hormonelle Umstellung statt) entwachsen sind, Gefahren für unsere Gesellschaft mit sich bringt. Und sei es in so unüberlegten Sätzen wie dem jenes Jungen, der ja auch nicht von ungefähr kommt. Er ist geprägt von der nationalistischen (und eben nicht "gut patriotischen") Stimmung auf unseren Straßen, in unseren Schulen und so weiter.

Die konkreten Deformationen (seelisch und gesellschaftlich), denen dieser Fußballnationalismus Ausdruck verleiht, hat Dagmar Schediwy in der Jungle World eindrucksvoll beschrieben. Trotz des Publikationsortes (den ich in seiner antideutschen Attitüde auch nicht mag und schräg finde) übrigens ein mehr als lesenswerter Beitrag, auf den Julia aufmerksam machte - und der auch gleich noch einen Erklärungsansatz mitliefert, warum so viele junge Leute nicht nur nationalbesoffen sind sondern auch zu (mindestens gefühlten) Burnouts neigen.

8.6.12

Kein Gott im Netz

Endlich darf ich Sascha Lobo mal widersprechen. Und zwar seiner aktuellen Kolumne bei SpOn, in der er Feuilletonisten widerspricht, die dem Umgang einiger mit dem Internet religiöse Züge vorwerfen.

Schon an dieser Formulierung ist mein Widerspruch festzumachen. Denn im Prinzip stimme ich Sascha zu. In der Tat, es ist "kein Gott im Netz". In der Tat, das Internet ist eine Aufklärungsmaschine. Und tatsächlich, dem Internet selbst ist alles Metaphysische fremd. Das aber ist aus meiner Sicht nicht der Punkt. Die Kritik, die sich hinter dem Religionsvergleich verbirgt, ist keine Kritik am Internet als Technologie oder Lebens- und Gedankenraum. Sondern sie ist eine Kritik am Umgang einer Gruppe von Menschen mit dem Internet, die ich als Technikpositivistinnen bezeichnen möchte. Und sie ist verwandt mit der Kritik, die ich an der Naivität von Piratinnen und anderen in ethischen Dingen geübt habe, als ich ihnen neulich naturalistische Fehlschlüsse vorwarf.
Vielleicht vorweg ein ganz kleines bisschen ausgeholt, sorry, dass ich einmal den Theologen raushängen lasse. Religion ist von Glaube und von Theologie zu trennen und werde ich immer auch mit einer ideologiekritischen Brille betrachten. Religion ist auch für mich als Christen, der zu einer eher orthodoxen Glaubensrichtung gehört, kein an sich positiver Begriff. Als religiös bezeichne ich eine Haltung, die heteronom ist, also mindestens eine wesentliche Komponente der Sinnstiftung oder des Sinnzusammenhangs als uns Menschen entzogen versteht. Sei es einem Gott, sei es dem Weltgeist, sei es den Naturgesetzen, sei es dem Internet.
Am Schluss seiner Kolumne kommt Sascha ja auch tatsächlich auf genau diesen Punkt - dass es nicht um das Göttliche im Netz geht (was für eine absurde Vorstellung wäre das auch) sondern um die Vergötzung des Netzes. So wie Luther den Papismus (also den Katholizismus) als Götzendienst brandmarkte, um den Bogen zu Matussek zu spannen.

Wo aber genau diese Vergötzung einsetzt, bekommt der Umgang mit dem Netz religiöse Züge. Das sehe ich überall da, wo "das Internet" als gegeben, als "so ist es", angesehen wird. Wo eben genau das, was Sascha den Feuilletonisten entgegenruft, von den Jüngerinnen des Götzen Internet nicht beachtet wird: Dass es komplett menschengemacht ist - und damit eben gerade nicht unser Handeln heteronom bestimmt. Selbst wenn die Einzelne sich ihm ausgeliefert fühlt und sich - individuell - als eben nicht autonom gegenüber diesem Netz empfindet.

Der Umgang vieler auch intelligenter und erwachsener Menschen mit dem Internet ist da tatsächlich wie vor der Aufklärung. Bevor mehr und mehr Menschen sich aus ihrer (selbst oder nicht selbst verschuldeten) Unmündigkeit befreit, sich gegenüber einer Macht autonom verhalten haben. Jede Argumentation mit "Sachzwängen" ist im Kern religiös. Jedes Argument, das  - etwas verkürzt - "das Internet" und seiner Funktionsweise als Begründung heranzieht, ist im Kern religiös, weil heteronom.

Ich nehme an, dass Sascha und ich uns einig sind, wenn wir das doof finden. So verstehe ich seine Gegenrede. Aber deshalb ist doch der religiöse Eifer bei allzu vielen allzu verbreitet. Und in der Vereinfachung des Feuilletonboulevards müssen für diese "vielen" die Piratinnen als Chiffre herhalten.

7.6.12

Ein Grund, um dankbar zu sein

Genau ein Jahr war es gestern her, dass ich dieses schrieb:
Es zerreißt mir das Herz
Da steht es. Ein Häufchen Elend, ganz gelb, schmal, klein. Und guckt schüchtern von unten hoch. "Ich kann Kyra nicht anstecken", sagt es leise, als wir unseren Hund nicht ganz bis an das Kind heran lassen. Nein, das stimmt. Aber vielleicht hat der Hund Keime, die zu viel sind für das zusammen gebrochene Immunsystem. Beide Ohren halten die zu große Schirmmütze auf dem kahlen Schädel, die Hose rutscht, mehr als zwei Kilo hat es verloren, dabei war es schon vorher schlank. Aber drahtig und wach und wild und aufmüpfig und manchmal nervig und präsent. 
Bei all dem war ich dennoch froh, es zu sehen. Erstmals seit Wochen wieder aus dem Krankenhaus zu Hause. Mama an der Hand, unsichere Schritte, aber frische Luft. 
Und wenn es mir das Herz zu zerreißen droht, denke ich an die Große von Freunden, die heute ein fröhlicher Teenager ist, lebendig, sportlich, intelligent. Und vor zehn Jahren ebenso vor uns stand. Ein Häufchen Elend, ganz gelb, schmal, klein.
Und gestern am späten Abend bekamen wir den Anruf, dass der Junge überraschend und spontan gesund ist. Keine Krebszellen mehr. Und das nach einer Transplantation, die nicht optimal lief. Und nachdem es weitere Krebszellen gab. Und niemand wusste, wie es weiter geht. So wie niemand genau weiß, was jetzt eigentlich passiert ist.

Eineinhalb Jahre Angst und Bangen und Hoffen finden vorerst ein Ende. Und auch, wenn das noch nicht zu 100% heißt, dass er ganz über den Berg ist: Es ist ein Grund, um zu feiern und dankbar zu sein.

(Und ihr denkt daran, euch typisieren zu lassen, falls ihr es noch nicht getan habt, oder? Hier gibt es alle Infos.)

4.6.12

Kinder, Torte, Pferde, Strand

Auch wenn es im Norden eher kalt ist zurzeit - was aber eigentlich ganz gut ist, weil es zum einen tolles Reitwetter ist (und die Spaziergängerinnen nicht so zahlreich, so dass wir zügiger tölten und galoppieren können) und zum anderen die passend zum Sommer eingerichtete Dauerbaustelle in Richtung Ostsee nicht so schlimme Folgen hat.



Nur eines beginne ich mich ernsthafter zu fragen: Ob es wirklich eine so gute Idee war, am Midsommar-Sonntag in Finnland anzukommen. Was aber die Freude auf den vielleicht letzten Familienurlaub mit allen dort in der Einsamkeit nicht schmälert.


22.5.12

Mein Klout-Score ist 356. Ich bin ein toller Hecht

Wer Klout & Co für ein sinnvolles Instrument dafür hält, Einfluss oder Reputation zu messen, verschickt auch Pressemitteilungen mit der Gießkanne. Und wer bei Einstellungen oder Vorstellungen nach dem Klout-Score fragt oder ihn gar ungefragt erwähnt, sollte sich was schämen.
(Sozusagen das tl;dr mal vorweg)

Im Prinzip sind Indizes eine super Sache. Sie vereinfachen das Leben, schaffen Übersichtlichkeit, lassen uns elegant Posterioritäten von Prioritäten unterscheiden. Das Problem entsteht immer dann, wenn aus der Vereinfachung ein Erklärungsmodell wird, das nur noch wenig mit der Realität zu tun hat.

Wenn dann (zunächst noch aus den USA, aber als Diskussionspunkt mehr und mehr auch in Europa) Meldungen durch die Fachmedien schwappen, dass Unternehmen bei der Einstellung ihrer Mitarbeiter auf deren Klout-Score achten, wenn Menschen mit hohem Klout-Score direkt in den Second-Level-Support umgeleitet werden, wenn die ersten Leute anfangen, ihre Onlineaktivitäten auf einen „guten“ Klout-Score auszurichten – wenn so etwas passiert, dann ist es Zeit, einmal die Relationen richtig zu stellen.

Klout misst Resonanz in der eigenen Echokammer und bildet ab, wie ich relativ zu meinen Kumpels online ankomme. Nicht einmal das stimmt, aber lassen wir es der Einfachheit halber einmal bei dieser holzschnittartigen Beschreibung. Und als Ersteindruck ist das auch nicht absurd. Seit 2006 habe ich selbst immer wieder an solchen Projekten mitgearbeitet – seien es Bloggerinnenlisten zusammen mit Technorati, sei es damals der „Tweetlevel“ gewesen, alles Versuche, einen chaotischen Resonanzraum von Kommunikation übersichtlicher zu machen. Auch Klout habe ich darum von Anfang an verfolgt und sehe durchaus den Sinn und das Bedürfnis. Selbst wenn ich heute weiß, dass es nicht funktioniert.

Mein bevorzugter Monitoringdienst für Social Media nutzt Klout, um aus den Treffern die voraussichtlich wichtigsten herauszufiltern. Das finde ich gut. Nur: Mehr als dieses kann Klout nicht. Klout und ein Klout-Score sagt nichts (und damit meine ich tatsächlich: nichts) darüber aus, ob jemand für das, was ich zu sagen habe, wichtig ist. Für die Marke, für das Unternehmen, für die Gruppe von Menschen. Dafür muss ich tiefer graben.

Klout & Co sind wie Massen-E-Mails: Sie scheinen zu funktionieren für die, die darauf ihr Geschäftsmodell aufbauen, dass sie es schaffen, gefälschte Viagra an 0,001‱ der Empfänger zu verkaufen. Aber im Grunde nerven sie nur und sind sinnbefreit und zeugen von einem erschreckenden Mangel sowohl an Intelligenz als auch Phantasie. Klout ist für manche moderne Fließband-Agentur das, was ots* damals für Andreas Dripke und sein Team war.

So wenig wie die Ausschüttungen der VG Wort über die Relevanz einer Journalistin für mein Thema aussagen, so wenig relevant ist Klout für die Frage, welche Onlinemultiplikatorinnen mir helfen, meine Ziel zu erreichen. Denn oft ist es diese eine nur Insiderinnen bekannte Person, die dazu noch alle ihre Daten vor Klout versteckt hat und gar nicht von Klout vermessen werden kann, die aber alle Großmultiplikatorinnen und Meinungsmacherinnen lesen und zitieren. Das finde ich aber nur heraus, wenn ich mich auskenne, wenn ich mich mit meinem Thema beschäftige. Klout ist die Ausrede der Ahnungslosen für ihre Faulheit.

Und wer berät oder Kommunikation macht, sollte gar keinen Klout-Score haben, jedenfalls bin ich immer sehr peinlich berührt, wenn ich eine entdecke, die über ihren redet oder ihren kennt. Denn unsere Aufgabe ist es, unsere Unternehmen und Marken nach vorne zu stellen – und nicht uns. Wenn dieses Thema überhaupt eines sein soll, dann wohl eher so: wer einen zu hohen Klout-Score hat, ist nicht geeignet für die Kommunikationsberufe. Weil sie sich kommuniziert. Und nicht die groß macht, um die es geht.

Update
* Ich lege Wert auf die Feststellung (und der Kommentar meines früheren Kollegen kp, mit dem ich auch befreundet bin, macht das noch mal deutlich), dass damit nicht gemeint ist, dass ots wie Viagra-Spam sei. Sondern dass ots als sozusagen industrieller Prozess bestimmte Geschäftsmodelle der Pressearbeit damals erst möglich machte - wie heute Klout & Co bestimmte Geschäftsmodelle der Social-Media-Arbeit. Sollte das missverständlich gewesen sein, tut mir das leid und ich gelobe Besserung. Ich liebe euch.

11.5.12

Vom naturalistischen Fehlschluss. Oder: Warum die Piraten eine gefährliche totalitäre Partei sind

Für jede, die sich mit Denken, Philosophie, Ethik oder Politik beschäftigt, kommt irgendwann der Schritt aus einer (nenne ich mal so, erkläre ich gleich) pubertären Phase in eine erwachsene. Spannend ist zu sehen, dass sehr viele einzelne Menschen dabei den Schritt nachvollziehen, den auch die europäische Denktradition in der Moderne vollzogen hat: von einer totalitären, simplifizierenden, positivistischen Erklärungsweise der Welt hin zu einer, die anerkennt, dass es (subjektive) ethische Prämissen gibt.

Typisches Kennzeichen vormodernen und totalitären Denkens (nicht zu verwechseln bitte im ersten Schritt mit totalitärer Politik) ist dabei der so genannte "naturalistische Fehlschluss"*. Dies meint: Ich beobachte etwas, beschreibe dieses "Sein" - und schließe daraus (das ist der Fehlschluss), dass es (deshalb) auch so sein soll. Oder postuliere, dass etwas sein soll (also: gut ist), weil es ist.

Dieses Denken ist pubertär oder sogar vorpubertär, weil mit Abschluss der Pubertät in der Regel die Fähigkeit zu transzendentem Denken einsetzt, also die Fähigkeit, vom aktuellen "Sein" abzusehen, wenn es darum geht, gut und böse zu bestimmen. Erst die im Zuge der Pubertät in der Regel einsetzende Auflehnung gegen die Realität/das "Sein", philosophisch gesprochen, ermöglicht ja die Erkenntnis, dass dieses "Sein" in gewisser Weise kontingent ist, also vor allem geändert werden kann - oder zumindest, dass ein anderer Zustand des "Seins" gedacht werden kann.

Naturalistische Fehlschlüsse sind vor allem deshalb totalitär, weil sie Objektivität postulieren, wo es keine Objektivität gibt. Sie leugnen ethische Prämissen, indem sie ihre Sollens-Behauptungen aus der Beobachtung der vorhandenen Realität ableiten. Ein Denken, das aber dieses tut, nennt man - so ist es quasi definiert - totalitär.

Die moderne Spielart totalitären Denkens ist der Technikpositivismus, wie er bis heute teilweise in trivialwissenschaftlichen Zusammenhängen vorkommt (also bereits da, wo Menschen "Naturgesetz" sagen und annehmen, dass damit objektive, ewige Gesetzmäßigkeiten gemeint seien, obwohl es weitgehend unumstritten ist, dass das Wort "Naturgesetz" eigentlich falsch und irreführend ist). Alles, was geht, ist gut? Eigentlich eine Position, die wir in Europa seit den 1970er Jahren für überwunden hielten. Das hat zwar teilweise zu so konservativen bis reaktionären Philosophien wie der von Hans Jonas geführt, aber der reine Positivismus (und mit ihm glücklicherweise der Utilitarimus) war weitgehend tot unter denkenden Menschen auf diesem Kontinent.

Was mich erschreckt, ist, wie er sich nun unter Menschen, die ich für denkende Menschen hielt, wieder Bahn bricht. Und selbst wenn ich Christoph Lauer für nicht immer in dieser Kategorie richtig angesiedelt hielte, kommt es mir so vor, als ob es symptomatisch für die totalitäre, technikpositivistische und vor allem von naturalistischen Fehlschlüssen irregeleitete Piratenpartei steht, wenn er im Spiegelinterview von den Gesetzen des Internet faselt, die "wie Naturgesetze stehen". Und aus denen seine Partei viele Forderungen ableite.

Der eine oder die andere mag das für pubertäres Gequatsche halten, was es vielleicht sogar sein mag. Aber es offenbart eben eine totalitäre Haltung, die auch aus anderen Äußerungen atmet: Eine im Denken digital geprägte Gruppe von Menschen nimmt an, dass sich das, was sein soll, objektiv feststellen lässt. Weshalb es auch logisch ist, dass die Führungsleute es ernst meinen und nicht etwa lächerlich finden, wenn sie zu Fragen, zu denen das digitale Denksystem (also das in Nullen und Einsen sortierte Denken) noch keine letztgültige Position hochgespült hat, nichts sagen können. Wo es nur richtig und falsch gibt, kann es zwar individuelle Meinungen geben, aber die Partei kann nur die objektiv richtige Position vertreten.

Das aber ist zutiefst totalitär. Und naiv. Und - das meine ich so, wie ich es sage, auch wenn ich intelligente und denkende Piratinnen kenne - gefährlich.

Es ist noch nie möglich gewesen, aus dem, was ist, abzuleiten, was sein soll. Außer du bist die katholische Kirche. Oder Lukatschenko. Oder die Piratenpartei.


_____
* Ob der Sein-Sollen-Fehlschluss als naturalistischer Fehlschluss oder als Humes Gesetz bezeichnet werden soll, ist umstritten, ebenso, ob das zwei verschiedene Dinge sind. In der Denktradition liberaler evangelischer Theologie, in der ich groß geworden bin (Stichworte: Rawls, Niebuhr, Tillich) wird dieser Begriff so verwendet, wie ich es hier tue. Und ich mag ihn sehr.

7.5.12

Raus aus dem Interweb. Rein in die Häuser. Und rauf auf die Podien.

Dies ist kein Fanboyartikel. Obwohl ich schon der Überzeugung bin, dass Sascha Lobo tatsächlich sehr viel dafür tut, dass Menschen, die nicht wie du und ich im Internet zu Hause sind, eine Chance haben, zu verstehen, wie unser Lebensstil ist und warum. Und ich ihm dafür sehr dankbar bin, zumal ich in sehr vielen Fällen mit ihm einer Meinung bin. Nicht nur beim Thema Blogs oder in der Frage, ob Apple Twitter kaufen wird. Und er sehr viel schlauer ist, als er tut.

Viel wichtiger aber als die Tatsache, dass Sascha vieles aus meiner Sicht richtig sieht, ist, dass er eben vor allem nach "draußen" spricht. Dass er eine Bühne hat in klassischen Medien und im TV. Und dass er einer ist, der diese Internetdinge durchdacht hat, lebt und trotzdem noch daneben ein Leben hat. Der mit den Leuten da draußen so reden kann, dass sie ein bisschen was verstehen. Im Grunde ist das wichtigste an ihm, dass er eben nicht bloggt. Sondern redet, hier übrigens die re:publica-Dings-Rede.

Ein großer Teil auch meiner Arbeit und meines Lebens findet so statt. Nicht im TV, aber in Runden mit Menschen, die Verantwortung für Unternehmen und Marken haben - aber nicht online leben. Höchstens teilweise online arbeiten oder einkaufen. Zu den großen Komplimenten, die ich mag und immer wieder bekomme, gehört der Satz von Gleichaltrigen, die fühlten sich nun richtig alt nach unserem Workshop, nach meinem Vortrag, nach der Diskussion.

Was ich erst lernen musste und was mir inzwischen mehr und mehr gelingt: Dass ich von meiner Heimat Internet und meinem Leben mit der "default public" Einstellung und meiner Haltung, die ich offen formuliere, so rede, dass sie anderen, die es anders machen und anders sehen, keine Angst macht. Dass ich erkläre, was sich hier verändert hat - und nicht, was sich verändern muss. Dass ich Leute dafür gewinne, sich ihren Blick auf diese Welt da nicht davon verstellen zu lassen, dass sie ihnen fremd und unheimlich ist und sie vieles an ihr für sich persönlich ablehnen.

Und ich denke, das ist es, was wirklich wichtig ist gerade jetzt. Dass wir raus gehen und mit unseren Nachbarinnen reden. Mit unseren alten Freundinnen, die diesen Weg (noch) nicht mitgegangen sind. Mit unseren Chefinnen. Mit unseren Kundinnen. Dass wir deutlich machen, dass es kein "richtig" oder "falsch" in den Fragen gibt, die uns (jetzt sage ich schon uns, seufz) umtreiben. Sondern dass es Wirklichkeiten gibt, die anders sind als das, was wir selbst tun.

Zwei Erlebnisse aus den letzten Wochen:
  • Da war dieses Kolloquium der Walter-Raymond-Stiftung, der Stiftung der Arbeitgeberverbände. Am ersten Tag war die Reaktion der Teilnehmer (es waren nur sehr, sehr, sehr, sehr wenige Frauen dabei) noch aggressiv und widerständig, vielleicht auch, weil der damalige Bundesvorsitzende der Piratenpartei, der ja eher wie ein Junge-Union-Funktionär wirkte, sprach (übrigens auch sehr gut und sehr ruhig und sehr gewinnend). Im Laufe der zwei Tage drehte die Stimmung immer mehr. Nach und nach setzte bei den meisten der Versuch ein, zu verstehen, worüber "wir" da vorne redeten. Was eigentlich unser Thema sein könnte. Dass wir tatsächlich ihre Bedeutung für uns und für die Meinungsbildung in Frage stellen. Dass "alte" Eliten Konkurrenz bekommen haben. Dass das eine Veränderung ist, der sich sogar die (überwiegend emeritierten) Top-Professoren dieses Landes, die sich als zu diesen alten Eliten zugehörig fühlen, werden stellen müssen, die da zusammen saßen. Hier übrigens mein Vortrag von diesem Tag.
  • Da war das Treffen von Kommunikatorinnen aus den evangelischen Kirchen. Bei denen zwar ein gewisses Unverständnis, aber auch eine große Offenheit für meinen Lebensstil und meinen Heimatraum da war. Und die am meisten irritiert hat, als ich sagte, dass bei unserem letzten Hausbau die Frage wichtiger war, ob die Datenleitung fertig wird als die Wasserleitung. Hätte ich wissen können und anders formulieren, denn Wasser ist für Menschen, die sich mit Ländern des Südens beschäftigen, extrem wichtig. Ein Ergebnis von Vortrag und Diskussion war dann mein Papier über Social Media und Kirche.
Redet auf den Spielplätzen, in den Schulen, auf dem Ponyhof, bei der Arbeit, nächstes Wochenende, wenn ihr eure Mutter besucht. Redet und erzählt, wie ihr lebt, was für euch Internet ist. Erklärt nicht denen, die es schon wissen, auf Twitter und in euren Blogs, was euch in Details von mir oder von dem oder von der oder von Sascha Lobo unterscheidet. Sondern beschreibt denen, die Sascha aus dem TV kennen, warum er trotz seiner Frisur kein Spinner ist. Sondern was ihr so seht wie er (denn das wird nicht so wenig sein, wenn ihr ehrlich seid und einmal für kurze Zeit vergesst, dass ihr es total ätzend findet, dass er wie der Klassensprecher daher kommt, den ihr ja damals auch schon nicht mochtet).

Denn wenn ihr, die ihr euch da, online, schon lange so sicher bewegt, euch in der Kohlenstoffwelt, in den Häusern, auf den Podien aus der Deckung wagt, werden andere, die zwar nicht bloggen und twittern, aber Facebook nutzen und Bilder hochladen und so, euch beispringen. Das erlebe ich seit einigen Monaten in fast jeder Runde, in der das Thema hoch kommt.

Vielen meiner alten Freundinnen ist dieses Leben fremd. Einige finden es bedrohlich, obwohl sie keine Angst vor mir haben. Andere sorgen sich um die Zukunft von Kulturtechniken, die ihnen wichtig sind (Lesen! von Büchern! in der U-Bahn!). Aber wenn sie nicht verstehen, was uns wichtig ist, jenseits aller (politischen, wirtschaftlichen, kulturellen) Unterschiede, wenn sie nicht begreifen, warum für uns dieses Internetz ein Heimatraum ist, eben auch ein Raum, dann haben wir verloren.

3.5.12

Social Media für evangelische Kirchen? Geht das?

Ja, das geht. Oder ginge zumindest.

Grob gesagt vor allem deshalb, weil der Glaube, der seine Form in der Kirche findet, reden will. Und, immer noch grob gesagt, weil ein weltzugewandter Protestantismus (also seine Volkskirchenvariante) überall Gesprächsangebote machen will, wird und muss, wo Menschen zusammen kommen.

 Etwas weniger grob, in etwas länger, habe ich mal meine Gedanken zu den Bausteinen und Beispielen, die ich mir für eine Social-Media-Strategie meiner Kirche und ihrer Schwesterkirchen in diesem Land vorstellen kann, aufgeschrieben und in die Diskussion gegeben.
 

26.4.12

5555 Hefte text intern. Mein Essay im Jubiläumsheft.

text intern war mein allererster Zugang zu dem, was man einmal "Fachjournalismus" nannte. Es lag schon in den 80ern bei uns zu Hause rum, weil mein Vater in einem Verlag Verantwortung trug. Damals war es noch in Schreibmaschinenoptik und kurzen Artikeln, viel Insiderwissen offenbar. Es stand auch Pate für ein Insider-Newsletter-Dings-Projekt, das ich Ende der 90er für kirchliche Führungskräfte zusammen mit dem Chef des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes, Arnd Brummer, entwickelte und testete.

Mindestens am Rande habe ich text intern immer verfolgt und wahrgenommen. Dass es schon sooo alt ist, hätte ich trotzdem nicht gedacht, bevor ich um ein Essay zu Social Media gebeten wurde. Auf Seite 28 ist es erschienen. Das gesamte Heft steht übrigens als pdf zum Download über die Startseite von text intern zur Verfügung.

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Was das Social Web verändert hat

Das, was einige von uns „Social Media“ nennen, ist total Retro. Da hatte der zwischenzeitliche Chefredakteur des Spiegels sogar Recht. Und damit sind wir dann auch beim Kern dessen, was sich verändert hat im Web durch dieses Social Media: gar nichts. Jedenfalls nicht grundsätzlich. Zehn Jahre lang haben wir dieses „Mitmachweb“ der zweiten Generation jetzt etwa, das Wort „Web 2.0“ und gar das Wort „Social Media“ noch nicht ganz, aber vor gut zehn Jahren kamen die ersten modernen Blogs auf. Sozusagen aus der Konkursmasse dessen, was der eine oder die andere eine Blase nannte, die aus dem Internet kam, obwohl sie wohl eher etwas anderes war, aber das ist eine andere Geschichte.

Damals, als einige der ersten Generation der Start-Ups so spektakulär untergingen, als der große Kater 2000 oder 2001 oder so einsetzte, war ja nicht das Web zu Ende. Sondern wurden einige der Schaufenster eingeworfen. Und andere Ladenlokale wurden verlassen und ihre Ruinen gammelten vor sich hin. Aber das Web blieb. Und mit ihm seine Bewohner.

Viele von uns haben sich ein wenig zurück gezogen damals. Und sich auf das konzentriert, was sie auch vorher im Web gemacht hatten, bevor die Medien und die Unternehmen es als ihre Schaufenster entdeckten und falsch verstanden: Vernetzen, reden, austauschen, verlinken. Blogs eben. Und Retro deshalb, weil die allererste neue „Dings“, die Sir Berners-Lee in HTML schrieb, im Grunde ein Blog war: eine kommentierte Linkliste in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.

Bis heute fällt es vielen, die damals nicht dabei waren (und dies soll nun nicht eine Opa-erzählt-vom-Krieg-Geschichte werden, aber das muss einmal kurz sein, um auszuholen), schwer zu verstehen, was damals passiert ist und was seitdem passiert. Dass für Menschen, die einen großen Teil ihrer sozialen Interaktion onlinebasiert durchführen, dieses Internet das ist, was Sascha Lobo kürzlich in seiner SpOn-Kolumne so treffend Heimat genannt hat. Nicht einfach nur ein Werkzeug, wie es vielen Medienschaffenden oder Kommunikatoren erscheint, sondern eine Art Lebensraum, ein unstofflicher Ort, den zu bewohnen sie sich entschieden haben und den sie schützen. Schwer zu verstehen – und damit sind wir in der Gegenwart – ist dabei für viele, dass es ein Heimatort ist, der nicht vom Leben in der Kohlenstoffwelt (so nennen „wir Onliner“ das, was ohne Internet stattfindet) geschieden sondern im Gegenteil eng mit ihm verwoben ist. Dass eben keine zwei Welten existieren, von denen die eine gar rechtsfrei wäre oder ganz anders.

Die Entwicklung des Internet und seiner Bewohner ist vor allem dadurch geprägt, dass sich eine leicht veränderte Kultur entwickelt hat. Nicht radikal anders, aber doch so sehr, dass sie für Menschen, die sich nicht die Mühe machen, sie mal anzusehen, unverständlich und teilweise gar bedrohlich bleibt. Weshalb es wohl auch Medienmachern und Kommunikatoren in Unternehmen so oft so unendlich schwer fällt, auf diese Kultur einzusteigen. Weshalb es kaum intelligente Antworten von Medien und Unternehmen auf diese Kultur gibt. Was aber wiederum nur die Medien und Unternehmen stört.

An zwei sehr aktuellen Beispielen lässt sich sehen, wo die Konfliktlinie verläuft – was sich so sehr verändert hat – und wo für die nächsten Jahren die großen Entwicklungen liegen:
(1) Jugendproteste und ACTA

Von „Erwachsenen“, die nicht intensiv in der Heimat Internet leben, weitgehend unbemerkt haben im Januar und Februar die Vorbereitungen für große, europaweite Proteste gegen das Abkommen „ACTA“ begonnen. Ohne ins Detail zu gehen (dazu gibt es im Internet sehr viel, Recherche lohnt), war die Sorge eine Zementierung und Kodifizierung eines Verwertungsrechts anstelle eines Schutzes von Urhebern. Medien und Unternehmen haben daraus gemacht, dass die jungen Protestler gegen das Urheberrecht und für eine Gratiskultur seien. Das erste Missverständnis.

Und sie haben die Mobilisierung nicht mitbekommen. Tausende Jugendliche wurden beispielsweise über YouTube mobilisiert. Von jungen Medienschaffenden, die auf YouTube Woche für Woche ein Millionenpublikum mit ihren Shows erreichen – und zu den Demos aufriefen. Viele Eltern hörten erstmals von dem Thema, als ihre Kinder sie Anfang Februar auf ACTA ansprachen.

(2) Privatsphäre und unsere Daten

Eine der größten Veränderungen, die das Social Web gebacht hat, ist eine neue Sensibilisierung breiter Schichten für ihre Daten und ihre Privatsphäre. Sehr zur Überraschung einiger älterer Multiplikatoren und Medienarbeiter allerdings anders als bisher. Persönliche Daten und die Privatsphäre sind durch Social Media zu einer von den Nutzern (und nicht mehr von Datenhändlern wie den Verlagen und Markenartiklern) nutzbaren Währung geworden. Wenn 80% der jungen Leute, wie eine Studie neulich herausfand, bewusst ihre Privatsphäreeinstellungen in Netzwerken wie Facebook vornimmt, dann ist das ein gutes Zeichen. Sie entscheiden selbst, was öffentlich und was privat ist. Auch wenn sie es oft anders entscheiden als die Generation davor. Privatsphäre und der Einsatz der Daten als Bezahlmittel – was sie immer schon waren – sind bewusster geworden. Und verändern sich, so wie sich Privatsphäre historisch immer geändert hat. Noch vor 300 Jahren war es normal, Sex in der Öffentlichkeit zu haben. Heute ist es normal, eine Onlinechronik öffentlich zu haben.

In dieser Umbruchzeit gibt es beides zugleich – und keines davon ist schlechter als das andere: die Idee, dass die Grundeinstellung „privat“ heißt und ich nur das, was öffentlich sein soll, laut sage. Und die Idee, dass die Grundeinstellung „öffentlich“ heißt und ich nur das, was bewusst privat sein soll, verberge.

25.4.12

Wenn so genannte Journalisten Angstkampagnen fahren

Wie mache ich aus einer Null-Information einen reißerischen Angstartikel? Indem ich Formulierungen nutze, die Leserinnen interpretatorisch in die Irre führen. Aktuelles Beispiel von heute:
Jedes dritte europäische Kind geht leichtfertig mit seinen persönlichen Daten um und veröffentlicht den Namen der eigenen Schule im Internet, jedes achte Kind sogar die private Adresse oder Telefonnummer. Sascha Steuer auf "digital-lernen.de"
Das heißt: 2/3 der Kinder (!) passen gut auf ihre Daten auf. Herr Steuer überschreibt den Artikel dann aber sogar:
Kinder veröffentlichen ihre Adressdaten im Internet  ebenda
Und das, obwohl 87,5% aller Kinder in Europa laut seinem eigenen Text genau dieses nicht tun. Weil nämlich "jedes achte Kind" 12,5% entspricht. Und so viele oder so wenige tun das.

Diese Art von angstförderndem Kampagnenjournalismus kennen wir. So wie neulich, als in einer Bitkom-Studie, aus der Feststellung, dass 80% der Jugendlichen bewusst mit ihren Daten in Sozialen Netzwerken umgehen, gemacht wurde, dass jedes fünfte Kind seine Daten nicht schützt (pdf, 4.8MB). Was suggeriert, das sei schlimm. Während mich das Ergebnis positiv überrascht hat (auch wenn es immer und immer und immer besser sein kann).

Das eigentliche Problem an Steuers Artikel aber (und ja, für mich als PRler ist es ein bisschen dies Ding mit dem Glashaus, was jetzt kommt) ist, dass nicht erkennbar ist, auf welche Studie er sich bezieht. Es klingt, als sei es eine neue, eine aktuelle Studie. Stutzig wurde ich, als einen Absatz später aber dieser Satz fiel:
Deutschland unterscheidet sich von den meisten europäischen Ländern durch eine starke Nutzung des Sozialen Netzwerks SchülerVZ ebenda
Äh, ja. OK, soooo aktuell kann die Studie nicht sein, oder zumindest nicht der Erhebungszeitpunkt der Daten dieser Studie.

Glücklicherweise verlinkt Sascha Steuer aber im Seitenbereich seines Artikels eine Studie unter "weiterführende Links". Keine Erklärung, ob das die Studie sei, auf die er sich bezieht.
Falls es also nur ein erratisch gesetzter Link ohne Zusammenhang sein sollte (ich mag bei diesem Artikel so etwas nicht ausschließen), sei vorsorglich darauf hingewiesen, dass der folgende Absatz nicht gelten würde.

Die verlinkte Studie ist allerdings von - 2010. In Worten: aus dem Jahre Zweitausendzehn nach Christi Geburt. Die Daten wurden zwischen April und Oktober 2010 erhoben. Und damit sind sie, selbst wenn die Studie erst 2011 veröffentlicht wurde (was in diesem Internetz ja auch eine kleine Ewigkeit her ist, was den Neuigkeitswert und die Veränderungen angeht), knapp zwei Jahre alt. Mir persönlich drängt sich die Frage auf, ob der Autor sich die Website der Studie angesehen hat, bevor er seine Überschrift schrieb. Oder seinen Artikel. Ob er in den letzten zwei Jahren sich auch nur einmal mit Social Networks beschäftigt hat - denn sonst wäre ihm spätestens beim Satz über SchülerVZ aufgefallen, dass da irgendwas nicht stimmt mit diesem Artikel.

Wenn dann Menschen, die sich mit Medien und Medienpädagogik beschäftigen, auf diesen Artikel stoßen, werden sie die Fehler und die Misstöne auch schnell erkennen. Aber wie viele Menschen werden zunächst nur die Überschrift sehen (auf Twitter, Facebook oder sonstwo)? Wie viele Medien werden daraus eine noch weiter verkürzende Meldung machen für ihre Ausgabe morgen? Was wird also ankommen bei den Menschen draußen im Lande?

Fazit: Aus einer (ur-)alten Studie macht ein Autor mithilfe einer sinnentstellenden Überschrift einen reißerischen Artikel, der ein Problem suggeriert, das so nicht besteht - und damit den Blick verstellt auf die Probleme in dem Bereich, die wir haben.

Ich meine: was dieser Autor hier gemacht hat, ist unverantwortlich und eine Angstkampagne. Hoffentlich wenigstens von seiner Überzeugung getrieben und nicht einfach nur aus Nachlässigkeit passiert.

Update 26.4.
Herr Steuer, der auch der Chefredakteur der Seite ist, hat sich per Mail bei mir gemeldet und hat in seinen Artikel eingefügt, die Studie sei aktuell veröffentlicht worden und stellt es damit sogar noch mehr so dar, als sei es eine neue Studie. Das stimmt allerdings leider nicht. Möglicherweise ist am 23.4. ein Newsletter erschienen, der diese Studie zum Thema hatte. Aber sogar in den neuen Links neben dem Artikel (den alten Link auf die Primärquelle ersetzt Steuer aus einem mir nicht ersichtlichen Grund durch Links auf pdf-Zusammenfassungen der Studie in deutsch und englisch) wird darauf hingewiesen, dass die Studie bereits im November 2011 veröffentlicht wurde und die Daten aus dem Jahr 2010 stammen. Hier ergänzt Steuer also sogar noch eine (vielleicht sogar bewusste) Irreführung seiner Leserinnen. In der Mail bestätigt er übrigens, dass es nicht Nachlässigkeit sondern eine bewusste Entscheidung war, die Angstkarte zu spielen. Er weist darauf hin, dass er diese Frage "dezidiert anders" sehe als ich.