28.8.18

Rechte und linke Demonstranten

Symbolbild: Linksradikale (laut Medien)
Ein Nazimob rennt durch eine sächsische Kleinstadt. Menschen, die keine Nazis sind, demonstrieren dagegen, dass ein Nazimob durch die sächsische Kleinstadt rennt. Und die deutschen Medien heute so (und zwar bis in die von mir geschätzte liberale Zeit Online hinein): "Proteste rechter und linker Demonstranten". Das ist ein Problem. Oder vielmehr: Das ist der Sieg (zumindest der kulturelle und der Diskurssieg) der Rechtsextremen in diesem Land.

Denn wo Menschen, die keine Nazis sind, als "links" bezeichnet werden, erscheint Nazisein als fast schon normal, nämlich als nicht-links. Und das ist für die meisten Menschen in diesem Land gut und normal. Also nicht-links zu sein. Unter anderem deshalb, weil die Worte rechts und links im öffentlichen Diskurs heute nicht mehr eine grobe und unproblematische Verortung in einem politischen Koordinatensystem meinen, sondern das, was "wir" früher als rechts- oder linksradikal bezeichnet haben. Wie vor einigen Jahren ein damals noch jugendlicher Verwandter formulierte: "Rechts ist, wenn ich Ausländer verhaue, nicht, wenn ich was gegen Ausländer habe". Das hat mich damals unglaublich aufgeregt. Und heute ist es Teil dessen, was die meisten Menschen, die ich erlebe, ungefähr so sagen.

Wenn es in diesem Sinne "links" sein soll, gegen Nazis zu sein, dann ist es wohl noch schlimmer, als ich dachte. Dann richten sich Journalistinnen und Politikerinnen in einer bequemen Äquidistanz ein - Nazis und Nicht-Nazis, irgendwie beide gleich weit weg von mir. Merkt ihr, oder?

Es ist nicht links, gegen Nazis zu sein und aufzustehen, wenn sie marschieren oder rennen. Es ist normal. Und viele Konservative, die ich kenne (und die sich, wenn sie in meinem Alter oder etwas älter sind, selbst eigentlich als "rechts" im alten Sinne bezeichnen würden), finden es überhaupt nicht witzig, dass sie auf einmal als Linke bezeichnet werden, nur weil sie gegen Nazis sind.

Ich glaube, auch nur in diesem Sinne ist verständlich, wieso rechtsextreme ehemalige Konservative einen "Linksruck" der CDU beklagen. Da, wo sich die CDU (also fast nur in Westdeutschland und auch da leider längst nicht überall) klar gegen Nazis positioniert, ist sie in diesem Sinne nämlich "links". Aha. So, auch und gerade mit der gedankenlosen Formulierung "rechte und linke Demonstranten", werden Menschen, die sich nicht selbst als "links" bezeichnen, gegenüber Nazis desensibilisiert.

Das macht mir viel mehr Angst als ein Nazimob, der durch Chemnitz rennt. Und dass die Polizei nichtmal diese Äquidistanz hat. Eigentlich traurig, dass ich schon froh wäre, wenn die Polizei als Institution Nazis ähnlich behandelte wie linken Protest.



Kommentare:

  1. Anonym28.8.18

    Interessant.
    "Es ist nicht links, gegen Nazis zu sein und aufzustehen, wenn sie marschieren oder rennen. Es ist normal. Und viele Konservative, die ich kenne (und die sich, wenn sie in meinem Alter oder etwas älter sind, selbst eigentlich als "rechts" im alten Sinne bezeichnen würden), finden es überhaupt nicht witzig, dass sie auf einmal als Linke bezeichnet werden, nur weil sie gegen Nazis sind."

    Das ist exakt das was viele verspüren, die nicht blindlings einverstanden sind, mit dem was da seit 2015 so vor sich geht, und die deshalb pauschal als "Nazis" beschimpft werden.

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    1. Äh, die, die seit 2015 nicht einverstanden sind, werden von Konservativen als „Gutmenschen“ beschimpft. Nazis waren die, die mit dem Mob, der seit 2015 den Diskurs bestimmt, einverstanden sind.

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  2. Anonym28.8.18

    Sie meinen die Nazis jetzt, richtig?

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