13.1.15

Bildungsfernes Schichten

Jugendliche müssen so was sagen. Wirklich. Sonst liefe was falsch. Keine Kritik also, kein Erheben, kein mildes Lächeln von meiner Seite. Wirklich nicht.
Komisch und verquer wird es, wenn das aber Erwachsene begeistert aufnehmen und wenn deren "Medien" das zum Tweet des Tages erklären.

Es erinnert mich an so ziemlich jede Diskussion über Bildung und Schule, die ich mein Leben lang geführt habe. Bereits ganz großartig während der Schulkämpfe in den 80ern in Hamburg - gipfelnd im legendären Streitgespräch unseres stramm Stamokap geprägten Vorsitzenden der SchülerInnenkammer (so hieß die damals) mit Gerhard Meyer-Vorfelder ("MV"), dem damaligen Schulminister in Baden-Württemberg, der sich im Fernsehen zu der Aussage verstieg, die Masse der jungen Leute brauche nur führerscheinähnliche Kenntnisse, wenn sie die Schule verlasse.

Steuern, Miete, Führerschein - klassisches rechtskonservatives Schulziel für die Masse - während die Gedichtsanalyse den wenigen Kindern der Professoren und Ärzte vorbehalten sind, denn wer braucht so was schon.

Call me Bildungsbürger, aber ich finde es großartig, dass wir da heute weiter sind. Mich hat, zumal ich eben gerade nicht aus Arbeiterinnenfamilien stamme sondern aus einer Mischung von Akademikerinnen und Kleinbürgerinnen, die emphatische Kritik am reaktionären Antiintellektualismus heutiger Pseudoeliten sehr berührt, die Georg Seeßlen im Oktober in der Konkret schrieb. Lest die mal, wirklich.

Wo wenn nicht in der Schule, wenn sie nicht aus falsch verstandenem ökonomischen Druck gehetzt und nur auf Anwendungswissen getrimmt ist, kann ich so zweckfrei und nur aus intellektueller Maniriertheit etwas wie Gedichtsanalysen machen? Wo kann ich, nachdem das akademische Studium durch den Bolognaprozess kastriert und auf Linie gebracht wurde, noch denken lernen.

Das macht vielen Jugendlichen keinen Spaß. Aber selbst wenn ich jetzt wie der alte Sack klinge, der ich bin: Selbst die, die sich darüber mokieren, während sie sich aus schicker Langeweile oder tatsächlichem Desinteresse in der Nase popeln oder ihre Haare durch den Mund ziehen, profitieren langfristig davon.

Steuern, Miete, Versicherungen. Lineare Algebra sogar (obwohl ich erst entsetzt war, dass das ins Studium ausgelagert wurde). Das Leben, die Berufsschule oder der Vorkurs an der Uni sind auch noch da.

Mich gruselt es vor Leuten, die die Schule von ihrem Bildungsauftrag befreien und ihr einen Ausbildungsauftrag verpassen wollen. Denn sie verfolgen eine Agenda. Und die ist bestenfalls reaktionär.

Kommentare:

  1. Ach ja, danke.
    Mich reißt's vor allem, wenn gerade solche, die die reine Zweckorientiertheit unserer wirtschaftsgetriebenen Leistungsgesellschaft kritisieren, im nächsten Atemzug lästern, ihre Kinder bekämen in der Schule nur Zeugs beigebracht, das sie nie im Leben brauchen würden: Wozu sollen sie die Zuflüsse des Okavango lernen?
    Dir brauche ich vermutlich nicht vom eher haarsträubenden Ideal der "Kompetenzorientierung" vorseufzen. Bildung inlusive Faktenwissen (ja, das ist anstrengend, das muss man auch mal ganz spaßbefreit pauken) formen ein Gitter, in das sich die Wahrnehmungen einhängen können, ein Koordinatensystem, das man braucht, um Neues überhaupt einzuordnen. Und die blöden Zuflüsse des Okavango führen vielleicht zu Ideen, wie heutige Konflikte in dieser Region zu erklären sind.

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  2. Ich stimme zu, nur finde ich, dass der erste Absatz genau die Gönnerhaftigkeit ausstrahlt, die er scheinbar zu vermeiden sucht. Ich finde, man kann @Naina die Kritik an ihrer Position zumuten.

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    1. Ja, kann man - aber ich kritisiere sie nicht. Meine das wirklich so. Vielleicht, weil ich zwei Kinder in genau diesem Alter habe.

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    2. Anonym24.1.15

      Ausbildungsauftrag statt Bildungsauftrag - so schön hat das noch keiner auf den Punkt gebracht. Danke!

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  3. Anonym14.1.15

    Schöner Text.

    Eine Jugend, die neben Führerscheinwissen alles über Steuern, Geldanlagen und Versicherungen weiß, aber noch nie eine Gedicht gelesen hat, noch nie ausführlich diskutiert hat und das Selberdenken für ein Markthemmnis hält, wird sich selbst nicht gerecht. Alles am Maßstab ökonomischen Nutzens auszurichten, das ist - und das muss erst einmal erkannt werden - über Extremismus, der den Zweck von Bildung nicht begriffen hat, noch Respekt vor den Jugendlichen hat.

    Allerdings halte ich die von der Jugendlichen geäußerte Kritik, dass die "eigenen Bildungsbedürfnisse" (so nenne ich das mal) im allgemeinen Schulbetrieb zu wenig berücksichtigt werden, durchaus für zutreffend. Wenn Jugendliche an der Schule tatsächlich einen Führerschein erlernen könnten, und im Gegenzug andere Bildungsinhalte gekürzt werden, dann muss das weder für die Jugendlichen schlecht, noch für das Bildungssystem ein Rückschritt sein.

    Allein, wenn ich denke, wie total grausam der Musikunterricht zu meiner Zeit war (heute bin ich Hobbymusiker - was aber definitiv rein garnichts mit der schulischen "Musikausbildung" - lol - zu tun hat), dann wäre es ganz sicher nicht mein Schaden gewesen, wenn dieses Fach mal für ein halbes Jahr ausgefallen wäre, zu Gunsten dann eines Führerscheins.

    Überspitzt formuliert: Manche Schulinhalte, wie der einseitig auf sogenannte "Hochkultur" ausgerichtete Musikunterricht, sind auch heute so lebensfremd "bildungsbürgerlich", dass sie sowohl ihren Bildungsauftrag verfehlen, als auch eben genau das, was mit Bildungsbürger eigentlich gemeint ist.

    Wenn sich an Stelle einer paternalistischen Bildungsbevormundung der Gedanke Bahn bricht, dass auch Jugendliche über ihre Bildungsinhalte - jedenfalls teilweise - bestimmen dürfen, dann wäre das sicher nicht falsch. Und dann käme dabei wohl in vielen Fällen auch so etwas wie ein Führerschein heraus.

    Diese Art von Bildungsmitbestimmung, für die ich mich ausspreche, das ist dann aber noch etwas ganz anderes als eine totale Durchökonomisierung der Bildungsinhalte. Das wäre dann wirklich reaktionär.

    John Dean

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  4. Der Musikunterricht ist bei uns damals eh schon dauernd ausgefallen. Ich finde es sehr schade, dass ich nicht mehr und interessanteren Musikunterricht hatte als dieses eine Jahr im achten Schuljahr.

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  5. Anonym14.1.15

    Das mit dem fehlenden Alltagswissen klappt bei den Jugendlichen doch nur, weil die Eltern als Helikopter, Kumpels, Notfall-Backup, täglich 24-Std. via Handy und Whatsapp Gewehr bei Fuss stehen. Der Schule dann die Schuld zu geben, wenn es auffällt, dass die Sprößlinge zwar alles über die neusten Memes wissen, aber nichts über Steuerpflicht und Nebenjobs, legt doch nur die Erzeihungsunfähigkeit der Eltern offen.

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  6. Denken lernen. Und denken üben. Das wünsche ich mir von der Schule für meine Kinder. So habe ich das früher in meiner bayerischen Gymnasialzeit auch wahrgenommen (klingt jetzt auch nach alter Sack). Leider macht das bayerische G8 exakt das Gegenteil mit meinen Kindern: Positives Wissen reinballern und wieder vergessen. Ich könnte eine mehrbändige Enzyklopädie über das Thema schreiben. Wäre aber zu frustrierend.

    Jedenfalls ist Gedichtanalyse ein Bildungs- und Gedanken-"Luxus", den ich großartig finde. Wann im Leben bleibt nochmal Zeit für so was?

    (Und natürlich hat Naina mit ihrem Tweet auch ein bisschen Recht. Etwas mehr Pragmatismus auch im Gymnasium wäre nicht schlecht. Eine gute Mischung halt.)

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  7. Anonym16.1.15

    Ich stimme voll und ganz zu, dass die Verdichtung der Schul- und Studienzeit auf die Ausbildung gesellschaftlich fähiger Arbeitsbienen ein Problem darstellt. Charakter, Selbstbewusstsein im wörtlichen Sinne, Eigeninitiative, Motivation: für die Bildung dieser (übrigens erst recht in fast jeder Stellenanzeige so als "was Sie mitbringen sollten" vorgegebenen) so wichtigen Eigenschaften braucht es Entwicklungsraum und - zeit.

    ABER: Wie so häufig ist nicht nur das WAS entscheidend, sondern mindestens genauso wichtig das WIE. Ich erinnere mich als alte Säckin (gendergerecht und so...) in meiner Schulzeit fast ausschließlich an ein plumpes Abarbeiten der sogenannten Bildungsinhalte, ein - wie oben schon jemand sagte - weltfremdes Auswendiglernen und Wiederholen. Meine Lehrer haben derart auf die Wichtigkeit der BildungsINHALTE und des Stoffes gepocht, dass genau diese Luft und Zeit zum reflektieren und sich-eigene-Gedanken-machen viel zu kurz kam. Es wurde Wissen abgefragt und nicht die Fähigkeit, sich mit Inhalten auseinander setzen und selbst erarbeiten zu können. Heute wird das im Lehramtsstudium sogar so geprädigt: Kompetenzen vermitteln, nicht Wissen.
    NUR: Wie das wirklich konkret umzusetzen ist, darauf gibt es nach wie kaum eine für alle Seiten befriedigende Antwort.

    Zusammenfassend kann ich die Frustration vieler Schüler und Eltern schon verstehen: Die Zeit, die Kinder und Jugendliche in der Schule verbringen müssen, ist verdammt lang. Meine persönliche Idee wäre ja, sie während der Pubertät aus den verkopften Anstalten raus in den aktiven Arbeitsbereich zu holen und die weitere geistige Weiterbildung nach hinten zu verlegen, wenn wieder mehr Fokus und Lust da ist, sich mit den Bildungsinhalten zu beschäftigen.
    Und nein, nicht weil sie dem Arbeitsmarkt dann früher und frischer zur Verfügung stehen, sondern weil für die eigene persönliche Entwicklung Abwechslung bringt und den Horizont öffnen kann.

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