29.12.19

Unter Bauern

Seit drei Jahren lebe ich nun unter Bäuerinnen. Und lerne alte kennen, welche in meinem Alter – und auch junge, akademisch ausgebildete, die gerade nach und nach die Höfe ihrer Familien bei uns übernehmen. Ich habe gelernt, mit dem Wetter und dem Klima zu leben. Dieses Jahr haben wir einen Trecker gekauft und Land dazu gepachtet, damit wir etwas mehr züchten können. Pferde, also Hobby, nicht Nahrung.

In meinem Bekannten- und Freundinnenkreis sind ganz klassische Bäuerinnen, welche, die auf großen Gütern angestellt sind, welche, die gerade auf Bio umstellen (aus rein wirtschaftlichen Überlegungen), sehr kleine und wirklich sehr arme, und welche, die bei der Kammer oder dem Verband arbeiten oder als Lehrerinnen an der Landwirtschaftsschule. Und wie in allen Berufen ist da eine sehr große Bandbreite.

Das, was wir in den Medien und auf der Straße erleben, sind nur einige sehr wenige von diesen. Nur die radikalisierten. Die allermeisten (auch da wie bei allen Menschen und Berufsgruppen) versuchen einfach nur, über die Runden zu kommen oder ein Unternehmen zu führen.

Darum bin ich auch ein bisschen traurig, dass sich dieses Jahr immer mehr eine Frontstellung entwickelt hat – und dass sich auch hier eine so große Sprachlosigkeit ausbreitet. Zum ersten Mal sehr deutlich geworden ist mir das, als ich bei der Europawahl abends zum Stimmenauszählen mit in unser Wahllokal kam. Zum ersten Mal waren in unseren drei winzigen Dörfern die Grünen stärker als die CDU (wenn auch nur eine Stimme). Das hat die Bauern, die da waren (und die alle mehr oder weniger aktiv in der CDU sind), schockiert und entsetzt. Mehr als das doch überraschend gute Abschneiden der AfD (die zwar immer noch deutlich unter 10% waren, aber leicht über den Schnitt für unser Bundesland). Und viel mehr als der Untergang der SPD bei uns auf den Dörfern.

Und dann erlebe ich bei den Bäuerinnen um die 30 ein wachsendes Selbstbewusstsein und eine wachsende Neigung, das auch kontrovers zu formulieren. "No Farmer, no Food" haben sie auf ihren Autos stehen. "Die in der Stadt" und die Umweltschützerinnen wurden über das Jahr mehr und mehr als Verrückte und latent als feindlich wahrgenommen. Das wiederum irritiert mich auch darum, weil ich zwar Fragen stelle und nicht alles kritiklos toll finde, was sie machen – aber sie doch als Partnerinnen sehe, mit denen gemeinsam die Landwirtschaftswende gestaltet werden könnte. Und unglaublich viel von ihnen lerne.

Im letzten halben Jahr habe ich dann etwas erlebt, das ähnlich schon vor ein paar Jahren mit der Milchwirtschaft passiert war: die Verbände und Funktionärinnen hetzen die Bäuerinnen auf, um von ihrem politischen Versagen abzulenken. Denn es waren die Verbände und Kammern, die damals Bäuerinnen dahin beraten haben, massiv auf Milch zu setzen - und heute haben die die wenigsten Probleme, die sich dem verweigert haben. Es waren die Verbände und Kammern zusammen mit der großen Koalition, die jahrelang aktiv dagegen gekämpft haben, europäisches Recht nach und nach umzusetzen – und damit jetzt zu verantworten haben, dass die Umstellung dessen, was mit Gülle passieren darf, plötzlich und schmerzhaft ist. Und nicht langsam und schlau (wie es gewesen wäre, wenn die Verbände sich rechtzeitig dafür stark gemacht hätten). Kleine, dezentrale Biogasanlagen für die Gülle könnten heute schon Realität sein, stattdessen gibt es große Anlagen, für die extra Biomasse angebaut wird.

Ich weiß, wie hart, auch wirtschaftlich hart, der Beruf ist. Wenn 150 EUR weniger Jahresertrag auf einem Hektar den Unterschied macht, ob eine Bäuerin in Hartz IV rutscht, dann ist damit nicht zu spaßen. Und darum ist es meines Erachtens auch richtig, dass die Bäuerinnen einen großen Teil ihres Einkommens von der Gesellschaft bekommen, in Form von Prämien und Subventionen. Da bin ich für. Ganz klar.

Nur dass die Funktionärinnen und auch die (jungen) Bäuerinnen, die darauf bestehen, dass die Gesellschaft ihnen nicht oder weniger reinreden soll, wie sie ihr Land bestellen und Lebensmittel oder Energie produzieren, es mir schwer machen, zu dieser Position zu stehen. Denn wer wesentlich von der Gesellschaft bezahlt wird, muss auch damit leben, dass diese Gesellschaft mitredet. Ich kann nicht gleichzeitig wesentlich von Subventionen leben und nach der Freiheit des Marktes rufen. Wenn und solange wir als Gesellschaft Bäuerinnen unterstützen (und das sollten wir, davon bin ich überzeugt, denn die Alternative wäre eine Agrarindustrie, die nur noch aus Großbetrieben und aus Gütern besteht), setzen wir als Gesellschaft auch die Rahmenbedingungen.

Im Kern wollen also Bäuerinnen, die keine oder weniger Einmischung "der Städter" oder "der Umweltschützer" fordern, dass wir als Gesellschaft die Prämien und Subventionen streichen oder zurückfahren. Denn sie können nicht beides haben: von der Gesellschaft unterstützt werden und die Wünsche dieser Gesellschaft ignorieren.

Manchmal wünsche ich mir, dass ich mich traue, bei Festen und Versammlungen deutlicher zu widersprechen. Und manchmal wünsche ich mir, dass mehr Bäuerinnen mich nicht als ihren Feind empfinden, wenn ich es tue. Wie so oft geht das im persönlichen, privaten Gespräch fast immer. Und quasi nie, wenn mehr als zwei oder drei zusammen sind.

Vielleicht wird es erst möglich sein, wenn die Verbände und Funktionärinnen entmachtet sind, die es gerade zulassen, dass sie von Rechtsradikalen unterwandert werden, die mehr und mehr die "freien" Proteste der letzten Monate organisiert haben. Und vielleicht muss auch dieser Konflikt wie der Generationenkonflikt erst hart und brutal ausgetragen werden, bevor es besser wird. 2020 wird hart.

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