28.5.13

Or Be Programmed

Informatikunterricht. Gab es schon in den 80ern an meiner Schule, hatte ich nicht, denn, ihr erinnert euch, meine Eltern führten auf meinem Rücken und mit meiner Unterstützung damals den Kulturkampf gegen Computer, obwohl wir später sogar zu den ersten gehörten, die BTX zu Hause hatten, aber das ist eine andere Geschichte.

Tablets, Smartboards. Ein Thema, das Eltern erregt und elektrisiert. Aktuell mal wieder aufgrund eines Schulmodells in Hamburg. Was haben wir im Elternrat auch um die weitere Einführung von Smartboards gerungen, wie fehlgenutzt auch immer die in der Praxis teilweise werden.

Was mich ärgert (ich kam darauf aufgrund einer Diskussion mit Hansjörg Schmidt, den ich nicht nur aber auch als Netz- und Medienpolitiker in Hamburg schätze und der nicht die Ursache des Ärgers ist), ist aber, wenn die beiden Dinge miteinander verknüpft werden. Oder gar in einem Atemzug genannt. Und das hängt mit einem Thema zusammen, zu dem Nico Lumma neulich was schrieb, das ich nicht wiederfinde, weil die Suche in seinem Blog für mich unbrauchbar ist. Der Idee, dass alle Schülerinnen eine Programmiersprache lernen sollten, dass es wie Fremdsprachen zum Basiscurriculum einer höheren Schule gehöre. Update: Hier beispielsweise, sagt Nico, habe er das geschrieben, wie sonst auch überall immer. Danke. Lesen.

***

Mit dem ersten meiner vier Kinder bin ich ja nun fast einmal durch das Schulsystem hindurch. Ok, in Hamburg. Und die anderen drei durchlaufen es. Und nun wechseln wir nach Schläfrig-Holstein in die Schulen, wenn alles klappt.

In keinem Fall meiner Kinder ist eine aus meiner Sicht auch nur rudimentär angemessene Mediennutzung Teil ihres Unterrichts gewesen. Aktueller Höhepunkt war, dass Tertius auf meine Anregung hin sein Baumtagebuch, das er im Nawi-Unterricht anfertigen muss, als Blog führt (was ihn, wie überraschend, tatsächlich motiviert, was eine handschriftliche Papiervariante nicht gekonnt hätte) - aber es keine Lösung dafür gab, wie er dieses Tagebuch dann in der Schule vorführt (außer es auszudrucken, was ja auch keine Lösung sein kann), obwohl der Lehrer die Idee mit dem Blog gut fand. Der Computer im Bioraum ist irgendwie nicht online oder so. Bereits vorher erlebte ich bei einem der beiden Großen so himmlische Dinge wie eine Lehrerin, die für die Bebilderung eines Referats empfahl, diese Bilder doch "von Google" zu nehmen.

Kopf -> Tisch.

Meine Befürchtung ist - und die ist sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn ich beteilige mich ja nun schon seit mehr als zehn Jahren an der Elternmitarbeit in Schulen und mache noch länger mit bei Schulpolitik -, dass es zwar total wichtig ist, schon diese rudimentären Dinge glattzuziehen im Unterricht, aber der Fokus auf Smartboards und Tablets dazu führt, das weit wichtigere und dringendere Thema Informatik, Programmieren, Verständnis für Programme und Sprachen vollständig zu verdrängen. Dass die Frage der technischen Ausstattung der Schule sozusagen Symbolpädagogik für alles ist, was mit "dem Computer" (und das heißt für die Generation der aktuellen Eltern und Lehrerinnen allzu oft auch noch "dem Internet") zu tun hat. Smartboards da - alles ist gut.

Nix ist gut. An den Schulen meiner Kinder gibt es recht viele Smartboards. Aber keinen qualifizierten oder qualifizierenden Informatikunterricht. Geparkt im Wahlpflichtbereich in der Mittelstufe (Klasse 9 und 10) finden einige wenige uninspirierte und nicht inspirierende Einheiten statt, in denen einfache Spiele programmiert werden. Eine privatempirische Stichprobe in einer zehnten Klasse eines Gymnasiums ergab, dass keiner der Schüler (Mädchen wählten das Fach nicht) sich erinnern konnte, welche Sprache sie benutzt hatten oder warum. Oder für sich hätte behaupten wollen, er hätte was gelernt. Mag Pech sein, das glaube ich aber nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass dann die naturwissenschaftlichen Profile in den Oberstufen es so schwer haben, genug Schülerinnen zusammenzubekommen. Naja.

Ohne bisher Erfahrungen damit gemacht zu haben, finde ich den Weg, den die beiden Oberstufen in Eutin gehen, ganz interessant. In dieser kleinen "Stadt" in Ostholstein werden meine Kinder ab dem Sommer wohl zur Schule gehen. Dort gibt es jeweils naturwissenschaftliche Profile in der Oberstufe, die als eines der beiden profilgebenden Fächer Informatik haben. Ob Informatik eine Naturwissenschaft sei, will ich hier mal nicht diskutieren - aber die Profile werden sehr gut angewählt. Informatik wird hier in der so genannten Eingangsstufe (früher: Klasse 11, heute: Klasse 10) neu aufgenommen, gleich auf einem Niveau, das für Jugendliche interessant ist, gleich mit fünf Wochenstunden, gleich so, dass es auch in die Abiturprüfung läuft. Einer meiner Jungs wird das wählen, dann werde ich es beobachten können. Primus hätte auch Lust dazu, aber da ihm das erste Jahr fehlt, kann er das nicht mehr aufholen, weil sein Informatikunterricht in der Mittelstufe im Vergleich dazu nur Killefitz war.

Fazit, vorläufig: Meine Kinder brauchen keine Computerräume in der Schule und kein iPad oder so einen Kram. Meine Kinder brauchen Lehrerinnen, die selbst wissen, was mit internetbasierten Medien im Unterricht möglich ist. Und meine Kinder brauchen das Angebot eines qualifizierten Informatikunterrichts, der keine Medienerziehung ist sondern eher Fremdsprachenunterricht. Mit den gleichen Abstufungen und Zielen wie anderer Fremdsprachenunterricht - denn nicht alle meine Kinder werden fließend eine andere Sprache sprechen oder gar Bücher schreiben in dieser Sprache. Aber alle sollen Code lesen können und wissen, wie sie rausfinden, wie man da was rausfindet.

Update 30.5.2013
Ich habe den Gedanken noch einmal weitergeführt und in die Bildungsdebatte eingeordnet. Hier entlang, wenn ich bitten darf.

tl;dr
Program or be programmed (Rushkoff)

Kommentare:

  1. ach, ich schreibe das ja überall, so z.B. hier:
    http://t3n.de/news/lumma-kolumne-kinder-361939/

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  2. Ich staune ja immer, was etwa André Spang mit seinen Schülern an der KAS in Köln macht. Die haben dort iPad-Klassen, es gibt ein Schul-Wiki und die Klasse von André hat kürzlich mit iBook Author ihr erstes eigenes Schulbuch geschrieben. Umso krasser die Diskrepanz zu vielen anderen Schulen, wo Internet nach wie vor als Teufelzeug gilt.

    Hier die Prezi von André aka @Tastenspieler - möglicherweise kennt Ihr Euch ja auch schon: http://prezi.com/dz_uwawn8fn2/schule20-oer-stadt-koln/

    Im September gibt es übrigens in Köln ein OERcamp auf Initiative der Stadt Köln hin: http://oerkoeln.mixxt.de/

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  3. Informatikunterrricht hat nichts mit neuen Medien zu tun. Für letzteres kann ich mir auch nicht sinnvoll ein eigenes Fach vorstellen, das betrifft alle Fächer.

    In den meisten Ländern und auch Bayern früher gab es das Konzept, für Informatik kein eigenes Fach zu haben, sondern das bei Mathematik oder allgemein als infromationstechnische Grundbildung mitlaufen zu lassen. Das klappt aber nicht. Zuimndest in Bayern, nicht mehr so viel an der Realschule, aber mehr am Gymnasium, gibt es das Fach Informatik als Pflichtfach. Ich habe vor kurzem mal zusammengeschrieben, was da am Ende der 10. Klasse an Programmierung da sein sollte, damit sich das Weiterführen in bis zum Abitur lohnt:

    http://www.herr-rau.de/wordpress/2013/05/wie-viel-programmieren-muss-ich-in-der-oberstufe-koennen.htm

    (Natürlich gehört mehr zur Informatik als die Programmierung, aber gerade die ist es, die Schülern schwer fällt.)

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  4. ochja, ich hatte in der schule informatik. unfreiwillig. ich kann nicht behaupten, dass dieser unterricht, in dem wir mit pascal und turbopascal rumgespielt haben, mir irgendwie ein besseres verständnis für heute genutzte programmiersprachen vermittelt hätte. im gegenteil. es kostet mich immer noch viel zeit, wenn ich mal einen button mittels vorhandenem html-code in mein blog einbauen möchte.
    insofern bin ich mir nicht sicher, ob informatikunterricht für alle nun der heilsbringer ist. viel wichtiger fände ich, dass schüler schon sehr früh lernen, vernünftig mit der "neuen" technik umzugehen. anwenden können sollten sie alle, programmieren muss sie nicht jeder können. wobei ein grundwissen darüber, was html etc. sind natürlich vermittelt werden sollte.

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  5. Hallo ich finde das absolut richtig und unterstütze das. ABER: es wird ja für unsere Kinder kaum noch infrage kommen, denke ich, daher: welche DIGITALEN Möglichkeiten gibt es denn, dass Kinder Informatik lernen AUF DEUTSCH. Ich hatte Nico schonmal gefragt und er verwies auf http://scratch.mit.edu/ Hier ist die Hauptseite zwar deutsch, aber der meiste Inhalt englisch. Für Kids, die kein englisch können, muss es doch auch möglichkeiten geben - oder?
    Wer kennt welche, wo man jemand mit 9 Jahren sagen kann: schau mal auf dieser Seite ... da kannst Du einfach lernen, wie man programmiert.
    Und die Seite so aussieht, dass der 9 jährlige das auch nutzen möchte..

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  6. Oh ja, ein Dauerbrennerthema. In der 5. Klasse gab es bei uns Medienkunde. Einige Kinder hatten da noch nie einen Computer von nahem gesehen, das war die Grundannahme - also musste erst mal ab ovo erklärt werden. Für die anderen laaangweilig. Oder für die meisten? Weil die Grundannahme nicht zutrifft?
    Später dann der Arbeitsauftrag: "Schaut halt, was Ihr im Netz dazu findet." Keine Anleitung, wie man nun was sucht. Keine Anleitung, wie man mit dem Gefundenen verfahren sollte.
    Deshalb biete ich Kurse für Lehrerinnen an, damit sie das, was sie in ihrer Freizeit großenteils ja auch tun - surfen, suchen, finden, verwenden - an die Kinder/Jugendlichen weitergeben können. Denn das sei mal angemerkt: Auch wenn die jungen Leute noch sehr meinen, sie hättens geschnallt, ist eine sach- und ergbnisorientierte, fundierte Internetrecherche nicht wirklich ihr Ding. Hat mir mal ein Zehntklässler gesagt.
    Informatik als solche ist ja eher was für die, die eben auch an Mathe etc. Interesse haben. Wichtig, auf jeden Fall. Kundiger Umgang mit der Informationfülle im Netz sollte meines Erachtens aber wirklich für alle Kinder/Jugendlichen auf dem Lehrplan stehen.

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  7. Anonym8.6.13

    Ich will jetzt kein großes Fass aufmachen (als anonymer Kommentar wird der vermutlich sowieso gelöscht), aber ich finde die Eingruppierung von Informatik als Naturwissenschaft in der Schule schon diskussionswürdig.

    Für mich stecken da zwei Dinge hinter:

    1. Technik ist in der deutschen Pädagogenwelt böse. Also gruppiert man es nicht unter Technik ein.

    2. Würde man es unter Technik gruppieren könnten andere Bereiche auch Begehrlichkeiten anmelden. Unsere Welt ist nicht nur von Informatik geprägt, sondern auch von Energietechnik, Verkehrstechnik, Kommunikationstechnik, usw. usw.

    So, und damit mache ich das kleine Fass auch schon wieder zu.

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