14.7.04

Wie uncool...

Bei aller Kritik im Detail: Ich mag das oft sehr spannenden Online-Magazin ChangeX, das sich mit Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt. Und es freut mich, dass sie meine Antwort auf einen recht oberflächlichen Essay, der danach fragt, warum die "bürgerlichen" Parteien eigentlich im gesellschaftlichen Diskurs versagen, veröffentlicht haben. Er ist als Replik am Ende des Essays erreichbar - oder direkt als pdf.

Die Diskussion darum, ob, dass und warum Grüne heute die einzigen sind, die aktiv im Diskurs mit der liberalen Bürgergesellschaft stehen, finde ich sehr spannend.

12.7.04

115

ou, Super. Nummer 115 im großen Weblog-Zählen abbekommen.

Radio

Wenn man bedenkt, dass ich eigentlich Radiomensch bin und ja auch jahrelang Radio gemacht hab, höre ich extrem wenig Radio. Was aber auch daran liegt, dass ich weder Phil Collins mag (der immer noch bei nahezu jedem Sender ununterbrochen läuft), noch diesen Einheits-Musik-Brei der Achtziger-Neunziger-Und-Das-Beste-Von-Heute-Sch** ertragen kann.
Und wenn ich dann zufällig mal wieder die Frequenzen durchzappe, bin ich überrascht, wie schnell die Sender ihre Formate ändern. Beim ehemaligen OK-Radio hab ich ja erst moderiert, als die schon auf der abschüssigen Bahn waren - und inzwischen sind die immerhin stabil bei einem Oldieformat gelandet, das, wie ich ohne Rot zu werden zugeben, durchaus hörbar ist manchmal. Und das ehemalige Alsterradio (auch einer der Sender, die ich moderierend kennen lernen konnte) hat sich nun nach ein paar Jahren Schlingerkurs ein Format ausgesucht, das sich Rock ´n Pop nennt, flugs den Namen in 106!8 geändert, und ist auf einmal wenigstens musikalisch nett (zu Nathalie muss ich aus Gründen der Diskretion und der Höflichkeit schweigen, schade...).

Sollte sich nach Jahren der Radiodepression langsam wieder so etwas wie die Möglichkeit von Vielfalt entwickeln? Noch ist es sicher zu früh für Euphorie, aber das klingt doch schon mal ganz gut. Irgendwer scheint kapiert zu haben, dass es doof ist, wenn sich alle Sender gleich anhören.

9.7.04

weissu?

Neulich hat Kai Pahl für Erheiterung gesorgt mit seinem Erlebnis mit Jugendlichen in Winterhude. Gestern Nachmittag konnte ich das noch toppen (vollkrassey).

Auf dem Weg zum neuen Haus muss ich in Berne aus der U-Bahn - es ist eben, wie meine Schwester das elegant nennen würde, eine hübsche Ghetto-Randlage -, wodurch ich die Jungs wenigstens beim Aussteigen betrachten konnte. Es überraschte mich schon, denn sie sahen nicht so aus, als ob sie von der familiären Herkunft nur Kanak sprachen lernen konnten (also jetzt nicht so ein von-Natur-aus-Ding, aber bei naturblonden Deutschen wird Kanak wahrscheinlich nicht die mit der Muttermilch aufgenommene Sprache sein. Was mir wieder einmal mit großer Bestürzung bewusst machte, was das für diese Jungs bedeutet: Die Türken, die Kanak sprechen, können ja meist noch eine andere Sprache "richtig". Die Deutschen überhaupt gar keine mehr).
Selbst bei hoher Konzentration meinerseits hat es eine Zeit gedauert, bis ich zwischen all den weissu und vollkrassey die Worte wahrnehmen konnte, die die Inhaltsträger ihrer Unterhaltung sein sollten. Es ging dann darum, dass Taigä mit dem Baseballschläger vermöbelt worden war, weil ein Typ dachte, er, also Taigä, hätte ihm die Reifen zerstochen, obwohl das ein anderer war. Und dass Taigä eine Anzeige gemacht habe, was in diesem Fall besser sei als das sonst übliche - nämlich den Typ mit drei Freunden voll derbe zuzurichten oder lebendig zu begraben. Es ging dann noch darum, dass die beiden die Hafaufaufressen gerne mit irgendeiner mir nicht bekannten Form von Schnellfeuerwaffe wegpusten wollen, weil mal wieder überall Baustellen seien ("voll weissu wie son weissu Moslem, ey, weissu").
Immerhin war einer der beiden ansonsten gut informiert. Denn dann haben sie noch über Politik gesprochen und darüber nachgedacht, was sie denn so wählen sollten (bemerkenswert, zumal ja in absehbarer Zeit bei uns gar keine Wahlen anstehen). SPD jedenfalls nicht mehr. CDU erst Recht nicht. Grüne und FDP, da hatten sie nur lachen für übrig. Weissu ich wähl weissu glaubich weissu voll Defau-Uh weissu nächstemal weissu vollkrassey weissu die weissu warn noch nie weissu dran vollkrassey weissu solln die weissu doch weissu machen voll aufräum weissu.
Wenn es nicht zum Verzweifeln wäre, hätte ich laut aufgelacht. Dann ging es noch um die betrogene Jugend und dass sie keinen kennen, der nicht irgendwie kriminell ist und so. Die waren nicht an sich dumm. Sie wussten sogar einiges ganz gut, was so passiert in der Welt. Umso beängstigender.

8.7.04

Ufff

Da sind wir ja haarscharf am GAU vorbei geschrammt: Es wird ohnehin schon knapp auf dem Bau. Und wenn dann auch noch die Frage auftaucht, ob alle Beteiligten durchhalten oder vielleicht hopsgehen, dann hat das zu ein paar Tagen mehr als nur einem Knoten im Magen geführt.
Nun also geht es weiter. Ufff.

Arm und Nichtarm

Wie kommt es eigentlich, dass es in der Zeit Wochen gibt, da lohnt sich außerhalb des Feuilletons gar nix, und dann kommt wieder eine Woche (hübsches neues Layout übrigens), in der bereits der Politikteil überwiegend spannend ist. Neben dem wirklich bedrückenden Stück von Frank Drieschner über Geräteirrsinn vs. Altenverwahrlosung - in beiden Fällen ein Ende ohne Gnade - und dem hübschen Artikel über die eigene Partei ist es vor allem die Panik in der Mittelschicht, die mich nachdenklich macht. In der Tat - und irgendwie geahnt - hat Elisabeth Niejahr Recht, wenn sie aufdröselt, wie im Grunde wieder nur die Nicht-Betroffenen angesichts von Zumutungen aufschreien. Das alte Problem: Die Abstiegsängste der Mittelschicht, die ich ja aus eigener Anschauung verstehen kann - aber die mit Bedürftigkeit nichts zu tun haben und schon gar nicht mit Armut.

Lesen!

7.7.04

Unrecht/ Recht

Er wurde erst ein Modephilosoph, als ich aus dem akademischen Zirkus schon raus war: Giorgio Agamben. Den Namen hatte ich schon häufiger gehört, meist in etwas wirren Zusammenhängen. Aber erst der Literatur-Aufmacher der letzten Zeit macht mich unter dem Titel Das nackte Leben direkt auf ihn aufmerksam.

Originell und einleuchtend scheint sein Ansatz zu sein, dass im demokratischen Rechtsstaat der Moderne das Unrecht bereits eingeschlossen ist - und Guantanamo und Abu Ghraib eben keine außerrechtlichen Entgleisungen seien, sondern mit Mitteln des Rechts herbei geführt. Der Autor Thomas Assheuer schreibt:
Agambens Büchern, zuletzt seiner amerikakritischen Studie Ausnahmezustand, ist etwas höchst Seltenes widerfahren: Kurz nach ihrer Niederschrift sind sie auf gespenstische, ja unausdenkbare Weise von der Wirklichkeit bestätigt worden. Intensiv hatte man darüber gestritten, ob die von Agamben zitierte altrömische Figur des Homo sacer, des aller Rechte beraubten Menschen, heute noch irgendeine Bedeutung besitzt; die Bilder aus dem Lager Guantánamo Bay und die Folterungen im Gefängnis Abu Ghraib haben solche Fragen verstummen lassen.
Wenn Agamben dann auch noch wirklich Carl Schmitts sprachlichen und begrifflichen Duktus aufnimmt und gegen ihn wendet, muss ich mal was von ihm lesen. Assheuer kritisiert ihn allerdings für seinen Heideggerschen Pessimismus, den er mit dem - wie ich finde irreführenden - Ettiket Romantik belegt. Nach dem, was er beschreibt, klingt es mir eher so, als ob Agamben den verstörenden Gedanken aufnimmt und weiterführt, dass es keine wesensmäßige saubere Trennung von Gut und Böse gibt. Obwohl mit dem Lebensbegriff sicher etwas anachronistisch und vielleicht zu nahe an der konservativen Revolution (eben Schmitt) formuliert, ist das aber ja doch die ganz, ganz große Frage, die jede tiefer schürfende Theologie gestellt und selten beantwortet hat - also nach dem Mittelalter vor allem Luther, Gogarten oder Tillich (und mit Abstrichen, na klar, auch Heidegger und Levinas oder andere Phänomenologen).

Spannend.

6.7.04

Netter Abend

Huflaikhan hatte eine merkwürdige Begegnung mit 9live. Mich wundert nur, dass es es wirklich so lange aushielt. Ob da wirklich schon mal jemand, den ich kenne, angerufen hat?

Open Source Religion

Douglas Rushkoff, den zu hören ich 2002 auf dem Trendtag (nur noch als pdf auffindbar, schade) die Freude hatte, hat ein Buch übers Judentum geschrieben, das ganz toll sein soll. Im Freitag nun ein Interview mit ihm über die umstrittene These, das Judentum sei eine Open Source Religion. Bin ich durch Pickings.de drauf gestoßen, wo auch dieses Zitat aus seinem Buch steht:

An open source religion would work the same way as open source software development: it is not kept secret or mysterious at all. Everyone contributes to the codes we use to comprehend our place in the universe. We allow our religion to evolve based on the active participation of its people.

Auf jeden Fall eine spannende Idee, die auch einleuchtet ist - und wohl einer der Gründe, warum das Judentum als Religion so sympathisch ist (und das sage ich als latenter Fundamentalist. Hmmm). Vielleicht ist hier das so lange gesuchte wirklich passende Beispiel für Open Source jenseits von Software.

via Pickings.de

1.7.04

Nett

Seit ich selbst Verkäufer bin, fühle ich mich massiv fremdgeschämt, wenn jemand sich so beknackt anstellt wie die Hamburger Sparkasse (ok,ok, wir sind ja auch selbst schuld, dass wir immer noch bei denen Kunden sind).

Bekommen wir doch einen im Tonfall sehr nachahmenswerten Brief:

Sehr geehrter Herr, wir bitten um Ihren Besuch oder Anruf in unserer Filiale an einem der nächsten Tage. Aufgrund verschiedener Gesetzesänderungen möchten wir mit Ihnen über Ihre gesetzliche Krankenversicherung sprechen.

Mal ehrlich: Was versprechen die sich davon??? So schreiben die sonst nur, wenn das Konto mal wieder etwas weit überzogen ist...