9.8.12

Ich könnte heulen

Schon wieder über das Thema Schulpolitik. Man sollte sich nicht mit Politikfeldern beschäftigen, die man beurteilen kann oder von denen man betroffen ist, glaube ich manchmal.

Besonders bitter ist für mich, dass ich die Richtung, die Schulen in Hamburg eingeschlagen haben, richtig finde. Und dass vieles, was auch und gerade in grüner Regierungszeit angestoßen wurde, super hätte werden können - wenn sich nicht nach und nach herausstellte, dass es schlecht eingeführt, nicht abgesichert und undurchdacht ist.

Über das ehrgeizige Projekt der "Inklusion" und wie es zurzeit in Hamburg vor die Wand gefahren wird, habe ich ja neulich im Dezember schon geschrieben. Seitdem ist nichts besser geworden sondern fast alles schlimmer. Persönlich kenne ich keine einzige Lehrerin mit Qualifikation für Förderbereiche, die nicht versucht, aus ihrem Einsatz in der Inklusion zurück an die letzten verbliebenen Sonderschulen zu flüchten. Zu dem jetzt begonnen Schuljahr haben mehrere Kinder aus meinem Umfeld von der normalen Grundschule, an der sie inkludiert hätten unterrichtet werden wollen und sollen, an Sonderschulen gewechselt, weil ein Jahr lang faktisch - trotz formal vorhandener Kontingente und Kapazitäten - keine (in Worten: NULL) Förderung ihrer Schwächen stattfand. Was im Bereich Sprache besonders bitter ist. Die jetzt aktuelle Umstellung der Förderstunden von realen Bedarfen auf pauschale Durschschnittsstunden, die den Schulen zur Verfügung gestellt werden, und die faktische Abschaffung des sehr sehr guten und hilfreichen Instruments der "Schulbegleitung" (individuelle Hilfen für Kinder mit Förderbedarfen, beispielsweise bei Autismen oder schweren psychischen Störungen), sind ein Offenbarungseid. Im direkten Gespräch gibt der Schulsenator sogar zu, dass er hier scheitert (oder wie soll seine Äußerung zu verstehen sein, wenn er betroffenen Lehrerinnen bestätigt, dass sie zu Recht stinksauer seien?).

Das an sich großartige Projekt, dass jede Schule zum Abitur führt und ab Klasse sieben keine Kinder mehr sitzenbleiben und nach unten abgeschult werden können, droht nun aktuell auch aus der Bahn zu rutschen, weil sich die populistische Leitung der Schulbehörde nicht traut, die Eltern (und zugegebenermaßen auch ihre von ihnen aufs Gymnasium gezwungenen Kinder) die Konsequenzen ihrer Fehlentscheidung tragen zu lassen - sondern Stadtteilschulen zwingt, über das erträgliche Maß hinaus so genannte Gymnasialrückläuferinnen wohnortnah aufzunehmen. Besser wäre es, ihnen zur Not längere Schulwege zuzumuten, wenn sie dafür dann in normal große oder kleine Klassen gehen könnten. Nur so würde auch der Lernprozess bei den Eltern von Grundschülerinnen beschleunigt, die immer noch vor allem dann ihre Kinder aufs Gymnasium zwingen, wenn sie ein gediegenes Dreier- oder Viererzeugnis nach Hause bringen. Und sich dann wundern, dass nun - wie schon vor Jahren von ehrlichen Gymnasien angekündigt - tatsächlich gesiebt wird vor der siebten Klasse.

Ich könnte mich zurück lehnen und entspannen, denn so ist das nun mal, so haben es Hamburgerinnen nun mal verdient, wenn sie mit absoluter Mehrheit eine Partei wie die SPD an die Regierung wählen. Zumal ich ja hinreichend informiert bin, meine Kinder vor diesem Desaster halbwegs zu bewahren (nicht aber meine Frau übrigens, die als Lehrerin mit einem Förderschwerpunkt genau diesen Kram gerade ausbaden muss).

Aber ich könnte trotzdem heulen, weil ich mich so sehr darüber ärgere, dass beide großen Probleme (und das sind nur die beiden, die ich direkt erlebe und beurteilen kann) wesentlich durch das Versagen im damaligen Regierungshandeln meiner grünen Schulsenatorin und ihres Schulreformkoordinators erst ermöglicht wurden.

Denn das Thema Inklusion, das an sich ein sehr grünes hätte sein können, da es eben um Inklusion geht, haha, hat sie einfach nicht wirklich bearbeitet im Eifer der Reformversuche. Was mit den Sonderschulen passiert, war nicht im Fokus. Versuche von Experten für Förderunterrichte, und seien es die Schulleiterinnen der damaligen Sonderschulen, mit ihr ins Gespräch zu kommen, scheiterten damals bereits, wurden damals bereits offenbar - zumindest ist dies so angekommen bei denen, die es versucht haben - als Posteriorität im Vergleich zur Mammutaufgabe Primarschule gesehen. Und genau das rächt sich jetzt, weil jetzt die Austrocknung der Förderung möglich wird - und schon damals die Schulbehörde wider besseres Wissen aller, die sich jemals mit Inklusion beschäftigt haben, der Meinung zu sein schien, Inklusion könne kostenneutral eingeführt werden, ohne dass Kinder auf der Strecke bleiben.

Und für die Konsequenzen der radikalen Reformvorgaben an die Gymnasien (die ich ausdrücklich unterstütze und großartig finde und meine beiden Gymnasialkinder auch bewusst auf einem Gymnasium angemeldet bzw. dahin umgemeldet habe, das hier genau in diese Richtung schon sehr weit gekommen ist, das Walddörfer Gymnasium in Volksdorf) hatten weder die Senatorin noch ihr Koordinator einen Blick. Beispielsweise dass es zu Veränderungen im Anmeldeprozess kommen muss oder eben zu einem signifikanten "Aussieben" nach Klasse sechs. Im Vertrauen darauf, dass sie sechsjährige Primarschule in jedem Fall kommt, ist dieses Thema nicht bearbeitet worden - und hinterher dann erst Recht nicht mehr. Nun fällt es den Stadtteilschulen auf die Füße, was mehr als unfair ist.

Im Nachhinein muss ich meinem alten Lehrer und Schulleiter des Gymnasiums, in dem ich dann im Elternrat mitarbeitete, doch Abbitte leisten, den ich sehr ausschimpfte, als er Christa Goetsch nach den Versuchen, mit ihr zusammen zu arbeiten - und hey, er ist ein alter Linker und Grünen-Freund -, als blind für Fragen der Gymnasien bezeichnete und komplett unfähig, Gymnasien zu verstehen oder sich mit ihnen beschäftigen zu wollen, als aus seiner Schulleitungssicht schlechteste und uninformierteste Senatorin ever. Vielleicht hatte er nicht so unrecht wie ich dachte.

Und so sind die Trümmer eines an sich richtigen und richtungsweisenden Aufbruchs und Modernisierungsschubs an Hamburger Schulen einem populistischen, narzistischen Senator ausgeliefert, der von einem medial unterstützten Faktotum aus dem Elbvororten vor sich hergetrieben wird. Keine der Entscheidungen unserer Regierungszeit wurde durch konsequentes Verwaltungshandeln abgesichert. Und die ermüdende Überkommunikation von für Eltern, Schülerinnen und Lehrerinnen trotzdem auch dann noch weitgehend unverständlichen Ideen und Entscheidungen durch lange und zahlreiche Briefe der Senatorin an alle hat dazu geführt, dass die möglichen Verbündeten von Anfang an verprellt wurden und viele erleichtert waren, als dies vorbei war. Auch viele, die inhaltlich auf "unserer" Seite stehen und standen. Und die jetzt nicht mehr die Kraft haben, sich an der nächsten überforderten und für die Realitäten an der Basis oft blinden Behördenleitung abzuarbeiten.

Ich könnte heulen, dass die guten und wichtigen Aufbrüche durch Dilettantismus und kurzfristiges - und zumindest bei einigen wohl auch ideologisch beengtes - Denken und Handeln nun vor die Hunde gehen. Und ich bin ratlos, weil ich erlebe und sehe und zurück gespiegelt bekomme, dass wir Grünen, auch wenn viele von uns persönlich unbelastet von der Ära Goetsch sind, einfach keine Glaubwürdigkeit haben, wenn wir Veränderungen oder Reformen wollen. Und schon gar kein Vertrauen da ist, wir könnten es das nächste mal handwerklich, inhaltlich und kommunikativ besser machen. 

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