10.5.14

Aufbruch zum Denken

Dass ich nicht so der re:publica-Gänger war, lag nicht an der re:publica. Im Gegenteil: als sie damit anfingen, die auf die Beine zu stellen, kannte ich ja die Leute, die die re:publica machten, schon lange, sie stammen, wie es die Kaltmamsell immer so nett formuliert, "aus der gleichen Ecke des Internets" wie ich, aus dieser Altbloggerdingens. Es war nur so, dass es terminlich nie passte, vor allem, wenn es in den Schulferien lag (die in Hamburg ein bisschen antizyklisch sind im Frühjahr). Und dann hab ich das eine oder andere Mal die jungen Leute hingeschickt und im Büro die Stellung gehalten.

Was mir beim Stöbern durch die Konserven nie so komplett klar wurde und was ich auch von denen, die da waren, nie so klar gespiegelt bekam, war etwas, das mich dieses Jahr, auch wenn ich nur einen Tag vor Ort sein konnte, unglaublich fasziniert und begeistert hat: Dass die re:publica keine Internetkonferenz ist sondern tatsächlich ganz anders, also so richtig ganz anders als eine solche. Dass sie denen, die sich darauf einlassen mögen, einen Anlass zum Denken bietet. Und dass sie ein Aufbruch zum Denken ist.
(Vielleicht bin ich zurzeit auch nur so besonders empfänglich für die, die an den gleichen Fragen denken wie ich. Die sich mit der Frage der Radikalität und der Re-radikalisierung auseinandersetzen - und der Frage, ob sie jetzt nötig und hilfreich ist, bis hin zum echten und nicht an sich mehrheitsfähigen Widerstand. Ich selbst raune ja das eine oder andere in dieser Richtung seit einiger Zeit in mein Blog, auch, weil ich mich nicht traue, die eigentliche Konsequenz wirklich auszusprechen. Vielleicht ist das Blog auch nicht der Ort dafür, sondern eher ein Buch, ein Pamphlet oder ein Vortrag. Das aber nur am Rande.)
Und auch, wenn ich noch längst nicht alle Themen nachgehört und nachgesehen habe, die mich ansprechen und anzuregen versprechen, finde ich es nahezu beglückend, dass zwei der besonderen und besonders anregenden Vorträge von jungen Frauen stammten, die zeigen, dass es eben über die Generationen hinweg eine Kontinuität (da ist es wieder) widerständigen Denkens geben kann.
(Zur Lobo-Rede hatte ich mich ja bereits zustimmend geäußert übrigens.)

Laurie Penny habe ich auch schon sehr gerne und mit großem persönlichen Gewinn gelesen, vielleicht ist sie wirklich die wichtigste Feministin der nächsten Generation (dringende Leseempfehlung ist ihr Aufsatzbändchen Fleischmarkt). Auf sie war ich besonders gespannt und froh, sie einmal live zu erleben. Und Teresa Bücker ist, ja, ich weiß, da bin ich nicht der einzige, der das sagt, vielleicht der Geheimtipp dieser re:publica überhaupt gewesen. Und ihre Aufregung schadet ihrem Vortrag in keiner Weise.

Zusammen 90 Minuten, die sich mehr als lohnen. Und die für einen Aufbruch zum Denken stehen, wie ihn zurzeit wirklich nur die re:publica schaffen kann.



Kommentare:

  1. Jens Best10.5.14

    Habe Drohungen, die ich online bekam zwar nie ernstgenommen, aber es stimmt, dass es ein wenig dauert, bis man für sich einordnet, was da geschieht. Drohungen und billige unreflektierte Anmache ist eine Sache, weniger anonyme Gewaltandrohungen (per Mail etc.) sind dann schon etwas anderes, machen einen nachdenklich und waren für mich, als ich sie zum ersten Mal bekam, eine sehr merk-würdige Erfahrung.

    Es dauert einen Moment, bevor man diese Erfahrung von sich selbst entfernt betrachten kann und dann versucht diese Eindrücke gesellschaftlich einzuordnen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Idee einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft eben für viele nie etwas war, was sie unter den Verhältnissen in diesem Land sehen wollten. Die demokratische Kruste ist und war wohl immer dünn in diesem Land. Vielfalt in der Lebensrealität erträgt sich für viele offenbar auch heute noch nur mit viel räumlichen Abstand - etwas, dass das Web eben auflöst.

    Wenn man offen diskutiert und aktiv ist im Web, agiert man in einer unkontrollierten Öffentlichkeit, die eben nicht mehr die räumliche Distanz zum Andersdenkenden bietet wie es im Offline-Handeln oft der Fall ist. Der Anti-Atom-Aktivist kam selten in Berührung mit Bevölkerungsgruppen, die aggressive Pro-Atom waren. Es war mehr die übelst auftretende Staatsgewalt in Form der Polizei, aber nicht der diskursive Gegner, der emotional und persönlich reagiert. Der wahre Andersdenkende begegnet offenbar vielen tatsächlich erst im Web.

    Es prallen aber nicht nur komplementäre Welten aufeinander, sondern die wahre Herausforderung liegt im Respekt vor den reflektiert Anderen oder denjenigen, die sich eben im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft nicht gleich jede berechtigte emanzipatorische Entwicklung oder jeden pseudo-politisch-korrekten Hype zueigen machen, sondern im Rahmen einer offenen Gesellschaft andere Gewichtungen hinsichtlich der Stärken und Schwächen in ihrer Lebensgestaltung wählen.
    Der "Onlineaktivismus", den Teresa erwähnt, hat sich weit davon entfernt, gesellschaftlich relevant zu sein, weil die Urteilsbildung mit einer Geschwindigkeit und einer Mob-Artigkeit läuft, mit dem ein ruhiger reflektierter Bürger nicht gewonnen werden kann. Sondern im Gegenteil abgestossen wird.

    Einigen "Onlineaktivismus", den ich in den letzten Monaten beobachtet habe, hat nichts mehr mit einer liberalen offenen Gesellschaft zu tun. Gerade diejenigen, die sich anmaßen, als Gruppe zu wissen, was "besser" ist und dies medial lautstark einfordern, verlieren in ihrer kommunikativen Radikalität jegliche Respekt für den Menschen. Ein Mob, der für (vermeintliche) Minderheitenrechte "kämpft" bleibt eben auch ein Mob. Als Mensch stossen mich solche Gruppen genauso ab, wie die ggf. echten Misstände, die sie "anklagen" wollen.

    Es ist eben leichter Köpfe rollen zu lassen, als Gehirne zu ändern.

    Gut, dass Teresa hierzu mal etwas gesagt hat. Aber es werden die nächsten Monate zeigen, ob die aktivistischen "Online-Mobs" und ihre aktivistischen Führer verstehen, dass es im Web nicht darum geht, gegen irgendwas anzustürmen, sondern miteinander zu reden. Filterblasen müssen platzen.

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    1. Auch das ist irgendwie verrückt, weil so wenig vorhersehbar. Dass jemand, der zu den wenigen wirklich auch subversiv denkenden und zum Denken (aus)gebildeten wie du zu so einer resignierten Haltung kommt, überrascht mich. Wir sind ja nicht immer einer Meinung (oder sogar oft sehr unterschiedlicher), aber entweder ich verstehe die Ironie nicht, die ich aber gerade mit deiner Geschichte nicht herauslesen kann. Oder ich reibe mir verwundert die Augen, dass du einen so missbräuchlichen und missbrauchten Begriff wie "liberal" anführst. Damit hätte ich nicht gerechnet.

      In einem vor allem aber wäre ich anderer Meinung: Ein Onlineaktivismus hat sich nicht entfernt von gesellschaftlicher Relevanz. Sondern ist einfach nur immer noch wahnsinnig weit davon weg. Weshalb ja auch Penny so inspirierend ist. Und Marcuse. Wenn auch unterschiedlich. Aber im Kern mit der gleichen Konsequenz. Und beide eint ihre sehr weite Entfernung von allem, was sich liberal nennt und dabei die Machtverhältnisse zementiert.

      Wo ich dir zustimme ist meine Skepsis vor kommunikativer Radikalität, weshalb ich ja auch so sehr vor der Konsequenz zurück schrecke. Remember the conclusion of Laurie's talk? Networks make desire visible and dissent conceivable.

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    2. Hallo,
      du spiegelst sehr schön auch meinen Eindruck wieder (siehe auch meinen Blogpost) . Die re :publica ist Gesellschaftskonferenz und was ich als das wichtigste empfinde. Sie ist es mit der gesellschaftlichen Teilhabe aller, nicht mit wenigen sogenannten Experten, die über eine Gesellschaft diskutieren, der sie nur rudimentär angehören. auf der #rp14 war die Gesellschaft zum Diskurs versammelt.

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  2. Anscheinend besucht jeder eine andere Re:publica. Ich habe Vieles gehört, was mich noch lange beschäftigen wird. Morozov am ersten Tag war sehr verstörend. Wie wirkt es auf unsere Reputation, wenn wir uns verstecken und maskieren? Können wir uns das ueberhaupt leisten? Wir brauchen Kredit und Versicherungen. Aehnlich der Autor von "Big Data". Ist das der endgültige Sieg des Kapitalismus? Dann der Vortrag eines Sicherheitsexperten über Schnüffel Programme fuer Diktators. Da konnte einem eiskalt werden. Komischerweise vor sehr wenig Publikum. Fazit: Es gab das Mikroskop, das Makroskop, die Wundertuete, das Gesumm, gescheite Vorträge von Leuten, die nicht leiden kann und umgekehrt. Beim nächsten Mal wird alles genauso ganz anders sein.

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  3. Fand den Vortrag interessant, aber auch: manipulativ. Für mich war das zu viel Gejammere, zuviel Dramatisierung. Ihre Forderungen waren radikal und - pardon - teils völlig überzogen. Das wirkt auf mich so, als ob jemand "aus der feministischen Blase" heraus urteilt - und dementsprechend schief. Damit will ich reale Probleme nicht leugnen, aber sowohl der allgemeine Tonfall (Kombination aus belehrender Tonfall mit ganz viel "Mimimi"), als auch die angedeuteten bzw. teils ausgeführten Lösungsvorschläge waren entweder unausgoren oder überzogen, teils bis zur Lächerlichkeit hin. Das fällt bei einem Vortrag, wenn dieser wie hier in der Form gelungen ist, weniger auf, geht schneller unter, als wenn die exakt gleichen Aussagen nachgelesen werden können.

    Deutlich wurde auch, finde ich, dass die meisten Ausführungen auf feministische Aktivistinnen gemünzt waren - jedenfalls habe ich mich mit meinen Erfahrungen als Onlineaktivist überhaupt nicht wieder finden können. Und dass, obwohl ich von mehreren Leuten (darunter ein Berufskrimineller) mit dem Tode bedroht wurde. Dass es "keinerlei Schutz" im Internet gäbe gegenüber derartigen Praktiken, das behauptete Frau Bücker, das halte ich für unzutreffend. Der Schutz ist sicher in vielen Fällen nicht ausreichend, aber so krass zu behaupten, es gäbe da keinerlei gesetztlichen Schranken, halte ich als Aussage für grob inkompetent. Nicht einverstanden bin ich mit auch ihrer Einschätzung, dass das bei größerer Reichweite unvermeidliche Trolling automatisch eine "massive Gewalterfahrung" darstelle. Es gab noch viele andere Stellen im Vortrag von Frau Bücker, die ich sehr misslungen fand - trotz meiner Sympathie für die Vortragende.

    Völlig fehlte in diesem Vortrag, dass das "Negativfeedback" (so nenne ich das mal) nicht ausschließlich das Problem der anderen ist, die sich unmöglich aufführen bzw. Ausdruck einer feindseligen Welt (bzw. der sich dort aufhaltenden Deppen und Aggros), sondern in vielen Fällen auch eine gewisse Mitverursacherschaft seitens des/der angegriffenen Aktivisten/in besteht. Wer besonders radikale, schwer nachvollziehbare Forderungen als Aktivist stellt, sich hierbei besonders konfrontativ aufführt (das ist durchaus auch ein Problem vieler Radfems), der "erntet" besonders krasse Reaktionen.

    Ich will den Faktor "Verantwortung für den eigenen Aktivismus und seinen Stil" nicht generell als entscheidenen Faktor nennen, wobei das im Einzelfall aber durchaus ein wesentlicher Faktor sein kann. Ein Faktor von vielen ist es allerdings. Wer sich dann als "Onlineaktivist" z.B. besonders damit hervor tut, dass er das Weltbild von anderen Leuten attackiert (ich habe das früher mal sehr viel getan), der bekommt besonders heftige Reaktionen. Die Menschen halten an fast nichts so gern fest, wie an dem Weltbild, das sie sich zurecht gelegt haben.

    Die Frage ist natürlich, wie damit umzugehen ist.

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