2.8.06

Happy Birthday, Mama

Du wirst nichts davon mitbekommen und kannst weder dieses noch irgend etwas anderes lesen. Du hörst uns nicht, jedenfalls denken wir das. Und es ist schon lange her, dass ich den Eindruck hatte, du habest eine oder einen von uns erkannt. Trotzdem ist heute dein sechzigster Geburtstag. Erst dein sechzigster. Ich war immer stolz, eine junge Mutter zu haben - und trotzdem bist du nun schon seit ungefähr fünfzehn Jahren richtig alt.

Es war eines der allerersten Postings in diesem Blog, als du damals vor dreieinhalb Jahren ins Heim gekommen bist. Da ging es nicht mehr anders, denn auch für dich war das Leben ohne eine Betreuung und Hilfe rund um die Uhr nicht mehr möglich. Trotzdem hast du geschrieen und getobt und es hat dir den letzten großen Schub gegeben in die ewige Nacht. Jeden Tag hast du weniger geredet und nun stöhnst du nur noch hin und wieder.

Deine Eltern werden dich heute besuchen, dein Mann und deine Kinder nicht. Ich schaffe es am Wochenende, vielleicht kommen die Kinder mit. Meistens bist du allein, wie so oft in deinem Leben, auch schon vorher.

Kaum einer hat es wahrgenommen am Anfang, damals vor fünfzehn Jahren. Das ist bei Alzheimer so: Du merkst es als erstes - und du wolltest es nicht merken, warst sehr damit beschäftigt, weiterhin die kompetente, intelligente Vollzeit-Ehrenamtliche zu sein, die du warst, seit ich denken kann. Aber damals, vor fünfzehn Jahren, als du gerade einmal zehn Jahre älter warst als ich heute, bist du erstmals an einer Aufgabe so sehr und so in der Öffentlichkeit gescheitert, dass wir es alle nicht hätten übersehen können.

Ronald Reagan ist zu spät erkrankt, als dass dir die daraufhin wieder massiver einsetzende Forschung noch hätte helfen können. So, wie du heute lebst, kann es noch viele, viele Jahre gehen - und ich weiß nicht immer, ob ich dir das wirklich wünschen soll. Die letzten Jahre, bevor du weggedämmert bist, waren immer wieder auch schön für uns alle. Du warst mehr als früher du selbst und hast deinen Gefühlen vertraut, auch wenn du böse wurdest, wenn wir versucht haben, mit dir über die Krankheit zu reden.

Hoffentlich hast du trotz allem einen guten Tag heute.

Ich vermisse dich. Sehr.

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