8.5.07

Jakobinismus, Leseempfehlung

Martin Recke von der befreundeten Konkurrenz auf der anderen Alsterseite schreibt heute einen fulminanten Beitrag über Kritik und Terror, den ich wärmstens empfehlen kann:
In den Unternehmen herrscht weiter Aufbruchstimmung, bestimmt die Lust am Internet, an der Kommunikation mit dem Konsumenten das Bild. Zu Bedenkenträgern sind indes die Blogger geworden. (....) (W)as ist Authentizität anderes als hochselektive Wahrnehmung, als der zum Prinzip erhobene blinde Fleck? Jede Beobachtung hat ihren blinden Fleck. Blogger jedoch machen diese Art von Blindheit, die ins Extrem getriebene selektive Wahrnehmung zum Prinzip. (....) Hinter dem wortreichen Gestus der Allwissenheit, hinter der aufs Höchste gesteigerten Subjektivität steckt die blanke Realitätsverweigerung. (Martin Recke auf dem Fischmarkt)
Er meint nicht "die" Blogger, sondern den kleinen Ausschnitt an Bloggern, die nicht repräsentativ für die "Szene" sind, aber eine relativ hohe Wahrnehmung haben, einen Teil des "short head" vor dem "long tail", um mal im Jargon zu formulieren.

Mir geht es weiterhin so, dass ich Blogs liebe, das schreibe ich hier ja auch immer wieder. Ich habe in der zurückliegenden Woche vieles gelernt, vor allem über Monstranzen, die zu hinterfragen einfach wichtig ist. Und darüber, dass eben längst nicht mehr überall wie da, wo ich herkomme, das Wort gilt, das ich gebe.

Das, was Martin als Jakobinismus beschreibt, ist ein Muster, das nicht nur in dem skurril bei ihm verbundenen Musikvideo anklingt, sondern das ich sehr gut aus meiner Zeit in linksradikalen christlichen Bewegungen kenne - ich nenne es moralischen Rigorismus, andere nennen es Selbstgerechtigkeit, Luther nannte es das cor incurvatum, also die eigentliche und ursprünglich Sünde, aus der ein Mensch nicht aus eigener Kraft herausfinden kann, sondern nur aus Gnade.

Dass ich vor gut zehn Jahren aus dieser Verspannung entkommen konnte, ist teils Gnade, teils meinen Kindern geschuldet (und damit dem Eintritt in die Ernsthaftigkeit des Lebens, der die scheinbare Ernsthaftigkeit des Schattenboxens abgelöst hatte). Und ich bin am klassischen Marxismus (nicht an diesem romantischen Frühkram, i-bäh!) genug geschult, um die Lebenssituation nicht zu gering zu schätzen, wenn ich Muster und Motive sehe.

Es mag altklug klingen, aber ich bin mir sicher, dass der eine oder andere sich beruhigen wird und dem Jakobinismus und moralischen Rigorismus abschwören wird, wenn er erstmal "in Arbeit" kommt, mal was auf die Beine stellt oder für mehr als sich selbst Verantwortung übernehmen muss. Und das Tolle daran ist, dass das noch mehr Spaß macht. Mir jedenfalls.

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Kommentare:

  1. Genau - ich meine jene militante Bloggerszene, die nicht Dialog will, sondern Krawall.

    Die theologische Argumentation hätte ich auf dem Fischmarkt nicht zu bringen gewagt, aber sie stimmt natürlich. Das Wort vom cor incurvatum findet sich auch schon bei Augustinus.

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  2. Anonym8.5.07

    Ihr Pfeifen meint den nichtkäuflichen Teil der Blogsphäre, der keinen Bog auf Vermarkter hat.

    Dazu greift ihr "Kommunikationsexperten" auf die primitivste Art des Dreckwerfens zurück: "Wer uns nicht mag ist ein militanter Terrorist, hat damit sein Recht eine Meinung zu vertreten verwirkt und muss vernichtet werden".

    Lünenbürger-Reidenbach, Recke, in meinen Augen seid ihr militante Pfeifen.

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  3. So, ich lass diesen Kommentar hier drüber von einem anonymen Feigling mal stehen, weil er trefflich illustriert, was Martin am Fischmarkt mit "Mob" meint.

    Jede weitere anonyme Einlassung oder ad hominem gehende Beleidigung wird gelöscht. Entweder jemand benimmt sich in meinem Wohnzimmer - oder er fliegt.

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  4. @Anonym: Nur ein Teil der "Nichtkäuflichen" sind auch "Motzer", und nur ein Teil der "Motzer" sind "Wahre Motzer" (Kritiker, deren Ton zwar ein wenig roh ist, aber inhaltlich relevant). Viele motzen ja nur, weil's Spaß macht, ein wenig aufzumischen oder weil sie Linkbaiting (irgendwie) verstanden haben ...

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  5. Was ist denn daran 'fulminant'?

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  6. @chat: überrascht mich jetzt, du als Sprachmensch. Aber ok: fulminant, lt. Duden: "sich in seiner außergewöhnlichen Wirkung in auffallender Weise mitteilend".

    Was ist daran unverständlich angesichts des Posts?

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  7. kp frahm hats am besten gesagt. Da kann ich zu 100 Prozent zustimmen.

    Und so muss ich sehr bedauern, dass leider häufig eine nötige Kritik in diesen vorgeblichen Kritik-Tornados untergeht.

    Man kann sich damit abfinden.

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  8. Aber ansonsten möchte ich zumindest der Schlussphrase mit dem "Beruf" deutlich widersprechen. (Pro forma mag da was dran sein, aber nicht das richtige!)

    Man kann Menschen "ihre" Freiheit von bestimmten Zwängen nicht zum Vorwurf machen - oder sagen, später wirds mal anders, wirste schon sehen).

    Zu bestimmten Dingen, Beispiel USA, sind gerade noch die "Freien" in der Lage, Kritik zu äußern. Beispielsweise zur Israel-Lobby, vgl. aktuell Blätter für deutsche und internationale Politik, S. 599, Beitrag von Norman Birnbaum).

    Oder ebenfalls dort die Kontroverse "Der Streit um die richtige Solidarität mit Israel". Alles sehr ähnlich.

    Ich halte es vielmehr für gefährlich und zumindest utopietödlich, wenn man auf solche immerhin möglichen Orte mit dem Finger weist. Zwischen f!xmbr und Arno Schmidt oder Alfred Andersch und zwischen Don und Sartre ist allerdings ein Unterschied, der eben einen Unterschied macht.

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  9. Im Duden blättern kann ich auch. Ich vermisse ja gerade diese 'außergewöhnliche Weise' und die 'außergewöhnliche Wirkung', wobei letztere zumindest nicht so war, wie es der Verfasser intendierte. Das 'fulminare', das 'blitzartige Sichentzünden', habe ich nicht gesehen. Eher schon gab's für einen lahmen Beitrag die verdiente Haue. Das hätte ich mir an seiner Stelle vorher ausrechnen können. Und was ist der Effekt? Sein Name ist in Bloggville jetzt 'unten durch'. Wirklich 'fulminant' ...

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  10. Chat: Naja, dein letzter Kommentar illustriert schon das, was ich mich der Mischung aus Hybris und cor incurvatum meine: In Bloggville unten durch? Haaaalllllooooo? In drei von 100.000? Oder was?

    Hufi: Schön, mal wieder was zu hören und zu lesen von dir - und ja, da hast du Recht. Es war ganz praktisch und konrekt auf bestimmte Leute gemünzt gewesen :-)

    Mir geht es nicht darum, auf solche Orte, wie du sie beschreibst, mit dem Finger zu weisen. Im Gegenteil. Aber auch dort sehe ich eine Art erwachsene Ernsthaftigkeit und eben keine Schizofrenie oder pubertäre, solipzistische Suche.

    Aber du hast Recht - ich müsste es weniger absolut formulieren....

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  11. Nun ja, es gibt Ein-Personen-Haushalte in der Blogosphäre und es gibt Knotenpunkte oder Marktplätze. Und es macht schon einen Unterschied, ob du im trauten Heim vor die Wand pinkelst, oder auf dem offenen Markt, wo sich alles trifft.

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  12. Und Märkte machen Menschen. Die gleichen Mechanismen wie sonst auch. Die einen werden "Rampensäue", die anderen nicht.

    Ich habe es einige Male miterlebt, wie Menschen, die es gut meinten, aber nicht gut machten, genau das Gegenteil von erreicht haben, was sie wollten.

    Chat, ich wundere mich eigentlich eher darüber, dass besonders gerne auf dem Marktplatz gepinkelt wird.

    Der Umgang ist rauh. Der Ton häufig rüpelig. Und in allem wirkt, so scheint es mir, eine eigenartige Art etwas missionieren zu wollen.

    Meinethalben die einen für Werbung, die andern gegen Werbung [in Blogs] (um ein Beispiel zu nennen). Aber dass auch nur irgendwer Formen und Wirkweisen kulturell zu begreifen begänne, auch als verschobene Wahrnehmung oder als historische (irgendwie eben), das hat nicht statt. Interessiert auch keinen.

    Siggi sagte schon, wie ich finde richtig, heute sind es Aufmerksamkeitskriege, die im Netz geführt werden. Aber um die Sache geht es fast nie.

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