6.5.10

Ich bin mir nicht sicher

Ganz ehrlich: Mein erster Reflex war auch, dass das ja nicht sein dürfe, dass ein Berufsverbot aufgrund des Musikgeschmacks verboten gehört. Dass die Empörung, die leise durch mein Onlineumfeld grollt, berechtigt ist. Es wird immer dieser Beitrag der "Welt" verlinkt und kommentiert:
Zu viel Gewalt & Porno: Death-Metal-Sänger darf nicht mehr unterrichten
Thomas Gurrath war Referendar im Schuldienst des Landes Baden-Württemberg. Weil er mit seiner Death-Metal-Band Debauchery über Gewalt singt und pornografische Videos dreht, darf er nicht mehr unterrichten.
Und so weiter, lest es euch selbst durch. Ich kann mir zum konkreten Fall kein wirkliches Bild machen. Aber es bringt mich zum Nachdenken. Denn neben dem "liberalen" Reflex, dass den Staat als Arbeitgeber genau dieses nichts angehe, war sofort die Frage da, ob ich will, dass "so einer" meine Kinder unterrichtet. Nicht falsch verstehen: Meine Kinder haben genug schlechte Lehrer, die voll und genau dem bevorzugten Schema entsprechen, wie Lehrerinnen sein sollen in diesem Land. Und einer der drei wirklich guten Lehrer, die ich in der Schule hatte, war einer, der einen anderen Beruf gelernt hatte und ein abstruses Hobby pflegte. Mir geht es auch nicht um die (wie ich finde: in ihrere Revoluzzerattitüde sehr, sehr spießige) Musik. Oder die Texte. Und schon gar nicht um den im Welt-Artikel geschilderten auslösenden Vorfall, wenn er denn stimmt (Diskussion um Videospiele als Massenmordauslöser - da klingt es im Artikel so, als ob Gurrath sich so verhalten hat, wie ich es mir wünschen würde: offen und die Kinder zu Diskussionen ermutigend).

Aber bei Pornografie und bei Gewalt (auch in der spießigen Kunst) hört für mich der Spaß auf. Oder wie meine Süße sagen würde: Toleranz endet mit z. Ja, ich kenne aus dem Familienumfeld die Spießer, die sich für Punker halten, die Metaler, die das alles für einen Spaß halten, und so weiter. Und ja, manche davon sind liebe, nette, große Kerle, die vielleicht die Schule vernachlässigen, aber gute Krankenpfleger oder Gastronomen werden. Es sind also nicht die Vorurteile, die mir im Weg stehen, hier vom "Schweinestaat" zu murmeln, der Geschmack über berufliche Zukunft entscheiden lasse.

Es gibt eine Grenze. Das fängt imho bei Hasch an (und jeder, der sich auch nur ein winziges Bisschen mit dem Thema beschäftigt, weiß, dass das Problem nicht die Illegalität ist oder das Thema Drogen, sondern dass sich der Wirkstoff im Fett einlagert und in Stresssituationen freigesetzt wird, so dass in eben diesen Situationen auch ein Rausch entsteht, wenn jemand seit Jahren nichts mehr geraucht hat, anders als bei Alkohol, der abtransportiert wird), und endet sicher nicht bei Pornografie. Insofern kommt mir die im Artikel beschriebene Lösung gar nicht so absurd vor: Es wird offenbar ja gerade keine "nieundnimmer"-Position aufgebaut, sondern schon gesehen, dass sich Menschen ändern können.

Schulen sind in diesem Land weltanschauungsneutral, aber nicht werteneutral. Die Werte kann ich in Frage stellen. Ich kann mein Kind ja auch beispielsweise in eine Waldorfschule stecken, die ganz andere Werte hat als die Gesellschaft.

Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich glaube, ich finde es gut, dass er nicht Lehrer wird erstmal.

20.4.10

Mal jenseits des Fanboys-Jubelns: Warum Jeff Jarvis die richtigen Fragen stellt

Ich bin keiner der Fanboys, die Jeff Jarvis allein deshalb zujubeln, weil er so entertaining ist. Denn ich hab lange genug mit Amerikanern gearbeitet und auch selbst Vorträge gehalten, um zu lernen, dass Zuhörer nun mal ein Recht drauf haben, unterhalten zu werden, wenn sie mir ihre Zeit schenken - und dass etwas nicht allein deshalb falsch ist, weil es unterhaltsam vorgetragen wurde (wie es oft in Deutschland gesehen zu werden scheint). Ich hab also durchaus noch meinen Verstand und sehe manche Vergleiche kritisch, die Jarvis anstellt. Aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie in den letzten Tagen über ihn berichtet wurde, nur weil die Berichtenden seinen Sauna-Vergleich nicht verstanden haben (weder die Jubler noch die Zweifler, hab ich den Eindruck).

Denn ich denke, Jarvis stellt genau die richtige Fragen:
  • Was halten wir (als Eltern, als Menschen, als Gesellschaft) für privat und was nicht - und wo soll oder darf ich entscheiden, etwas, das andere für privat halten, von mir selbst öffentlich zu machen?
  • Was sind die Opportunitätskosten der einen oder der anderen Entscheidung?
  • Warum soll es ok sein, dass andere mich kritisieren, wenn ich etwas von mir öffentlich machen, was sie von sich nicht öffentlich machen (wollen/ würden)?
  • Was gewinne ich und was verliere ich?
  • Ist die "default privat" Haltung, die bei Menschen über 35 in diesem Land mehrheitlich vorzuherrschen scheint, wirklich besser als die "default public" Haltung, die ein großer Teil der Jüngeren hat und die in anderen Kulturen schon länger gilt?
  • Und ist die kulturelle Kontingenz von Privatheit in der gesellschaftlichen Übereinkunft, die unbestreitbar ist (siehe nur Schweden, Deutschland, USA und ihre jeweiligen Konzepte dazu), ein unbedingt zu erhaltender Zustand?
  • Oder wird sich das Thema in dieser Form absehbar biologisch erledigen?
  • Ein unaufgeregtes Interview von dctp mit Jeff Jarvis über Privatsphäre im Internet-Zeitalter: Wenn der Penis schrumpft:



    Von mir noch zweieinhalb Ergänzungen aus der Erfahrung von siebeneinviertel Jahren Selbstentblößungdarstellung im Internetz:
  • Es ist definitiv ein Unterschied, ob ich entscheide, was ich von mir preisgebe, oder jemand anders das für mich tut, sei es der Staat oder Menschen, denen ich privat etwas erzählt habe. Wenn ich aber entscheide, etwas preiszugeben, dann werde ich auch damit leben (müssen), dass es preisgegeben ist - dass es also auffindbar ist. Den Punkt spricht Jarvis ja auch an im Interview.
  • Bevor ich die Entscheidung anderer über ihre Haltung zu Privatheit oder Öffentlichkeit kritisiere oder gar verdammt, sollte ich ihnen zuhören und sie fragen, ob sie wissen, was sie tun. (Denn ja, Menschen, vor allem junge und sehr junge Menschen, müssen davor geschützt werden, unwissentlich in die Öffentlichkeitsfalle zu tappen - aber sicher nciht, indem ich sie an Öffentlichkeit hindere, wie es zurzeit viele wollen, sondern eher, indem ich ihnen helfe, die Entscheidung für oder wider Öffentlichkeit bewusst zu treffen.)
  • Und als halben Punkt und quasi als ceterum censeo: Es gibt im Internetz immer noch keinen Lesezwang. Wenn mich also mein Neffe kritisiert, weil er nicht wissen will, wann ich in die Sauna gehe, dann ist seine Schlussfolgerung, ich soll nicht via Twitter sagen, dass ich in die Sauna gehe, absurd - denn er müsste ja nicht zuhören.
  • Ich bin mir sicher, dass wir zurzeit in einer Umbruchzeit leben, nicht nur, was die Kulturtechniken von Publizieren und Rezipieren, sondern auch, was die "default"-Einstellungen im Bereich privat/öffentlich angeht. Und entweder wir verabschieden uns aus dieser Diskussion, indem wir unsere eigenen Ideen für alle verbindlich machen wollen (die anderen aber mit den Füßen abstimmen und eben zu Facebook gehen, mal beispielsweise) - oder wir nehmen an ihr teil und versuchen, die neuen gesellschaftlichen Regeln mitauszuhandeln. Eine Mauer zu bauen, um noch einmal ein Bild von Jarvis aus dem Interview aufzunehmen, wird jedenfalls auf Dauer nicht helfen.

    18.4.10

    Nun ist er groß

    Erste Konfirmation in da house. Irgendwie war ich am Ende gar nicht so aufgeregt, wie ich dachte. Früher sagte man ja, dann ist das Kind erwachsen, irgendwie stimmt das auch, wenn man sich die Bilder anguckt:



    Es war entspannt, erste Feier im neuen Haus, bei gutem Wetter, mit Grillen und Lasagne (was tut man nicht alles, um Wünsche zu erfüllen), mit der engsten Verwandtschaft und den Paten mit ihren Familien. Als wir das Abendmahl gestürmt haben, war es voll...

    Im Grunde ändert sich ja nichts so direkt durch dieses Fest. Aber trotzdem ist es ein Abschnitt und ein mir irgendwie wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, das mit Glück nicht ganz noch mal 14 Jahre dauern wird. Und für uns das erste Mal, übernächstes Jahr geht es weiter.

    Primus, du bist so groß. Und manchmal schon so erwachsen. Glücklicherweise nicht immer. Aber - auch wenn ich dich latent peinlich mache, wenn ich das jetzt sage - ein richtig guter Kerl auf dem Weg.

    11.4.10

    Eine Ära geht zu Ende

    Meine erste brand eins war die Finnland-Ausgabe, wisst ihr noch? Die hellblaue mit dem Rollerfahrer auf dem Cover. Seitdem habe ich sie abonniert. Und diese Woche habe ich das Abo beendet.




    Foto unter cc-Lizenz von Max Braun


    Das fiel mir schwer, denn ich mag die Zeitschrift weiterhin. Und ich hänge an ihr. Damals, als ich auch an ein Freiexemplar kommen konnte, habe ich sie bewusst für Geld bestellt, weil ich es so toll fand, was das Team um Gabriele Fischer gemacht hat. Und die zahlreichen Gespräche, die ich mit ihr führen konnte, gehörten immer zu den inspirierenden Momenten.

    Aber seit dem Sommer habe ich, das musste ich irgendwann zugeben, keine Ausgabe mehr gelesen - oder wenn, dann nur einige wenige Artikel. Und darum habe ich anlässlich des Umzugs und des Großreinemachens die überfällige Konsequenz gezogen. Die brand eins ist wichtig gewesen in meinem Leben. Und ich höre hin und wieder weiterhin den Schwerpunkt als Audiomagazin.

    Am Anfang war sie faszinierend, weil sie das Thema Wirtschaft anders anging. Gabriele war immer sauer, wenn ich meinte, ihr Baby sei so etwas wie die taz unter den Wirtschaftsmagazinen - was ich verstehen kann angesichts der wirtschaftlichen Implikationen, was ich weniger verstehen konnte angesichts des Stils und der Stilbrüche, die für mich die brand eins ausmachten.

    Dann hat die brand eins das Cluetrain Manifest entdeckt und diese große Strecke mit den Bildausschnitten nackter Menschen gemacht, auf die einzelne Thesen tätowiert waren. Diese Ausgabe hat - nicht nur bei mir - sehr viel in Gang gesetzt und vieles verändert. Ohne diese Ausgabe und ohne brand eins wäre ich heute nicht da, wo ich bin, und würde ich heute nicht das beruflich machen, was ich mache.

    Die Zeitschrift gründete eine E-Mail-Diskussionsliste rund um das Cluetrain Manifest, aus diese Liste sind viele Freundschaften entstanden, einige der wirklich guten Blogs dieses Landes und eigentlich alle Berater hervorgegangen, die heute gut und mit Erfahrung rund um Kommunikation in den Social Media unterwegs sind.

    Dafür bin ich bis heute dankbar. Und auch, wenn mich viele Schwerpunktintros von Wolf Lotter geärgert haben, auch, wenn mir zwischenzeitlich (es war eine Phase in der ersten Hälfter der 2000er) die bigotte rechtslastige Verachtung gestunken hat, die er hin und wieder an den Tag legte (manifestiert in seiner Nähe zu den Kapsern von der "Achse des Guten"), war das, was in der brand eins stand auch in dieser Phase für mich wichtig.

    Nun werde ich nun noch sporadisch lesen und hören, so wie schon die letzten Monate. Ich werde die brand eins weiter verfolgen. Aber sie kommt nicht mehr jeden Monat zu mir nach Haus.

    8.4.10

    Wenn die Müdigkeit einsetzt

    Gibt es eigentlich diese legendäre Frühjahrsmüdigkeit wirklich? Frag ich mich gerade, wenn ich die Timeline bei Twitter ansehe, die ich verfolge - "tired" scheint eines der beliebtesten Worte zu sein. Dass ich müde bin, überrascht ja nicht, jetzt, wo langsam alles im neuen Haus an seinem Platz zu sein beginnt und das Tempo privat ein bisschen zurück gefahren werden kann (so weit das geht mit vier Kindern). Aber überall, wo ich hinsehe: Müdigkeit, Erschöpfung, frühes Insbettgehenwollen.

    Dabei kommen doch jetzt die langen Tage, auf die wir uns so gefreut haben. Ein bisschen Sonne. Die leichte Jacke. Das Rad.

    Oder liegt es an den vielen kurzen Wochen? Dass diese Zeit sich so zwischen Alltag und Freizeit anfühlt, der Körper und Geist nicht recht weiß, was Sache ist?

    ich glaub, ich muss mal wieder früher ins Bett. Denn ausschlafen ist nicht mit Kindern und einem jungen Hund. Obwohl das Morgenrot toll ist diese Tage und für das eine oder andere versöhnt...

    1.4.10

    Der Blick von weit weg und ganz nah

    Letzte Woche hat eines der wundervollsten Blogs in Deutschland aufgehört. Ich hab lange überlegt, ob und was ich dazu sagen soll, denn ich kannte die Frau Antonmann ja gar nicht wirklich. Also nicht so, wie man früher "kennen" definiert hätte. Aber über die Jahre ist sie ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, auch wenn das ein bisschen zu pathetisch klingt (und ich sollte auch nicht verschweigen, dass ich mit Kunden auch einmal mit ihr zusammen etwas gemacht habe, so als disclosure).

    Liebe Frau Antonmann,

    wir kennen uns nicht. Nicht wirklich zumindest. Aber irgendwie habe ich mich Ihnen immer nah gefühlt. Ich hatte den Eindruck, ich weiß über Sie und Ihre Familie mehr als über manche Freunde - und vielleicht ist das auch einer der Gründe dafür, dass Sie nun aufgehört haben zu bloggen (also jetzt hoffentlich nicht ich persönlich, aber diese Transparenz). Ich werde Ihr Blog vermissen. Nicht nur, weil Sie für mich immer so etwas wie der Mittelpunkt der (nicht wirklich existierenden) Szene der Familien, die bloggen, waren. Sondern vor allem, weil Sie mich haben teilhaben lassen an Ihrem Alltag.

    Denn den Alltag, also so den echten Alltag, bekommen wir bei anderen Familien ja oft gar nicht mit. Wenn wir Freunde besuchen, rüschen die ihr Haus auf und kämmen ihren Kindern die Haare. Unsere Kinder verziehen sich gemeinsam in eines der Zimmer und zerlegen das Haus oder den Garten. Der Stress am Frühstückstisch, der Streit unter den Geschwistern, all das, was den Alltag so anstrengend und erfüllt zugleich macht, wird für die Sondersituation "wir treffen uns mit Freunden" ein bisschen ausgeblendet.

    Durch Ihr Blog habe ich gesehen, dass es auch in anderen Familie so ist wie bei uns (nicht genau so, aber doch genau so wild und schön und doof und interessant und so). Dass Familien mit ähnlicher Altersstruktur und ähnlichen Berufstätigkeiten auch ähnlich ihr Leben meistern. Dass es auf und ab geht, aber immer weiter. Dass Sie auch in einer schweren Krise wieder Mut schöpfen.

    Ihr Blog, liebe Frau Antonmann, werde ich vermissen, auch wenn ich nicht täglich dort war und nur hin und wieder kommentiert habe. Und dass Sie Ihr Leben weiter leben, ohne dass ich dabei zusehen kann, ist ein ulkiges Gefühl, an das ich mich noch gewöhnen muss.

    Alles das, was ich an Blogs mag und was ich - da ich ja mit diesem Thema auch beruflich zu tun habe - anderen Menschen nahezubringen versuche, habe ich in Ihrem Blog gefunden. Und wenn ich da mal kommentiert habe oder Sie mich mal verlinkt haben (einmal glaub ich, damals, als ich auf Ihren Eintrag "mit dem dritten sieht man besser" mit meinem Plädoyer für die vier Kinder geantwortet habe), hat es viele, viele Menschen in dieses Blog gespült - weit mehr als jedes vermeintliche A-Blog je.

    Ihnen alles Gute. Ihren Kindern und dbEva ebenso. Auch von meiner Frau, die ja eine Kollegin von Ihnen ist. Und sagen Sie Bescheid, wenn Sie mal wieder loslegen sollten? Wo Sie mich finden, wissen Sie, kommen Sie gerne mal vorbei. Virtuell oder in der Kohlenstoffwelt.

    Ihr Haltungsturner

    31.3.10

    Da werden Sie geholfen

    Wer hätte das gedacht. OK, ich hatte es gehofft, als ich den Blogpost schrieb, in welcher Sackgasse ich bei der Deutschen Telekom gelandet war. Aber nicht wirklich damit gerechnet.

    Doch dann: Nur wenige Stunden nach dem Eintrag sah die Welt hoffnungsvoller aus, drei Werktage später scheint mein Problem gelöst. Der schale Nachgeschmack bleibt, was wohl wäre, wenn ich nicht in meinem Blog und via Twitter laut geworden wäre - aber die Mitarbeiterinnen und der Mitarbeiter der Telekom, mit denen ich seit Freitag zu tun hatte, haben mich positiv überrascht (und das ist, werden alle Marketer wissen, ein Schlüssel, um mich als Kunden emotional zurück zu gewinnen).
    Nach allem, was ich weiß, ist die Telekom dabei, den Kundenservice auf den Bereich Social Media (also vor allem wohl Blogs und Twitter) auszudehnen - und mein Blogpost und meine Tweets sind da bereits in eine Testphase reingerutscht. Es klingt so, als ob da übrigens noch mehr zu erwarten ist in nächster Zeit, was ich auch beruflich sehr spannend finde.
    So aber meldete sich eine sehr nette und ihre Nervosität zügig ablegende Frau T. (den Namen weiß ich, aber ich weiß nicht, ob es ihr Recht ist, dass ich ihn schreibe) bei mir, die mich den späten Freitag und den gesamten Sonnabend, teilweise offenbar sogar von außerhalb des Büros, begleitet hat. Mein Interimsinternet hab ich mir dann selbst abgeholt im AEZ, wo ich am Sonnabend ohnehin hin musste. Und im Laufe des Montag hat sie organisiert, dass am Dienstag, also gestern, tatsächlich ein Techniker raus zu und fährt, der die Leitung schaltet und auch das DSL aktiviert. Wer schon mal auf einen solchen Techniker gewartet hat, ahnt mit mir gemeinsam, was für eine Welle sie da intern wohl gemacht haben muss.

    Meine vorübergehende T-Online-Kennung konnte ich dann mit meiner existierenden Hardware (DSL-Modem und WLAN-Router) zum Laufen bringen.

    Ich bin gespannt, wie es mit den Kosten sein wird, die sich aus dem Interimsnetz und allem Ärger ergeben haben - eine unbürokratische Lösung ist mir versprochen. Und ich habe zurzeit keinen Anlass, das zu bezweifeln.

    Und weiter? Mal sehen, was mit dem kryptischen Brief gemeint sein mag, den ich parallel bekommen habe, dass mein Auftrag (welcher noch mal??) voraussichtlich im März 2011 ausgeführt werden könne. Mal sehen, ob und was die Telekom mit Social Media, Blogs, Twitter und Co noch vorhat. Ein bisschen ärgere ich mich, dass ich so lange gewartet habe, bis ich laut gab - andererseits hatte ich so schon eine echte Leidensgeschichte. Habe also nicht einfach nur gequakt und gemeckert.

    Die nächsten Tage werden zeigen, wie nachhaltig die Kommunikation mit mir aus deren Sicht war. Aber Frau T. hat es geschafft, mich als Kunden wieder einzufangen, der schon ernsthaft zweifelte, ob es eine gute Entscheidung war, vom Regen in die Traufe zu wechseln. Immerhin war ich als "Family CIO" ja auch von zu Hause unter massivem Druck, denn es war meine Entscheidung, von Alice wegzugehen und der Telekom eine neue Chance zu geben. Und zwei Wochen maulende Jugendliche, eine verzweifelnde und nicht arbeitsfähige Frau und ein irritiertes Au Pair zu Hause sitzen zu haben, die Tag für Tag vertröstet werden müssen, weil weder Internetz noch Festnetztelefonie absehbar sind, ist kein Spaß.

    26.3.10

    Ohne Verbindung

    Ein Brief an René Obermann, den Vorstandschef der Deutschen Telekom, den ich heute per E-Mail geschickt habe. Ich bin inzwischen ernsthaft verzweifelt.

    Sehr geehrter Herr Obermann,

    bitte entschuldigen Sie, dass ich mich direkt an Sie wende, aber nach eine mehrwöchigen Odyssee durch die Serviceabteilungen Ihres Unternehmens, die immer schwieriger wurde, weiß ich mir nicht mehr anders zu helfen.

    Ich wollte von Alice zur Telekom wechseln, als ich mein neues Haus gebaut und bezogen habe. Dass der Anschluss nicht wie zugesagt am 15.3. geschaltet werden konnte, kann ich verstehen, da durch das Wetter die Bauarbeiten an der Leitung zu spät fertig wurden. Leider wurde die Adresskorrektur (die Hausnummer wurde ursprünglich vom Bauherrenservice richtig aufgenommen und dann fehlerhaft korrigiert), die ich im T-Punkt und an der Hotline mehrfach vorgenommen hatte, nicht bei Ihnen ins System übernommen, so dass am Tag, der vorgesehen war, der Anschluss wieder nicht geschaltet werden konnte.

    Diesen Fehler wollte Ihr Team korrigieren, indem ich vorübergehend eine WLAN-Box, die mit einer UMTS-Karte betrieben wird (so genanntes Mifi) zur Verfügung gestellt bekomme. Zugleich wurde mir von einem stellvertretenden Teamleiter verbindlich zugesagt, dass ich gestern (Donnerstag) zurück gerufen werde, um einen verbindlichen Termin zu erfahren, zu dem die Leitung geschaltet werde.

    Leider war heute eine UMTS-Karte in der Post, aber kein Gerät, aus dem Anschreiben ist auch nicht ersichtlich, ob das Gerät, das nach Aktivierung kommen soll, das richtige ist. Zumal es also auch noch weitere mehrere Tage dauern wird, bis wir Internet haben.

    Der Rückruf erfolgte nicht.

    Als ich mich gestern und heute jeweils an die Hotline gewandt habe, wurde zweimal vom Berater aus mit den Worten "das Gespräch ist beendet" aufgelegt, als ich nach dem Namen des Beraters fragte, da er mich nicht mit seinem Vorgesetzten verbinden wollte.

    Vor allem, dass dieses nun zweimal passiert ist, lässt mich nicht mehr glauben, dass das ein Zufall ist. Ich finde es als Kunde unerträglich, dass ich so abgefertigt werde. Heute hat die Beraterin mir erklärt, dass "im Laufe der nächsten Woche" damit zu rechnen sei, dass ich etwas von der Telekom höre über meine Leitung. Als ich das nach der Vorgeschichte nicht akzeptieren wollte, bat ich darum, ihren Supervisor zu sprechen. Der könne mir auch nichts anderes sagen, hieß es - was mir aber Rcht wäre, ich wollte es nur von einem Vorgesetzten hören. Die Beraterin weigerte sich, mich zu verbinden, mir ihren Namen zu nennen - und legte auf.

    Können Sie sich dieses Verhalten erklären?
    Ich arbeite selbst im Dienstleistungsbereich und bin gerade mit Technologieunternehmen gut vernetzt - aber so etwas ist in meinem Umfeld noch nicht passiert.

    Bitte nehmen Sie sich dieses Falles an.
    (Meine Kundennummer habe ich mitgeschickt)

    UPDATE 29.3., mittags
    Ohne den Tag vor dem Abend loben zu wollen, doch ein kurzer Zwischenstand:
  • Ich bin inzwischen in Händen, denen ich zutraue, mein Problem zu lösen, und habe eine Terminzusage.
  • Mir wurde kurz nach der Mail und dem Blogpost endlich weiter geholfen, eine Interimslösung für Internetzugang ließ sich am Wochenende schaffen.
  • Das Büro von Herrn Obermann hat sich bei mir gemeldet und sich schlau gemacht und sich entschuldigt.
  • Wenn es vorbei ist, werde ich darüber noch einmal schreiben.
  • über Hybris

    Ich bin unverdächtig, bescheiden zu sein. Als am Ende meiner Schulzeit durchsickerte, dass ich Theologie studieren werde, wurde im Lehrerzimmer von jemandem ausgerufen: "Der? Der soll erstmal Demut lernen". Das hat mich damals amüsiert, heute weiß ich, dass es nicht ganz falsch war, wenn auch bei einem 18-jährigen vielleicht übertrieben. Demut habe ich gelernt durch das Leben, vor allem die Geburt meiner Kinder und die Krankheit und den Tod meiner Mutter.

    Ich werfe auch niemandem vor, wenn er oder sie stolz ist, arrogant oder überheblich. Das kann oft begründet sein und die Dummheit oder Langsamkeit, die einem in der Welt begegnet, ist ja auch zum Ausderhautfahren hin und wieder.

    Ich mag aber keine ὕβρις. Und gerade Hybris ist das, was ich in dem Feld, das ich beruflich vor allem beackere, dauernd erlebe. Und weil das ein ziemlich heftiger Vorwurf ist, schon klar, will ich ihn ein bisschen begründen, ok?

    I. Ich bin der Nabel der Welt
    Ich weiß nicht, wie das kommt, aber unter Menschen, die in den Social Media ihr Innerstes nach Außen kehren, ist oft so eine Haltung zu beobachten, dass sie ihre Wünsche und Erfahrungen für absolut setzen. Ob jemand wie Sachar sagt, er wolle dies oder das nie wieder lesen, oder jemand wie Mirko erklärt, was er täte, wenn er Nestlé wäre (nur um mal zwei aktuelle und willkürliche Beispiele rauszugreifen), ist dabei fast unerheblich. Die Tonalität in vielen Blogs schwurbelt so merkwürdig zwischen Nabelschau und Kleinkariertheit, dass es eine Freude ist. Wenn denn dann wenigstens klare und streitbare Meinungen vertreten werden, wie es Nico oft macht! Merkwürdigerweise bin ich ja nicht Nestlé oder Bürgermeister. Huch.

    II. Ich weiß, dass sich alles ändern muss
    Vielleicht haben ja wirklich diejenigen Recht, die Social Media als den verschriftlichten Stammtisch beschreiben. Denn auch dort wissen ja die Teilnehmer mit ihren Schwänzen in der Größe von Erdnüssen (Quasi-Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme, ratet welchem) nicht nur, wie man die Welt retten könnte, dass die Erderwärmung nicht passieren wird, wie wir Weltmeister werden und was BMW bloggen sollte, sondern machen auch Witze über 13qm-Zellen-Bewohner. Vor allem aber ist alles immer ganz einfach, weil unterkomplex. Und man müsste nur dies und das tun und alles ändert sich. Kleine Schritte sind nie nötig und Begründungen schon gar nicht. Und so.

    III. Ich brauche mich um die Realität nicht zu kümmern
    Denn es ist ja klar: Die Zusammenhänge beispielsweise zwischen verschiedenen Abteilungen und Zielen in einem Unternehmen stören nur, wenn es um die Revolution geht, um das Großeganze. Und darum lese ich von den Social-Media-Profeten so oft, dass Social Media nicht in erster Linie eine neue Arena seien, in der Kommunikation stattfindet, sondern dass sie alles verändern, mindestens die Unternehmenskultur (und zwar sofort) und ganz bestimmt die Art und Weise, wie produziert wird. Und damit nähern wir uns dem eigentlichen Punkt der Hybris: dem Ganzodergarnicht, der Radikalität.

    IV. Was gut für mich ist, ist gut für alle
    Und von hier aus ist es nur ein ganz, ganz kleiner Schritt zur grotesken Auswirkung der Hybris - dem Realitätsverlust. Ungefähr ein Drittel der Menschen, die online sind, sind Mitglied in einem sozialen Netzwerk. Ungefähr ein Prozent führt ein Blog, ebenso viele twittern. Es ist Hybris, aus der gefühlten Bedeutung innerhalb eines geschlossenen Zirkels eine Kompetenz oder Bedeutung in der Kohlenstoffwelt abzuleiten. Das irre ist ja, dass für fast alle Dinge die Menschen, die in ihren Blogs und auf Twitter krakelen, real irrelevant sind. Nehmt nur mal einen Blogeintrag, über den ich mich diese Woche aufgeregt habe - bis jetzt (Freitag, 9.30 Uhr) 6016 Leserinnen und Leser. Und jetzt redet über Reichweite, Bedeutung, Meinungsführung.

    Aus dem Resonanzraum meines Dorfes auf mehr zu schließen als auf mein Dorf, ist Hybris. Sich für einen Vollchecker zu halten, ohne sich um die realen Rahmenbedingungen zu kümmern, ist Hybris. Zu schnell zu sein und die langsameren zu verspotten, ist Hybris. Und sagte ich schon, dass ich Hybris nicht mag?

    Oder um es mal anders zu sagen: Wer glaubt, dass Jack Wolfskin oder Jako auch nur eine Delle in ihren Imagewerten oder Umsätzen gespürt haben und Runde Tische brauchten, wer glaubt, dass Nestle jetzt erleichtert darauf verzichten wird, seine Einkaufspolitik zu verändern, der ist von Hybris befallen. Gute Besserung.

    20.3.10

    Hallo, Haus

    Dass es hier so lange so sehr ruhig war, liegt einfach daran, dass die Schlussphase des Hausbaus so rund ist und wir die letzten zwei Wochen zwischen Kartons verbringen mussten.

    Nun aber sind wir drin und sagen Hallo, Haus, schön bist du geworden, wir fühlen uns jetzt schon wohl.




    Es ist unser Traumhaus mit Holz, wo immer ea geht, und oben ist unsere Sauna drin (wer mir auf Twitter folgt, wird das geahnt haben).

    Ein bisschen chaotisch ist es noch hier und da, aber heute werden wir die letzten zehnder 250 Kartons auspacken. Fein.




    Im leeren alten Haus zu sein, hinterlässt eine gewisse Wehmut, auch wenn es sehr gut so ist, wie es ist. Wir hatten dort immerhin fünf wunderbare Jahre und unsere Tochter ist in diesem Haus geboren worden, was wir immer in Erinnerung behalten werden.

    Jetzt ist aber erstmal Freude über den neuen Abschnitt in unserem Leben. Und die Gartenbauer sind auch schon da.