23.3.17

Wahrheit

Ein Gedanke von Michael Seemann hat mich in den letzten Wochen elektrisiert und nicht mehr losgelassen. Sein mehrteiliger und erst höchstens halbfertiger Essay über "demokratische Wahrheit" lohnt eine intensive Lektüre - am besten wirklich von Teil I an und da durchhangeln und auf die Teile V bis VIII oder so warten.

Die Idee, vergröbert und verkürzt, dass Wahrheit heute gefühlt und – vor allem – wirkmächtig einer Demokratisierung unterworfen sei, verstört, ist für mich aber überzeugend und erklärt einiges, was sonst schwer zu erklären ist.
Wahrheit, nämlich

Tatsächlich aber lohnt es sich, diesen Gedanken einmal bis zum Ende durchzudeklinieren. Er ist ein Kontrapunkt zur liberalen Selbstgewissheit, dass die Anhängerinnen von Verschwörungsideen, die Leute, die Russia Today Deutsch für Nachrichten halten, die Fehlgeleiteten, die an Lügenpresse und die Merkeldiktatur glauben, dass alle diese eigentlich nur dumm seien oder überzeugt werden könnten, wenn wir nur mit den richtigen Argumenten kämen.

Vor allem aber hilft die Idee der "demokratischen Wahrheit", besser zu verstehen, warum wir nicht dialog-, noch nicht einmal sprechfähig sind. Im Kern ist es ja auch folgerichtig, dass nach und nach alle Lebensbereiche und Weltbereiche demokratisiert werden. Im Kern ist das etwas, das unsere Gesellschaft, das vor allem der liberale Teil unserer Gesellschaft, für richtig, für "gut" hält.

Wer sich vom Internet, damals, seit den 90ern, Demokratisierung versprochen hat, Zugang zu Wissen und Informationen, das Ende der Torwächterinnen für Wissen und Nachrichten, kann kaum wirklich überrascht oder auch nur dagegen sein, dass dieses jetzt auf einmal anders als gedacht wirklich wird. Was "wahr" ist, wird einem demokratischen Prozess ausgeliefert. Menge, Mehrheit, gefühlte Mehrheit – all das entscheidet über Wahrheit.
Ich habe es im Internet gelesen.
Viele Leute haben es gesagt, retweetet, geteilt.
Also muss es wahr sein.
Der liberale Mainstream hat sich angewöhnt, über diese Argumentation zu lachen. Aber ist sie unlogisch? Ist sie (ethisch) schlecht?

Wahrheit, אמת, kann ja recht eigentlich nur dann "objektiv" sein, wenn es eine Instanz gibt, die über sie entscheidet. Hier sind wir Jüdinnen und Christinnen in einer (sozusagen) "besseren" Situation als die Liberalen – denn genau davon sind wir überzeugt.

Vielleicht sind es deshalb die organisierten Religionen, in unserem Land vor allem die christlichen Kirchen, die besonders wahrnehmbar und laut gegen das Regime der demokratischen Wahrheit und gegen die Autoritären ihre Stimme erheben.

Mir ist, das merke ich in den letzten Wochen, in denen ich über den Gedanken dieser Demokratischen Wahrheit nachdenke, die Idee nicht nur unsympathisch, dass Wahrheit über demokratische Prozesse bestimmt werden könnte. Sie macht mir auch Angst, wenn ich ehrlich bin.

Ich weiß die Wahrheit nicht, sie ist mir entzogen, ich werde, so hoffe und glaube ich, nach meinem Leben in dieser Welt die Wahrheit erkennen. Aber ich bin mir sicher, dass es eine Wahrheit gibt. Und dass mein Gott sie kennt und dass Gott versucht, sie uns zu zeigen. Was wir in meiner religiösen Tradition mit dem Heiligen Geist zu erklären versuchen.

Dieses Wissen, dieses Glauben, diese Hoffnung verhindern, dass ich Wahrheiten auf den Leim gehe, die ihre Legitimation aus einem demokratischen Prozess beziehen. Wie das aber für eine ganze Gesellschaft funktionieren soll, wenn einmal die Demokratie "losgelassen" ist, weiß ich nicht. Und ich fürchte, dass wir uns als Gesellschaft daran werden gewöhnen müssen, dass es mehrere demokratische Wahrheiten gibt.

Was für ein Grauen.

Kommentare:

  1. Nun, wir haben uns daran gewöhnt, dass ganz unterschiedliche "göttliche" Wahrheiten nebeneinander her existieren, warum sollten wir nicht damit leben lernen, dass diverse demokratische Wahrheiten koexistieren?

    Die Kunst wird wie im interreligiösen Dialog auch darin liegen, bei aller Verschiedenheit auch die Schnittmengen nicht aus dem Auge zu verlieren. Im Grunde haben die Geisteswissenschaften aus einem Mangel an Objektivität und Verifizierbarkeit heraus ja schon mit dem Postulat der Intersubjektivität eine Methode vorgegeben.

    So gesehen ist mein biblischer Lieblingheld eh der Statthalter Pontius Pilatus mit seiner zeitlos guten Frage: "Was ist Wahrheit?"

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    1. Das finde ich einen sehr spannenden Gedanken, der mir bisher gar nicht kam. Aber in der Tat ist das ja eine der wahnsinnig großen Herausforderungen für Religiöse: dass sie sicher sind, dass es "die eine Wahrheit" gibt, sie aber nicht wissen, ob es die ihre ist. So weit war ich. An den Dialog zwischen Religionen dachte ich in der Tat nicht hier; aber es scheint mir zu stimmen. Was es aber noch dramatischer macht. Denn soll es wirklich einen Dialog geben können, der davon ausgeht, dass es sein könnte, dass es wahr ist, dass wir in einer Merkel-Diktatur leben? Ernsthaft?

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    2. Ein "Let's agree to disagree" sollte da eigentlich noch drin sein. Zunächst mal kommt durch den Irrglauben an eine Merkel-Diktatur (oder meinetwegen auch an die ominöse BRD-GmbH) niemand zu Schaden. Das sieht bei radikalen Impfgegnern oder den Befürwortern von religiös/kulturell bedingter Genitalverstümmelung schon anders aus. Von daher finde ich nicht, dass man das nachlassende Vertrauen in den von den Medien vermittelten Grundkonsens allzu sehr dramatisieren muss.
      Aber als jemand, der selber was mit Medien macht und diese Branche seit 30 Jahren analytisch begleitet, sehe ich natürlich auch, dass viele Mediengewaltige mit dem Wegbröseln ihrer alleinigen Deutungshoheit gar nicht gut klarkommen.

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  2. Und um den Gedanken noch fortzuführen; Viel von der politischen Einstellung ist ja auch Glaubenssache. Während der Liberale an die ordnende Kraft des Marktes (die unsichtbare Hand) glaubt, hofft der Sozialist/Kommunist auf den Endsieg der Arbeiterklasse und die klassenlose Gesellschaft, was ja auch eine Art säkulare Heilslehre mit protoreligiösen Elementen darstellt. Oder nehmen wir den Islam, der versteht sich auch ganz klar als politische Handlungsanweisung, eine Trennung von Staat und Religion ist da eigentlich gar nicht vorgesehen. Und mit Leuten, die solches für wahr und gottgewollt halten, müssen wir ja auch irgendwie einen Modus finden. Warum sollte es dann unmöglich sein, sich mit Mitmenschen zu verständigen, die an die BRD GmbH glauben oder der Meinung sind, es ginge uns besser, wenn wir nicht so viele Ausländer im Land hätten?

    Man darf auch nicht vergessen: Diese Auffassungen waren die ganze Zeit schon vorhanden, es funktioniert nur nicht mehr, sie völlig zu unterdrücken und zu ächten, ob uns das passt oder nicht.

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