13.3.12

Ja, die Grünen sind alt - na und?

In vielen Kommentaren und Gesprächen in der letzten Zeit hörte ich, die Grünen seien so alt und so etabliert geworden. Und würden den Anschluss an junge Leute verlieren, das Lebensgefühl einer anderen Generation widerspiegeln.

Dazu habe ich zwei Kommentare (tl;dr)
- Na und?
- Stimmt nicht.

Aber im Ernst:
Ja, die Grünen haben - anders als vor 20 Jahren - keinen Alleinvertretungsanspruch der jungen Generation (oder zumindest ihres nicht völlig vergreisten Teils) mehr. Wer viel mit Jugendlichen zu tun hat, die sich für Politik mindestens am Rande interessieren (da bin ich in der glücklichen Lage, dies sogar zu Hause zu haben und in den Freundschaften, die meine Jugendlichen pflegen), sieht schon, dass die Piraten einen Teil der Jugendlichen emotional und vom Lebensgefühl abholen - und die Grünen einen anderen. Und dass viele dazwischen schwanken: Lebensgefühl Piraten, Politik grün, salopp formuliert.

Meine (zugegebenermaßen privatempirische) Beobachtung ist darüber hinaus, dass Jugendliche, die sich politisch von ihren Eltern massiv abgrenzen (wollen oder müssen), eher zu den Piraten neigen - und solche, denen die Abgrenzung nicht so wichtig ist, eher in Richtung grün tendieren. Was ich auch recht spannend finde. Und was mich zur wesentlichen These dieses Eintrags führt. Also zu der Überschrift.

Ja, die Grünen sind alt und unmodern und etabliert und irgendwie Mainstream (was für viele, die sich für rebellisch halten, alles das selbe ist). Und nein, das stört nicht. Im Gegenteil.

Der gängige Vorwurf, die Grünen seien so verdammt bürgerlich - und zwar sowohl in Haltungs- als auch in Lebensumständefragen - geht ja genau am Kern vorbei. Ist für jemanden wie mich, der in materialistischer Analyse geschult wurde, sogar logisch und nicht als Vorwurf zu verstehen. Denn der eigentliche "Markenkern" (wie ich dieses Wort im politischen Bereich hasse, aber dazu ein anderes Mal mehr) grüns ist ja nur schwer kompatibel mit anderen Schichten als einer bourgeoisen. Wie schon Brecht erkannte. Und ebenso logisch ist doch, dass eine Partei, die aus einem studentischen Milieu stammt, 30 Jahre später mehr Gutverdienende hat als andere Parteien.

Insofern sind die Grünen heute lebensweltlich in einem konservativen Bereich angekommen. Sie hecheln nicht jeder neuen Entwicklung und Idee hinterher (auch wenn ich mir an der einen oder anderen Stelle eine höhere Geschwindigkeit wünschte). Das Spannende daran ist aus meiner Sicht, dass eine konservative Sicht auf die Welt nicht zwingend zu einer konservativen politischen Haltung führt. Dass sogar die bisherigen Experimente, die beiden konservativen Lebenswelten in einer Koalition zusammen zu bringen, so grandios gescheitert sind. Dass also ähnliche Lebenswelten am Ende doch nicht ausreichen, um gemeinsam Politik zu machen.

Witzigerweise habe ich ja damals im Oktober 2010 bereits über dieses Thema geschrieben. Und als ich es eben noch mal las, staunte ich beinahe, wie ähnlich meine Gedanken damals waren zu dem, was ich aktuell wieder denke.

Im bürgerlichen Teil, im konservativen, alten Teil der Bevölkerung haben die Grünen ihre (Macht-) Basis. Von hier aus machen sie Angebote, die idealerweise ausstrahlen. Aber genau das funktioniert im Grunde. Ein Lebensgefühl der Vorsicht und der Rücksicht teilen viele Konservative. Daraus ein politisches Programm zu entwickeln, das nicht rechts ist, haben - in Deutschland - bisher nur die Grünen geschafft.

Was die angebliche Ähnlichkeit der Piraten mit den Grünen angeht: lebensweltlich kommen die kaum zusammen. Ja, auch ich kenne einige Piraten, die überlegt hatten, grün zu werden statt Pirat. Aber dass sie es nicht wurden (sondern Pirat) hängt - so meine Beobachtung - eben nicht so sehr mit den Inhalten als mit dem Lebensgefühl zusammen, das wir jeweils ausstrahlen und repräsentieren. Das beginnt bei den Instrumenten der politischen Partizipation (Quote beispielsweise) und endet nicht bei den Stadtvierteln, in denen wir jeweils leben. Und während damals in den 80ern die SDAJ bei uns in den Walddörfern eine Rolle spielte an den Schulen (und an der Schule Ole von Beusts ein Jahrzehnt lang die Schulsprecherinnen stellte), finden die Piraten (bisher) nicht statt. Anders als in städtischeren Teilen von Hamburg beispielsweise.

In den 80ern war ich in der SPD. Und die Sprüche damals gegen die Grünen ("Fleisch vom Fleische") ähneln erschreckend denen, die heute bei den Grünen über Piraten zu hören sind. Und gemeinsam ist beiden Diskursen das Unverständnis für das jeweilige Lebensgefühl der "neuen". Dass es eben nicht um Inhalte geht. Sondern um die Haltung. Und den Stil.

Was heißt das?
Dass die Grünen alt werden oder schon sind. Dass es junge Leute gibt, die sie dennoch gut finden. Dass das eher junge Leute sind, die keine Rebellinnen sind. Die vielleicht vor 30 Jahren in der Jungen Union gewesen wären, wer weiß (und Emos natürlich - sozusagen die konservative, brave Variante dessen, was mal Punk war - klar, des Weltschmerzes wegen, den sie mit den Alt-Grünen und Kirchen-Grünen teilen).

Und dass die Piraten stabil eine (Macht-) Basis bei Menschen gefunden haben, die ein anderes Lebensgefühl teilen. Selbst wenn sie zu ähnlichen politischen Schlüssen kommen sollten wie viele Grüne.

Und dass die Piraten mindestens mittelfristig helfen werden, die strukturelle Mehrheit links von der CDU politisch zu festigen. Wenn Grüne (und SPD übrigens) nicht den gleichen Fehler machen wie die SPD in den 80ern. Die interessante Nachricht wäre ja: aus drei sehr, sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen und Haltungen, Lebenswelten und Stilen lässt sich eine Schnittmenge bilden, die genug hergibt, um zu regieren.

Kommentare:

  1. Danke für den Beitrag! Bin in den Kernaussagen "Na und?" und "Stimmt nicht" auch ganz deiner Meinung. Unsere aktive und engagierte, gut vernetzte und meinungsstarke Grüne Jugend ist der beste Beweis. Ich fühle mich selbst als Wanderer zwischen orangen und grünen Welten und finde deinen Satz "Lebensgefühl Piraten, Politik grün" sehr passend!

    Ich beobachte ergänzend zu einem Generationenursprung in der Entscheidung "Piraten oder Grüne?" auch die Sehnsucht nach Rebellentum und dem Mut, neue Wege zu gehen, unbequem zu sein. "Rückgrat" - wie mein Lieblingswert es benennt. Uns Grünen ist nach unserer Rebellenzeit schleichend der Widerstand abhanden gekommen. Wir haben Positionen zugunsten von Koalitionen aufgegeben, unsere Punkte nicht immer konsequent durchgesetzt, Machterhalt vor Meinungserhalt geprobt. Dafür sind wir schon bestraft worden, insbesondere in Hamburg, und wir werden bei den kommenden Landtagswahlen weiter dafür bestraft werden.

    Hinzu kommt, dass die Piraten es natürlich leicht haben, mit dem neuen "dagegen" und oft nicht recht zuende gedachten Forderungen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, kennen sie die Verantwortung der Umsetzung schließlich noch nicht. Dazu die Aufmerksamkeit der Presse für alles, was wild und neu und bunt ist, die Präsenz in unseren digitalen Kommunikationskanälen - all das erscheint aufregend und modern und reizvoll.

    Wir fühlen uns derzeit durch die Piraten sehr an unsere Anfänge erinnert und das ist gut so. Denn wenn wir den Erfolg der Piraten richtig verstehen ist das unsere Chance und der wichtige Tritt in unseren grünen Hintern, unsere Glaubwürdigkeit wiederzufinden.

    Denn aller Zweifel an Demokratie, "etablierten" Parteien (was, wie Du richtig sagst, nichts Schlechtes ist) und der Wunsch nach Neuem resultiert aus der schlechten Erfahrung mit dem jüngsten Alten. Wenn auf uns Grüne wieder Verlass ist, steht einer wunderbaren Zusammenarbeit mit den Piraten nichts im Wege. Und vielleicht wird Grün-Orange irgendwann das neue Rot-Grün? :-)

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  2. Junge Union???

    Ansonsten ein sehr interessanter Beitrag. Danke dafür!

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