26.3.10

über Hybris

Ich bin unverdächtig, bescheiden zu sein. Als am Ende meiner Schulzeit durchsickerte, dass ich Theologie studieren werde, wurde im Lehrerzimmer von jemandem ausgerufen: "Der? Der soll erstmal Demut lernen". Das hat mich damals amüsiert, heute weiß ich, dass es nicht ganz falsch war, wenn auch bei einem 18-jährigen vielleicht übertrieben. Demut habe ich gelernt durch das Leben, vor allem die Geburt meiner Kinder und die Krankheit und den Tod meiner Mutter.

Ich werfe auch niemandem vor, wenn er oder sie stolz ist, arrogant oder überheblich. Das kann oft begründet sein und die Dummheit oder Langsamkeit, die einem in der Welt begegnet, ist ja auch zum Ausderhautfahren hin und wieder.

Ich mag aber keine ὕβρις. Und gerade Hybris ist das, was ich in dem Feld, das ich beruflich vor allem beackere, dauernd erlebe. Und weil das ein ziemlich heftiger Vorwurf ist, schon klar, will ich ihn ein bisschen begründen, ok?

I. Ich bin der Nabel der Welt
Ich weiß nicht, wie das kommt, aber unter Menschen, die in den Social Media ihr Innerstes nach Außen kehren, ist oft so eine Haltung zu beobachten, dass sie ihre Wünsche und Erfahrungen für absolut setzen. Ob jemand wie Sachar sagt, er wolle dies oder das nie wieder lesen, oder jemand wie Mirko erklärt, was er täte, wenn er Nestlé wäre (nur um mal zwei aktuelle und willkürliche Beispiele rauszugreifen), ist dabei fast unerheblich. Die Tonalität in vielen Blogs schwurbelt so merkwürdig zwischen Nabelschau und Kleinkariertheit, dass es eine Freude ist. Wenn denn dann wenigstens klare und streitbare Meinungen vertreten werden, wie es Nico oft macht! Merkwürdigerweise bin ich ja nicht Nestlé oder Bürgermeister. Huch.

II. Ich weiß, dass sich alles ändern muss
Vielleicht haben ja wirklich diejenigen Recht, die Social Media als den verschriftlichten Stammtisch beschreiben. Denn auch dort wissen ja die Teilnehmer mit ihren Schwänzen in der Größe von Erdnüssen (Quasi-Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme, ratet welchem) nicht nur, wie man die Welt retten könnte, dass die Erderwärmung nicht passieren wird, wie wir Weltmeister werden und was BMW bloggen sollte, sondern machen auch Witze über 13qm-Zellen-Bewohner. Vor allem aber ist alles immer ganz einfach, weil unterkomplex. Und man müsste nur dies und das tun und alles ändert sich. Kleine Schritte sind nie nötig und Begründungen schon gar nicht. Und so.

III. Ich brauche mich um die Realität nicht zu kümmern
Denn es ist ja klar: Die Zusammenhänge beispielsweise zwischen verschiedenen Abteilungen und Zielen in einem Unternehmen stören nur, wenn es um die Revolution geht, um das Großeganze. Und darum lese ich von den Social-Media-Profeten so oft, dass Social Media nicht in erster Linie eine neue Arena seien, in der Kommunikation stattfindet, sondern dass sie alles verändern, mindestens die Unternehmenskultur (und zwar sofort) und ganz bestimmt die Art und Weise, wie produziert wird. Und damit nähern wir uns dem eigentlichen Punkt der Hybris: dem Ganzodergarnicht, der Radikalität.

IV. Was gut für mich ist, ist gut für alle
Und von hier aus ist es nur ein ganz, ganz kleiner Schritt zur grotesken Auswirkung der Hybris - dem Realitätsverlust. Ungefähr ein Drittel der Menschen, die online sind, sind Mitglied in einem sozialen Netzwerk. Ungefähr ein Prozent führt ein Blog, ebenso viele twittern. Es ist Hybris, aus der gefühlten Bedeutung innerhalb eines geschlossenen Zirkels eine Kompetenz oder Bedeutung in der Kohlenstoffwelt abzuleiten. Das irre ist ja, dass für fast alle Dinge die Menschen, die in ihren Blogs und auf Twitter krakelen, real irrelevant sind. Nehmt nur mal einen Blogeintrag, über den ich mich diese Woche aufgeregt habe - bis jetzt (Freitag, 9.30 Uhr) 6016 Leserinnen und Leser. Und jetzt redet über Reichweite, Bedeutung, Meinungsführung.

Aus dem Resonanzraum meines Dorfes auf mehr zu schließen als auf mein Dorf, ist Hybris. Sich für einen Vollchecker zu halten, ohne sich um die realen Rahmenbedingungen zu kümmern, ist Hybris. Zu schnell zu sein und die langsameren zu verspotten, ist Hybris. Und sagte ich schon, dass ich Hybris nicht mag?

Oder um es mal anders zu sagen: Wer glaubt, dass Jack Wolfskin oder Jako auch nur eine Delle in ihren Imagewerten oder Umsätzen gespürt haben und Runde Tische brauchten, wer glaubt, dass Nestle jetzt erleichtert darauf verzichten wird, seine Einkaufspolitik zu verändern, der ist von Hybris befallen. Gute Besserung.

Kommentare:

  1. Nur zum letzten Absatz. Ja, das stimmt. Aber auch nicht immer. Und mit anderen Werten. Es gibt Unternehmen oder Organisationen, die schon seit Jahren mit ihrem durchgehend schlechten Image zu kämpfen haben. Und zwar durch alle Bereich hindurch. IFPI und GEMA. Das kratzt die dann zwar trotzdem wenig, aber der Schatten über diesen Gesellschaften ist spürbar. Auch, wenn er teilweise völlig ungerechtfertigt ist.

    Und das ist das nächste. Eine Sau wird immer getrieben gerne und gelegentlich völlig ohne Kenntnis eines Hintergrundes. Empörungsschwärme. Ich finde das unangenehm. Auch wenn die Dellen trotzdem klein bleiben.

    Andererseits. Man muss ja was tun, egal, ob damit eine Wirkung verbunden ist. Sonst kann man den Kopf eh gleich hängen lassen. Was viele übrigens jetzt gerade auch tun.

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  2. Sehr schöner Artikel. Aber im Nebel der Social-Media-Selbstreferenzialität und -Selbstüberschätzung geht Realitätsbezug leider oftmals unter. Deswegen rate ich Kunden beim Thema Social Media auch immer zu einer realistischen Betrachtung ihrer Chancen und Möglichkeiten. Einfach nur mitzumachen, weil irgendein „Social-Media-Experte“ geraten hat, dass man jetzt sofort auf der Stelle twittern müsse, wenn man auch morgen noch im Markt erfolgreich sein will, ist schließlich nicht sinnvoll.

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  3. Hybris an sich ist ja dem Menschen auch außerhalb der Blogosphäre nicht fremd. Genausowenig wie Selbstreferenzialität und Gruppendenken. In einem ersten Versuch, diese Aufgeregtheit des Netzdiskurses mal medientheoretisch einzuordnen (in einer Serie über Medienkompetenz auf der Kontextschmiede) habe ich es so formuliert:

    "Der Hype um neue Technologien ist alt. Neu scheint im Moment nur die Feedbackschleife, die diesen Hype weiter propagiert: Die Eigeninteressen von "Sendern" sind betroffen, sowohl Sender der alten Medien als auch Sender der neuen Medien sehen ihre Stimme in Gefahr."

    Tatsächlich aber ist die von dir beobachtete Hybris ein Alltagsphänomen, das im Zuge der Kämpfe um Deutungshoheit neuer gesellschaftlicher Entwicklungen ständig auftaucht. Insbesondere die Form der merkbefreiten Simplifizierung, das "ganzodergarnicht" ist Teil eines immer wiederkehrenden Zyklus von Hype und Hysterie um neue Technologien. Überleg mal, wie sogar der Disneykonzern meinen Großeltern noch die Atomkraft als Allwundermittel der Seligkeit versprach.

    Dass die Avantgarde Gefahr läuft, von Otto-Normal-Nutzern völlig marginalisiert zu werden, ist auch nix neues. Dämlich ist es natürlich, dieser Entwicklung auch noch mit Abgrenzung von "normalos, die das Internet nicht verstanden haben" zu befördern. Auf der anderen Seite kann der Einfluss einer Avantgarde schon für Normalbürger oder Wolfskin und Co spürbar sein, auch wenn er sicherlich geringer ausfällt, als die confirmation bias den Mitgliedern der Netzapostel vorgaukelt.

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  4. Die Konsequenz aus dem letzten Absatz wäre aber, den Mund zu halten und Unternehmen wie Jack Wolfskin und Jako einfach so machen zu lassen, in der Annahme, man könne ja ohnehin nichts ändern.

    Und das kann ja nun auch nicht die Antwort sein.

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  5. @sachark meint ja auch, dass die Unternehmenskommunikation etwas vom Fall Philipp Lahm lernen kann, leider meint er etwas anderes als ich (und kann natürlich nicht Recht haben ;-)

    Aber egal, ich freue mich, dass ich mit Dir mal grob einer Überzeugung bin. Ganz besonders wichtig: In einer immer komplexer werdenden Welt, muss man einfachen Lösungen systematisch misstrauen.

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  6. Lars (und evtl, wenn ich dich richtig verstehe, auch Martin): Nein, die Konsequenz ist nicht, den Mund zu halten, im Gegenteil.

    ABER: Die Hysterie vor allem bei Jack Wolfskin, wie sie bspw beim Werbeblogger geschürt wurde, war Hybris geschuldet - und die Idee, man könne dem Unternehmen helfen, indem die dort beim Werbeblogger ausgezogenen Linien verfolgt würden.

    Sowohl der Schaden für das Unternehmen als auch die eigene Beratungskompetenz wurden von manchen gnadenlos überschätzt, nicht nur bei Wolfskin und Nestle.

    Mein Punkt ist: Guckt einmal hin, was möglich ist. Guckt dann noch einmal hin, was gemacht wird. Dann gleicht das ab. Und beurteilt noch mal neu, ob das ein Schritt in die richtige Richtung ist, auch wenn er von der reinen Lehre latent abweicht.

    Sascha: Freut mich :)

    erz: Brillanter Artikel von dir, danke für den Hinweis!

    Michael: eben.

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  7. Was also sollen "wir" machen? Kann sein, dass ich das alles nicht mehr kapiere, dass auch die Welt der Konzerne mich langweilt. Denn die meisten Argheiten bekommt man sowieso nie mit.

    Ich denke aber, in so kleinen überschaubaren Einheiten wie einer statt-augsburg.de-Sache, ist es hilfreich eine auftrumpfende Hilflosigkeit einiger Leute, die aus dem Ruder laufen, kenntlich zu machen.

    Und das gilt bei mir immer positiv, wenn eine Macht eine Ohnmacht abstrafen will und definitiv die Mittel falsch wählt. (Übrigens aber auch in umgekehrter Richtung, wenn der Mob losrennt ohne zu gucken wohin.)

    Jack Wolfskin ist für mich allerdings gestorben. Kam für mich aber auch früher nicht infrage. Eine Mütze habe ich, und die ist geschenkt.

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  8. @haltungsturner

    Vielen Dank für das Kompliment! Ich bin immer hin und hergerissen zwischen meinem Bemühen, um Aufmerksamkeit für die noch recht junge Plattform und unsere Beiträge zu werben, und der Scheu, mit meiner Eigen-PR selbst der Hybris anheim zu fallen. Da tut es gut, wenn mein Hinweis auf einen Artikel tatsächlich mal als hilfreich empfunden wird.

    Ich hoffe, man liest sich ;-)

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  9. Ein sehr schönes Posting.

    Der größte Schaden für Unternehmen, die ins Fettnäpfchen treten, weil sie zum Beispiel ihr gutes Recht durchsetzen oder einen halben Tag zu spät auf haltlose Beschuldigungen reagieren, entsteht weniger durch die erste Welle der Empörung. Was kümmert es einen Weltkonzern, wenn sich ein paar Hundert Aktivisten auf dessen Facebook-Page austoben? Die beruhigen sich auch wieder. Bitte weitergehen. Hier gibt es nichts zu sehen. Danke für Ihre Kritik.

    Nein: Die große Öffentlichkeit inklusive medialer Berichterstattung und überregionalen Medien und damit der eigentliche Schaden für Unternehmen, denen ein Fehler unterlaufen ist, entsteht regelmäßig erst durch den Rattenschwanz an Blogpostings aus unserer Branche. Das ist nicht nur durchschaubar, es ist auch langfristig nicht tragfähig.

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  10. Andere Menschen der Hybris zu bezichtigen scheint mir "Hybris" zu sein. Denk mal drüber nach, lieber Wolfgang.

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  11. ok, mach ich. - - - getan. Schluss: nein.

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