Mir geht es seit Tagen nicht aus dem Kopf. Weil es allem widerspricht, von dem ich dachte, dass es wahr wäre. Also nicht allem jetzt. Aber sehr vielem in der Frage, um die es ging. Allerdings muss ich dazu ein bisschen ausholen.
Eine sehr gute Freundin, ziemlich erfolgreich im Beruf und darum umgezogen von Stuttgart nach Hamburg vor einiger Zeit, ist eigentlich auf der Schwäbischen Alb geboren und aufgewachsen. (Sagt man "auf der Alb"?) Nun lebt sie mit ihrem Mann seit einigen Jahren in Hamburg und hat beruflich überwiegend in Norddeutschland zu tun. Oder im Ausland, viel in den USA und in der Karibik (fragt nicht, ich erzähle es euch eh nicht).
Vor einiger Zeit hatte sie einmal versucht, in Mecklenburg Urlaub zu machen, das war noch vor dem Umzug nach Hamburg. Ein Freund hat da ein Ferienhaus. Nach drei Tagen musste sie wieder abreisen. Es war keine offene Feindschaft, es war dieses Verstummen und Umdrehen, wenn sie einen Raum betrat, Laden oder Lokal.
Auch beruflich war sie schon mehr als einmal im Osten Deutschlands. Und weiß aus eigener Erfahrung, dass es faktisch no go areas für sie sind. Nicht, dass sie bedroht würde. Das nicht. Aber im besten Fall ignoriert und übersehen, im normalen Fall angestarrt und abschätzig begutachtet, in vielen sogar mit abfälligen Sprüchen bedacht.
Dann zog sie nach Hamburg. Bewegt sich, privat und beruflich, viel in Schleswig-Holstein und im nördlichen Niedersachsen. Und überlegt, wieder zurück in den Südwesten zu gehen.
Zwar ist es auch da nicht so einfach überall sofort akzeptiert zu werden und Anschluss zu finden, wo jedes Dorf auf der Alb seine eigenen Wörter hat, die es erstmal zu lernen gilt, bevor sie dazugehört. Aber diese merkwürdigen Formen von Alltagsrassismus hat sie dort noch nie erlebt. Sondern im alltäglichen Leben erstmals hier. Das war für sie überraschend und für mich, wenn ich ehrlich bin, bestürzend. Wenn sie erzählt, wie sie auf dem Markt am Obststand regelmäßig übersehen und von der Verkäuferin übergangen wird. Wie sich die eine oder andere nur sehr mühsam an ihren Anblick und ihre Sprache (dieses wunderbare lupenreine Schwäbisch mit diesen Wortverbindungen, die auch im Hochdeutschen noch durchkommen) gewöhnen konnte und ihr das deutlich zeigte.
Als jemand mit norddeutschem Tonfall und blonden Kindern habe ich das selbst nie erlebt (und mein Sohn, der zurzeit den Punk gibt, fährt seitdem logischerweise ohnehin nicht mehr in die Dörfer östlich von Lübeck, dafür ist seinen Freundinnen da schon zu oft was passiert, aber das ist eine andere Geschichte). Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Vor allem nicht, dass es hier bei uns im Norden so viel krasser ist als im Südwesten, der doch als so konservativ gilt. Das bringt schon ein Weltbild ins Wanken und macht mich mehr als nur nachdenklich.
Vor allem macht mich nachdenklich, wieso ich das nicht gedacht hätte und nicht sah. Obwohl wir schon lange eng befreundet sind. Ich weiß nicht mal, ob ihr dieser Alltagsrassismus begegnet, wenn ich dabei bin. Und ich ihn nur nicht sehe. Wahrscheinlich ist es so - denn ihr Mann war es, der es neulich erstmals beiläufig erzählte. Eher mit Erstaunen und leichter Resignation als mit Zorn. Er schwäbelt zwar, sieht aber so aus wie ich. Also so ungefähr.
Die Hälfte ihrer Vorfahren lebt in der zentralafrikanischen Republik übrigens.
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4.3.14
24.11.11
Der Rechten Rache an Gramsci
Für jeden, der sich mit linker politischer Theorie und/oder Praxis beschäftigt, ist Gramsci ein Begriff. Nach etwa 1992 (meine Schätzung) wurde er vor allem für die Rechtsradikalen in Deutschland wichtig. Im Grunde haben sie das, was Gramsci rund um Hegemonie formulierte, konsequent umgesetzt. Das hat mich am Anfang verzweifeln lassen und dann irgendwann wütend gemacht. Ändern konnte ich es so wenig wie die wenigen, die es damals schon sahen, gehört wurden.
Ich verlinke hier nicht die verschwurbelten Artikel, die angefasste Jenaer gerade schreiben, die keine Nazis sind (was ich glaube). Die aber in vielen - ich hoffe: unbewussten - Formulierungen und Argumentationsmustern zeigen, wie sehr die Gramsci-Rezeption und -Adaption der Rechtsradikalen Früchte getragen hat (Aber ihr findet einige Beispiele bei Erik im Blog, der im Übrigen besser als ich zusammen fasst, warum sich einige von uns so aufregen über die Naiven).
Wenn dann naiv und unbewusst von "falschen Freundeskreisen", die Erik oder ich haben könnten, geschwurbelt wird. Oder wenn die sozial geächtete Selbsttötung durch Drogenkonsum mit der durch Wegschauen der Mehrheit ermöglichten Tötung oder Vertreibung von anders Aussehenden enggeführt wird. Dann ist das die Rache der Rechten an Gramsci.
In meinem Bekanntenkreis und in meiner Familie gibt es Menschen, die aus Erfahrung - und nicht etwa aus Vorurteilen - nicht mehr in "den Osten" fahren, ohne sich im Schutz großer Gruppen zu befinden (oder sich zu bewaffnen). Und auch wenn es Nazis auch im Westen gibt und ich an der Haltung vieler junger Leute, die ich am Niederrhein* oder sonstwo kenne, eine Menge auszusetzen habe, ist das doch anders - sehr anders - als in jedem Dorf im Osten, das ich erlebte oder von dem mir Menschen mit aus Nazisicht normabweichendem Äußeren berichten. Oder ganz konkret: ein Punk kann in der mir persönlich wirklich nicht angenehmen niederrheinischen Provinz leben. In Mecklenburg oder Thüringen nicht.
Die sprachliche und kulturelle Hegemonie der Rechtsradikalen in der nachwachsenden Generation ist im Osten, das zeigen auch alle Studien, die es dazu gibt (ein Teil ist in der letzten Zeit erwähnt, ansonsten mal nach Toralf Staut googlen), weiter fortgeschritten als im Westen.
Die Angst der Menschen, die den Osten als No Go Area erleben, liegt eben gerade nicht an den Nazis, denn die, da haben die hegemonisierten Naiven Recht, gibt es überall. Die Angst kommt daher, dass dort nicht die Nazis sondern die anderen latent als "falsche Freundeskreise" gelten.
Es geht dabei nicht "gegen den Osten" oder um Vorurteile - sondern darum, dass eine bewusste Strategie der Rechtsextremen, der Nazis, aufgegangen ist, die sich ab Anfang der 90er "den Osten" ausgesucht haben, weil sie sahen, dass es da einfacher für sie ist, aus verschiedenen Gründen, die bekannt sind (Geschichte, soziale Situation, weniger äußerliche Abweichung als im Westen etc). Und die Geschichtsvergessenheit und mangelnde sprachliche Bildung (was kein Vorwurf ist, sondern schade) führt dann bei Menschen auch höherer formaler Bildungsabschlüsse allzu oft dazu, dass sie die sehr geschickten Hegemonieversuche der Nazis nicht bemerken, nicht sehen und die entsprechenden Codes einsickern. Trifft diese Hegemonie dann auf ehrenamtliches Engagement von Nazis in einer Gegend, in der es keine Kirchen und AWO etc gibt, ist der Schaden angerichtet und kann nicht von einigen Helden (die es auch in Jena gibt) aufgefangen werden. Und von den Helden habe ich übrigens auch keine verschwurbelten Proteste gehört. Nur von denen mit dem gesunden Volksempfinden. Und mit (Lokal-) Patriotismus.
* Steht hier pars pro toto für die vom Osten so weit wie möglich entfernte westdeutsche Provinz. Und vielleicht auch deshalb, weil ich dort Jugendliche und Punks kenne...
Ich verlinke hier nicht die verschwurbelten Artikel, die angefasste Jenaer gerade schreiben, die keine Nazis sind (was ich glaube). Die aber in vielen - ich hoffe: unbewussten - Formulierungen und Argumentationsmustern zeigen, wie sehr die Gramsci-Rezeption und -Adaption der Rechtsradikalen Früchte getragen hat (Aber ihr findet einige Beispiele bei Erik im Blog, der im Übrigen besser als ich zusammen fasst, warum sich einige von uns so aufregen über die Naiven).
Wenn dann naiv und unbewusst von "falschen Freundeskreisen", die Erik oder ich haben könnten, geschwurbelt wird. Oder wenn die sozial geächtete Selbsttötung durch Drogenkonsum mit der durch Wegschauen der Mehrheit ermöglichten Tötung oder Vertreibung von anders Aussehenden enggeführt wird. Dann ist das die Rache der Rechten an Gramsci.
In meinem Bekanntenkreis und in meiner Familie gibt es Menschen, die aus Erfahrung - und nicht etwa aus Vorurteilen - nicht mehr in "den Osten" fahren, ohne sich im Schutz großer Gruppen zu befinden (oder sich zu bewaffnen). Und auch wenn es Nazis auch im Westen gibt und ich an der Haltung vieler junger Leute, die ich am Niederrhein* oder sonstwo kenne, eine Menge auszusetzen habe, ist das doch anders - sehr anders - als in jedem Dorf im Osten, das ich erlebte oder von dem mir Menschen mit aus Nazisicht normabweichendem Äußeren berichten. Oder ganz konkret: ein Punk kann in der mir persönlich wirklich nicht angenehmen niederrheinischen Provinz leben. In Mecklenburg oder Thüringen nicht.
Die sprachliche und kulturelle Hegemonie der Rechtsradikalen in der nachwachsenden Generation ist im Osten, das zeigen auch alle Studien, die es dazu gibt (ein Teil ist in der letzten Zeit erwähnt, ansonsten mal nach Toralf Staut googlen), weiter fortgeschritten als im Westen.
Die Angst der Menschen, die den Osten als No Go Area erleben, liegt eben gerade nicht an den Nazis, denn die, da haben die hegemonisierten Naiven Recht, gibt es überall. Die Angst kommt daher, dass dort nicht die Nazis sondern die anderen latent als "falsche Freundeskreise" gelten.
Es geht dabei nicht "gegen den Osten" oder um Vorurteile - sondern darum, dass eine bewusste Strategie der Rechtsextremen, der Nazis, aufgegangen ist, die sich ab Anfang der 90er "den Osten" ausgesucht haben, weil sie sahen, dass es da einfacher für sie ist, aus verschiedenen Gründen, die bekannt sind (Geschichte, soziale Situation, weniger äußerliche Abweichung als im Westen etc). Und die Geschichtsvergessenheit und mangelnde sprachliche Bildung (was kein Vorwurf ist, sondern schade) führt dann bei Menschen auch höherer formaler Bildungsabschlüsse allzu oft dazu, dass sie die sehr geschickten Hegemonieversuche der Nazis nicht bemerken, nicht sehen und die entsprechenden Codes einsickern. Trifft diese Hegemonie dann auf ehrenamtliches Engagement von Nazis in einer Gegend, in der es keine Kirchen und AWO etc gibt, ist der Schaden angerichtet und kann nicht von einigen Helden (die es auch in Jena gibt) aufgefangen werden. Und von den Helden habe ich übrigens auch keine verschwurbelten Proteste gehört. Nur von denen mit dem gesunden Volksempfinden. Und mit (Lokal-) Patriotismus.
* Steht hier pars pro toto für die vom Osten so weit wie möglich entfernte westdeutsche Provinz. Und vielleicht auch deshalb, weil ich dort Jugendliche und Punks kenne...
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