4.3.14

Zugereist

Mir geht es seit Tagen nicht aus dem Kopf. Weil es allem widerspricht, von dem ich dachte, dass es wahr wäre. Also nicht allem jetzt. Aber sehr vielem in der Frage, um die es ging. Allerdings muss ich dazu ein bisschen ausholen.

Eine sehr gute Freundin, ziemlich erfolgreich im Beruf und darum umgezogen von Stuttgart nach Hamburg vor einiger Zeit, ist eigentlich auf der Schwäbischen Alb geboren und aufgewachsen. (Sagt man "auf der Alb"?) Nun lebt sie mit ihrem Mann seit einigen Jahren in Hamburg und hat beruflich überwiegend in Norddeutschland zu tun. Oder im Ausland, viel in den USA und in der Karibik (fragt nicht, ich erzähle es euch eh nicht).

Vor einiger Zeit hatte sie einmal versucht, in Mecklenburg Urlaub zu machen, das war noch vor dem Umzug nach Hamburg. Ein Freund hat da ein Ferienhaus. Nach drei Tagen musste sie wieder abreisen. Es war keine offene Feindschaft, es war dieses Verstummen und Umdrehen, wenn sie einen Raum betrat, Laden oder Lokal.

Auch beruflich war sie schon mehr als einmal im Osten Deutschlands. Und weiß aus eigener Erfahrung, dass es faktisch no go areas für sie sind. Nicht, dass sie bedroht würde. Das nicht. Aber im besten Fall ignoriert und übersehen, im normalen Fall angestarrt und abschätzig begutachtet, in vielen sogar mit abfälligen Sprüchen bedacht.

Dann zog sie nach Hamburg. Bewegt sich, privat und beruflich, viel in Schleswig-Holstein und im nördlichen Niedersachsen. Und überlegt, wieder zurück in den Südwesten zu gehen.

Zwar ist es auch da nicht so einfach überall sofort akzeptiert zu werden und Anschluss zu finden, wo jedes Dorf auf der Alb seine eigenen Wörter hat, die es erstmal zu lernen gilt, bevor sie dazugehört. Aber diese merkwürdigen Formen von Alltagsrassismus hat sie dort noch nie erlebt. Sondern im alltäglichen Leben erstmals hier. Das war für sie überraschend und für mich, wenn ich ehrlich bin, bestürzend. Wenn sie erzählt, wie sie auf dem Markt am Obststand regelmäßig übersehen und von der Verkäuferin übergangen wird. Wie sich die eine oder andere nur sehr mühsam an ihren Anblick und ihre Sprache (dieses wunderbare lupenreine Schwäbisch mit diesen Wortverbindungen, die auch im Hochdeutschen noch durchkommen) gewöhnen konnte und ihr das deutlich zeigte.

Als jemand mit norddeutschem Tonfall und blonden Kindern habe ich das selbst nie erlebt (und mein Sohn, der zurzeit den Punk gibt, fährt seitdem logischerweise ohnehin nicht mehr in die Dörfer östlich von Lübeck, dafür ist seinen Freundinnen da schon zu oft was passiert, aber das ist eine andere Geschichte). Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Vor allem nicht, dass es hier bei uns im Norden so viel krasser ist als im Südwesten, der doch als so konservativ gilt. Das bringt schon ein Weltbild ins Wanken und macht mich mehr als nur nachdenklich.

Vor allem macht mich nachdenklich, wieso ich das nicht gedacht hätte und nicht sah. Obwohl wir schon lange eng befreundet sind. Ich weiß nicht mal, ob ihr dieser Alltagsrassismus begegnet, wenn ich dabei bin. Und ich ihn nur nicht sehe. Wahrscheinlich ist es so - denn ihr Mann war es, der es neulich erstmals beiläufig erzählte. Eher mit Erstaunen und leichter Resignation als mit Zorn. Er schwäbelt zwar, sieht aber so aus wie ich. Also so ungefähr.

Die Hälfte ihrer Vorfahren lebt in der zentralafrikanischen Republik übrigens.

Kommentare:

  1. Tjo. Dunkeldeutschland ist weitgehend weiß und doitsch. Hier in Baden-Württemberg lebt es sich einfach besser, selbst in kleinsten Dörfern. Für mich ist der Beitrag leider keine Überraschung.

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  2. Hm ... will das alles nicht in Abrede stellen. Allerdings reise ich mit meiner Frau, die alles andere als deutsch aussieht, seit Jahren regelmäßig ins tiefste Mecklenburg. Die Leute dort sind offen, freundlich und total "normal" zu uns. Ausnahmslos. Vielleicht haben wir bisher nur Glück gehabt... Oder es gibt starke regionale Unterschiede. Who knows. Mit ostdeutscher Sippenhaft, wie es mein Vor-Kommentator andeutet, sollten wir allerdings sehr, sehr vorsichtig sein.

    Best, Jens

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  3. Jens, das finde ich interessant und gut. Mir geht es ja persönlich nicht um Sippenhaft, wohl aber darum, dass es für eine körperbehinderte Freundin bisher an der Mecklenburger Ostsee immer grausam war, dass es für "links aussehende" Jugendliche nach unserer Erfahrung unberechenbar, weil manchmal und unplanbar gefährlich ist. Und dass meine Freundin es so erlebt hat. Der eigentliche Punkt ist der mit dem Alltagsrassismus, den sie hier krasser erlebt als im Südwesten. Wie geht euch das?

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  4. Hm, so ganz schlüssig bin ich mir nicht, was Du mit dem Artikel sagen möchtest.

    Ist jetzt die Hamburger Region und dass man dort schwäbelnd und mit afroamerikanischem Aussehen keinen Anschluss findet der Aufhänger? Oder ist die Aussage, dass überall in D (vor allem im bösen Osten!) Alltagsrassismus herrscht, nur im Südwesten alles toll ist, der Kernpunkt?

    Wenn jemand mit einem deutlich dunkleren Teint als der Durchschnitt der hier lebenden Mitmenschen von Mecklenburg (oder nehmen wir die Region Erzgebirge, da klappts mit dem Dialekt besser) in den Südwesten zieht, denkst Du nicht, dieser Person würde es dort ähnlich gehen?

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  5. Anonym6.3.14

    Tut mir leid, aber das ist Schwachsinn. Ich bin als Hamburger oft in Schwaben unterwegs und habe auch lange dort gelebt. Ich habe mich dort auch fremd gefühlt, und musste feststellen, dass es einfach gravierende Mentalitätsunterschiede gibt, die sich in fehlerhafter Kommunikation und daraus resultierenden Missverständnissen zeigen.

    Zweitens spielt auch immer der Charakter eine Rolle. Wer in Norddeutschland die Menschen in breitem Schwäbisch anspricht, muss nicht erwarten, von allen bejubelt zu werden. Ich kenne viele Schwaben und Baden, die sich in Norddeutschland sehr wohl fühlen.

    Drittens: von Rassismus (!) zu sprechen, ist abermals gefährlich dumm.

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  6. Anonym6.3.14

    Sorry, den letzten Satz hatte ich überlesen. Damit ist mein obiger Kommentar obsolet.

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  7. Was Sie beschreiben, entspricht meinen Eindrücken, auch wenn ich sie nicht am eigenen Leibe erlebt habe. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, es hängt vor allem damit zusammen, dass in Mecklenburg dörfliche Strukturen nicht mehr funktionieren, anders als in Schwaben. Und das wiederum hängt mit den Jahrzehnten vor 1990 zusammen, noch mehr aber mit den Jahrzehnten nach 1990.
    Wenn die Verhältnisse "krass" sind, dann sind es auch die Leute. Und dass die Wut sich grundsätzlich an den Falschen entlädt, das kennt man ja.

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