13.3.14

Fortpflanzungsgemurkse

Ich habe lange, wirklich lange überlegt, ob ich doch noch etwas schreibe oder nicht über Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede vom 2. März. Interessanterweise habe auch ich erst von dieser Rede erfahren, als ich über die Kritik an ihr etwas hörte. Vielleicht hatte ich dabei Glück, denn es war in "Kultur heute" im Deutschlandfunk - und offenbar eine der wenigen Erwähnungen der Diskussion, die nicht durch massive Zitatverkürzungen einen Skandal herbeiredete. Sondern im Gegenteil angesichts der Diskussion und des offenen Briefs der Dredner Dramaturgen Koall längere Ausschnitte aus der Rede dokumentierte. Das war am 6. März. Und ich twitterte daraufhin:
Was mir viel Kritik einbrachte, mich um die 50 Follower kostete, und dazu führe, dass ich einige wenige weitere Leute blockte.  Und es brachte mich in eine recht fruchtbare, weil zwar kontrovers und hart aber kultiviert geführte Twitter-Diskussion mit dem SpOn-Redakteur Konrad Lischka.

Danach habe ich die Rede noch einige Male im Audiostream gehört, den das Staatsschauspiel auf seiner Seite anbietet. Und je häufiger ich die Rede hörte, desto mehr ärgerte ich mich über die Reaktionen darauf. Ja, ich teile auch nicht alle Punkte. Ja, ich finde es gräßlich, dass Lewitscharoff zustimmend den Rechtsdenker Peter Sloterdijk erwähnt, zumal sie nicht mal Recht damit hat, dass er "der einzige" sei, der dieses Thema bearbeitet habe. Ja, ich finde den rechtspopulistischen Duktus des Man-wird-ja-wohl-noch-mal-sagen-Dürfen in ihrer Selbstverteidigung gegenüber der FAZ eklig, um in ihren Worten zu bleiben. Wer Sloterdijk gut findet und solchen Fuß-Aufstampf-Kram sagt, verortet sich selbst so weit rechts außen im politischen Spektrum, dass sie eigentlich beschwiegen werden müsste.

Eigentlich, wäre da nicht die Dresdner Rede. Die zu 2/3 aus der Ich-Perspektive und äußerst subjektiv - aber nicht minder spannend und dicht und nachdenklich-machend - über Leiden und die Grenzen des Lebens redet. Und zu knapp 1/3 dann auf den Beginn des Lebens zu sprechen kommt. Lewitscharoff spricht Themen an, mit denen ich mich theologisch, praktisch und ethisch seit fast fünfundzwanzig (in Worten: 25) Jahren beschäftige. Denen der Medizinethik und der ethischen und theologischen, anthropologischen Fragen der Pränatalmedizin. Inhaltlich stimme ich ihr zu etwa 90% oder etwas mehr zu. Was es vielleicht auch leichter macht, nicht bewusst zu versuchen, sie misszuverstehen. Und was, das merkte ich in den Diskussionen auf Twitter und in der Kohlenstoffwelt, eine Position ist, die zurzeit unpopulär ist.

Extrem interessant finde ich, dass ich bei denen, die Lewitscharoff (inhaltlich) kritisierten und denen, die in Ansätzen mit mir diskutierten, den Eindruck habe, dass sie die Rede nicht gehört oder gelesen haben. Denn beispielsweise wendet sie sich (und wende ich mich) nicht gegen die, die als Paar einen (insbesondere und auch mit medizinischer Indikation) unerfüllten Kinderwunsch haben und zu Methoden der künstlichen Befruchtung greifen. Finde ich für mich keine Option (brauchte ich aber auch nicht), finde ich aber ethisch und anthropologisch vertretbar. Ebenso argumentiert, mit etwas anderen Worten, auch Lewitscharoff. Aber genau diese Menschen und ihr Leid wurden als Kronzeugen gegen sie angeführt - was nicht nur falsch ist sondern auch mehr als nur unfair. Es ist üble Nachrede.

Die Fragen des Beginns und des Endes des Lebens, über die diese Rede spricht, sind alles andere als einfach und eindeutig. Ich denke, dass es absolut angemessen ist (obwohl ihr auch das ja vorgeworfen wurde), hier zunächst sehr personal zu argumentieren, sehr auf Empfindungen und Gefühle zu hören und sie zu beschreiben, Dankbarkeit und Ekel zu benennen. So lange ich nicht den Fehler mache, aus dieser personalen Sicht Regeln für alle zu machen. Was - anders als die Kritik an ihr suggeriert - Lewitscharoff mit nicht einem Wort tut.

Und so oder so - dieser ganz kurze theologische Exkurs sei mir gestattet - ist die reformatorische Unterscheidung von "Sünde" und "Sünder" hier ja sehr relevant. Aus christlich-lutherischer Sicht ist es nie angemessen, Menschen zu verurteilen, die etwas tun, was ich für falsch halte. So wenig übrigens, wie es angemessen wäre, ihr Verhalten in diesem Fall kritiklos zu akzeptieren. Dies macht es aus christlicher Sicht auch etwas einfacher, die Diskussion über den Beginn und das Ende des Lebens zu führen. Denn auch diejenigen, die hier anderer Meinung sind als man selbst oder als das, worauf sich "die Kirche" geeinigt hat (mal etwas verkürzt ausgedrückt), werde ich nicht verurteilen oder ihnen den guten Willen absprechen, selbst wenn ich ihre Position oder Handlung scharf kritisiere.

Halbwesen
Die eigentliche Aufregung aber hat sich ja aus der - ja - etwas kruden Wortwahl ergeben, die Lewitscharoff gewählt hat. Und bei der ihr die eine oder andere auch gleich unterstellte, es ginge ihr nur um ihr Buch und die Promotion. Als ob da nicht der Büchnerpreis schon ganz gut geholfen hätte. Naja.

Das eine oder andere, was sie sagt, finde ich auch nicht richtig. Aber auch die fiesesten Worte hat sie schon bevor sie fielen, eingebettet. Sie spricht direkt vorher davon, dass sie jetzt übertreibt, weil sie so besonders wütend ist und sich so besonders ekelt. Und sie nimmt das Wort "Halbwesen" schon im nächsten Halbsatz wieder zurück, indem sie darauf hinweist, wie unfair und falsch es sei. Wer noch einmal nur diese Passage hören will - ab Minute 42 beginnt sie, ich habe die Rede hier unten eingebettet (direkt von der Staatsschauspiel-Seite her).

Die Dresdner rede von Sibylle Lewitscharoff ist sperrig und eigenwillig und in der Art, wie sie "ich" sagt, auch nicht allgemeingültig oder im klassischen Sinne philosophisch. Wohl aber im Buber'schen Sinne dialogisch, scheint mir. Aber das ist eine andere Geschichte. Es lohnt sich, über diese Themen zu streiten. Und wenn ich der Rednerin etwas vorwerfen will, dann dies: Dass sie es den Denkfaulen und denen, die explizit und begründet anderer Meinung sind als sie (und ich), allzu leicht macht, indem sie ihnen einen Brocken hinwirft, auf den sie sich reflexhaft stürzen. Und so die Diskussion vermeiden über Leid und Wohl am Lebensanfang und am Lebensende. Über die ethischen und anthropologischen Grenzen und Chancen der "frankenstein'schen Medizin".

So oder so lohnt es sich, die Rede noch einmal am Stück zu hören. Darum hier direkt das Audio.

 

Und für die, die es woanders hören wollen, hier die  Audiodatei als MP3 zum Herunterladen. Beides direkt von der Seite des Staatsschauspiels, so dass es hier weg ist, wenn es dort verschwinden sollte.

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