3.1.14

Gleich am ersten Tag einen Vorsatz umgesetzt

Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, häufiger klarer zu sagen, wo ich finde, dass jemand eine Grenze übertritt, die ich für wichtig halte. Denn wie meine Liebste immer sagt: Toleranz endet mit z. Und gleich am 1. Januar hatte ich Gelegenheit dazu.

Ich beschwerte mich mehr oder weniger launig bei Twitter darüber, dass ein Nachbar nachts um 4.00 Uhr in dem Moment sein Privatfeuerwerk für eine gute halbe Stunde begann, als gerade alle anderen ins Bett gegangen waren. Und jemand anders fand, das sei ein grandioses Statement des Selbstbewusstseins. Und diese Person war auch noch Coach für Selbstbewusstsein.

Ha! Eines meiner Lebensthemen. Ein Mensch, der Selbstbewusstsein (oder Selbstverwirklichung, so hieß das entsprechende Modewort in den 80ern) mit Egoismus verwechselt. Ich kann verstehen, dass es oft und für viele nötig ist, ihren Weg und auch ihr Selbstwertgefühl und im Wortsinne das Bewusstsein ihrer Selbst, das Selbstbewusstsein (was ja eigentlich nur aber eben doch Selbsterkenntnis meint), zu finden. Schlimm und antisozial wird es, wenn das in Solipzismus mündet, also in ein (wie Luther es nannte) "in sich gekrümmtes Herz", das zuerst sich selbst sieht - und sich selbst für wichtiger hält als die anderen. Was ich dann auch lautstark einwarf auf Twitter. So wegen Vorsatz und so.

Ernesto Cardenal a la Chascona
Ernesto Cardenal
Vulgarismus und Brutalismus mag ich maximal in der Architektur ertragen. Vulgäre Lebenshilfen und vulgäres Coachen dagegen finde ich eklig und gefährlich. Nichts ist so wichtig wie die Achtsamkeit für die anderen. Kein Statement, kein vermeintliches Selbstbewusstsein, das doch nur egoistische Brutalität ist, kann so wichtig sein, darüber die Rücksicht auf andere zu vergessen.

Oder, wie es der große Priester und Dichter Ernesto Cardenal, eines der ewigen Idole meiner Jugend, in seinem wunderbaren Zyklus "Leidenschaft unendlich" ausdrückte:
Der Mensch ist eine Erfindung der Liebe.
Der Mensch wurde geschaffen zum Lieben.
Wir sollen unseren Nächsten mehr lieben als uns selbst,
weil der Egoismus den Liebesstrom unterbricht.
Da kann es mir schon passieren, die Liebe zu vergessen und das Z in der Toleranz zu finden.

Kommentare:

  1. Jens Best3.1.14

    Finde es ja okay, wenn man mit den Vorsätzen auch in der direkten (digitalen) Umgebung gleich anfängt und nicht immer auf die Veränderungen im Großen und Ganzen wartet.

    Aber welchen Tipp hättest du, wenn sich in einem das ungute Gefühl zusammenbraut, dass ein gerade durch politischen Sittenverfall mit einem 1,8 Millionen Euro Posten versehener Verfassungsverräter Pofalla das eigene Toleranz-Fass zum Überlaufen bringt?
    Einen Pofalla kann man nicht entfollowen und auch sämtliche Tweets und Blogposts, die festhalten, dass da jemand in deren Augen eine Grenze überschreitet, werden ihm und Seinesgleichen sonstwo vorbeigehen. Was sollte man da tuen, wenn die Umsetzung dieses hehren Vorsätzes wenig an den Umständen ändert?

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    1. Jens Best3.1.14

      Fanal ist meist so fatal. Ich denke weiter drüber nach.

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  2. "Wir sollen unseren nächsten mehr lieben als uns selbst" - hat dieser Satz von Ernesto Cardenal eine biblische Grundlage?

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    1. Da gibt es viele Stellen, die man so zusammenfassen könnte. Dass es im Widerspruch zu dem berühmten Jesus-Satz vom "Nächsten lieben wie dich selbst" steht, macht Cardenal bewusst, denke ich, wie ich ihn kennen gelernt habe.

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  3. Ich frag mich jetzt grad eher,
    a) ob dein Nachbar deinen Twitterfeed liest
    b) ob du ihm das Feedback nochmal persönlich gegeben hast.

    Balken, Auge, und so ;)
    Und deinen Vorsatz find ich gut, merkt man, oder? ;)

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    1. Wie du wahrscheinlich gelesen hast, geht es mir gar nicht um den Nachbarn. Arme Würstchen und Arschlöcher gibt es überall (abgesehen davon, dass ich nicht genau weiß, welcher der zwei Nachbarn das was, die in Frage kommen, weil es vor ihrem Haus war, was mir aber auch - ganz ehrlich - egal ist, weil es mich nicht einmal besonders störte). Worum es mir geht (und was ich eklig finde), ist das Feiern von Arschlochverhalten und Rücksichtslosigkeit unter dem Deckmantel eines Selbstbewusstseinsfetisch.

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