10.12.11

Der Spin von SchülerVZ rund um den Flop-Button

Ich bin wirklich sehr froh, dass SchülerVZ am Ende eingesehen hat, dass ihre Pausenhof-App gar nicht geht. Es ist mir noch nie passiert, dass ich (mit ein oder zwei Ausnahmen und - selbstverständlich - einigen Trollen, die ich überwiegend gelöscht habe dieses Mal) eine so einhellige Zustimmung zu meiner scharfen Interpretation einer Sache, die mich aufregt, bekommen habe. Besonders von Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen zusammenleben, aber nicht nur. Wie ein Kollege es so unfein ausdrückte, war die Sachlage hier wohl einfach nur eindeutig: "Der Bauer erkennt seine Schweinchen am Gang."

Vielleicht ganz kurz ein zeitlicher Abriss der letzten zwei Tage:
  • Am 8.12.2011 um 13:06 Uhr habe ich den ersten Tweet zu dem Thema geschrieben, die Resonanz darauf war so groß, dass ich um 13:28 Uhr meinen zornigen Blogpost online gestellt habe. Weil ich mich mit Johnny Haeusler von Spreeblick ohnehin oft über Kinder und Internet unterhalte, habe ich ihn zeitgleich auf das Thema hingewiesen - sein Beitrag hat dann die Geschichte so richtig ins Rollen gebracht. Weit über 10.000 Menschen haben allein bei mir den Beitrag angeguckt, die Erwähnungen bei Twitter, Google+ und Facebook waren Legion.
  • Rund 26 Stunden später (am 9.12.2011 um 15:11 Uhr) hat SchülerVZ dann die Pressemitteilung veröffentlicht, die ich hier dokumentiere - und einen Exit angekündigt. Damit ist das Thema nicht erledigt, es wird noch mehr nachkommen, von Medien, Eltern, Aktivisten. Vor allem aber sieht man an der Dokumentation, dass es nicht wirklich befriedigend ist - und dass SchülerVZ mindestens an einer Stelle in der Mitteilung versucht, einen Spin (so nennen wir PR-Leute den Versuch einer Umdeutung an der Kante zur Wahrheit) auf die Geschichte zu legen, der sogar für einen Spin das, was man landläufig so "Wahrheit" nennen würde, extrem überdehnt.
Darum hier die Pressemitteilung, die Anleitung der Pausenhof-App vom Vortag und ein Screenshot von der Situation in der App gestern Abend. Da ich keinen SchülerVZ-Account mehr in der Familie habe, endet meine Dokumentationsmöglichkeit damit. Die Situation vor dem Eingeständnis von SchülerVZ hatte ich ja schon am 8.12. dokumentiert.



Meine Punkte zu diesen Dokumenten und zur Gesamtsituation sind diese:
  1. Es gab den Flop Button, siehe die Screenshots. Dass man die Flops nicht sah, war erst bei längerer Nutzung zu merken. Mir scheint, die, die das abwiegeln, haben die App nicht getestet. Dass Mobbing nicht möglich gewesen sei, wie SchülerVZ in seiner Pressemitteilung behauptet, ist nicht wahr. Ich konnte es, wenn ich wollte.
  2. Es wurden nicht etwa Profilbilder bewertet sondern Personen. Hier sagt SchülerVZ in seiner Pressemitteilung nicht die Wahrheit. Sie schreiben, es gebe die "Möglichkeit, über Profilbilder von anderen schülerVZ-Mitgliedern ... abzustimmen". Unter 'VI. Top oder Flop' schreibt SchülerVZ jedoch in der Erklärung des Pausenhof-App, es sei möglich, "verschiedene Profile ansehen und diese per 'Daumen hoch' oder 'Daumen runter' bewerten." Könnt ihr oben nachlesen.
  3. SchülerVZ killt den Flop-Button, was ich gut finde. Die PM dazu ist das übliche PR-Geschwurbel, das wissen wir hier alle, kein Grund zur Aufregung. Dass sie durch konkludentes Verhalten anerkennen, dass sie falsch lagen, reicht mir grundsätzlich. Allerdings wünsche ich mir, dass sie zugeben, dass die Aufforderung an Kinder, andere Kinder als Flop zu bezeichnen, ein Überschreiten der Grenze ist. Ein Modell zur Rettung einer untergehenden Plattform (weil sie am Nutzermarkt nicht mehr nachgefragt wird) darauf aufzubauen, dass Kinder nun mal grausam sein können und oft auch grausam sind, halte ich für zynisch und eklig. Und dabei bleibe ich.
  4. Die Tonalität der Pressemitteilung spiegelt die Gesamthaltung der VZ Netzwerke Ltd. wider, die mir seit langem von einer Weigerung geprägt zu sein scheint, die Realität wahrzunehmen. Aber das ist mir ehrlich gesagt egal.
  5. Dass sie auf Druck reagieren, und das recht schnell (rund 26h), ist gut. Ich kann ja nicht nur meckern. Dass sie so reagieren, wie sie reagieren, zeigt aber auch, dass sie offenbar anders zu der Frage stehen, ob man sexualisiert und auf die Grausamkeit von Kindern spekulierend werben sollte, als ich es tue.
  6. Unklar ist mir, wie der Pausenhof funktionieren soll, wenn die zentrale Funktion wegbricht. Etwa so wie auf dem Screenshot von gestern abend? Das könnte ja nun wirklich nicht der Ernst sein, SchülerVZ, oder? Den gesenkten Daumen durch einen Pfeil nach rechts ersetzen? Vielleicht ist es ein Schnellschuss, um etwas zu tun, dann ist es ok. Aber vielleicht lohnt es sich, das weiterzuverfolgen.
Danke für alle Unterstützer. Danke für eure Tweets, Artikel, Anfragen. Es lohnt sich, auf die Barrikaden zu gehen und nicht einfach hinzunehmen, wenn ein Unternehmen die Grenze überschreitet.

Kommentare:

  1. Viel besser ist die App jetzt auch nicht, wenn es keinen "Flop"-Button mehr gibt. Es geht immer noch darum, Menschen per 1-Klick zu bewerten, was grundsätzlich eine komplett menschenverachtende Funktion ist, die mich an diverse Asi-TV-Sendungen erinnert, in denen Leute gedemütigt werden.

    Für mich ist das jedenfalls eine Pervertierung des Grundgedanken des Internets: Die Förderung von egozentrischem Konkurrenzdenken (und zwar hier bei Kindern (!)), das noch nicht mal auf irgendeiner Leistung basiert, statt die Förderung von Vernetzung und Zusammenarbeit.

    Würde mich freuen, wenn Du an der Sache dran bleibst.

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  2. dot tilde dot10.12.11

    erinnert mich an die gong-show. und die war ja auch nicht menschenverachtend, nicht wahr.

    .~.

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  3. Anonym10.12.11

    Ich weiß dass ich da jetzt eine sehr unbeliebte Meinung äussere..

    Die App zeigt keine Flops an, dh. es wird keiner abgewertet, es gibt "lediglich" eine Aufwertung einzelner Personen.

    Soviel man rumtheoretisieren will, weit extrem härter geht diese Sortierung doch am Pausenhof zu.
    Eine Art der Selektion die die Jugendlichen ja auch erstmal wo aufgegriffen haben müssen.
    In diese Realität entlasst ihr eure Kinder jeden Tag.

    Und Algorhytmisch abgeschwächt in die Realität gebracht wird es nun zum Problem?

    Ich finde dieses "Feature" auch nicht toll, aber mir scheint es werden Scheingefechte geführt weil das tatsächliche Problem an den Schulhöfen so weit komplexer wäre.

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  4. Anonym11.12.11

    ich kann dem letzten Kommentar von anonym nur zustimmen.
    Zu Deinen Punkten:
    1.mobbing mit einer app (z.B. durch Dich) wäre nicht möglich. Da fehlt es definitorisch schon an der Möglichkeit einer systematischen und andauernden Ausgrenzung. Jedes 'ich mag Dich nicht' schon als mobbing zu bezeichnen verhöhnt die wirklich betroffenen. Ist wie jeder hat aktuell burn-out...
    2.'es wurden nicht Profilbilder sondern Personen bewertet': das kann in dieser Pauschalität nicht richtig sein, es sei denn Du hast höheres Wissen, was in jedem Kopf eines 'Bewerters' vor sich geht. Beides wäre möglich, sind ja Individuen...
    3.Wie jemand aus der PR-Branche etwas als 'übliches PR-Geschwurbel' bezeichnet, wirft ja ein eindeutiges Licht auf seinen Berufsstand und seine Selbstwahrnehmung. Und ein negativ es auf seinen Arbeitgeber...
    4. Abschließend: jenseits einer völlig richtigen Intention, nämlich den Fehlgriff von VZ anzuprangern, wurde weitgehend polemisiert und Fakten nach Gutdünken interpretiert. Sehr PR-mäßig. Aber sollte man mit Steinen schmeißen, wenn man im Glashaus sitzt???

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  5. Anonym12.12.11

    Ich schließe mich den Vorrednern an.
    Darüber hinaus halte ich es für sinnvoll den bewußten Umgang mit Medien als Unterrichtsfach einzuführen. Immerhin wird das ja ganz gerne als Schlüsselkompetenz stilisiert. Druck auf die Kultusminister? Kann ich bislang nicht erkennen. Offensichtlich ist das Thema bei weitem nicht so populär, wie beispielsweise gesunde Ernährung in der Schule.

    Am Ende des Tages ist ein soziales Netzwerk kein (bezahlter) betreuter Kindergarten. Daher stellt sich die Frage: Kann und darf ich meine Kinder dort unbeaufsichtigt abgeben und meine medienpädagogische Aufgabe einfach an die Community-Betreiber wegdelegieren?

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  6. Anonym12.12.11

    Meineserachtens war der Originalbeitrag nicht besonders sauber recherchiert.
    Allerdings hat die etwas einseitige Polemik bewirkt, die VZ Netzwerke aufzurütteln und Interessen der Community zu beachten.
    Das Ausschließen von "Trollen" aus der Diskussion halte ich hingegen für bedenklich. Führt es doch schnell zu einem diktatorischen Beigeschmack. Eine plausible Begründung für den Ausschluß bleibt der Autor schuldig.
    Ein derartiges Vorgehen ist allerdings keine Seltenheit. Gibt es doch eine ganze Reihe von Regionen, die Parallelen im Umgang mit der öffentlichen Meinungsbildung erkennen lassen. Sie gelten häufig nicht gerade als Glanzlichter der Demokratie.

    Vereinfacht: Wer eine offene Diskussion mit überspitzter Rhetorik auslöst, sollte in der Lage sein mit "Abweichlern" souverän umzugehen. Unbegründet "Ausschalten" ist ... [ohne Worte]

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  7. Anonym13.12.11

    Abgesehen von der Frage nach dem Sinn einer derartigen App - die eigentlich kein Erwachsener stellen dürfte, schließlich muss nicht alles, was Kinder in ihrer Freizeit tun, zwanghaft "sinnvoll" sein; waren Freizeitbeschäftigungen auch nicht immer, als wir jung waren - mutet deine Beschäftigung mit dem Gegenstand in meinen Augen sehr verbissen an. Ich habe nicht den Eindruck, dass tatsächliches Interesse besteht, sich fundiert mit dem Thema zu befassen.
    Besonders schade ist, dass ein nur in Teilen richtiger Text vielerorts unreflektiert abgetippt wurde und auf diese Weise ein "Meinungsbild" suggeriert wird.

    P.S.: Du schreibst: "Unklar ist mir, wie der Pausenhof funktionieren soll, wenn die zentrale Funktion wegbricht." - hättest du die Pressemitteilung, die du selbst abbildest, aufmerksam gelesen und dir die App genauer angeschaut, wüsstest du, dass es sich bei dem "Flop"-Button eben nicht um die zentrale Funktion gehandelt hat.

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