10.9.08

Relevanz

Angesichts einer zyklisch wiederkehrenden Debatte, ob das Daimlerblog (disclosure: Daimler ist ein Kunde von Edelman Deutschland und ich berate Daimler auch beim Blog) relevant sei, beginnt Matthias Schwenk, dessen Blog ich ohnehin schätze, (wieder einmal) die Diskussion um Relevanz. Genau mein Thema.

Denn die Frage nach Relevanz habe ich mir in der wissenschaftlichen Arbeit (während des Theologiestudiums) und in der politischen Arbeit (vor allem in der Zeit, in der ich mich auch intensiv mit linker Theorie und Marcuse und so beschäftigt habe, von dem ich viel lernen konnte) schon sehr viel gestellt - und spätestens seit der Geburt unseres ersten Kindes vor über zwölf Jahren begonnen, neu und anders zu beantworten.

Dieser biographische Bruch in politischen und theologischen Denken (obwohl es mehr eine schleichende Änderung war, die erst im Nachhinein als Bruch erkennbar ist) erklärt mir heute noch am besten, wieso Relevanz eben nicht objektiv bestimmbar ist.
Die Bedeutsamkeit ist weit schwerer zu messen als die reine Datenmenge oder der Informationsgehalt. Nur wenn sich alle Kriterien für die Bedeutsamkeit genau angeben lassen, lässt sie sich quantifizieren – das ist im Allgemeinen aber nicht der Fall. (Wikipediaartikel)
Was Theoretiker und Ideologen (und beides habe selbst durchlebt und jeweils mehr als genug enge Weggfährten gehabt, die es blieben) oft vergessen, ist eben der Kontext, in dem Relevanz entsteht. Das relevant für jemanden. Das Subjekt der Relevanz.

Darum ödet es mich, mal deutlich gesagt, massiv an, wenn jemand fragt, ob etwas relevant sei - ohne zu bestimmen, was er oder sie damit meinen könnte. Der Vorwurf, etwas sei nicht relevant oder werde in soundoseiner Zeit nicht mehr relevant sein, ist die beste Ausrede, sein Hirn nicht einzuschalten. Zumal es erstmal gut und informiert klingt, egal wie bereits theoretisch und semantisch absurd es ist.

Im Beruf ist die ernsthaftere Frage, die mit der Frage nach Relevanz wohl auch meistens gemeint ist, die nach der Angemessenheit, mein Ziel zu erreichen - aber die kann erst beantwortet werden, wenn ich das Ziel kenne und so genau wie möglich als falsifizierbaren Indikativsatz in der Zukunft formuliert habe. Im privaten Rahmen ist wohl meistens gemeint, ob mich etwas in meinem Leben oder Denken betrifft, ob es Auswirkungen auf mich und meine Lieben hat - was ebenfalls meistens nicht so einfach bestimmt werden kann. Ist beispielsweise der Georgienkrieg für mich und meine Familie relevant? Wer soll das ernsthaft beantworten wollen oder gar können? (Und um diese Frage trotzdem einmal zu beantworten: Ja, er ist relevant, weil das ehemalige Au Pair von sehr guten und uns lieben Freunden, zu dem sie noch eine Freundschaft verbindet, dort lebt - und uns das betrifft)

Es mag wie Korinthenkakken aussehen, aber ich mag mich nicht mit anderen pauschal über Relevanz unterhalten. Und jemand, der mir, einem Projekt oder einer Idee vorwirft, es sei nicht relevant, ist kein Gesprächspartner für mich, bis wir geklärt haben, worüber wir eigentlich reden wollen.

Kommentare:

  1. Ich finde gar nicht, dass das klingt wie Korintenkacken.

    Ich finde, die Diskussion macht deutlich, wie überheblich in der Blogosphäre über irgendwas diskutiert wird. Da sind die Blogger-bashenden Journalisten noch gut informiert, im Vergleich. Fakt ist doch, dass man sich über Schmähkritik schnell mal ein bisschen Aufmerksamkeit unter den Bloggern sichern kann. Gerade in den Anfangstagen hab auch ich das ab und an gemacht - ist doch schön, soviel Beachtung :-)

    Ich finde den Daimler Blog für mich persönlich auch nicht relevant. Wenn ich einen Autoblog lesen will, dann soll es da gefälligst im Schwerpunkt um Autos gehen - der Opel Insignia Blog ist da ein gutes Beispiel (habe ihn schon oft gelobt, ohne auch nur einen Cent dafür zu bekommen, also kein Disclosure). Ich will Testingenieure kennenlernen - dabei hat es mich bislang übrigens nicht gestört, dass eine Agentur den Opel Blog redaktionell nachbearbeitet - zumindest steht das im Impressum.

    Aber - Du hast vollkommen recht - wenn ich das Ziel des Daimler Blogs nicht kenne, weiß ich auch nicht, ob er in relevantem Umfang zu dessen Erreichung beiträgt.

    Ich würde ehrlich gesagt jede Diskussion über den Blog als Ehrenbekundung sehen. Daimler hat in der Blogosphäre das Image als Beamtenmarke sicherlich längst abgelegt. Und konzernintern sind vielleicht schon einige nette Connections entstanden. Ob dass das Ziel war, weiß ich nicht. Wenn ja, dann ist er relevant.

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  2. Relevant ist, was mich betrifft. Und solange ich nicht weiß, dass der Sack Reis in China liegt, weiß ich nicht, dass das Umfallen desselben mich nicht betrifft. Wenn der Sack Reis aber in der Küche von Freunden in China umgefallen ist, dann betrifft und interessiert mich der Sack sehr wohl (Kontext).

    Deswegen kann eine Tatsache / ein Vorgang auch im Nachhinein für mich Relevanz erhalten.

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  3. Die Frage nach der Relevanz lässt sich wohl in vielen Zusammenhängen kontrovers diskutieren. Ich stimme dem (Studien-)Kollegen und "Coopetitor" (disclosure: ich habe auch mit Daimler in diesem Thema zu tun) ausdrücklich zu, dass Relevanz / Bedeutsamkeit sich nicht theoretisch und abstrakt bemessen lässt - schon gar nicht aus der Ferne. Umgekehrt lässt sich aus dem Erweis des Gegenteils die These der "Relevanz für" leicht nachvollziehen, denn viele Dinge, die für die einen bedeutsam und lebenswichtig sind, finden für andere unterhalb der Wahrnehmungsschwelle statt.

    Man könnte argumentieren, dass Relevanz / Bedeutsamkeit damit zu einem leeren Begriff würde, weil der ihm eigene Anspruch auf eine bestimmte, jedoch nicht grenzenlose Verallgemeinerbarkeit hinfällig würde (ich will gleich betonen: So habe ich Lünenbürger NICHT verstanden). Relevanz definiert sich aber nicht nur in einem subjektiven Zusammenhang, sondern auch in einem verallgemeinerbaren Kontext. Solche Relevanz ist auf Zustimmung und Einverständnis gerichtet. Sie ist nicht quantifizierbar, lebt jedoch von der Zustimmung einer Gruppe, deren Anzahl mindestens mal größer 1 ist.

    Man muss also durchaus mit Recht fragen, wie es um die Relevanz steht. Allerdings wird man keine Antwort bekommen, wenn man ein Freund von plakativer Rhetorik ist oder die sichere Distanz als den aussichtsreichen Ausgangspunkt für den Nahkampf wählt (da habe ich schon herzlich über ein paar Beiträge aus der Szene gelacht). Ein zweiter Blick verrät doch ohne große Mühe: Das Daimler-Blog ist kein Instrument der offiziellen Marketing-Kommunikation von Mercedes-Benz Cars oder eine Diskussionsplattform, auf der sich wolkige Idealisten mit knallharten Vorständen (um zwei beliebte Extreme zu bemühen) um die Zukunft der Welt auseinandersetzen. Relevanz / Bedeutsamkeit hat zwar immer ein Ziel, aber dabei geht es eben nicht immer um alles bzw. das große Ganze.

    Relevant scheint mir die Art der Kommunikation eines solchen Unternehmens zu sein. Für mich ist auch nicht jeder Artikel relevant, aber die Tatsache, dass es zu den unterschiedlichsten, mitunter scheinbar banalen Themen plötzlich Kritik gibt, Diskussionen, auch mal in der Sache harsche Kommentare von Daimler-Mitarbeitern, das ist für mich insgesamt ein bemerkenswertes und relevantes Phänomen, weil es öffentlich ist, unzensiert, ungesteuert. Die geforderte Verallgemeinerbarkeit, mit der man Relevanz beanspruchen kann, zeigt sich für mich in genau dieser Kommunikation und ihren Mechanismen. Das Daimler-Blog beantwortet nicht die Frage, wer in Zukunft die besten Autos baut, aber es gibt einen bedeutsamen Hinweis darauf, wie man vielleicht in Zukunft etwas besser kommuniziert. Insofern extrem relevant - wenn es gut läuft, ein schönes Beispiel, mindestens aber ein mutiges Experiment. Und das Blog von Ralf Schwartz beantwortet nicht die Frage, wie ein Corporate Blog richtig zu gestalten ist, sondern gibt einen bedeutsamen Hinweis darauf, dass man mit dem pseudo-elitären Anspruch und dem fröhlich vorgetragenen Bewußtsein der jeweils eigenen Relevanz gern als Tiger springt und als Bettvorleger landet. In Anspielung auf die mediaclinique fällt mir da noch ein: Gesundheit ist der Zustand fehlender Diagnostik. Insofern auch relevant, allerdings nicht in Bezug auf Blogs.

    Wenn man also genau unterscheidet, kann man auf den zweiten Blick hier und da, hüben und drüben sowie da und dort Relevanz und Bedeutsamkeit entdecken. Und sich sein eigenes Urteil bilden - im eigenen, aber auch in einem erweiterten Kontext, in dem wir alle arbeiten und leben.

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  4. @Christian:
    Ziel des Daimler-Blog ist:
    _Transparenz bezüglich Daimler herstellen
    _Blick hinter die Kulissen gewähren
    _in Dialog treten
    Mehr nicht.
    Das Insignia Blog finde ich ebenfalls gut, wenn auch für mich nicht übermäßig relevant. Trotz allem findet es sich in der Blogroll des Daimler-Blogs wieder.
    Und an geeigneter Stelle mache ich sogar andere darauf aufmerksam:
    http://off-the-record.de/2008/07/28/7-ps-starke-blogs/

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  5. Matthias Schwenk10.9.08

    Gut auf den Punkt gebracht! Relevanz ist in höchstem Maß subjektiv, kann darin aber auch eine Art von Aggregation erfahren, wenn es nur genügend Personen betrifft und das in irgendeiner Form sichtbar wird.

    Im Eifer des Gefechts bzw. des Bloggens können aber schon mal die ganz grundlegenden Definitionen etwas aus dem Blickfeld geraten. Schlimm ist das nicht, wie die Debatte bei mir im Blog und hier zeigt - im Gegenteil: Das ist ja gerade das Wunder des Web 2.0, dass wir jetzt eine vernetzte und offene Diskurskultur haben, in der reagiert und geantwortet werden kann. Und alle Beteiligten können daraus dann etwas lernen.

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