12.10.10

Keine Gleichstellung des Islam

Im Nachgang zu Wulffs Feiertagsrede ist einiges in dieser komischen Integrationsdebatte durcheinander gekommen (auch wenn es vorher nicht viel besser war). Die Solidaritätsbekundungen und Staatsverträge für "den" Islam sprießen aus dem Boden. Zeit für ein bisschen Sortierung. Das beste, was ich zu dem Thema bisher gehört (ich konsumiere die "Zeit" ja seit ein paar Jahren als Audiomagazin) oder gelesen habe, stand in der "Zeit" vom letzten Donnerstag. Ulrich Greiner schreibt profund über die Unterschiede zwischen Juden- und Christentum einerseits und Islam andererseits im Hinblick auf personale Freiheit (die der Islam theologisch so nicht kennt) und Säkularismus - politisch vor allem wichtig wegen des Primats der Politik gegenüber der Religion und wegen der Gewaltenteilung. Und Greiner hat Recht, wenn er schreibt:
Diese Gewaltenteilung geht zurück auf das Alte Testament, in dem die Propheten als Sprecher Gottes den weltlichen jüdischen Herrschern oftmals in den Arm fallen. Sie gipfelt in dem Satz von Jesus: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Sie findet ihre Ausarbeitung bei Augustinus und seiner Lehre von den zwei Reichen. Es war der Augustinermönch Luther, der diesen Gedanken gegen eine Kirche stark machte, die ihn vergessen und die politische Gewalt usurpiert hatte.
(Integration: Unser Islam? | Politik | ZEIT ONLINE)
Das Problem geht aber noch tiefer. Und das hängt mit diesem Punkt dann doch auch zusammen. Während die Gründungsurkunden von Judentum und Christentum selbst in der orthodoxesten Auslegung (und hey, ich bin selbst theologisch nahe an der lutherischen Orthodoxie) eben gerade kein über dem säkularen Staat stehendes religiös begründetes Rechtssystem kennen, ist es beim Islam anders. Die Scharia ist für den Islam ewig und unverhandelbar, wie beispielsweise sogar der liberale Vorzeigereformer Großmufti Ceric aus Bosnien betont. Und die Scharia steht immer über jedem anderen (weltlichen) Gesetz. Darum bin ich skeptisch, was die Hoffnung oder Forderung nach einer "islamischen Aufklärung" angeht. Ein Säkularismus hat im Islam keinen theologischen Anker - anders als die Aufklärung, die historisch den modernen Säkularismus in Europa begründet und die aus der Mitte der spätmittelalterlichen jüdischen und christlichen Theologie stammte. Meine Befürchtung ist, dass der Islam an einer Aufklärung zerbräche, die er bräuchte, um "zu Deutschland" (oder zu Europa) zu gehören. Vor allem, wenn man sich ansieht, wie sehr die (europäische) Aufklärung selbst das Christentum zerlegt hat.

Wenn nun beispielsweise in Hamburg ein Staatsvertrag mit "den Moslems" geschlossen werden soll nach dem Vorbild der christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde (obwohl auch diese Verträge gerade in Hamburg erst kürzlich zustande kamen), dann wird das die Nagelprobe für beide Seiten sein: Denn ein halbwegs freiheitlicher Staat, der mit Organisationen Verträge schließt, die sich nicht vorbehaltlos und innerlich zu Gewaltenteilung und dem Primat der staatlichen Gewalt und Organe gegenüber den religiösen bekennt, gibt sich auf. Und ein Islam, der sich zu genau diesem Primat bekennt, beerdigt die Scharia - und läuft Gefahr, sich damit selbst zu verlieren.

Der Islam ist - egal wie groß die Zahl der Menschen in einem Land ist, die sich zu ihm als Religion zählen - in Europa nicht Juden- und Christentum gleichzustellen. Das heißt nicht, dass Moslems nicht "gute Europäer" sein können und überwiegend sind. Das heißt auch nicht, dass Wulff nicht auch ihr Präsident ist, wenn sie denn Deutsche sind (obwohl, ist er mein Präsident? In mehr als einem formalen Sinne?). Das heißt nur, dass ein freiheitliches Rechtssystem, in dem ich leben mag, eben aus den Wurzeln unserer antiken und jüdischen und christlichen Geschichte kommt, die eng miteinander verwoben sind, und nicht aus den Wurzeln des Islam. Denn auch, wenn ich persönlich mein Leben überwiegend an meinem Glauben orientiere, bin ich heilfroh, dass der Staat das nicht tut, sondern positive und negative Religionsfreiheit garantiert. Damit kann ein Islam nicht leben, der sich selbst ernst nimmt. Und darum kann es keine Gleichstellung des Islam in diesem Land geben.


Update 13.10.
Weil Djure fragt, was denn meine Schlussfolgerung wäre, hier noch ein, zwei Sätze dazu.

Auf individueller Ebene halte ich es für gut möglich, dass Moslems sich zum Primat des Staates bekennen können. Auf institutioneller Ebene bin ich da sehr skeptisch. Und mich ärgert sehr, wie in Hamburg der Stand der Verhandlungen zum Staatsvertrag ist: Der Staat billigt dem Islam jede Menge Dinge zu, ohne auch nur eine Gegenleistung zu verlangen. Inzwischen ist es so weit, dass ein führender Vertreter des Islam in Hamburg öffentlich jubilieren kann, Deutschland sei das islamischste Land, das er kenne, er könne hier seine Religion freier ausüben als in der Türkei. Hier ein Videodokument einer entsprechenden Verhandlungstaktik aus dem Sender Phönix.

Kommentare:

  1. Sie haben Recht, auch ich finde es fragwürdig, wenn eine staatliche Verwaltung alles "institutionell" regeln will. Warum will man unbedingt von Institution zu Institution "Staatsverträge" machen? Kann man nicht den Moslem ganz privat einfach Moslem sein lassen - sofern er sich als Staatsbürger korrekt verhält? Denn das tut er meistens, wie Sie richtig andeuten. Aber die reigöse Fremdheit des Einzelnen (Kann es nicht ganz erfrischend sein, ein paar gänzlich unaufgeklärte Mitbürger unter uns zu haben?) scheint einigen schwer erträglich zu sein - lieber schließt man fragwürdige Kompromisse mit Institutionen, die einen nichts angehen.
    Siehe dazu meinen Beitrag: http://damals.blogger.de/stories/1356667/

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  2. Anonym19.10.10

    Da Sie die Zeit lesen, sollten Sie auch diesen Artikel erwähnen... Der Glaube ist die Entscheidung des Einzelnen.

    http://mobil.zeit.de/2010/09/Rassismus

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  3. Die Debatte, ob Gläubige bestimmter Religionen gute Staatsbürger sein können, wird immer wieder geführt. Im 19. Jahrhundert waren es die Katholiken im Deutschen Reich, denen man (Bismarck) dies bestritt. Ähnlich war es in den USA im 19. und noch im 20. Jahrhundert, und ist es im China der Gegenwart.

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