25.7.13

Freundschaft anders erleben – wie unsere Kinder sich die Onlinewelt erobern

Für die kleine Zeitschrift "Blickpunkt Pflegekinder" habe ich einen kleinen Beitrag geschrieben über Kinder, Eltern und das Internetzdingens. Und weil er, wie ich finde, ganz gut zu meinen Themen hier passt, kommt er hier ins Blog auch rein. Das Heft handelt insgesamt vom Thema Freundschaft. Und es wird herausgegeben von PFIFF, die sich um Pflegeeltern und ihre Pflegekinder kümmern. Eine Arbeit, die ich toll finde, zumal es in meiner Familie Tradition ist, Pflegekinder aufzunehmen. Am Ende des Beitrags habe ich auch den Originalaufsatz eingebunden, er kann auch bei Scribt runtergeladen werden.

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Ob wir es wollen oder nicht – unsere Kinder sind online, spätestens wenn sie in die Schule kommen. In vielen Fällen nutzen sie auch zu Hause Computer, die im Internet sind. Wir sollten nicht vergessen: Für unsere Kinder sind Computer, die nicht online sind, „kaputt“, sie kennen gar keine Zeit mehr, in der es eine Offline-Nutzung von Programmen und Anwendungen auf PCs gab.

Spätestens wenn sie ihr erstes Smartphone haben (was rein statistisch auf mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ab 13 Jahren zutrifft), koppelt sich ihre Onlinenutzung von der unseren ab, nutzen sie „das Internet“ anders als Erwachsene. Auch ohne Datenflatrate wird das Smartphone für immer mehr Kinder zum Tor zur Welt. Zuhause, in der Schule, bei Freundinnen und Freunden: wo immer sie Zugang zu einem WLAN haben, gehen sie mit ihren Geräten online. Und sei es zur Not mit der Spielekonsole.

Dadurch ändert sich die Mediennutzung dramatisch. Sie definiert sich für viele unserer Kinder neu und wird als Qualitätszeit empfunden. Parallel zum Fernsehen mit Freundinnen und Freunden zu chatten, ist die Norm. Gespräche, die auf dem Schulhof beginnen, werden per SMS (bei denen, die noch nicht immer online sind und also keine preiswertere Variante wie WhatsApp nutzen können) fortgesetzt und dann zu Hause als Chat in Facebook und Co intensiviert. Grob gesagt ist der Onlinezugang für Kinder und Jugendliche heute das, was für die meisten Erwachsenen der Elterngeneration das Telefon war: Der Zugang zu den anderen. Und so, wie es in den 70ern und 80ern Eltern gab, die das Telefon für ihre Kinder stark reglementiert haben, versuchen es heute auch viele Eltern mit dem Internet.

Grundsätzlich stimme ich dabei zu, dass es zu unserer Erziehungsaufgabe gehört, unsere Kinder in diesen Kommunikationsraum Internet zu begleiten und Grenzen und Leitplanken zu setzen. Ich erlebe nur leider sehr oft, dass genau dieses nicht geschieht – interessanterweise vor allem bei denen, die „dieses Internet“ eher ablehnen und mit ihm wenig bis nichts anfangen können. Das mündet oft in Verbote, die von den Kindern umgangen werden. Oder in eine fappierende Gleichgültigkeit, die ein Zeichen von Resignation ist. Ironischerweise ist der Internetzugang und die Nutzung des Internets als Raum, um mit Freundinnen und Freunden in Kontakt zu sein, in den Familien sehr viel stärker kontrolliert und reglementiert, die Facebook und YouTube offen gegenüber stehen. Wahrscheinlich, weil sie wissen, was zu tun ist – und die Kinder tatsächlich begleiten können.

Wer Kinder hat und sich nicht mit Facebook (bei den etwas älteren Kindern) und YouTube (bei allen Kindern) beschäftigt, nicht mit Minecraft oder Onlinespielen, kann sie nicht begleiten und erziehen und – um es mal sehr hart zu formulieren – versagt als Eltern in der heutigen Zeit. Wer seine Kinder damit vor der Onlinewelt beschützen will, dass sie ihnen verboten und versperrt bleibt, macht seine Kinder (bewusst oder unbewusst) zu Außenseitern. Ähnlich wie in meiner Grundschulzeit in den späten 70ern die Kinder nachmittags außen vor blieben, die noch kein Telefon hatten.

Ein Raum voller Chancen und voller Gefahren
In den Gesprächen unter Eltern dreht es sich beim Internet meistens um die Gefahren. Und diese stehen auch in den klassischen Medien im Mittelpunkt. Dass wir unsere Kinder auf diese Gefahren vorbereiten und sie zu schützen suchen, ist auch richtig und wichtig – schließlich bringen wir ihnen auch bei, nicht einfach auf die Straße zu rennen oder bei irgendwem ins Auto zu steigen. Zugleich aber erklären wir ihnen da auch die Chancen: Dass es gut ist, zur Schule zu laufen oder zu fahren, dass es richtig ist, sich den Straßenraum der Umgebung zu erobern und mit den Freundinnen und Freunden umherzustreifen – das ist unter den meisten Eltern unumstritten. Diesen Konsens auf die Onlinewelt zu übertragen, ist überfällig.

Wir wissen und haben gelernt, dass Kinder und Jugendliche, die sich sicher auf der Straße bewegen, besser vor den Gefahren des Straßenverkehrs geschützt sind. Die gleiche Erfahrung machen Eltern, die ihre Kinder die Onlinewelt erobern lassen, auch dort: Dass ihre Kinder mit den Gefahren je besser umgehen können, desto mehr sie die Chancen kennen und erleben.

Für Jugendliche ist heute Facebook (noch) einer der wichtigsten Orte, um mit ihren Freundinnen und Freunden zu sprechen, um sich selbst darzustellen, um auf Ideen zu kommen. Für Kinder und Jugendliche ist YouTube heute der wichtigste TV-Kanal mit seinen unzähligen Möglichkeiten, mir mein Programm selbst zu gestalten. Wo wir Erwachsenen zu Telefon oder zur E-Mail greifen, nutzen unsere Kinder WhatsApp und Facebook, manche auch die Chatprogramme, die zu ihrem Onlinespiel gehören. Das ist zunächst einfach einmal Fakt und weder gut noch schlecht. Schlecht wird es erst durch unsere Zuschreibung – aber wer sagt denn, dass wir auf alle Zeit Recht haben damit, dass Qualitätszeit bedeuten muss, ein Buch zu lesen? Dass es nicht auch Qualitätszeit sein kann, gemeinsam mit Freundinnen und Freunden zu blödeln (via Facebook und WhatsApp) oder komplizierte Gebäude zu errichten (in Minecraft oder League of Legend).

Nur wenn wir als Eltern die Kommunikations- und Entertainmentbedürfnisse der Kinder ernstnehmen, werden sie uns mit unseren Regeln und Grenzen ernstnehmen. Denn die müssen wir ihnen setzen.

Erlaubnisse und Grenzen
Beispielsweise erlauben wir unseren Kindern YouTube und Facebook. Aber wir setzen die Grenze bei Chatrooms wie Knuddels und Co. Wir erlauben Räume mit hoher sozialer Kontrolle – und setzen Grenzen bei Räumen, die sich der Kontrolle vollständig entziehen. Wir haben eine klare Regel für Gespräche: sie dürfen niemals den Ort verlassen, an dem sie begonnen wurden (also nicht beispielsweise auf Skype oder WhatsApp ausweichen), wenn sie die Menschen, mit denen die Kinder reden, nicht aus der Schule oder aus einem anderen Bezug kennen. Unsere Kinder wissen und lernen jeden Tag mehr darüber, dass die Profile, die sie in sozialen Netzen oder auf Skype und Co sehen, nicht echt sein müssen, dass niemand weiß, wer dahinter steckt, wenn ich die Person nicht selbst kenne.

Hier gibt es also Grenzen, ebenso wie es zeitliche Grenzen gibt. Aber diese Grenzen funktionieren nur, weil sie in ein großes Erlaubnis eingebettet sind – und weil uns interessiert, was unsere Kinder nutzen und wie sie das tun. Weil wir ihnen nicht etwas nur deshalb verbieten, weil wir es doof finden oder nicht kennen. Weil sie erlebt haben, dass wir uns stundenlang über unsere Lieblingsfilme auf YouTube unterhalten können. Wir zeigen ihnen unsere (teilweise aus unserer Kindheit), sie zeigen uns ihre. Ohne dass wir laut sagen, wie schlimm wir das finden, was sie lieben.

Nur so werden wir mitbekommen, wo sie sich ihre Räume für sich und ihre Freundinnen und Freunde suchen. Sei es (aktuell angesagt) SnapChat, sei es neuerdings Twitter, sei es, was immer jetzt kommen mag, wenn sie anfangen, Facebook langweilig zu finden. Nur eine Sache ändert sich nicht seit Generationen: Freundschaft hat mit Menschen zu tun und mit Nähe. Und wo die Onlinenutzung nicht pathologisch wird, hat Freundschaft auch immer damit zu tun, sich in der Kohlenstoffwelt (also dem, was nicht online ist) zu treffen. Alle Erfahrungen der letzten Jahre sprechen dafür, dass Kommunikation in sozialen Netzwerken nichts daran ändert, wie Freundschaft funktioniert. Ja, unsere Kinder nutzen das Wort anders als wir (offener, mehr wie in USA), aber das Phänomen, das wir Freundschaft nennen, kennen sie auch. Nur das Telefon nicht mehr. Und den Brief.

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