10.4.13

Kopf hoch, tanzen

Jetzt hört mal auf zu Jammern. Maybe oder YOLO oder was weiß ich. Legt mal diese alberne Neon-Pose ab. Ihr seid ja schlimmer als die Generation meiner Eltern, die auch nicht erwachsen werden wollte und zig Berufsjugendliche hervorgebracht hat.

Ich hab ja oft über diese Generation geschimpft, die sich Y oder YOLO oder Millennials nennt. Was mich aber am allermeisten stört: Das weinerliche, jammernde Ausschauen nach einem Schlaraffenland (googlet das, wenn euch das nichts mehr sagt). Dafür gibt es keinen Grund, also für das Jammern jetzt. Für die Scheu, sich zu entscheiden.

Aus einem nun schon etwas längeren Leben kann ich euch berichten: Das Leben ist toll oder kann es sein. Und keine Entscheidung, kein Job, kein Haus ist für die Ewigkeit. Nicht mal ein Studium oder eine Ausbildung. Was habe ich allein schon alles gemacht an Berufen. Und was haben alle die Leute in meinem Alter, die ich kenne, alles schon gemacht. Na und? Mein abseitiges Studium würde ich immer wieder machen, und sei es nur für mich. Aber ich dachte danach auch nicht, ich sei jetzt fertig und könnte irgendwas außer studieren.

Ich weiß nicht, was es ist, das die von euch, die da rumjammern, von den anderen, die da richtig ranklotzen oder ausruhen oder Feierabend machen oder Kinder bekommen oder Bücher schreiben oder eine Firma gründen oder so, unterscheidet. Mein Verdacht ist: Ihr erwartet zu viel Kribbeln. Und zu viele gebratene Tauben.
Mich macht das wahrscheinlich auch deshalb so emotional, weil die ersten meiner Kinder gerade an der Schwelle sind, die erste echt wichtige Weiche selbst zu stellen. In gut zwei, drei Jahren sind sie aus der Schule raus. Und müssen einen ersten Weg einschlagen. Selbst wenn der nicht für ewig oder nur für lange ist.
Ich finde es super, wenn jemand klare Erwartungen und Ansprüche ans Leben und Arbeiten hat. Und ich finde es auch ganz klar, dass "wir Unternehmen", "wir Chefs" darauf hören. Von euch lernen, was euch wichtig ist. Und das auch machen, also das Hören, ohne gleich zu denken, dass ihr doof seid (jaja, ich weiß, manchmal tue ich so, als ob ich euch doof fände, aber pssst, das stimmt eigentlich nicht, auch wenn ich mich manchmal über euch ärgere). Und uns auch, denn es gibt irgendwie nicht so viele von euch, auf euch einstellen, vieles ändern an dem, wie wir arbeiten, wenn es sein muss.

Nur: Wenn ihr jammert, wie dieser Volontär bei Springer in diesem von so vielen von euch verlinkten Artikel in der "Welt", dann verstehe ich euch nicht. Optionen und Auswahl ist doch irre. Dann macht was. Und wenn wir euch nicht gefallen, geht ihr wieder. Wenn ihr so toll seid, wie ihr glaubt, dann habt ihr doch die Option zu gehen. Wenn wir euch aus eurer Komfortzone zu treiben versuchen (um mal dieses Modebuzzwortdings zu verwenden) und euch das zu anstrengend oder doof ist, dann geht halt. Erlebe ich auch immer wieder. Ist auch ok, warum nicht. Macht eure Erfahrungen. Aber jammert nicht rum.

Um noch einmal auf meine lange Erfahrung mit diesem Leben, das ihr nur einmal leben wollt, zurückzukommen: Es kann toll sein - aber nicht immer. Es gibt auch mal Durststrecken. Auch im Job. Es gibt auch mal Chefs, die etwas von mir wollen, was ich doof finde. Und es gibt immer wieder die Erfahrung zu machen, dass das nicht automatisch tatsächlich doof ist, nur weil ich das dachte. Manchmal ist es selbst auf dem Ponyhof anstrengend, fragt mal meinen Sohn, der verbringt da viele Stunden in der Woche. Und verzeiht mir, dass ich so klinge wie euer Vater. Vielleicht ist der allerdings auch nicht so doof.

Mein Eindruck, wenn ich mit anderen Chefs in meinem Alter spreche, ist manchmal, dass einige von uns es sich und euch zu leicht machen. Und dass einiges von eurer Unzufriedenheit (wenn die denn das Problem sein sollte) daher kommen könnte, dass wir euch nicht genug fordern. Euch nicht genug antreiben. Euch nicht genug quälen mit dem, was wir von euch und mit euch wollen. Lustigerweise höre ich das auch immer wieder von Leuten in meinem Alter: dass sie euch irgendwie mal schütteln wollen würden, damit ihr euch etwas schneller bewegt. Oder euch mal ausdenkt, wo ihr hinwollt oder was ihr wollen könntet. Egal, ob das dann sofort was wird. Oder euch bewusst macht, was ihr noch lernen könntet, wenn ihr wolltet. Sogar von uns.

Kurz nachdem ich vor zwanzig Jahren geheiratet hatte, gingen viele Beziehungen in unserem Bekanntenkreis in die Brüche. Und ganz oft hörten wir als Grund, es habe nicht mehr gekribbelt. Es ist also keineswegs so neu, was ihr fühlt und erlebt. Da sind wir alle durch. Wir waren mehr als ihr und haben, auch die gut ausgebildeten und intelligenten Akademikerinnen, mehr darum kämpfen müssen, die ersten Chancen im Beruf zu bekommen. Aber das ist auch der einzige Unterschied.

Und darum nehmt mal den Kopf hoch. Oder, wie es Kurt Marti sagte: "Wo kämen wir denn hin, wenn alle nur sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um nachzusehen, wohin man denn käme, wenn man denn ginge".

Kommentare:

  1. Anonym10.4.13

    Ist ja auch schön einfach sich hinzustellen und zu sagen: nervt mich nicht mit eurem langweiligen Leben, macht halt was, hab ich auch gemacht. Wenn man selbst jung war als es eine Fülle an ok-bezahlten Jobs und ein soziales Netz gab war "selbst was machen" bestimmt auch nicht einfach, aber immerhin eine attraktive Option. Wenn man heute 2 oder 3 oder fünft Jahre in seinen 20ern in eine Idee-fixe investiert heißt das, sollte es nicht klappen: Hartz, Lücke im Lebenslauf, Niedriglohnsektor.
    Vielleicht sollte man, bevor man eine ganze Generation als Jammerlappen hinstellt, mal einen scharfen Blick auf die Entwicklung von Demographie, Einkommensstruktur und die Arbeitswelt im ganzen seit man selbst in dem Alter war werfen.
    Das sind halt die Babyboomer, selbst nie größere Krisen erlebt aber alle anderen als Miesepeter darstellen.

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    1. Sehr geehrter Anonym, ich danke Ihnen für diesen Kommentar ganz besonders. Denn er illustriert trefflich, was ich meine. Wunderbar, wenn das Jammern dann auch noch mit mangelhafter Kompetenz im sinnentnehmenden Lesen (und ich vermute aus diesem Grund auch eine start auseinanderklaffende Selbst- und Fremdwahrnehmung über die eigene Billanz) und fehlenden historischen Kenntnissen (nur zwei grobe Schnitzer: 1. die Babyboomer sind meine Eltern, 2. in der Zeit, in der ich in meinen 20ern war, gab es eine Hohe Arbeitslosigkeit unter Akademikerinnen) einhergeht.
      QED.

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    2. Das mit den Babyboomern stimmt so nicht, Wolfgang. In Deutschland werden die zwischen 1955 und 1965 Geborenen als "geburtenstarke Jahrgänge" = Babyboomer bezeichnet. Da sind deine Eltern wohl zu alt und du zu jung für.

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    3. ok, interessant, ich kannte den Begriff nur aus der US-Diskussion, wo er exakt auf die Generation meiner Eltern passt, nämlich die 45-65 Geborenen meint. In keinem Fall aber gehöre ich zu den Babyboomern :)

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  2. Upps, da macht es sich aber jemand ganz schön einfach mit seiner Einstellung. Wenn ich mit der Haltung durchs Leben gehe, dann machst du es deinem Gegenüber eher schwer, dir Chancen zu geben. Oder du dir selbst, Chancen zu erkennen und wahrzunehmen. Das Leben ist wahrlich (k)ein Ponyhof, aber es kommt drauf an, was du draus machst.

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  3. Ganz so einfach würde ich es mir nicht machen. Es gab zu allen Zeiten diejenigen die gejammert haben. In den 80ern diejenigen, die auf die Yuppies neidisch waren. In den 90ern die, die den Dinkies ihr Geld geneidet haben. Nach der Jahrtausendwende war dann eh nur mehr Krise, und jetzt geht es halt gegen die bösen Bobos.

    Und es gab zu alen Zeiten die, die versucht haben das Beste aus dem Leben zu machen, zu gestalten, zu wirken und zu leisten.

    Und dazwischen die große Menge derjenigen, die sich irgendwie mit den Verhältnissen arrangiert und ihr Leben einfach still und leise gelebt haben.

    Die Arbeitswelt hat sich massiv verändert, ebenso das digitale Abild der Gesellschaft. Veränderung erzeugt Unsicherheit und Abwehr ganz unabhängig von Geschlecht und Alter. Veränderung lässt immer auch Teile einer Generation "hinter sich". Alte Weltbilder helfen eben nicht in sich wandelnden Zeiten.

    Als Cef sollte man den jungen Leuten die Hand ausstrecken und sagen: Hier, komm, ich zeig Dir wos lang geht. Als Gegenleistung kann und darf man auch Engagement, Fleiß und Einsatz verlangen. Und in den meisten Fällen klappt das auch ganz gut......

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    1. Wahrscheinlich liegt tatsächlich der Unterschied nicht in der Selbstwahrnehmung, sondern in der Selbstdarstellung. Die Generation YOLO ist eben auch die Generation Social Media.

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  4. Und noch ein Nachtrag, auf den mich MIchael Gwosdz hinwies, weil er den Text damals, 2007, geschrieben hatte, als ein Ähnliches Jammern unter dem Stichwort "Generation Praktikum" schon einmal Medien und Netz durchrauschte: Die Wahrnehmung stimmte auch schon damals nicht. Spannend, wenn die mediale Selbstwahrnehmung mit der Realität konfrontiert wird. Hier sein Artikel damals

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    1. Anonym12.4.13

      Ich war ein paar Jahre Studienberaterin und schaue immer noch einmal auf die Entwicklung. Mittlerweile wandelt sich das Bild und Hochschulabsolventen werden händeringend gesucht. Nicht alle Studienrichtungen. Das stimmt wohl.

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  5. Thomas S.22.4.13

    Das ist mir zu einfach. In den 80er Jahren (da kenn ich mich aus, weil es meine Jugendzeit war) war es z.B. kein Problem, einen Ferienjob mit 12-15 Mark Stundenlohn zu finden (was bei der seitherigen Preisentwicklung eher mehr war als heute dasselbe in Euro). Wo gibt es sowas heute noch? Und solche Beispiele könnte man viele finden.

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