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6.1.11

Wo kämen wir denn hin,

wenn jeder sagte,
wo kämen wir hin,
aber keiner ginge,
um zu sehen,
wohin wir kämen,
wenn wir gingen.


Kurt Marti

***

Vor einigen Jahren wohnten wir in Duvenstedt. Das gehört zu den Walddörfern in Hamburg, also zum so ziemlich besten Teil der Stadt, wisst schon, so mit Familiendurchschnittsnettoeinkommen 100k und so. Unsere Neubausiedlung, leicht außerhalb, viele Kinder, lag hinter einer nicht ganz ungefährlichen Kurve, in der LKW mit leicht überhöhter Geschwindigkeit hin und wieder Ladung (Stohballen und so) verloren. Dort ging der Schulweg lang. Einige wohlsituierte Eltern hatten die Idee, den Fußweg um ein paar Meter zu verlegen und sind an das Bezirksamt (unsere Kommunalbehörde damals) herangetreten, ob sie das nicht einfach machen dürften, sie würden es auch selbst bezahlen, wenn kein Geld da wäre. Das ging in den Bauausschuss der Bezirksversammlung. Und der hat abgelehnt.

Grund war nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, im Gegenteil: einige Jahre später wurde es umgesetzt, damals schon auf die Prioritätenplanungsliste (oder wie immer das heißen mag) gesetzt. Aber die Duvenstedter bekamen keine Genehmigung, eigenes Geld einzusetzen. Die Begründung: Ja, es sei wichtig, aber andere Maßnahmen, in Steilshoop oder Jenfeld (zwei unserer bezirklichen Ghettos sozialen Brennpunkte), seien auch wichtig, und dort könnten sich die Anwohner nicht mal eben leisten, so was selbst zu bezahlen. Das sei also ungerecht.

Stimmt. Und viel gerechter ist es selbstverständlich, dass dann nur zwei der drei wichtigen Projekte gebaut wurden, eines davon in Duvenstedt, und das alles Jahre später.

Daran musste ich, tut mir leid, denken, als ich diese beiden Reaktionen heute morgen bekam auf meinen Aufruf, für die NCL-Stiftung zu stimmen beim Aspirin-Sozialpreis.




Ja, ihr habt Recht. Da ist eine Schieflage. Aber findet ihr es nicht zynisch, NICHT für die NCL-Stiftung zu stimmen und nicht einen Beitrag zu leisten, dass sie vielleicht das Geld bekommen für ihre Arbeit, weil ihr den Konzern, der das Geld raustut, ablehnt oder weil nicht alle, die betroffen sind, die Seite aufrufen können?

Ja, das mag Whitewashing sein (ich kenne Bayer nicht gut genug, um das wirklich sagen zu können). Ja, das ist eine PR-Nummer. Ja, die Seite ist nicht gut und nicht gut programmiert und doof und hässlich und hat Barrieren und und und. Aber die NCL-Stiftung macht eine gute Arbeit, die ich kenne, weil eine Freundin von mir da arbeitet. Und dadurch weiß ich auch, wie schwer sie es hat, an Zustiftungen und Preise zu kommen, weil das Thema zwar grauenvoll ist, aber die Anzahl der Betroffenen klein.

Bitte gebt euch einen Ruck und stimmt für die. Auch wenn es euch zuwider sein sollte, aus welchen Gründen auch immer, was der Preisauslober sonst noch so macht.

30.11.09

Demut und Dankbarkeit

Wenn nacheinander die Hälfte der Familie krank ist, wenn die Arbeit viel ist, das Haus und alles, dann fühlt es sich manchmal an wie Stress, dann ist es manchmal auch mühsam. Und dann kommt das Danken oft zu kurz. Denn bei allem Trubel darf ich, dürfen wir nicht vergessen, wie gut es uns geht.

Dann erschrecke ich wieder, wie es dieses Jammern auf hohem Niveau geben kann, wie uns das passieren kann. Für das kranke Kind, das seit Wochen hustet und nicht zur Schule kann, ist es schrecklich, ja. Aber es hat zwei Eltern und drei Geschwister, die da sind und da bleiben.

Im direkten Umfeld kämpft eine Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, Ehefrau, Schwiegertochter, mit dem Tod. So geht es seit Jahren und nun hat sie keine Chance mehr: Der gesamte Körper ist unter der Chemo- und Strahlentherapie von Krebszellen zersetzt worden, es geht nicht mehr, sie hangelt sich von Tag zu Tag und hofft für ihre Kinder auf Weihnachten, will das noch unbedingt erleben.

Das Leid, wenn man in ihre Augen und die Augen ihrer Familie guckt, ist unbeschreiblich. Der jahrelange Kampf so grausam und am Ende so vergeblich. Die Verzweiflung der Kinder, die ihre Mutter kaum noch erkennen und Angst vor ihr haben, weil sie so anders aussieht und das Bett kaum noch verlassen kann. Die Stärke der Mannes, der das, was möglich ist, an Leben aufrecht erhält. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass er sein Leben lang getrunken und geraucht hat und sie sterben muss.

Wenn er erzählt, wie sie den Alltag oder was davon übrig ist, zu meistern versuchen, wie sie immer wieder auch einmal Kraft und Ruhe finden, und sei es für ein paar Minuten, dann beschämt mich mein Jammern, wen es zu Hause mal wieder zu wild, zu laut, zu chaotisch ist. Dann rückt das die Perspektive zurecht. Dann lehrt mich das Demut und Dankbarkeit.

Beides kann ich nicht so gut im Alltag, weil ich unruhig bleibe und immer mehr und mehr will. Und beides ist trotzdem wichtig.

Ich habe nach dem Schock, dass es ihr wieder und immer schlechter geht, im Gottesdienst gesessen und gebetet. Und war dankbar, ja wirklich. Und werde mich in Demut üben.