In einer Kurzdiskussion auf Twitter zwischen
Mirko Lange,
Tapio Liller und
Torsten Herrmann ging es heute morgen um die Frage, wann wir denn verlernen, authentisch zu sein. Ob nciht Kinder eigentlich authentisch wären und Erwachsene das verlernen. Und auch wenn es zunächst einleuchtend klingen mag, denke ich, dass das nicht stimmt. Darum versuche ich einmal aufzuschreiben, was mir dazu durch den Kopf geht.
Der Unterschied von Unmittelbarkeit und AuthentizitätKinder, vor allem Kleinkinder, sind unmittelbar. Anhänger des (Vorsicht, Polemik!)
rousseau'schen Kindheitsfetisch mögen das für den nicht nur natürlichen sondern auch erstrebenswerten Urzustand halten. Aber im Grunde ist diese kindliche Unmittelbarkeit doch nur eins: Ein ungefiltertes Reagieren auf direkte Reize. Ja, das kann man "natürlich" nennen, aber Natürlichkeit ist ja kein Wert an sich (anders als Authentizität).
Aber Kinder sind nicht wirklich authentisch - oder werden es höchstens im Laufe ihrer Kindheit. Denn um authentisch zu sein, reicht es nicht, unmittelbar zu sein (ich wäre mir nicht mal wirklich sicher, ob es dafür notwendig ist), sondern ich muss auch "bei mir sein". Das aber lernen Kinder nun wirklich erst nach und nach.
Ich denke, dass oft Authentizität mit Unmittelbarkeit verwechselt wird. Aber am Beispiel Höflichkeit kann der Unterschied sehr einleuchtend beschrieben werden, scheint mir: Dass ich höflich bin (mal angenommen, ich wäre es), kann sehr wohl authentisch sein, selbst wenn es zu Formulierungen führt, die beispielsweise nicht wahrhaftig oder wahr sind, wenn ich mit anderen Menschen spreche. Aber Höflichkeit könnte aithentisch zu mir gehören, weil "ich so bin", um es mal einfach auszudrücken. Wäre ich unmittelbar, würde ich sagen, was mir als erstes in den Sinn kommt - so wie Kinder es oft auch tun - ohne Rücksicht auf Verluste. Das
kann durchaus authentisch sein, wenn Unmittelbarkeit "zu mir gehört". Muss es aber nicht.
Verlieren wir Authentizität durch "Verbildung"?Nein, ich denke nicht. Das wäre Quatsch. Parallel zu Bildung und zur Aneignung von Kulturtechniken lernen wir sicher auch - wenn es gut läuft - zielgerichtet zu handeln. Und das
kann - muss aber nicht - dazu führen, dass wir nicht (mehr) authentisch sind. Und manchmal mag es sein, dass wir Authentizität neu lernen müssen, weil es uns durch das Leben und die Schule und die Erziehung ausgetrieben wurde. Das denke ich auch, ja.
Aber andererseits lernen wir uns im Laufe unserer Entwicklung auch erst kennen, kommen von der Unmittelbarkeit der frühen Kindheit in eine Phase, in der wir uns selbst suchen und - hoffentlich - finden. Identität. Und authentisch werden wir, wenn unser Verhalten, unser Reden, unser Schreiben mit dem übereinzustimmen beginnt, was wir sind und gefunden haben auf dieser Suche. Würde wirklich jemand beispielsweise Jugendliche als authentisch bezeichnen, die Rollen ausprobieren und Grenzen testen?
Authentisch sind nur reife MenschenInsofern denke ich, dass nur wirklich "erwachsene" Menschen auch authentisch sein können, dass es ein Zeichen von Reife und von Kultur (und damit eben oft auch Bildung) ist, wenn jemand authentisch ist. Denn "bei mir sein" erfordert in vielen Lebenssituationen eben dies: Selbstbewusstsein, Rückgrat und Persönlichkeit.
Vieles "Unverbildetes", was im vulgären Sprachgebrauch als authentisch gelobt wird, ist in Wirklichkeit doch nur unreife Unmittelbarkeit. Und hat mit Authentizität nichts zu tun, denn wie soll jemand, der neben sich steht, "bei sich" sein?