4.3.13

Manchmal sind es Kleinigkeiten

Wer wie ich in einem eher homogenen Umfeld lebt und arbeitet (einzig die wilden Partys wohlhabender Polen bei uns in der Straße fallen da raus, wenn wir hin und wieder sehr dünne Frauen aus der Hecke pflücken, die über ihre Stilettos gestolpert sind, wobei diese Formulierung bereits wieder latent den Alltagsrassismus und die mangelnde Achtsamkeit zutage fördert, um die es in diesem Post gehen soll), macht sich nicht jeden Tag Gedanken um sprachliche Manifestationen mangelnder Sensibilität oder gar deren handelnde Schwestern. Und ein Leben mit jugendlichem Nachwuchs fördert schon aus reiner Herzinfarktprofilaxe die Abstumpfung (auch wenn ich mich freue, dass Endstation Rechts inzwischen zur regelmäßigen Lektüre eines meiner Kinder gehört).

Um so mehr bin ich überrascht, wenn kleine automatische Formulierungen Menschen Freude machen. Also gar nicht in einer besonders reflektierten Situation - sondern so rausgerutscht. Das ging mir schon damals so, wenn ich von "Deutschen jüdischen Glaubens" sprach und nicht von "Deutschen und Juden" (was ja auch gar kein sinnvolles Begriffspaar ist, weil Deutsche Juden sein können und Juden Deutsche, also kompletter Unsinn gelabert wird, wenn jemand dieses irgendwie miteinander vergleichend in einem Satz benutzt). Ich machte mir darum gar keine Gedanken, wahrscheinlich, weil ich als Theologe irgendwie in einen bestimmten Sprachduktus hinein gewachsen war. Erst als mich jemand (positiv) drauf ansprach, wurde mir bewusst, dass es eine andere Formulierung ist als die meisten wählen würden.

Ähnlich war es neulich auf einer Veranstaltung, als ich eine Gesprächspartnerin fragte, ob sie in Frankreich geboren sei, weil sie ein französisches Deutsch spreche. Sie flippte fast aus vor Freude über diese Formulierung, was mich erst etwas ratlos zurück ließ. Denn so würde ich das immer nennen. So spricht meine Tante beispielsweise auch.

Irgendwann dachte ich drüber nach. Und es scheint mir, dass es wieder so eine Kleinigkeit ist. Die vielleicht unbewusst ist, vielleicht aber auch ein ganzes Wertesystem mitschwingen lässt. Und es gibt bei mir mit Sicherheit genug blinde Flecken, in denen ich gedankenlos andere Kleinigkeiten nutze, die andere als verletzend empfinden.

Vor allem aber fand ich es schön, zu hören, dass sie dieses positiv wahrnahm. Denn mehr noch als ein Aussprechen von Zorn und Verletzung im anderen Fall hilft mir als jemandem, der in fast jeder Situation in jeder Hinsicht zur privilegierten Mehrheitsgruppe (heterosexueller, männlicher, mittelalter Weißer) gehört, diese Reaktion, mein Verhalten und meine Sprache zu überprüfen. Und im konkreten Fall war es auch für die anderen, die bei unserer Unterhaltung dabei standen, sicher spannend zu sehen. Allein die Heftigkeit der (positiven) Reaktion lässt erahnen, wie sehr sogar in einem aufgeschlossenen intellektuell geprägten Umfeld der Alltagsrassismus eben dieses ist: ein Alltagsphänomen. Und welche Verletzungen wir durch mangelnde Achtsamkeit zufügen. Und sei es, indem wir betonen, wie perfekt jemand unsere Muttersprache spreche.

Auf anderer Ebene mache ich eine ähnliche Erfahrung mit meinem Namen. Ich schätze, dass ich in mehr als der Hälfte aller (neuen) Begegnungen darauf angesprochen werde. Und fast immer kommt es zu sehr interessanten Reaktionen, wenn ich anbiete, mich nur mit meinem "Mädchennamen" anzureden.

Vielleicht hängt das alles auch damit zusammen, dass mir Sprache einfach Spaß macht.

Kommentare:

  1. Vielleicht hängt das auch mit der Reflexion unbegründeter Annahmen zusammen. Ich habe gut gemacht / schlecht gemacht mal zufällig innerhalb weniger Minuten erlebt:
    Termin bei potenziellem Neukunden. Ich überreiche einem Investor meine Visitenkarte, stelle mich mit meinem spanischen Nachnamen vor. Er fragt: "Woher kommen Sie?" Ich antworte wahrheitsgemäß: "Aus Ingolstadt." Worauf er mich anblafft: "Das wollte ich nicht wissen."
    In diesem Moment geht die Tür des Besprechungszimmers auf und die Geschäftsführerin kommt herein. Auch ihr gebe ich meine Karte und stelle mich vor. Ihre Reaktion: "Ist der Name spanisch?" Geht doch.

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  2. Ja, das kann sein, danke für diese Geschichte. Ist schon grotesk, dass so was noch passierte und sicher auch immer noch passiert. Fast wie ein Django Asül Sketch.

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