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6.6.24

Fatique

Mein ganzes Leben (naja, mein ganzes Leben seit ich ein älterer Jugendlicher war) habe ich morgens Deutschlandfunk gehört. Es gehörte für mich einfach dazu. Halbstündliche Nachrichten, eine Presseschau, einige von den Interviews und einige Berichte, gerne auch die Kurzberichte als Zusammenfassung des Morgens, die Ausschnitte aus den Interviews und Berichten, gegen Ende der Morgensendung.

Dann merkte ich vor einiger Zeit (interessanterweise ungefähr zur gleichen Zeit zu der mein jahrelanger Heimatraum Twitter kaputt gemacht wurde), dass ich sehr schlechte Laune bekomme und – zunächst bei der Presseschau und nach und nach auch bei anderen Dingen – es immer schwerer zu ertragen war. Einerseits genoss ich, bei einigen Redakteur*innen im Studio zumindest, wie sie versuchten, bei den schlimmsten Lügen gegenzuhalten, aber ich hatte den Eindruck, dass ich eher schlechter informiert in den Tag ging.

14.1.24

Mut nach einer grauenvollen Woche

Die Woche geht so zu Ende, dass ich wieder Mut fasse. Sie war eine Achterbahnfahrt, emotional und auch in vieler anderer Hinsicht: Ein Pferd, das (vorerst) dem sicheren Tod von der Schippe gesprungen ist; das Entsetzen über das, was vor Ort und im Land politisch passiert; die große Freude am Ende über die vielen, vielen Menschen, die heute, am Sonntag, aufgestanden sind und sich in die Innenstädte begeben haben.

22.8.23

Vom Fach

Groß geworden bin ich mit Fachinformationen, die, als ich sie kennenlernte, noch lose geheftete DIN A4 Blätter waren, die mit der Post geschickt wurden, für eine erheblichen Aufpreis auch per Fax, ich stand mal in einem Ferienjob an dem Faxgerät, über das einer verschickt wurde, bevor ich die Ausdrucke dann eintütete. Preis Punkt: mehrere tausend Mark im Jahr, dafür exklusive Infos, Klatsch, Meinung - und ein erheblicher Wettbewerbsvorteil, beispielsweise in einer Branche wie Rüstungsgüter. Fuchsbriefe, Täglicher Hafenbericht, Platowbriefe, Text Intern. Um nur einige zu nennen. 

Später, Mitte der 90er, hab ich selbst auch mal so ein Produkt für einen Verlag entwickelt, jede Woche sechs Seiten, davon ein langes Interview und eine lange Analyse, zu einem neuen Spezialthema und mit eine Zielgruppe von vielleicht maximal 400 Personen deutschlandweit. Flog allerdings nicht, das modische Thema war auch schnell aus der Mode.

11.7.23

Gerecht

Ok, vielleicht hatte Gyde Jensen schlecht geschlafen, als sie heute früh um zehn vor sieben vom Deutschlandfunk interviewt wurde. Und ok, es spricht für sie, dass sie nicht zu allem was sagen will und kann (und immer wieder darauf hinwies, dass sie zwar gerade zu einem Steuerthema interviewt wird, aber dazu eigentlich nichts sagen kann und will, weil sie keine Steuerpolitikerin sei). Und ok, sie ist auch keine Sozialpolitikerin, sie ist schließlich auch in der FDP, im Interview klingt sie fast so als fände sie es absurd, sich als FDP-Fraktions-Vize mit Fragen der Gerechtigkeit auseinandersetzen zu sollen. Fair enough.

Aber ist es nicht eigentlich sehr entlarvend und ein Zeichen libertärer Politikverweigerung, wenn sie von der Familienministerin fordert, sie solle gefälligst Vorschläge für frühkindliche Bildung und für Gleichstellung machen – aber bitte keine Gerechtigkeitsdebatte lostreten, die immer hinke? Siehe letzte ca. 40sec ihres Interviews?

13.5.23

Erstaunlich

… finde ich, wenn eigentlich vernunftbegabte Menschen, die ein gerüttelt Maß an Haltung haben, all dies über Bord werfen, wenn ihnen ein billig-effektvoller Text über den Weg läuft, der ihr Gruppenunbehagen halbwegs elegant formuliert. 

Zumindest vermute ich, dass es darum geht, wenn sie einen Link auf dieser facebookigen Plattform drüben teilen, in dem es offenbar um diese Plattform geht. Große Selbstbefriedigungsvermutung. 

Aber was weiß ich. Ich klicke nicht. Nicht mal, wenn ihr alle sagt, das sei ein toller Text. Wenn ihn jemand auf einer demokratiezersetzenden Plattform eines ehemaligen Verlages publiziert, dann ist mir das egal. Denn dafür hat sie sich ja entschieden. Sie ist ja bewusst Ressortleiterin einer Hetz- und Desinformationsseite. Dann können wir dies eine sprichwörtliche Korn auch aussortieren, das sie vielleicht gefunden haben könnte. Wenn wir einen Kompass zur Hand haben, werden wir das sicher tun, oder?

10.5.23

Nicht woke

Ach ja. Ich weiß es wirklich nicht. Hatte ja gerade ein, ja, leicht geschwätziges, aber sehr gutes und amüsantes Buch zu dem Thema gelesen gehört, fühle mich also nicht so direkt angesprochen, wenn die Frage aufkommt, wieso erst ein mittelalter Mann ein Buch über #metoo schreiben muss, damit das alle lesen wollen. Mich interessierte es auch und vor allem, weil ich in dem Laden da ja Leute kenne, weil ich nah genug am Medienzirkus bin, weil ich die Berichterstattung über den Chefredakteur relativ intensiv verfolgt habe, weil ich „den Freund“ von früher kenne, aus seiner Hamburger Zeit.

9.5.23

Gefahr

Ungefähr drei Wochen, bevor die Kampagne losging, die zumindest für mich erst im Laufe der Zeit und mit der plötzlichen Erinnerung an dieses drei Wochen vorher als Kampagne wirklich erkennbar wurde; mit ungefähr diesem Vorlauf hörte ich die ersten Gerüchte und „Fragen“ aus dem Umfeld einiger Verbände. 

Interessanterweise als erstes über die Finanzierung des Think Tanks oder wie immer man das bezeichnete. Erstmal nur Geraune über amerikanische Philanthropen und so was. Wahrscheinlich testweise, ob es nicht eine gute Vaterlandslosegesellengeschichte werden könnte. 

22.4.23

Ich verstehe es wirklich nicht

Auf einmal, zum ersten Mal, versucht Politik zur CO2-Reduktion etwas, das ganz direkt mit Menschen und ihrem Leben zu tun hat. Insofern kann ich taktisch nachvollziehen, wieso die Opposition innerhalb der Regierung hier eine Kampagne begonnen hat. Und nenne es naiv, dass andere davon überrascht wurden. So weit, so klar. 

Was ich nicht verstehe – und ich bin mit allgemeiner Medienschelte eher nicht so schnell –, ist, wieso es fast allen Medien so schwer fällt, von dieser Kampagne wieder zurück zur faktenbasierten Kommentierung zu kommen. Verstehe ich wirklich nicht. 

Morgens bei der Hofarbeit höre ich ja meistens Deutschlandfunk. Und finde die Presseschau total hilfreich. Erschreckt hat mich, als diese Woche immer wieder (und ja, es kann natürlich sein, dass es an den Redakteur*innen des DLF lag, die nur so was rausgesucht hatten) die gleichen Fakesorgen wiederholt wurden, die in der Zwischenzeit von Handwerksinnungen, -kammern und so weiter widerlegt worden waren. 

Sehr lustige Interviews dazu gab es auch, wo die Moderatorin davon ausging, dass ihr Gesprächspartner aus Handwerk oder Industrie ihr sagen wird, dass das alles gar nicht geht mit den Wärmepumpen – und das nicht passierte. Ähnlich wie, ebenfalls diese Woche, als der Betriebsratschef der größten Stahlherstellerin partout nicht sagen wollte, dass das Ende der Atomkraft ein Problem sei. 

Wie kommt diese unglaubliche Lust am vorauseilenden Scheitern? Oder diese falschen Behauptungen auch jenseits der Hetzmedien, worum es beim Gebäudeenergiegesetz geht? Was ist so schwer daran zu verstehen, dass nach asbesthaltigen Heizungen jetzt eben rein fossile Heizungen nicht mehr angeschafft werden dürfen?

Wie kommt diese unglaubliche Lust am faktenaversen Horror? Wie die wahrheitswidrige Behauptung, Heizungsanlagen müssten komplett umgebaut werden? Es könnten die alten Anlagen mit hoher Vorlauftemperatur nicht mit Wärmepumpen genutzt werden? Das stimmt einfach nicht, guckt mal nach Schweden oder Norwegen. 

Vielleicht mal ein Beispiel aus unserer Planung: wir bewohnen ja ein Bauernhaus von vor 1900. Seit wir einen Teil umbauten, haben wir für den Teil eine Isolierung, die Standard für Um- und Neubau ist, aber das Haus wurde nie energetisch saniert. Es hat eine klassische Heizungsanlage mit einer so genannten Feststoffheizung und Pufferspeichern aus Ende der 90er. Wir verbrennen also Holz. Nicht geil. 

Die Planung sieht nun genau das vor, was auch vor GEG angestrebt wird: eine Mischung. Also für die meisten Tage eine Wärmepumpe (für maximal 60 Grad Vorlauf, eher etwas weniger). Und für die wenigen Tage, die richtig kalt sind, eine Unterstützung durch die bestehende Holzscheitheizung. Alternativ hätten wir auch mit zwei Wärmepumpen arbeiten können. Aber das könnten wir nicht wirklich bezahlen. Vor allem aber können wir – wie quasi alle – die alten Leitungen und Heizkörper weiter nutzen. Dämmung wäre irgendwann sinnvoll, ist aber keine Voraussetzung für irgendwas. Die CO2-Reduktion ist deutlich größer, wenn wir erst die Heizung umstellen und später dämmen als andersrum. War uns auch nicht klar. 

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es nicht halb so kompliziert ist, wie die meisten denken. Und ob wir eine Wärmepumpe wollen oder eine andere Leistung unseres Handwerksbetriebs, macht keinen Unterschied. Zeit haben die so oder so nicht sofort. 

15.1.18

Pimmelparade

Symbolbild
Sehr passend finde ich ja, sich über (fast) reine Männerlisten, Männerumfragen, Männerpanels mit diesem Wort lustig zu machen. Denn wo es sie gibt, ist es genau so lächerlich wie dieses Wort suggeriert: sehr.

Daran musste ich Ende letzten Jahres wieder denken, als ein Rundruf bei Medienschaffenden dazu, wie denn 2018 so werde, in einem Fachdienst rund 15 Männer und eine Frau mit ihren Antworten aufgeführt waren. Was für eine beknackte Pimmelparade. Die Redaktion gab sich selbstbewusst und wies darauf hin, dass die Frage an etwa gleich viele Männer wie Frauen geschickt worden sei - aber fast nur Männer geantwortet hätten. Na sowas. Womit sie das Phänomen der Pimmelparade sehr gut beschrieben hat.

Mit dieser Frage beschäftige ich mich ja schon lange. Ich hab gerade mal nachgeguckt - im Zusammenhang mit meiner Partei schrieb ich 2011 schon mal was dazu. Und als ich feststellte, das das tatsächlich schon 2011 war, erschrak ich sogar etwas.

So wenig sind wir seitdem weitergekommen? Es ist immer noch die gleiche Ausrede? Dieses "wir haben ja gefragt, sie wollten ja nicht" wird von sehr vielen immer noch nicht als Teil des Problems erkannt? Das finde ich sehr, sehr traurig und grotesk.

Eine Pimmelparade bleibt beknackt

Egal, welche Ausrede ich finde, sie bleibt falsch. Und wenn es, wie in dem Beispiel im Dezember, auf eine Idee nur Zustimmung von Männern gibt, sehe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich akzeptiere, dass ich eben eine Pimmelparade mache und stehe dazu. Oder ich hinterfrage das, was ich da angeschoben habe.

Denn es kann ja auch sehr gut sein, dass nur so wenige Frauen auf den Rundruf reagiert haben, weil sie die Frage und das Format genau so doof fanden wie ich es auch fand. Nur dass ich mich in meiner Eitelkeit wahrscheinlich dafür entschieden hätte, eine Antwort zu schicken, um mein Bild auf der Website zu sehen. Eine solche Rücklaufquote wäre also eigentlich die ideale Gelegenheit, über das Format nachzudenken. Oder zumindest (zumindest!) einmal nachzufragen bei der einen oder anderen, wieso sie nicht geantwortet hat.

Wenn ich für Fensterredenkongresse nicht genug Sprecherinnen finde, kann das daran liegen, dass ich doof bin. Oder daran, dass das Format Fensterrede doof ist. Wenn sich in einer Debatte irgendwann nur noch Männer zu Wort melden, kann es sein, dass das Thema nur Männer interessiert. Oder dass schon alles gesagt ist und es langweilig wird.

These: Eine Pimmelparade ist ein untrügliches Zeichen, dass Thema oder Format langweilig und irrelevant ist.

6.12.17

The Silence Breakers


In den letzten zwei Monaten habe ich mir oft die Augen gerieben und mich gefragt, wieso Menschen Männer, die als mindestens normal intelligent gelten, sich teilweise an dem Versuch beteiligt haben, andere Menschen zum Schweigen zu bringen, indem sie sie lächerlich machten, fanden, dass es zu spät sei oder man (!) ja wohl noch mal Komplimente machen dürfe, und und und.

Ich habe zu #MeToo geschwiegen. Vor allem, weil ich finde, dass Männer, vor allem Männer in Machtpositionen, erst einmal zuzuhören haben. Und darum habe ich die letzten zwei Monate zugehört. Über mein eigenes Verhalten nachgedacht. Noch einmal Abbitte dafür geleistet, dass ich in einer privilegierten Situation allzu lange geschwiegen habe und am Ende auch nur durch Weggehen auf das sexistische und übergriffige Ausnutzen von Macht reagiert habe (und nicht durch den Versuch, es zu beenden oder öffentlich zu machen).

Dass die Menschen, vor allem Frauen, die am Ende den Mut fanden, auszusprechen, was Männer ihnen gegenüber für Verbrechen verübt haben; die am Ende die Hoffnung hatten, dass andere es ebenfalls aussprechen; die am Ende darauf vertrauten, dass es andere gibt, die ihnen glauben und den furchtbaren Leuten, die es beispielsweise in den deutschen Feuilletons kleinredeten, nicht auf den Leim gehen – dass diese Menschen die berühmte "Person of the Year" des TIME Magazine werden: das macht mich glücklich.

Und es macht mir Hoffnung. Genau so Hoffnung wie die Menschen, die nach dem Aufbäumen des Faschismus in Parteien eintreten. Wie die vielen, vielen Frauen, die sich auf einmal in den USA um Ämter bewerben, die zurzeit noch von solchen sexistischen Verbrechern besetzt sind. Es lässt mich hoffen, dass ich doch nicht vergeblich darauf setze (auch wenn mich dafür die früher konservativen und heute offen reaktionären unter meinen Bekannten auslachen), dass das, was wir gerade erleben, nur das letzte Aufbäumen der Verlierer des gesellschaftlichen Fortschritts ist. Dass wir nicht nur das Patriarchat sondern auch das fast ebenso grauenvolle, wenn auch ganz andere Fratriarchat überwinden werden. Dass der Rückschritt nur eine Delle im Fortschritt ist.

Aber wie auch immer. Heute bin ich dankbar und freue mich. Und sage zum ersten Mal etwas zu #MeToo.

26.11.15

Vor die Wand

Das Olympiareferendum in Hamburg endet erst am Sonntag. Insofern ist es zu früh, zu spekulieren, ob die Menschen in meiner Stadt mehrheitlich dafür oder dagegen sind, dass sich die Stadt um die Spiele bewirbt. Andererseits wäre eine Grundsatzkritik an der PR-Strategie der Bewerbung wohlfeil, brachte ich sie erst vor, falls die Bewerbung in der Bevölkerung schon gescheitert sein sollte. Insofern - ich weiß nicht, ob es die mindestens 60% Zustimmung geben wird, deren Unterschreitung in der Politik als Katastrophe beschworen wird. Falls es gelingt, diese Zustimmung zu erreichen, lag es nicht an der Kampagne. Und mein Risiko mit diesem Text ist halt, dass es sein kann, dass es trotzdem eine überwältigende Zustimmung zur Bewerbung geben wird.

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Senat, Bürgerschaft, Institutionen, Verbände - dass olympische Spiele 2024 (oder 2028) nach Hamburg müssen, ist unter den offiziellen Meinungshabenden dieser Stadt unumstritten. Dass es eine Kampagne gibt, um die Menschen in dieser Stadt dazu zu bewegen, bis Sonntag mit Ja zu stimmen, ist normal und ok. Über die Werbekampagne will ich nicht sagen, die spricht mich zwar nicht an, aber das ist Geschmacksache. Aber falls es eine Strategie für eine PR-Kampagne gibt (das weiß ich nicht wirklich) und diese erfolgreich sein sollte (also sich in dem niederschlägt, was in Medien und öffentlichen Diskussionen passiert), dann wäre die auf vielen Ebenen falsch. Zumindest ist das, was medial und in der Öffentlichkeit passiert, dem Ziel eher abträglich.

Was wir seit einigen Wochen in Hamburg erleben, fasste die Süddeutsche die Tage als "Werbeblätter für die Spiele" zusammen. So ist es tatsächlich, bis runter auf die Ebene der Wochenblätter und anderen Gratiszeitungen, die in den Briefkästen landen. Nur dem letzten Absatz kann ich nicht zustimmen:
Großer Seufzer. Hanseatische Bescheidenheit ist wohl doch ein Mythos; und das Abendblatt versteht was von PR.
Nein, das Abendblatt versteht nichts von PR. Es versteht nicht mal etwas davon, wie Medien heute funktionieren, offenbar.

Zu glauben, dass heute ein medialer Gleichklang, eine Berichterstattung ohne Nuancen von Kritik, wirklich ein sinnvolles Ziel einer PR-Strategie sein kann, ist dumm. So einfach ist das. In einer Zeit, in der Misstrauen gegenüber dem, was in Medien zu finden ist, nicht mehr nur ein Thema für Expertinnen ist (das war es schon immer, denn wer sich mit einem Thema wirklich auskennt, merkt ja immer gleich, dass in Medien dieses Thema eher - positiv formuliert - oberflächlich behandelt wird), sondern Allgemeingut - in so einer Zeit gibt es nur eines, das schädlicher ist als eine einhellig jubelnde "Berichterstattung", die automatisch dem Verdacht, es sei eigentlich Propaganda, ausgesetzt ist. Und dem auch nicht viel entgegenzusetzen hat. Schädlicher ist nur noch eine einhellig negative Berichterstattung.

Es wird ja viel diskutiert über Verschwörungen und Hass, die in sozialen Medien fröhlich Urständ feiern. Kann man machen. Was übersieht, wer so argumentiert, ist die Mechanik dahinter, wieso Menschen mit Meinungen sichtbar werden, die die meisten von uns für abseitig gehalten hätten. Das, was da passiert, nenne ich gerne die "Synchronisation von Meinungen". Und das ist - zunächst ganz neutral - das Phänomen, dass durch neue Medientechnik Menschen, die eine von der vermuteten Normalität abweichende Meinung haben, merken, dass sie nicht die einzigen sind - und darum mutiger werden, diese Meinung auch offen zu vertreten. Das war so beispielsweise während der Reformation, als daraus, dass Luthers Schriften immer überall ausverkauft waren, von seinen Anhängerinnen geschlossen werden konnte, dass sie viele seien. Das ist so heute mit Facebook, wo noch die abseitigste originellste Meinung auf andere trifft, die es auch so sehen.

In so einer Zeit, in der es einfach ist, schnell Meinungen zu synchronisieren, zu glauben, dass eine einheitliche mediale Tonalität einer Sache helfen kann, ist im besten Fall unüberlegt.

Jede Kampagne rund um eine monothematische Befragung muss und wird sich an die Unentschlossenen richten. Denn wer klar für Ja ist oder klar für Nein, ist ohnehin nicht wirklich zu überzeugen, diese Haltung zu ändern. Und in Vor-Internet-Zeiten haben Kampagnen mit einheitlicher Medientonalität auch durchaus funktioniert. Denn zu zeigen, dass eigentlich alle dafür sind, dass eine Außenseiterin ist, wer davon abweicht, ist rational und emotional richtig gewesen. So wurde damals die Synchronisierung von Meinungen simuliert, die es in Zeiten der Mangelmedien, der Massenmedien so nicht wirklich gab.

Heute aber funktioniert diese Mechanik der 60er bis 80er Jahre nicht mehr. Gerade die Unentschlossenen werden durch diese PR-Strategie vor den Kopf gestoßen und verloren. Ich bin mir sehr sicher, dass die Zustimmung zur Bewerbung Hamburgs vor Beginn der Kampagne größer war als jetzt an ihrem Ende.

Das Problem ist ja, dass im Grunde alle Gruppen unter den Unentschlossenen verprellt werden: Die Intellektuellen, weil sie durchschauen, dass hier nur eine Position dargestellt wird. Die Verschwörungsfans, weil sie hier den Beweis für die Verschwörung sehen, wenn ja doch alle nur eine Position veröffentlichen. Die Skeptischen, weil sie hinter der Massivität der Kampagne vermuten, dass jemand etwas zu verbergen oder Angst habe. Die Rebellischen, weil sie gegen die Mehrheit sind. Und so fort.

Moderne Kampagnen agieren komplett anders als die Hamburger Bewerbung. Zum einen bestärken sie mit Werbung die Überzeugten (was ja auch die Funktion der viel belächelten Plakate in politischen Kampagnen ist). Und zum anderen adressieren sie mit PR die Unentschlossenen. Diskursiv. Und wenn es darum geht, positive Stimmung und positive Meinungen zu synchronisieren, wird eine moderne Kampagne dies da machen, wo diese Synchronisierung heute stattfindet - online, vor allem in sozialen Medien.

So aber fährt die PR-Strategie der Hamburger Bewerbung das gesamte Projekt vor die Wand. Wahrscheinlich kann die Kampagnen-Macherinnen dabei nur trösten, dass die Gegnerinnen von Olympia in Hamburg genauso beknackt agieren.

16.7.15

YouTube ist doch was für Kinder

Was regen sie sich alle auf. Die Journalistinnen darüber, dass +LeFloid irgendwie angeblich nicht kritisch nachgefragt habe. Die PR-lerinnen (mich eingeschlossen in meiner ersten Reaktion), dass +LeFloid PR für Merkel macht. Die linken Bloggerinnen (mich eingeschlossen in meiner ersten Reaktion), dass Merkel ihre normale Merkelisierungsnummer abzieht.

Und dann rede ich mit Lehrerinnen, die 16-jährige unterrichten, die gerade ihren Ersten Schulabschluss gemacht haben (früher: Hauptschulabschluss). Und fast unisono erleben sie, dass die Jugendlichen das Video sehen wollten. Teilweise zwangen sie ihre Lehrerinnen, am letzten Schultag (!), noch kurz bevor sie sich zum Abschlussfrühstück hinsetzten, das Video auf das Smartboard zu werfen. Und sahen zu einem großen Teil ruhig (ungewöhnlich) und interessiert (seeehr ungewöhnlich) zu. Und fanden es mega. Heißt: interessant, sympathisch - und von +LeFloid cool.

Dazu zwei Anmerkungen vorweg:
Ich nehme mir vor, bei so Dingen, die so gar nicht für mich gemacht sind, wieder erstmal mit Leuten zu sprechen, für die sie gemacht sind. Und: Dass es funktioniert und von der Zielgruppe für gut befunden wird, sagt dennoch nichts über Qualität oder Sinn.

Aber: Die Erfahrung im Zielgruppen-Umfeld ist, dass es +LeFloid selbst mit diesem langsamen und leicht unbeholfenen Format gelingt, für Politik zu interessieren. Was ich mega finde. Und wie ich immer und überall ungefragt anmerke: Ich bin saufroh, dass meine Kinder und überhaupt die nächste Generation ihre politische Bildung und ihre bevorzugten politischen Kommentare von +LeFloid bekommt und nicht von irgendwelchen Spinnerinnen und krakeelenden Rechten oder so. Ich bin dir dankbar. Und zwar sehr.

Und dann sprach ich gestern Abend mit meinen Kindern über dieses Interview. Das ist jetzt nicht repräsentativ, gar nicht. Obere Mittelschicht, auf dem Weg zum Abi, medienaffines Elternhaus including Tageszeitung zum Frühstück, u know. Aber die Reaktionen waren interessant:
  • Der 18-jährige, sehr politisch, latent linksradikal (also völlig normaler Oberstufenschüler einer Stadtteilschule), fragte: "Wer?" Und als ich ihm erklärte, was +LeFloid macht, erinnerte er sich, das irgendwann schon mal gesehen zu haben, ja. Aber Merkel? Och nö.
  • Der 13-jährige, der vor einem Jahr noch alles, was er über Politik wusste von +LeFloid hatte (wofür ich, sagte ich das schon?, echt dankbar bin), bemerkte, dass er es nicht gesehen habe.
Er sagte stattdessen:
Ich sehe kein YouTube mehr.
Das sei doch eher was für Kinder. 

Sein (Video-, Entertainment-) Setup sieht heute so aus:
  • Er produziert (vor allem Let's Play) Videos für YouTube.
  • Er sieht Videos vor allem bei Twitch (ich habe auch den Verdacht, dass er da die eine oder andere Paysafecard für einsetzt, in die er sein Taschengeld umwandelt - disclosure: Ich habe für Paysafecard gearbeitet in meinem letzten Job).
  • Serien und "TV" sieht er bei Netflix über unseren Familienaccount, aber auf seinem PC oder Smartphone.
  • Und sonst nutzt er für Entertainment und Kommunikation vor allem Snapchat und Insta (neben WhatsApp, aber das hat ja eine komplett andere Funktion).
  • Seit kurzem investiert er eigenes Geld in eine mobile Datenflat.
Wie gesagt - das ist das konkrete Verhalten eines konkreten 13-jährigen, keine Marktforschung, keine Verallgemeinerung. Aber das ist ungefähr auch das, was wir in fast allen Familien in unserer Umgebung mit leichten Nuancen erleben.

Meine Beobachtung ist dabei, dass sehr viel der Interaktion, des Folgens ihrer Vorbilder, Stars, Tipp-Geberinnen (ob beim Gaming oder beim Schminken und Stylen) gerade in den letzten Monaten nach Snapchat abgewandert ist. Dass beispielsweise die Mädchen Bibi oder Joana intensiver bei Snapchat folgen und zusehen als in ihren YouTube-Kanälen und Blogs. Was auch irgendwie logisch ist, hier kommen sie so dicht an sie heran, wie es vorher kaum möglich schien. Auf 10cm. Und das fast in Echtzeit, mit maximal einer (Schul-) Stunde Zeitverzug.

Was für spannende Zeiten.

(übrigens könnt ihr meinen Storys auf Snapchat folgen, wenn ihr das Bild da an der Seite snapt. Ganz einfach)

26.3.15

Die Medienrevolution und die Kirche

Als Ende letzten Jahres in meiner Kirche neue Beauftragte für das Internet eingeführt wurden, durfte ich ein paar Gedanken mit auf den Weg geben. Das habe ich gemacht. Es war eine kurze Ansprache. Etwas überarbeitet, kann es aber auch ein Blogpost sein...
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HansLufftWer sich heute beruflich für ein Unternehmen, eine Institution oder einen Verein mit "dem Internet" und der digitalen Transformation beschäftigt, ist aus meiner Sicht so etwas wie eine Pfadfinderin in eine Gegenwart, die wir in einigen Jahrzehnten als eine ähnlich revolutionäre Zeit betrachten werden wie die Reformation. Dann, in diesen paar Jahrzehnten, werden die meisten unsere Namen nicht mehr kennen, so wie Hans Lufft heute nur noch einigen wenigen Expertinnen geläufig ist. Aber wenn wir  unsere Arbeit gut machen und unsere Unternehmen und Institutionen uns unsere Arbeit gut machen lassen, wird diese Arbeit uns überdauern, so wie wir heute noch davon profitieren, dass Hans Lufft 1534 die erste Bibel Luthers druckte und viele seiner Schriften.

Wir befinden uns ja zurzeit an der Kreuzung zweier Wege.
Zum einen mitten in der erst dritten richtigen Medienrevolution der Menschheit. Und zum anderen am Ende des kurzzeitigen Irrwegs der Massenmedien. Und wir Internetpeople haben die undankbare und großartige Aufgabe, unsere Leute über diese Kreuzung zu führen, damit sie sich in dieser unübersichtlichen Zeit nicht verlaufen oder gar, wie es manchmal ja noch aussieht, aus Versehen oder Ignoranz einfach zurück gehen oder stehen bleiben und weinen.

Die eine Straße, auf der wir an der Kreuzung stehen, ist die der Medienrevolutionen.
Die umfassende Digitalisierung aller medialen Äußerungen der Menschen setzt eine Entwicklung fort, die die gesamte Geschichte durchzieht und die sich an den beiden anderen Medienrevolutionen exemplarisch zeigen lässt - die Entgrenzung von Gedanken, Erlebnissen, Worten, Bildern, Tönen. Die Überwindung von Zeit und Raum, der die gesamte Medienentwicklung der Menschheit gewidmet ist.

  • Mit der Erfindung (und vor allem: Verbreitung) der Schrift überdauerten Gedanken und Erfahrungen erstmals halbwegs zuverlässig die Menschen, die ihre Urheberinnen waren. 
  • Mit der Erfindung der beweglichen Lettern für den Druck erreichte das Kopieren und die Verbreitung von Geschriebenem eine neue Dimension, gigantische Skalierungseffekte waren die Folge.
  • Mit der Digitalisierung überwinden wir nun den Mangel an Zeit, Raum und Transportmitteln. 

Bundesarchiv Bild 183-1988-0512-007, Dresden, Bibeldruck von Hans Lufft


Unendlicher Platz, unendliche parallele Sendezeit, weltweite (und theoretisch auch darüber hinaus) gleichzeitige Verfügbarkeit – was mit der Schrift begann, findet seinen aktuellen Höhepunkt. Der Menschheitstraum wird wahr. Raum und Zeit sind keine Begrenzungen mehr für unsere medialen Äußerungen.

Die andere Straße, die die dritte Medienrevolution gerade kreuzt, ist die auf der das Ende der Massenmedien passiert.
Zurzeit geht eine nur rund 170 Jahre lange Sonderphase in der Geschichte der Medien zu Ende. Wir sollten nicht vergessen, dass die Medienwelt, die für die älteren von uns die Normalität darstellte, eigentlich nur ein Unfall und Zufall der Geschichte war.

Erst 1843 mit der Gründung der New York Sun hat es das erste auf Massenverbreitung setzende Medium gegeben. Rundfunk – erst Radio, dann Fernsehen – ist ein Kind dieser Epoche. Alle Medien vorher waren faktisch soziale Medien, die entlang von sozialen Beziehungen von Menschen verteilt und weitergeleitet wurden. Und alle Medien danach werden es wieder sein.

Jetzt, wo die Frage, was wie veröffentlicht und verteilt wird, nicht mehr von Mangel geprägt ist – sei es der Mangel an Papier, an Verkaufsstellen, an Anzeigen oder an Sendezeit nach der künstlichen Verknappung der Frequenzen durch die Regierungen, denen der freie Rundfunk suspekt war, jetzt wo dieser Mangel endet, enden auch die Medienmodelle, die auf diesem Mangel beruhten. Wir finden gerade wieder zurück in die mediale Normalität nach dieser Ausnahmesituation, in die Normalität, die 2000 Jahre herrschte, bevor gerade einmal 170 Jahre lang die Mangelmedien die Szenerie bestimmten. Doof für die von uns, die ihr Unternehmen auf diese Sondersituation gebaut haben, aber nicht zu ändern.

Diese beiden Wege treffen sich heute an der Kreuzung, die Zurück in die Zukunft führt.
Eine spannende Gegenwart, in der wir leben und arbeiten, finde ich. Mitten in der dritten Medienrevolution, die mitzugestalten wir die Chance haben, wenn wir sie annehmen. Und am Anfang der Rückkehr zur medialen Normalität der Menschheit.

Für mich ist dabei übrigens Ansporn und Anspruch, wie meine Kirche und ihre Vorläuferinnen mit solchen Situationen umgegangen sind. Denn sie haben jede Medienrevolution genutzt und umarmt. Immerhin ist die hebräische Bibel die Grundlage einer der ersten Schriftreligionen überhaupt. Immerhin wäre die Reformation ohne den neuen Druck weder denkbar noch möglich gewesen.

Und immer wurden die neuesten Methoden zur Medienverbreitung genutzt, sobald sie in Mode kamen. Immerhin haben Paulus und die anderen Anführer der jungen Gemeinden das damals gerade neue und aktuelle Briefsystem der römischen Elite raffiniert und mit großem Erfolg verwendet. Und unsere Kirchen haben sich immer dafür eingesetzt, die neuen und neuesten Medien dann auch aktiv und für alle zu nutzen:

  • Die ersten Gemeinden haben Menschen ermutigt, lesen und schreiben zu lernen. 
  • Die Bibel für alle (durch die Übersetzung und den Buchdruck) führte zu einer beispiellosen Alphabetisierungskampagne in der Neuzeit. 
  • Die Missionskirchen nutzten die internationale Post und Telegrafie, um ein Netzwerk, ein soziales Netzwerk übrigens, zu bauen. 
  • Bis heute sind die Kirchen fast (oder sogar ganz?) die einzigen, die das Drittsenderecht im Privatfunk nutzen. 

Es gibt keine Tradition der Zurückhaltung gegenüber Medien in meiner Kirche. Und die Bedenkenträgerinnen hat sie immer schnell zum Verstummen gebracht. Die aktuelle Bildungsoffensive ist eine, die positiv mit der Digitalisierung umgeht. Oder, wie die Synode der EKD neulich sagte:
Ein besseres Verständnis von Digitalisierung, Daten und Netzwerken liefert Grundlagen für Freiheit und Teilhabe. Die evangelische Kirche hat die Aufgabe, digitale Bildungsprozesse aus christlicher Perspektive neu zu denken. Evangelische Kirche tritt grundsätzlich dafür ein, dass Teilhabe für alle möglich wird, unabhängig von Alter, Herkunft, Wohnort und Einkommen.
Für diesen Weg und diesen Optimismus haben wir mit unseren Altvorderen tolle Vorbilder:
Anders als Plato, der zwar eifrig schrieb, aber doch sehr große Sorgen hatte, dass Schreiben zum Verlust des Gedächtnisses führe (und dass auch weniger schlaue Leute als er ihre unwichtigen Gedanken aufschreiben könnten), haben die Vorläufer unserer Kirchen das Schreiben geliebt.

Anders als Erasmus, der die Drucktechnik eifrig nutzte, aber doch sehr große Sorgen hatte, dass dümmere Menschen als er dumme Dinge schreiben könnten, die dann gedruckt würden, dass es gar Romane oder ähnliches geben könnte, die Menschen dumm machen, haben unsere Kirchen dem Druck ihre Existenz zu verdanken und Luther nicht nur Dinge drucken lassen, die heute die theologische Kammer passieren würden.

Anders als die Mediziner, die in der Eisenbahn eine Gefahr für das Gehirn sahen, sind unsere Missionare mit ihr bis ans Ende der Welt gefahren, um die frohe Botschaft weiterzutragen, selbst, wenn sie noch nicht sicher wussten, ob die Mediziner nicht Recht haben könnten.

Anders als Manfred Spitzer oder Jaron Lanier, die das Internet eifrig nutzen, aber doch sehr große Sorgen haben, dass auch Menschen es nutzen, die anders leben und andere Erfahrungen haben als sie und sogar in der Lage sind, ihre falschen Fakten zu dekonstruieren, sammeln unsere Kirchen Menschen und sehen die Chancen dieser spannenden Zeit.

Hans Lufft hat damals nicht gefragt, was die Obrigkeit zum Druck sagt, was die Landesdatenschützerinnen oder die Stilpolizei anzumerken haben. Er hat eine neue Infrastruktur, eine neue Medientechnik, hat Skalierungseffekte zu nutzen gewusst, um die frohe Botschaft unter die Leute zu bringen. Er war der Diener der Reformation. Und als Kollateralnutzen wurde er auch noch reich, aber das ist eine andere Geschichte.

11.2.15

Ich bin Norddeutscher

Ich bin Alexander Otto dankbar. Denn mit seiner beknackten schönen Lichtinstallation über dem AEZ, die mich immer stört ich jeden Abend sehe, wenn ich die Fensterläden im Schlafzimmer schließe und noch einmal rüber über den Mellenberg gucken will, erinnert er mich jeden Abend daran, dass und wieso ich gegen die Olympiabewerbung meiner liebsten Heimatstadt bin. Aber das ist eigentlich noch mal eine andere Geschichte.

Aber die 1374 Euro 10, die so ein Blog so im Monat an Kosten verursacht (und da sind die ganzen Kosten für meine vier Pferde und meine vier Kinder und so noch gar nicht mit drin), müssen ja auch gut investiert sein, weshalb ich eigentlich nur endlich mal wieder was in dieses Blog reinschreiben wolle. Was aber eigentlich auch noch mal wieder eine andere Geschichte ist.

Und dann bin ich über Moritz Neumeier gestolpert. Der hat so ein Blogdings bei der Zeit jetzt irgendwie neu. Und ist Norddeutscher. Bin ich ja auch.

13.1.15

Bildungsfernes Schichten

Jugendliche müssen so was sagen. Wirklich. Sonst liefe was falsch. Keine Kritik also, kein Erheben, kein mildes Lächeln von meiner Seite. Wirklich nicht.
Komisch und verquer wird es, wenn das aber Erwachsene begeistert aufnehmen und wenn deren "Medien" das zum Tweet des Tages erklären.

Es erinnert mich an so ziemlich jede Diskussion über Bildung und Schule, die ich mein Leben lang geführt habe. Bereits ganz großartig während der Schulkämpfe in den 80ern in Hamburg - gipfelnd im legendären Streitgespräch unseres stramm Stamokap geprägten Vorsitzenden der SchülerInnenkammer (so hieß die damals) mit Gerhard Meyer-Vorfelder ("MV"), dem damaligen Schulminister in Baden-Württemberg, der sich im Fernsehen zu der Aussage verstieg, die Masse der jungen Leute brauche nur führerscheinähnliche Kenntnisse, wenn sie die Schule verlasse.

Steuern, Miete, Führerschein - klassisches rechtskonservatives Schulziel für die Masse - während die Gedichtsanalyse den wenigen Kindern der Professoren und Ärzte vorbehalten sind, denn wer braucht so was schon.

Call me Bildungsbürger, aber ich finde es großartig, dass wir da heute weiter sind. Mich hat, zumal ich eben gerade nicht aus Arbeiterinnenfamilien stamme sondern aus einer Mischung von Akademikerinnen und Kleinbürgerinnen, die emphatische Kritik am reaktionären Antiintellektualismus heutiger Pseudoeliten sehr berührt, die Georg Seeßlen im Oktober in der Konkret schrieb. Lest die mal, wirklich.

Wo wenn nicht in der Schule, wenn sie nicht aus falsch verstandenem ökonomischen Druck gehetzt und nur auf Anwendungswissen getrimmt ist, kann ich so zweckfrei und nur aus intellektueller Maniriertheit etwas wie Gedichtsanalysen machen? Wo kann ich, nachdem das akademische Studium durch den Bolognaprozess kastriert und auf Linie gebracht wurde, noch denken lernen.

Das macht vielen Jugendlichen keinen Spaß. Aber selbst wenn ich jetzt wie der alte Sack klinge, der ich bin: Selbst die, die sich darüber mokieren, während sie sich aus schicker Langeweile oder tatsächlichem Desinteresse in der Nase popeln oder ihre Haare durch den Mund ziehen, profitieren langfristig davon.

Steuern, Miete, Versicherungen. Lineare Algebra sogar (obwohl ich erst entsetzt war, dass das ins Studium ausgelagert wurde). Das Leben, die Berufsschule oder der Vorkurs an der Uni sind auch noch da.

Mich gruselt es vor Leuten, die die Schule von ihrem Bildungsauftrag befreien und ihr einen Ausbildungsauftrag verpassen wollen. Denn sie verfolgen eine Agenda. Und die ist bestenfalls reaktionär.

25.7.14

Meinung und Kontext und Medien

Kriegsberichterstattung finde ich grauenvoll. Nicht so grauenvoll wie Krieg, aber doch grauenvoll. Meine eigene Lösung dafür ist, dass ich mich aus den aktuellen Medien ausklinke und eher langsamere Medien nutze. Was mir leicht fällt, da ich TV eh nicht nutze und in Print und Online eher Wochentitel und Hintergrundgeschichten lese. Und mir zusätzlich über meine sozialen Filter eine Auswahl anderer Berichte schicken lasse (Twitter vor allem, teilweise auch Facebook).

Selbstverständlich kann es auch keine objektive Berichterstattung geben. Darum empfinden die meisten Menschen, mit denen ich über die Berichterstattung über den Krieg gegen Israel spreche, sie als einseitig. Einige als einseitig anti-israelisch, andere als einseitig pro-israelisch. Teilweise die gleichen Berichte.

Zwei Aspekte fallen mir dabei besonders auf, die mit Online und Social Media zu tun haben - und sich seit der Unsitte der embedded journalists auch noch mal verändert haben.
Und am Ende ein Bonustrack über extreme Unterschiede, wie Medien über einen antisemitischen Vorfall in Österreich "berichten". Ganz am Ende dieses Textes...


1. Asymmetrie der Bilder

Dass ich viele Berichte als anti-israelisch empfinde und dass viele Menschen, die Berichte sehen - selbst wenn sie sie nicht als parteilich erleben - einen Zorn auf Israel entwickeln, hängt nach meiner Wahrnehmung mit der Asymmetrie der Bilder zusammen. Der Münchner Historiker Wolffsohn weist auf die Bilder-Taktik in Guerrilla-Kriegen hin. Ich stimme ihm nicht in allem zu, aber es sind schon die Bild-Details, die die Berichterstattung so grauenvoll machen.

Tatsächlich empfinde ich das Beispiel der Kinder, die am Strand spielend tödlich getroffen wurden (und hier dann nicht nur die Bilder selbst sondern auch die Geschichte), da sehr bedenkenswert: Der Reflex ist bei vielen in meinem Umfeld gewesen: "Siehste, die Israelis schrecken nicht mal davor zurück, Kinder zu ermorden". Ein Nachdenken darüber, was und wie es passiert ist, findet nicht mehr statt. Beispielsweise die Frage, wieso sie da spielten. Dass die Eltern ja wohl, wenn wir einmal nachdenken, davon ausgingen, dass sie da sicher sind. Dass sie also ein Wissen, eine Erfahrung haben, dass die israelische Armee genau so etwas nicht machen wird. Dass es ihr dennoch passierte, ist grauenvoll und falsch. Und wird untersucht (wo gibt es das sonst in einem Land, das im Krieg ist?). Diese Überlegungen machen es nicht besser, setzen aber einen emotionalen Kontext, den Bilder eher verhindern.

Und weil es quasi nur Bilder gibt, die ein einseitges Bild zeichnen (was auch in der Natur dieses Krieges liegt), nur die eine Seite eomtionalisiert durch Bilder dargestellt werden kann, ist es auch logisch, dass verantwortungsvolle Journalistinnen in den Texten und Tonspuren wiederum hier eine Relativierung versuchen - so dass bei uns, je nachdem ob wir mehr auf den Text oder das Bild achten, beim gleichen Beitrag eine eher pro- oder anti-israelische Position hängen bleibt.


2. Persönliche Sichtweisen neben den Berichten

Vor allem Twitter bietet eine Möglichkeit, neben den "offiziellen" Berichten der Journalistinnen, die vor Ort oder in der Nähe sind, auch noch mehr über ihre Haltung, über ihr Herangehen zu erfahren. Und zumindest für die, die sich intensiver mit Medien beschäftigen, stellen diese - wenn auch immer als privat/persönlich gekennzeichneten - Accounts eine wichtige zweite Quelle dar. Die vor allem mir, der ich aufgrund der Berichte der letzten Jahre bei einigen Medien (vor allem ARD, Deutschlandfunk, Spiegel, aber auch Süddeutsche und einigen anderen Zeitungen) erstmal den Grundverdacht einer latent einseitigen Berichterstattung hege, helfen, zu erkennen, wie das zustande kommt und wo sich Journalistinnen dennoch bemühen, von ihrer eigenen Meinung zu abstrahieren.

Zwei Tweets von gestern von den Korrespondenten von ZDF und ARD sind für mich da exemplarisch. Dazu sei gesagt, dass der gesamte Twitteraccount bei beiden jeweils versucht, beide Seiten zu sehen und nicht besonders gefärbt ist. Und dass 140 Zeichen zu einer Verkürzung führen, die zuspitzt. Aber da sie beide Profis sind und Kurzformate "können", ist es aus meiner Sicht legitim, auch auf problematische Narrative in Tweets hinzuweisen.
Ist das "untersucht" ein Zitat? Oder eine Distanzierung? Die eine wird es so lesen, die andere anders. Gestern hatte ich bei den Retweets und den Tweets des ZDF-Mannes Sievers den Eindruck, dass er relativ klar Position bezieht - gegen Israel. Und das, obwohl das ZDF in den Nachrichten weit ausgewogener berichtet als die ARD. Manche Tweets von Sievers haben mich erschreckt, zugleich aber auch den Respekt dafür erhöht, wie er versucht, tatsächlich zu berichten aus einer Situation, in der die Anfälligkeit für Propaganda und spektakuläre asymmetrische Bilder extrem hoch ist.

Anders ARD-Mann Schneider. Ich finde bemerkenswert, dass er bewusst keine Bilder auf Twitter postet, auch nicht weitergibt, das auch begründet. Dass er immer wieder Position bezieht, oft zu den hochemotionalisierten Themen wie toten Kindern etc.

Und dann haut er so was raus - auf deutsch und englisch und also nicht unüberlegt, gleich auch noch zu Facebook gespielt - was mir den Magen umdreht:
Auf einer Linie mit dem grauenvollen Kommentar in den Tagesthemen von Sabine Rau. Antisemitismus als taktische Dummheit. Nicht als Verbrechen.

Auch in den Tweets und Timelines dieser beiden exemplarischen Beobachter und Berichterstatter erklärt sich mir der Unterschied in der Tonalität und Linie der Berichte in ZDF und ARD. Oft nur in Nuancen.


Bonustrack

Davon unberührt hat mich gestern sprachlos gemacht, wie extrem unterschiedlich zwei (Online-) Medien über den Versuch von Antisemiten berichteten, Spieler eines israelischen Fußballklubs zu verprügeln.

Der Focus schrieb:
Plötzlich herrscht völliges Chaos, schwarz gekleidete Aktivisten stürmen während eines Fußball-Testspiels im österreichischen Bischofshofen auf den Platz und attackieren die Profis des israelischen Clubs Maccabi Haifa. Die Spieler setzen sich zur Wehr.
Während die Welt das gleiche so formulierte:
Die antisemitischen Randale haben den Fußball erreicht: Nach einem Platzsturm wurde am Mittwoch ein Testspiel zwischen dem israelischen Spitzenklub Maccabi Haifa und dem früheren französischen Meister OSC Lille abgebrochen.
Das sind nur kurze Ausschnitte aus jeweils in der Tonalität so bleibenden radikal unterschiedlichen Artikeln. Hervorhebungen von mir.

18.5.14

Typisch für Doitschland. Oder auch: mimimimi

Dies ist ein Rant oder soll einer werden. Das vielleicht vorne weg, damit es niemand übersieht, weil es nur in den Stichworten steht. Und ich werde keinen der vielen Artikel und Posts verlinken, über und gegen die ich hier rante, denn ich bin zu faul und zu deutsch, um sie jetzt wieder rauszusuchen. So Leute wie Christian Jakubetz oder Henning Groß oder Martin Weigert werden es auch so merken oder auch nicht, ist mir eigentlich auch egal. Denn bei einem Rant geht es, wie ihr wisst, um mich. Und nicht um euch. Ha. Und für die, die lieber was nettes und positives lesen wollen, setze ich unten noch mal ein paar Links auf positive Posts. :)
Stolz und Vorurteil, 31. Kapitel
Manchmal denke ich ja, dass es kein Zufall ist, dass Stolz und Vorurteil aus England stammt und Effi Briest aus Deutschland. Dass der Unterschied zwischen Austen und Fontane über mehr etwas aussagt als nur über literarische Qualität. Naja.

Jedenfalls musste ich das gesamte Wochenende, wenn ich nicht gerade auf der Rennbahn, genauer: an der Ovalbahn stand und meinen Kindern beim Sport zuguckte und mich um ihre Pferde kümmerte, an jene wunderbare Passage im 31. Kapitel von Stolz und Vorurteil denken, kurz bevor der Scheitelpunkt der Geschichte naht. Und überhaupt, dachte ich mal wieder, rede ich nicht gerne mit Leuten, die noch nie was von Austen gelesen haben. Wenigstens dieses größtartigste Buch von ihr. Naja.

Und dann fragte ich mich mal wieder, wieso eigentlich so viele Leute aus meiner Ecke des Internets so enorm in ihrer nationalen Filterblase gefangen sind (plus, das muss ich zugeben, dem winzigen Teil der internationalen Szene, die da, in dieser Blase, reflektiert wird). So dass in mir der Beschluss reifte, einfach mal gegen Gassner's Law (googelt das, hab ich keine Lust, zu erklären. Wer es nicht versteht, ach auch egal) zu verstoßen und wild hinauszurufen, was mich so ankotzt an diesem Mimimi der Leute rund um Leute, die was gründen oder einen Gruenderus interruptus vorbereiten. Naja.

Gestern dachte ich noch daran, dass ich seit Jahren keinen Vortrag eines Amerikaners oder einer Amerikanerin mehr gehört habe, in dem nicht bei den Beispielen oder Kronzeuginnen mindestens die Hälfte Frauen waren. Aktuell am Donnerstag wieder der von Rei Inamoto auf dem ADC-Kongress. Ganz selbstverständlich übrigens und ohne dass es einer Rede wert wäre. Dass ich es hier aufschreibe, ist eigentlich schon wieder so ein Ding mit Doitschland. Naja.

Ich finde es so sauschade, dass es sich Gründerinnen und Gründer in Doitschland so schwer machen, dass sie es so schwer haben. Und ganz un-rant-ig sehe ich dafür auch Gründe. Drei. Mit denen sich unsere Szene wirklich unterscheidet von allem, was ich in zivilisierten Ländern, also ohne Frankreich, erlebt habe. Zum einen, dass sie so erstaunlich wenig marktorientiert ist. Zum anderen, dass sie so dumpf national vor sich hin dümpelt und abgekoppelt ist von den weltweiten oder anderswo stattfindenden Diskursen. Und zum dritten, dass sie geschlagen ist mit einem so trist-traurigen Fanboytum, dass es einen schüttelt. 

Aber erstmal weiter ranten. Ich mein, wenn ein Don Alphonso in seiner besten Zeit, die nun auch schon mehr als acht Jahre zurück liegt, selbst damals also nur ein trist-trauriger Abklatsch eines Loren Feldman war. Wenn es hier allen Ernstes Leute gibt, die Kritik, wie sie hier geübt wird, nicht etwa darum für im internationalen Vergleich doof finden, weil sie so zahm und konstruktiv ist, sondern die offenbar nicht mal wissen, wie krass beispielsweise in den USA solche Diskussionen laufen. Wenn ich die Leute mit der Lupe suchen muss, die sich an das so genannte Kathy Sierra Incident erinnern und wissen, wie radikal das damals die Szene der Webpublizisten und der Techblogs verändert hat. Naja. 

Das macht echt keinen Spaß. Denn ich bin mir sicher, dass die struntzdumme Fanboycrowd der wichtigste Grund ist, warum sich die Achtsamkeitskultur in der Web- und Gründungsszene in Doitschland so weit vom internationalen Standard abgekoppelt hat, dass es schmerzt. Und in den letzten fünf, sechs Jahren hat es sich bewährt, eine kurze Frage nach dem Kathy Sierra Incident als Lakmustest für die Satisfaktionsfähigkeit eines Diskursgegenübers zu nehmen. 

Ich kenne selbst auch nur Skandinavien und die USA genauer. Aber dass da mit viel Pomp ein Projekt aus der Taufe gehoben würde, das fast ausschließlich aus Leuten besteht, die sich bereits kennen. Und dass das dann von deren Freundinnen per Akklamation der Diskussion entzogen würde. Das ist schlicht undenkbar und ein super trauriger doitscher Sonderweg. Der, da bin ich sicher, sehr viel mit dem großartigen, stilbildenden, weltweiten Erfolg deutscher  Startups zu tun hat. Naja.

Sich mit Menschen zu umgeben, die einem widersprechen, ist nicht so typisch in Doitschland. Und das ist - um es einmal sehr zurückhaltend zu formulieren - echt kakke. Und führt eben zu dem gleichen Phänomen, dessentwillen auch Petzen und Denunziantentum so typisch doitsch ist. Denn in allen zivilisierten Ländern sind die, die hier so beschimpft werden, Heldinnen. Die Angst vor Kritik, die geradezu religiöse Verehrung der Vorturnerinnen Vorturner der eigenen Filterdings, die Beschimpfung derer, die Fragen stellen - all das ist ein doitscher Irrweg. Und der wird nur noch getoppt von der Weigerung seiner Protagonistinnen, die normalen und gesunden Diskurskulturen in gründungsfreundlichen Ländern zu sehen und anzuerkennen. Die viel mit Kritik, mit sehr früher Kritik vor allem zu tun haben - und über die Jahre dazu führten, dass eben nicht nur gleiche vom gleichen sich zusammen tun, nicht nur Sebastians oder Stefans Freunde, sondern Fremde. Spannende Menschen, die einander über zwei Ecken kennen. Und sich als allererstes einmal sehr genau das Marktpotenzial angucken. Und wen sie gewinnen wollen. Und darum ansprechen. Auch übers Team, auch über den Namen, auch über die Kultur.

Und hier alle nur so Mimimi.






Update 20.5.
Und weil mich erschreckt, wie Claudia Klinger das Netz wahrnimmt, hier noch fünf Links auf Posts, in denen ich positiv auf das Leben und das Netz und so zugehe:

Richtiges Leben
Hausgeburten und Krankenhäuser
Kontinuität und Widerstand
Geht alles doch
Demut

25.2.14

Aus den Fugen

Früher war alles so einfach. Da gab es gute Guerillas und Befreiungsbewegungen. Und klare Zuordnungen. Und von ein paar Nazis abgesehen, demonstrierten die, die für mehr Freiheit und so was waren.

Und heute bezeichnen sich die Nachfolger derer, die für den Tod Rudi Dutschkes verantwortlich sind,  als APO und machen eine Establishment-Kampagne draus. Faseln die Privilegierten und Reichen, die alten weißen Männer und so, davon, dass sie einem Gesinnungsterror ausgesetzt seien und man das ja wohl noch mal werde sagen dürfen.

Da demonstrieren Anhängerinnen der alten Eliten in Thailand und versuchen zu verhindern, dass eine gewählte Regierung wieder gewählt werden kann. Und werden in der Berichterstattung nicht allzu selten in einem Atemzug mit Leuten genannt, die sich von Diktaturen befreien.

Es ist schwer geworden, zu unterscheiden. Ob eine engagierte Bevölkerung sich gegen eine Gewaltherrschaft weht und einen arabischen Frühling erlebt. Oder ob Angehörige der Mittel- und Oberschichten gegen eine demokratisch gewählte Regierung vorgehen, die die krasse Ungerechtigkeit im Land verändert (hat), so dass die Oberschichten nicht mehr ganz so oben sind im Vergleich. Vielleicht ist es also auch richtig, dass die versuchte Revolte von Rechts in Venezuela in den Medien hier kaum Widerhall findet.

Es gibt kein klares Gut und Böse mehr, das allein an den Taten und am Oben und Unten abzulesen wäre. Wodurch die eine resigniert und der andere in Zynismus abgleitet. Und eine engelgesichtige korrupte Mitt-50erin eine Heldin abgibt. Und reiche Jungs und Mädchen, die um ihre Privilegien fürchten, als Befreiungsaktivistinnen gelten.

Manchmal macht mich das müde. Und bringt mich dicht an Resignation oder Zynismus. Aber andererseits will ich meinen Kindern keine Welt hinterlassen, die so aus den Fugen ist. Und in der die Menschen und Medien um mich herum ihren Kompass verloren haben.

13.2.14

Ihr Medienbranchen-Jammerlappen

Mein Gott habe ich mich geärgert über die
die ich Montag in der HuffPost lesen musste. Darüber, wie die Generation Y den Arbeitsmarkt revolutionieren wird.

Eigentlich wollte ich direkt nach dem zweiten Absatz aufhören zu lesen, in dem dieser bemerkenswerte und historisch ungebildete Satz steht:
Und haben sich so den Spitznamen "Generation Y" eingefangen - weil sich Y im Englischen wie das Fragewort "Why" spricht.
Nein, lieber Tobias Fülbeck, sie heißt so, weil sie die Generation nach der Generation X ist und weil das Y nach dem X kommt. Aber wahrscheinlich hast du Douglas Couplands Bücher nie gelesen (darum hier der Link auf den Wikipediaartikel über diesen Autor) und nie die Kohlzeiten und die Reaganomics erlebt.

Und auch sonst ist mir nicht ganz klar, wo der Kollege lebt und arbeitet. Und ob er schon jemals in einem Unternehmen war. Oder Leute aus - sagen wir mal - Versicherungen oder Sanitärfachbetrieben kennt. Oder ist es mit diesem "die Generation Y wird alles revolutionieren" Gesülze vielleicht so wie damals mit der "Generation Praktikum", die es außerhalb der Gruppe von Menschen, die was mit Medien machen wollten, nicht gab? Die also zwar von Medienschaffenden nicht erfunden wurde, aber aus ihrer individuellen Erfahrung unzulässig für die auch auf andere zutreffende Realität gehalten wurde?

Jedenfalls wird dann ein Popanz aufgebaut, den es schon lange nicht mehr gibt. Um ihn mithilfe der Generation Y dann scheinbar umzubringen, obwohl er schon lange tot ist. Lustiger rhetorischer Trick. Aber irgendwie auch billig.
Die Bewerbungsgespräche der Zukunft werden anders verlaufen. Arrogante Bemerkungen wie „Warum sollten wir bitte ausgerechnet Sie in unserem Unternehmen einstellen?“ können nach hinten losgehen. 
Ach nee. Wer stellt denn solche Fragen? Dass sich hier was geändert hat, hat ja nun wirklich nicht mit dieser neuen Generation zu tun - sondern eher damit, dass schon die 68er und die Generation X dies nicht mehr ertrugen. Und beide heute die Vorgesetzten stellen.

Ähnlich ist der Bullshit, den Fülbeck über den angeblichen Bullshit von der Work-Life-Balance schreibt.
Die Mitarbeiter werden sich ihren eigenen Stundenplan machen. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn sie auf der Arbeit mit ihren Eltern telefonieren oder wenn sie mittags zwei Stunden joggen gehen. Die Arbeit wird nachgeholt. Und sie bestimmen wann.
Ja, Hammer aber auch. So ist das in Bürojobs im Umfeld von kreativen Branchen und im Vertrieb schon immer oder zumindest schon lange. Und meine Freundinnen, die bei Versicherungen arbeiten oder Handwerkerinnen sind, lachen über diese Idee. Ob Fülbeck weiß, an wie vielen Arbeitsplätzen in Deutschland es weder einen Internetanschluss gibt noch ein Telefon? In vielen Bereichen hochgradig arbeitsteilig gearbeitet wird oder die Kundinnen den Takt bestimmen und nicht die Chefin? Hat Fülbeck jemals irgendwas gesehen außerhalb Schule, Uni und was mit Medien?

Und dann die - wie nannte es Tapio oben so schön - Klischeekakke.
Nicht geschimpft ist schon gelobt – mit diesem Motto werden Führungskräfte in der Zukunft scheitern. 
Glaubst du ernsthaft, die Tatsache, dass dieses Motto seit rund zehn Jahren Führungskräfte en gros scheitern lässt, liegt an euch Jungen? Echt? Naja, du glaubst ja auch, wir haben euch "Y" genannt, weil es so schön nach "Warum" klingt. Hihi.

Was mich am meisten anwidert irritiert (jetzt mal abgesehen von den positiven Resonanzen, die ich zusammen mit indifferentem Link-Geteile gesehen habe) an dem Geschwurbel, das dann noch folgt, ist das Pathetische, mit dem die Realität in - siehe oben - Firmen mit kreativnahen Bürojobs, wie sie seit Jahren oder gar Jahrzehnten besteht, als glorreiche Zukunft beschrieben wird. Geht's noch? Das ist nicht die Zukunft, auf die wir Alten uns aufgrund einer verwöhnten, anspruchsvollen "Premium"-Generation einstellen müssen. Sondern das ist das Bett, das wir erkämpft haben und in das ihr euch legen könnt. Wenn wir euch mit eurer Anspruchshaltung darin haben wollen und nicht lieber unsere Firmen schließen, bevor die Heipopeis sie kaputt machen. Oder so. Aber genau das hat auch die Generation meiner Großeltern (für die von euch, die lesen können: das waren die, die als junge Erwachsene aus dem Krieg kamen und von denen man sagt, sie hätten dieses Land wieder aufgebaut, was aber nur die halbe Wahrheit ist, aber das ist eine andere Geschichte) über die Generation meiner Eltern gesagt und erst Recht über meine. Kann also alles noch werden.

Und irgendwie habe ich darum auch keine Lust mehr, mich mit den weiteren vielen Allgemeinplätzen zu beschäftigen, die der Autor dann noch hinterherschiebt. Die Hälfte ist bereits Realität, die andere Hälfte wird auf den größten Teil der Menschen nie zutreffen, weil sie nicht in dieser was mit Medien Blase gefangen sind.

Nur zwei Dinge noch.

1. Wer glaubt, Alumni-Dingens seien was Neues. Oder glaubt, entspannte Trennungen in der Arbeitswelt und Selbstbewusstsein von guten Leuten sei etwas, das überraschend wäre. Ist. Etwas. Dumm.

2. Es ist das Privileg der Pubertät, alles selbst zu entdecken, was andere vorher auch schon entdeckt haben, und es für neu und bahnbrechend zu halten. Es ist sogar wichtig, dieses in der Pubertät zu tun. Wenn jemand dann erwachsen wird, reflektiert sie dieses Erleben und Entdecken mithilfe dessen, was gut dokumentiert vorher war. Ordnet sich ein in die Geschichte, findet den gegenwärtigen Ort. Was nichts mit Ruhe und Zufriedenheit zu tun hat sondern nur damit, die Krümmung der Lernkurve zu steigern. Das ist ja auch der vielleicht wichtigste Aspekt des "Erwachsenwerdens". Niemand zwingt irgendwen erwachsen zu werden, siehe Neo. Aber dann beschwert euch nicht, wenn euch auch niemand so behandelt, als wäret ihr erwachsen.


31.1.14

Geht alles doch

Dass sich Kinder und Karriere nicht vereinbaren lassen, ist eine Lüge. EINE ERWIDERUNG AUF MARC BROST UND HEINRICH WEFING
Der einzige Vorteil des Artikels ist, dass er zum Nachdenken anregte, nachdem ich mich wieder abgeregt hatte. Warum eigentlich immer in der "Zeit", die ich doch so sehr schätze? Schätze, weil sie Themen mit etwas mehr Ruhe angeht und einen eigenen Ton anschlägt. Und dann kommen die Heulsusen der nächsten Generation dauernd zu Wort mit ihrem Schmerzenesmännergesülze. Oder die Heulsusen meiner Generation. Wie gerade. Marc Brost und Heinrich Wefing. Namen, die ich oft höre, denn ich habe ein Abo des Audiomagazins der "Zeit", das ich auf dem Weg ins Büro höre. Und hier sind sie nun und schwadronieren darüber, dass es eine Lüge sei, dass sich Kinder und Karriere für Männer vereinbaren ließen.

Ganz ehrlich? Auch ich bin oft erschöpft. Und ich sitze immer wieder da und bin darüber verzweifelt, dass ich meinen eigenen Ansprüchen in beiden Hauptrollen meines Lebens nicht gerecht werde und zwischen ihnen zu zerreißen drohe: Dem Beruf, der mir unglaublich viel Spaß macht und mir unglaublich viel Befriedigung verschafft. Und der Familie, die ich liebe und die mir so unendlich wichtig ist.

Und trotzdem würde ich nie auf die Idee kommen, so einen Bullshit von mir zu geben, wie diese beiden Generationsgenossen. Denn ihre Behauptung, es sei eine Lüge, dass sich Familie und Karriere verbinden ließen, ist ein weinerlicher Selbstbetrug. Ich glaube, ich ahne, wie sie darauf kommen. Weil ich selbst immer wieder diese Anwandlungen habe. Bei denen - und das ist vielleicht mein großes Glück - meine Liebste mir den Kopf wieder zurechtzurücken pflegt. Oder manchmal auch meine Mitarbeiterinnen.

Damals, mit fast Mitte Zwanzig, als wir frisch verheiratet waren, haben sich in unserem Freundeskreis und unserem universitären Umfeld reihenweise Paare getrennt. Weil es nicht mehr prickelte. Weil sie die Vertrautheit und - ja, auch - Langeweile nicht ertrugen, die sich daraus ergab, dass sie sich so gut kannten und aufeinander einstellten.

Vielleicht habe ich das Glück oder hatten wir das richtige Gespür und Ahnen, die andere Reihenfolge zu wählen als viele andere meiner Generation. So dass ich knapp Mitte Vierzig bin, jetzt, wo Primus Achtzehn wird, Abitur macht und, wenn alles klappt, als Au Pair ins Ausland gehen wird. So dass bei uns der Beginn der Berufstätigkeit mit dem Beginn der Familienphase zusammen fiel. Obwohl wir dann ja noch drei Kinder nachlegten innerhalb von insgesamt rund zehn Jahren, also nun bei Quarta auch keine so richtig jungen Eltern mehr sind.

Vielleicht haben wir auch nur eine andere Haltung zu Erziehung, Leben und Selbstverwirklichung, dieser Geißel und Selbstgeißelungsmethode meiner Generation. Als Primus vier Jahre alt war, ist er allein durchs halbe Dorf (also den Stadtteil, da oben am Nordostrand von Hamburg) gegangen, wenn er zum Fußball wollte. Vom ersten Tag an gingen alle unsere Kinder alleine zur Schule, die beiden großen mehr als 25 Minuten zu Fuß. Dieses Helikopterelterndingens kenne ich nur aus der Zeitung. Vor allem aus der Zeitung, bei der die beiden Jungs arbeiten, die da so rumjammern. Kann aber auch Zufall sein, weil das ja die einzige Zeitung ist, die ich wirklich lese.

Jetzt gerade ist Freitagabend, nach 23 Uhr. Während ich dieses schreibe, läuft "Inni" von Sigur Ros auf dem Fernseher. Meine Liebste ist mit ihren Freundinnen unterwegs. Die beiden kleineren Kinder liegen im Bett, die beiden großen kommen gerade nach Hause und machen sich etwas zu essen. Und ich hardere nicht mit meinem Schicksal, denn so ist es von mir selbst gewählt. Aber vielleicht ist es auch einfach so, dass mir das, was Rachel Macy Stafford diese Woche in diesem wunderbaren Artikel in der Huffington Post schrieb, nicht so fremd ist. Sollten Brost und Wefing mal lesen. Und dass ich fast fünfzehn Jahre keine Bücher las und nicht im Konzert oder in der Oper war, ist eben so. Ich konnte es nach anfänglicher Wehmut ganz gut verschmerzen, denn ich habe es vorher ausführlich gemacht. Und beginne es jetzt wieder.

Es ist nicht immer leicht, beide Rollen wirklich und gut auszufüllen und dabei nicht den Orden der Unbegabten zu bekommen, als den Reinhard Sprenger einmal Stress bezeichnet hat. Aber das, was ich mit meinem krummen Berufsweg hingelegt habe, kann man schon durchaus als Karriere bezeichnen. Ebenso das, was meine Liebste gemacht hat. Beide haben wir es nicht so geplant. Beide haben wir Unterbrechungen der Karriere gehabt. Beide haben wir immer wieder nachjustiert. Und uns einige Jahre entschlossen, ein Au Pair aufzunehmen, damit Karriere und Kinder besser zugleich gehen.

Und dennoch sind wir hin und wieder am Ende. Worauf wir achten, ist, dass die andere ruhig wird und den Überblick behält, wenn der eine seinen monatlichen Depritripp hat. Vielleicht wäre ich auch so verzweifelt wie die beiden Jungs von der "Zeit", wenn ich nicht immer wieder so glücklich wäre. Und wenn es vor allem nicht - trotz aller auch immer wieder unbefriedigenden Situationen - auch meine Liebste wäre.

Und wenn wir den Eindruck haben, dass wir reden müssen, dass wir Zeit zu zweit brauchen, dann gehen wir in die Sauna. Zweimal in der Woche. Und reiten gemeinsam aus. Mindestens einmal in der Woche. Zeit, die wir uns nehmen, die uns die Kinder schenken. Die für sie selbstverständlich ist. In der wir beide jeweils beide Hände brauchen und das mobile Internetzugangsgerät in der Hosentasche (beim Reiten) oder draußen (beim Saunen) bleiben muss.

Vielleicht ist es auch einfach so, dass wir nicht hadern, dass wir Taxi sind und in Sporthallen stehen oder am Reitplatz. Dass wir nicht den Eindruck haben, unser Leben zu verpassen oder uns nicht selbst zu verwirklichen. Vielleicht, weil wir beide Berufe haben, die wir mögen und die Verwirklichung sind, was, ich weiß, ein Privileg ist. Und dass wir beide schon jeweils und mehr als einmal etwas genau daran geändert haben in den letzten zwanzig Jahren, wenn das so nicht mehr war.

Und dann ist es auch kein Problem, wenn ich am Abend noch einmal arbeite oder am Wochenende. Weil ich es absprechen kann. Weil es nicht jede Woche vorkommt. Weil ich auch mal durchatme. Weil ich vom Leben nicht nur Rosinen erwarte oder dass es unentwegt prickelt.

Kinder und Karriere sind vereinbar. Für Väter und Mütter. Wenn sie es wollen und bereit sind, glücklich zu sein. Im Gegenteil: Gerade wenn wir Karriere machen, wird es ja einfacher. Ohne Karriere hätte die Wohn- und Einkommenssituation nie zugelassen, dass wir ein Au Pair haben. Oder Pferde.

Und heute reiten alle vier Kinder.