6.5.10

Ich bin mir nicht sicher

Ganz ehrlich: Mein erster Reflex war auch, dass das ja nicht sein dürfe, dass ein Berufsverbot aufgrund des Musikgeschmacks verboten gehört. Dass die Empörung, die leise durch mein Onlineumfeld grollt, berechtigt ist. Es wird immer dieser Beitrag der "Welt" verlinkt und kommentiert:
Zu viel Gewalt & Porno: Death-Metal-Sänger darf nicht mehr unterrichten
Thomas Gurrath war Referendar im Schuldienst des Landes Baden-Württemberg. Weil er mit seiner Death-Metal-Band Debauchery über Gewalt singt und pornografische Videos dreht, darf er nicht mehr unterrichten.
Und so weiter, lest es euch selbst durch. Ich kann mir zum konkreten Fall kein wirkliches Bild machen. Aber es bringt mich zum Nachdenken. Denn neben dem "liberalen" Reflex, dass den Staat als Arbeitgeber genau dieses nichts angehe, war sofort die Frage da, ob ich will, dass "so einer" meine Kinder unterrichtet. Nicht falsch verstehen: Meine Kinder haben genug schlechte Lehrer, die voll und genau dem bevorzugten Schema entsprechen, wie Lehrerinnen sein sollen in diesem Land. Und einer der drei wirklich guten Lehrer, die ich in der Schule hatte, war einer, der einen anderen Beruf gelernt hatte und ein abstruses Hobby pflegte. Mir geht es auch nicht um die (wie ich finde: in ihrere Revoluzzerattitüde sehr, sehr spießige) Musik. Oder die Texte. Und schon gar nicht um den im Welt-Artikel geschilderten auslösenden Vorfall, wenn er denn stimmt (Diskussion um Videospiele als Massenmordauslöser - da klingt es im Artikel so, als ob Gurrath sich so verhalten hat, wie ich es mir wünschen würde: offen und die Kinder zu Diskussionen ermutigend).

Aber bei Pornografie und bei Gewalt (auch in der spießigen Kunst) hört für mich der Spaß auf. Oder wie meine Süße sagen würde: Toleranz endet mit z. Ja, ich kenne aus dem Familienumfeld die Spießer, die sich für Punker halten, die Metaler, die das alles für einen Spaß halten, und so weiter. Und ja, manche davon sind liebe, nette, große Kerle, die vielleicht die Schule vernachlässigen, aber gute Krankenpfleger oder Gastronomen werden. Es sind also nicht die Vorurteile, die mir im Weg stehen, hier vom "Schweinestaat" zu murmeln, der Geschmack über berufliche Zukunft entscheiden lasse.

Es gibt eine Grenze. Das fängt imho bei Hasch an (und jeder, der sich auch nur ein winziges Bisschen mit dem Thema beschäftigt, weiß, dass das Problem nicht die Illegalität ist oder das Thema Drogen, sondern dass sich der Wirkstoff im Fett einlagert und in Stresssituationen freigesetzt wird, so dass in eben diesen Situationen auch ein Rausch entsteht, wenn jemand seit Jahren nichts mehr geraucht hat, anders als bei Alkohol, der abtransportiert wird), und endet sicher nicht bei Pornografie. Insofern kommt mir die im Artikel beschriebene Lösung gar nicht so absurd vor: Es wird offenbar ja gerade keine "nieundnimmer"-Position aufgebaut, sondern schon gesehen, dass sich Menschen ändern können.

Schulen sind in diesem Land weltanschauungsneutral, aber nicht werteneutral. Die Werte kann ich in Frage stellen. Ich kann mein Kind ja auch beispielsweise in eine Waldorfschule stecken, die ganz andere Werte hat als die Gesellschaft.

Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich glaube, ich finde es gut, dass er nicht Lehrer wird erstmal.

Kommentare:

  1. Ich bin mir sicher dass das eine gute Idee ist. Das Ganze ist eine klasse PR-Nummer für die Band. Was mich wundert: Warum hat der Journalist nicht nach der Aussage von Song und Video gefragt? Denn letzteres ist auch nur eine platte PR-Nummer, und beim nächsten Mal kommen noch Tiere und Kinder dazu, damit man wahrgenommen wird.

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  2. Was ist mir lieber? Ein Lehrer als Musiker, der offen zu seinem Tun und Handeln steht, den ich also darauf ansprechen kann. Der sich somit bewusst in den Fokus rückt?

    Oder einer, der an der Tanke den Landser kauft, seine Sexualität sonst wie auslebt, dem Alkohol zugetan ist oder seine Frau verprügelt. Und das alles heimlich.

    Ich glaube, vielen Eltern dürfte Variante 2 lieber sein. Die drei Affen sind in Deutschland doch arg heimisch.

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  3. Anonym10.5.10

    Als Vater, der in ebendieser Schule einen 16jährigen Sohn hat, habe ich die Auseinandersetzungen zumindest per Mail ein wenig mitbekommen. Das Problem bei diesem Referendar war ja in erster Linie, dass er sich geweigert hat klar Position gegen Gewaltanwendung zu beziehen, die hier in der Lehrerrolle klar angesagt gewesen wäre. Stattdessen versteckt er sich hinter den "mündigen Schülern" die selber erkennen müssen, welche Gewalt jetzt Kunst und welche denn schlecht sei. Für mich inakzeptabel. Vor allem, wenn in seinem medialen Umfeld heftigste Gewaltanwendungen als death-metal-Kunst verbrämt werden.

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  4. Christopher11.5.10

    Schließe mich Anonym an, gleiche Begründung. Dann noch: ja, aber wollte er nicht das Ganze so machen, daß die Schüler von selber drauf kommen, daß Gewalt nicht geht? Vielleicht, aber wenn, dann geht's auch nicht, weil wie sollen die Kinder (<-- weiß der Typ überhaupt mit wem ers zzu tun hat???); also wie sollen die Kinder darauf kommen, daß Gewalt nicht klar geht, wenn er es in seiner Methodik offen lässt und OTOH als Person Gewalt offen auslebt (ja, in künstlerischer Form, aber er hebt sie aufs Podest und distanziert sich nicht, siehe Anonym)?

    Also: eins geht nur, er wollte beides haben und keinmal bezahlen. Geht nicht. Wär ich Schulunternehmer, wüßte mein Personaler: den stellen wir nicht ein.

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