18.5.10

Vom Unsinn der profetischen Haltung, der Berg möge sich bitte bewegen

Grundsätzlich habe ich für Profeten* etwas übrig. Kassandra von Christa Wolf ist und bleibt eines meiner Lieblingsbücher. Profeten haben ihren Sinn, auch historisch, in Krisensituationen. Sie sind vielleicht so etwas wie das alarmistische Gegenstück zum Hofnarr. Und damit sind wir beim Problem.

Profeten rufen zur Umkehr. Profeten sehen die Bedrohung. Profeten scheitern fast immer am System. Lest mal die Bibel, sehr interessant das.

Was Profeten nicht sind (und damit ähnlich den Hofnarren), sind Ratgeber. Sie haben einfach eine andere Funktion. Mal platt gesagt können Profeten auch keine Ratgeber sein, denn Ratgeber helfen den Herrschenden, Möglichkeiten in Handlungsoptionen zu übersetzen - und wenn sie Implementierer sind, dann Operationalisieren sie diese Optionen auch und handeln. Profeten sehen keine Handlungsmöglichkeiten jenseits des Umsturzes.

Beides hat seinen Sinn und seine Zeit. Etwas holzschnittartig ist es die Frage nach Revolution oder Evolution. Und während Ratgeber fragen, wie die Herrschenden unter sich verändernden Rahmenbedingungen mit möglichst überschaubaren Änderungen ihre Ziele weiterhin erreichen können (Hallo ROI), weisen Profeten darauf hin, dass eben diese Herrschenden nicht überleben werden, da die Veränderungen so radikal sind, dass ihre Zeit vorbei ist. Profeten sprechen grundsätzlich, ihnen ist das System weitgehend egal. Ratgeber analysieren das System und suchen nach Wegen.

Oder konkret: Mirko Lange schrieb heute früh (und auch, wenn 140 Zeichen etwas sehr zum Verkürzen neigen, zeigt es doch, was ich meine)
Ich plädiere für die grundsätzliche Kommentierbarkeit von allem (!) Content im Web. Das ist einer der Unterschiede von 1.0 und 2.0. (Lange auf Twitter)
Mich stört zunehmend die Grundsätzlichkeit. Jetzt nicht allein in diesem Fall oder festgemacht an diesem Autor. Sondern grundsätzlich (haha). Denn während so ein Satz wie da oben prinzipisch richtig ist, hat er doch mit der Beratungswirklichkeit nichts zu tun.

Es ist Quark, denke ich, dass alles und jedes im Web kommentierbar sein muss, abgsehen davon, dass ich hier in meinem Blog alles und jedes kommentieren kann und damit prinzipisch alles und jedes mittelbar kommentierbar ist. Tja.

Aber wieso bitteschön soll "grundsätzlich" aller (!) Content kommentierbar sein? Was soll der Sinn dahinter sein? Dass ich deutlich zeige, wie unwichtig ich bin, weil nie jemand kommentiert (beispielsweise bei Newsrooms)? Oder dass ich meinen Gegnern eine Plattform gebe, den Ort vollzuspammen, an dem ich einmal in Ruhe und ohne die Hektik einer Diskussion meine Position ausbreiten will (beispielsweise bei politischen Kampagnenseiten)?

Diskussionen und Kommentare sind wichtig. Und oft plädiere ich beispielsweise auch dafür, einen Ort im eigenen "Grundbesitz" zu schaffen, an dem kommentiert werden kann, weil es nach allen Erfahrungen Kritik zivilisiert und wertvoll ist, das auf einer eigenen Plattform zu haben. Aber deshalb müssen noch lange nicht ALLE Orte Kommentare zulassen oder ermöglichen. Ein strategisches und nicht einfach nur profetisches Herangehen an das Thema wird immer fragen, welche Funktion innerhalb des Gesamtziels und der Gesamtstrategie ein Ort hat. Und, Wunder über Wunder, es gibt Funktionen, die nicht das Gespräch sind.

Zugespitzt ist die Aussage oben eben gerade die eines Profeten. Nicht falsch, wahrscheinlich sogar wahr, aber unbrauchbar. Ein Ratgeber wird einen Weg suchen, wie in einer Arena, in der jeder seine Meinung hörbar machen kann, so zu agieren ist, dass die Ziele, die ich habe, erreicht werden können. Denn sonst...
(aber das habe ich ja neulich unter dem Stichwort Hybris schon mal beschrieben, auch wenn es schrecklich selbstreferenziell ist, mich selbst zu verlinken.)


Und Bernhard, ich lasse die Kommentare offen - denn, qed, prinzipisch und grundsätzlich stimmt es ja. Oder so.

* Dass ich Profeten mit f schreibe, ist eine lebenslängliche Hommage an den großen Alttestamentler Klaus Koch, der der Meinung ist, dass ein einzelner Buchstabe im griechischen und hebräischen nicht mit zwei Buchstaben im deutschen transkribiert werden sollte. Als er emeritiert wurde, titelte unsere Fachschaftszeitung: "Er wird eine schwer zu phüllende Lücke hinterlassen"...

Kommentare:

  1. Grundsatzdebatten über Grundsatzdebatten sind gerade ziemlich angesagt. Einen Vorteil hat's: Man kann sich leichter auf die Arbeit konzentrieren.

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  2. Hallo lieber Wolfgang, vielleicht kommt dein Zweifel aufgrund einer anderen Interpretation des Wortes "grundsätzlich". Ich verwende "Grundsätzlich" eben genau NICHT wie "immer". Sondern eben "nur vom Grundsatz her". Das impliziert, dass man davon Ausnahmen machen kann und muss.

    Allerdings habe ich grade auf Wikipedia gesehen, dass ich das möglicherweise anders verwende als die meisten Menschen und das gar nicht wusste: "Anders als im Privatbereich werden im Juristendeutsch die Wörter „Grundsatz“ und „grundsätzlich“ jedoch relativierend verwendet - als übliche Richtschnur, von der in Einzelfällen auch abgewichen werden kann."

    Ich bin ja Jurist. Also insofern bitte ich dich, meine Aussage genau auch relativierend zu verstehen.

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  3. Ach ja, noch etwas scheinst Du "grundsätzlich" misszuverstehen. Und das ist der Kontext, in dem manche Aussagen kommen. Ein Satz wie "Ich plädiere für die grundsätzliche Kommentierbarkeit von allem (!) Content im Web" ist zunächst selbst kein Plädoyer sondern nur eine Zustandsbeschreibung. Denn das ist so: Wenn mich ein Kunde fragt, ob er Kommentare zulassen soll, sage ich "grundsätzlich" erst einmal "ja". Es sei denn, es gibt in dem besonderen Fall Gründe, die dagegen stehen.

    Im übrigen empfehle ich dir den Artikel von Katrin Passig "Standardsituationen der Technologiekritik" http://www.eurozine.com/articles/2009-12-01-passig-de.html Die Frage "Wozu soll das gut sein" wird da auch behandelt ;-)

    Und ich halte - damit kämen wir weg von der grundsätzlichen zur konkreten Debatte - Kommentierbarkeit für einen wichtigen Ausdruck einer Haltung. Wenn ich als Unternehmen oder Organisation Inhalte bereit stelle, dann sind die nicht absolut. Mich interessieren zusätzliche Perspektiven oder andere Sichtweisen. Sich selbst und seine eigenen Aussagen zu relativieren, überprüfbar und kommentierbar [sic!] zu machen ist Ausdruck von geistiger und inhaltlicher Flexibilität. Nur so kann ich lernen und meine eigene Perspektive modellieren und anpassen. Das ist Marktnähe.

    Ich weiß (oder ich glaube), dass Du und Ihr bei achtung! ein anderes Kommunikationsverständnis habt. Aber ich glaube daran, dass die innere Haltung (also wer "ich bin") für die Kommunikation sehr viel wichtiger ist, als das "was ich scheine". Das ist dann nämlich wahrer Dialog und nicht die Imitation davon.

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  4. Mirko, den Punkt mit dem "grundsätzlich" sehe ich nicht, denn das ist eine verschwindend geringe Differenz in der Bedeutung. Beide meinen wir "dem Grunde nach" (um in deinem Professionsdeutsch zu bleiben). Ich denke nur, dass es so oder so Quatsch ist. Denn dem Grunde nach ist Content im Web Content. Und Gespräche sind Gespräche. Egal.
    Und danke noch mal für den Hinweis auf Passigs Modell, das ich in jeder Präsentation einsetze, seit Jahren schon :)

    Mein "wieso" bezog sich auf die Aussage, wieso ALLER Content GRUNDSÄTZLICH (egal wie dieses Wort verstanden wird) irgendwas sein SOLL. Mein Gott, ich bin nun wirklich ein Anhänger normativer Systeme (als Ethiker stehe ich eher auf der Seite der Normenethik als der Situationsethik), aber das geht mir zu weit. Denn dieses Internetz ist nun mal nicht mehr und nicht weniger als ein gigantischer Speicherort auf der Basis von Relationen (siehe Hyperlinks), die Kontexte schaffen.

    Dein Satz von der Kommentierbarkeit als Unterscheidung von 1.0 und 2.0 ist - aus meiner Sicht - ähnlich Bullshitverdächtig wie die Nonsens-Aussage, Social Media sei tot, weil das gesamte Web irgendwie social sei. Quark.

    Aber ich bin ja tolerant, jeder wie er will. Und es muss auch Hofnarren und Profeten geben.

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  5. Ach Wolfgang. Da ist sie wieder. Diese Arroganz. Diese Hybris. Wer bist Du eigentlich, dass Du dir erlaubst, andere Menschen als "Hofnarren" oder "Profeten" zu verunglimpfen?

    Deine Kritik geht völlig an der Sache vorbei. Denn es ist völlig zulässig, sich mit der Fragestellung auseinander zu setzen, was der "Normalfall" und was die "Ausnahme" ist. Und nebenbei gesagt würde ich die These wagen, dass heute ein Großteil des aktuellen Contents im Web bereits kommentierbar ist: Jeder Eintrag auf Facebook, YouTube oder Google. Jedes Produkt auf Amazon. So gut wie jeder redaktionelle Artikel. So gut wie jeder Blogbeitrag. Und, wie Du ja auch richtig sagst, kann jeder alles irgendwo anders kommentieren. Insofern ist Kommentierbarkeit inzwischen eher der Normalfall als die Ausnahme. Wieso gibt es da kaum ein Bewusstsein in Bezug auf Content, der von Unternehmen oder Parteien beigesteuert wird?

    Und Deine Argumente gegen eine Kommentierbarkeit sind leider schwach (nicht polemisch, sondern einfach im Sinne von "nicht stark"). Wie hoch würdest Du denn den Anteil an kommentierfähigen Artikeln sehen, bei denen die Gefahr besteht, dass irgendjemand den Artikel "zuspamt"? Im Gegenteil: Wenn ein Artikel so große Aufmerksamkeit hat, dass die Gefahr des spammens bestünde, gibt es umsomehr Bedarf an einer Debatte. Und es gibt ein breites Instrumentarium, Spammer zu entfernen, aber die Debatte zuzulassen. Das ist die Kompetenz eines gute (Web 2.0-) Kommunikationsprofis, damit umzugehen. Aber nicht ABSZUSCHALTEN.

    Und auch das Argument, dass man nur sehen könne, das niemand kommentiert, geht ins Leere. Das beste Beispiel sind klassische Online Medien. Heute kann man fast bei jeder "Zeitung" die Artikel kommentieren. Aber mitnichten wird das immer getan. Man muss ja nicht auf jeder Seite in einer 30-Punkt-Schrift schreiben: "Hier ist noch nichts kommentiert worden". Es ist kein Problem, wenn Artikel nicht kommentiert werden.

    Dagegen gibt es viele gute Gründe FÜR einen Kommentar: Ich zeige eine Haltung, dass ich interessiert an der Replik des Lesers bin. Ich interessiere mich dafür, was sie interessiert. Ich bekomme einfach *mehr* Feedback als ohne Kommentarfeld, aus dem ich lernen kann. Es können Diskussionen zwischen den Lesern entstehen. Ich zeige Respekt, weil ich dem Leser Rechte gebe - und vieles mehr. Und last but not least entfalten Thesen erst dann richtig Wirkung, wenn sie debattiert werden. Ein (PR-) Thema, das nicht debattenfähig ist, ist einfach kein gutes Thema.

    Ja, ich plädiere für eine Umkehr der Default-Einstellung. Und genau so würde ich das jedem Kunden empfehlen. Ich fordere kein Gesetz! Jeder kann das anders machen. Aber nur, weil es jemand auch anders machen kann, ist die Grundthese ja nicht falsch. Ich plädiere auch weiterhin dafür, grundsätzlich JEDEN Menschen IMMER respektvoll zu behandeln und sich mit deren Argumenten auseinander zu setzen, als sie als "Hofnarren" lächerlich machen zu wollen.

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  6. Ich fasse es nicht! Mein erster Impuls war tatsächlich der: 'ich werde ihm in den Kommentar semmeln, dass ich Prophet schreiben werde. Sogar unter Aberkennung des Abiturs oder was auch immer.'

    Und dann dieser Appendix! Ich war entwaffnet.

    Ein Freund (Ralf) sagte mal Folgendes: "wenn das so läuft mit der Rechtschreibung, dann werde ich meinen Namen ab jetzt mit 'ph' schreiben!" Der alte Revoluzzer. Aber es hat mich sehr beeindruckt und ich darf zugeben, dass mich nach wie vor ein leichter Schauer erhascht, wenn ich in einem geschäftlichen (!!!) EBrief "telephonieren" schreibe.

    Ich nehme in diesem Kommentar wenig Bezug auf den eigentlichen Gegenstand, aber das ist mir nun auch peng.

    Vielleicht das kommende Mal.


    jott

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