9.6.11

Grüß mal

In der Generation meiner Eltern gab es die Gattung der "Berufsjugendlichen". Vorzugsweise Sozialpädagogen (ja, meistens männlich), die auf Bauspielplätzen und in der offenen Jugendarbeit der Kirchen arbeiteten. Vorzugsweise solche mit Vollbärten, starken Oberarmen oder einer handwerklichen Begabung, frisch weg mit dem allgegenwärtigen "Du". Vorzugsweise mit einem Hang dazu, nicht das zu werden, was die anderen in der Generation dann "erwachsen" nennen.

Neulich saß ich mit zwei anderen dicken Männern in meinem Alter zusammen. Genauso kuhle Säcke wie ich, erfolgreich im Web und in Social Media, kreativ, politisch. Gute Leute, die beiden. Freunde? Weiß nicht, aber bestimmt friends. Und damit sind wir beim Kern dieser Geschichte.

Zum Erwachsenwerden gehört schon immer, dass sich Fremd- und Eigenwahrnehmung annähern. Ich hab Kinder in der Pubertät, ich weiß, wovon ich rede. Dieser Prozess ist schwer und manchmal schmerzhaft. Aber je älter ich werde, desto mehr bin ich überzeugt, dass er notwendig ist. Im Grunde, so kommt es mir vor, ist es der zweite wichtige Schritt nach der Entwicklung des Abstraktionsvermögens (bei den meisten Kindern kommt das im Verlaufe der Vorpubertät, so zwischen acht und zehn). Denn erst aus der Kombination aus Abstraktionsvermögen und einer realistischen Einschätzung, wie andere mich sehen, erwächst die sympathischste Eigenschaft souveräner Erwachsener: Dass sie über sich selbst lachen können. Und damit sind wir nun wirklich beim Kern dieser Geschichte.

"Grüß mal", sagte der Mensch, als ich erzählte, dass ich diese beiden dicken alten Männer (siehe oben) sehen werde, das seien Freunde. Machte ich. Und sie fragten: "Wer?" Ich erläuterte es. "Kenne ich nicht", sagten sie und kippten Zucker in ihren Grande White Moccha. Dabei folgen sie dem Menschen auf Twitter. Und lesen auch hin und wieder das Blog. Waren bestimmt schon mal zur gleichen Zeit auf einer Twittnite.

Ich habe ja viel mit jungen Leuten zu tun. Teilweise solchen, die irgendwer irgendwann mal als Hipster bezeichnet hat vielleicht, teilweise mit gefühlten Stars der Szene. Und ich habe immer mehr den Eindruck, dass einigen die gefühlte eigene Bedeutsamkeit in Onlinedingens eine reale Bekannt- oder Bedeutsamkeit vorgaukelt, die sich empirisch nicht bestätigen lässt. Kann es sein, dass eine frühe "große" Onlinereichweite bei einigen faktisch dazu führt, dass sich der Schritt zu einer Annäherung ihrer Eigen- mit der Fremdwahrnehmung verzögert?

Wenn das keine Einzelfälle sind (und das nehme ich an), dann stellt das uns Alte vor eine enorme Herausforderung. Vor allem in der Organisation von Arbeitsprozessen.

Kommentare:

  1. Timo Lommatzsch9.6.11

    Das Gegenteil funktioniert aber auch immer ganz gut im negativen Sinne. Sprich, ich gehe ja immer davon aus, wenn ich so bei unser aller Klassenfahrten unterwegs bin, das mich da keiner kennt, den ich nicht persönliche kenne und f2f schon mind. 3x getroffen habe. Und dann sind wieder alle aus meiner Timeline sauer, das ich nicht grüße ;)

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  2. Das stimmt. Insbesondere bei einigen Kandidaten in Berlin.

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  3. "Kann es sein, dass eine frühe "große" Onlinereichweite bei einigen faktisch dazu führt, dass sich der Schritt zu einer Annäherung ihrer Eigen- mit der Fremdwahrnehmung verzögert?"

    Jein: Denn auch das hat nichts mit "online" zu tun, sondern mit einem Überschuss an materieller und nicht-materieller Aufmerksamkeit. Auch in anderen Umfeldern zu beobachten, wie (offline-) Erfolg, Geld, Helikopter-Eltern.

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